Lernende Organisationen in der Next Economy

In der Next Economy erreichen wir das Ende der klassischen Vorratsbildung. Die Grenze zwischen Qualifizierung und operativer Tätigkeit löst sich zunehmend auf – was gelernt wird, muss unmittelbar wirksam werden. Trendforscher und Leadership-Experte Franz Kühmayer erklärt, wieso Lernen in der Next Economy zur betrieblichen Grundversorgung wird – und warum sich Organisationen dabei nicht auf KI verlassen sollten.

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

15. April 2026

Franz Kühmayer ist Trendforscher und Leiter der in Wien und Montréal ansässigen Strategieberatung Reflections. Nach einer erfolgreichen Karriere als internationaler Top-Manager mit globaler Verantwortung arbeitet er heute als gefragter Experte für das Themenspektrum Zukunft der Arbeit und Leadership.

Es zählt zu den viel zitierten Binsenweisheiten der Managementlyrik, dass nicht der Größere gewinnt, sondern der Bessere. In dynamischen Zeiten lässt sich der Gedanke logisch fortsetzen: Gewinner sind die am schnellsten lernenden Unternehmen. Über Zukunftsfähigkeit entscheidet zunehmend, mit welcher Geschwindigkeit und Qualität neues Wissen aufgebaut, angewendet und wieder verworfen werden kann – individuell wie organisational.

Der vielleicht wichtigste Imperativ der Arbeitswelt lautet: Wir müssen lernen! Nicht punktuell oder episodisch, sondern permanent – als strukturelle Voraussetzung für Leistungsfähigkeit und persönliche Entwicklung. Lernen wird zur zentralen Grundbedingung wirtschaftlicher Existenz und für den souveränen Umgang mit einer zunehmend komplexen Welt.

Der Exoskelett-Effekt

Intellektuell ist klar: Wer im aktuellen Tun gefangen bleibt, verliert die Fähigkeit, genau dieses Tun zu verbessern und arbeitet sich so immer tiefer in seine eigene Ineffizienz. Operativ stehen viele Unternehmen jedoch unter permanentem Druck und kürzen gerade deshalb Investitionen in Lernen.

Die Hoffnung, dass Künstliche Intelligenz helfen kann, diesen Ressourcenkonflikt aufzulösen, ist nicht ganz unbegründet. Immerhin: Studien zufolge entfallen bis zu 60 Prozent der Arbeitszeit auf „Work about Work“: Koordinative, administrative Tätigkeiten, die nicht unmittelbar zur Kernleistung beitragen (vgl. Asana 2023). Wo KI diese Aufgaben übernimmt, entstehen nicht nur Effizienzgewinne, sondern auch Spielräume. 

KI kann auch als persönlicher Sparringspartner oder als Synthetic Teammate agieren und analysieren, an welchen Projekten ein Mensch arbeitet, seinen Arbeitsstil, seine Kompetenzen, seine persönlichen Ziele einbeziehen und daraus individualisierte Lernpfade und Inhalte vorschlagen. Durch Co-Intelligence bewältigen Mitarbeitende Aufgaben weit außerhalb ihrer Kernkompetenz. KI wirkt dann wie ein Exoskelett.

Der Haken: Bleibt KI ein bloßes Stützskelett ohne begleitende Reflexion, ohne strukturiertes Lernen, entsteht keine tatsächliche Weiterentwicklung. Fällt das Werkzeug weg, kollabiert die Leistung.

Was heute Effizienzgewinne verspricht, könnte morgen zu signifikanten Kompetenzlücken führen.

Richtig eingesetzt verbessert Technologieunterstützung den menschlichen Lernprozess, sorgt für zeitliche Freiräume und hilft, menschliche Aufmerksamkeit auf Urteilsfähigkeit, kritisches Denken und Kontextverständnis zu lenken. Ungesteuert jedoch droht die intellektuelle Aushöhlung.

Die lernende Organisation

Lernen ist nicht nur eine Frage der individuellen Kompetenz, sondern eine organisationale Eigenschaft. Das Konzept der lernenden Organisation ist keineswegs neu, seit Peter Senge gilt Lernen als kollektive Fähigkeit (vgl. Senge 1990). Neu sind Tempo und Grundausrichtung. Wo die lernende Organisation früher ein kulturelles Ideal war, wird sie aktuell zur operativen Notwendigkeit, und wo sie in der Vergangenheit auf Führung setzte, rückt heute die Frage in den Vordergrund, wie emergentes Lernen ermöglicht wird.

Dazu gehört jedenfalls die Fähigkeit der Organisation, Signale aus dem Inneren und dem Umfeld aufzunehmen, zu verarbeiten und in Anpassung zu übersetzen. Die lernende Organisation der Zukunft ist ein adaptives System, das nicht nur aus Erfahrung lernt, und nicht nur durch weise Führung, sondern aus Antizipation, aus Daten und aus einem inneren Selbstverständnis heraus.

Organisationale Lernfähigkeit entsteht dort, wo Erkenntnisse tatsächlich zu veränderten Entscheidungen führen. Lernen zeigt sich in der Fähigkeit, Konsequenzen zu ziehen und Handlungen abzuleiten:

  • Lernende Organisationen gestalten Prozesse so, dass diese nicht nur Ergebnisse liefern, sondern zugleich systematisch Rückmeldung über Qualität, Wirksamkeit und Anpassungsbedarf erzeugen.
  • Lernende Organisationen werten ihre eigene Praxis kontinuierlich aus und revidieren auf dieser Basis Entscheidungen, Abläufe und auch Strukturen – idealerweise hochgradig agil und dezentral.

In dem Maß, in dem Technologie zunehmend die Daseinsberechtigung des Menschen in der Arbeitswelt in Frage stellt, wird die Schwerpunktsetzung auf humanistischen Kompetenzen umso bedeutsamer.

„KI-Agenten sind die unverhofften Helfer im Zeitalter permanenter Übergänge“

Warum das Merkel-Mindset uns nicht mehr weiterbringt und wie präventives Denken in einer Drift Economy gelingt? Johannes Kleske räumt KI-Agenten und Sprachmodellen große Potenziale ein – wenn Menschen und Organisationen nicht mehr die Tool-Frage stellen, sondern lernen, Künstliche Intelligenz strategisch zu nutzen.

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

15. April 2026

Johannes Kleske analysiert als Trend- und Foresight-Berater und Keynote-Speaker, wie Zukunftsbilder schon heute unser Handeln prägen. Seit fast 20 Jahren berät der kritische Zukunftsforscher Organisationen zu strategischem Foresight und technologischen Entwicklungen. Bereits 2021 analysierte er für den WDR synthetische Medien und generative KI – lange vor dem breiten KI-Hype. Er zeigt, wie Organisationen technologische Trends einordnen, Hypes von Transformationen unterscheiden und ihren eigenen KI-Weg entwickeln können.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz für die Next Economy?

Die Geschwindigkeit im KI-Bereich ist enorm. Selbst Menschen, die sich intensiv damit beschäftigen, kommen kaum noch hinterher. Was ich immer wieder beobachte, ist ein typisches Muster: Unternehmen fragen: „Welches Tool sollen wir nutzen?“ Dahinter steckt ein altes Denken: Wir installieren etwas, geben eine Pressemeldung heraus und dann ist das Thema abgehakt.

Aber das funktioniert nicht mehr. Tools veralten teilweise schneller, als sie implementiert werden können. Und gleichzeitig entstehen „Shadow-Nutzungen“: Offiziell ist vieles noch nicht freigegeben, aber faktisch nutzen es alle. Vom CEO bis zum Hausmeister.

Das zeigt die Diskrepanz zwischen Risikovermeidung und realem Handeln.

Die eigentliche Herausforderung ist: Wie entwickeln wir Entscheidungs- und Planungsprozesse in einer Welt permanenter Veränderung? Wir brauchen gerade im Umgang mit Künstlicher Intelligenz Strukturen, die regelmäßig angepasst werden. Und die nicht einmal beschlossen werden und dann zwei Jahre gültig sind. Wer KI stattdessen als Infrastruktur für neue Formen der Organisation und als Grundlage für die Entstehung neuer Systeme versteht, macht einen großen Schritt in Richtung Next Economy.

Es gibt im Diskurs rund um KI immer wieder diese Extreme: Entweder vernichtet die KI alle Jobs – oder sie löst alle Probleme. Woran liegt das?

Das hängt mit einem Konzept namens „Cultural Lag“ zusammen. Technologien entwickeln sich schneller als kulturelle Anpassungen. Bei KI ist es das erste Mal umgekehrt: Wir haben seit über 100 Jahren kulturelle Erzählungen über intelligente Maschinen. Schon lange bevor sie real existierten. Ich nenne das „Cultural Lead“.

Jetzt trifft reale Technologie auf jahrzehntelang aufgeladene Narrative. Deshalb ist der Diskurs so emotional. Gleichzeitig sehen wir Paradoxien: Einerseits Angst vor Jobverlust, andererseits Fachkräftemangel.

Historisch haben technologische Revolutionen nie dauerhaft Arbeit vernichtet, sondern immer Arbeit transformiert. Aber wir projizieren immer wieder die Angst, diesmal sei alles anders.

Du sprichst auch von der „Drift Economy“. Was meinst du damit?

Die Drift Economy beschreibt diesen Zustand permanenter Übergänge, in dem sich die Wirtschaft befindet. Keine klaren Strukturen, keine stabile Normalität, sondern ein dynamisches System.

Drift bedeutet aber nicht Chaos, sondern Bewegung ohne endgültigen Fixpunkt. Entscheidungen werden unter struktureller Unsicherheit getroffen und bleiben bewusst vorläufig. Strategien sind nicht auf Dauerhaftigkeit ausgelegt, sondern auf Anpassungsfähigkeit und Antizipation dessen, was kommen könnte. Unternehmen entwickeln Strukturen iterativ weiter, Prozesse bleiben adaptiv. An die Stelle starrer Planung tritt ein permanentes Wechselspiel aus Experiment und strategischer Reflexion.

