Reibung im Angesicht der Künstlichen Intelligenz

Künstliche Intelligenz stellt unser Selbstbild in Frage. Wenn die Welt ihre Regeln grundlegend ändert, sind wir dann noch die gleichen? Ein Auszug aus dem Buch „Schönheit der Umbrüche“.

„KI ist wie eine gläserne Zwiebel. Sie erscheint vielschichtig, geheimnisvoll und unergründlich … doch in Wahrheit liegt der Kern klar vor unseren Augen. Wir tragen eine Schicht nach der anderen ab und werden ehrfürchtig vor der Vielschichtigkeit, die wir hineinlesen. Das Problem ist: Wir erwarten Komplexität. Wir erwarten Intelligenz. Deshalb weigern wir uns anzuerkennen, was direkt vor unseren Augen liegt.

frei nach „Knives Out“, Glass Onion

1968, auf dem Gipfel der Bekanntheit angelangt, schenkte John Lennon der Welt eine gläserne Zwiebel. Der Song „Glass Onion“ war eine Reaktion auf zahlreiche, ausschweifende Interpretationen seiner Liedtexte, deren Uneindeutigkeit Fans und Kritiker in gleichem Maße veranlasste, so viele Schichten aus dem Text abzutragen, dass sie am Ende keine Tiefgründigkeit mehr fanden, sondern lediglich Quatsch.

Knapp 60 Jahre später kann uns die gläserne Zwiebel eine hervorragende Denkhilfe für den Umgang mit KI sein. Als schillernde Projektionsfläche steht sie mitten im öffentlichen Diskurs und auf ihr reflektiert sich alles, was unsere Gesellschaft gerade bewegt. KI triggert das frühkindliche Trauma unseres Industriezeitalters: die kollektive Befürchtung, nicht mehr wertvoll zu sein, weil das, was man tut, nun von einer Maschine erledigt werden kann. Sie nährt die Angst, durch ein Produkt unserer eigenen Genialität vom Gipfel der Schöpfung gestoßen zu werden. Und sie weckt – zumindest unter den ganz Hoffnungsvollen – die vage Hoffnung, ab jetzt nur noch dem „Wahren, Schönen, Guten” Zeit und Aufmerksamkeit schenken zu müssen, weil all das Mühselige von den Maschinen übernommen wird.

Die Fragen, die der Umgang mit KI aufwirft, berühren immer direkt den Kern unseres Selbstbilds als Menschen. Was sind wir noch wert, wenn etwas anderes klüger ist als wir? Wird unsere gottgleiche Schöpfung gnädig mit uns sein? Und was bleibt von uns übrig, wenn wir uns nicht mehr an der Spitze der Evolution verorten können? Damit zeigt sich im KI-Diskurs ein zentrales Element von Umbrüchen: die Selbstinfragestellung. Wenn die Welt ihre Regeln grundlegend ändert, sind wir dann noch die gleichen? Diese Fragen sind so groß, dass wir uns selten Zeit nehmen, die Voraussetzungen zu prüfen, die ihnen zugrunde liegen.

KI wird immer besser – aber vielleicht nie zuverlässig

KI, so wie sie derzeit Inhalte in unsere virtuellen Welten spuckt, rechtfertigt eigentlich den Hype nicht. Sie ist unzuverlässig und die Ergebnisse – ebenso wie ihr Einsatz im Alltag – oft banal. KI-Tools werden aktuell mehrheitlich dafür eingesetzt, unterhaltsamen oder pornographischen Unsinn zu generieren, unsere genervten Impulsreaktionen gegenüber Kollegen in höfliche E Mails umzuformulieren und die Hausaufgaben unserer Kinder zu erledigen. Dass KI dennoch gewaltige Investitionen mobilisieren kann, liegt an dem Versprechen, sie werde sehr bald aus ihren Kinderkrankheiten herauswachsen.

Oder konkret gesagt: Eine KI der Zukunft weiß hoffentlich, dass es Tausendfüßler in der Realität gibt, feuerspeiende Drachenkatzen aber nicht. Sie weiß, dass Menschen nur selten so schön sind, wie die Bilder, mit denen sie trainiert wurde, und sie kann Fake News von Fakten unterscheiden.

