Heimischer Hafer statt Kokosnuss und Keto: Wie der Wandel der Ernährungsbranche die großen Transformationen unserer Zeit spiegelt.
Ein Gastbeitrag von Corinna Mühlhausen
04. März 2024
„Normal? Oder mit Fleisch?“ Der „Burger King“-Slogan bringt auf den Punkt, wie stark die pflanzenbasierte Ernährungsweise bereits in den Mainstream diffundiert ist. Dass fleischfreie und fleischarme Ernährung zur neuen Normalität geworden sind, belegen auch die Zahlen des aktuellen Ernährungsreports des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft: Nur noch 20 Prozent der Bundesbürger:innen konsumieren täglich Fleisch oder Wurst, mehr als 70 Prozent essen hingegen täglich oder mehrmals täglich Gemüse und Obst, und nur 47 Prozent haben noch niemals ein vegetarisches oder veganes Produkt gekauft – knapp 40 Prozent hingegen schon öfters.
Der schon immer stark innovationsgetriebenen Lebensmittelbranche beschert der Trend zu vegetarischen oder veganen Produkten eine Welle von Neuheiten. Zu den ausgezeichneten Top-Innovationen der letztjährigen Branchenleitmesse „Anuga“ zählen etwa das „knusprige Pilz-Chili“, das „Vegan No Egg White“, eine „Joghurt-Alternative aus Aprikosen-Kernen“ und die garantiert fischfreie „Tu-Nah“-Konserve.
Zugleich ist keine andere Branche so prädestiniert für das dynamische Zusammenspiel von Trends und Gegentrends wie die Ernährungswelt. So setzt sich langsam auch die Erkenntnis durch, dass vielleicht doch nicht alle Ernährungsalternativen so gesund und nachhaltig sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Einige Beispiele:
Bei Milchersatzprodukten schlägt vor allem eine unausgewogene Bilanz von Gesundheit und Umwelt zu Buche. Für den Anbau von Soja wird Regenwald gerodet, die Produktion von Mandeldrinks fördert die Wasserknappheit in Kalifornien, und Milchalternativen auf Reis-Basis müssen um den halben Erdball transportiert werden, bevor sie bei uns auf dem Tisch landen.
Wie aber kann eine alternative gesunde Ernährung der Zukunft aussehen? Und wie kann die transformative Zukunftsforschung dabei helfen, die Entwicklungen früher zu erkennen und besser einzuordnen? Gerade im Bereich der Ernährung ist die Zeit reif für starke Gegentrends, die es schaffen, eine neue Symbiose aus verschiedenen Bedürfnissen zu bilden. Drei große Transformationsbewegungen spielen dabei eine besondere Rolle:
In den nächsten Jahren werden wir erleben, wie sich einige Zielgruppen noch differenzierter mit den Zusammenhängen zwischen der eigenen Gesundheit, unserer Umwelt und den Funktionalitäten der Foodbranche auseinandersetzen – und die Transformationen der Ernährung dadurch aktiv mitgestalten.
Dass die Lebensmittelbranche diesen Wandel selbst engagiert vorantreibt, belegt auch der „Pakt gegen Lebensmittelverschwendung“, den 14 Groß- und Einzelhändler 2023 mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geschlossen haben. Damit verpflichten sich Aldi, Edeka, Lidl und Co., die Zahl der Lebensmittelabfälle bis 2025 um 30 Prozent und bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren. Als konkrete Maßnahme verkauft Rewe bereits in elf Märkten testweise Bio-Waren verpackungsfrei aus Mehrweg-Großbehältern.
Auch der Erfolg des Startups Haferkater passt in diese Zeit der Transformationen. In vielen Supermärkten, in den Bordbistros der Deutschen Bahn und an zwanzig deutschen Bahnhöfen sind die Produkte rund um den Hafer inzwischen erhältlich – etwa als Milchersatz, Mehl oder Haferreis-Bowls. Der Hafer passt perfekt in unsere Zeit: Er stammt aus heimischem Anbau, enthält viel pflanzliches Eiweiß, Ballaststoffe und verschiedene Mineralstoffe, und aufgrund einer speziellen Form von Klebereiweiß ist er auch für viele glutenempfindliche Personen verträglich.
Die Haferkater-Story steht geradezu beispielhaft für die Transformation der gesunden Ernährung – inklusive einer Crowdinvesting-Kampagne, die das Unternehmen langfristig unabhängig von Investorengeldern machen und nachhaltiges Wachstum ermöglichen soll. So resoniert die neue Ernährungswelt auch mit einer weiteren großen Transformation unserer Zeit, dem Wandel hin zu einer sinnorientierten Conscious Economy.
Wie prägen Trends wie Biotech Boom, Green Hightech oder Soil-free Farming die Transformation der Ernährung? Das Future:System, die transformative Trendsystematik des Future:Project, beleuchtet diese und viele weitere Wandlungsprozesse unserer Zeit – und identifiziert dabei konkrete Gestaltungspotenziale für eine lebenswerte Zukunft.

Zentrales Thema der Trend- und Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen sind Gesundheitsmärkte. Ihr Fokus liegt auf Healthstyle, also der Frage: Was bewegt Menschen dazu, sich eigenverantwortlich um Gesundheit und Wohlbefinden zu kümmern, was verstehen sie unter Gesundheit – und welche Werte, Trends und Transformationen treiben die Entwicklungen in Gesundheitsmärkten an?
Ein Gastbeitrag von Anja Kirig
04. März 2024
Anfang März versammeln sich erneut die führenden Köpfe der Tourismusbranche in Berlin auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB), um gemeinsam die Zukunft des Reisens zu gestalten. Der diesjährige Leitsatz „Define the world of travel. Together.“ („Gemeinsam die Welt des Reisens definieren.“) ist nicht der einzige Aufruf zur Mitgestaltung. Der ITB Kongress fordert unter dem Motto „Pioneer the transition in Travel & Tourism. Together“ („Gemeinsam den Wandel im Reise- und Tourismussektor vorantreiben.“) die Teilnehmenden dazu auf, Vorreiter für den Wandel der Reisemärkte zu werden.
Doch was bedeutet es tatsächlich, Veränderungen mitzugestalten? Welche Transformationen müssen erkannt und vorangetrieben werden? Für die Reiseindustrie ist ein systemischer Wandel in jedem Fall entscheidend für ihr Überleben und ihre Weiterentwicklung.
Die sechs Transformationen des Future:System können hier Unterstützung bieten. Sie skizzieren essenzielle gesellschaftliche Entwicklungen, die für eine lebenswerte Zukunft maßgeblich sind und zeigen damit jene Handlungsräume auf, in denen eine gemeinschaftliche Neugestaltung der Tourismusbranche dringend erforderlich ist.
Die Integration digitaler Technologien kann die Effizienz und den Zugang im Tourismus verbessern. Ein kritischer Blick ist jedoch erforderlich, um sicherzustellen, dass digitale Lösungen die lokale Kultur und Gemeinschaft unterstützen, statt sie zu untergraben. Die Herausforderung besteht darin, Technologien zukünftig so einzusetzen, dass sie einen echten Mehrwert für alle Stakeholder bieten und nicht nur eine weitere Form der Kommerzialisierung oder Verkomplizierung von Abläufen darstellen.
Smart Tourism Destinations bieten hierbei das Potenzial, durch den Einsatz von Technologie wie Big Data, KI und IoT, die Erfahrungen der Reisenden durch personalisierte Angebote und Dienstleistungen zu verbessern und gleichzeitig die nachhaltige Entwicklung der Destinationen zu fördern, indem sie Ressourcen schonen, die lokale Wirtschaft stärken und ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Touristen und der lokalen Bevölkerung herstellen.
