Wenn man unserer krisengebeutelten Gegenwart einen Klang geben wollte, wäre es am ehesten ein Rauschen, das immer lauter wird. Wie ein Platzregen prasseln immer mehr kleine und größere Krisen auf uns ein, immer öfter häufen sich die Momente, in denen wir an die Grenzen unserer selbst gebauten Systeme stoßen. Es ist die Überlagerung aller Klänge der Gegenwart, ein unübersichtliches Durcheinander aller Prozesse, die uns Klarheit versprechen, aber in der Gesamtheit keine Antworten mehr bieten. Es ist das Rauschen brechender Trendwellen, die Suche nach neuen Sendern und Programmen, weil die alten nicht mehr weiterhelfen.
Dieses Rauschen markiert das Ende unserer Epoche. Die industrialisierte, kapitalistische Moderne hat es mit ihren linearen Produktionsprinzipien weit gebracht. Sie hat uns zu Wohlstand, Bildung und Freiheit verholfen – und stößt heute an die unnachgiebigen Grenzen einer Welt, die nicht in Linien, sondern in Zyklen verläuft. Diese Welt fordert nun eine Transformation ein, eine grundlegende Umstrukturierung.
Willkommen in brüchigen Zeiten!
Dieses Buch versucht, sich den Grundelementen des Umbruchs zu nähern. Dafür reist es an einige Schmerzpunkte der Gegenwart und zeigt, welche Fähigkeiten und Kompetenzen, vor allem aber welche Haltung die großen Hürden unserer Zeit zu Trittleitern des Wandel werden lässt.
Für jedes Themenfeld schlage ich eine Haltung vor, die im Umgang mit dem Thema hilfreich ist. Und die über das Thema an sich hinausgeht. Denn die Themen, die punktuell besonders brennen, durchziehen strukturell unsere Gesellschaft. Ein punktueller Haltungswechsel wirkt daher universell.
Auf der Suche nach einem Mindset für den Umbruch ist mir vor allem eine Erkenntnis immer wieder begegnet: Alle Fähigkeiten, Eigenschaften und Haltungen, die wir brauchen, um im Umbruch gut zu (über)leben, sind bereits in uns angelegt. Wir müssen nicht über uns selbst hinauswachsen oder eine bessere Version unseres Selbst anstreben. Es genügt, mit der richtigen Intention einen Blick auf uns zu werfen und das zutage zu fördern, was längst vorhanden ist.
Wenn wir uns dem Umbruch auf Augenhöhe nähern und den richtigen Haltungen genügend Raum geben, ihre Wirkungen zu entfalten, dann können wir mitten im Dickicht des Wandels die Schönheit der Umbrüche erkennen und lieben lernen. Und vielleicht bereiten wir damit auch einige Trampelpfade in die nächste Gesellschaft.
„Die alten Wege sterben einen schweren Tod, aber die neuen Wege werden erst noch geboren. Sich dazwischen zu befinden, kann ziemlich ätzend sein. Aber im Dazwischen steckt auch die ganze kreative Kraft.“
Ari Wallach, Zukunftsforscher
Die sechs Phasen des Umbruchs
1 Erosion
Umbrüche beginnen mit Auflösungsprozessen. Sicher geglaubte Gewissheiten verlieren ihre Tragfähigkeit. Selbstverständlichkeiten erodieren, Zusammenhänge werden undeutlich und Ereignisse zerfallen in fragmentierte Meldungen. Alte Sicherheiten verschwinden, ohne dass neue an ihre Stelle treten. Der Zweifel wird zum ständigen Begleiter. Je weniger Halt uns die äußere Ordnung geben kann, desto wichtiger wird die innere Haltung.
2 Entkernung
Die Auflösungsprozesse am Ende unserer Epoche gleichen einer unprofessionellen Entkernung von
Hochhäusern. Lange Zeit strukturieren sie noch mit intakten Fassaden unser Leben. Im Inneren jedoch geht die Standfestigkeit nach und nach abhanden, bis die Hochhäuser eines Tages brüllend in sich zusammenfallen. Bis zum Zusammensturz jedoch müssen wir irgendwie mit diesen ausgehöhlten Strukturen leben.
3 Erschütterung
Unser Verhältnis zur Welt ist eng mit unserem Selbstverständnis verbunden. Wenn sich die äußere Ordnung verändert, geraten auch unsere Vorstellungen von uns selbst ins Wanken. Wer können wir künftig sein? Welchen Platz wird die nächste Gesellschaft für uns bereithalten? Werden wir uns in diesem neuen Bild überhaupt wiedererkennen?
4 Rückschläge
Der Umbruch ist eine Zeit der Versuche und Provisorien. Neue Ideen, Lösungen und gesellschaftliche Experimente wachsen in den Lücken, die in der zerfallenden Ordnung entstehen. Vieles scheitert. Manche Ansätze verschwinden genauso schnell, wie sie entstanden sind. Umbrüche sind keine geradlinigen Fortschrittsgeschichten, sondern Suchbewegungen. Gerade auf Irrwegen finden sich neue Perspektiven – doch sie verlangen von uns ein neues Verhältnis zu Niederlagen.
5 Verluste
Umbrüche sind verlustreiche Zeiten. Das Loslassen wird zur Gewohnheit, die Vertrautheit weicht Befremden. Die Selbstverständlichkeit des Alltags schwindet, und an ihre Stelle tritt das Gefühl, in der eigenen Umgebung nicht mehr ganz zu Hause zu sein. Diesem Befremden können wir nur mit Wertschätzung entgegenwirken.
6 Neuland in den Trümmern
Das Neuland der nächsten Gesellschaft wird auf den Trümmern der Vergangenheit errichtet. In den Bruchstücken können wir die Grundsteine der nächsten Gesellschaft finden. Alles Neue bezieht sich auf die Errungenschaften und die Irrtümer der Vergangenheit. Jetzt, wo die Unruhe im Äußeren einer eigentümlichen Stille weicht, können wir der inneren Unruhe wieder Raum geben. Dieser leisen Stimme, die uns zuflüstert: „Und nun?”