Der ganze Hype um KI basiert auf der Annahme, dass KI besser wird. Die Tech-Monarchen sind sich zwar
in ihren Prophezeiungen uneinig, ob KI uns Erlösung oder Unterwerfung bescheren wird – doch an der Großartigkeit ihrer künftigen Entwicklungen lassen sie keinen Zweifel. Sie alle haben etwas zu verkaufen – und je aufgeregter die Debatte um KI ist, desto potenter wirkt ihr Produkt. Neben diesen großformatigen Proklamierungen wirken die Einwände anderer zweifelnder KI-Experten so ernüchternd, geradezu langweilig, dass wir es kaum glauben wollen.

Die Mittelmäßigkeit liegt in der Natur von KI (vgl. Steyerl, 2023): Large Language Models nutzen Wahrscheinlichkeit, um sich dem Ergebnis anzunähern, das mit größter Wahrscheinlichkeit dem Wunsch oder Ansinnen des Prompts entspricht. Das einzig Verblüffende an KI ist, dass es mit diesem Grundprinzip überhaupt so gute Ergebnisse liefern kann – dass also das Mittelmaß auf einem so hohen Niveau stattfindet. Der Grund dafür ist beschämend: LLMs werden mit literarischen und künstlerischen Werken trainiert, die die Unternehmen illegal von Piraten-Websites geklaut haben (vgl. Wykretowicz, 2025; Hutte-
rer, 2025). So wie sie derzeit entwickelt wird, basiert KI auf dem Diebstahl von jenen, die wir für ihre Leidenschaft am meisten verehren. KI ist Mainstream – aber nicht unser Mainstream, sondern ein Mainstream, der in großen Teilen die Lebenswerke der leidenschaftlichsten, klügsten Menschen der Geschichte umfasst.

2. KI macht unser Leben schöner – sofern sich das irgendwie rechnet

Erinnern Sie sich noch an die goldenen Zeiten des Internets, als Werbung noch nicht den kompletten digitalen Raum strukturiert hat? Fast jede Innovation durchläuft zunächst eine goldene Zeit, in der es scheint, als könnte sie tatsächlich unser Leben schöner und unsere Gesellschaft netter machen.

Und dann kommt der Moment, an dem eine Investition anfangen muss, auch wirtschaftlich zu werden. Plötzlich können wir das Netflix-Konto nicht mehr einfach mit Freunden teilen, die einmalig erworbene Adobe-Lizenz wird gegen ein teures Abo-Modell eingetauscht und in sozialen Medien werden wir still und heimlich vom Kunden in das eigentliche Produkt verwandelt. Das Versprechen, dass der Kapitalismus als Evolutionsbeschleuniger nur die besten Produkte überleben lässt, wurde in den letzten Jahren oft gebrochen. Die schönsten Potenziale einer Innovation waren oft nicht wirtschaftlich – und wurden dann einfach ausgetauscht gegen ein funktionierendes Geschäftsmodell.

All die großen Versprechungen über die Potenziale der KI kommen ebenfalls mit der Fußnote: KI macht euer Leben besser – sofern sich das irgendwie rechnet. Damit sie sich im Alltag jedoch rechnet, muss KI die nächste nervige Marotte, unsere nächste digitale Sucht werden. Sie muss uns Antworten geben, die schmeicheln und uns emotional abhängig von ihr werden lassen. Rechnen tut sie sich erst, wenn wir über sie klagen, wie heute über soziale Medien: Wir kommen davon nicht los – auch wenn wir wissen, dass sie uns keinen Mehrwert bringt und wir ohne sie besser dran wären.

3. Reibungslosigkeit macht unser Leben bequem – nur leider auch langweiliger

Technologischer Fortschritt macht das Leben bequemer. Das ist eines der großen Versprechen der Moderne. Jede Innovation der Neuzeit versucht, diese Verheißung ein Stück weit realer werden zu lassen. Und tatsächlich war das Leben noch nie so komfortabel wie heute: Immer häufiger erledigen Roboter unseren Haushalt, bringen Lieferdienste uns das Abendessen vor die Haustür und formulieren KI-Tools für uns emotionale Briefe und heikle E-Mails.

Geringer Aufwand, sofortige Verfügbarkeit und unkomplizierte Nutzung sind zentrale Werte der Gegenwart geworden. Die kollektive Erwartung, entgegenkommend behandelt zu werden, bestimmt den Alltag – und lässt uns großzügig darüber hinwegschauen, dass ein Großteil der Mühe, die in ein Produkt geflossen ist, einfach nur außerhalb unseres Sichtfeldes verschoben wurde. Lieferdienste setzen ein Heer von meist prekär beschäftigten Fahrern:innen voraus, Ready-to-cook-Meals erfordern hochverarbeitete Lebensmittel und KI-Tools brauchen nicht nur sehr viel Energie, sondern auch eine schnell alternde Hardware und sehr viel Wasser.