Die Herausforderung für die Tourismusbranche, sich von traditionellen Marktmechanismen zu lösen und Wege zu finden, wie wirtschaftlicher Erfolg mit sozialem und ökologischem Nutzen vereint werden kann, steht im Einklang mit dem Gedanken der Sinnökonomie. Diese Verschiebung fordert eine Abkehr von kurzfristigen Gewinnabsichten zugunsten von Investitionen in einen positiven Langzeiteffekt (Legacy). Dafür ist eine tiefgreifende Transformation bestehender Geschäftsmodelle erforderlich, die neue Bewertungskriterien für Erfolg einbezieht und eine breitere Perspektive auf den Wert und die Bedeutung von Arbeit fördert.
Die Conscious Economy ist eng verbunden mit dem aktuell überall spürbaren, tiefen Strukturwandel von Arbeit. Der Wunsch nach sinnstiftender Arbeit und zielorientiertem Handeln rückt dabei immer stärker in den Vordergrund. In einer Sinnökonomie wird Arbeit als wertvolle Lebenszeit verstanden und eine menschenzentrierte Arbeitskultur angestrebt. Diese Neuausrichtung ist besonders relevant für die Tourismusbranche, die nicht nur mit saisonalen Arbeitsstrukturen und einem ausgeprägten Fachkräftemangel konfrontiert ist, sondern auch mit dem Niedriglohnsektor.
Bedingt durch die Auswirkungen der Individualisierung, die eine verstärkte Suche nach neuen Formen der Verbindung und Gemeinschaft auslösen, erweist sich der Tourismus als eine ideale Plattform, um diesen Bedürfnissen zu begegnen. Die wachsende Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Austausch in einer vielfältigen Welt positioniert den Tourismus als ein Instrument, das Menschen zusammenführt und die Basis für eine inklusive Gesellschaft legt. Diese Gesellschaft, die Inklusion und Vielfalt als Kernwerte versteht, ist der Nährboden einer Wir-Kultur, in der beides existieren darf: Individuum und Gemeinschaft. Der Resonanztourismus dockt hier an, indem er Erfahrungen beschreibt, die über das aktuelle Tourismus-Verständnis hinausgehen. Er fördert eine individuelle Legacy, indem er Beziehungen ermöglicht und Erfahrungen generiert, die Menschen nachhaltig und langfristig verändern.
In diesem Zusammenhang dient der Tourismus nicht allein der Erholung oder dem Erleben, sondern avanciert zum Mittel für soziale Innovation und Wandel. Indem er Räume schafft, in denen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft zusammenkommen und sich austauschen können, leistet er einen wesentlichen Beitrag zur sozialen Kohäsion und fördert die Verständigung zwischen verschiedenen Kulturen. Die durch den Tourismus entstehenden neuen Verbindungen und Gemeinschaftsformen ermöglichen es, Vorurteile abzubauen und ein tieferes Verständnis für die Vielfalt menschlicher Lebensweisen zu entwickeln.
Die Einsicht, dass „Normalität“ eine Illusion ist und gesellschaftliche Normen kulturell geprägt sowie veränderlich sind, zwingt den Tourismussektor zur Neuorientierung. Der Megatrend der Individualisierung und die Anerkennung diverser Lebensstile lenken den Blick weg von standardisierten Urlaubsangeboten – hin zu Reisen, die sich an den individuellen Bedürfnissen und Identitäten der Reisenden orientieren.
Die Würdigung unterschiedlicher Lebensentwürfe und Identitäten verlangt auch nach einer Überarbeitung herkömmlicher Marketingstrategien. Die Tourismusbranche muss glaubhafte Ansätze finden, die individuelle Werte berücksichtigen. Empowerment und Diversität zu fördern ist zentral, um stereotype Denkmuster aufzubrechen. Dies erfordert bestehende Machtverhältnisse zu hinterfragen und einen Raum für vielfältige Stimmen und Sichtweisen zu eröffnen. Herausforderungen liegen in veralteten Denkweisen. Es benötigt mehr Offenheit für Neues.
Die Glokalisierung verbindet das Beste aus zwei Welten: eine globale Denkweise mit lokaler Wertschätzung. Sie setzt auf und fördert Kosmopolitismus, gegenseitigen Respekt – und dient als Gegenmittel gegen nationalkonservative Einstellungen und isoliertes Denken. Die Glokalisierung spiegelt das Ideal eines kulturellen und wertebasierten Austauschs wider, wie er oft im Tourismus angestrebt wird.
Die Förderung glokaler Vielfalt im Tourismus erfordert eine ausgewogene Anerkennung lokaler Besonderheiten und die Anpassung an globale Trends. Dies kann zu Spannungen führen, besonders wenn der Schutz lokaler Identitäten mit dem Bestreben, international ansprechend zu sein, in Konflikt gerät. Eine wesentliche Herausforderung ist es, Authentizität zu bewahren, ohne in Kulturalismus oder Folklorismus zu verfallen.
Vor diesem Hintergrund muss die Angemessenheit und Effektivität traditioneller Marketingstrategien im Tourismus hinterfragt werden. Werbemaßnahmen, die auf Stereotypen basieren und verzerrte Bilder von Reisezielen vermitteln, müssen kritisch betrachtet werden. Gefordert sind innovative Kommunikationsansätze, die eine direkte und persönliche Ansprache des Publikums ermöglichen.
Die Eco Transition stellt die vielleicht größte Herausforderung dar, da sie ein Umdenken in Bezug auf die Art und Weise erfordert, wie Tourismus betrieben wird. Die Fokussierung auf Ersatz statt Verzicht verlangt nach innovativen Lösungen, die es ermöglichen, die Welt zu erleben, ohne sie zu zerstören. Die Grenzen des Wachstums werden hier besonders deutlich, da jede Form des Tourismus unweigerlich einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt. Die Transformation lädt ein, sie so mitzugestalten, dass Tourismus keinen kritischen Fußabdruck hinterlässt, sondern idealerweise einen positiven Beitrag leistet. Dies erfordert ein systemisches Denken, die Einbeziehung aller lokalen Akteure und die Entwicklung langfristig wirksamer Lösungen, um eine lebenswerte Zukunft für alle zu sichern.
Im Kontext des Klimawandels ist die Anpassung an neue klimatische Bedingungen unumgänglich. Viele beliebte Urlaubsziele leiden bereits unter extremen Wetterbedingungen wie Hitze, Dürre, Wasserknappheit, Überschwemmungen oder Schneemangel. Die Anpassung an das Klima wird daher zu einer globalen Notwendigkeit. Dies erfordert den Verzicht auf umweltschädliche touristische Praktiken und deren Ersetzung durch intelligentes Management, wobei alle Beteiligten eine entscheidende Rolle spielen und Verantwortung übernehmen müssen.
Um tatsächlich eine „World of Travel“ neu zu definieren, bedarf es dringend des auf der ITB proklamierten gemeinschaftlichen Ansatzes. Dieser muss alle Stakeholder einschließen: von lokalen Gemeinschaften über Unternehmen bis hin zu Reisenden. Dieser Ansatz muss auf Transparenz, Dialog und dem Willen zur Veränderung basieren. Nur so kann die Tourismusbranche ihre Wachstumsgrenzen erkennen, überwinden und einen Weg einschlagen, der sowohl für die Menschen als auch für den Planeten nachhaltig ist – und so tatsächlich auf allen Beziehungsebenen einen Zukunftswert generiert.
Wie prägen Trends wie Transformative Travel, Cross-cultural Learning oder Localism die Transformation des Tourismus? Das Future:System, die transformative Trendsystematik des Future:Project, beleuchtet diese und viele weitere Wandlungsprozesse unserer Zeit – und identifiziert dabei konkrete Gestaltungspotenziale für eine lebenswerte Zukunft.