Die Kernherausforderung der Next Economy besteht darin, einen Modus-Operandi für das Pendel von Strategie und Experiment zu finden, um mit den rasanten Entwicklungen umgehen zu können.

Spannend ist: KI-Agenten können genau in dieser Unsicherheit unterstützen. Sie übernehmen in der Drift Economy eine stabilisierende Rolle. Und zwar nicht, indem sie Gewissheit erzeugen, sondern indem sie Komplexität handhabbar machen. Sie synchronisieren Informationsflüsse, monitoren relevante Entwicklungen und unterstützen Entscheidungsprozesse. Stell dir vor, dein System erkennt automatisch, woran Kolleg:innen arbeiten, und schlägt Synergien vor. Ohne zentrale Plattform, sondern dezentral über Agenten. Das eröffnet neue Formen der Wertschöpfung und Zusammenarbeit.

Das Potenzial der Drift Economy liegt also nicht in Stabilität, sondern in erhöhter Anpassungsfähigkeit, dezentraler Schlagkraft und systemischer Lernfähigkeit. Organisationen, die den Drift akzeptieren, statt ihn zu bekämpfen, entwickeln eine neue Form von Resilienz: nicht durch Verharren, sondern durch Beweglichkeit.

Die Drift Economy erfordert jedoch die zentrale Kompetenz, ohne endgültige Gewissheit handlungsfähig zu bleiben. Wer lernt, in vorläufigen Strukturen zu denken und iterative Entscheidungen zu treffen, wird nicht von der Bewegung überrollt, sondern kann sie gestalten. Drift ist damit kein Ausnahmezustand, sondern der neue Grundmodus wirtschaftlicher Realität.

Gegenprognosen zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz

KI als Wundermaschine

Wann ist KI eine Wundermaschine – und wo stärkt sie die menschliche Weisheit? Im dritten Teil seiner KI-Reihe nimmt Matthias Horx verschiedene Gegenprognosen zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz in den Blick und zeigt, wo sich bereits konstruktive Zukunftspfade dieser Technologie abzeichnen.

Teil 1: Das KI-Gespenst. Wie ein Dämon uns in die Irre führt. Ein Rant (Wutanfall).

Teil 2: 8 Prognosen zur Zukunft der KI.

von Matthias Horx

10. November 2025


KI als Wundermaschine

1. KI wird es einzelnen Menschen ermöglichen, gewaltige Hebelkräfte zu entfalten.


Ein einzelner Mensch kann eine ganze Firma führen UND gleichzeitig betreiben. Das One-Person-Superunternehmen ist möglich. Das bietet Chancen für Newcomer, Aufsteiger, Innovateure, Verrückte, Genies, die sonst kein Kapital bekommen würden. Aber auch Fanatiker und Hasardeure oder Hypernarzissten können nun leichter die Welt verderben.

2. In der Forschung werden KI-Systeme die Unmengen von Daten zähmen, die jetzt schon jede Datenbank überfordern.


In der Molekularbiologie, der Steuerungstechnik, in der  Simulationstechnik (Stichwort Digital Twins) gibt es gewaltige positive Anwendungsbereiche. Also eher dort, wo KI nicht GENERATIV ist, sondern im Hintergrund steuert, rechnet, vergleicht und sortiert, also eher ein Expertensystem ist.

3. In spezialisierten Sonderanwendungen, für die es sonst nicht genug Investitionskapital gibt, kann die KI glänzen.


Man denke an die „Lesung“ der Pergamentrollen der Villa dei Papiri in den Ruinen der antiken Stadt Herculaneum. Dort wurde beim Untergang durch den Vulkanausbruch im Jahr 79 a.d. eine der größten Privatbibliotheken der Antike zerstört. Die verkohlten Schriftrollen können heute mit Hilfe von KI teilweise reproduziert werden. Auch in ökologischen Anwendungen kommt KI deutlich in den Win-Win-Bereich: Etwa bei Recycling von Müll in Richtung von Cradle-to-Cradle-Systemen. Oder  in der Koordination komplexer Energieinputs und -outputs in einem stabilen regenerativen Energiesystem.

4. KI kann auch in sozialen Bereichen Wunder wirken, wo guten Zwecken eine unüberwindbare Personalschwäche gegenübersteht.


Ein Beispiel aus Kolumbien: Mercedes Bidart, Leiterin der Entwicklungs-Organisation Quipu, erklärte, dass rund ein Drittel des BIP des Landes auf Kleinstunternehmen ohne Bankkonto entfällt. Viele dieser Unternehmer:innen würden sich über einen Kredit freuen, um von der Straßenecke in ein echtes Geschäft umzusteigen, aber keine Bank würde einen Risikogutachter schicken, um mit einer Frau zu sprechen, die an einem Stand Tamales (Gericht aus Maisteig) verkauft. Quipu baute ein System auf, das wie eine App funktioniert: Kleinunternehmer, auch die am Straßenrand, können Fotos ihres Geschäfts einschicken und davon erzählen. Eine KI trifft unter den tausenden von Einsendungen eine Vorauswahl, wer für Kredite in Frage käme.

KI in der Medizin

In einigen Bereichen kommt die Mensch-Maschine-Problematik stärker zum Vorschein, kann jedoch auch leichter gestaltet werden. Nehmen wir die Medizin: KI-Systeme sind oft besser im Diagnostizieren als Ärzte. Kein Wunder: Geschulte  Systeme haben weitaus mehr Diagnosen eingelesen als jeder Arzt kennen kann.

Allerdings liegt hier auch eine entscheidende Problematik im Wesen des Menschen: Symptome sind oft unscharf, vielschichtig und psychologisch verwoben.  Ob etwas schmerzt und WIE es schmerzt und sich anfühlt, bleibt ein Rätsel, das man leichter mit einem analogen Hirn lösen kann. Manchmal findet man (Mensch) die richtige Diagnose nur durch zahlreiche Kommunikations-Umwege im Patientenkontakt. KI versagt im Medizinsektor eher dort, wo das radikal Subjektive ins Spiel kommt. Heilung und Gesundung haben immer auch etwas mit menschlicher Begegnung zu tun, mit menschlicher Ermutigung, die der Heilende dem Kranken auf den Weg gibt.

Trotzdem können medizinische Bots sinnvoll sein, wo es darum geht, Gesundheit zu erhalten, zu monitoren und zu „coachen“. In Japan sind sprechende Medizin-Bots bei älteren Menschen, die einsam leben, eine wichtige Lebensverlängerung. Die ständige Ansprechbarkeit, die Lernfähigkeit von Medic-Bots, kann Lücken ausfüllen, in die das Gesundheitssystem nicht mehr hineinkommt (vgl. New Yorker 2025).

KI in der Bildung

In der Bildung hängt die Zukunft der KI von der Frage ab, ob wir in der Lage sind, ein Bildungssystem der Meta-Pädagogik zu erschaffen. Mehr als Anleitung zum Weiterdenken und Höherfühlen, weniger zum Wissenserwerb. In diesem Bildungssystem müsste es um die höheren kognitiven Kompetenzen gehen – um das, was Menschen kreativ, autonom und  sinnlich kompetent macht.  Heutige Pädagogik ist immer noch nahe am „Einfüllen“ von Wissen in junge Köpfe. Wie heißt es so schön: Je mehr Unterricht, desto weniger wird gelernt. 

Die Ansätze der Reformpädagogik, deren Wurzeln bis ins vorletzte Jahrhundert reichen, sind dabei nützlich. Lehrer:innen werden immer unwichtiger. Und gleichzeitig immer wichtiger. Das ist das eigentliche Bildungsparadox unserer Zeit. 

Die KI fordert den Bildungssektor heraus, sich neu zu erfinden. Auf die harte Tour.

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Der Future:Guide Bildung von Stephanie Wössner greift zentrale gesellschaftliche Transformationen auf und zeigt, wie Bildung als Schlüssel zur Gestaltung der nächsten Gesellschaft fungieren kann.

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Kann man die Zukunft der KI prognostizieren?

  • Alles, was verantwortliche zwischenmenschliche Arbeit erfordert, von Fluglotsen bis zu Heilberufen – bleibt erhalten und gewinnt an Bedeutung eher noch dazu. Hier bleiben KIs wertvolle Assistenzsysteme, die in hoher Komplexität Menschen entlasten. 
  • In Bereichen mit „archivarischem Überfluss“ – Anwaltspraxen, Steuerberatungen, Behörden – kann KI tatsächlich von monotonen Aufgaben befreien. Allerdings wird sie dort auch die Anzahl der Berufsanfänger drastisch reduzieren. Und zu Phänomenen „hochgebildeter Arbeitslosigkeit“ führen (die allerdings nicht dauerhaft bleiben müssen).
  • In der schillernden Blase der KI boomen neue Berufszweige. Ein verbreiteter Boom-Beruf wird der „Agenten-Manager“ oder „Kontext-System-Ingenieur“. Als System-Magier und Manager der digitalen Heinzelmännchen hat man eine steile Karriere vor sich (vgl. FAZ 2025).

All das passiert gleichzeitig, parallel zueinander. Genau das ist der Grund, weshalb es über die KI keine endgültige Diagnose oder Meinung geben kann. Auch keine exakte Prognose im Sinne vollständiger Voraussicht, „wie es werden wird“. Die Auseinandersetzung der humanen Kultur mit der KI ist ein andauernder, tastender Prozess, bei dem wir dringend mehr menschliches Selbstbewusstsein brauchen. Um daraus einen Selektionsprozess für das Gute und das Bessere zu entwickeln, müssen wir geistig, emotional und mental die Treppe der Evolution eine Stufe höher gehen. Oder besser gleich mehrere.


