Der Irrtum der Innovationslogik

Warum echte Transformation mehr braucht als „Innovation“ – und wie Bildung zum gemeinsamen Möglichkeitsraum werden kann.

von Stephanie Wössner

16. Oktober 2025

Innovation gilt als Leitmotiv moderner Bildungspolitik. Programme, Pilotprojekte, Modellversuche – fast alles, was sich mit „Zukunft“ schmückt, spricht die Sprache der Innovation. Auch Strategiepapiere wie der „Navigator Bildung Digitalisierung“ nutzen dieses Vokabular: Sie verweisen auf Entwicklungsbedarfe, Good Practices und Wege zur Skalierung erfolgreicher Modelle.

Doch dahinter steckt eine lineare Logik – die Vorstellung, Wandel sei das Ergebnis von Planung, Steuerung und Umsetzung. Genau darin liegt ein Missverständnis: Transformation ist kein Projekt, das man „managen“ kann. Kein Fortschrittsprogramm, sondern ein kultureller Prozess, der Menschen, Beziehungen und Haltungen verändert. Sie lässt sich nicht implementieren, sondern nur ermöglichen.

Innovation allein reicht nicht

Die Innovationslogik folgt betriebswirtschaftlicher Rationalität: Ein Problem wird definiert, eine Lösung erprobt, optimiert, skaliert. Bildung aber funktioniert nicht wie Produktentwicklung. Sie ist kein Markt mit übertragbaren Modellen, sondern ein Beziehungsgeschehen. Was an einem Ort gelingt, kann an einem anderen scheitern – nicht wegen mangelhafter Umsetzung, sondern wegen unterschiedlicher kultureller Kontexte.

Echte Transformation entsteht dort, wo Menschen bereit sind, sich irritieren zu lassen, Gewohnheiten zu hinterfragen und Neues nicht sofort zu bewerten. Sie beginnt im Inneren von Organisationen und Individuen – als Suchbewegung, nicht als Projektphase. Sie braucht Zeit, Resonanz, Vertrauen und die Fähigkeit, mit Nichtwissen und Ambiguität zu leben.

Wenn Bildung eine Suchbewegung ist, dann gilt das auch für die Lernenden. Sie sind keine Empfänger:innen von Veränderung, sondern Mitgestaltende des Suchprozesses. Wo sie eigene Fragen stellen und Irritationen aushalten dürfen, entsteht jene Haltung, aus der echte Transformation erwächst – nicht durch Anleitung, sondern durch gemeinsames Entdecken.

Der blinde Fleck des Steuerungsdenkens

Viele Initiativen zur „digitalen Bildung“ modernisieren Methoden und Tools – aber selten die Haltung. Wenn digitale Neuerungen nicht von kulturellem Wandel begleitet werden, bleiben sie oberflächlich: Innovationstapete auf alten Wänden.

Auch der „Navigator Bildung Digitalisierung“ benennt Handlungsfelder, Maßnahmen, Indikatoren – aber kaum die emotionale und relationale Dimension des Wandels. Eine transformative Perspektive fragt stattdessen: Was braucht es, damit Neues überhaupt als wertvoll erkannt wird? Welche Irritationen müssen wir zulassen, um Altes loszulassen?

Kultur statt Projektplan

Transformation ist keine Fortschreibung des Bestehenden mit neuen Mitteln. Sie ist ein Perspektivwechsel: weg vom Machbarkeitsdenken, hin zum Gestalten im Unbestimmten. Statt Innovation um der Innovation willen braucht es Imagination – den Mut, sich auf das Nichtplanbare einzulassen.

Ein Beispiel: Eine Schule beginnt nicht mit neuen Apps, sondern mit der Frage, wie Menschen dort miteinander lernen. Sie reflektiert Beziehungen, Haltung, Selbstverständnis. Erst daraus entsteht Neues – nicht durch Implementierung, sondern durch Selbstveränderung.

Bildung als gemeinsamer Suchraum

Bildung wird so zum gemeinsamen Suchraum: nicht zur Umsetzung vorgegebener Ziele, sondern zur Erkundung dessen, was möglich ist. Nicht zur Sicherung von Standards, sondern zur Entfaltung von Sinn. Nicht zur Anhäufung von Kompetenzen, sondern zur Entwicklung von Verantwortung.