Die Sozialwissenschaftlerin Anja Kirig beobachtet kontinuierlich gesellschaftliche Veränderungsprozesse, insbesondere in den Bereichen Sport und Tourismus sowie Gesundheit, Nachhaltigkeit und Post-Individualisierung.
In ihren Vorträgen bereitet sie die Inhalte eloquent und anschaulich auf, eröffnet Möglichkeitsräume und bietet Orientierung.
Text von Tristan Horx | Illustration von Julian Horx
29. Februar 2024
Kaum dachte man, die junge Generation bestünde aus woken Klimakleber:innen und lauter Gretas, kommt schon ein Gegentrend um die Ecke. Der Kulturkampf ist in vollem Gange – und die alten, neuen Macho-Männer feiern ein triumphales Comeback. Das hat nicht zuletzt eine massive ökonomische Dimension: Wer die Shows der aufgeregten neuen „Manfluencer“ im Netz sieht, begreift schnell, dass hier junge unsichere Männer schlichtweg ausgenommen werden.
Was sich als Selbsthilfe für verunsicherte und vereinsamte Jungs verkauft, ist eigentlich ein beinhartes Pyramidenschema in einer neuen Farbe. Von „Wie du alle Frauen kriegst“ bis „Die moderne Frau ruiniert die Gesellschaft“ – an Misogynie mangelt es nicht. Zu den jüngsten Fortschritten in Sachen Geschlechtergerechtigkeit gibt es einen hässlichen Gegentrend, der brutal-nostalgisch in die (vermeintliche) Einfachheit der Vergangenheit zurückschielt.
Und dabei wahnsinnig erfolgreich ist.
Dieser spielt sich auch in der Generation Z – der Generation TikTok – ab. Im Vergleich zu ihren Eltern haben die jungen Menschen heute statistisch weniger Sex und suchen stärker nach Sicherheit. Fast schon spießig, aber auch verständlich. Durch die Einführung von Tinder und Co. tun sich viele Jüngere schwer, romantische Liebe zu finden. Vor allem, wenn man sich der Welt der Liebe zum ersten Mal online öffnet, ist man mit einer gigantischen Konkurrenz, erbarmungsloser Kommunikation und Übermacht von Körpernormen konfrontiert, der sich viele nicht gewachsen fühlen.
Die Oberflächlichkeit der Dating-Welt hat vor allem unter Jugendlichen zu massiven Unsicherheiten geführt. Sehen doch auf Social Media alle immer perfekt aus, während man selbst meistens eher durchschnittlich ist. Die längste Zeit waren es nur die Frauen, die „schön“ sein mussten mussten, während die Männer sich mit ihrem Einkommen einen Platz in der Liebespyramide erkaufen konnten. Doch auf TikTok oder Tinder ist für die Schmächtigen, Haarlosen und Bierbäuchigen wenig Platz. Aus den Minderwertigkeitskomplexen frustrierter Männer speist sich im Netz eine Welle von Frauenverachtung und Antifeminismus – und ein lukratives Geschäft für Neo-Machos, das aus der Vulnerabilität junger Männer Profit schlägt.
Schon lange hat sich diese Gegenwelle angekündigt. Der kanadische Psychologe Jordan Peterson machte mit seinen Regel-Büchern zur männlichen Integrität schon vor Jahren Millionenauflagen. Ein beachtlicher Teil der Hip-Hop-Kultur beruht auf dem Schimpfen über Schlampen, die nur das Eine wollen. Auch im Reich der Populisten spielt die verletzte Würde der Männer eine zentrale Rolle – in Form eines hasserfüllten Antifeminismus. MeToo hat die Sache zugespitzt, bis in das Reich der Prominenten und Mächtigen hinein. Zu spüren ist dieser reverse Kulturkampf auch in der Musikbranche und bei Rockstars. Die neuen Machos haben die Front aufgebrochen und auch einige Frauen auf ihre Seite gezogen. Für Feministen ist das fürchterlich – und gerade darauf stehen wiederum die verunsicherten Männer des neuen schwachen Geschlechts.
Solch regressive Tendenzen kommen zum Vorschein, weil durch die Komplexität der Moderne nicht leicht zu navigieren ist. Wer damit nicht umgehen kann oder möchte, flüchtet in alte Extreme und verweigert die Zukunft. Die Männerwelt sucht nun wieder nach Vorbildern, was in diesen komplexen Zeiten gar nicht so einfach ist. Schwarzenegger und Co. haben ausgedient oder sind geläutert, aber die Lücke wurde noch nicht erfolgreich besetzt. Junge Männer haben eine Menge Innovationskraft. Wohin kann die nächste Runde gehen?
In den internationalen Medien geistert die Figur des „Decarbonize Bro“ herum. Männer, die sich für die Dekarbonisierung engagieren. Ganz solidarisch und untereinander verbrüdert. Weltretten als neues, edles männliches Prinzip, das auch die Frauen wieder faszinieren kann? Hippie 2.0 mit Männergemeinschaft? Mal sehen. Männlichen Status an die Bewahrung der Umwelt zu knüpfen, ist jedenfalls wesentlich konstruktiver als den chauvinistischen Influencern auf den Leim zu gehen.

Text von Matthias Horx | Illustration von Julian Horx
29. Februar 2024
Was ist das größte Problem unserer heutigen Gesellschaft? Die Ungleichheit? Die Wirtschaftslage? Die Inflation? Die Erderwärmung? Mitnichten. Es ist die Unfreundlichkeit im Alltag. Die Hassbereitschaft und Bösartigkeit in den Kommunikationen. Die Unfähigkeit, der Unwille, sich miteinander „ins Einvernehmen“ zu setzen.
Die Meckerkultur: Alles schlechtmachen. Immer dagegen sein. Andere abwerten, um sich selbst zu bestätigen. Überall das Schlechte sehen. In Rudeln hassen und verachten. Hauptgefühl Häme.
Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy spricht von den „Händlern des Unglücks“, die sich in unseren digitalisierten Kommunikationsformen ständig vermehren (vgl. Lévy 2023). Der deutsche Soziologe Steffen Mau berichtet von „Triggerpunkten“, auf die Menschen stark emotional reagieren und von „Polarisierungsunternehmern“, die sich immer weiter ausbreiten (vgl. Mau et al. 2023). Wenn es stimmt, dass es zu jedem Trend auch einen Gegentrend gibt, dann auch gegen diesen. Was wäre der Gegentrend zur dumpfen Negativität, zu Online-Hass und Offline-Häme?
Die Freundlichkeit.
Gegen die Rücksichtslosigkeit in der Gesellschaft hat sich eine unsichtbare Gegenbewegung entwickelt. Sie lässt sich nicht messen oder quantifizieren. Aber immer mehr Menschen entschließen sich in einer inneren Wende, freundlich zu sein. Freundlichkeit beginnt im Verzicht auf unnützen Streit und narzisstische Meinungskriege. Sie setzt voraus, dass wir uns von einer „Front“ zurückziehen, die uns ständig in Erregungen, Vorwürfe, Negationen hineinziehen will. Meinungen loslassen.
Und dass wir uns auf neue Weise mit anderen Menschen verbinden – und mit uns selbst.
Wer freundlich sein will, muss bei sich selbst anfangen. Empathisch mit sich selbst sein. Sich selbst anerkennen und akzeptieren lernen – das ist möglicherweise die schwerste Übung. Denn der eigentliche Ursprung für die grassierende Bösartigkeit ist die Selbstablehnung.
Der Gegentrend der neuen Freundlichkeit wird angetrieben von der Welle östlicher Philosophien und Geistestechniken, die Gelassenheit und Akzeptanz lehren. Aber er hat auch eine konservative Seite, die den menschlichen Umgang in einer Art Grund-Höflichkeit bewahren will.