Die etwas andere Gartner-Kurve

Die Gartner-Kurve, ein Analyse-Instrument der gleichnamigen Beratungsgesellschaft, gilt als das Nonplusultra der Technologie-Prognostik. Sie ist gerade in Bezug auf die KI-Entwicklung von großer Bedeutung. Die Kurve ordnet Technologien auf einer Linie von Hype-Faktor durch das „Tal der Enttäuschung“ bis hin zu den realen Anwendungsmärkten. Hier die Gartner-Kurve für KI 2024:

Auffällig ist bei diesen Kurven, dass in linearer Weise immer nur Teiltechnologien aneinander gereiht werden. Das Prognose-System ist, im Kontext human-technischer Adaption, unterkomplex. Das ändert sich auch nicht, wenn man längere Zeiträume ins Auge nimmt:

Hier geht es um 2- 5-10-Jahre-Prognosen. Aber alles scheint noch in weiter Ferne. Seltsam: wird uns nicht täglich von den sagenhaften Erfolgen der KI berichtet, behauptet, dass KI überall schon in Unternehmen verbreitet ist, Alles schon „läuft“, und zwar „immer besser“?

Vielleicht sieht die Kurve in ihrem Verlauf ganz anders aus. Das hier wäre meine Kurve:

Ich vermute, dass die KI den Pfadverlauf linearer Technik-Entwicklungen sprengen wird. Sie wird zu einer Menge Enttäuschungen führen, freigelegten, „nackten“ Hypes. Aber auch zu enormen Positiv-Effekten an Stellen, wo man sie heute nicht vermutet. KI ist eine Überraschungsbox, eine Wundertüte, eine Pralinenschachtel ganz im Sinne von Forrest Gump (oder war es seine Mutter?). Eine Rollercoaster-Technologie. Man könnte aber auch sagen: Ein Dauer-Hype mit Ausschlägen in die bessere Welt.

KI ist alles mögliche:

  • Auf der mentalen Ebene ein Monster, das unsere Kultur zerstören kann. 
  • Auf der „Tool“-Ebene ein Segen.
  • Auf der (systemischen) Anwendungs-Ebene heikel.

Ein Dreikörperproblem, das nicht zu lösen ist. Oder eine Synthese von Widersprüchen, die auf Umwegen in die Zukunft führt.


KI gibt uns die Gelegenheit zur Weisheit

Jede fundamentale Technologie fordert unsere gewachsenen Weltkonstruktionen heraus. Sie zwingt uns zu inneren und äußeren Veränderungen. Zur Reflexion unserer Vor-Stellungen, Selbst-Bilder und Selbst-Konstruktionen, die zu Gewohnheiten und starren „Mentalitäten“ geworden sind. 

Sie zeigt das Innere und das Äußere.

In einem neuen Licht.

KI kann unsere Welt verbessern, wenn sie uns anregt, die UNTERSCHIEDE zwischen Mensch und Maschinen deutlicher wahr-zunehmen – Das HUMANUM und das TECHNIUM zu differenzieren. Jene menschlichen Eigenschaften weiter zu entwickeln, die eben NICHT von KI übernommen werden können.

  • Empathie und Verbindung: KI kann menschliche Reaktionen simulieren, aber nicht fühlen. Empathie, die Fähigkeit, die Emotionen anderer wirklich zu spüren und sich mit ihnen zu identifizieren, ist grundlegend für Beziehungen und das  Zugehörigkeitsgefühl – nicht nur zu Menschen, sondern auch zur Welt, Zeit und  Kosmos.
  • Kreativität und Ethik: Das Ethische kann man (anders als das Moralische) nur scheinbar digitalisieren, weil es immer eine Abwägung ist, die mit Gefühlen, Instinkten und Ahnungen zu tun hat, die über das Algorithmische hinaus ins Zukünftige reichen. Ethik ist etwas, das man entscheiden muss, weil es nicht logisch ableitbar ist (obwohl viele radikale Digitalisten das behaupten). Auch echte Kreativität ist unbeschreiblich – sie beinhaltet Kampf, Wiederholung, Freude und Frustration, Enttäuschung und Stolz. Kreativität das, was neue Möglichkeitsräume, neue Kontexte erschafft, die vorher „noch nie ein Mensch gesehen hat“. Auch die KI nicht. 
  • Wahrheit und Weisheit: KI kann schlau und weise reden und viele „Wahrheiten“ simulieren – aber nur, weil Menschen das vorher getan haben. Weisheit gibt im Reiche des Siliziums keinen Sinn. Denn Weisheit ist die Überzeitlichkeit eines sterblichen Geistes.


PS: Eine kleine Einordnung der KI-Mentalitäten

  • Doomer halten die KI für ein weltverderbendes Supergift. Möchten sie generell verbieten, weil sonst der Untergang der Menschheit droht. 
  • Gloomer halten die KI für eine problematische Technologie, die man mit allen Mitteln begrenzen  muss. Strenge Kontrolle durch den Staat ist unabdingbar. 
  • Zoomer oder „KI-Islamisten“ möchten die Entwicklung der KI im Sinne einer Erlösungserwartung beschleunigen. Alle Zweifel und Widerstände beseitigen! Vorwärts im Lauf zur Unsterblichkeit, zur Lösung aller aller Probleme!
  • Bloomer suchen nach Adaption der Technologie an menschliche Bedürfnisse. Glauben, dass eine vernünftige Beziehung notwendig ist und sich im Laufe der Zeit segensreiche Anwendungen „herausevolutionieren“ werden. Im Sinne eines Nettovorteils der menschlichen Zivilisation.

Ich gehöre zur vierten Kategorie, den Bloomern. Es muss blühen, um fruchtbar zu werden. Aber wir müssen auch jäten und pflegen. Wir sind die Gärtner der Zukunft. Es wird hart und mühsam, und manchmal spielen das Wetter oder der Zufall nicht mit. Aber es wird trotzdem eine Ernte geben.

PS: Dieser Text wurde mit nur geringer Hilfe von KI erzeugt (für Übersetzungen). Die KI gibt immer nur Antworten. In Richtung Zukunft geht es aber um die besseren Fragen.

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Welche Veränderungen werden 2026 wichtig?

8 Prognosen zur Zukunft der KI

Im zweiten Teil seiner neuen Artikel-Reihe über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz stellt Zukunftsforscher Matthias Horx acht Prognosen über den Fortgang der disruptiven Technologie auf.

Teil 1: Das KI-Gespenst. Wie ein Dämon uns in die Irre führt. Ein Rant (Wutanfall).

von Matthias Horx

4. November 2025


Stellen wir uns vor, zwischen Mensch und Maschine, oder Kultur und Technologie, gäbe es eine Art intimer Beziehung. Das TECHNIUM (ein Begriff des amerikanischen Zukunftsforscher Kevin Kelly) würde mit dem HUMANUM in einem wechselseitige Anpassungs- und Evolutionsprozess stehen. Einer „verschränkten Adaption“, ähnlich wie bei erfolgreichen Paaren.


In der Geschichte haben disruptive Technologien zunächst viel Unheil in menschlichen Verhältnissen angerichtet. Besonders, wenn sie die medialen Systeme betrafen. Die Erfindung des Buchdrucks hat keineswegs direkt in die Bildungsgesellschaft geführt, sondern zunächst die Kriege Europas zu schrecklichen Gräueltaten angefacht. Es dauerte Jahrhunderte, bis daraus aus der Reproduktion von Texten ein „lesendes Bildungssystem“ wurde. Die Dampfmaschine zerstörte gewachsene Lebens-Strukturen der agrarischen Gesellschaft und stürzte ganze Bevölkerungsgruppen ins soziale Elend. Es dauerte Jahrhunderte, bis daraus eine Wohlstands-Welt wurde, in der die Menschen nicht nur Maschinensklaven sind, sondern auch am Fortschritt teilhaben können.


Disruptive Technologien wie die Künstliche Intelligenz  sind zunächst ein Nullsummenspiel, in dem die Nachteile die Vorteile überwiegen. Durch die menschliche Kultur, durch humanes Wirken und kulturelle Adaptionen, werden sie aber irgendwann zu Nichtnullsummenspielen. Zu Win-Win-Verhältnissen.

Das ist der grosse Auftrag an unsere menschliche Zukunft: Die KI zähmen und sie in die menschliche Kultur einfügen. Sie „zivilisieren“. Dass wir uns dabei selbst verändern müssen, liegt auf der Hand. Die Frage lautet aber: geschieht dies, indem wir uns dem Maschinellen anpassen? Oder indem wir unsere Menschlichkeit neu entdecken und formen?

Dieser ganze Prozess wird, so sagen es uns historische Erfahrungen mit Querschnitts-Technologien, mindestens ein Vierteljahrhundert dauern. Und ja: es wird mühsam. Aber auch spannend. Und erhellend. Es geht um die Zukunft an sich. Im menschlichen Sinn.


