Ent-Täuschung ist eines der sieben Schlüsselelemente im Wheel of Transformation, das die grundlegenden Faktoren von Transformationsprozessen sichtbar und zugänglich macht. Die einzelnen Elemente bilden dabei keine klar voneinander getrennten Segmente oder isolierte Phasen, sondern treten typischerweise parallel und nichtlinear auf. Wie die Arbeit mit den Transformationselementen praktisch funktioniert, beschreibt die Publikation „Future:Transformation“.
Im Element der Ent-Täuschung offenbaren sich Diskrepanzen zwischen den inneren (Zukunfts-)Erwartungen und den beobachtbaren Phänomenen unserer Umwelt (oder den Erwartungen an uns selbst). Das Ist passt nicht länger zum Soll, die subjektive Erwartung deckt sich nicht mehr mit der objektiven Realität. Ent-Täuschungen sind oft schmerzhaft, sie eröffnen aber auch die Chance, blinde Flecken zu erkennen – und längst notwendige Veränderungen einzuleiten.
Die Ent-Täuschung tritt oft in Form eines Realitätsschocks auf, begleitet von Gefühlen wie Schmerz oder Scham angesichts der Erkenntnis, einer Illusion aufgesessen zu sein. In dieser Situation müssen sich Individuen, Organisationen und auch ganze Gesellschaften eingestehen, dass bisherige Annahmen nicht mehr gültig sind. Zugleich steckt im Kontrollverlust aber auch das Potenzial, einen wesentlichen Impuls für Entwicklung zu schaffen.
Um die neuen Perspektiven und Impulse, die ein Kontrollverlust freisetzt, produktiv annehmen und nutzen zu können, braucht es die Fähigkeit der Impulsoffenheit. Auf organisationaler Ebene fördert Impulsoffenheit Kreativität und Neugierde sowie den Austausch über Emotionen. Systeme, die offen und empfänglich für Impulse sind, erkennen auch, dass sie nonkonformistisch sein können.
Die Ent-Täuschung bildet nicht selten den Ausgangspunkt von Transformationen. Sie kann aber auch im weiteren Verlauf von Transformationsprozessen immer wieder auftreten, etwa wenn Geplantes nicht so funktioniert wie erhofft oder wenn erwartete Veränderungen und Erfolge nicht oder nicht schnell genug eintreten. Das Potenzial und damit die Relevanz dieses Prozesselements besteht in der Refokussierung und in der Willensbildung zu einer Veränderung.
Ohne Ent-Täuschung keine neue Zielbildung.

Transformation ist das Thema unserer Zeit – und zugleich so voraussetzungsreich wie nie zuvor. Wie kann systemischer Wandel in der nächsten Gesellschaft gelingen? Ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Future:Transformation“.
27. Juni 2024
Im 21. Jahrhundert befindet sich die Weltgesellschaft im größten Umbruch seit der Industrialisierung. Der Übergang in die „nächste“, vernetzte Gesellschaft, sowie die große Transformation von der fossilen zur postfossilen Gesellschaft sind in Ausmaß und Intensität vergleichbar mit den beiden früheren fundamentalen Transformationsprozessen der Menschheitsgeschichte: der Neolithischen Revolution, die Ackerbau und Viehzucht weltweit verbreitete, und der Industriellen Revolution, die den Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft markierte.
Allerdings ist der Epochenwandel unserer Zeit auch ein historisches Novum. Resultierten die vorigen Umbrüche jeweils aus einem allmählichen evolutionären Wandel, angetrieben durch neue technologische und ökonomische Möglichkeiten, herrscht heute ein akuter Veränderungsdruck. Die Vielzahl globaler systemischer Krisenphänomene, allen voran die Klimakrise, führt in eine „Omnikrise“. Sie macht klar, dass wir die Aufgabe haben, einen fundamentalen Systemwandel zu gestalten. Deshalb ist Transformation das Thema unserer Zeit.
Zugleich sind die Startbedingungen für das Angehen dieser systemrelevanten Veränderungen heute komplexer als je zuvor. Denn die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts steht geradezu sinnbildlich für Unplanbarkeit: Die alten Vorstellungen von Eindeutigkeit und Steuerbarkeit, die noch bis ins späte 20. Jahrhundert galten, werden unter vernetzten Vorzeichen obsolet. Langfristig stabile oder verlässlich berechenbare Strukturen lösen sich auf. Die Netzwerkgesellschaft ist im Kern volatil und unsicher.

Die zentralen Zukunftsfragen lauten daher: Wie ist Transformation unter hochgradig komplexen und vernetzten Bedingungen überhaupt möglich? Und wie können wir (wieder) zu aktiven Gestalter:innen der Zukunft werden, anstatt Veränderung passiv zu erdulden oder uns reaktiv an den Wandel anzupassen?
Auch – oder sogar: gerade – unter digitalisierten Vorzeichen gilt: Transformation lebt im Kern von der Aktivierung menschlicher Vorstellungskraft. Das zentrale Tool für Transformation sind deshalb nicht Daten – denn sie können stets nur aussagen, was in Bezug auf bestimmte Parameter passieren wird. Dieses lineare Denken hilft nicht weiter, wenn es darum geht, neue Perspektiven zu eröffnen auf das, was Menschen bewirken können. Erst die Kraft der Imagination lässt Wandel zur Befreiung werden. Entscheidend für den Willen zur Veränderung, für die Lust auf Transformation, ist der Glaube an die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Und die praktische Erfahrung von Veränderung – nicht als passives Adaptieren, sondern als aktives Kreieren.
Transformation geschieht deshalb immer menschengeleitet, in Form einer erhöhten Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit. Und: nie zentral gesteuert und top-down, sondern „verstreut“. Um transformative Kräfte zu entfalten, braucht es deshalb vor allem wirksame Motive und Anregungen zum Verlassen des Status quo. Die Transformabilität (transform ability) eines Systems wird also nicht von effizient gestalteten Strukturen und Technologien bestimmt. Sondern: von richtungsweisenden Begründungen, mit denen Menschen Technologien und Institutionen kreieren, erzählen, verbreiten.
Insgesamt erfordert die Komplexität heutiger Krisen nicht weniger als einen Paradigmenwechsel in unserem Transformationsverständnis: weg von einem Denken in linearen Phasen, das im Kern noch immer der alten „Change“-Idee verhaftet ist, hin zu einem komplexeren, evolutionären Zugang, der Transformation als fortwährendes Erschaffen und Etablieren systemrelevanter Elemente und Zusammenhänge begreift.