In irischen Schulen werden neuerdings Empathie und Freundlichkeit gelehrt. Der Empathie-Spezialist Pat Dolan, der das Empathie-Programm in über hundert Vorschulklassen in Irland ins Leben rief, sagte in einem Interview mit der Irish Times: „Es ist genauso wichtig, wie Mathematik oder Englisch zu lernen. Ich würde sogar noch weiter gehen: Der Weg, den die Gesellschaft heute geht – nicht nur in Irland, sondern global –, ist davon abhängig, wie wir Empathie lernen und leben“ (vgl. O’Brien 2020).
Im deutschsprachigen Raum versuchen immer mehr konstruktive Medien, etwa Krautreporter oder Perspective Daily, polarisierende Diskurse in lösungsorientierte Debatten zu verwandeln. DIE ZEIT organisiert seit vielen Jahren „freundliche Begegnungen“ zwischen Fremden aus verschiedenen politischen Lagern und unterschiedlichen Kulturen: Bei der Initiative „Deutschland spricht“ treffen sich jährlich Tausende Menschen zum freundlichen Streitgespräch. Mithilfe einer Matching-Software werden sie in einen Austausch mit einer Person vermittelt, die völlig gegensätzlich denkt.
Freundlichkeit ist mehr als Höflichkeit. Der englische Begriff kindness trifft besser, worum es eigentlich geht. To be kind bedeutet eine bestimmte Form von Güte. Sie besteht in einer Zugeneigtheit zum anderen, zur Welt, zu den Ideen, den Lebenslagen, den Wirklichkeiten, die uns umgeben. Und vor allem zu sich selbst.
Lévy, Bernard-Henri (2023): Mein Frankreich, mein Albtraum. Gastbeitrag – Krawalle in Frankreich. In: tagesanzeiger.ch, 5.7.2023
Mau, Steffen / Lux, Thomas und Westheuser, Linus (2023): Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin
O’Brien, Carl (2020): Empathy in Education: ‚It’s just as important as learning maths‘. In: irishtimes.com, 23.1.2020

Text von Lena Papasabbas | Illustration von Julian Horx
29. Februar 2024
Einzigartigkeit hat das Normale oder gar Gewöhnliche als erstrebenswerte Ideale abgelöst. Die Verbreitung des Internets, die rasante Globalisierung und vielseitige kulturelle Gegenbewegungen haben uns in eine Ära geführt, in der Standards und Normalität an Attraktivität verloren haben. Man orientiert sich nicht mehr am Allgemeinen, sondern am Besonderen.
Selbstentfaltung ist zur Lebensaufgabe des modernen Individuums geworden. Wer sein ganz eigenes, besonderes Potenzial nicht ausschöpft, ist selbst schuld. Auch Konsumgüter, Umgebungen und Erlebnisse dürfen nicht mehr gleichförmig sein. Nichts ist unattraktiver als Industrieware von der Stange, Einrichtung wie aus dem Katalog oder Pauschalurlaub am Mittelmeer. Das Comeback des handgefertigten, authentischen Unikats oder der massenhaften „Individualreisenden“ erklärt sich durch dieses Streben nach dem Besonderen.
Prestige ist nur noch in der Individualität zu erreichen – sei es die individuelle Spitzenleistung, eine einzigartige Kreativität, außergewöhnliche Ideen oder ein ganz eigener Stil.
Für dieses mitunter anstrengende Unterfangen stehen dem Individuum heute eine schier endlose Reihe von Produkten, Dienstleistungen, Ratgebern und eine Armee von Beratungsangeboten, Optimierungs-Apps und Coaches zur Verfügung. Die Anzahl der Branchen, die ausschließlich daran verdienen, Menschen in ihrer Selbstentfaltung und -optimierung zu unterstützen, ist immens.
Dieses Streben nach dem Besonderen ist jedoch vor allem eines: anstrengend. Die verzweifelte Suche nach der eigenen Authentizität endet nicht selten in der ernüchternden Erkenntnis, dass viele andere die gleichen Urlaubsorte besucht, die gleichen Namen für ihre Kinder ausgewählt und die gleichen Songs in ihren Playlists gespeichert haben. Die ständige Abgrenzung und Inszenierung der eigenen Einzigartigkeit verschlingt viel Energie und birgt ein hohes Frustrationspotenzial.
Zum Glück steht der Gegentrend bereits in den Startlöchern: Das Comeback des Gewöhnlichen entsteht aus einer Weigerungshaltung, manchmal auch aus Resignation. Es zeigt sich in vielen Facetten: Immer mehr Menschen wenden sich von den Selbstinszenierungsmaschinen Facebook und Instagram ab, tragen absolut nicht-aussagekräftige Normcore-Kleidung, feiern ungehemmt die größten Mainstream-Produkte der Medienwelt wie Harry Potter oder Game of Thrones. Statt sich auf der Suche nach dem neuen Underground-Label zu verlieren, trägt man heute Lidl-Klamotten; statt sich mit garantiert unbekannten Newcomer-Bands zu brüsten, hört man Taylor Swift und Justin Bieber; statt ausgefallenen Foodtrends serviert man den Gästen Bananenbrot zum Filterkaffee…. statt ständig das ureigene Potenzial zu entfalten, feiert man die eigene Durchschnittlichkeit.
Diese neue Bodenständigkeit hat keine Lobby und keinen Namen. Sie entsteht als natürliche Gegenreaktion auf die überhöhten Ansprüche an das eigene Leben. Die neuen Normalos haben keine Lust mehr auf die ewige Abgrenzung von der Masse. Sie zelebrieren ihre Gewöhnlichkeit – und befreien damit auch alle anderen ein kleines bisschen.

Text von Matthias Horx | Illustration von Julian Horx
29. Februar 2024
„Wir leben in einem Zeitalter der rasenden disruptiven technischen Innovation!“ – So könnte jedes beliebige Beratungsgespräch, jede Rede auf jeder Business-Konferenz beginnen. Was aber, wenn das nichts als Business-Bullshit wäre?
Nehmen wir einmal an, der jüngste Super-Coup des Digitalen wäre einfach nur ein Hype. Klar, Künstliche Intelligenz kann in der Forschung, in der Prozesssteuerung, in bestimmten datenintensiven Umgebungen wichtige Fortschritte bringen. Aber stellen Sie sich vor, die generative KI, die derzeit überall als das große Zukunfts-Ding gefeiert wird, wäre nichts als eine Angstblüte der IT-Industrie, die verzweifelt eben jenes nächste „große Ding“ sucht. Nehmen wir an, die viel gefeierten Edge-Technologien, die uns derzeit die phänomenalen Durchbrüche in ein technisches Wunderland suggerieren – Fusionsenergie, Quantencomputer und eben die superintelligente KI –, wären gar nicht die Lösungen all unserer Probleme.
Und nehmen wir einmal an, das radikal Neue wäre nicht unbedingt das Bessere. Im Gegenteil.
Die US-amerikanischen Autoren Lee Vinsel und Andrew L. Russell beschreiben in ihrem Bestseller The Innovation Delusion, wie unsere Obsession des „Next Big Thing“ die moderne Zivilisation in die Sackgasse führt. Alle sprechen von Innovation, weil Innovation gleichbedeutend ist mit Profit. Deshalb wird jede kleinste Neuerung, jedes Update zur großen Innovation aufgebläht und mit Versprechen über Versprechen aufgeladen. Dieser „Hype-Innovation-Speak“ kann nur zu Enttäuschungen führen, da hinter den allermeisten Innovationen nicht mehr steckt als toll klingende, aber inhaltsleere Marketingversprechen. Echte Innovation dagegen ist häufig weniger spektakulär. Sie muss nicht herbeigeredet werden, weil sie, wenn auch leise, meist klar messbar ist. Und: Sie entwickelt sich graduell und nicht mit einem großen Knall.