Diese Haltung verändert Rollen: Lernende werden zu Mitgestaltenden, Lehrkräfte zu Lernbegleitenden, Eltern und Ausbildende zu Mitreisenden. Suchende Bildung braucht Vertrauen statt Kontrolle. Resonanz statt Bewertung. Neugier statt Gewissheit.

Transformation ist nie abgeschlossen. Sie bleibt Zumutung und Einladung zugleich: loszulassen, was Sicherheit gibt, und zu entdecken, was Bedeutung hat. Das Ziel ist nicht, Bildung besser zu steuern. Sondern sie als kollektiven Suchprozess zu verstehen: als Raum, in dem Fragen wichtiger sind als Antworten.

Wie die Generation Z den Handel neu denkt

Zwischen Sinnsuche, Selbstoptimierung und Schnäppchenlust: Was die Generation KI wirklich will

6. Oktober 2025

Die Generation Z steht im Zentrum einer tektonischen Verschiebung im Handel. Aufgewachsen zwischen Krisen, Klimawandel und KI, bewegt sie sich in einem Spannungsfeld aus Widersprüchen: Sie sucht nach dem nächsten Dopamin-Kick – nach neuen Reizen, Trends und Überraschungen – und gleichzeitig nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Orientierung. Diese doppelte Bewegung prägt ihr Konsumverhalten stärker als jede andere Generation zuvor. Produkte müssen heute aufregend und kalkulierbar sein, inspirierend und erschwinglich. Die Gen Z will das Besondere – aber bitte mit System.

Für den Future:Guide Handel hat Handels-Zukunftsforscherin Theresa Schleicher die Generation Z nach ihren Bedürfnissen und Vorlieben befragt: In qualitativen Gruppen mit Gen-Z-Vertreter:innen sowohl aus Städten als auch aus ländlichen Regionen hat sie die Anforderungen der Gen Z an fünf Branchen evaluiert und quantitativ mit Umfragen abgeglichen und ergänzt.

Lebensmittel: Cleane Basics statt Premium-Hype

Im Lebensmittelhandel steht alles im Zeichen von Gesundheit, Fitness und Zugänglichkeit. Proteinreiche Produkte, Functional Food und regionale Ware sind gefragt – aber zu fairen Preisen. Statt Luxus will die junge Generation gute Alltagslösungen: cleane, günstige Basics, pflanzenbasierte Alternativen und Eigenmarken mit Haltung. Händler:innen punkten mit Konzepten wie Smart Fill-up-Points, personalisierten Ernährungsboxen oder CO₂-Tracking-Apps. Begeisterung entsteht dort, wo Essen wieder zum Erlebnis wird – etwa bei Community-Cooking-Events, Pop-up-Küchen oder Zero-Waste-Aktionen.

DIY & Möbel: Vom Produkt zum Serviceerlebnis

Auch in der DIY- und Möbelbranche zeigt sich ein neues Denken: Weg vom reinen Produktverkauf, hin zu Services und Erlebnissen. Gen Z möchte gestalten, aber mit Unterstützung – durch smarte Tools, AR-Anleitungen oder Mietmodelle. Qualität und Nachhaltigkeit zählen, doch nicht im moralischen Sinn, sondern als Zeichen von Langlebigkeit und cleverem Design. Möbel sollen leistbar, modular und inspirierend sein – wie Mode für den Wohnraum. Workshops, Co-Design-Räume und 3D-Druck-Angebote machen den Handel zum Partner einer kreativen, pragmatischen Generation.

Mode & Drogerie: Lifestyle als Haltung

Mode ist für die Gen Z Ausdruck von Identität – aber auch von Verantwortung. Secondhand, Circular Fashion und cleane Eigenmarken stehen hoch im Kurs. Statt Markenfetischismus zählt die richtige Balance aus Individualität, Ethik und Preis. Ähnlich im Drogeriesegment: Gesundheit und Selfcare verschmelzen mit Lifestyle. Refill-Systeme, hormonfreundliche Produkte und Smart-Beauty-Tools prägen das neue Sortiment. Die Drogerie bleibt Trendsetter – mit Testing-Stationen, Social-Media-Kollektionen und Abo-Modellen, die Convenience und Community verbinden.

