Der hyperdigitale Zukunfts-Blödsinn
Wie sieht sie eigentlich aus, die Zukunft?
Schließen Sie die Augen. IMAGINIEREN Sie das Jahr 2050.
Was sehen Sie?
Lassen Sie mich raten: Roboter auf den Straßen. Fliegende Autos. Wolkenkratzer, die in den Himmel ragen. Überall Screens, auf denen man alles Mögliche anklicken und verursachen kann.
Eben das Kindchen-Schema der Zukunft. Eigentlich: die Jungenfantasie von Zukunft in der Industriegesellschaft. Der Kern-Mythos des „Futuristischen“ hat immer mit Automatisierung, „fliegen können“ und „besonders groß“ zu tun. Komfortabilität und Kontrollfunktionen.
Auf meinem Schreibtisch steht das ein Meter lange Modell einer Concorde. Viele wissen heute gar nicht mehr, was das ist – ein Überschall-Verkehrsflugzeug, das um die Jahrtausendwende aufhörte zu fliegen, weil es zu laut, zu umweltschädlich und zu elitär war. In meiner eigenen Jugend war ich felsenfest davon überzeugt, dass Flugzeuge in Zukunft immer so aussehen würden, bis sie dann in die Umlaufbahn und zu Kolonien auf dem Mars fliegen würden.
Daran glauben heute nur noch die Elon Musks dieser Welt.
Es gibt eine Menge Zukünfte:
- Die Kalte Zukunft (ausschließlich technologisch)
- Die Zwangs-Zukunft (Unterdrückung pur)
- Die Angst-Zukunft
- Die Erlösungs-Zukunft
- Die Retro-Zukunft
- Die Happy-Hour-Zukunft (immerzu Party mit komischen Implantaten)
- Die kaputte Zukunft
- Die herrschsüchtige Zukunft
- Die komfortable Zukunft
- Die Hopepunk-Zukunft
- Die faule Zukunft*
*Eine Zukunft, in der wir immer nur alles nachplappern, was „allgemein“ unter Zukunft verstanden wird.

Mit dem explosionsartigen Wuchern von KI als bildgebende Instanz ist noch eine weitere Dimension hinzugekommen: der FUTURE SLOP. Slop ist das englische Wort für Brei, Matsch, Schlick. FUTURE SLOP ist jene Zukunft, die myriadenfach von der KI produziert wird – als Text oder Bild –, wenn man sie nach der Zukunft fragt.
- Menschen mit Cyber-Brillen, die irgendwie entzückt nach oben schauen
- Glatte metallische Roboter-Ladies mit sexualisierten Gliedmaßen, die cool in die Gegend starren
- Blaue Landschaften, Kontrollräume, in denen es von Bildschirmen nur so wimmelt („die Zukunftshöhlen der Nerds“)
- Von robotronischen Strukturen zerfressene Gesichter und Köpfe, von Schaltkreisen und Computerchips zerpflückt, durchwachsen, verkrüppelt. Meistens Frauenköpfe.
- Wulstige futuristische Konzept-Autos. Ab und zu auch geodätische Kuppeln mit viel Grün. Diese Darstellungen nehmen allerdings ab; sie stammen aus der vergangenen Zeit des Öko-Futurismus.
- Auf Bildschirmen herunterlaufende Zahlen, Nullen und Einsen; schattenhafte, aus Pixeln zusammengesetzte Gesichter
- Alles ist blau, immer. Zukunft ist bildschirmblau. Selbst Zukunfts-Städte leuchten im blauen Kaltlicht des Digitalen.

Der Grund für diese hartnäckige Wiederholungsschleife, mit der die KI die immergleichen Zukünfte darstellt, liegt in ihrem Wesen. Die KI „sampelt“ alle Darstellungen, die JEMALS unter der Kategorie „Zukunft“ von Menschen hergestellt worden irgendwo erschienen sind. Und überspitzt und übertreibt sie mit jeder weiteren Kopie. Die Ergebnisse speist sie dann ZURÜCK in sich selbst.
Auf diese Weise entsteht eine immer monströsere und immer gleichere Zukunft.
Spekularität, die, Nomen, engl.: specularity
Spekularität ist das Maß an Glanz, das ein Material oder eine Oberfläche aufweist. Der Begriff stammt aus dem Kontext von Beleuchtungsmodellen in der Computergrafik, lässt sich aber auch auf die Wahrnehmungsformen des Gehirns anwenden. Spekularität ist jener Effekt, der im Internetzeitalter bestimmt, was WAHRgenommen wird. Angst und Gier und Wut stellen wichtige Trigger der menschlichen Wahrnehmung dar. Durch das ständige Bombardement mit Aufmerksamkeitsreizen verschiebt sich unsere innere Zukunfts-Konstruktion immer mehr von der Visionarität zu Spekularität: Das Sensationelle, Absurde, Unwahrscheinliche wird weitaus häufiger wahrgenommen als das Normale, Wahrscheinliche, Hoffnungsvolle. Zukünfte kommen nur „durch“, wenn sie den Glanz von Erlösungsversprechen haben oder das Weltende voraussagen. Der Grund, warum die Künstliche Intelligenz einen solchen Über-Hype entwickeln konnte: KI ist Gottesbild, Weltuntergang und übermächtiges Kontrollinstrument zugleich.
Die Hypermedialität unserer Zeit verschiebt unsere Wahrnehmung von der Visionarität zur Spekularität – vom Wahrscheinlichen und Zukünftigen ins Groteske und Unmögliche.