Vinsel und Russell betonen, dass die Welt, in der wir leben, nicht durch dauernd neue Dinge funktioniert. Sondern zu einem sehr großen Teil durch Erhaltung, Wartung, Pflege, Integration und langsame Verbesserung.
Der Innovationismus ist kulturhistorisch eine recht neue Erfindung. Noch vor 300 Jahren waren in den meisten Gesellschaften Neuheiten nicht unbedingt hochgeschätzt. Sie galten als obskur, gar Scharlatanerie, weil sie sich noch nicht bewährt hatten. Das änderte sich mit dem beschleunigten Kapitalismus innerhalb weniger Jahre – und mündete in den vergangenen 30 Jahren mit dem Siegeszug des Digitalen in einen regelrechten Rausch. In einer Verherrlichung des Neuen als das Bessere. Einer wahren Anbetung des Disruptiven.
Ein wilder Traum, aus dem wir nun langsam erwachen. Zumindest reiben wir uns häufiger die Augen und fragen uns, ob wirklich jede Innovation unser Leben verbessert. Überall kommt es zu Ausfällen, Fehlern, Bugs. Züge kommen nicht pünktlich, das WLAN funktioniert nicht. Fluggesellschaften sind unerreichbar, und die digitale ID ist unheimlich kompliziert. Der Server im Büro stürzt ständig ab und die smarte Kaffeemaschine hat schon wieder einen Defekt. Und wenn die Stereoanlage den Geist aufgibt, muss man sie wegschmeißen. Das Internet, in dem alles immer leichter und schneller werden sollte, hat sich zu einem Labyrinth aus verlorenen Passwörtern und umständlichen Eingaben verwandelt. Statt schneller wird vieles langsamer.
Vinsel und Russell zeigen auf, dass Innovationen immer mehr zu Ersatz-Fetischen für echte soziale Entwicklung und altruistische Werte wie Freundlichkeit und Toleranz werden. Statt an gemeinschaftlichen Werten zu arbeiten, suchen wir die Lösung in der Technologie, in „Techno-Solutions“, nach dem Motto: „Diese Kryptowährung kann Lieferketten fair machen“ oder „Die fünf besten Apps gegen Armut“.
Die vielleicht fatalste Auswirkung dieses radikalen Innovationismus ist der Statusverlust bestimmter Berufe: Wartungstechniker:innen, Klempner:innen, Handwerker:innen jeder Art, Menschen mit technischem Systemwissen, Care-Arbeiter:innen, selbst IT-Wartungspersonal – all diese Berufe leiden im Zeitalter des Innovationismus unter ständigem Statusverlust. Eben weil sie nichts Neues produzieren, sondern die Dinge zum Funktionieren bringen und Systeme stabil halten, gelten sie als Problem. Sie stören die Illusion des Neuen, das immerzu das Alte ersetzen soll.
Menschen, die die alltäglichen Zusammenhänge verstehen, die mit ihren Händen konkrete Arbeit verrichten und dafür sorgen, dass Systeme weiterlaufen, bleiben unbeachtet. Menschen, die vorgeben, etwas radikal anders zu machen, baden in Ruhm und Geld. Dieser Erwartungsüberschuss belohnt unentwegt diejenigen, die mit Illusionen handeln. Und erniedrigt jene, die mit Realitäten umgehen und unsere Welt am Laufen halten.

Ein Gastbeitrag von Stephanie Wössner
13. Februar 2024
Im 21. Jahrhundert steht das Bildungssystem an einem Wendepunkt. Prägende Krisenereignisse – von Pandemien und Klimawandel bis zu globalen Konflikten – sowie zahlreiche Bildungsstudien der vergangenen 15 Jahre haben tief verwurzelte strukturelle Mängel offengelegt, die nicht länger mit halbherzigen Reformen zu bewältigen sind. Um den Anforderungen einer sich rasant verändernden Welt gerecht zu werden, ist eine umfassende Transformation des Bildungswesens notwendig. Künstliche Intelligenz spielt in diesem Prozess eine signifikante Rolle. Doch um die KI-Potenziale zu entfalten, sind grundlegende Veränderungen hin zu einem zukunftsorientierten Lernen notwendig.
Unser Bildungssystem gleicht einem geschwächten Herzen: Es ist unfähig, das lebensnotwendige Elixier effektiv durch die Adern unserer Gesellschaft zu pumpen. Die Probleme sind nicht nur oberflächlich, sie sind Symptome einer tieferen Malaise, hervorgerufen durch veraltete Traditionen und einen ausgeprägten Widerstand gegen notwendige Veränderungen. Denn das heutige Bildungssystem ist ein Relikt der industriellen Revolution, das individuelles und kreatives Denken durch standardisierte Prüfungen und uniforme Lernwege unterdrückt. Um die großen Herausforderungen unserer Zeit anzugehen, ist es essentiell, das Bildungssystem von Grund auf zu heilen und zu erneuern.
Eine vernetzte Welt verlangt Flexibilität, Kreativität und Teamarbeit – Fähigkeiten, die ein Einheitsmodell der Bildung ausblendet. Zukunftsweisend ist dagegen ein System, das personalisiertes, lebenslanges Lernen fördert und die Talente des Individuums in den Mittelpunkt stellt. Bildung muss daher weit über die reine Wissensvermittlung hinausgehen und zum Nährboden für die Entwicklung vieler Kompetenzen für eine aktive und verantwortungsbewusste Teilhabe an der Gesellschaft werden. Die Basis für die Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit und die Förderung des lebenslangen Lernens bilden Lernumgebungen, die vielfältige Erfahrungen ermöglichen. Dabei kann Technologie uns helfen – und uns gleichzeitig erlauben, uns wieder mehr auf das Menschsein zu besinnen.
Bislang hat KI in der Bildung vor allem für Aufsehen gesorgt durch die Herausforderungen, die sie für traditionelle Lehr- und Bewertungsmethoden darstellt. Die Technologie bietet zwar neue Möglichkeiten für die Unterrichtsgestaltung und die Beurteilung von Leistungen, für die „Datafizierung“ jedes Schrittes eines Kindes oder Jugendlichen im Kontext von Learning Analytics. Doch diese Perspektiven zeigen nur, wie viele Menschen an einem überholten Verständnis von Bildung festhalten. Sie übersehen das wahre Potenzial, das Algorithmen maschinellen Lernens für das menschliche Lernen darstellen: nicht durch die Digitalisierung von bisher analogen Prozessen, sondern weil Algorithmen des maschinellen Lernens die Lernkultur komplett verändern können.
Nein, das Erlernen von Sprachen lässt sich keineswegs durch KI ersetzen. Aber wir könnten jedem Menschen – perspektivisch von Geburt an – einen individuellen KI-Assistenten zur Seite stellen, der diese Person kennt, sie fördert und fordert, anstatt mit der Lupe nach Dingen zu suchen, die sie nicht kann. Dieser persönliche Assistent könnte die menschliche Intelligenz erweitern und uns dabei unterstützen, die Talente, die in uns schlummern, zu fördern – um maßgeblich zur Lösung bestimmter Herausforderungen und zur Gestaltung der Zukunft beitragen zu können. Und was wäre, wenn uns diese Daten gehören würden und wir sie ganz oder teilweise auf sicherem Wege mit den Menschen teilen könnten, denen wir vertrauen, sodass sie uns bei unserer persönlichen Weiterentwicklung unterstützen können?
Für die Zukunft des Lernens bedeutet dies vor allem, dass wir unabhängig von jeglicher Technologie den „Raum“ neu gestalten müssen, in dem sich die Kompetenzen entwickeln, die in Zukunft zur Handlungswilligkeit und -fähigkeit und damit dem individuellen und globalen Wohlergehen beitragen. Wer könnte dafür besser geeignet sein, als die Personen, die seit jeher Lerndesigner:innen sind, nämlich die Lehrkräfte? Allerdings müssen wir uns dafür von der Konvention verabschieden, diesen Raum rein als physischen Raum zu verstehen.
