Eine ziemlich kurze Geschichte der Zukunftsforschung

Was können wir über die Zukunft wissen? Ein Essay über die Entstehung und Weiterentwicklung der Zukunftsforschung.

Vom Zeitalter der Steine bis in die hypermoderne Welt

Vom Anbeginn der wahrgenommenen Zeit haben Menschen in die Zukunft geschaut. Dadurch zeichnet sich das Menschsein aus: Wir haben nicht nur eine Gegenwart. Wir haben auch eine Vergangenheit. Und ein „Kommendes“, auf das wir hinleben.

Wir sind der homo futuris, Erdenker:innen von Welten: Unsere Ur-Vorfahr:innen haben sich schon in der Urzeit nützliche Illusionen erzählt, die Clans, Stämme, Sippen, Kulturen zusammenhielten. Magische Geschichten von anderen Dimensionen, in denen das Unerklärliche erklärt werden konnte. Und das Kommende aufschien, als Hoffnung oder Bedrohung. 

Schon in  den Höhlenmalereien der Steinzeit scheint die Zukunft auf. Die fliehenden Tiere in der Höhle von Lascaux oder Chauvet, die Malereien von üppiger Jagd oder Fruchtbarkeit – es waren nicht nur Ab-Bildungen, sondern auch Beschwörungen. Das Wild würde zurückkehren. Alles sollte üppig werden. Fleisch und Fülle für alle! Die Hand-Zeichen im roten Ocker, die man überall auf den Höhlen- und Steinwänden der Erde findet – sind es nicht Signale an die Zukunft?

Wir sind HIER! 

Ist da jemand?

Wir könnten ins alte Mesopotamien reisen, wo Priester Zukünfte aus Tiereingeweiden herauslasen. Wir könnten die Rituale der südamerikanischen Pyramidalkulturen beobachten, die die Zukunft mit Menschenopfern erzwingen oder verhindern wollten und dadurch in den Untergang drifteten. Oder wir könnten die Ruinen des Orakel von Delphi besuchen, jener Weisheits-Institution, die die Zukunft zu einem politischen Geschäft und einer ausgeklügelten Methode der Selbst- und Weltbetrachtung machte.

Mehr als ein halbes Jahrtausend lang nutzte die Priesterschaft Delphis Spiegelungen des Zukünftigen, um weltliche Macht zu verfestigen oder zu hinterfragen. Die athenische Demokratie war eng mit ihr verwoben.

Während in den meisten Kulturen der Erde ein zyklisches Weltbild vorherrschte – die ewige Wiederkehr des Gleichen –, begann in Europa der Keim des linearen Zukunftsdenkens. In der monotheistischen Welt nach dem Ende des Römerreichs lag die Zukunft zunächst ausschließlich in einem statischen, reich illustrierten Himmelreich. Erst in der Renaissance entstanden Vorstellungen eines Diesseits, das sich verändern konnte. Das sich verändern ließ. Bis sich der säkulare Zukunftsbegriff durchsetzte, in dem das Leben nicht nur Schicksal, Fron und Leiden war, dauerte es Jahrhunderte.

Als die Uhren zu ticken und Sextanten die Welt zu vermessen begannen, wurde die Zukunft als Linie (statt als Zirkel) ausgeformt. Von „hier“ zum Horizont – und darüber hinaus. Dort sollte das gelobte Land sein. Als die ersten Maschinen zu laufen begannen, schien es, als könne man durch Technik und Energie ALLES formen und umformen, bestimmen und kontrollieren, erforschen und erobern. Die Werke des Jules Verne brachten diese Idee der „Zukunft als Eroberung“, als Kolonisierung, auf den Punkt.

Von Erwartung zu Projektion: die Zukunft als Moderne

Zu Beginn des industriellen Zeitalters brach die Zukunft mit Macht in die Vorstellungen der Menschen ein. Die Zukunft wurde eine Obsession. Die ersten „Futuristen“ waren eine kleine Künstler-Clique von Disruptions- und Beschleunigungsfanatikern. Die Aktionisten-Gruppe um den italienischen Bohemien und reichen Erben Filippo Marinetti wollte um 1910 von Italien aus einen regelrechten futuristischen Weltumsturz organisieren. „Alles Alte vernichten!“ „Alles Normale abschaffen!“ „Alle Traditionen verbieten!“ Einschließlich der als spießig gebrandmarkten Ehe – und der Spaghetti, die das italienische Volk angeblich „vorgestrig“ machten. Damit sich endlich das „gloriose Neue“, das Reich der totalen Beschleunigung und Geschwindigkeit, durchsetzen konnte, sollte Tabula rasa mit allem Alten, Überkommenen und Traditionellen gemacht werden (vgl. Marinetti 1909).