8 Prognosen zur Zukunft der KI

  • KI wird die Gesellschaft tiefer und weiter spalten als alle vorherigen Technologien. Sie wird „hyperdigitale Eliten“ hervorbringen, die die Macht kognitiver Maschinen nutzen, während gleichzeitig eine grossen Zahl der Menschen aus den gewachsenen Strukturen von Erfahrung und Entscheidung ausgegrenzt werden. Zu welcher Gruppe man gehört hängt davon ab ob man „oberhalb“ oder „unterhalb“ der KI arbeitet.
  • KI wird einen neuen digitalen Monopol-Kapitalismus hervorbringen, in denen riesige Konzerne nicht nur über Daten, sondern auch ungeheure Deutungsmacht verfügen – „Kognitiver Monopolismus“: Der KI-Komplex verschmilzt, wie es heute schon sichtbar wird, mit autoritären Staats- und Gesellschaftsformen. 
  • KI wird die „Kreative Klasse“, die künstlerische und schöpferische Schicht, dezimieren und gleichzeitig polarisieren. Eine kleine Schicht der Kreativen, die virtuos mit KI umgehen lernt, wird NOCH erfolgreicher als vorher. Der kreative Mittelbau stürzt ab in die Prekarität.
  • KI wird die Arbeitswelt verändern, aber weniger radikal als befürchtet. Zunächst werden sich Arbeitsnachfragen weiter spalten – in einen metakognitiven und einen „Neue-Dienstboten-Bereich“. Im Zwischenfeld, in den Mischformen von informeller und analoger Arbeit, werden gleichzeitig jede Menge neue Berufe und Tätigkeits-Formen und „Hybrid-Qualifikationen“ entstehen. KI wird die traditionellen industriellen nine-to-five Arbeitsformen weitgehend auflösen. Daraus entsteht aber nicht zwangsläufig eine neue Sklaven- oder Arbeitslosengesellschaft. Sondern auch eine Vielfalt neuer Kompetenzbildungen.
  • KI wird die Tore noch weiter für raffinierte Formen von Lüge, Verbrechen, Betrug und Manipulation öffnen als das „alte“ Internet. Alles wird verfaked: Fake-Gedanken, Fake-Identitäten, Fake-Ereignisse, Fake-Katastrophen. Groß angelegte KI führt partiell zum Zusammenbruch der kognitiven Systeme, die uns mit der Welt verbinden, und die in jahrhundertelangen kulturellen Prozessen entwickelt wurden. Aber in kulturellen Systemen gilt auch das, was in menschlichen Körpern gilt: Jede Infektion erzeugt eine Reaktion. Und eine Stärkung des Immunsystems.
  • KI wird eine neue Klasse von „Cyber-Einsamen“ oder „RoboLonies“ erschaffen. Menschen, die seelisch abhängig von therapeutischen Bots sind, sich mit Maschinen unterhalten, ihnen vertrauen, mit ihnen leben. Solche „intimen KIs“ werden den Boom einer Art Cyber-Autismus hervorbringen. Aus Incells werden „Botcells“, weil es einfacher ist, mit einem Bot eine Beziehung zu haben, als mit einem komplizierten Realhumanen (was die Geburtenrate weiter nach unten drücken wird).
  • KI wird in Unternehmen zu Produktivitätssteigerungen führen. Allerdings werden diese Steigerungen, wie schon bei den vorherigen Computer-Revolutionen, meist weit unter den Erwartungen bleiben, länger dauern und sich weitaus komplexer gestalten als von der KI-Industrie suggeriert.

    Eine aktuelle Studie des MIT ergab, dass 95 Prozent der Pilotprojekte mit generativer KI in Unternehmen trotz Investitionen von 30 bis 40 Milliarden US-Dollar kaum oder gar keine messbaren Auswirkungen auf Gewinn und Verlust hatten. Grund war, dass „die meisten GenAI-Systeme kein Feedback speichern, sich nicht an den Kontext anpassen und sich nicht im Laufe der Zeit verbessern“. Die vermeintliche Zeitersparnis schlägt sich nicht in höherer Produktivität nieder.


Der KI-Pferdefuß: Wie Effizienz Effektivität zerstören kann

Die ungeheuren Investitionen, die heute zum Aufbau der KI verwendet werden, zielen vor allem auf das Versprechen der Effizienzgewinnung in Unternehmen und Organisationen. Um den „Pferdefuß“ zu verstehen, ist es jedoch wichtig, den Unterschied von Effizienz und Effektivität zu kennen.

Effizienz ist ein Prozess, bei dem man mit geringeren Mittel mehr aus einem Teilsystem herausholt. Die Buchhaltung, in der früher 100 Mitarbeiter:innen arbeiteten, wird durch 10  „Botdompteure“ extrem effizient gemacht. Der Aussendienst, diese Schnarchnasen, werden durch Search-Bots im Internet ersetzt, die automatisch Bestellungen schicken und abwickeln. Keine menschliche Handlung mehr nötig. Wahnsinnig viel Geld gespart.

Soviel die Theorie.

Die Praxis sieht aber anders aus, weil sie komplexer ist.

Während Effizienz die Energiedichte eines Teilbereichs benennt, beschreibt Effektivität die innere BALANCE eines Gesamt-Systems. Das Zusammenwirken der einzelnen Teile für das gemeinsame Ziel, einschließlich der daraus resultierenden Aussenbeziehungen. Effektivität regelt durch Feedback-Loops die Prozesse des Systems immer auf die richtig synchronisierte Geschwindigkeit herunter. Man kann es mit einer „Ökologie“ vergleichen: In einem Biotop kooperieren alle Organismen mit- und gegeneinander und gleichen dadurch das Gesamtsystem aus. Wenn eine Spezies „übereffektiv“ wird, kann das ganze System aus der Balance geraten (dann entstehen neue Feedback-Loops des Ausgleichs). 

Unausgereifte und „grob“ eingesetzte KI-Technik kann zu unzähligen Schnittstellen-Problemen in den Gesamtabläufen eines Unternehmens führen. Ein Unternehmen, dessen Vertrieb optimiert ist, das aber nicht liefern kann, weil die Fabriken veraltet sind, wird nicht weit kommen. Leicht kann es passieren, dass man einen Großteil der Kunden verliert, wenn man die gesamte Kommunikation auf Bots umstellt. Dann kommt es zu Kaskaden von Beschwerden und Reklamationen, die durch teure menschliche Mitarbeiter ausgebügelt werden müssen. Das System wechselt von KOMPLEX zu KOMPLIZIERT. 

Viele KI-Anwendungen erzeugen auch Aversionen. Kunden wollen menschlichen Kontakt. Auch in Zukunft. Mitarbeiter:innen wollen nicht für ihre Selbstabschaffung zwangsrekrutiert werden. Deshalb gibt es in vielen Unternehmen massive interne Widerstände. Brachial eingeführte KI führt oft zu einer Krise der Firmenkultur, die nun keinen Rhythmus, keinen „Einklang“ mehr findet. Alle müssen nun gegeneinander konkurrieren, um sich selbst im Zeichen der Effizienz abzuschaffen. 

Der Gott des Chaos betritt die Bühne.

Und bleibt dort sitzen. 

Bis er alles auseinandergenommen hat. 

PS: Dieser Text wurde mit nur geringer Hilfe von KI erzeugt (für Übersetzungen). Die KI gibt immer nur Antworten. In Richtung Zukunft geht es aber um die besseren Fragen.

Teil 3 – Gegenprognose: Die Wundermaschine

Im dritten Teil seiner KI-Reihe nimmt Matthias Horx Gegenprognosen zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz in den Blick und zeigt, wo sich bereits konstruktive Zukunftspfade dieser Technologie abzeichnen.

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Mehr zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz

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37 Parolen, Thesen und Gebote zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz und der menschlichen Kreativität.

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Welche Veränderungen werden 2026 wichtig?

Afrofuturismus und die wahre KI

Mit der Intelligenz der Vorfahren gegen die dunkle Aufklärung: Wie Afrofuturismus uns helfen kann, Vorstellungen einer lebenswerten Zukunft zu entwickeln.

von Sheree Renée Thomas, Lonny Avi Brooks und Reynaldo Anderson.

Aus dem Englischen von Natasha A. Kelly

25. Juni 2025

Das digitale Zeitalter singt ein verführerisches Lied des Fortschritts – und doch hallt in seinen Schaltkreisen ein absichtliches Auslöschen wider. KI ist zur neuesten Front im Kulturkampf geworden, der zwischen hemmungslosem Techno-Optimismus und dystopischer Angst schwankt. Einerseits heißt es, KI werde uns retten – vor Krankheit, Ineffizienz, Unwissenheit. Andererseits soll sie uns ersetzen, beherrschen, auslöschen. Wir stehen an einem Scheideweg: Wessen Perspektiven werden die Zukunft prägen – und wessen werden ausgelöscht? 

Oft wird der Mainstream-Diskurs über Technologie und Zukunft durch die enge Sichtweise der „Broligarchen“ bestimmt – jener technokratischen Elite, deren Philosophie sich aus der technotopischen Ideologie des Silicon Valley der 1990er-Jahre speist. Inzwischen hat sich diese Perspektive in die sogenannte „Dunkle Aufklärung“ verwandelt: in eine techno-autoritäre, neo-reaktionäre Strömung, die von Akteuren wie Elon Musk vertreten und in bürokratischer Form von Organistaionen wie DOGE repräsentiert wird. Hier setzt die Gegenkultur des Afrofuturismus an – nicht nur als Genre oder Ästhetik, sondern als ein Paradigmenwechsel.

Zukünfte werden gemacht, nicht gefunden

Der zeitgenössische Afrofuturismus ist eine Philosophie, die Menschen afrikanischer Herkunft dazu befähigt, sich mit Handlungsmacht in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verorten. Dabei eröffnet der Afrofuturismus eine wichtige Perspektive – als kreative Ressource wie auch als kultureller und politischer Rahmen für die Neugestaltung von Möglichkeiten. Er bietet Werkzeuge, um alternative Zukunftsszenarien zu entwerfen, die ethisch auf der Erfahrung der Schwarzen basieren. Die Soziologin Ruha Benjamin erinnert uns daran, dass der „New Jim Code“ – digitaler Rassismus im Gewand technischer Objektivität – keine bloße Metapher ist: Es ist eine Realität, in der Algorithmen systemische Ungleichheiten aufrechterhalten. Ein digitales Echo historischer Unterdrückung.

Afrofuturismus stellt die Grundlagen unseres Verständnisses von „Zukunft“ infrage. Er lehnt die ahistorischen Narrative vermeintlich vorurteilsfreier Innovation ab und besteht stattdessen auf der Auseinandersetzung mit dem Wissen der Vorfahren. Er weiß: Zukünfte werden gemacht, nicht gefunden – und wer sie sich vorstellen darf, ist eine politische Frage. Aus Experiment und Erkundung geboren, aus historischem Kampf ebenso wie aus Freude, Spiel und unbändiger Neugier, steht der Afrofuturismus für Resilienz und Zukunftsgestaltung. Unsere Vorfahren, konfrontiert mit Entmenschlichung und Auslöschung, codierten in Spirituals und Klang die Visionen lebendiger, befreiter Welten. Diese „AfroRithms“ waren nicht nur Akte des Widerstands – sie waren das erste kulturelle Betriebssystem einer indigenen Voraussicht und Befreiungstechnologie.