Zukunftsorientierte Lernräume bilden Umgebungen, in denen aus Fehlern gelernt werden darf, in denen wir uns gemeinsam weiterentwickeln und vielfältige Erfahrungen machen dürfen, die dazu beitragen, dass alle Menschen Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Und das schließt auch virtuelle Räume mit ein. Entscheidend ist, dass der selbstbestimmte Mensch dabei stets im Zentrum steht – mit seinen Kompetenzen und seiner gestalterischen Rolle, die auch durch Ansätze wie Game-based Learning, Design und Futures Thinking entwickelt werden kann. Technologien wie Extended Reality und virtuelle Welten, aber ganz besonders KI als erweiterte menschliche Intelligenz oder gar als Lernpartner:in können in dieser Lernumgebung eine unterstützende Rolle spielen.
Die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft setzt voraus, dass Bildung auf persönliche Entwicklung und zukunftsorientiertes Lernen ausgerichtet ist. Der Weg dorthin verlangt eine grundlegende Veränderung in der Einstellung aller Akteure. Es ist eine Reise, die Zeit, Mut zur Selbstreflexion und die Bereitschaft erfordert, gemeinsam an der Gestaltung unserer Zukunft zu arbeiten. Dieser Prozess beginnt mit dem heutigen Tag. Er fordert von einigen ein Loslassen alter Vorstellungen, von anderen die Erkenntnis, dass ihr Beitrag essentiell für die positive Entwicklung unserer Gesellschaft ist.
Indem wir als Gemeinschaft ein neues Mindset fördern, das individuelle Potenziale erkennt und fördert, können wir die Grundlage schaffen für eine Bildung, die allen Menschen das Gefühl vermittelt, einen wertvollen Beitrag zur Gestaltung der Zukunft zu leisten und Mitspracherecht zu haben. Schaffen wir gemeinsam als Gesellschaft Raum für die Entwicklung dieses neuen Mindsets! Sprechen wir darüber, welche wünschenswerten Zukünfte wir uns vorstellen könnten! Und darüber, was wir tun können, um diese erstrebenswerten Zukünfte wahrscheinlicher zu machen.
Hier finden Sie ein Beispiel, wie eine meiner wünschenswerten Zukünfte aussieht:

Wie prägen Trends wie Transforming Education, Cross-cultural Learning oder Digital Literacy die Transformation des Bildungswesens? Das Future:System, die transformative Trendsystematik des Future:Project, beleuchtet diese und viele weitere Wandlungsprozesse unserer Zeit – und identifiziert dabei konkrete Gestaltungspotenziale für eine lebenswerte Zukunft.

Stephanie Wössner
ist freiberufliche Referentin und Beraterin für zukunftsorientiertes Lernen mit den Schwerpunkten Extended Reality, Game-based Learning, KI, Metaverse, Design and Futures Thinking. Hauptberuflich war sie über zehn Jahre Lehrerin und leitet mittlerweile die Stabsstelle Zukunft des Lernens am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg.
Die Welt wird immer dunkler und düsterer, die Zukunft der Menschheit ist in Gefahr, eine Krise folgt der anderen und lässt uns im Nebel der Zukunftsdepression zurück … Aber stimmt das wirklich? Warum Krisen immer auch im Kopf stattfinden – und wie Krise und Wandel zusammenhängen.
von Matthias Horx
22. März 2024
Zweifelsohne haben wir es heute mit sich überlagernden Krisenphänomenen zu tun: Krisen der Globalisierung, Krisen der Umwelt, Krisen der Gesellschaft, der Demokratie, der Technologie. Aber die wahre Krise unserer Zeit ist eine Wahrnehmungs- und Kognitionskrise. Die Hypermedialisierung durch Internet und Künstliche Intelligenz führt zu einer kollektiven Hysterisierung von Wahrnehmungsformen, in denen sich auch normale oder harmlose Phänomene gegenseitig aufschaukeln, verselbstständigen und ins Monströse wandern.
All das wird umspielt vom Zerfall eines übergreifenden Zukunftsnarrativs, das die letzten Epoche geprägt hat: der Idee eines kontinuierlichen und linearen Fortschritts. Auf diesem Fortschrittsbild eines „Immer mehr“ basieren unsere kulturellen, politischen, gesellschaftlichen Frames, unsere sozio-mentalen Selbstgewissheiten.
Die Omnikrise ist deshalb vor allem eine Erwartungs- und Enttäuschungskrise. Sie entsteht aus einer kognitiven Dissonanz – zwischen dem, was wir (für die Zukunft) erwartet haben, und dem, wie uns die Welt in ihren realen Phänomenen tatsächlich gegenübertritt.
Die meisten Phänomene, die uns heute in eine apokalyptische Verzweiflungsstimmung bringen, gab es eigentlich immer schon. Mörderische Kriege, Ungerechtigkeiten, Naturzerstörungen und großflächiger, bedrohlicher Wandel sind nichts Neues. Nur: Wir haben es anders erwartet. Das Narrativ des ständigen Fortschritts hat uns Glauben gemacht, alles würde automatisch immer besser. Und alle würden davon profitieren.
Wir sind enttäuscht, dass es nicht so weiterging mit dem Fortschritt, den Wohlstands- und Komfortabilitätsgewinnen. Das war unser Glaube der vergangenen Jahrzehnte. Und wie jeder Glaube wird er irgendwann zum Fanatismus. Der Fanatiker ist so von einer Annahme überzeugt, dass Scheitern unvermeidbar wird.
Es ist schwierig, sich von solchen Erwartungsnarrativen zu verabschieden. Wenn unser Gehirn sich einmal auf ein bestimmtes Zukunftsbild eingelassen hat, seine inneren Strukturen daran adaptiert hat, dann ist es kaum davon abzubringen. Der Expectation Bias, die Erwartungsverzerrung führt dazu, dass wir abweichende Informationen erst lange ignorieren. Und sie dann mit allen Mitteln bekämpfen. Aus Ignoranz wird dann Dissonanz, weil Akzeptanz das Eingeständnis einer kognitiven Niederlage wäre.
Enttäuschungen können zu zweierlei führen:
Krisen zwingen uns – wollen wir nicht in ihnen verkümmern –, unsere Illusionen loszulassen. Das fällt immer schwer, es kann aber auch befreiend wirken: Aus der Zukunft gesehen ist es eine Befreiung aus der Enge falscher Erwartungen, an denen wir kleben wie eine Fliege am Leim. Die Kraft der Krise zu nutzen, als Energie für Wandel, das ist das Geheimnis des Fortschritts. So ist die menschliche Kultur immer vorangeschritten – durch schreckliche Krisen hindurch, hin zu wahrhaft Neuem und Besserem.
Die Renaissance, die Aufklärung, der Beginn des Wohlstands, die Emanzipationen der Gesellschaft. Alles verlief nach dem Schema der „produktiven Desillusionierung”. Die Krise, die uns zeigt, dass es so nicht weitergeht, ist eine Aufforderung und Ermutigung zum Wandel. Wenn wir die Augen auf diese Weise öffnen, sehen wir, dass die Lösungen schon in der Gegenwart latent vorhanden sind. Und dass man die Welt nicht radikal ändern oder untergehen lassen muss. Sondern nur auf kreative Weise neu zusammensetzen. Der Wandel beginnt im Inneren.
Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden.