Kuratierter Alltag statt Konsumrausch

Die Gen Z verlangt vom Handel nicht einfach Produkte, sondern Orientierung im Überangebot. Sie will entdecken, aber nicht überfordert werden; sie will sparen, ohne Verzicht; sie will Nachhaltigkeit, ohne Moralkeule. Für Händler:innen bedeutet das: weniger Massenkommunikation, mehr Kuratierung; weniger Werbung, mehr Bedeutung. Die Zukunft des Handels liegt nicht im „Mehr“, sondern im richtigen Maß – dort, wo Konsum Sinn, Gemeinschaft und Alltag intelligent miteinander verbindet.

Der Future:Guide Handel von Theresa Schleicher betrachtet Trends und Szenarien für die Handelszukunft. Er zeigt, welche Entwicklungen die Branche in den kommenden Jahren prägen – und welche Chancen daraus entstehen.

zum Buch

Future:Needs

Treiber für den Konsum der Zukunft

Ein neuartiges Modell, das zwölf grundlegende menschliche Bedürfnisse kartiert: Mit „Future:Needs“ verstehen Sie die kollektiven und individuellen Bedürfnisse, die hinter Konsum stecken – und können Ihre Produkt- und Kommunikationsstrategie entsprechend anpassen.

Ein Auszug aus dem Future:Guide Konsum.

von Janine Seitz

25. Juli 2025

Was brauchen Menschen in einer Zukunft, die von Krisen, Wandel und Komplexität geprägt ist? Diese scheinbar einfache Frage steht im Zentrum des Future:Needs-Modells – und sie führt zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit dem, was Konsum jenseits von Überfluss und Verzicht bedeuten kann.

Denn eines ist klar: Unsere gegenwärtige Konsumkultur ist an ihre Grenzen geraten. Sie ist getrieben von Wachstum, geprägt von kurzfristiger Bedürfnisbefriedigung und basiert auf einer industriellen Logik des Immer-mehr. Doch Zukunft entsteht nicht aus linearem Fortschritt, sondern aus der Fähigkeit, Muster zu erkennen, Bedürfnisse zu transformieren und neue Möglichkeitsräume zu gestalten.

Von der Bedürfnis-Pyramide zur Zukunftsmatrix

Das Future:Needs Modell, entwickelt von Janine Seitz im Rahmen des Future:Guide Konsum, löst sich bewusst von traditionellen Bedürfnismodellen wie etwa der Maslowschen Pyramide. Stattdessen arbeitet es mit einer systemischen Perspektive: Bedürfnisse werden nicht hierarchisch verstanden, sondern als dynamische Felder, die sich in unterschiedlichen kulturellen und technologischen Kontexten unterschiedlich ausprägen.

Die Future:Needs beschreiben die menschlichen Bedürfnisse, auf die sich Produkte und Services der Zukunft ausrichten müssen – jenseits künstlich erzeugter Begehrlichkeiten.

Unternehmen können das Future:Needs-Modell nutzen, um zu prüfen, welche menschlichen Bedürfnisse ihr Produkt oder ihre Dienstleistung anspricht oder erfüllt:

  • Zugehörigkeit: Ermöglicht mein Produkt Gemeinschaft?
  • Exploration: Schafft es Raum für Entfaltung und Neugier?
  • Verlässlichkeit: Gibt es Stabilität in einer unsicheren Welt?
  • Sinn: Vermittelt es klare Werte und eine Vision?

Von falschen Begehrnissen zu echten Bedürfnissen

Wir unterscheiden zwischen Bedürfnissen und Begehrnissen. Menschliche Bedürfnisse lassen sich erfüllen und ihre Anzahl ist begrenzt. Begehrnisse dagegen sind unstillbar, sie sorgen dafür, dass Menschen in ein Hamsterrad des Konsums geraten: Jedes vermeintlich gestillte Begehrnis erzeugt ein neues Begehrnis und sorgt so für eine stetige Steigerung des Konsums. Ein Bedürfnis hingegen ist endlich und ermöglicht ein zufriedenes Leben.

