– Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.
von Matthias Horx
3. November 2025
Wir stecken mitten in der Omnikrise. Viele Menschen erleben ein Weltgefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust. Die äußere Welt scheint unveränderbar, starr und gefährlich. Und Fortschritt so gut wie unmöglich. Umso dringlicher brauchen wir deshalb einen Fortschritt in der inneren Welt: eine Weiterentwicklung unserer mentalen und emotionalen Muster.
Dieses Projekt der Selbstveränderung zielt nicht darauf ab, das Leiden der Welt zu leugnen. Sondern: die eigenen Emotionen kennenzulernen und emotionale Intelligenz zu entwickeln. Eine neue Position von Reife, Weisheit und (Selbst-)Verantwortung, die ansteckend wirkt.
Das Spektrum für diese inneren Transformationsprozesse ist bereits breit aufgefächert. Es reicht von der existenziellen Psychologie über die Achtsamkeits- und Yogakulturen bis hin zu den Self-Care- und Mental-Health-Therapien. Von der postchristlichen Spiritualität über die praktische Philosophie bis zu Sinnfindungsprogrammen im Stil von Empowerment und Persönlichkeitscoaching.
Die Bewegung der Innenwendung sucht dabei nicht nur Innerlichkeit, sondern eine menschliche Entwicklung in den Dimensionen der Verbundenheit. Die Introspektion dient also einem größeren, universellen Ziel: der (Wieder-)Ermöglichung einer besseren Zukunft im Außen. Dafür ist es nötig, die Innenbezirke des Mind zu durchschreiten.
Der mächtigste psychosoziale Megatrend der Moderne ist zweifelsohne die Individualisierung. Im Laufe der Wohlstandsentwicklung sind wir immer mehr zu „Ichlingen“ geworden: ganz spezielle Menschen, mit niemand anderem zu vergleichen. Es gibt keinen Film, keinen Roman, kein modernes Narrativ der vergangenen 50 Jahre, das uns diese Botschaft nicht immer wieder eingeimpft hätte. Sei du selbst! Sei frei! Sei anders, kritisch, eigensinnig! Kämpfe für deine Rechte! Pass dich nicht an! Geh deinen eigenen Weg!
Doch irgendetwas ist im vehementen Prozess der Ichwerdung schiefgegangen. Der individuelle Mensch ist zwar zunehmend frei – von allen Zwängen und aller Moral, von den Einengungen des Muss und Darf. Von der Zwangsjacke der Traditionen. Doch zugleich ist er über sich selbst hinausgewachsen – ins Haltlose.
Viele sind heute überfordert von Ansprüchen und Selbstansprüchen, die niemals eingelöst werden können. Wir sind Getriebene von Erwartungen und Konstrukten, die sich immer wieder als Blendungen herausstellen. Wir drücken uns immerzu vor Verantwortungen – und maßen uns gleichzeitig alle Forderungen an.
Das dominante Gefühl unserer Zeit ist die Egomotion, die selbstzentrierte Emotion. Die zentrale Frage lautet nicht: Wer bin ich? Sondern: Wie wirke ich? Überall wirkt das triumphale Ich, das alles kann und will. Oder das klagende, beharrende Ich, das seine Sichtweise, seine emotionalen Ansprüche durchsetzen will. Weil es sich nicht gesehen fühlt. Die Entsprechung auf der politischen Ebene ist Donald Trump, ein wütender Egomane, der offenbar die Erwartungen vieler Wähler:innen repräsentiert.
Die Gesellschaftskrise unserer Zeit hat mit einem Mangel an Erwachsenwerden zu tun. Wir leben in einer Zeit der Unreife. Zu viele Menschen bleiben in regressiven Lebenshaltungen stecken. Die Balance aus Ich und Wir, die Basis für die Moderation des Gesellschaftlichen, ist fragil geworden.
Der verbreitete Mangel an Selbstwissen ist eines der größten Gegenwartsprobleme. In einer hoch individualisierten Gesellschaft haben die meisten Menschen keine Ahnung von sich selbst. Sie sind selbstblind.
Die erste Aufklärung, die um 1700 in Europa begann, versuchte die äußere Welt ins Konkrete, Logische und Verständliche zu bringen. Der rationale Verstand war der Ausgangspunkt für eine Revolution des Bewusstseins, die uns das materialistische Weltbild bescherte. Lange Zeit wirkte diese Hinwendung segensreich.
Heute stehen wir an einem Punkt, an dem wir mit rein rationaler Weltbeschreibung Schiffbruch erleiden. Ein Grund ist die ungeheure Aufblähung des hypermedialen Sektors, der uns die Welt in unendlichen Fraktalen und Widersprüchen spiegelt. Ein Spiegelkabinett, in dem wir uns verirren. Deshalb brauchen wir eine zweite Aufklärung, die – zunächst – den Weg ins Innere geht.
Dieser Weg führt an Dämonen vorbei. An Paradoxien, die von den Religionen nur scheinbar aufgelöst wurden. Das Paradox von Leiden und Glück. Von Sterblichkeit und Überzeitlichkeit. Von Ich und Wir.
Wir brauchen eine zweite Aufklärung, die – zunächst – den Weg ins Innere geht.
Die Kognitionspsychologie lehrt uns, dass wir die Welt nicht wirklich „erkennen“ können, im Sinne eines exakten Abbildes der Realität. Die Realität ist zu komplex, zu „unwahrscheinlich“, um in unseren Kopf zu passen. Wirklichkeit ist immer ein Konstrukt unseres Geistes, der die Zukunft unablässig „voraussagt“, geprägt von Fantasien, Wünschen, Projektionen. Wir scheinen geistig frei, aber sind doch immer das Produkt der kulturellen und mentalen Muster, in die wir hineingewachsen sind.
Der innere Weg riskiert, diese Zusammenhänge aufzulösen. Er wagt, sich ganz hinauszulehnen aus den Konstrukten. Neu anzufangen, neu geboren zu werden. Im geistigen Wachstum erzeugen wir eine neue Wirklichkeit. Dazu braucht man keine Drogen. Sondern „nur“ den Mut, neu anzufangen. Im Wunsch nach Wahrheit und Wirklichkeit, auch nach innen.
Zuallererst geht es darum, ruhig zu werden in unserer rasenden Zeit. Das ist eine schier unmögliche Aufgabe: Wir leben in einer atemlosen Gegenwart, einer Zappelphilipp-Kultur, die von Hysterien getrieben ist und uns mit Aufmerksamkeitsmüll zuschüttet. Innerhalb dieser Matrix der Weltüberforderung gibt es kein Entkommen.
Beim Ruhigwerden helfen fernöstliche Denkweisen, Philosophien und Praktiken, die sich schon seit Jahrzehnten in den individualistischen Kulturen verbreiten. Meditation und die verschiedenen Varianten des Yoga sind heute in den westlichen Gesellschaften verbreitete Kulturtechniken. Sie bilden ein Gegengewicht zum permanenten Steigerungs- und Beschleunigungswahn. Allerdings werden sie bisweilen selbst zum Teil des Steigerungswahns. Es gibt schon Techno-Meditation. Und Turbo-Yoga.
Ruhigwerden, das bedeutet, die innere Konstellation zu verändern, mit der mein Ich mit mir selbst und meiner Umwelt kommuniziert. In der Ära der Hyperdigitalität, in die wir nun zunehmend hineinwachsen, wird die Frage des „klaren Verstandes“ zentral. Das überdrehende Informationszeitalter erzwingt ein Level-up unserer Fähigkeit, mit Informationen, Emotionen und Realitäten ordnend und gleichzeitig konstruktiv umzugehen. Deshalb gehört zum Self-Change immer auch ein Change of Mind. Ein neuer Modus, die Dinge in unserem Kopf zu bewegen.