Die futuristische Revolution nahm eine ebenso radikale wie tragische Wendung: Die Marinetti-Truppe lief zu Mussolinis Faschismus über, der eben jenes „Gloriose“ mit sich bringen sollte, das man in der spießigen Normalität der Gesellschaft nicht herstellen konnte. Der Krieg sollte nun den Job des totalen Umsturzes aller Dinge erledigen. Die Futuristen-Truppe endete in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs.

Unwillkürlich fühlt man sich an die derzeit dominante Futuristen-Clique unserer Tage erinnert, die „Tech Bros“. Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos versuchen inzwischen, Zukunft als gewaltigen (und gewalttätigen) Umsturz zu inszenieren. Hier müssen wir uns fragen: Gibt es eine Affinität zwischen dem Drang der Neugestaltung der Welt zu  autoritären, ja faschistoiden Weltbildern? Liegt als dunkler Schatten eine  irrlichternde, reaktionäre, ja dämonische Besessenheit hinter der Idee, „die Zukunft“ völlig umzugestalten?

Die Phase der Think Tanks

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich in den USA „Denkanstalten“, Think Tanks, in denen eine neue Art des Zukunftsdenkens erprobt wurde. Wissenschaftler:innen aller möglichen Disziplinen – von Nuklearphysik über Psychologie, Ökonomie und Ethnologie bis zur semiotischen Sprachforschung – arbeiteten interdisziplinär Techniken der Prognostik aus. Szenario-Technik, Spieltheorie der geopolitischen Konflikte und dynamische Kulturanalysen. Das Pentagon finanzierte diese Institute aus dem Interesse heraus, in der chaotischen Nachkriegssituation strategische Erkenntnisse zu gewinnen. Doch bald schon interessierten sich auch große Konzerne für die Denkfabriken. Einige dieser Institutionen wie die RAND Corporation, die berühmte „Future Freaks“ wie Hermann Kahn und John von Neumann beherbergten, existieren bis heute (vgl. Kahn 1962/von Neumann et al. 1944). 

Die Erkenntnisse von Zukunfts-Think-Tanks wurden im Kalten Krieg auch für politische Entscheidungen genutzt. So spielten Spieltheoretiker beim Management der Kuba-Krise 1962 und der Verhinderung des dritten Weltkriegs eine Rolle in der Kennedy-Administration. Rund um die Think Tanks entwickelten sich Mythen und Geschichten von Wahn und Wirklichkeit. Unvergessen bleibt die Rolle des Dr. Seltsam in Stanley Kubricks Film „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“. Ein verrückter Zukunftsforscher, gespielt von Peter Sellers, der keine Ahnung von der Zukunft hat, aber stattdessen einen Nazi-Tick (vgl. Kubrick 1964). Was wollte uns Kubrick damit sagen?

In den Sechzigern und Siebzigern begann die Phase der „planenden und kontrollierenden Prognostik“, der angewandten Kybernetik, die ganze Ökonomien und Gesellschaftssysteme steuern sollte. Im Palast des sozialistischen Präsidenten Allende in Santiago de Chile gab es einen „Zukunftsraum“, von dem aus die gesamte Produktion des Landes gesteuert werden sollte. Geleitet wurde das Projekt vom  Kybernetiker Stafford Beer. Das Projekt scheiterte an Pinochets Militärputsch, bevor es richtig losgehen konnte. In Deutschland begründete Ossip K. Flechtheim die deutsche Zukunftsforschung als eine Art Planungs- und Verwaltungswissenschaft im Sinne eines demokratischen Steuerungs-Sozialismus (vgl. Flechtheim 1970). Der Umwelt- und Friedens-Pionier Robert Jungk baute ein Netzwerk von „Zukunftswerkstätten“ auf, die die ökologische und demokratische Erneuerung hervorbringen sollten (vgl. Jungk/Müllert 1987). Zukunftsforschung war nicht nur Wissenschaft oder Beratung, sondern auch Teil von sozialem Aktivismus.  

In den Neunziger Jahren, im steilen Aufwind der Globalisierung, zersplitterte die  „Zukunftsbranche“ in vier wesentliche Verzweigungen: 

  • technologische Hyper-Spekulation und High-Tech-Visionen: in den USA v.a. Nicholas Negroponte, Kevin Kelly und Michio Kaku (vgl. Negroponte 1995, Kelly 1994, Kaku 2011). 
  • soziopolitische Potenzialanalyse: Peter Schwartz und die Szenario-Experten – eines der ersten Großunternehmen, die mit Szenarios arbeiteten, war der Öl- und Erdgasriese Shell (vgl. Schwartz 1991).
  • ökologischer Aktivismus, v.a. Robert Jungk, der Club of Rome und viele andere, wie z.B. das Rocky Mountain Institute von Amory Lovins (vgl. Jungk/Müllert 1987, Meadows 1972, Lovins 1999).
  • systemisch-mentaler Humanismus, z.B. Stewart Brand und die kalifornische Zukunfts-Szene (vgl. Brand 2009). Verbunden mit der System- und Komplexitätswissenschaft, wie sie im Umfeld des Esalen- und Santa-Fe-Instituts in New Mexico gelehrt und erforscht wurde, entstand eine neue Schule der „Alleswissenschaft“ mit spirituellen Aspekten.