Eine KI, die sich immer ausgefeilter und schneller weiterentwickelt, spiegelt auch die Voreingenommenheit ihrer Schöpfer*innen. Systeme, die aus einer begrenzten Sichtweise entstehen, verstärken Ungleichheit. Deshalb brauchen wir Afrofuturist*innen wie Walter Greason und William ‚Sandy‘ Darity, die die Grundlagen des globalen Kapitalismus hinterfragen und die verborgene Geschichte von Ausbeutung und Extraktion aufdecken. 

In seinem Buch „How Europe Underdeveloped Africa“ (2018) zeigte der Historiker Walter Rodney, dass Europas Nachkriegsaufbau auf der gezielten Unterentwicklung Afrikas basierte – ein Kreislauf der Ausbeutung, getarnt als „fairer Handel“. Die „Hilfe“ für Afrika ist bedeutungslos im Vergleich zu dem, was der Westen dem Kontinent entzogen hat. Hier fordert der Afrofuturismus restorative Gerechtigkeit.

Doch Schwarze und Indigene Gemeinschaften haben nicht nur überlebt – sie haben erschaffen. Sie haben Technologien der Erneuerung entwickelt, von Verwandtschaftssystemen bis hin zu kulturellen Codes. Ontologien, die sich nicht dem nihilistischen Pessimismus unterwerfen. Spirituell orientierte Epistemologien, die zu rebellischen Datenpraktiken beitragen. Dies ist die Essenz der ursprünglichen Intelligenz – das, was wir die wahre KI nennen.

Die Intelligenz der Ahnen

Afrofuturismus ist daher kein Nischenphänomen und auch keine Neuheit. Er ist gelebte Zukunftskompetenz – verantwortungsvoll, verkörpert, kulturell verwurzelt und moralisch dringend. In einer Ära reaktionärer KI-Euphorie, digitaler Verdrängung und entfremdeter rechter Beschleunigung bietet der Afrofuturismus – so wie die Ahnenintelligenz insgesamt – unsere beste Chance, bewohnbare Zukünfte zu gestalten.

Trotz ihrer Reichweite ist KI der Logik ihrer Schöpfer*innen verpflichtet – einer Logik, die von voreingenommenen Sprachmodellen, anti-Schwarzem Rassismus, kapitalistischer Ausbeutung und Techno-Utopismus geprägt ist. Und gerade weil KI mit den Vorurteilen ihrer Zeit und ihrer Schöpfer*innen kodiert ist, verdeckt, nutzt oder vernichtet sie allzu oft genau die Communitys, die seit langem ihre eigene Form kollektiver Heilungsintelligenz praktizieren: die Intelligenz der Vorfahren. Das Black Speculative Arts Movement (BSAM) liefert Blaupausen für diese andere Art von Intelligenz. Eine Intelligenz, die verwurzelt ist in Verwandtschaft, Gegenseitigkeit, Vorstellungskraft und Heilung – und die sich heute in vielfältigen Formen manifestiert. 

Ein Beispiel ist das kollaborative Erzählspiel AfroRithms from the Future, Teil einer wachsenden Bewegung von „Imagination Games“, die Schwarze und Indigene Zukunftsvisionen stärken und Ahnenintelligenz als Ressource für alle sichtbar machen: Stellen Sie sich KI-gepowerte Griots vor – mündliche Geschichtenerzähler:innen, Musiker:innen, Dichter:innen, Historiker:innen –, die die Weisheit bedeutender Persönlichkeiten im Kampf gegen Rassismus, Kolonialismus und soziale Ungerechtigkeit nutzen, um verborgene Machtverhältnisse oder Wirtschaftsmodelle zu enthüllen und die ausbeuterischen Strukturen der Jim-Crow-Gesetze, der Apartheid oder des Kolonialismus zu zerschlagen. Das passiert, wenn wir die Weisheit der Vorfahren durch spekulatives Spiel kanalisieren. AfroRithms ist Weltenbau und Weltneugestaltung zugleich.

Oder die Science of Social Justice der Neurowissenschaftlerin Sará King: Während viele Zukunftsforscher:innen nur in Daten sprechen, zeigt King, dass Heilung zur Zukunftskompetenz gehört. Ihr Projekt „Mirror of Loving Awareness“ setzt auf empathische Verbindung – ein neuronales Netzwerk der Seele. Die Verbindung von Weisheit mit dem Spekulativen, von Meditation und Vorstellungskraft, führt zu einer neuen Form der Zukunftsarbeit, die in der Intelligenz unserer Vorfahren verwurzelt ist. 

Diese emotionale Tiefe nennt der Schauspieler Ahmed Best den „emotionalen Motor“ – eine emotionale Triebkraft, die uns zu einem grundlegenden Wandel unserer Zukunftsgefühle führt. Die Verbindung von Empathie, Sinnhaftigkeit und Heilung in kinetischer Form aktiviert Zukunftsvisionen nicht nur als Ideen, sondern als gelebte emotionale Wahrheiten. Denn überlieferte Weisheiten und KI sind keine Gegensätze, sondern neigen sich einander an: Je tiefer man in das eine eindringt, desto näher kommt man dem anderen.

Die Verbindung von Heilung und technologischer Zukunft, von Schwarzsein, Neurowissenschaft, Technologie und Spiritualität, erforscht auch Philip Butler. Mit dem Seekr-Projekt hat er eine individuell konzipierte Konversations-KI geschaffen, die auf einem kulturell abgestimmten, heilungsorientierten Design basiert – mit integrierten Fähigkeiten zur psychischen Gesundheit und dem Potenzial zur Gestaltung radikal pluralistischer und befreiender Zukunftsperspektiven.

Glyphen alternativer Zeitschleifen

Neben King, Best und Butler arbeiten viele weitere Forscher:innen und Künstler:innen an einer Zukunft, in der Fürsorge, Bewusstsein und Ahnenintelligenz die Grundarchitektur von KI bilden. So bereiten die Forscher:in Toniesha Taylor vom Center for Africana Futures und die Community-Aktivistin LaWana Richmond junge Menschen auf politisches und persönliches Zukunftshandeln im Spannungsfeld von KI, Metaversum und Visioning vor. Nina Woodruff, Jasmine Wade und Kaya Fortune gestalten mit der Community Futures School das Jahr 2045. Die Aktivistin Audrey Williams stärkt spekulatives Erzählen über Ancestral Futures. Der Historiker und Kulturwissenschaftler Julian Chambliss engagiert sich aktiv für die Wiederherstellung verlorener historischer bürgerlicher Zukunftsperspektiven der Schwarzen. 

Im Bereich der Kunst setzt Alan Clark mit seinen „gefährlichsten Comix der Welt“ auf afrofuturistische Landschaften als Gegenmittel gegen die „dunkle Aufklärung“. Nyame Brown erschafft mit ihrem Onyx-Universum künstlerische Schwarze Utopien. Joshua Mays überzieht die Stadt Oakland mit afrofuturistischen Wandgemälden – und erfindet sie als die Stadt Olgaruth neu. Politische und visuelle Räume für die Schwarze Vorstellungskraft gestalten auch Stacey Robinson und John Jennings, Schöpfer des Projekts Black Kirby, sowie die Künstler Quentin VerCetty und Tim Fielder, der Digitalwissenschaftlerin Zaika dos Santos, die Kuratorin Natasha A. Kelly, die Cosplayerin Shannon Theus und das niederländische First Noble Institute. Ihre künstlerischen Produktionen sind nicht nur Illustrationen: Sie sind Glyphen, visuelle Nommos, Siegel und Frequenzen alternativer Zeitschleifen.

Sheree Renée Thomas hat mit „Dark Matter“ (2020) und „Africa Risen“ (2022) zwei Anthologien spekulativer, afrikazentrierter Literatur herausgegeben, die uns daran erinnern, dass die Zukunft nicht unausweichlich ist, sondern kuratiert wird. Diese Perspektive prägte auch die Ausstellung „Curating the End of the World“, mitgestaltet von der Kunsthistorikerin und Kulturkritikerin Tiffany Barber. Eine ganz konkrete Beschäftigung mit der Intelligenz der Vorfahren an der Schnittstelle von Erbe und digitaler Innovation bilden die Arbeiten des sahelischen Performancekünstlers Ibrahim Oumarou Yacouba alias Sage Soldat, des kamerunischen Afrofuturisten Nkolo Blondel und des südafrikanischen Klangkünstlers Michael Bhatch. Auch sie führen vor Augen, wie Schwarze Menschen unsere Zukunft tragen, ohne unsere Vergangenheit aufzugeben. Und machen deutlich, dass afrikanische spekulative Innovation keine Nische, sondern eine Notwendigkeit ist.

