*Literacy: the ability to read, write, speak and listen in a way that lets us communicate effectively and makes sense of the world.
*Future Literacy: wörtlich übersetzt „Zukunfts-Belesenheit“. Da der Begriff Bildung im Deutschen eng mit den Bedeutungen „Qualifikation“ und „Ausbildung“ verbunden ist, bevorzugen wir den Begriff „Zukunftskompetenz“. Als Fähigkeit, Zukunft zu erkennen, zu konstruieren, zu modifizieren und mit ihr in eine dynamische (Selbst-)Beziehung zu treten.
Am Kipppunkt der Moderne sind die klassischen Prognose-Methoden der Zukunftsforschung unbrauchbar geworden. Der Welt fehlt es an Konsistenz, an „sicherer Zukünftigkeit“, was die Möglichkeiten, vorauszusagen, extrem einschränkt. Chaotische Zeiten benötigen andere Perspektiven, einen anderen Umgang mit Kontingenz und Hoffnung. Wie kann sich die Zukunftsforschung weiterentwickeln, von einer mehr oder minder spektakulären Vermutungs-Disziplin zu einer echten „Praxis des Wandels“? Wie kann sie neue Tools und Denkweisen entwickeln, die Sinn im Chaos der Zeit erzeugen?
- Sie müsste praktische, brauchbare mentale Techniken für ALLE Menschen bieten, nicht nur eine analytische Elite.
- Sie müsste in produktiverer Weise mit hoher Kontingenz, der Vielzahl von Zukunftsmöglichkeiten umgehen.
- Sie müsste Modelle auf eine sinnhafte und sinnliche Weise mit Praxis verknüpfen.
- Sie müsste die Gegenwart auf neue Weise mit der Zukunft und der Vergangenheit verbinden – die futuristische Schleife neu knüpfen.
Zum ersten Mal tauchte der Begriff FUTURES LITERACY im Jahr 2012 auf. In recht akademischen Papieren der UNESCO, der Weltkulturorganisation. Die UNESCO ist zuständig für die weltweite Kulturentwicklung und -bewahrung, auch für das „Cultural Heritage“ der Menschheit. Ob Trachtentanz oder Taj Mahal, ob österreichischer Leberkäse oder Kreml-Architektur – die UNESCO vergibt die Plaketten, mit denen das Kostbare, Erhaltenswerte der Menschheitskultur ausgezeichnet wird. Zunehmend gehört dazu auch Immaterielles: Denkweisen, Philosophien, Sprachen, mentale Techniken … kulturelle Zukunftstechniken.
Kultur ist das, was Menschen differenziert. Aber auch verbindet.
Kultur ist das, was perspektivisches Leben möglich macht – mehr noch als Ökonomie und Technologie.
Warum nicht „die Zukunft“ als eine Art Kulturtechnik entwickeln und verfeinern?
„Literacy“ heißt formübersetzt „Belesenheit“. Wer „belesen“ ist, der ist in der Lage, variable geistige Strukturen zu entwickeln. Dazu gehört ein reflexives, kritisches, aber auch selbstreflexives Denken. Ein Denken, das widersprüchliche Kategorien, Abstraktion und Konkretion, Voraussicht und Faktizität in eine geistige Struktur bekommt.
Riel Miller, bis 2022 der Chairman des Futures-Literacy-Programmes der UNESCO, schreibt in seinem Grundsatzpapier „Sensing and Making Sense of Futures Literacy“:
„Eine zukunftskompetente Person hat die Fähigkeiten erworben, zu entscheiden, warum und wie sie ihre Vorstellungskraft einsetzen kann, um die nicht existierende Zukunft in die Gegenwart einzuführen.“ (Miller 2018)
Einige Jahre später wurde die Literacy von der Weltkulturorganisation als wesentliche Kulturtechnik der menschlichen Zivilisation ausgewiesen. Und in zahlreiche praktische Programme übernommen, sogenannte Zukunfts-Laboratorien (FLLs – Futures Literacy Laboratories).

Using the Future
Die Zukunft sinnvoll nutzen
Kein Seminar, kein Businesskongress, keine politische Rede, keine Werbeveranstaltung kommt ohne die Floskel „Zukunft gestalten“ aus. Nur: Wie soll das gehen?
Man bräuchte eine Zeitmaschine, mit der man in die Zukunft reist. Einmal angekommen, würde man in einer anderen Gegenwart landen. Veränderung wird sich dort als ziemlich schwierig erweisen, schon weil man sich gar nicht auskennt. Außerdem steht zu bezweifeln, dass sich die Zukunftsbewohnenden für Manipulationen an ihrer Gegenwart von einer oder einem Zeitreisenden aus der Vergangenheit begeistern lassen … Vielleicht hat die Zukunft gar keinen Bedarf für uns und würde uns höflich, aber bestimmt wieder in die Vergangenheit zurückschicken …
In der Zukunftskompetenz als „Literacy“ geht es weniger um Prognosen und Vorhersagen. Das Zukunftsreisen dient als mentale Übungen zur Veränderung der Gegenwart.
Auf der UNESCO-Website können über Futures Literacy (das „S“ steht für eine Mehrzahl der Zukünfte) lesen: „Being futures-literate empowers the imagination. It enhances our ability to prepare, recover and invent in the face of change. Futures Literacy helps people understand why and how we use the future with the complexity and novelty of our societies“ (UNESCO o.J.).
Zukunftskompetenz stärkt die Vorstellungskraft. Sie verbessert unsere Fähigkeit, uns angesichts von Möglichkeiten vorzubereiten, zu erholen und neue Ideen zu entwickeln … Futures Literacy hilft den Menschen, zu verstehen, warum und wie wir die Zukunft mit der Komplexität und Neuheit unserer Gesellschaft nutzen.
In einer Beschreibung des (leider nicht mehr aktiven) „New Institute“, dem jüngsten Versuch eines interdisziplinären Think Tank, heißt es zum selben Begriff: „So, wie wir Lesen und Schreiben lernen können, können wir lernen, Muster vergangener Entwicklungen zu erkennen und Perspektiven zu wechseln (…) Futures Literacy ist damit ein Werkzeug, um erfolgversprechende Verbindungen zwischen Loslassen und Neuschaffen zu finden. Wie ein Frühwarnsystem können wir unsere Fähigkeit zur Antizipation, Reflexion und Imagination einsetzen: Wann drohen gute Lösungen in einer bestimmten Situation zu Problemtreibern in anderen Kontexten zu werden? Wie wird eine Diversität von Handlungsoptionen erhalten und wann gilt es, das Mögliche neu zu definieren und Geschichten anders zu erzählen?“ (The New Institute o.J.).
Loslassen und neuschaffen. Sich erholen und neue Möglichkeiten entwickeln. Eine andere Sprache als die üblichen Zukunfts-Jargons. Sie hat etwas mit uns selbst, unseren subjektiven WAHRnehmungen und Zukunftskonstruktionen zu tun. Kontexte, die sich verändern lassen, auf die wir direkt wirken können.
Future(s) Literacy ist eine Methode der kognitiven Verstärkung der Zukunft als Idee, Vorstellung und damit Wirkung.
Der Ball wird aus dem Feld des Kommenden in die Gegenwart zurückgespielt.
Und von dort aus wieder nach vorn.
Es beginnt eine Art Dribbelspiel.
Wir treten den Ball, spielen ihn in die Zukunft.
Der Ball spielt zurück.
„Anticipation is the capacity of an organism to incorporate the later‑than‑now into its functioning in ways that are relevant.”
– Riel Miller