Eine Theorie der Transformation kann nur dann zukunftsweisend sein, wenn sie Veränderung als nichtlinearen Verlauf versteht, in dem der Auf- und Ausbau des Neuen stets parallel zum Bewahren und Verabschieden des Alten entwickelt wird. Wandel ist also immer ein Lernprozess, der auch das Ver-lernen beinhaltet: das Verabschieden von Denk- und Handlungsweisen, die sich nicht (mehr) bewähren. In diesem Sinne ist transformatives Lernen immer Erfahrungslernen. Es folgt keinem vermeintlich perfekten Plan, sondern oszilliert permanent zwischen Noch-nicht-ganz-Verstehen, Etwas-besser-Verstehen und Weiter-Probieren.
Die Grundlage für dieses dynamisch-nichtlineare Verständnis von Veränderung ist ein Transformation Mindset, das Wandel als Konstante betrachtet – und immer auch als Chance. Diese Perspektive prägt auch das Transformationsmodell des Future:Project, das Wheel of Transformation.

Welchen Beitrag leistet die transformative Zukunftsforschung zum Gelingen systemischer Wandlungsprozesse? Ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Future:Transformation“.
„Die Aufgabe besteht nicht so sehr darin, die Zukunft besser zu definieren, sondern vielmehr darin, die Zukunft auf einer gewissen Ebene zu ‚entdefinieren‘, sie zu hinterfragen.“
– Sohail Inayatullah, Zukunftsforscher
Je mehr die globalen Umbrüche im Übergang zur nächsten Gesellschaft neue Konflikte, Komplexitäten und Verunsicherungen erzeugen, umso mehr verlieren auch die klassischen Formen der Zukunftsforschung an Aussagekraft und Praxisrelevanz. Das betrifft sowohl die „Voraussage“ der traditionellen Prognostik als auch die Analyse sehr langfristiger Trendbewegungen durch die Megatrend-Forschung. Immer wichtiger wird dagegen ein Verständnis der großen Transformationen unserer Zeit. Und: die aktive Mitgestaltung konstruktiver Zukünfte durch die Imaginierung und Öffnung neuer Möglichkeitsräume.
Transformative Zukunftsforschung füllt diese Lücke auf dreierlei Weise. Zum einen, indem sie vorhandene Zukunftsnarrative kritisch reflektiert und dekonstruiert. Welche Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Annahmen über die Zukunft prägen das Hier und Jetzt – wer profitiert davon (und wer nicht)? Zum anderen, indem sie auf Basis gegenwärtiger Wandlungsdynamiken alternative Zukunftsbilder erstrebenswerter Zukünfte schafft: konstruktive Szenarien, die den Raum möglicher Zukünfte bewusst machen und erweitern. Und schließlich, indem sie den Fokus konsequent auf die praktische Umsetzung legt: Transformative Zukunftsforschung zielt auf Wirksamkeit.

Mit dem Fokus auf das Ermöglichen und Vorantreiben von Veränderung geht transformative Zukunftsforschung weit über traditionelle Ansätze der Zukunftsforschung hinaus, die sich auf das Abbilden von Trends oder Megatrends beschränken. Ziel ist es vielmehr, die Debatte über Zukunft neu zu gestalten. Weg von sicherheitsorientierter Bewahrung, hin zu möglichkeitsoffener Erneuerung. Und: Menschen und Organisationen dazu zu inspirieren, für eine bessere Zukunft zu handeln. Nicht im Sinne eines Tunnelblicks auf „die eine“ gewünschte Zukunft, sondern durch das Aufzeigen vielfältiger neuer Wege in mögliche Zukünfte, die immer nur gemeinsam gestaltet werden können.
Zukunft entsteht nicht von selbst. Sie wird gemeinsam geschaffen, durch unsere alltäglichen Entscheidungen und Handlungen. Transformative Zukunftsforschung liefert dabei klare Orientierungspunkte für Menschen und Organisationen, um langfristig zu denken und zu handeln. Die Leitfragen lauten:
Gleichzeitig legt diese klare Positionierung einen blinden Fleck der Wissenschaft offen: Jede Form von Forschung bezieht immer Stellung, schon durch Auswahl und Formulierung von Themen. Das gilt auch für die Zukunftsforschung. Es gibt keine „objektiven“ Trendberichte. Transformative Zukunftsforschung versucht diesen Umstand nicht zu verdecken, sondern geht offen mit getroffenen Entscheidungen und Perspektiven um.
Herkömmliche Zukunftsforschung fokussiert vor allem auf das, was schon da ist und auf das wir reagieren „müssen“. Häufig werden für die Erstellung dieser linearen Zukunftsszenarien auch bereits vorhandene Daten und Variablen verwendet, die in die Zukunft extrapoliert werden. Transformative Zukunftsforschung setzt dagegen bewusst auf die Kraft der Kreativität, um neue Möglichkeiten zu imaginieren und Alternativen auszuloten – ausgehend von der Grundannahme, dass erst die Vorstellung integrativer Alternativen eine bessere Vorbereitung auf die Zukunft ermöglicht.
Dies beschreibt auch der Begriff des „Futuring“. Erst die Beschäftigung mit Zukünften, die nicht nur wahrscheinlich, sondern auch im erweiterten Denkrahmen für möglich, unmöglich oder auch noch völlig undenkbar gehalten werden, zeigt Richtungen und Kriterien des Wandels auf – und mobilisiert dann auch für eine Erkundung und Annäherung an wünschenswerte Zukünfte. So öffnet transformative Zukunftsforschung den Weg für die Imaginierung und Formulierung erstrebenswerter Zukünfte – und für die Vermittlung von handlungsorientiertem Wissen über den Wandel hin zu einer gerechten, nachhaltigen und inspirierenden Zukunft.
Transformative Zukunftsforschung vollzieht dabei einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Trends. Die zentrale Frage lautet nicht (mehr): An welche Trends müssen wir uns anpassen? Sondern: Wie lassen sich bestimmte Trends nutzen, was lässt sich mit ihnen bewirken, um gewünschte Zukünfte konkret anzugehen? Wie können wir konstruktive Zukünfte aktiv mitgestalten? Dies verdeutlicht sowohl der Leitsatz des Future:Project – „beyond trends“ – als auch die transformative Trendsystematik Future:System: Es geht darum, Trendwissen nicht um seiner selbst willen zu nutzen, sondern im Kontext transformativer Wandlungsdynamiken, die zu konstruktiven Zukünften führen.
Die Voraussetzung dafür ist ein gemeinsames Verständnis der gegenwärtigen Wandlungsdynamiken: Was hat sich bereits verändert. Was verändert sich gerade jetzt? Wie sind diese Veränderungen miteinander verknüpft? Was verhindert den Wandel, was ermöglicht ihn, was treibt ihn voran? So wie das Future:System hilft auch das Wheel of Transformation, das zukunftsorientierte Denken und Handeln von Menschen und Organisationen zu stärken. Dieses Anliegen steht im Zentrum der transformativen Zukunftsforschung: Es geht darum, den Kreis der Zukunftsgestaltenden zu erweitern – um dazu einzuladen, aktiv teilzuhaben an der Umsetzung lebenswerter Zukünfte.