Im Meer der Lebenshilfe-, Self-Change- und Mental-Health-Angebote hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Netzwerkorganisation mit Bewegungscharakter herauskristallisiert: die internationale Initiative der „Inner Development Goals“ (IDG). „Wir glauben, dass die innere Entwicklung von Natur aus kollektiv, systemisch, multidimensional, nicht-linear, komplex, emergent und chaotisch ist“, heißt es auf der Website.
Die IDG-Initiative veranstaltet jedes Jahr einen spektakulären Kongress in Stockholm. Protagonist:innen sind unter anderem:
Und auch Jon Kabat-Zinn, der Begründer der Achtsamkeitsbewegung, schwirrt um das Projekt herum. Gesprochen wird hier nicht nur die Sprache der Individualpsychologie, sondern auch der Systemforschung, der „mentalen Kybernetik“ und der Humanistischen Psychologie, die nicht nur das eigene Seelenheil, sondern immer auch die soziale Balance sucht.
Das IDG-Netzwerk wirkt bis in die neuen Unternehmenskulturen hinein, in denen Transformationsprogramme zum Teil der wirtschaftlichen Praxis geworden sind. Die fünf großen Ziele der inneren Entwicklung beziehen sich auch auf gesellschaftliche, ökologische und globale Fragen. Analog zu den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen ergibt sich so eine Kartografie der seelisch-geistigen Entwicklungsmöglichkeiten.

Das Motto der IDG-Konferenz 2025 lautete „Bridging Polarities – From Inner Growth to Outer Change“. Das Projekt will Wechselwirkung mit der Gesellschaft erzeugen. Vom Innen ins Außen – und wieder zurück. Im Kern steht die Überzeugung, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit nur zu meistern sind, wenn wir eine neue innere Haltung entwickeln und lernen, sie positiv zu nutzen. Die IDG-Initiative scheint sich zu einem Kern der Human-Upgrading-Bewegung zu entwickeln, dem es gelingt, die Fallstricke des kommerziellen Coaching- und Therapie-Marktes größtenteils zu umgehen. Selbstveränderung soll keine elitäre Selbstbeschäftigung sein, sondern ein Beitrag zur Welt. Ein humanes Grundrecht.

Wie wir die Zukunfts-Resignation überwinden und ein neues Zeitgefühl kultivieren.
– Ein Auszug aus dem Buch „Radikale Zuversicht: Ein Handbuch für Krisenzeiten.“
von Lena Papasabbas
Illustration: Julian Horx
24. Oktober 2025
Verlust ist ein prägendes Lebensgefühl unserer Zeit.
Verlust von Kontrolle, von Normalität, von Sicherheiten … vor allem aber: Verlust von Zukunft.
Wir wissen nicht mehr so recht, wo es eigentlich hingehen soll. Die einzigen, die noch Visionen haben, sind scheinbar rechte Tech-Milliardäre, die ihre Zukunftsvisionen mit wachsender politischer Macht durchsetzen, während sie nebenbei das Internet in eine Konsum-Maximierungs- und Ideologie-Maschine umbauen.
Wir stehen diesen Entwicklungen scheinbar wehrlos gegenüber. Alternative Zukunftsnarrative sind Mangelware. Doch viel dringender als konkrete Zukunftsbilder, die inhaltlich zu unseren Werten passen, brauchen wir eine bestimmte Haltung zur Zukunft, die uns über die aktuelle Krise hinausblicken lässt.
Denn eins lässt sich mit Sicherheit sagen: Die Zukunftsvisionen, die Tech-Milliardäre erdacht, entworfen, berechnet und erträumt haben, werden sich nicht in der Weise bewahrheiten. Wir dürfen darauf vertrauen, dass die Zukunft, die sich bisher zuverlässig jeder Prognose entzogen hat, auch weiterhin unvorhersehbar bleibt – und ganz anders wird als gedacht. Sie wird nicht so werden, wie von den Musks und Thiels dieser Welt gerade geplant wird. Wie die Zukunft stattdessen aussehen könnte, daran versuchen wir uns mit unseren Modellen anzunähern.
Wie genau diese Zukunft aussieht, die da auf uns zukommt, die wir also im Außen verorten, hängt essentiell davon ab, welche Haltung wir im Inneren zur Zukunft pflegen. Wir können passiv darauf hoffen, dass alles besser wird. Oder wir können aktiv anfangen, radikale Zuversicht zu kultivieren.

Die Zuversicht ist mit der Hoffnung verwandt, nimmt die Zukunft aber nicht als etwas wahr, das einem passiert, sondern als etwas, an dem man aktiv teilhat. Es gibt einen kleinen, feinen Unterschied: Hoffen wir darauf, dass alles gut wird? Oder sind wir zuversichtlich, dass wir mit dem, was kommt, gut umgehen können? Zuversicht speist sich aus dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen, um das Leben aktiv zu gestalten.
Radikale Zuversicht ist eine Haltung, die nicht durch konkrete Zukunftsbilder getragen wird, sondern durch das Vertrauen auf ein noch nicht vorstellbares Kommende.
Eine Zukunft also, die über das gerade Bekannte und Mögliche hinausgeht – so war es bisher immer in der Menschheitsgeschichte. Unsere Gegenwart mit Flugzeugen, Internet und Frauenwahlrecht war noch vor 200 Jahren eine unvorstellbare, unmögliche und unerreichbare Träumerei.
Radikale Zuversicht richtet sich also auf eine Zukunft, für die unsere aktuellen Konzepte und Begriffe noch nicht ausreichen, um sie begreifen zu können. Aber, wie es die Zukunft so an sich hat, können wir sie hier und da schon erspüren. Vielleicht in der Kindness-Bewegung, die seit vielen Jahren leise und liebevoll vor sich hin wächst, in der kollektiven Sinnsuche ganzer Generationen, die die Frage nach dem Sinn der Wirtschaft neu stellen, in der unendlichen Nachfrage an Coaching und Rat zur inneren Reifung, in dem Aufstieg von fast vergessenen Tugenden wie Achtsamkeit und Dankbarkeit und in den Biografien von Menschen, die am Höhepunkt ihrer Karriere vom Banker zum Bäcker wechseln …
Diese Zeichen können wir leicht übersehen. Unsere Filter sind auf Untergang eingestellt: Gewalt, Krise, Katastrophe. Doch Newsportale sind Zerrbilder der Realität. Auf dem Screen sind Menschen Monster, die sich gegenseitig und ihre Umwelt zerstören. Doch heben wir einmal den Blick vom Bildschirm und blicken nach links und nach rechts, stellen wir fest: Die meisten Menschen sind eigentlich ganz ok. Viele Menschen haben keine Lust mehr auf den ständigen Untergangsmodus. Um nicht zu resignieren, müssen wir einen neuen Blick auf die Welt kultivieren. Der uns erlaubt die ganze Vielfalt der Möglichkeiten wahrzunehmen.
Diese Haltung brauchen wir, nicht nur um nicht in Nostalgie oder rückwärtsgewandten Ideologien zu verfallen, sondern um aus der Resignation und Erschöpfung rauszukommen. Zukunft betrifft uns schließlich alle.
Wir brauchen eine Haltung zur Welt, die weder das Negative ausblendet, noch sich von Angst überwältigen lässt, die dem Träumen, Sehnen und Freuen genauso viel Raum gibt wie dem Fürchten und Wüten. Ein Denken, das Fantasie und Kreativität zurück in die Zukunft bringt, und sich nicht nur auf die kalten Berechnungen der Künstlichen Intelligenz verlässt.