Vier zentrale Herausforderungen

Techno-autoritäre Narrative bieten eine Zukunft ohne Empathie – eine als Pragmatismus getarnte Regression zur Herrschaft. Demgegenüber behauptet der Afrofuturismus, dass eine andere Welt nicht nur möglich, sondern bereits im Aufbau ist. Diese Welt fordert uns heraus, Technologie als Werkzeug der Gerechtigkeit zu nutzen – das, was unsere Vorfahren „Maat“ nannten –, die Geschichte zu ehren, ohne uns an sie zu binden, und Gemeinschaften zu schaffen, die auf Gerechtigkeit basieren. In Zeiten der Klimakrise und des Wiederauflebens des Faschismus ist diese Vision mehr als nur ein künstlerischer Ausdruck: Sie ist ein politischer Imperativ. Der Fatalismus der Techno-Autoritären ist eine Kapitulation – der Afrofuturismus ist ein Aufruf zum Handeln. Dabei sind vier Herausforderungen zentral:

  1. Kollektive Handlungsmacht vs. Hierarchie der Broligarchen: Die dezentralen Gemeinschaften des Afrofuturismus wenden sich gegen die aktuelle Besessenheit von autoritärer Ordnung und Fantasien fremdenfeindlicher, neofeudaler Enklaven. So beschreibt etwa Octavia Butler in ihrer Erzählung „Parable of the Sower“ (2023) Graswurzelnetzwerke, die inmitten des Zusammenbruchs florieren und sich der Kontrolle von oben widersetzen.
  2. Befreiung vs. Technologie als Kontrolle: Tech-Eliten aus dem PayPal-Umfeld und andere einflussreiche Netzwerke zeigen, wie Technologie als Beschleuniger kapitalistischer Entfremdung, Transhumanismus und mangelnder Demokratieförderung wirkt. Der Afrofuturismus interpretiert Technologie dagegen als emanzipatorisch. So erforscht die Sängerin und Schauspielerin Janelle Monáe in ihrem Gesamtkunstwerk „Dirty Computer“ (2018) das digitale Bewusstsein als Ort des Widerstands: Innovation fördert hier Verbundenheit, nicht Unterwerfung. 
  3. Ethisches Gedächtnis vs. historische Amnesie: Die techno-autoritäre Nostalgie nach einer mythologischen Vergangenheit ignoriert die in historischen Hierarchien verankerte Gewalt. Der Afrofuturismus besteht dagegen darauf, sich mit dem Erbe der Unterdrückung auseinanderzusetzen, um eine Wiederholung zu verhindern – gegen ahistorischen Eskapismus und die Versuche, die Handlungsfähigkeit afrikanischer Völker zu reduzieren.
  4. Nachhaltige Zukunft vs. Zusammenbruch: Der techno-autoritäre Impuls begrüßt den gesellschaftlichen Zusammenbruch als darwinistische Säuberung. Der Afrofuturismus lehnt diesen Nihilismus ab und priorisiert nachhaltige Gemeinschaften, die sich durch generationenübergreifende Fürsorge und ökologisches Gleichgewicht auszeichnen. Durch einen Geist von Ubuntu: der Menschlichkeit in Verbundenheit mit anderen.

Sheree Renée Thomas
ist Herausgeberin von „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“, dreimalige Gewinnerin des World Fantasy Award für die Herausgabe der wegweisenden Anthologien „Dark Matter“ und „Africa Risen Black Speculative Fiction“ sowie Autorin der Sammlung „Nine Bar Blues“.

Lonny Avi Brooks
ist Professor und Fachbereichsleiter für Kommunikation an der Cal State East Bay, Mitbegründer der AfroRithm Futures Group und Mitentwickler von AfroRithms From The Future, einem visionären Erzählspiel, das sich eine freie Zukunft aus der Perspektive von Schwarzen, Indigenen und Queers vorstellt.

Reynaldo Anderson
ist Associate Professor für Afrikologie und African American Studies an der Temple University, Hauptorganisator der Black Speculative Arts Movement (BSAM) und Autor des Buches „Afrofuturism and World Order“.

KI als kreative Power für den Handel der Zukunft

Es wird viel über neue Anwendungen von Künstlicher Intelligenz (KI) gesprochen, doch häufig stehen Handelsunternehmen in Deutschland und Österreich noch relativ am Anfang des Einsatzes. Wagen wir einen Ausblick zum Einsatz von KI im Handel, der besonders ein zentrales Thema lösen soll: die Konsumflaute.

von Theresa Schleicher

8. April 2025

„Die kommenden KI-Strategien für den Einzelhandel sind einfacher umzusetzen, als gedacht.“

– Handels-Zukunftsforscherin Theresa Schleicher

Es verändert sich 2025 etwas in der digitalen Diskussion. Laut dem Gartner Hype Cycle hat Künstliche Intelligenz (KI) die Hauptstufe der KI-Angst und Desillusionen erreicht. Die Euphorie weicht unternehmerischer Sichtweise. Das ist sinnvoll, denn es zeigt sich, dass die Gesellschaft längst weiter ist als viele Unternehmen.

Eine neue Generation wächst heran, für 42 Prozent der AI-Natives (12-19 Jahre) ist das irrelevant, ob sie mit einem Bot oder einem Kundenberater online sprechen, solange der Service stimmt. Auch ein Drittel der 12- bis 28-Jährigen in Österreich verwendet ChatGPT bereits regelmäßig. Sie erwarten von Unternehmen nicht nur Lösungen, die funktionieren, sondern inspirieren und begeistern. Das wird genau jetzt, in Zeiten bewussten Konsums, vollen Lagern und Billigaktionswahn, für den Handel in Österreich so wichtig.

Was viele abhält, ist oft ein festgesetzter Irrglaube: Händler im Mittelstand schrecken vor KI-Lösungen zurück, weil ihnen eingebläut wird, dass sie teuer, aufwändig oder kompliziert seien. Konzerne tun sich hingegen oft schwer, KI mit Kreativität und Leichtigkeit zu verbinden. Doch damit verpasst der Handel viele einfache Chancen, neue Kunden zu erreichen und zu begeistern.

Strategien für KI im europäischen Einzelhandel

1. Von vollen Lagern zu neuen Produkthighlights

KI-Tools analysieren das Kundenverhalten, Nachfragetrends, Präferenzen und Kaufhistorien, um maßgeschneiderte Produktempfehlungen zu erstellen. Dabei geht es nicht nur darum, Kund:innen an häufig gekaufte Produkte zu erinnern oder ergänzende Empfehlungen zu geben, um den Warenkorb kreativer zu gestalten. Vielmehr liegt der Fokus zunehmend auf der Entwicklung neuer Produkte und Eigenmarken, basierend auf den stetig wachsenden Datenmengen aus bestehenden Käufen, Suchanfragen, Bewertungen, lokalen und saisonalen Präferenzen, oder Social-Media-Trends. 

Ein Beispiel dafür liefert der asiatische Supermarkt Hema von Alibaba, der neben vorhandenen Daten gezielt Kundenfeedback aus Wettbewerben und Umfragen nutzt, um neue Produkte zu entwickeln. 

Wer im Mittelstand mit den eigenen vollen Lagern und bestehenden Produkten beschäftigt ist, kann mit KI und intelligenten Warenwirtschaftssystemen schnell erkennen, zu welchem Preis, an welchem Ort und welcher Filiale seine Produkte besser funktionieren. Aber auch mit einem Klick Lagerbestände an digitale Plattformen wie Ebay, Kaufland, Amazon etc. verkaufen.

2. KI-Kunden-Tools als Konsumtreiber und echte Services

KI-gestützte Assistenten und intuitive Chatbots, die Sinne wie Tasten, Hören und Sehen simulieren, ermöglichen Interaktionen mit Onlineshops oder Kunden-Apps, die sich zunehmend wie ein Gespräch mit einem menschlichen Verkäufer anfühlen. 

Ein Beispiel ist das deutsche Start-up FrontNow, dessen Bot Fragen wie „Was brauche ich für Gericht XY?“, „Was soll ich essen, wenn ich eine bestimmte Ernährungsweise verfolge?“ oder „Was brauche ich, um meinen Gartenzaun zu reparieren?“ beantworten kann. Konsument:innen gewöhnen sich zunehmend an sinnlich intuitive Tools, die sehen, fühlen und sprechen. Von sprachbasierten und intuitiven Rezeptdatenbanken bis zu Avatar-Küchenhelfern, die Kund:innen neue Impulse im Lebensmittelbereich geben, liegt hier noch viel Potenzial. In anderen Branchen haben KI-Tools eine besonders umsatzsteigernde Wirkung. 

Start-ups wie Arch AI deuten nur an, dass es heute möglich ist, die eigene Wohnung abzufotografieren und in Sekunden wird sie virtuell neu renoviert und umgestaltet. Für Interieur und die Garten- und Baumarktbranche bieten KI-basierte Technologien ganz neue Chancen, Menschen zu inspirieren, die sonst vor weißen Wänden oder grünen Rasen stehen und dann aus Vorsicht oder fehlender Kreativität die wenigen „Standards“ im Markt kaufen. Eine Baumarktkette fragte letztens nach einem passenden Start-up – wir haben es kurzerhand gemeinsam in ein paar Wochen selbst gebaut. Es ist heute so einfach.

3. Von Fachkräftemangel zu digital souveränen Führungskräften

Lange Zeit dominierte die Sorge um den demografischen Wandel das Narrativ der Arbeitswelt: Der Mangel an jungen Fachkräften werde Unternehmen vor immense Herausforderungen stellen. Doch während viele noch über das Problem diskutieren, zeichnet sich in den kreativen Branchen der DACH-Region bereits ein bemerkenswerter Shift ab. Gerade die oberen Altersklassen, die sich aktiv mit generativer KI auseinandersetzen, erleben derzeit eine vielversprechende Zukunft. Sie kombinieren ihre Jahrzehnte an Erfahrung, Fachwissen und Arbeitskompetenz mit KI-gestützten Tools – und sind damit in der Lage, schneller, effizienter und präziser zu produzieren, zu analysieren und innovative Lösungen zu entwickeln. 

In vielen Bereichen entsteht dadurch ein Ausgleich: Während junge Fachkräfte zunehmend von KI-Tools unterstützt oder in manchen Fällen sogar ersetzt werden, entwickeln sich erfahrene Mitarbeiter:innen zu digital souveränen Führungskräften, die nicht nur Technologie verstehen, sondern vor allem wissen, welche Informationen, Impulse und kreativen Ideen sie in KI-Systeme einspeisen müssen, um Kaufimpulse, Innovationen und neue Beziehungen zu gestalten.

Weitere KI-Trends, Beispiele und Strategien der Zukunftsforscherin Theresa Schleicher gibt es auf der Bühne und in der von ihr herausgegebenen Zukunftsstudie Handel.

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Dieser Gastbeitrag erschien zuerst hier.

KI & Nachhaltigkeit

Die Zukunft der SustAInability

Digitale Technologien rücken aufgrund ihres wachsenden Energieverbrauchs immer stärker in den Fokus von Nachhaltigkeitsdebatten. Der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz drängt uns zur Frage, wie diese wachsenden Technologien ökologisch verträglich eingesetzt werden können – und welche politischen, sozialen und technologischen Ansätze dafür nötig sind.

von Anja Kirig

12. Februar 2025

Der AI Action Summit 2025 in Paris brachte rund 100 Nationen und wichtige Branchenvertreter:innen zusammen. Ein Großteil der Teilnehmenden unterzeichnete am Ende des Summits eine Deklaration für eine transparente, ethische, sichere – und vor allem auch nachhaltige Weiterentwicklung der KI. Nicht aber die USA und das Vereinigte Königreich. Was bedeutet das für die Zukunft der Künstlichen Intelligenz? Und wie realistisch ist eine ökologisch und nachhaltig verträgliche KI?