Die kombinierte Anwendung des Wheel of Transformation mit der transformativen Trendsystematik Future:System hilft, Transformationsprozesse ganzheitlich zu gestalten. Beide Modelle ergänzen sich dabei komplementär.
Das Wheel of Transformation ermöglicht eine Innenschau auf die eigenen transformativen Fähigkeiten und Möglichkeiten: Damit können Sie analyisieren, welche Erfahrungen innerhalb Ihrer Organisation erwartbar sind, welche Transformationskompetenzen Sie trainieren sollten – und welche Potenziale sich daraus ergeben.

Das Future:System ermöglicht eine Außenschau auf die großen gesellschaftlichen Transformationsprozesse unserer Zeit: Mit der systematischen Analyse gegenwärtiger Trendbewegungen können Sie relevante Transformationen und damit verbundene Subtrends für Ihre Organisation identifizieren.

Das Future:System zeigt konkrete Gestaltungsspielräume und Handlungsoptionen auf und verweist auf bereits bestehende Lösungsansätze. Damit erweitert es die introspektive Analyse der sieben Transformationselemente und -kompetenzen um eine außenorientierte Perspektive – und zeigt praktische Bezugspunkte für die Gestaltung lebenswerter Zukünfte auf.
Erst die Kombination dieser beiden Perspektiven komplettiert das Transformation Mindset und ermöglicht eine transformative und trendbasierte Potenzialanalyse. Auf verschiedenen Ebenen können Lösungsansätze und Handlungsspielräume identifiziert sowie erforderliche Strategien und Maßnahmen für die organisationale Umsetzung entwickelt werden.
Die Ausrichtung auf lebenswerte Zukünfte und die sieben Transformationselemente sind der rote Faden, der beide Modelle verbindet. Wie die einzelnen Elemente helfen, die sechs großen Transformationen unserer Zeit zu verstehen und zu analysieren, wird in der Publikation “Future:Transformation” ausführlich beschrieben.
Ein Auszug aus dem focus:book „Raum – Räume transformieren, Zukunft gestalten“
von Nina Pfuderer und Jonas Höhn
29. Mai 2024
Wie können wir Räume transformieren und Zukunft gestalten? Transformationspfade sind oft unterschiedlich und abhängig von lokalen Gegebenheiten und Bedingungen. Doch es gibt einige Gemeinsamkeiten, die wir in fünf Transformationsprinzipien zusammengefasst haben. Diese Prinzipien sind die Voraussetzung für eine gelingende Transformation im Raum und lassen sich auf verschiedene Businessmodelle, Problemstellungen und Branchen übertragen.
Oft hängen Anforderungen, Bedürfnisse und Lösungsansätze einzelner Branchen miteinander zusammen und können sich gegenseitig befruchten. Deshalb wird eine branchenübergreifende Betrachtung von Transformationsdynamiken immer wichtiger. Konkrete Handlungspotenziale sind zwar innerhalb einzelner Branchen realisierbar – ihre volle Transformationskraft entfalten sie aber erst im Zusammenspiel verschiedener Akteur:innen aus unterschiedlichen Sektoren.
Diese fünf Transformationsprinzipien dienen zur Inspiration und können die Gestaltung von zukunftsfähigen Räumen vor Ort unterstützen:
Transformationsräume lassen sich am besten gemeinschaftlich gestalten. Ob Räume mit einer gemeinwohlorientierten, kollaborativen Planung entwickelt werden oder über kollektive, selbstverwaltete Bottom-up-Ansätze: Gemeinschaftliche und inklusive Gestaltungskonzepte können neue Nutzungspotenziale schaffen, wenn die Menschen vor Ort Beziehungen in ihrem räumlichen Umfeld aufbauen. Dabei ist es besonders wichtig, dass die sozialen und emotionalen Bedürfnisse der Menschen im Raum berücksichtigt und Angebote geschaffen werden, am Transformationsprozess zu partizipieren.
In einer sich stetig wandelnden Welt ist Adaptivität als räumliches Transformationsprinzip fundamental. Von Nachverdichtungen über clevere Anpassungen an den Klimawandel bis hin zur effektiven Umnutzung nicht mehr benötigter Räume ergeben sich zahlreiche Chancen für Neuausrichtung und Veränderung.
Nachhaltigkeit ist nicht nur in ihrer ökologischen Dimension bedeutsam, sondern auch in Bezug auf die Langlebigkeit und Haltbarkeit von Raumtransformationen. Beides spielt vor allem im Bauwesen und in der Mobilitätsbranche eine wichtige Rolle: Weder der Wandel zu nachhaltigeren Bauweisen noch die Mobilitätswende können gelingen, wenn sie nicht langfristig geplant sind.
Räumliche Transformation kann nur bewältigt werden, wenn Menschen spüren, dass sie mit ihrem Handeln etwas erreichen können. Dies zeigt sich in selbstregulierten Umgestaltungen dysfunktionaler Räume genauso wie in experimentellen Formen der Raumgestaltung oder in Reallaboren. Nur wenn sich Individuen, Gruppen oder Organisationen verantwortlich für „ihren“ Raum fühlen und eine Verbindung zu ihrem räumlichen Umfeld aufbauen, kann Selbstwirksamkeit entstehen.
Transformationsräume sind geprägt durch dynamische Prozesse der Ver- und Entnetzung. Ein reflektierter Umgang mit den komplexen Interdependenzen im Raum eröffnet kreative Gestaltungspotenziale – von flexibleren Mobilitätsformen und resilienten Lieferketten bis hin zur Erweiterung des Raums ins Virtuelle. Zudem ermöglicht die Vernetzung unterschiedlicher Akteur:innen eine transdisziplinäre Zusammenarbeit, die eine ganzheitlichere Betrachtung von Transformationsprozessen erzeugt.
Die wichtigsten Treiber räumlicher Transformationen sind die Menschen vor Ort – denn Lebensräume sind immer geprägt durch alltägliche Handlungen und die permanente Aushandlung verschiedener Interessen und Bedürfnisse.
Weltweit gibt es bereits viele Akteur:innen, individuell wie kollektiv, die diese Prinzipien in ihre Arbeit integriert haben, um Räume zu transformieren. Von Bottom-up-Bewegungen mit sozial-solidarischem Charakter, künstlerischen Initiativen und Co-Working Spaces über gemeinschaftliche Formen der Verwaltung und der Gestaltung von Wohnraum bis hin zu Rewilding-Projekten, dezentralisierten Formen der Daseinsvorsorge und Reallaboren zum Ausprobieren transformativer Konzepte: Der Transforming Space wird bereits von zahlreichen Akteur:innen eingenommen.