Im Kern steht eine geistige Beweglichkeit, die uns befreit von den Zwängen der unmittelbaren Gegenwart. Von eingeschliffenen Denkgewohnheiten. Dem Korsett der eingeübten Weltwahrnehmung. Radikale Zuversicht erlaubt uns einen konstruktiven, vielleicht sogar liebevollen Umgang mit einer komplexen Welt. Diese Haltung gewinnt man nicht von heute auf morgen. Aber: Sie lässt sich üben.

Wer sich ständig über „die Politik“, die Chefin oder die Deutsche Bahn aufregt, vergisst zum einen, wie enorm privilegiert wir sind und macht sich zum anderen zum hilflosen Opfer. Selbstwirksamkeit beginnt mit einer radikalen Akzeptanz dessen, was gerade ist.
Wie viele Probleme unserer Zeit entstehen aus gekränkten (Männer-)Egos? Der beste Trick gegen Narzissmus: Sich selbst nicht so ernst nehmen! Wenn wir es schaffen, mit entwaffnender Ehrlichkeit und liebevoller Ironie auf unsere eigene Fehlbarkeit zu reagieren, werden wir unangreifbar für unsere (inneren) Kritiker.
Unser Gehirn mag klare Kategorien: Mann oder Frau, Körper oder Geist, „normal“ oder „verrückt“. Aber das sind nur Modelle von der Welt, nicht die Realität. Je mehr wir aufhören, die Welt in Schubladen aufzuräumen, desto interessanter, bunter und schließlich auch entspannter wird es.
Das neueste iPhone, die neuste KI-App, das neueste Tesla-Modell, der neuste Tracking-Ring… Technologien sollen unser Leben besser machen. Doch wir haben verlernt, das Neue vom Besseren zu unterscheiden! Die wirklich wichtigen Innovationsfelder der Zukunft liegen weder im Hightech noch auf dem Mars – sondern in der Krankenpflege, im Bildungswesen, im funktionierenden Zusammenleben.
Moderne Menschen leben fast nur noch in ihrem Kopf. Dabei sind wir eigentlich mit der Fähigkeit, ganz im Moment zu sein, auf die Welt gekommen: Wenn ein Kind ein Eis isst, ist es mit allen Sinnen dabei – heute machen wir erstmal ein Bild für Insta. Um wieder ins Hier und Jetzt kommen, brauchen wir keine Mediations-App oder Achtsamkeits-Coaches, sondern ein simples: Zurück zur Sinnlichkeit!
Viele Menschen glauben, einen objektiven Zugang zur Realität zu haben, doch tatsächlich ist unser Blick auf die Wirklichkeit stets verzerrt von unseren subjektiven Filtern, Erfahrungen und Vorannahmen. Diese Erkenntnis hilft enorm, sich nicht in sinnlosen Symbolkämpfen mit Andersdenkenden zu verzetteln und sich auf das konzentrieren, was wirklich zählt: Gemeinsame Werte!
Unsere Gesellschaft ist dem Wahn der Selbstoptimierung verfallen. Wer es nicht schafft, tiefenentspannt, produktiv und glücklich zu sein, hat nur nicht hart genug an sich gearbeitet. Doch in Wirklichkeit ist unsere Wirkmacht begrenzt. Oft stimmen einfach die Bedingungen nicht, egal wie hart wir an uns arbeiten. Da hilft die Erkenntnis: Du bist nicht schuld!
Angst lähmt. Wer davon ausgeht, dass die Welt untergeht, tut nichts mehr dafür, dass sie besser wird. Obwohl wir jeden Tag mit schlechten Nachrichten überflutet werden, herrscht direkt vor unserer Haustüre Ruhe und Frieden. Trauen wir uns, das Elend der Welt einmal loszulassen und das Gute bewusst zu suchen, entsteht neue Kraft und Ideen die Zukunft zu gestalten.
Das letzte Zeitalter, in dessen Ausläufern wir leben, ist ein sehr rationalistisches Zeitalter. Das hat viele Vorteile. Aber wenn Wissenschaft, Daten und Ratio, Religion, Spiritualität und Emotion vollständig ersetzen, stirbt menschliche Kreativität und Vorstellungskraft. Um das neue Zeitalter zu imaginieren, brauchen wir wieder ein bisschen Zauber, Schwärmerei, Magie und: Romantik!

5. Mai 2025
Die geopolitischen Verschiebungen der vergangenen Monate und Jahre haben Europa in eine Phase struktureller Unsicherheit geführt – und zugleich für seltene analytische Klarheit gesorgt. Die Entscheidung der USA, ein Rohstoffabkommen mit der Ukraine zu schließen, markiert eine Zäsur im transatlantischen Verhältnis. Der exklusive Zugriff auf kritische Ressourcen und ein gemeinsamer Wiederaufbaufonds werfen grundsätzliche Fragen zur Rolle Europas in der Weltordnung auf.
Für Deutschland und die EU entsteht daraus nicht nur sicherheitspolitischer Handlungsdruck: Es eröffnet sich auch die Chance, eigene strategische Interessen selbstbewusst zu formulieren – ein Schritt, der das europäische Selbstverständnis neu definiert.
Gerade für Deutschland ist der Bruch mit den USA nicht nur strategisch, sondern auch emotional tiefgreifend. Über Jahrzehnte waren die Vereinigten Staaten sicherheitspolitischer Garant und kulturelles Leitbild, vom Marshallplan bis zur Westbindung der Bundesrepublik. Diese Verlässlichkeit wurde lange als selbstverständlich betrachtet. Doch mit dem geopolitischen Fokus der USA auf den Indopazifik, wachsender innenpolitischer Polarisierung und schwindender Bereitschaft zu multilateraler Bindung zeigt sich: Europa kann sich nicht länger auf Amerika stützen.
Der Verlust dieses Bezugsrahmens hinterlässt ein kulturelles und politisches Vakuum. Deutschland muss sich neu verorten – normativ, strategisch und gesellschaftlich. Diese Destabilisierung ist zugleich eine Chance: für einen Reifeprozess, der Verantwortung nicht als Last, sondern als Gestaltungsmacht versteht. Das erfordert nicht nur außenpolitische Instrumente, sondern auch eine breite Debatte über Europas Rolle in einer konfliktreichen, multipolaren Welt. Das Friedensprojekt Europa braucht ein Update – als wertebasierte, aber strategisch orientierte Ordnungskraft im 21. Jahrhundert.
Die wirtschafts- und finanzpolitischen Beschlüsse vom März diesen Jahres, getragen von einer verfassungsändernden Mehrheit in Bundestag und Bundesrat, markieren einen tiefgreifenden Kurswechsel: Die Schuldenbremse wird gelockert, massive Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung, Bildung und Verteidigung angekündigt. Damit verabschiedet sich Deutschland von der lange dominierenden Austeritätspolitik und bekennt sich zu einem aktiven, investierenden Staat in geopolitisch unsicheren Zeiten. Diese Maßnahmen sind mehr als haushaltspolitische Anpassungen – sie zeigen den Willen, Deutschlands Rolle im internationalen System neu zu definieren. Auch auf europäischer Ebene wird dieser Richtungswechsel als Zeichen wachsender Gestaltungsfähigkeit wahrgenommen.
Im Inneren deutet sich ein Paradigmenwechsel an: weg vom reaktiven Staat hin zu einem gestaltenden Akteur, der strukturelle Schwächen adressiert und Zukunftsfähigkeit durch strategische Investitionen sichert. Das eröffnet Chancen für eine neue deutsche Führungsrolle – vorausgesetzt, sie wird europäisch eingebettet. Nur durch koordinierte Investitionen, gemeinsame Industriepolitik und institutionelle Reform kann eine solche Rolle integrativ wirken. Der Green Deal, die Sicherheitsunion und die Reform des Stabilitätspakts sind zentrale Hebel für ein strategisch handlungsfähiges Europa – und Deutschland muss bereit sein, hier politische Initiative zu zeigen.