Spekularität soll uns auch zu Spontankäufen von irgendwelchen seltsamen Produkten anregen. Kennen Sie die KI-generierten Werbeanzeigen, die inzwischen alle Medienplattformen fluten, mit bizarr aufgeblähten Billig-Autos für Rentner:innen, aufgepumpten Villen, die angeblich „zum Schnäppchenpreis“ zu haben sind, ekligen Prostata-Abbildungen oder gefakten Früher/Später-Bildern, die für irgendwelche betrügerischen Schönheitsbehandlungen werben?
Die Zukunft geht aus dem Leim. Sie wuchert ins Groteske.
Die Novomanie
Über das Alte, das Neue und das Bessere
Wann sind wir in unserem Leben „der Zukunft begegnet“? Womöglich, wenn wir mit dem NEUEN konfrontiert waren. Meistens mit Technik, die irgendwelche „Wunder“ vollbringen konnte. Zu Weihnachten, in meiner Jugend in der Wirtschaftswunderzeit, bekamen wir haufenweise neue Wunder-Technik geschenkt. Da war dieses Staunen. Dieses wunderbare Gefühl der Neu-Gier, mit Bindestrich. Die Carrera-Autobahn, auf der man Rennen fahren konnte. Die süß nach Transistoren riechende Stereoanlage mit ihren satten Bässen. Das Raumschiffmodell, das mit Warp fliegen konnte und dabei blinkte!
In einer Kultur, die das Neue verherrlicht und absolutiert, haben wir eine Art Trance entwickelt. Einen dauerhaften Erwartungsmodus, dass alle Innovation immer auch Spielzeug ist.
Dass alles immerzu NEU sein muss.
Und das Alte auf den Müll gehört.
Aber alles Alte kommt früher oder später zurück.
Oder es hört nie auf.
Am Beispiel der Digitalisierung lässt sich diese illusionäre Übersteigerung gut studieren. Viele Jahre, inzwischen Jahrzehnte, hat sich in der Gesellschaft ein Aberglaube festgesetzt: Der Computer, oder „das Digitale“, macht alles einfach. Es beschleunigt alle Prozesse. Es bringt Wohlstand, Kommunikation, Kooperation, Effizienz und jede Menge Geld. Obendrein macht es auch noch Spaß, als gigantische Entertainment-Maschine. Es entführt uns in andere Welten. Und es vereint auch noch die Menschheit durch Wissen und Kommunikation und Vernetzung überall.
Das Internet ist geradezu ein Fetisch geworden für alle überoptimistischen Erwartungen. Man könnte es auch einen Zukunfts-Fetisch nennen.
Heute stecken wir auch deshalb in einer Zukunfts-Krise, weil wir zum ersten Mal erkennen müssen, dass die Digitalisierung massive negative Nebenwirkungen hat. Wir sind entsetzt, dass Social Media ganze Generationen verdirbt oder unglücklich macht, das Böse mehr fördert als das Solidarische, die Menschen vereinzelt statt verbindet und sich immer mehr als hervorragendes Diktatoren-Werkzeug offenbart. Und auch in Demokratien erzeugen die sogenannten sozialen Medien vor allem eins: Spaltung. Aber wir sind auch ziemlich ratlos, wie wir das „jetzt noch“ ändern können.
Wir ahnen langsam, dass die „Künstliche Intelligenz“ ein Dämon ist, den wir uns selbst mit unserem Bedürfnis nach „totaler Automatisierung“ eingebrockt haben. Ein funktionaler Mythos, der von dämonischen Informationskonzernen mit aller Macht in den Markt gedrückt wurde. Aber nicht unbedingt zum Wohl der Menschen. Sondern zur Monopolisierung von Wissen und Deutungsmacht.
Wir befinden uns im „Zukunfts-Schock“. Der ist in der Morgen-Literatur schon oft beschrieben worden. Etwa in Alvin Tofflers Weltbestseller FUTURE SCHOCK aus den 70er-Jahren. Sogar in Goethes „Faust“, der von der dämonischen Verbindung mit einem Geist handelt, der alles weiß und kann.
Eine neue Zukunftsforschung muss die Aufmerksamkeit, den Impetus dem BESSEREN widmen. Das Neue kann zum Besseren werden, und wird es auch, durch menschliche Adaption und Modifikation. Technologie ist immer auch ein Prozess des Umgangs, der Veränderung und Kompetenzgewinnung. Aber auch der Selektion des Besseren.
Bis die Dampfmaschine nicht nur soziales Elend und mehr Reichtum für wenige erzeugte, waren viele Veränderungen nötig – „Sozio-Adaptionen“, die auch in die Technik als solche überging. Bevor Flugzeuge nicht massenhaft Menschen töteten, mussten viele Schritte der Sicherheit und Verbesserung gegangen werden. Bevor eine Technologie einen Netto-Vorteil zum Wohle der Menschen entwickelt, muss viel schiefgehen. Das Bessere ist das Ergebnis eines langen Lernprozesses, eines Win-win-Dialoges – eine evolutionäre und wechselseitige Aushandlung zwischen menschlichen Bedürfnissen, Fähigkeiten und den Möglichkeiten des Technischen. Wir stecken noch inmitten dieses Prozesses, wenn es um Digitalisierung und KI geht.
Und: Zur Zukunft gehört auch immer das Bewährte, das sich im Zusammenhang mit dem Neuen neu konfigurieren kann.