„Urbane Transformation ist zu einem kooperativen Gestaltungsprozess geworden“ (vgl. Schneidewind 2023). Nun geht es darum, die verschiedenen Perspektiven und Kräfte zu vereinen, um gemeinsam Räume zu transformieren und Zukunft zu gestalten.

Ein Auszug aus dem focus:book „Raum – Räume transformieren, Zukunft gestalten“
von Nina Pfuderer und Jonas Höhn
29. Mai 2024
Raum wird heute oft durch Mangel charakterisiert. Mangel an Wohnraum, Grünraum und Erholungsraum. Fehlender Raum für Industrie, Landwirtschaft oder für (Energie-)Produktion. Raum ist rar und dadurch kostbar. Er muss geschützt – und vor allem neu verhandelt werden.
In unserem Alltag sind wir häufig von monofunktionalen Räumen umgeben. Diese verfolgen einen einzigen Zweck und erzeugen Flächenkonkurrenz: Wohnen und Arbeiten, Landwirtschaft und Energieerzeugung, Parkflächen und Fahrradwege. Der daraus resultierende Wettbewerbs- und Konkurrenzdruck zwischen verschiedenen Bedürfnissen und Funktionen im Raum manifestiert sich in drängenden Herausforderungen unserer Zeit. In leer stehenden Bürogebäuden, die dem gravierenden Wohnungsmangel gegenüberstehen, unbelebten Einkaufsstraßen, überholten Mobilitätsinfrastrukturen, fehlenden Begegnungs- und Erholungsräumen oder überfüllten Straßen und Parkplätzen.
Obwohl sich viele dieser Probleme wechselseitig beeinflussen und sich an ganz unterschiedlichen Orten beobachten lassen, werden sie nur selten ganzheitlich analysiert und bearbeitet. Übergestülpte Raumkonzepte, die weder die Zusammenhänge der Probleme noch ihre glokalen Ursachen und Ausprägungen ernsthaft in den Blick nehmen, liefern daher immer weniger Antworten auf die tatsächlichen Bedürfnisse von Menschen und deren Lebensrealitäten.
Im Raum zeigen sich jedoch nicht nur gesellschaftliche Herausforderungen der Gegenwart. In bestimmten Räumen lassen sich bereits räumliche Manifestationen lebenswerter Zukünfte beobachten, die die transformierten menschlichen Bedürfnisse wieder in den Vordergrund rücken. Diese Entwicklungen zeigen sich in Projekten zur gemeinwohlorientierten Raumplanung, in ganzheitlichen Mobilitätskonzepten, urbanen Gärten, nachhaltiger Architektur oder neuen Gesundheitsinfrastrukturen im Raum. Als Transforming Spaces nehmen diese Beispiele eine wichtige Doppelrolle ein: Sie bilden nicht nur Transformationsdynamiken räumlich ab (Räume der Transformation), sondern treiben den gesellschaftlichen Wandel selbst aktiv voran (transformative Räume).
In unserem focus:book „Raum – Räume transformieren, Zukunft gestalten“ untersuchen Expert:innen aus verschiedensten Branchen das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Transformationsprozessen und unseren Lebensräumen. Dabei blicken sie auf jene Eigenschaften, die solche „Transforming Spaces“ ausmachen. Das Buch stellt vier Raumkonzepte vor, die jeweils diese spezifischen Eigenschaften verkörpern.
beschreiben neue Verständnisse von Lebensqualität, Wachstum und Mensch-Umwelt-Beziehungen, die sich in kreativen Formen der Ver- und Entnetzung von Räumen ausdrücken. In zirkulären, dezentralen und regenerativen Systemen, die eine hohe Anpassungsfähigkeit und Resilienz auszeichnen, zeigen sich schon heute produktive, effektive und sinnvolle Gestaltungsmöglichkeiten dieser adaptiven Räume.
nehmen menschliche Beziehungen in den Blick und zielen auf ein besseres soziales Miteinander ab. In diesen Räumen sollen Mobilitäts-, Wohn- und Erholungsbedürfnisse möglichst aller Menschen im Raum erfüllt werden. Formen der gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung, Grünraumkonzepte und inklusive Gesundheitsinfrastrukturen sind dabei ebenso wichtig wie die Akteur:innen und Bewohner:innen selbst.
erweitern eingeschränkte Perspektiven auf Raum, indem sie diesen mehrdimensional und multifunktional verstehen. Statt sich in blockierenden Nutzungskonflikten zu verlieren, betont diese Perspektive auf Raum die vielfachen Misch- und Vielfachnutzungen, die sich in den räumlichen Dimensionen und auch im virtuellen Raum eröffnen.
sind jene Räume, die durch den tiefgreifenden Wandel von Gesellschafts- und Wirtschaftsmodellen ihre zugedachten Funktionen verlieren. Statt diese Räume der Verwahrlosung zu überlassen, sucht dieses Raumkonzept nach neuen Anforderungen und Ideen, um obsolete Orte wieder in lebendige Räume zu transformieren.
Die Eigenschaften dieser vier Raumkonzepte können sich überlagern, gegenseitig ergänzen oder sogar konstruktiv verstärken. Gemeinsam zeigen die vielen Beispiele und Perspektiven, welche konstruktiven Transformationspfade schon heute in der Stadt wie auch auf dem Land exploriert werden. Branchenübergreifend und aus einer ganzheitlichen Perspektive zeigen sie die zahlreichen Gestaltungsmöglichkeiten von Zukunftsräumen auf.
Nutzen wir diese Denkanstöße und werfen einen fokussierten Blick auf die vielfältigen Transformationsräume und die Zukunft unserer Lebensräume!

Wir stecken mitten in der Krise, sogar in der Omnikrise: das heißt, die verschiedenen Krisen unserer Zeit überlappen und verbinden sich zu einem komplexen, unübersichtlichen Geflecht. Anders gesagt: Das System krankt im Ganzen. Der Grund dafür ist ein Epochenwandel: Wir befinden uns als Gesellschaft in der unangenehmen Übergangsphase zwischen zwei Zeitaltern.
von Lena Papasabbas
23. April 2024
Das alte Normal löst sich auf, und das neue Normal ist nur eine leise Vorahnung am Horizont. Zu viel Wandel auf einmal wirkt lähmend. Deshalb fühlen sich so viele Menschen gerade so unheimlich erschöpft. Wir befinden uns in einem kollektiven Veränderungs-Burnout. Rückzug und Nostalgie wirken attraktiv, als Ausweg, sich einfach von der anstrengenden Welt abzuwenden. Doch um den Wandel in unserem Sinne zu steuern und zu gestalten, brauchen wir eigentlich genau das Gegenteil: Menschen, die sich der Zukunft proaktiv zuwenden.