Strategische Autonomie ist seit Jahren Teil des europäischen Diskurses – ihre konkrete Umsetzung ist jedoch noch schwach ausgeprägt. Trotz hoher Verteidigungsausgaben fehlen der EU zentrale Strukturen: eine gemeinsame Eingreiftruppe, abgestimmte Rüstungsprojekte, vernetzte Nachrichtendienste und eine schlagkräftige Cyberabwehr. Projekte wie der digitale Euro oder die europäische Raumfahrtpolitik setzen wichtige Impulse, bleiben aber bislang isolierte Vorstöße.
Autonomie darf jedoch nicht rein institutionell gedacht werden. Eine zentrale Herausforderung liegt in der Abwehr hybrider Bedrohungen – vor allem aus Russland. Desinformation, Cyberangriffe und gezielte Sabotage gehören längst zum Arsenal dieser Einflussnahme. Kampagnen wie „Doppelgänger“, die mit gefälschten Medien Vertrauen und politische Stabilität untergraben sollen, verdeutlichen das Ausmaß. Deutsche Sicherheitsbehörden sprechen von einer dauerhaften Bedrohungslage.
Auch physische Angriffe auf Infrastrukturen – etwa auf Bahnlinien oder Energienetze – sind Teil einer Strategie, Europas Handlungsfähigkeit gezielt zu unterminieren. Der hybride Krieg ist Realität – und findet auf europäischem Boden statt. Strategische Autonomie heißt daher auch: Aufbau einer Sicherheitskultur, die digitale wie physische Angriffe ernst nimmt, demokratische Resilienz stärkt und Desinformation als sicherheitspolitische Herausforderung anerkennt.
Die gegenwärtigen geopolitischen und gesellschaftlichen Umbrüche spiegeln ein tiefer liegendes zivilisatorisches Muster wider. In seinem Buch 2024 erschienenen Buch „Verlust“ beschreibt der Soziologe Andreas Reckwitz die Ambivalenz der Moderne: Fortschritt, Innovation und Beschleunigung gehen mit dem Verlust von Stabilität, Tradition und kultureller Verankerung einher. Je dynamischer Gesellschaften werden, desto mehr geraten Routinen und Sicherheiten ins Wanken – Fortschritt bringt auch Entfremdung.
Diese Dynamik trifft heute besonders auf die geopolitische Ordnung zu. Jahrzehntelang garantierten Allianzen und internationale Normen ein Gefühl der Sicherheit – doch diese Ordnungen verlieren an Bindungskraft. Der Westen als Bezugsrahmen wirkt brüchig, der Verlust betrifft nicht nur Institutionen, sondern auch kollektive Orientierung.
Reckwitz fordert eine „Reparatur der Moderne“ – keinen Rückzug in die Nostalgie, sondern die bewusste Entwicklung von Strategien, um Unsicherheit zu bewältigen. Resilienz wird so zur Schlüsselkompetenz moderner Ordnungspolitik: nicht als Vermeidung von Krisen, sondern als Fähigkeit, mit ihnen produktiv umzugehen. Für Europa heißt das: Es geht nicht um die Rückkehr zu Blocklogiken, sondern um den Aufbau einer kooperationsfähigen, multipolaren Ordnung. Resilienz betrifft nicht nur Sicherheit und Wirtschaft, sondern auch Bildung, Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine demokratische Ordnung muss Fragmentierung aushalten können – ohne ihre Integrationskraft zu verlieren. Verlust wird so zum Ausgangspunkt eines neuen, anpassungsfähigen Selbstverständnisses.
Vor dem Hintergrund all dieser Umbrüche und „Verluste“ stehen Europa strategische und normative Zukunftsfragen ins Haus – weit über institutionelle Reformen hinaus. Gefragt ist politische Intelligenz im Umgang mit Unsicherheit, Machtverschiebungen und ökologischen Grenzen. Drei Leitfragen stechen dabei hervor:
Weitere Themen drängen: Wie schützen wir demokratische Prozesse im Zeitalter Künstlicher Intelligenz? Wie behaupten wir ökologische Transformation unter geopolitischem Druck? Und wie ersetzen wir das Wachstumsdogma durch nachhaltige Wohlstandsmodelle? Diese Fragen verlangen nach einem konflikttoleranten, interdisziplinären Politikstil. Und nach einer öffentlichen Kultur, die politische Differenz nicht als Gefahr, sondern als demokratische Ressource versteht.
Fest steht: Europas Zukunft entscheidet sich nicht allein in Verträgen – sondern im Mut, die großen Fragen unserer Zeit neu zu stellen.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Die Metastudie zur Omnikrise analysiert die verschiedenen Krisen unserer Zeit – und schaut „Beyond Crisis“: auf das, was nach den Krisen kommt. Denn der Epochenwandel braucht konstruktive Bilder von der Zukunft, um zu gelingen.
Krisen, Kriege, Katastrophen überall … Warum geht es scheinbar mit der Zivilisation den Bach runter? Ein Grund für dieses erschöpfende Jahrzehnt ist, dass wir uns mitten in einem Epochenwandel befinden!
– Ein Auszug aus dem Buch „Radikale Zuversicht: Ein Handbuch für Krisenzeiten.“
von Lena Papasabbas
Illustration: Julian Horx
4. April 2025
Das Industriezeitalter stirbt und das nächste Zeitalter ist noch nicht geboren. Keine angenehme Phase, zugegeben. Es ist eine Zeit der Krisen, der Kriege, der Umbrüche, der wegbröckelnden Normalitäten: Die fossile Wirtschaft neigt sich dem Ende zu, das Wachstumsparadigma stößt an seine Grenzen, Geschlechterrollen und ihre einst Struktur-gebende Funktion verschwimmen, das System der Nationalstaaten gerät ins Straucheln. Und neben allem anderen mischen digitale Technologien unseren Alltag, unsere Beziehungen und unsere Arbeitswelt weiter auf.
Alte Wahrheiten und Logiken funktionieren nicht mehr, ohne dass das neue Normal schon Kontur angenommen hat.
Doch die gute Nachricht ist: Ein neues Zeitalter steht vor der Tür. Und nicht selten bedeutet ein Epochenwandel einen kulturellen Evolutionssprung. Jetzt ist es an uns, diese Zukunft aktiv zu gestalten. Dafür müssen wir bei uns selbst anfangen. Denn nur wenn wir an eine bessere Zukunft glauben, können wir den Wandel in unserem Sinne gestalten.

Zuversicht ist unverzichtbar, um als Individuum und als Gesellschaft zu wachsen. Und sie ist die Basis von Zufriedenheit und Lebensqualität. Die Wirkung von Vorfreude, der kleinen Schwester von Zuversicht, ist gut erforscht. Sie wirkt, als würde das Gehirn von einem gewaltigen Cocktail an Drogen überflutet. Vor allem der Botenstoff Dopamin sorgt für gute Laune, Antrieb und Motivation. So kann die freudige Erwartung des anstehenden Urlaubs einen zur beruflichen Höchstleistungen animieren. Inzwischen ist belegt, dass Vorfreude sogar Stresshormone im Körper vermindert. Zuversicht stabilisiert also nicht nur die Laune, sondern auch die Gesundheit. Umgekehrt macht Pessimismus gestresst, müde und übellaunig.
„‚Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen‘, sagte der Fuchs. ‚Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen.‘“
– Antoine de Saint-Exupéry

Nicht nur das Mental Wellbeing des Einzelnen steht auf dem Spiel. Auch wie Gesellschaften funktionieren – oder eben nicht funktionieren – ist unmittelbar mit unserer Vorstellung von Zukunft verknüpft. Zukunftsangst ist die treibende Kraft für Populismus, Hass und Gewalt. Die geteilte Vision einer besseren Zukunft ist der Motor für Revolutionen, Aktivismus und Engagement.