„Veränderung entsteht nicht durch Wandel, sondern Wandel entsteht durch Veränderung“, formulierte der Soziologe Armin Nassehi. In diesem seltsamen Satz steckt eine nüchterne Erkenntnis: „Change“-Parolen, die man häufig in Unternehmen, politischen Parteien oder öffentlichen Diskursen hört, rechnen nicht mit den Energien von Krisen. Individuen, Systeme, Unternehmen, Gesellschaften ändern sich kaum, wenn alles komfortabel ist. Wandel geschieht eher, wenn wir auf äußere Veränderungen reagieren – sprich: auf Krisen eine Antwort finden.
Die menschliche Grundkompetenz ist nicht stetiger Wandel. Warum auch? Warum sollten wir das Funktionierende nicht beibehalten, das Existierende belassen? Unsere Grundkompetenz ist Adaption. Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden. Wenn wir endlich aufhören, zu jammern und uns ständig darüber zu beschweren, was die Welt uns zumutet.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Wie können wir durch Krisen Zukunft gestalten? Matthias Horx setzte im Webinar zu Omnikrise am 23.05.2024 die aktuellen Krisengeschehnisse rund um Klima-, Migrations- und Energiekrise, Kriege, Pandemien und Artensterben in einen neuen Rahmen und fragte: Welcher rote Faden durchzieht die multiplen Krisen unserer Zeit? Und was passiert „beyond crisis“?
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Die Hyperindividualisierung zersplittert die Gesellschaft in immer kleinere Gruppen. Der Mainstream schwindet. Und mit ihm die Subkultur, wie wir sie kannten.
von Lena Papasabbas
Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“
7. Dezember 2023
Wie individuell wir uns auch fühlen: In Wirklichkeit gibt das soziale Umfeld den Referenzrahmen des eigenen Lebensstils vor. Ästhetik, Geschmack, Vorlieben – nichts davon entsteht aus dem Individuum selbst heraus. Wir sind geprägt von der Peer Group, der Familie – und mehr als jemals zuvor von dem, was auf unseren Bildschirmen passiert.
Nirgendwo lässt sich das eindrücklicher nachvollziehen als auf TikTok, der jüngsten Plattform für Selbstdarstellung und Community-Building. Der Algorithmus ist so ausgefeilt, dass er jedes einzelne Individuum zielsicher in die passende Bubble leitet. Man bekommt das Gefühl, dass die halbe Welt die eigenen Vorlieben teilt – egal ob man leidenschaftlicher Frosch-Fan, feministische Post-Punkerin oder seriensüchtiger Anime-Junkie ist. Die Partikularisierung der Gruppen in immer spitzere Subkulturen geht online häufig einher mit der Bezeichnung „-core“, um zu beschreiben, dass hier im Kern eine bestimmte Ästhetik gemeint ist. Clowncore überträgt die traditionelle Clownästhetik (Ballonhosen, Schleifen, Tupfen und exzentrisch-grelles Make-up) in die moderne Fashionwelt – häufig mit einem gruseligen Spin. Cottagecore zelebriert die Ästhetik der Landidylle mit entsprechender Blümchenkleid-Optik und einem Fokus auf das Marmelade-Einkochen und die Tomatenpflanzenpflege. Mermaidcore vereint die wenigen Berufsmeerjungfrauen und -männer und die vielen Hobby-„Merpeople“ mit ihrer märchenhaften glitzernden Unterwasserästhetik usw.
Die Landschaft der Subkulturen wächst und verändert sich immer schneller. Es gibt unzählige weitere Communitys, deren Dresscodes und Symbole nur noch diejenigen erkennen und verstehen, die selbst dazugehören. Die „feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdieu) sind inzwischen so fein geworden, dass es unmöglich wird, die unendliche Anzahl an Gruppen zu kennen und ihre Bedeutung zu verstehen.
In Vor-Internet-Zeiten waren Subkulturen gebunden an eine bestimmte, meist politische Haltung, oft organisch um einen bestimmten Musikstil gewachsen. Es gab klare Erkennungsmerkmale, die über gewisse Zeiträume stabil waren und es der Mehrheitsgesellschaft ermöglichten, Individuen bestimmten Subkulturen zuzuordnen. Die Hippies hatten lange Haare, trugen bunte Batikkleider und feierten friedlich zu psychedelischer Musik. Rocker steckten in schwarzen Lederjacken und Brothel-Creeper-Schuhen und hörten Rock’n’Roll. Hip-Hopper erkannte man an Ghettoblaster, weit geschnittenen Hosen, Hoodies und Sneakers. Gemein war allen Subkulturen eine klare Abgrenzung zur Mehrheitskultur – ein Ausdruck des symbolischen Widerstands.
Die Ausdifferenzierung der verschiedenen Subkulturen in immer feinere Subgruppen und Nuancen lässt sich in der Aufsplittung der Musikgenres nachverfolgen. Das relativ klar umrissene Genre „Punk Rock“ fächerte sich bereits Ende der 1970er-Jahre in eine Reihe von Subgenres aus, etwa Ska Punk, Anarcho Punk, Streetpunk, Oi!-Punk, Horrorpunk, Postpunk, Hardcore Punk, Fun-Punk, Folk Punk. Heute sind die Genres so diversifiziert, dass viele Menschen erst durch ihren Spotify-Jahresrückblick erfahren, welche Genres sie gern hören.
Auch mit Kleidung symbolischen Widerstand zu demonstrieren, ist praktisch unmöglich geworden. Die Allgegenwärtigkeit und Zugänglichkeit von Kleidung macht es schwer, mit dem, was man trägt, ein Statement abzugeben. Und entstehende subkulturelle Strömungen werden heute in unglaublichem Tempo vom Mainstream absorbiert und monetarisiert. Das zählt nicht nur für Mode. Sogar die Sprache löst sich von bestimmten sozioökonomischen und ethnischen Hintergründen. Begriffe wie „Slay“ oder „Yas“ stammen ursprünglich aus der schwarzen US-Drag-Szene und wurden durch das Internet und Serien wie „RuPaul’s Drag Race“ verbreitet. Heute nutzen alle möglichen Menschen Ballroom-Jargon, ohne den geringsten Bezug zu dieser Subkultur zu haben.
Dieser Mix-and-Match-Zugang zu allen möglichen subkulturellen Elementen höhlt den eigentlichen Charakter und die Funktion von Subkulturen in der Gesellschaft aus. Den unzähligen Nischenkulturen, die vor allem online entstehen und vergehen, fehlt das subversive Element. Sie teilen oft eher ein loses „Look and Feel“ als ein Werte-Set, eine politische Haltung oder auch nur einen bestimmten Lebensstil.
Die Subkultur war immer ein Gegenmodell zur Mehrheitsgesellschaft. Sie braucht den Mainstream, um sich von ihm abzugrenzen. Mit dem Schwinden des Mainstreams verlieren daher auch die Subkulturen an Substanz. In der Postmoderne fehlen zunehmend verbindliche, kulturelle Standards und Normen. Man orientiert sich nicht mehr am Allgemeinen – am Mainstream –, sondern am Besonderen. In einer solchen Gesellschaft lösen Authentizität und Einzigartigkeit das Normale und Gewöhnliche als erstrebenswerte Ideale ab (vgl. Reckwitz 2019). Prestige ist nur noch in der Individualität zu erreichen – seien es individuelle Spitzenleistungen, eine einzigartige Kreativität, außergewöhnliche Ideen oder die Perfektion des physischen Selbst.
Die Hyperindividualisierung hat Identität zum Teil eines fluiden, unverbindlichen und größtenteils selbst gewählten Lebensstils werden lassen, getragen von einem gigantischen globalisierten Markt, der ständig neue Ressourcen zur Selbstverwirklichung – und Selbstoptimierung – anbietet. Fraglos hat die Individualisierung neue Wahlfreiheiten und eine nie zuvor dagewesene Optionenvielfalt geschaffen, das eigene Leben nach subjektivem Gutdünken zu gestalten.