Um der überbordenden Komplexität der Welt wieder etwas abgewinnen zu können, hilft es, die Krisen als Möglichkeiten zu begreifen: als ein Aufbrechen alter Strukturen, das uns die Chance gibt, neu zu denken und zu handeln. Ebenso wichtig ist der Glaube daran, dass die neue Realität eine bessere sein könnte, als wir es uns aktuell vorstellen können.
Dafür ist es essentiell, die Pfade in eine bessere Zukunft zu sehen, die es heute schon gibt und die sich zu beschreiten lohnen. In unserer Metastudie „Die Omnikrise“ haben wir sechs dieser möglichen Pfade aus der Krise beschrieben. Hier fassen wir sie in sechs Denkanstößen zusammen, die helfen, unsere Köpfe zu öffnen – indem sie aufzeigen, welche konstruktiven Meta-Lösungen uns in eine bessere Gesellschaft führen könnten.
Ein Riesenproblem unserer Wirtschaft, Arbeitswelt und Kultur ist das Wachstumsparadigma. Um das ständige Streben nach Mehr loszulassen, ist es eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, Wohlstand umzudeuten: Statt materielle Statussymbole anzuhäufen und vom nächsten Bali-Urlaub zu träumen, während man voll im Hamsterrad steckt, muss Wohlstand umdefiniert werden. Zeitwohlstand lautet das Zauberwort: Weniger Arbeit, weniger Konsum und dafür mehr Lebensqualität und Zeit für das, was wirklich zählt.
Progressive Konzepte wie das bedingungslose Grundeinkommen kündigen bereits einen Paradigmenwechsel an. Degrowth und Postgrowth-Unternehmen experimentieren schon mit Business-Modellen, die nicht (nur) Profitmaximierung zum Ziel haben. Manche Staaten lösen sich auch vom Bruttoinlandsprodukt als alleinigem Wohlstandsindikator – Bhutan rückt beispielsweise das Wachstum von Glück in der Bevölkerung in den Fokus. Auch im Alltag lassen sich immer mehr minimalistische Lebensstile und Entschleunigungstendenzen beobachten. Viele mutige Ideen sind bereits vorhanden. Es lohnt sich, sie ernst zu nehmen: Eine neue Definition von Wohlstand könnte mehr Lebensqualität für alle bedeuten.
Die Krise der Demokratie kann nur überwunden werden, wenn wir die Erwartungs- und Forderungshaltung gegenüber der Politik loslassen und uns wieder als aktiven Teil des demokratischen Geschehens verstehen.
Aktuell ähnelt die Haltung vieler Menschen gegenüber den Politiker:innen der von Konsumierenden: An die Politik werden Forderungen gestellt, sie muss liefern und man selbst ist Nutznießer:in – oder eben nicht. Konsumierende haben ein völlig anderes Mindset als Bürgerinnen und Bürger, die sich als Teilhabende der Gesellschaft verstehen, Verantwortung tragen für das Gemeinwesen und ihren Teil zum Gemeinwohl beitragen wollen.
Um wieder mehr Menschen dazu zu bewegen, sich selbst als Teil einer lebendigen Demokratie zu verstehen, brauchen wir einen Bewusstseinswandel im politischen System: die Erkenntnis, dass soziale Kräfte nur dann freigesetzt werden können, wenn entsprechende Handlungsspielräume bestehen, innerhalb derer sich bürgerliches Engagement überhaupt entfalten kann. Zentral sind Räume der Teilhabe, die mehr Bürgerbeteiligung und Austausch ermöglichen. Volksbegehren oder Bürgerräte können hier ein Hebel sein, aber auch die Wiederentdeckung von Losdemokratie birgt viel Potenzial für eine Wiederbelebung der Bürger:innen-Demokratie.
Die kollektive kognitive Leistung in Richtung einer besseren, einer wohlwollenden und toleranten Gesellschaft besteht darin, das Denken in Nullsummenspielen zu verlernen. Also das Denkmuster „Was ich bekomme, wird jemand anderem genommen” und umgekehrt. „Wenn ein Mensch reicher wird, muss ein anderer ärmer werden.“ „Wenn Geflüchtete gut versorgt werden, geht das auf Kosten der Einheimischen.“ „Wenn die Kollegin eine Gehaltserhöhung erhält, bleibt für mich weniger übrig.”…
Diese Denkmuster haben ihren Ursprung im Wettbewerbsprinzip des Kapitalismus und sind dementsprechend weit verbreitet – doch sie schaden dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denn das Nullsummen-Denken erodiert eine europäische Kultur, in der eigentlich humanistische Werte dominieren (sollten) – und bildet den kognitiven Nährboden für Nationalismus, Populismus und rechte Gewalt.
Statt in Nullsummenspielen können wir aber trainieren, wieder in Plussummenspielen zu denken. Plussummenspiele erzeugen Fortschritt, indem dem bereits Vorhandenen ein „Bonus“, ein „reales Plus“ hinzugefügt wird. Wenn Nationen, Firmen oder Menschen miteinander handeln, kann – sofern ein fairer Markt existiert – eine wechselseitige Gewinnsituation entstehen. Wenn Menschen eine Familie bilden, entsteht ein reproduktiver Überschuss. Fortschritt entsteht durch gelungene Kooperationen.
Die schlechte Nachricht: Die Künstliche Intelligenz wird uns nicht alle retten. Die gute Nachricht: Wir haben bereits alle Technologien, die wir brauchen, um viele große Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.
Ein Beispiel: Die Verkehrswende braucht keine weitere technologische Innovation, keine Flugtaxis, keine Smart Cities, keine autonomen Autos. Alles was wir brauchen, um die Städte wieder lebenswerter und nachhaltiger zu gestalten, sind soziale Innovationen. Weg vom Auto als Statussymbol, hin zum Prinzip „Nutzen statt Besitzen“. Weniger Produktion von Vehikeln, mehr Mobility as a Service. Mit Öffis, Fahrrädern, E-Bikes, ein paar Elektroautos und der digitalen Infrastruktur ist bereits alles vorhanden, was nötig ist, um urbane Räume umzugestalten.
Zentral ist die Aufgabe, neue Kulturtechniken einzuüben, neue Wertesysteme zu etablieren und in der Stadtplanung konsequent an einer menschen- statt autogerechten Stadt zu arbeiten.