Diese zwei Triebkräfte können über die kulturelle Evolution einer ganzen Gesellschaft bestimmen. Die anhaltende Rebellion der iranischen Bevölkerung gegen ihr Regime zeigt eindrücklich, welche Macht ein geteiltes Bild von einer besseren Zukunft entfalten kann. Trotz unmenschlicher Repressionen, überfüllter Foltergefängnisse und drohender Todesstrafe setzen sich Menschen für mehr Gleichberechtigung und Selbstbestimmung ein. Der Glaube an eine mögliche, bessere Zukunft ist der größte Feind der Diktatoren und Autokraten.
Doch genauso stark wirkt sich das Fehlen von Zuversicht aus. Der Siegeszug von AfD, Trump und anderen Rechtspopulist:innen fußt auf Zukunftsangst. Nur wer mit Sorge ans Morgen denkt, fühlt sich von den rückwärtsgewandten „Great again“-Ideologien angezogen. Ohne Zuversicht kein Fortschritt.
Erst Zuversicht macht Menschen gut.

von The Future:Project
28. August 2024
Kriege, Polarisierung, Hasskultur, Klimakrise. Die Zukunft sieht ganz schön düster aus. Manchmal fragen wir uns, kann eigentlich noch irgendwas die Zukunft retten? Wie ist das alles nur möglich, was uns jeden Tag verunsichert, ängstigt, irritiert, fertig macht?
Aber dann kippt etwas – und zwar innerhalb weniger Tage, wie zuletzt im US-amerikanischen Wahlkampf. Man nennt das einen „Semantic Shift“: Plötzlich sind Bedeutungen, die milliardenfach durch die Medien gegangen sind und sich in Abermillionen von Hirnen eingespeichert haben (Trump ist gefährlich, wir müssen uns fürchten, die Demokratie ist verloren, die Bösen gewinnen, man kann sowieso nichts machen…) umcodiert worden.
Manchmal ist ein einziges Wort entscheidend, um diesen Tipping Point herzustellen. Weird. Durch diese Vokabel erscheint Trump plötzlich nicht mehr als der dämonische Deutungsmächtige, Gefährliche, Unaufhaltbare. Sondern als der verrückte alte Narzisst, der er tatsächlich ist. Nicht für alle, aber für immer mehr Menschen findet hier ein Abschied vom Dämonischen statt. Und das ist mit viel Lachen und Freude verbunden.
Zuständig für diese erstaunliche Wandlung ist eine Zukunfts-Kraft, die sich spontan bilden kann, auch und gerade in einer Zeit der Omnikrise: Die Zuversicht. Während Hoffnung wartet, dass irgendwo „von oben” Erlösung kommt, ist die Zuversicht offen für das Staunen. Und im Staunen verwandeln wir uns selbst.
Momentum. Das ist ein Moment, in dem sich die Dinge neu, zum Zukünftigen hin, zusammenfügen. In der Systemforschung nennt man das Emergenz. Die überraschende Fähigkeit von Individuen, Gruppen, Gesellschaften, Organisationen, Kulturen, sich plötzlich spontan und kreativ zu verwandeln. Man kann die Welt zum Leuchten bringen, wenn man ihre in die Zukunft gerichtete Komplexität versteht. Wie der Komplexitätsforscher Neil Theise, Professor für Pathologie, Zen-Schüler und Pionier auf dem Gebiet der Plastizität adulter Stammzellen, in seinem Buch „Notes on Complexity” formulierte: „Komplexität hat das Potential, die ganze Welt von einer Wolke der Möglichkeiten in eine andere zu schieben.”
Um unser inneres Zukunftsmomentum zu finden, sollten wir zunächst unsere Mediengewohnheiten überprüfen. Was lesen wir, was sehen wir, was nehmen wir von der großen Welt um uns herum tatsächlich wahr? In einer Zeit, in der die Medien zu Verstärkern von Erregungen geworden sind, ist das eine entscheidende Frage. Wir alle leben inzwischen in einer kognitiven Blase, in der das Negative, Unlösbare überwiegt, einfach weil es mehr Aufmerksamkeit erregt. Das heißt nicht, dass das Schlechte nicht existiert. Aber wir werden es nur vom Besseren aus verändern können.
Das Gelingende wird ausgeblendet. Aber steht es wirklich so schlecht um unsere Welt? Geht wirklich alles den Bach herunter, auf unserem Planeten? Wir haben eine kleine Auswahl von Zuversichten zusammengestellt: Narrative, Fakten, Trends und Geschichten über unsere Welt, in denen das Bessere aufscheint. Das Momentum, in dem die Welt sich verwandelt.
1. Die Wale kehren zurück
Nach Jahrzehnten des Walfangs erholen sich die Bestände vieler Walarten wieder. Besonders erfreulich ist die Nachricht, dass die Population der Buckelwale in der Cumberland Bay auf den Südgeorgischen Inseln fast wieder auf das Niveau von 1904 angestiegen ist. Diese Entwicklung zeigt, dass Naturschutzmaßnahmen tatsächlich wirken und die Natur sich erholen kann. Ein Wal bindet während seines Lebens die gleiche Menge Kohlenstoff wie tausend Bäume. Das heißt, durch die Wiederherstellung der Walpopulation kann auch das Ökosystem der Meere wiederhergestellt und die Folgen des Klimawandels abgemildert werden.
Die Kosten für Solarenergie sind in den letzten Jahren dramatisch gesunken – allein von 2010 bis 2022 um fast 90 Prozent. Dies hat die Solarenergie zur günstigsten Stromquelle weltweit gemacht. Länder wie China, die USA und Indien investieren massiv in erneuerbare Energien, was den globalen CO2-Ausstoß langfristig reduzieren könnte.
Die Alphabetisierungsrate weltweit ist beeindruckend gestiegen. 1980 konnten etwa 68 Prozent der Weltbevölkerung lesen und schreiben, heute sind es 87 Prozent. Der Trend geht ganz klar in Richtung mehr Zugang zu Bildung für alle.
Dank globaler Initiativen und struktureller Veränderungen ist ein Ende des Hungers in Sicht. Organisationen wie die „World Central Kitchen“ leisten unermüdliche Arbeit, um Menschen in Not mit frischen Mahlzeiten zu versorgen. Diese und andere Maßnahmen könnten dazu führen, dass Hunger in naher Zukunft weltweit der Vergangenheit angehört.
Immer mehr Frauen sind in Parlamenten vertreten, und die Rechte queerer Menschen verbessern sich weltweit. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Anteil weiblicher Abgeordneter stetig erhöht, und zahlreiche Länder haben Gesetze verabschiedet, die die Rechte von LGBTQ+ Menschen stärken.
Wälder auf der ganzen Welt erholen sich. So gibt es heute in den USA mehr Bäume als vor 100 Jahren. Initiativen wie „Plant for the Planet“ pflanzen Millionen Bäume weltweit, was nicht nur zur Bekämpfung des Klimawandels beiträgt, sondern auch Lebensräume für unzählige Arten wiederherstellt.
Globalisierung und technologische Fortschritte haben die Welt näher zusammengebracht. Internationale Kooperationen und Initiativen fördern den Austausch von Ideen und Ressourcen, was zu einer besseren Bewältigung globaler Herausforderungen führt. In einer globalen Umfrage in 18 Ländern gab etwa die Hälfte der Befragten an, sich eher als Weltbürger:innen zu fühlen, denn als Bürger:innen ihrer Nation.