„Future:Needs sind die Treiber für Veränderungen und Transformationen.“

Bedürfnisse sind das zentrale Motivationssystem von Menschen. Sie lassen sich individuell, aber auch im sozialen Austausch oder im Austausch mit der Umwelt erfüllen. Bedürfnisse sind universell gültig, aber sie haben kulturelle Ausprägungen. Die Strategien zur Bedürfnisbefriedigung sind demnach unterschiedlich. 

In Bedürfnissen steckt auch immenses Potenzial: Future:Needs sind die Treiber für Veränderungen und Transformationen. Sie sind die Grundlage, die intrinsischen Motivatoren für die Entwicklung von Trends. Anders gesagt sind Trends die sichtbaren Manifestationen im Äußeren der intrinsischen menschlichen Bedürfnisse, also die Art und Weise, wie wir versuchen, unsere Bedürfnisse zu erfüllen.

„Trends sind die Manifestation dessen, wie Menschen Ihre Bedürfnisse erfüllen.“

12 Tipps: Die Future:Needs als Strategie-Tool

Ihre Produkte müssen nicht alle Bedürfnisse abdecken. Das wäre gar nicht möglich. Aber wenn Sie Ihr Angebot mit den vier Bedürfnisfeldern abgleichen, ergeben sich daraus Empfehlungen für die Entwicklung, Positionierung und Kommunikation Ihres Produkts.

Sicherheit

  • Bieten Sie Produkte und Dienstleistungen an, die grundlegende Sicherheit und Verlässlichkeit gewährleisten.
  • Dies kann sich in langlebigen Produkten, zuverlässigen Services oder auch in der Bereitstellung von Lösungen für physische oder mentale Erholung äußern.
  • Heben Sie in Ihrer Kommunikation Beständigkeit und Vertrauenswürdigkeit hervor.

Autonomie

  • Geben Sie Konsument:innen die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, sich weiterzuentwickeln und ihre eigene Identität auszudrücken.
  • Dies beinhaltet Angebote, die personalisierte Erfahrungen, kreative Entfaltung oder Selbstoptimierung bieten.
  • Stellen Sie die Individualität und Gestaltungsfreiheit in den Mittelpunkt.

Transzendenz

  • Schaffen Sie Produkte mit Sinn und vermitteln Sie klare Werte und eine Vision.
  • Dies kann durch soziale und ökologische Verantwortung, transparente Lieferketten oder Produkte, die persönliches Wachstum und gesellschaftlichen Beitrag fördern, geschehen.
  • Betonen Sie den positiven Einfluss des Unternehmens oder des Produkts.

Verbundenheit

  • Entwickeln Sie Produkte, Dienstleistungen und Kommunikationsstrategien, die soziale Interaktion, Zugehörigkeit und den Aufbau von Gemeinschaft fördern.
  • Dies kann durch Plattformen für Austausch, gemeinschaftliche Erlebnisse oder Produkte, die ein Wir-Gefühl stärken, erreicht werden.
  • Fokussieren Sie sich kommunikativ auf Austausch und Community.

Kundenbedürfnisse erkennen und ansprechen

In einer Zeit der Übersättigung entscheidet nicht mehr das „Was“, sondern das „Warum“. Im Wettbewerb um Zielgruppen und Marktanteile mit immer kleinteiligerer Personalisierung und immer aufwendigeren Marketingkampagnen verlieren viele Unternehmen das Wesentliche aus den Augen: den Menschen – und das, was ihn wirklich bewegt.

Zukunftsfähige Marken entwickeln sich nicht aus dem Bauch heraus – sondern aus einem klaren Verständnis dafür, worauf sie einzahlen. Mit den Future:Needs erkennen Sie heute schon die Bedürfnisse von morgen und können Ihre Strategie darauf ausrichten.

Janine Seitz ist Zukunftsforscherin, Kulturwissenschaftlerin und Expertin für Konsumkultur. Aus den Dynamiken von Trends und Gegentrends entwickelt sie ein ganzheitliches Verständnis von Konsum, das die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückt.