Wir bezahlen einen Preis für Reibungslosigkeit im Alltag und hinterfragen selten, ob es auch wert ist, ihn zu zahlen. Denn mit der Reibung geht noch mehr abhanden: Wenn wir uns auf der Suche nach Liebe durch willkürliche Bildprofile swipen, die abenteuerliche Reise in die Fremde gegen ein Allround-Pauschalpaket eintauschen und Algorithmen die Kuration unseres Musikgeschmacks überlassen, entsteht ein Gefühl der Haltlosigkeit. Reibungslosigkeit und Zufriedenheit sind nicht das Gleiche – oftmals liegen dazwischen sogar Welten.

Reibung verändert uns. Im Sport lässt sie unsere Muskeln wachsen, im Gespräch schleift sie unsere Gedanken, in Beziehungen lässt sie uns zusammenwachsen. Reibung ist einprägsam, generiert Wärme, hinterlässt oft Spuren – und manchmal Narben. Sie ist ein Wegbegleiter, bei jedem Schritt eines Prozesses mit dabei.

Was uns wirklich lebendig fühlen lässt, ist der in Kurven verlaufende, lange Weg zum Endergebnis. Erst durch die Mühe, die wir hineinstecken, bekommt das Endergebnis einen Wert – ein Phänomen, das sogar neurologisch nachweisbar ist und von Forscher:innen IKEA-Effekt genannt wird (vgl. Norton et al., 2011). Ein Billy-Regal wird dadurch wertvoll, dass wir seine Einzelteile in unserem Wohnzimmer verteilen, über die Piktogramme auf der Anleitung rätseln und die Schrauben wieder unter unserem Sofa hervorfischen müssen. Wenn es dann nach ein paar Stunden Ausprobieren und Fluchen etwas schief und mit ersten Kratzern versehen an der Wand steht und wir es stolz betrachten, ist es kein Billy-Regal mehr, sondern unser Billy-Regal. Das Endergebnis ist vor allem dann interessant, wenn wir es noch nicht erreicht haben, wenn es der Grund ist, die Komfortzone hinter sich zu lassen.

Wo kein Wille ist, ist auch kein Weg

Schaffensprozesse verlangen von uns Verzicht: Wir können für ein Bild nicht alle Farben verwenden, Melodien entstehen erst durch das Weglassen von Tönen, Rhythmus durch Pausen. Erst durch das bewusste Zusammenfügen von Elementen wird aus einer Intention ein Werk.

Oft sind die Entscheidungen, die wir in Schaffensprozessen treffen müssen, schmerzhaft: Autorinnen entwickeln fabelhafte, liebevolle Charaktere, die sie irgendwann wehmütig aus dem Skript streichen, weil der Plot ohne sie besser funktioniert (vgl. Wells, 2024). Eine Fotografie zeigt einen Ausschnitt – und lässt den Rest der Szene in Vergessenheit geraten. Nur durch unsere Intention entsteht eine Distanz zwischen dem, was zufällig in unserer Umwelt herumsteht, und Kunst. Ein Text ist per se nicht bedeutsam, sondern zunächst nur eine Aneinanderreihung von Zeichen. Erst durch unser Hadern mit den Worten, unsere Suche nach dem passenden Ausdruck und das Verfeinern der Formulierungen wird daraus ein bedeutsamer Gedanke, der durch Buchstaben vermittelbar wird.

KI produziert all das, was uns Schmerz, Schweiß und jede Menge Lebenszeit abverlangt, in Sekunden. Doch sie weist eine signifikante Fehlstelle auf: ihr fehlt die Intentionalität, der Wille, für eine Idee schmerzhafte Entscheidungen zu treffen. Fotografinnen, Designer, Filmemacherinnen, Schriftsteller, Lektorinnen und Übersetzer, Wissenschaftlerinnen und Denker – was unsere großen Vorbilder alle vereint, ist ihre Hingabe. Sie litten und haderten sich durch ihren Schaffensprozess und wir durften das Resultat als Geschenk entgegennehmen.

„KI ist eine fundamental entmenschlichende Technologie, weil sie uns als weniger behandelt, als wir sind: Schöpfer und Empfänger von Bedeutung.

Ted Chiang, Science-Fiction-Autor

Aus „Schönheit der Umbrüche“