Innovative Lösungen helfen, mit extremer Hitze umzugehen. So entstehen etwa Gebäude, deren Fassaden nach dem Vorbild von Elefantenhaut gebaut werden, um die Hitze abzuhalten. In Afrika wächst ein Baumgürtel, der die Ausbreitung der Wüste aufhalten und das Klima stabilisieren soll.
Es gibt immer mehr Plattformen, die konstruktive Nachrichten verbreiten und positive Entwicklungen in den Vordergrund stellen. Portale wie „Reason to be Cheerful“ oder „Positive News“ zeigen, dass es zahlreiche Gründe gibt, optimistisch in die Zukunft zu blicken.
Welche Transformationen führen uns aus der Krise? In unserer neuen Meta-Studie „Omniskrise“ zeigen wir weitere konstruktive Wege in die nächste Gesellschaft auf.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Transformation ist das Thema unserer Zeit – und zugleich so voraussetzungsreich wie nie zuvor. Wie kann systemischer Wandel in der nächsten Gesellschaft gelingen? Ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Future:Transformation“.
27. Juni 2024
Im 21. Jahrhundert befindet sich die Weltgesellschaft im größten Umbruch seit der Industrialisierung. Der Übergang in die „nächste“, vernetzte Gesellschaft, sowie die große Transformation von der fossilen zur postfossilen Gesellschaft sind in Ausmaß und Intensität vergleichbar mit den beiden früheren fundamentalen Transformationsprozessen der Menschheitsgeschichte: der Neolithischen Revolution, die Ackerbau und Viehzucht weltweit verbreitete, und der Industriellen Revolution, die den Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft markierte.
Allerdings ist der Epochenwandel unserer Zeit auch ein historisches Novum. Resultierten die vorigen Umbrüche jeweils aus einem allmählichen evolutionären Wandel, angetrieben durch neue technologische und ökonomische Möglichkeiten, herrscht heute ein akuter Veränderungsdruck. Die Vielzahl globaler systemischer Krisenphänomene, allen voran die Klimakrise, führt in eine „Omnikrise“. Sie macht klar, dass wir die Aufgabe haben, einen fundamentalen Systemwandel zu gestalten. Deshalb ist Transformation das Thema unserer Zeit.
Zugleich sind die Startbedingungen für das Angehen dieser systemrelevanten Veränderungen heute komplexer als je zuvor. Denn die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts steht geradezu sinnbildlich für Unplanbarkeit: Die alten Vorstellungen von Eindeutigkeit und Steuerbarkeit, die noch bis ins späte 20. Jahrhundert galten, werden unter vernetzten Vorzeichen obsolet. Langfristig stabile oder verlässlich berechenbare Strukturen lösen sich auf. Die Netzwerkgesellschaft ist im Kern volatil und unsicher.

Die zentralen Zukunftsfragen lauten daher: Wie ist Transformation unter hochgradig komplexen und vernetzten Bedingungen überhaupt möglich? Und wie können wir (wieder) zu aktiven Gestalter:innen der Zukunft werden, anstatt Veränderung passiv zu erdulden oder uns reaktiv an den Wandel anzupassen?
Auch – oder sogar: gerade – unter digitalisierten Vorzeichen gilt: Transformation lebt im Kern von der Aktivierung menschlicher Vorstellungskraft. Das zentrale Tool für Transformation sind deshalb nicht Daten – denn sie können stets nur aussagen, was in Bezug auf bestimmte Parameter passieren wird. Dieses lineare Denken hilft nicht weiter, wenn es darum geht, neue Perspektiven zu eröffnen auf das, was Menschen bewirken können. Erst die Kraft der Imagination lässt Wandel zur Befreiung werden. Entscheidend für den Willen zur Veränderung, für die Lust auf Transformation, ist der Glaube an die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Und die praktische Erfahrung von Veränderung – nicht als passives Adaptieren, sondern als aktives Kreieren.
Transformation geschieht deshalb immer menschengeleitet, in Form einer erhöhten Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit. Und: nie zentral gesteuert und top-down, sondern „verstreut“. Um transformative Kräfte zu entfalten, braucht es deshalb vor allem wirksame Motive und Anregungen zum Verlassen des Status quo. Die Transformabilität (transform ability) eines Systems wird also nicht von effizient gestalteten Strukturen und Technologien bestimmt. Sondern: von richtungsweisenden Begründungen, mit denen Menschen Technologien und Institutionen kreieren, erzählen, verbreiten.
Insgesamt erfordert die Komplexität heutiger Krisen nicht weniger als einen Paradigmenwechsel in unserem Transformationsverständnis: weg von einem Denken in linearen Phasen, das im Kern noch immer der alten „Change“-Idee verhaftet ist, hin zu einem komplexeren, evolutionären Zugang, der Transformation als fortwährendes Erschaffen und Etablieren systemrelevanter Elemente und Zusammenhänge begreift.
Eine Theorie der Transformation kann nur dann zukunftsweisend sein, wenn sie Veränderung als nichtlinearen Verlauf versteht, in dem der Auf- und Ausbau des Neuen stets parallel zum Bewahren und Verabschieden des Alten entwickelt wird. Wandel ist also immer ein Lernprozess, der auch das Ver-lernen beinhaltet: das Verabschieden von Denk- und Handlungsweisen, die sich nicht (mehr) bewähren. In diesem Sinne ist transformatives Lernen immer Erfahrungslernen. Es folgt keinem vermeintlich perfekten Plan, sondern oszilliert permanent zwischen Noch-nicht-ganz-Verstehen, Etwas-besser-Verstehen und Weiter-Probieren.
Die Grundlage für dieses dynamisch-nichtlineare Verständnis von Veränderung ist ein Transformation Mindset, das Wandel als Konstante betrachtet – und immer auch als Chance. Diese Perspektive prägt auch das Transformationsmodell des Future:Project, das Wheel of Transformation.

Wir stecken mitten in der Krise, sogar in der Omnikrise: das heißt, die verschiedenen Krisen unserer Zeit überlappen und verbinden sich zu einem komplexen, unübersichtlichen Geflecht. Anders gesagt: Das System krankt im Ganzen. Der Grund dafür ist ein Epochenwandel: Wir befinden uns als Gesellschaft in der unangenehmen Übergangsphase zwischen zwei Zeitaltern.
von Lena Papasabbas
23. April 2024
Das alte Normal löst sich auf, und das neue Normal ist nur eine leise Vorahnung am Horizont. Zu viel Wandel auf einmal wirkt lähmend. Deshalb fühlen sich so viele Menschen gerade so unheimlich erschöpft. Wir befinden uns in einem kollektiven Veränderungs-Burnout. Rückzug und Nostalgie wirken attraktiv, als Ausweg, sich einfach von der anstrengenden Welt abzuwenden. Doch um den Wandel in unserem Sinne zu steuern und zu gestalten, brauchen wir eigentlich genau das Gegenteil: Menschen, die sich der Zukunft proaktiv zuwenden.
Um der überbordenden Komplexität der Welt wieder etwas abgewinnen zu können, hilft es, die Krisen als Möglichkeiten zu begreifen: als ein Aufbrechen alter Strukturen, das uns die Chance gibt, neu zu denken und zu handeln. Ebenso wichtig ist der Glaube daran, dass die neue Realität eine bessere sein könnte, als wir es uns aktuell vorstellen können.
Dafür ist es essentiell, die Pfade in eine bessere Zukunft zu sehen, die es heute schon gibt und die sich zu beschreiten lohnen. In unserer Metastudie „Die Omnikrise“ haben wir sechs dieser möglichen Pfade aus der Krise beschrieben. Hier fassen wir sie in sechs Denkanstößen zusammen, die helfen, unsere Köpfe zu öffnen – indem sie aufzeigen, welche konstruktiven Meta-Lösungen uns in eine bessere Gesellschaft führen könnten.