Wir haben uns als Gesellschaft einen regelrechten Innovationsfetisch angeeignet, der für jedes Problem eine Lösung in der Technologie sucht. Wir müssen weg von diesem blinden Innovationismus, der auf Technologie als Allheilmittel setzt und hin zu einem Fokus auf kultureller Evolution. Denn ein Großteil der Strukturen,Technologien und Rahmenbedingungen für soziale Innovationen, die uns in eine bessere Zukunft führen können, sind bereits vorhanden.
Glokalität statt Globalisierung: Dieses scheinbar triviale Prinzip des Re-Integrierens von lokalen Ressourcen, Expertisen, Strukturen in globalisierte Systeme kann uns eine Menge Probleme vom Hals schaffen, die die entartete Globalisierung hervorgebracht hat. Die Krise traditioneller Lieferketten hat uns die Verletzlichkeit weltweit verzweigter Lieferkettensysteme vor Augen geführt, die wie Lebensadern globalisierter Gesellschaften fungieren.
Das Prinzip der Glokalisierung beschreibt ein notwendiges Umdenken: Wertschöpfung und Profitmaximierung dürfen nicht mehr die alleinigen Richtwerte von internationalen Produktionsnetzwerken sein, die in erster Linie die Versorgung der Gesellschaft mit notwendigen Gütern sicherstellen sollen. Faktoren wie Resilienz, Qualität und Nachhaltigkeit müssen in Zukunft gleichberechtigte Ziele dieser Prozessen sein – indem sie das Lokale wieder aufwerten.
Das funktioniert, indem regionale Handelsbeziehungen wieder zu wichtigen Bestandteilen von Produktionsnetzwerken werden, die ebenso für Stabilität und Sicherheit sorgen wie vergrößerte Materialreserven. Lokale Rohstoffalternativen können den globalen Handel ergänzen und durch Diversifizierung starke Abhängigkeiten reduzieren. Egal, ob es um Strom, Lebensmittel oder Möbel geht: Das Prinzip der Glokalisierung bindet überall dort, wo es Sinn macht, wieder lokale Produzenten, Ressourcen und Netzwerke ein.
Die Aussicht auf die ökologische Katastrophe als neue bedrohliche Mega-Erzählung schwebt aktuell über allem menschlichen Tun. In diesem Narrativ ist der Mensch nur noch ein Schädling, der die Umwelt und damit die eigene Lebensgrundlage zerstört. Die Horrorszenarien von aussterbenden Arten, Kriegen um verbleibende Ressourcen, überschwemmten Städten, gigantischen Flüchtlingsströmen und Naturkatastrophen kennt inzwischen jedes Kind – positive Zukunftsbilder einer lebenswerten Zukunft dagegen sucht man vergebens.
In der Omnikrise ist es schwerer geworden, an die gute Zukunft zu glauben. Medien versorgen uns im Sekundentakt mit neuen Negativschlagzeilen. Dabei birgt gerade die Zukunftserzählung eines besseren Verhältnisses von Mensch und Umwelt das Potenzial eines neuen Super-Narrativs. Erst eine überzeugende Vision einer positiv aufgeladenen ökologischen Zukunft, die sozial gerecht ist und hohe Lebensqualität für alle bedeutet, mobilisiert und motiviert, die vielen kleinen und großen Schritte anzugehen, die uns in diese Zukunft bringen könnten.
Diese Vision darf allerdings kein „Zurück“ in ein vermeintlich harmonisches Gestern bedeuten, in dem wir alle in Lehmhütten leben und unser eigenes Gemüse anbauen. Was wir brauchen ist eine kreative Rekombination von vorhandenen technologischen, sozialen und naturwissenschaftlichen Ressourcen zugunsten eines ganzheitlich-systemischen Wandels.
Eine sozial gerechte und ökologisch verträgliche Zukunft ist ein global geteiltes Anliegen, das uns als Gesellschaft einen neuen Richtungssinn, ein Zukunftsbild geben kann – und uns dadurch handlungsfähig macht.
Um die gute Zukunft wieder spürbarer und sichtbarer zu machen, ist es nützlich, bereits vorhandene Transformationen zu erkennen, die in eine nächste, bessere Gesellschaft führen können. Im Future:Project haben wir uns der transformativen Zukunftsforschung verschrieben, die genau diese konstruktive Entwicklung fördert – indem sie wünschenswerte Zukünfte systematisch beschreibt und greifbar macht.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Heimischer Hafer statt Kokosnuss und Keto: Wie der Wandel der Ernährungsbranche die großen Transformationen unserer Zeit spiegelt.
Ein Gastbeitrag von Corinna Mühlhausen
04. März 2024
„Normal? Oder mit Fleisch?“ Der „Burger King“-Slogan bringt auf den Punkt, wie stark die pflanzenbasierte Ernährungsweise bereits in den Mainstream diffundiert ist. Dass fleischfreie und fleischarme Ernährung zur neuen Normalität geworden sind, belegen auch die Zahlen des aktuellen Ernährungsreports des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft: Nur noch 20 Prozent der Bundesbürger:innen konsumieren täglich Fleisch oder Wurst, mehr als 70 Prozent essen hingegen täglich oder mehrmals täglich Gemüse und Obst, und nur 47 Prozent haben noch niemals ein vegetarisches oder veganes Produkt gekauft – knapp 40 Prozent hingegen schon öfters.
Der schon immer stark innovationsgetriebenen Lebensmittelbranche beschert der Trend zu vegetarischen oder veganen Produkten eine Welle von Neuheiten. Zu den ausgezeichneten Top-Innovationen der letztjährigen Branchenleitmesse „Anuga“ zählen etwa das „knusprige Pilz-Chili“, das „Vegan No Egg White“, eine „Joghurt-Alternative aus Aprikosen-Kernen“ und die garantiert fischfreie „Tu-Nah“-Konserve.
Zugleich ist keine andere Branche so prädestiniert für das dynamische Zusammenspiel von Trends und Gegentrends wie die Ernährungswelt. So setzt sich langsam auch die Erkenntnis durch, dass vielleicht doch nicht alle Ernährungsalternativen so gesund und nachhaltig sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Einige Beispiele:
Bei Milchersatzprodukten schlägt vor allem eine unausgewogene Bilanz von Gesundheit und Umwelt zu Buche. Für den Anbau von Soja wird Regenwald gerodet, die Produktion von Mandeldrinks fördert die Wasserknappheit in Kalifornien, und Milchalternativen auf Reis-Basis müssen um den halben Erdball transportiert werden, bevor sie bei uns auf dem Tisch landen.