Ein interdisziplinäres Portal

Über die Anthologie „The Comet. Afrofuturism 2.0“

Eine Rezension von Taja Anto

25. Juni 2025

Mit „The Comet. Afrofuturism 2.0“ gab die Autorin und Afrofuturistin Natasha A. Kelly 2020 eine Anthologie heraus, die mehr ist als eine Textsammlung: Das Werk ist ein interdisziplinäres Portal, das Schwarze Zukunftsperspektiven jenseits eurozentrischer Kategorien sichtbar, erfahrbar und lesbar macht. Bilingual angelegt, auf Deutsch und Englisch, schlägt das Buch sprachlich wie inhaltlich Brücken – transatlantisch, transhistorisch, transdisziplinär.

Das Herzstück der Publikation ist die erste deutsche Übersetzung von W. E. B. Du Bois’ Kurzgeschichte „The Comet“ (1920), angefertigt von Natasha A. Kelly selbst, die neben ihren wissenschaftlichen und kuratorischen Tätigkeiten auch als gelernte Übersetzerin arbeitet. Die Übersetzung ist mehr als eine bloße Übertragung: Sie ist ein symbolischer Akt der Rückgewinnung Schwarzer intellektueller Traditionen für einen Raum, in dem sie lange ignoriert oder exotisiert wurden.

Du Bois (1868–1963) gilt als ein Wegbereiter des Afrofuturismus. Während seines Studiums in Deutschland entwickelte er zur Blütezeit des deutschen Kolonialismus viele seiner bahnbrechenden Ideen, die Schwarze Geschichte mit Zukunftsvisionen verbanden. Diese Kombination aus historischer Tiefe und spekulativer Kraft ist es, die ihn für viele als frühen Afrofuturisten lesbar macht. Henry Louis Gates Jr., Direktor des W. E. B. Du Bois Institute an der Harvard University, nennt Du Bois in seinem Beitrag „einen der größten Denker des 20. Jahrhunderts“ und hebt die Aktualität des Werkes hervor: „‚The Comet‘ reicht über nationale und kontinentale Grenzen hinweg, um Verbindungen zwischen Afrodeutschland und Schwarzen Gemeinschaften weltweit herzustellen.“

Was ist Afrofuturism 2.0?

1993 prägte der US-amerikanischen Schriftsteller und Kulturkritiker Mark Dery in seinem Essay „Black to the Future“ den Begriff „Afrofuturism“ vor allem im Kontext Schwarzer US-amerikanischer Popkultur. „Afrofuturism 2.0“ führt diesen Ansatz entschieden weiter: Der von Reynaldo Anderson und John Jennings eingeführte Begriff beschreibt eine postdigitale, dekoloniale und epistemologisch vielschichtige Perspektive, die Schwarze Wissenssysteme und Zukunftsnarrative nicht in westlich-akademische Kategorien einpasst, sondern als eigene Denklogiken anerkennt.

„Afrofuturism 2.0“ überschreitet dabei die klassischen Grenzen von Musik, Kunst und Literatur. Er ist eine politische und technologische Strategie – eine Vision für Gerechtigkeit, Verwurzelung und planetare Zukunftsgestaltung. In „The Comet. Afrofuturism 2.0“ wird dieses Denken konkret: Die versammelten Beiträge reichen von Essays über Interviews bis hin zu künstlerischen Arbeiten, etwa Technologie, Heilung, Spiritualität oder Urbanismus, die bereits 2018 auf einem Symposium am HAU in Berlin einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurden.

Eine neue afrofuturistische Phase

Herausgeberin Natasha A. Kelly ist auch eine zentrale Stimme der Afrofuturismus-Bewegung in Deutschland: Als Gründungsmitglied des BSAM (Black Speculative Arts Movement) trägt sie maßgeblich dazu bei, dass afrofuturistisches Denken auch im deutschsprachigen Raum institutionell und intellektuell Fuß fassen kann. So ist in „The Comet. Afrofuturism 2.0“ auch das BSAM-Manifesto abgedruckt. Der programmatische Text, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und weltweit Anerkennung findet, formuliert eine klare politische Dimension von Afrofuturismus: Es geht nicht nur um Repräsentation, sondern um Transformation. Das Manifest ruft zur Dekolonisierung von Wissen, Technologie und Vorstellungskraft auf – und ermutigt zu spekulativen Visionen, die Schwarze Realitäten nicht nur beschreiben, sondern aktiv verändern.