Ein Riesenproblem unserer Wirtschaft, Arbeitswelt und Kultur ist das Wachstumsparadigma. Um das ständige Streben nach Mehr loszulassen, ist es eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, Wohlstand umzudeuten: Statt materielle Statussymbole anzuhäufen und vom nächsten Bali-Urlaub zu träumen, während man voll im Hamsterrad steckt, muss Wohlstand umdefiniert werden. Zeitwohlstand lautet das Zauberwort: Weniger Arbeit, weniger Konsum und dafür mehr Lebensqualität und Zeit für das, was wirklich zählt.
Progressive Konzepte wie das bedingungslose Grundeinkommen kündigen bereits einen Paradigmenwechsel an. Degrowth und Postgrowth-Unternehmen experimentieren schon mit Business-Modellen, die nicht (nur) Profitmaximierung zum Ziel haben. Manche Staaten lösen sich auch vom Bruttoinlandsprodukt als alleinigem Wohlstandsindikator – Bhutan rückt beispielsweise das Wachstum von Glück in der Bevölkerung in den Fokus. Auch im Alltag lassen sich immer mehr minimalistische Lebensstile und Entschleunigungstendenzen beobachten. Viele mutige Ideen sind bereits vorhanden. Es lohnt sich, sie ernst zu nehmen: Eine neue Definition von Wohlstand könnte mehr Lebensqualität für alle bedeuten.
Die Krise der Demokratie kann nur überwunden werden, wenn wir die Erwartungs- und Forderungshaltung gegenüber der Politik loslassen und uns wieder als aktiven Teil des demokratischen Geschehens verstehen.
Aktuell ähnelt die Haltung vieler Menschen gegenüber den Politiker:innen der von Konsumierenden: An die Politik werden Forderungen gestellt, sie muss liefern und man selbst ist Nutznießer:in – oder eben nicht. Konsumierende haben ein völlig anderes Mindset als Bürgerinnen und Bürger, die sich als Teilhabende der Gesellschaft verstehen, Verantwortung tragen für das Gemeinwesen und ihren Teil zum Gemeinwohl beitragen wollen.
Um wieder mehr Menschen dazu zu bewegen, sich selbst als Teil einer lebendigen Demokratie zu verstehen, brauchen wir einen Bewusstseinswandel im politischen System: die Erkenntnis, dass soziale Kräfte nur dann freigesetzt werden können, wenn entsprechende Handlungsspielräume bestehen, innerhalb derer sich bürgerliches Engagement überhaupt entfalten kann. Zentral sind Räume der Teilhabe, die mehr Bürgerbeteiligung und Austausch ermöglichen. Volksbegehren oder Bürgerräte können hier ein Hebel sein, aber auch die Wiederentdeckung von Losdemokratie birgt viel Potenzial für eine Wiederbelebung der Bürger:innen-Demokratie.
Die kollektive kognitive Leistung in Richtung einer besseren, einer wohlwollenden und toleranten Gesellschaft besteht darin, das Denken in Nullsummenspielen zu verlernen. Also das Denkmuster „Was ich bekomme, wird jemand anderem genommen” und umgekehrt. „Wenn ein Mensch reicher wird, muss ein anderer ärmer werden.“ „Wenn Geflüchtete gut versorgt werden, geht das auf Kosten der Einheimischen.“ „Wenn die Kollegin eine Gehaltserhöhung erhält, bleibt für mich weniger übrig.”…
Diese Denkmuster haben ihren Ursprung im Wettbewerbsprinzip des Kapitalismus und sind dementsprechend weit verbreitet – doch sie schaden dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denn das Nullsummen-Denken erodiert eine europäische Kultur, in der eigentlich humanistische Werte dominieren (sollten) – und bildet den kognitiven Nährboden für Nationalismus, Populismus und rechte Gewalt.
Statt in Nullsummenspielen können wir aber trainieren, wieder in Plussummenspielen zu denken. Plussummenspiele erzeugen Fortschritt, indem dem bereits Vorhandenen ein „Bonus“, ein „reales Plus“ hinzugefügt wird. Wenn Nationen, Firmen oder Menschen miteinander handeln, kann – sofern ein fairer Markt existiert – eine wechselseitige Gewinnsituation entstehen. Wenn Menschen eine Familie bilden, entsteht ein reproduktiver Überschuss. Fortschritt entsteht durch gelungene Kooperationen.
Die schlechte Nachricht: Die Künstliche Intelligenz wird uns nicht alle retten. Die gute Nachricht: Wir haben bereits alle Technologien, die wir brauchen, um viele große Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.
Ein Beispiel: Die Verkehrswende braucht keine weitere technologische Innovation, keine Flugtaxis, keine Smart Cities, keine autonomen Autos. Alles was wir brauchen, um die Städte wieder lebenswerter und nachhaltiger zu gestalten, sind soziale Innovationen. Weg vom Auto als Statussymbol, hin zum Prinzip „Nutzen statt Besitzen“. Weniger Produktion von Vehikeln, mehr Mobility as a Service. Mit Öffis, Fahrrädern, E-Bikes, ein paar Elektroautos und der digitalen Infrastruktur ist bereits alles vorhanden, was nötig ist, um urbane Räume umzugestalten.
Zentral ist die Aufgabe, neue Kulturtechniken einzuüben, neue Wertesysteme zu etablieren und in der Stadtplanung konsequent an einer menschen- statt autogerechten Stadt zu arbeiten.
Wir haben uns als Gesellschaft einen regelrechten Innovationsfetisch angeeignet, der für jedes Problem eine Lösung in der Technologie sucht. Wir müssen weg von diesem blinden Innovationismus, der auf Technologie als Allheilmittel setzt und hin zu einem Fokus auf kultureller Evolution. Denn ein Großteil der Strukturen,Technologien und Rahmenbedingungen für soziale Innovationen, die uns in eine bessere Zukunft führen können, sind bereits vorhanden.
Glokalität statt Globalisierung: Dieses scheinbar triviale Prinzip des Re-Integrierens von lokalen Ressourcen, Expertisen, Strukturen in globalisierte Systeme kann uns eine Menge Probleme vom Hals schaffen, die die entartete Globalisierung hervorgebracht hat. Die Krise traditioneller Lieferketten hat uns die Verletzlichkeit weltweit verzweigter Lieferkettensysteme vor Augen geführt, die wie Lebensadern globalisierter Gesellschaften fungieren.
Das Prinzip der Glokalisierung beschreibt ein notwendiges Umdenken: Wertschöpfung und Profitmaximierung dürfen nicht mehr die alleinigen Richtwerte von internationalen Produktionsnetzwerken sein, die in erster Linie die Versorgung der Gesellschaft mit notwendigen Gütern sicherstellen sollen. Faktoren wie Resilienz, Qualität und Nachhaltigkeit müssen in Zukunft gleichberechtigte Ziele dieser Prozessen sein – indem sie das Lokale wieder aufwerten.
Das funktioniert, indem regionale Handelsbeziehungen wieder zu wichtigen Bestandteilen von Produktionsnetzwerken werden, die ebenso für Stabilität und Sicherheit sorgen wie vergrößerte Materialreserven. Lokale Rohstoffalternativen können den globalen Handel ergänzen und durch Diversifizierung starke Abhängigkeiten reduzieren. Egal, ob es um Strom, Lebensmittel oder Möbel geht: Das Prinzip der Glokalisierung bindet überall dort, wo es Sinn macht, wieder lokale Produzenten, Ressourcen und Netzwerke ein.