Parallel dazu bildete sich mit dem Aufstieg der Marketing-Branche als neuer Schlüsselbranche der Konsumökonomie ein Subzweig der Trendforschung. Diese „Beobachtungskunst“ versuchte, die Zukunft aus den kulturellen Zeichen zu lesen. Hier waren es zum ersten Mal Frauen, die den Ton angaben (Zukunftsforschende waren bislang in der Überzahl alte weiße Männer). Frauen wie Lidewij Edelkoort in Paris oder Faith Popcorn in New York schufen legendäre Trendagenturen, die sich mit Ästhetik, Design, Stil, sozialen und gesellschaftlichen Zeichen beschäftigen. Diese Agenturen waren sehr erfolgreich, weil die globale Konsumgesellschaft, die in den neunziger Jahren entstand, ständig neue Phänomene brauchte. Es begann ein Boom des cool wording: Die Trendforscher:innen waren so etwas wie frühe „Influencer“, die allerdings noch in einer ganzheitlichen Weise versuchten, die Zeichen der Zeit zu lesen. 

Das Zukunfts-Normal

Um die Jahrtausendwende wurde die Zukunft plötzlich EINDIMENSIONAL. Sie schien eine einzige mächtige (Mega-)Kraft, die nur in eine Richtung wies. 

Ich erinnere mich an Zukunfts-Seminare, bei denen wir ausgetüftelte Szenarien präsentierten. Also Möglichkeitsräume, die sich in vielfältige Richtung entwickeln konnten. Am Anfang der Präsentation breitete sich ein seltsames Gähnen bei den Kunden aus. Und dann sagte nicht selten einer der anwesenden Herren, meistens der CEO, der Boss: „Können wir das nicht ein bisschen beschleunigen? Können Sie uns nicht einfach das richtige Szenario zusammenfassen? Also die Zukunft, wie sie wirklich sein wird?“ Es war die Zeit der Megatrends.

Aus den Megatrends, einer Trendkategorie, die von John Naisbitt, einem politisch denkenden Statistiker geprägt wurde (vgl. Naisbitt 1982), erwuchs in den Millennium-Jahren so etwas wie die „Standard-Zukunft“, die die Zukunft ein-deutig und „unaufhaltsam“ machte:

Immer mehr Globalisierung!

Immer mehr Technisierung!

Immer mehr Digitalisierung!

Immer mehr Beschleunigung!

Immer mehr Demokratisierung!

Immer mehr Nachhaltigkeit! 

Immer mehr Individualismus usw. …

Mehr als zwanzig Jahre lang war diese lineare Standard-Zukunft der Frame, der Rahmen, für alles, was mit „Zukunft“ zusammenhing. Die liberale Konsum-Zukunft wurde zur Norm. Der „Future Mainstream“ schien unaufhaltsam.

Erst in den Zehner Jahren begann etwas zu verrutschen. Erst langsam, dann durch kaskadenartige Ereignisse wie die Finanzkrise und ihre Folgen. In den westlichen Parlamenten tauchten neue Strömungen auf, die die Globalisierung frontal bekämpften und einen Ton der destruktiven Bösartigkeit in die Gesellschaft brachten. Der Brexit stellte die Integration Europas infrage. Metakulturelle Fragestellungen wie Minderheitenschutz und Menschenrechte wurden plötzlich infrage gestellt. Ein bösartiger Narzisst kam in den USA an die Macht – bislang die Schutzmacht der progressiven Zukunft in ihrem weitesten, euphorischen Sinne. Und dann kam Corona. Und hebelte die Alltagsroutinen der Zivilisation auseinander. Was tiefe sozial-mentale Risse in den Gesellschaften enthüllte und verstärkte. Russland überfiel die Ukraine. In den USA siegte zum zweiten Mal die Idee einer vermeintlich gloriosen Vergangenheit.  Die Leitkultur des Ökologischen, die viele Jahre den modernen Diskurs geprägt hatte, geriet in eine Legitimationskrise, in einen Hass- und Abwärtsstrudel …

Die Zukunftsforschung stand plötzlich verloren zwischen apokalyptischen Ängsten, technologischen Super-Hypes und Vergangenheits-Retrotopien. Sie hatte ihr Ziel verloren. Alles schien möglicher als die (bessere) Zukunft.

Aus „Zukunftskompetenz“