Dass die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) die Publikation 2021 vollständig übernahm und in einer Sonderausgabe neu auflegte, unterstreicht die inhaltliche Relevanz von „The Comet. Afrofuturism 2.0“ für die politische Bildung in Deutschland. Und es trägt weiter dazu bei, eine neue, breitere Zielgruppe zu erschließen – auch jenseits akademischer oder künstlerischer Kontexte. 

Insgesamt lässt sich „The Comet. Afrofuturism 2.0“ damit als vielstimmiger Auftakt zu einer neuen Phase afrofuturistischen Denkens in Deutschland und Europa betrachten. Natasha A. Kelly hat ein Werk geschaffen, das gleichermaßen archiviert, aktiviert und antizipiert – und in den vergangenen fünf Jahren weiter an Bekanntheit gewonnen hat.

Afrofuturismus und die wahre KI

Mit der Intelligenz der Vorfahren gegen die dunkle Aufklärung: Wie Afrofuturismus uns helfen kann, Vorstellungen einer lebenswerten Zukunft zu entwickeln.

von Sheree Renée Thomas, Lonny Avi Brooks und Reynaldo Anderson.

Aus dem Englischen von Natasha A. Kelly

25. Juni 2025

Das digitale Zeitalter singt ein verführerisches Lied des Fortschritts – und doch hallt in seinen Schaltkreisen ein absichtliches Auslöschen wider. KI ist zur neuesten Front im Kulturkampf geworden, der zwischen hemmungslosem Techno-Optimismus und dystopischer Angst schwankt. Einerseits heißt es, KI werde uns retten – vor Krankheit, Ineffizienz, Unwissenheit. Andererseits soll sie uns ersetzen, beherrschen, auslöschen. Wir stehen an einem Scheideweg: Wessen Perspektiven werden die Zukunft prägen – und wessen werden ausgelöscht? 

Oft wird der Mainstream-Diskurs über Technologie und Zukunft durch die enge Sichtweise der „Broligarchen“ bestimmt – jener technokratischen Elite, deren Philosophie sich aus der technotopischen Ideologie des Silicon Valley der 1990er-Jahre speist. Inzwischen hat sich diese Perspektive in die sogenannte „Dunkle Aufklärung“ verwandelt: in eine techno-autoritäre, neo-reaktionäre Strömung, die von Akteuren wie Elon Musk vertreten und in bürokratischer Form von Organistaionen wie DOGE repräsentiert wird. Hier setzt die Gegenkultur des Afrofuturismus an – nicht nur als Genre oder Ästhetik, sondern als ein Paradigmenwechsel.

Zukünfte werden gemacht, nicht gefunden

Der zeitgenössische Afrofuturismus ist eine Philosophie, die Menschen afrikanischer Herkunft dazu befähigt, sich mit Handlungsmacht in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verorten. Dabei eröffnet der Afrofuturismus eine wichtige Perspektive – als kreative Ressource wie auch als kultureller und politischer Rahmen für die Neugestaltung von Möglichkeiten. Er bietet Werkzeuge, um alternative Zukunftsszenarien zu entwerfen, die ethisch auf der Erfahrung der Schwarzen basieren. Die Soziologin Ruha Benjamin erinnert uns daran, dass der „New Jim Code“ – digitaler Rassismus im Gewand technischer Objektivität – keine bloße Metapher ist: Es ist eine Realität, in der Algorithmen systemische Ungleichheiten aufrechterhalten. Ein digitales Echo historischer Unterdrückung.