Die Aussicht auf die ökologische Katastrophe als neue bedrohliche Mega-Erzählung schwebt aktuell über allem menschlichen Tun. In diesem Narrativ ist der Mensch nur noch ein Schädling, der die Umwelt und damit die eigene Lebensgrundlage zerstört. Die Horrorszenarien von aussterbenden Arten, Kriegen um verbleibende Ressourcen, überschwemmten Städten, gigantischen Flüchtlingsströmen und Naturkatastrophen kennt inzwischen jedes Kind – positive Zukunftsbilder einer lebenswerten Zukunft dagegen sucht man vergebens.
In der Omnikrise ist es schwerer geworden, an die gute Zukunft zu glauben. Medien versorgen uns im Sekundentakt mit neuen Negativschlagzeilen. Dabei birgt gerade die Zukunftserzählung eines besseren Verhältnisses von Mensch und Umwelt das Potenzial eines neuen Super-Narrativs. Erst eine überzeugende Vision einer positiv aufgeladenen ökologischen Zukunft, die sozial gerecht ist und hohe Lebensqualität für alle bedeutet, mobilisiert und motiviert, die vielen kleinen und großen Schritte anzugehen, die uns in diese Zukunft bringen könnten.
Diese Vision darf allerdings kein „Zurück“ in ein vermeintlich harmonisches Gestern bedeuten, in dem wir alle in Lehmhütten leben und unser eigenes Gemüse anbauen. Was wir brauchen ist eine kreative Rekombination von vorhandenen technologischen, sozialen und naturwissenschaftlichen Ressourcen zugunsten eines ganzheitlich-systemischen Wandels.
Eine sozial gerechte und ökologisch verträgliche Zukunft ist ein global geteiltes Anliegen, das uns als Gesellschaft einen neuen Richtungssinn, ein Zukunftsbild geben kann – und uns dadurch handlungsfähig macht.
Um die gute Zukunft wieder spürbarer und sichtbarer zu machen, ist es nützlich, bereits vorhandene Transformationen zu erkennen, die in eine nächste, bessere Gesellschaft führen können. Im Future:Project haben wir uns der transformativen Zukunftsforschung verschrieben, die genau diese konstruktive Entwicklung fördert – indem sie wünschenswerte Zukünfte systematisch beschreibt und greifbar macht.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Die Welt wird immer dunkler und düsterer, die Zukunft der Menschheit ist in Gefahr, eine Krise folgt der anderen und lässt uns im Nebel der Zukunftsdepression zurück … Aber stimmt das wirklich? Warum Krisen immer auch im Kopf stattfinden – und wie Krise und Wandel zusammenhängen.
von Matthias Horx
22. März 2024
Zweifelsohne haben wir es heute mit sich überlagernden Krisenphänomenen zu tun: Krisen der Globalisierung, Krisen der Umwelt, Krisen der Gesellschaft, der Demokratie, der Technologie. Aber die wahre Krise unserer Zeit ist eine Wahrnehmungs- und Kognitionskrise. Die Hypermedialisierung durch Internet und Künstliche Intelligenz führt zu einer kollektiven Hysterisierung von Wahrnehmungsformen, in denen sich auch normale oder harmlose Phänomene gegenseitig aufschaukeln, verselbstständigen und ins Monströse wandern.
All das wird umspielt vom Zerfall eines übergreifenden Zukunftsnarrativs, das die letzten Epoche geprägt hat: der Idee eines kontinuierlichen und linearen Fortschritts. Auf diesem Fortschrittsbild eines „Immer mehr“ basieren unsere kulturellen, politischen, gesellschaftlichen Frames, unsere sozio-mentalen Selbstgewissheiten.
Die Omnikrise ist deshalb vor allem eine Erwartungs- und Enttäuschungskrise. Sie entsteht aus einer kognitiven Dissonanz – zwischen dem, was wir (für die Zukunft) erwartet haben, und dem, wie uns die Welt in ihren realen Phänomenen tatsächlich gegenübertritt.
Die meisten Phänomene, die uns heute in eine apokalyptische Verzweiflungsstimmung bringen, gab es eigentlich immer schon. Mörderische Kriege, Ungerechtigkeiten, Naturzerstörungen und großflächiger, bedrohlicher Wandel sind nichts Neues. Nur: Wir haben es anders erwartet. Das Narrativ des ständigen Fortschritts hat uns Glauben gemacht, alles würde automatisch immer besser. Und alle würden davon profitieren.
Wir sind enttäuscht, dass es nicht so weiterging mit dem Fortschritt, den Wohlstands- und Komfortabilitätsgewinnen. Das war unser Glaube der vergangenen Jahrzehnte. Und wie jeder Glaube wird er irgendwann zum Fanatismus. Der Fanatiker ist so von einer Annahme überzeugt, dass Scheitern unvermeidbar wird.
Es ist schwierig, sich von solchen Erwartungsnarrativen zu verabschieden. Wenn unser Gehirn sich einmal auf ein bestimmtes Zukunftsbild eingelassen hat, seine inneren Strukturen daran adaptiert hat, dann ist es kaum davon abzubringen. Der Expectation Bias, die Erwartungsverzerrung führt dazu, dass wir abweichende Informationen erst lange ignorieren. Und sie dann mit allen Mitteln bekämpfen. Aus Ignoranz wird dann Dissonanz, weil Akzeptanz das Eingeständnis einer kognitiven Niederlage wäre.
Enttäuschungen können zu zweierlei führen:
Krisen zwingen uns – wollen wir nicht in ihnen verkümmern –, unsere Illusionen loszulassen. Das fällt immer schwer, es kann aber auch befreiend wirken: Aus der Zukunft gesehen ist es eine Befreiung aus der Enge falscher Erwartungen, an denen wir kleben wie eine Fliege am Leim. Die Kraft der Krise zu nutzen, als Energie für Wandel, das ist das Geheimnis des Fortschritts. So ist die menschliche Kultur immer vorangeschritten – durch schreckliche Krisen hindurch, hin zu wahrhaft Neuem und Besserem.
Die Renaissance, die Aufklärung, der Beginn des Wohlstands, die Emanzipationen der Gesellschaft. Alles verlief nach dem Schema der „produktiven Desillusionierung”. Die Krise, die uns zeigt, dass es so nicht weitergeht, ist eine Aufforderung und Ermutigung zum Wandel. Wenn wir die Augen auf diese Weise öffnen, sehen wir, dass die Lösungen schon in der Gegenwart latent vorhanden sind. Und dass man die Welt nicht radikal ändern oder untergehen lassen muss. Sondern nur auf kreative Weise neu zusammensetzen. Der Wandel beginnt im Inneren.
Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden.
„Veränderung entsteht nicht durch Wandel, sondern Wandel entsteht durch Veränderung“, formulierte der Soziologe Armin Nassehi. In diesem seltsamen Satz steckt eine nüchterne Erkenntnis: „Change“-Parolen, die man häufig in Unternehmen, politischen Parteien oder öffentlichen Diskursen hört, rechnen nicht mit den Energien von Krisen. Individuen, Systeme, Unternehmen, Gesellschaften ändern sich kaum, wenn alles komfortabel ist. Wandel geschieht eher, wenn wir auf äußere Veränderungen reagieren – sprich: auf Krisen eine Antwort finden.
Die menschliche Grundkompetenz ist nicht stetiger Wandel. Warum auch? Warum sollten wir das Funktionierende nicht beibehalten, das Existierende belassen? Unsere Grundkompetenz ist Adaption. Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden. Wenn wir endlich aufhören, zu jammern und uns ständig darüber zu beschweren, was die Welt uns zumutet.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Wie können wir durch Krisen Zukunft gestalten? Matthias Horx setzte im Webinar zu Omnikrise am 23.05.2024 die aktuellen Krisengeschehnisse rund um Klima-, Migrations- und Energiekrise, Kriege, Pandemien und Artensterben in einen neuen Rahmen und fragte: Welcher rote Faden durchzieht die multiplen Krisen unserer Zeit? Und was passiert „beyond crisis“?
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