KI – Effizienzbooster oder Energieproblem?

Streaming, Kryptowährungen – und nun auch KI: Die digitale Welt schluckt immer mehr Energie und sorgt so für kontroverse Diskussionen. In einer Next Stop Future-Folge sprach ich mit meiner Podcast-Kollegin Catharina darüber, dass die Effizienzgewinne den Energieverbrauch der KI übersteigen und KI somit trotz ihres hohen Energiebedarfs zur Nachhaltigkeit beitragen könnte. Verlässliche Zahlen zum tatsächlichen und prognostizierten Energieverbrauch der KI sind jedoch schwer zu finden und Daten verschiedener Studien sollten mit Vorsicht interpretiert werden.

Klar ersichtlich ist allerdings das Wachstum der Rechenzentren und deren steigender Strombedarf. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass aktuell 1 bis 1,5% des weltweiten Energiebedarfs von Rechenzentren ausgeht – Tendenz steigend. Bislang wird die Nachfrage nach Rechenleistung noch überwiegend durch fossile Brennstoffe gedeckt. Und auch der Wasserbedarf für die Kühlung der Rechenzentren wird zu einem kritischen Faktor, immerhin verbraucht beispielsweise ein modernes US-Rechenzentrum für das Training von GPT-3 rund 700.000 Liter Frischwasser.

Lösungsansätze für eine nachhaltige KI

Indem sie tatsächliche Effizienzpotenziale in der Ressourcennutzung, dem Energieverbrauch oder der Kreislaufwirtschaft hebt, kann die KI eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung ökologischer und gesellschaftlicher Herausforderungen spielen. Dafür bedarf es jedoch einer tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Transformation. 

Die Eco Transition beschreibt ein Umdenken, durch welches Nachhaltigkeit systemisch verankert wird – statt sie nur auf Verzicht oder Kompensation zu reduzieren. Demnach sollten wir KI-Technologien nicht nur hinsichtlich ihrer Emissionen optimieren, sondern sie aktiv in Systeme der Kreislaufwirtschaft und regenerative Wirtschaftsmodelle einbinden. 

Die Conscious Economy erweitert diesen Ansatz und verknüpft die wirtschaftliche Wertschöpfung mit sozialen und ökologischen Zielen – im Falle von Künstlicher Intelligenz beispielsweise dann, wenn KI als Werkzeug für transparente und faire Produktions- und Handelsprozesse eingesetzt wird.

Gleichzeitig spielen gesellschaftliche und ethische Dimensionen eine zentrale Rolle. Die Co-Society fördert neue Formen der Zusammenarbeit, die auf Offenheit und Teilhabe beruhen. Open-Source-KI-Anwendungen können idealerweise eine gemeinschaftliche Entwicklung von Technologie ermöglichen.

Dezentralität wird auch im Rahmen der Glocalisation relevant, die globale Vernetzung mit lokalen, anpassungsfähigen Strukturen kombiniert. Dezentrale KI-Ansätze und Small Language Models (SLMs) stehen dabei für eine nachhaltigere und demokratische Alternative zu energieintensiven zentralisierten Systemen.

Die ethische Dimension zeigt sich in der Human Digitality: KI darf nicht nur funktionale Optimierung betreiben, sondern muss auch menschliche Werte, Privatsphäre und digitale Selbstbestimmung respektieren. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten, der Schutz individueller Rechte und die Entwicklung fairer, diskriminierungsfreier Algorithmen sind essentiell, um KI zu einem Instrument für eine lebenswerte Zukunft zu machen.

Ein technologischer Balanceakt

Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, eine nachhaltige Schlüsseltechnologie zu sein. Ob KI zu einem echten Treiber einer nachhaltigen oder regenerativen Zukunft werden kann, liegt letztlich an einer ganzheitlichen Perspektive auf die Zukunft der KI-Technologie. Nachhaltig sinnvoll wird die Künstliche Intelligenz nur dann, wenn der Fokus nicht nur auf ihrer technologischen Weiterentwicklung liegt, sondern vor allem auf ihre sinnhafte, ökologische und ethisch reflektierte Integration in gesellschaftliche Transformationsprozesse.

Die Sozialwissenschaftlerin Anja Kirig beobachtet kontinuierlich gesellschaftliche Veränderungsprozesse, insbesondere in den Bereichen Sport und Tourismus sowie Gesundheit, Nachhaltigkeit und Post-Individualisierung. In ihren Vorträgen bereitet sie die Inhalte eloquent und anschaulich auf, eröffnet Möglichkeitsräume und bietet Orientierung.

Die vollständige Version dieses Textes hat Anja Kirig auf ihrem Blog veröffentlicht.

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Das KI Manifest

Ein Auszug aus 37 Thesen, Parolen und Geboten zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz und der menschlichen Kreativität

von Matthias Horx und Julian Horx (Illustrationen)

11. September 2024

In Zeiten der künstlichen Dummheit ist es wieder richtig und wichtig, radikal zu werden.

Radikalität heißt: Die Kenntnis der Wurzeln. Und die Verwurzelung des Denkens in der menschlichen Zukunft.

Illustration 1 - Das KI-Manifest

Ein Gespenst geht um in der ganzen Welt und weit darüber hinaus. Es spukt in unseren Köpfen und Seelen. Es lässt uns nicht ruhig schlafen. Es quält und verwirrt unsere Gedanken, unsere Unternehmen, unsere Gesellschaften, unser Mind.

Es ist das Gespenst der Künstlichen Intelligenz.

Auf unheimliche Weise scheint KI das Schicksal der ganzen Menschheit zu bestimmen. Sie saugt alles, was wir wissen, glauben und hoffen, in sich hinein. Sie enteignet die Gedanken, die Bilder, die menschlichen Gefühle. Sie stürzt uns in einen Strudel der Selbstabwertung, der gefühlten Unterlegenheit gegenüber des Digitalen.

Sie zerstört unsere Vorstellung von der Zukunft.

Doch jetzt ist es an der Zeit, diesen Zustand der Angst und Unterwerfung zu überwinden – und zu einer Expedition aufzubrechen, die uns zum Kern unserer Selbst-Verständnisses führt. Wir sind aufgerufen, neu zu verstehen, wer wir – als Menschen – sind. Und was Zukunft für uns bedeutet.

Illustration 2 - Das KI-Manifest

Was „kann“ Künstliche Intelligenz? Und was wird sie können, wenn sie noch viel „weiter“ ist?

Hier ist eine widerborstige These: Generative KI wird, wenn sie „perfekt“ und mit noch mehr Daten trainiert ist, weniger können als heute.

Generative Künstliche Intelligenz ist ein stochastischer Papagei, der immer nur nachplappert oder nachbildet, was bereits existiert. Dies führt zu einem evolutionären Paradox: Je weiter sich KI entwickelt, desto dümmer wird sie. Da die Ergebnisse der KI immer wieder in die KI-Systeme eingespeist werden, entsteht eine regressive Schleife: Das Wiederholte wird wiederholt, die KI wird mit ihren eigenen Produkten überfüttert. Das mündet in eine digitale Dekadenz. Eine Art Selbst-Kannibalisums.

Perfektion ist, im systemischen Sinn, anti-evolutionär. An einem bestimmten Punkt gibt es keine Überraschung der Wahrnehmung mehr. Überraschungen sind jedoch das, womit wir unsere Balance zwischen Chaos und Struktur bewahren. Der menschliche Geist generiert seine Energie über das Staunen. Das Erleben des Neuen und Zauberhaften.

„Die KI wirkt auf mich beruhigend dumm.“
– Helge Schneider, Komiker und Künstler

Illustration 3 Das KI-Manifest

Generative KI drängt Kreative zu einer harten Selbstüberprüfung: Kann das, was ich herstelle, besser von KI erzeugt werden?

Die Frage klingt vernichtend. Sie hat aber auch einen befreienden Charakter, wenn man sie ehrlich stellt. Denn wenn wir durch die KI ersetzbar sind, heißt das, dass wir uns von der genuinen Kreativität entfernt haben. Wir sind in gewisser Weise selbst zu Maschinen geworden. Zu Anhängseln.

Dann ist es Zeit, neu aufzubrechen.

KI wird den Mainstream der kreativen Arbeit „vertilgen“ – und gleichzeitig aufblähen. Dies wird einen neuen Sektor der radikalen Mittelmäßigkeit erzeugen, in dem weder Löhne noch Honorare gezahlt werden, weil die KI alles übernimmt. Doch zugleich entsteht ein schnell wachsender neuer Markt, in dem die genuine Human-Kreativität wieder neu bewertet und gewürdigt wird.

Maschinen können Kombinationen finden. Materialien sichten. Aber sie haben keine „Wahrnehmungen“. Und sie verstehen nichts von Leidenschaften und Selbstvertrauen, den großen Treibern der Kreativität. All das können sie nur simulieren.

Zu den großen Eigenschaften des Menschen zählt die Wahrnehmung der Wahrhaftigkeit. Auch dafür gibt es einen Markt. Einen riesigen und wachsenden – wenn wir es richtig anstellen.

KI erlaubt es Verlagen, ohne Redaktionen auszukommen. Sie ermöglicht es, Kunst ohne Künstler:innen zu machen. Filme ohne Darsteller:innen zu produzieren. Bücher ohne Autor:innen zu schreiben.

Für die kommende Auseinandersetzung zwischen Mensch und KI wird es auf das Selbstbewusstsein der Kreativen ankommen. Und auf ihre Fähigkeit, ihre eigene Arbeit von der KI-generierten Reproduktion des Immergleichen zu unterscheiden. Mit Stolz in die Welt zu gehen. Und dabei auch die Möglichkeiten generativer Computersysteme zu nutzen, wo es Sinn macht.