Wie aber kann eine alternative gesunde Ernährung der Zukunft aussehen? Und wie kann die transformative Zukunftsforschung dabei helfen, die Entwicklungen früher zu erkennen und besser einzuordnen? Gerade im Bereich der Ernährung ist die Zeit reif für starke Gegentrends, die es schaffen, eine neue Symbiose aus verschiedenen Bedürfnissen zu bilden. Drei große Transformationsbewegungen spielen dabei eine besondere Rolle:
In den nächsten Jahren werden wir erleben, wie sich einige Zielgruppen noch differenzierter mit den Zusammenhängen zwischen der eigenen Gesundheit, unserer Umwelt und den Funktionalitäten der Foodbranche auseinandersetzen – und die Transformationen der Ernährung dadurch aktiv mitgestalten.
Dass die Lebensmittelbranche diesen Wandel selbst engagiert vorantreibt, belegt auch der „Pakt gegen Lebensmittelverschwendung“, den 14 Groß- und Einzelhändler 2023 mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geschlossen haben. Damit verpflichten sich Aldi, Edeka, Lidl und Co., die Zahl der Lebensmittelabfälle bis 2025 um 30 Prozent und bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren. Als konkrete Maßnahme verkauft Rewe bereits in elf Märkten testweise Bio-Waren verpackungsfrei aus Mehrweg-Großbehältern.
Auch der Erfolg des Startups Haferkater passt in diese Zeit der Transformationen. In vielen Supermärkten, in den Bordbistros der Deutschen Bahn und an zwanzig deutschen Bahnhöfen sind die Produkte rund um den Hafer inzwischen erhältlich – etwa als Milchersatz, Mehl oder Haferreis-Bowls. Der Hafer passt perfekt in unsere Zeit: Er stammt aus heimischem Anbau, enthält viel pflanzliches Eiweiß, Ballaststoffe und verschiedene Mineralstoffe, und aufgrund einer speziellen Form von Klebereiweiß ist er auch für viele glutenempfindliche Personen verträglich.
Die Haferkater-Story steht geradezu beispielhaft für die Transformation der gesunden Ernährung – inklusive einer Crowdinvesting-Kampagne, die das Unternehmen langfristig unabhängig von Investorengeldern machen und nachhaltiges Wachstum ermöglichen soll. So resoniert die neue Ernährungswelt auch mit einer weiteren großen Transformation unserer Zeit, dem Wandel hin zu einer sinnorientierten Conscious Economy.
Wie prägen Trends wie Biotech Boom, Green Hightech oder Soil-free Farming die Transformation der Ernährung? Das Future:System, die transformative Trendsystematik des Future:Project, beleuchtet diese und viele weitere Wandlungsprozesse unserer Zeit – und identifiziert dabei konkrete Gestaltungspotenziale für eine lebenswerte Zukunft.

Zentrales Thema der Trend- und Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen sind Gesundheitsmärkte. Ihr Fokus liegt auf Healthstyle, also der Frage: Was bewegt Menschen dazu, sich eigenverantwortlich um Gesundheit und Wohlbefinden zu kümmern, was verstehen sie unter Gesundheit – und welche Werte, Trends und Transformationen treiben die Entwicklungen in Gesundheitsmärkten an?
Die Welt wird immer dunkler und düsterer, die Zukunft der Menschheit ist in Gefahr, eine Krise folgt der anderen und lässt uns im Nebel der Zukunftsdepression zurück … Aber stimmt das wirklich? Warum Krisen immer auch im Kopf stattfinden – und wie Krise und Wandel zusammenhängen.
von Matthias Horx
22. März 2024
Zweifelsohne haben wir es heute mit sich überlagernden Krisenphänomenen zu tun: Krisen der Globalisierung, Krisen der Umwelt, Krisen der Gesellschaft, der Demokratie, der Technologie. Aber die wahre Krise unserer Zeit ist eine Wahrnehmungs- und Kognitionskrise. Die Hypermedialisierung durch Internet und Künstliche Intelligenz führt zu einer kollektiven Hysterisierung von Wahrnehmungsformen, in denen sich auch normale oder harmlose Phänomene gegenseitig aufschaukeln, verselbstständigen und ins Monströse wandern.
All das wird umspielt vom Zerfall eines übergreifenden Zukunftsnarrativs, das die letzten Epoche geprägt hat: der Idee eines kontinuierlichen und linearen Fortschritts. Auf diesem Fortschrittsbild eines „Immer mehr“ basieren unsere kulturellen, politischen, gesellschaftlichen Frames, unsere sozio-mentalen Selbstgewissheiten.
Die Omnikrise ist deshalb vor allem eine Erwartungs- und Enttäuschungskrise. Sie entsteht aus einer kognitiven Dissonanz – zwischen dem, was wir (für die Zukunft) erwartet haben, und dem, wie uns die Welt in ihren realen Phänomenen tatsächlich gegenübertritt.
Die meisten Phänomene, die uns heute in eine apokalyptische Verzweiflungsstimmung bringen, gab es eigentlich immer schon. Mörderische Kriege, Ungerechtigkeiten, Naturzerstörungen und großflächiger, bedrohlicher Wandel sind nichts Neues. Nur: Wir haben es anders erwartet. Das Narrativ des ständigen Fortschritts hat uns Glauben gemacht, alles würde automatisch immer besser. Und alle würden davon profitieren.
Wir sind enttäuscht, dass es nicht so weiterging mit dem Fortschritt, den Wohlstands- und Komfortabilitätsgewinnen. Das war unser Glaube der vergangenen Jahrzehnte. Und wie jeder Glaube wird er irgendwann zum Fanatismus. Der Fanatiker ist so von einer Annahme überzeugt, dass Scheitern unvermeidbar wird.
Es ist schwierig, sich von solchen Erwartungsnarrativen zu verabschieden. Wenn unser Gehirn sich einmal auf ein bestimmtes Zukunftsbild eingelassen hat, seine inneren Strukturen daran adaptiert hat, dann ist es kaum davon abzubringen. Der Expectation Bias, die Erwartungsverzerrung führt dazu, dass wir abweichende Informationen erst lange ignorieren. Und sie dann mit allen Mitteln bekämpfen. Aus Ignoranz wird dann Dissonanz, weil Akzeptanz das Eingeständnis einer kognitiven Niederlage wäre.
Enttäuschungen können zu zweierlei führen:
Krisen zwingen uns – wollen wir nicht in ihnen verkümmern –, unsere Illusionen loszulassen. Das fällt immer schwer, es kann aber auch befreiend wirken: Aus der Zukunft gesehen ist es eine Befreiung aus der Enge falscher Erwartungen, an denen wir kleben wie eine Fliege am Leim. Die Kraft der Krise zu nutzen, als Energie für Wandel, das ist das Geheimnis des Fortschritts. So ist die menschliche Kultur immer vorangeschritten – durch schreckliche Krisen hindurch, hin zu wahrhaft Neuem und Besserem.