Doch das Projekt der einzigartigen Selbstentfaltung, dem sich das postmoderne Individuum heute gegenüber sieht, birgt auch ein hohes Frustrationspotenzial. Der Anspruch auf Einzigartigkeit und die Abwertung des Durchschnittlichen erzeugen einen immensen Druck. Trotz immenser Möglichkeiten zur Gestaltung des ultimativ erfüllten Lebens ist die Zahl von Menschen, die unter Depressionen und Ängsten leiden, beängstigend hoch. Die vielen tragischen Tode, die auf Suizid oder Drogenmissbrauch zurückgehen, die sogenannten „Deaths of Despair“, sind die Spitze des Eisbergs einer zutiefst unglücklichen Gesellschaft (vgl. Brooks 2023).
Schauen wir auf die Hard Facts, so leben die Menschen in spätkapitalistischen Wohlstandsgesellschaften in paradiesischen Verhältnissen: Wir leben länger, sind reicher, gesünder und autonomer als je zuvor. Gleichzeitig erodiert jedoch das Paradigma der Selbstentfaltung einen wichtigen Baustein von Zufriedenheit: den Gemeinschaftssinn.
„Früher wurden die Menschen in Gemeinschaften geboren und mussten ihre Individualität finden. Heute werden die Menschen als Individuen geboren und müssen ihre Gemeinschaft finden.“
K-Hole, 2013
Doch Zufriedenheit braucht Zugehörigkeit, einen geteilten Gemeinschaftssinn mit gültigen Werten und Normen, eine kollektive Bestimmung, die nicht aus einem aufgeblasenen Unternehmenszweck besteht. Unter den scheinbar wahllosen Strukturen der Hyperindividualisierung beginnt sich bereits leise eine neue Wir-Kultur zu formen, die sich aus geteilten Anliegen und einer Sehnsucht nach Zugehörigkeit speist. Diese neuen Wirs sind mehr als neue Subkulturen. Sie haben begriffen, dass Zufriedenheit eine Gemeinschaftsanstrengung ist.
Wie beeinflusst der Boom der KI-Sprachmodelle die Entwicklung der Gesellschaft? Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine wird intensiver – und führt zurück zu den Anfängen der Gesellschaft.
Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“
7. Dezember 2023
Am Anfang war die Sprache. Die Sprache ist der Grundantrieb der sozialen Evolution, der große Katalysator für die Entstehung und Entwicklung gesellschaftlicher Gefüge. Erst die Sprache macht die Dinge unterscheidbar, motiviert zur Anschlusskommunikation – und produziert damit das, was wir „Gesellschaft“ nennen: ein riesiges Bündel aus Kommunikationen, das fortwährend evolviert.
Generative KI führt diesen Evolutionsprozess nun in eine Phase der erhöhten Beschleunigung. Insbesondere die „großen Sprachmodelle“ wie ChatGPT haben KI alltagstauglich anwendbar gemacht, indem sie menschliche Kommunikation simulieren. Erstmals interagieren Menschen seitdem praktisch reibungsfrei mit Maschinen, ohne Programmierkenntnisse zu benötigen. Und erstmals „füttern“ Maschinen direkt die menschliche Kommunikation – während ihre Urheberschaft zugleich immer schwieriger decodierbar wird.
Die Ära kommunizierender Maschinen erzeugt ein neues Level an kommunikativer Intransparenz, das mediatisierte Gesellschaften kulturell herausfordert: Was macht es mit uns Menschen, wenn „intelligente“ Software dialogisch mit uns interagiert? Und was bedeutet die Popularisierung der großen Sprachmodelle für die weitere Evolution der Gesellschaft?
Dass ChatGPT und Co. „automatisierte Bullshitmaschinen“ sind, die einzig darauf zielen, wahrheitsbezogene Kommunikation zu simulieren, ist inzwischen im kollektiven Bewusstsein angekommen. Um ihre Aussagen zu plausibilisieren, halluzinieren sie im Zweifelsfall frei erfundene Geschichten, die sie als Fakten ausgeben. In diesem Streben nach größtmöglicher Anschlussfähigkeit verstärken KI-Sprachmodelle zugleich bestehende Stereotype, sie sind „inhärent strukturkonservativ“: Indem sie das bereits bestehende Gerede ausweiten und dabei den kleinsten gemeinsamen Nenner unseres Denkens reproduzieren, fördern sie eine allgemeine Standard-Durchschnittlichkeit.
Generative KI entwickelt sich also nicht nur sehr viel schneller und unkontrollierbarer als alle bisherigen Technologien – sie verändert auch das Fundament des gesellschaftlichen Gefüges, die menschliche Sprache. Konkret heißt das: Eigensinnige Formulierungen werden nicht mehr gefunden, die sprachliche Performanz nimmt ab. Unsere Sprache und unsere Kultur werden vorhersehbarer, berechenbarer, gefälliger.
Je mehr Sprachmodelle dabei öffentliche Diskurse besetzen und die politische Öffentlichkeit bilden, umso stärker gefährden sie das gesellschaftliche Miteinander und die Demokratie – erst recht, wenn diese Systeme im Privatbesitz weniger Konzerne sind. Vor diesem Hintergrund erscheinen die KI-Erlösungsfantasien vieler Unternehmen geradezu gesellschaftsgefährdend. Immer wichtiger wird deshalb ein grundsätzlicher Perspektivwechsel in unserem Verständnis der Digitalisierung: eine soziokulturellen Reflexion der Digitalisierungseffekte – und die bewusste Kultivierung einer „Human Digitality“.
Der große Gegentrend zum aktuellen Siegeszug der KI ist die Aufwertung der zwischenmenschlichen Interaktion. Denn selbst die elaborierteste Sprach-KI wird nie dorthin vordringen können, wo die Interaktion eigentlich erst interessant wird: in die Untiefen des menschlichen Denkens, dorthin, wo wir die Einzigartigkeit unseres Selbst und unseres Verhältnisses zur Welt durchspielen – im unmittelbaren zwischenmenschlichen Austausch, mittels Sprache. Die Ära des maschinellen Deep Learning erfordert vom Menschen nicht nur ein Deep Thinking, sondern auch ein Deep Talking.
Die physische Begegnung und die mündliche Interaktion sind der Beweis, dass wir echte Menschen sind – indem wir uns im wirklichen Leben mit unseren menschlichen Körpern zeigen und unsere Sprache kultivieren. Unser Körper ist der Anker, der uns umfängliche Bedeutung erkennen und empfinden lässt. Das Fundament der menschlichen Urteilskraft und des kritischen Denkens.
Um diese zwischenmenschlichen Potenziale für eine positive Gestaltung der Gesellschaft zu erschließen, braucht es einen Bewusstseinswandel auf allen Ebenen. Im Bildungskontext erfordert dies zum Beispiel einen viel stärkeren Fokus auf „Human only“-Tätigkeiten und -Kompetenzen wie Kreativität, Imagination, Empathie, Wertebewusstsein, Emotionen, Intuition, Mitgefühl. Auf alles, was komplementär zur maschinellen Hypereffizienz ist – und klug angewandt durchaus von ihr unterstützt werden kann. Dies sind die wahren Future Skills.
In einer hypertechnisierten Realität, die zunehmend von KI durchdrungen ist, werden informelle Sprechakte mehr denn je unsere Menschlichkeit signalisieren. Immer deutlicher zeigt sich: Die Welt der kreativen sprachlichen Eigenheiten, der Dialekte, Memes, Jargons und Neologismen ist der genuine Bereich des Menschen.
Unter den neuen Vorzeichen der Vernetzung werden wir zurückkehren zu den oralen Anfängen der gesellschaftlichen Evolution. Zu dem, was einzigartig und wahrhaft menschlich ist: dem gesprochenen Wort.