„Das Trainingsmaterial der KI ist ein Spiegel der Menschheit“, sagt der Fotograf Boris Eldagsen, der 2023 die „Sony World Photography Awards“ mit einem KI-generierten Bild gewann – und den Preis ablehnte: „Damit zu arbeiten, ist spannend. Ich bin dann in meiner Rolle nicht mehr der Künstler, der ich vorher war (…) Jetzt bin ich der Dirigent, und mein Chor ist das Trainingsmaterial. Ich muss versuchen, damit etwas zu schaffen. Künstlerisch ist es eine tolle Zeit.“ (vgl. Buxmann/Schmidt 2024).

Illustration 4 Das KI-Manifest

Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Jede dekonstruktive Dynamik bewirkt auch eine konstruktive Gegenbewegung.

Weil generative KI in eine Misstrauensschleife führt (Was ist wahr? Was ist echt? Was soll das?), sind wir mehr denn je auf persönliche Vertrauensverhältnisse angewiesen. Online-Inhalte verifizieren sich nicht mehr von selbst. Wir lernen aktuell, dass Bilder, Audio- oder Videoaufnahmen nichts wirklich zeigen und beweisen.

Deshalb wird es immer wichtiger, zu wissen, von wem eine Information kommt. Wer gepostet oder generiert hat. Es geht um die Intention menschlichen Verhaltens und weniger um die „Inhalte“ (die zunehmend assimilierte Formen sind).

Wir werden schnell ein Gefühl dafür entwickeln, was von KI produziert wurde und was nicht. Damit verbunden sein wird ein Gefühl der Fadheit, des Ekels – so wie unsere Vorfahren eine Abneigung gegen verdorbene Lebensmittel entwickelten. Der Hunger nach Echtheit, Wahrheit, Authentizität kehrt zurück.

Vertrauen ist ansteckend, es bildet seine eigenen, selbstverstärkenden Systeme. Darauf ist Verlass.

Zukunft des Lernens: Die KI-Chance

Wie lässt sich KI sinnvoll im Bildungsbereich nutzen? Die Voraussetzung ist ein struktureller Wandel des Bildungssystems.

Ein Gastbeitrag von Stephanie Wössner

13. Februar 2024

Im 21. Jahrhundert steht das Bildungssystem an einem Wendepunkt. Prägende Krisenereignisse – von Pandemien und Klimawandel bis zu globalen Konflikten – sowie zahlreiche Bildungsstudien der vergangenen 15 Jahre haben tief verwurzelte strukturelle Mängel offengelegt, die nicht länger mit halbherzigen Reformen zu bewältigen sind. Um den Anforderungen einer sich rasant verändernden Welt gerecht zu werden, ist eine umfassende Transformation des Bildungswesens notwendig. Künstliche Intelligenz spielt in diesem Prozess eine signifikante Rolle. Doch um die KI-Potenziale zu entfalten, sind grundlegende Veränderungen hin zu einem zukunftsorientierten Lernen notwendig.

Ohne Herz keine Zukunft

Unser Bildungssystem gleicht einem geschwächten Herzen: Es ist unfähig, das lebensnotwendige Elixier effektiv durch die Adern unserer Gesellschaft zu pumpen. Die Probleme sind nicht nur oberflächlich, sie sind Symptome einer tieferen Malaise, hervorgerufen durch veraltete Traditionen und einen ausgeprägten Widerstand gegen notwendige Veränderungen. Denn das heutige Bildungssystem ist ein Relikt der industriellen Revolution, das individuelles und kreatives Denken durch standardisierte Prüfungen und uniforme Lernwege unterdrückt. Um die großen Herausforderungen unserer Zeit anzugehen, ist es essentiell, das Bildungssystem von Grund auf zu heilen und zu erneuern.

Eine vernetzte Welt verlangt Flexibilität, Kreativität und Teamarbeit – Fähigkeiten, die ein Einheitsmodell der Bildung ausblendet. Zukunftsweisend ist dagegen ein System, das personalisiertes, lebenslanges Lernen fördert und die Talente des Individuums in den Mittelpunkt stellt. Bildung muss daher weit über die reine Wissensvermittlung hinausgehen und zum Nährboden für die Entwicklung vieler Kompetenzen für eine aktive und verantwortungsbewusste Teilhabe an der Gesellschaft werden. Die Basis für die Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit und die Förderung des lebenslangen Lernens bilden Lernumgebungen, die vielfältige Erfahrungen ermöglichen. Dabei kann Technologie uns helfen – und uns gleichzeitig erlauben, uns wieder mehr auf das Menschsein zu besinnen.

Erweiterte menschliche Intelligenz

Bislang hat KI in der Bildung vor allem für Aufsehen gesorgt durch die Herausforderungen, die sie für traditionelle Lehr- und Bewertungsmethoden darstellt. Die Technologie bietet zwar neue Möglichkeiten für die Unterrichtsgestaltung und die Beurteilung von Leistungen, für die „Datafizierung“ jedes Schrittes eines Kindes oder Jugendlichen im Kontext von Learning Analytics. Doch diese Perspektiven zeigen nur, wie viele Menschen an einem überholten Verständnis von Bildung festhalten. Sie übersehen das wahre Potenzial, das Algorithmen maschinellen Lernens für das menschliche Lernen darstellen: nicht durch die Digitalisierung von bisher analogen Prozessen, sondern weil Algorithmen des maschinellen Lernens die Lernkultur komplett verändern können. 

Nein, das Erlernen von Sprachen lässt sich keineswegs durch KI ersetzen. Aber wir könnten jedem Menschen – perspektivisch von Geburt an – einen individuellen KI-Assistenten zur Seite stellen, der diese Person kennt, sie fördert und fordert, anstatt mit der Lupe nach Dingen zu suchen, die sie nicht kann. Dieser persönliche Assistent könnte die menschliche Intelligenz erweitern und uns dabei unterstützen, die Talente, die in uns schlummern, zu fördern – um maßgeblich zur Lösung bestimmter Herausforderungen und zur Gestaltung der Zukunft beitragen zu können. Und was wäre, wenn uns diese Daten gehören würden und wir sie ganz oder teilweise auf sicherem Wege mit den Menschen teilen könnten, denen wir vertrauen, sodass sie uns bei unserer persönlichen Weiterentwicklung unterstützen können?

Lernen als Human-Machine Teamplay

Für die Zukunft des Lernens bedeutet dies vor allem, dass wir unabhängig von jeglicher Technologie den „Raum“ neu gestalten müssen, in dem sich die Kompetenzen entwickeln, die in Zukunft zur Handlungswilligkeit und -fähigkeit und damit dem individuellen und globalen Wohlergehen beitragen. Wer könnte dafür besser geeignet sein, als die Personen, die seit jeher Lerndesigner:innen sind, nämlich die Lehrkräfte? Allerdings müssen wir uns dafür von der Konvention verabschieden, diesen Raum rein als physischen Raum zu verstehen. 

Zukunftsorientierte Lernräume bilden Umgebungen, in denen aus Fehlern gelernt werden darf, in denen wir uns gemeinsam weiterentwickeln und vielfältige Erfahrungen machen dürfen, die dazu beitragen, dass alle Menschen Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Und das schließt auch virtuelle Räume mit ein. Entscheidend ist, dass der selbstbestimmte Mensch dabei stets im Zentrum steht – mit seinen Kompetenzen und seiner gestalterischen Rolle, die auch durch Ansätze wie Game-based Learning, Design und Futures Thinking entwickelt werden kann. Technologien wie Extended Reality und virtuelle Welten, aber ganz besonders KI als erweiterte menschliche Intelligenz oder gar als Lernpartner:in können in dieser Lernumgebung eine unterstützende Rolle spielen.

Bildung für eine bessere Zukunft

Die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft setzt voraus, dass Bildung auf persönliche Entwicklung und zukunftsorientiertes Lernen ausgerichtet ist. Der Weg dorthin verlangt eine grundlegende Veränderung in der Einstellung aller Akteure. Es ist eine Reise, die Zeit, Mut zur Selbstreflexion und die Bereitschaft erfordert, gemeinsam an der Gestaltung unserer Zukunft zu arbeiten. Dieser Prozess beginnt mit dem heutigen Tag. Er fordert von einigen ein Loslassen alter Vorstellungen, von anderen die Erkenntnis, dass ihr Beitrag essentiell für die positive Entwicklung unserer Gesellschaft ist.  

Indem wir als Gemeinschaft ein neues Mindset fördern, das individuelle Potenziale erkennt und fördert, können wir die Grundlage schaffen für eine Bildung, die allen Menschen das Gefühl vermittelt, einen wertvollen Beitrag zur Gestaltung der Zukunft zu leisten und Mitspracherecht zu haben. Schaffen wir gemeinsam als Gesellschaft Raum für die Entwicklung dieses neuen Mindsets! Sprechen wir darüber, welche wünschenswerten Zukünfte wir uns vorstellen könnten! Und darüber, was wir tun können, um diese erstrebenswerten Zukünfte wahrscheinlicher zu machen.

Hier finden Sie ein Beispiel, wie eine meiner wünschenswerten Zukünfte aussieht:

Wie prägen Trends wie Transforming Education, Cross-cultural Learning oder Digital Literacy die Transformation des Bildungswesens? Das Future:System, die transformative Trendsystematik des Future:Project, beleuchtet diese und viele weitere Wandlungsprozesse unserer Zeit – und identifiziert dabei konkrete Gestaltungspotenziale für eine lebenswerte Zukunft.


Stephanie Wössner
ist freiberufliche Referentin und Beraterin für zukunftsorientiertes Lernen mit den Schwerpunkten Extended Reality, Game-based Learning, KI, Metaverse, Design and Futures Thinking. Hauptberuflich war sie über zehn Jahre Lehrerin und leitet mittlerweile die Stabsstelle Zukunft des Lernens am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg.

mehr über Stephanie Wössner