Die Renaissance, die Aufklärung, der Beginn des Wohlstands, die Emanzipationen der Gesellschaft. Alles verlief nach dem Schema der „produktiven Desillusionierung”. Die Krise, die uns zeigt, dass es so nicht weitergeht, ist eine Aufforderung und Ermutigung zum Wandel. Wenn wir die Augen auf diese Weise öffnen, sehen wir, dass die Lösungen schon in der Gegenwart latent vorhanden sind. Und dass man die Welt nicht radikal ändern oder untergehen lassen muss. Sondern nur auf kreative Weise neu zusammensetzen. Der Wandel beginnt im Inneren.
Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden.
„Veränderung entsteht nicht durch Wandel, sondern Wandel entsteht durch Veränderung“, formulierte der Soziologe Armin Nassehi. In diesem seltsamen Satz steckt eine nüchterne Erkenntnis: „Change“-Parolen, die man häufig in Unternehmen, politischen Parteien oder öffentlichen Diskursen hört, rechnen nicht mit den Energien von Krisen. Individuen, Systeme, Unternehmen, Gesellschaften ändern sich kaum, wenn alles komfortabel ist. Wandel geschieht eher, wenn wir auf äußere Veränderungen reagieren – sprich: auf Krisen eine Antwort finden.
Die menschliche Grundkompetenz ist nicht stetiger Wandel. Warum auch? Warum sollten wir das Funktionierende nicht beibehalten, das Existierende belassen? Unsere Grundkompetenz ist Adaption. Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden. Wenn wir endlich aufhören, zu jammern und uns ständig darüber zu beschweren, was die Welt uns zumutet.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Wie können wir durch Krisen Zukunft gestalten? Matthias Horx setzte im Webinar zu Omnikrise am 23.05.2024 die aktuellen Krisengeschehnisse rund um Klima-, Migrations- und Energiekrise, Kriege, Pandemien und Artensterben in einen neuen Rahmen und fragte: Welcher rote Faden durchzieht die multiplen Krisen unserer Zeit? Und was passiert „beyond crisis“?
Melden Sie sich jetzt für unseren kostenlosen Future:Letter an, um die Aufzeichnung vom Webinar zu erhalten.

Megatrends wirken als gesamtgesellschaftliche Wandlungsdynamiken auf Organisationen und Unternehmen, sie berühren aber auch die Lebenswelten einzelner Personen. Dabei haben Megatrends eine träge, aber tiefgreifende Eigendynamik, die sich in ihrer Grundrichtung kaum steuern lässt.
Megatrends lassen sich in ihrer Dynamik wenig steuern – und kaum verändern.
Eine enge Definition von Megatrends umfasst nur diejenigen Veränderungen, die sich primär als quantitative Verschiebungen und über lange Zeiträume abbilden lassen. Unter dieser Maßgabe lassen sich sechs große Megatrends festlegen:
Connectivity: zunehmende Vernetzung und Digitalisierung
Climate Change: zunehmende Auswirkungen des Klimawandels
Individualisation: zunehmende Ausdifferenzierung von Lebensweisen
Demographic Shift: zunehmende Alterung und zunehmendes Wachstum der Bevölkerung
Urbanisation: zunehmende Verstädterung
Globalisation: zunehmende transnationale Verflechtungen
Megatrends wirken nie in einem leeren Raum, sondern treffen immer auf komplexe gesellschaftliche Strukturen, kulturelle Wertesysteme und unterschiedliche wirtschaftliche Bedingungen. Auf diese Weise lösen Megatrends in jeder Gesellschaft verschiedene Reaktionen, neue Bedürfnislagen und Folgeveränderungen aus, die völlig eigene, oft auch widersprüchliche Dynamiken entwickeln. Auf diese Veränderungen fokussieren die Transformationen: die großen Wandlungskräfte, die die Gesellschaft von morgen schon heute prägen – und zugleich offen für eine aktive Mitgestaltung sind.
Aus dem Vernetzungsrausch wird kultivierte Digitalität
Die erste Evolutionsstufe der Digitalisierung hat zu Euphorie, Innovation und Fortschritt geführt, aber auch zu Überforderung und destruktiven Folgen in der Gesellschaft. Human Digitality eröffnet einen konstruktiven Umgang mit Hypervernetzung und deren Folgen: eine neue humandigitale Balance.
Aus der Leistungsgesellschaft wird die Sinnökonomie
Im Spätkapitalismus hat Profitmaximierung als Selbstzweck ausgedient. In der Conscious Economy trifft der kollektive Wunsch nach sinnerfülltem Arbeiten auf innovative Technologien – und eröffnet Individuen, Organisationen und der gesamten Gesellschaft die Freiheit, Arbeit und Wirtschaft grundlegend neu zu denken.
Aus Polarisierung werden neue Brückenschläge
In einer zunehmend fragmentierten und polarisierten Gesellschaft rückt die Stärkung des Gemeinsamen in den Mittelpunkt: Brückenschläge, die der Tendenz zur Spaltung konstruktiv entgegenwirken. Das Ende der Hyperindividualisierung läutet den Beginn der Co-Society ein und ebnet den Weg für eine progressive Wir-Kultur.
Aus sozialer Ungleichheit werden ermächtigte Identitäten
Protestbewegungen für soziale Gerechtigkeit verbreiten sich weltweit, Machtstrukturen werden hinterfragt, soziale Gefüge verschieben sich: Die Mindshift Revolution verändert das Verhältnis zwischen Identität und Gesellschaft, sortiert Machtverhältnisse neu und transformiert Werte, Normen und Weltbilder.
Aus globaler Vereinheitlichung wird glokale Vielfalt
Die multiplen Krisen des frühen 21. Jahrhunderts haben die Fragilität der Globalisierung offengelegt. Aus den Rissen des Narrativs vom globalen Wachstum und der planetaren Homogenisierung dringt die Glocalisation als neues Zusammenspiel von globalen Strukturen und lokalen Netzwerken.
Aus grünem Verzicht wird systemische Nachhaltigkeit
Die globale Transformation zu einer ganzheitlich-ökosystemischen Gesellschaft ist in vollem Gange. Der öffentliche Diskurs wendet sich von Schuldfragen ab: Im Vordergrund der Eco Transition steht die Suche nach neuen Formen des Wohlstands und kultureller Adaption, die in Zeiten der Klimaerwärmung Zukunftssicherheit und Lebensqualität gewährleisten.
Die Transformationen fächern sich auf in Subtrends: soziokulturelle Phänomene, die konkrete Veränderungen in bestimmten Bereichen aufzeigen. Sie sind unterschiedlich beständig und können ihre Schwerpunkte verlagern. Manche sind nur für einzelne Branchen relevant oder wirken nur in spezifischen kulturellen Räumen, andere sind stark technologiegetrieben oder werden von einem bestimmten Zeitgeist getragen.