Afrofuturismus stellt die Grundlagen unseres Verständnisses von „Zukunft“ infrage. Er lehnt die ahistorischen Narrative vermeintlich vorurteilsfreier Innovation ab und besteht stattdessen auf der Auseinandersetzung mit dem Wissen der Vorfahren. Er weiß: Zukünfte werden gemacht, nicht gefunden – und wer sie sich vorstellen darf, ist eine politische Frage. Aus Experiment und Erkundung geboren, aus historischem Kampf ebenso wie aus Freude, Spiel und unbändiger Neugier, steht der Afrofuturismus für Resilienz und Zukunftsgestaltung. Unsere Vorfahren, konfrontiert mit Entmenschlichung und Auslöschung, codierten in Spirituals und Klang die Visionen lebendiger, befreiter Welten. Diese „AfroRithms“ waren nicht nur Akte des Widerstands – sie waren das erste kulturelle Betriebssystem einer indigenen Voraussicht und Befreiungstechnologie.

Eine KI, die sich immer ausgefeilter und schneller weiterentwickelt, spiegelt auch die Voreingenommenheit ihrer Schöpfer*innen. Systeme, die aus einer begrenzten Sichtweise entstehen, verstärken Ungleichheit. Deshalb brauchen wir Afrofuturist*innen wie Walter Greason und William ‚Sandy‘ Darity, die die Grundlagen des globalen Kapitalismus hinterfragen und die verborgene Geschichte von Ausbeutung und Extraktion aufdecken. 

In seinem Buch „How Europe Underdeveloped Africa“ (2018) zeigte der Historiker Walter Rodney, dass Europas Nachkriegsaufbau auf der gezielten Unterentwicklung Afrikas basierte – ein Kreislauf der Ausbeutung, getarnt als „fairer Handel“. Die „Hilfe“ für Afrika ist bedeutungslos im Vergleich zu dem, was der Westen dem Kontinent entzogen hat. Hier fordert der Afrofuturismus restorative Gerechtigkeit.

Doch Schwarze und Indigene Gemeinschaften haben nicht nur überlebt – sie haben erschaffen. Sie haben Technologien der Erneuerung entwickelt, von Verwandtschaftssystemen bis hin zu kulturellen Codes. Ontologien, die sich nicht dem nihilistischen Pessimismus unterwerfen. Spirituell orientierte Epistemologien, die zu rebellischen Datenpraktiken beitragen. Dies ist die Essenz der ursprünglichen Intelligenz – das, was wir die wahre KI nennen.

Die Intelligenz der Ahnen

Afrofuturismus ist daher kein Nischenphänomen und auch keine Neuheit. Er ist gelebte Zukunftskompetenz – verantwortungsvoll, verkörpert, kulturell verwurzelt und moralisch dringend. In einer Ära reaktionärer KI-Euphorie, digitaler Verdrängung und entfremdeter rechter Beschleunigung bietet der Afrofuturismus – so wie die Ahnenintelligenz insgesamt – unsere beste Chance, bewohnbare Zukünfte zu gestalten.

Trotz ihrer Reichweite ist KI der Logik ihrer Schöpfer*innen verpflichtet – einer Logik, die von voreingenommenen Sprachmodellen, anti-Schwarzem Rassismus, kapitalistischer Ausbeutung und Techno-Utopismus geprägt ist. Und gerade weil KI mit den Vorurteilen ihrer Zeit und ihrer Schöpfer*innen kodiert ist, verdeckt, nutzt oder vernichtet sie allzu oft genau die Communitys, die seit langem ihre eigene Form kollektiver Heilungsintelligenz praktizieren: die Intelligenz der Vorfahren. Das Black Speculative Arts Movement (BSAM) liefert Blaupausen für diese andere Art von Intelligenz. Eine Intelligenz, die verwurzelt ist in Verwandtschaft, Gegenseitigkeit, Vorstellungskraft und Heilung – und die sich heute in vielfältigen Formen manifestiert. 

Ein Beispiel ist das kollaborative Erzählspiel AfroRithms from the Future, Teil einer wachsenden Bewegung von „Imagination Games“, die Schwarze und Indigene Zukunftsvisionen stärken und Ahnenintelligenz als Ressource für alle sichtbar machen: Stellen Sie sich KI-gepowerte Griots vor – mündliche Geschichtenerzähler:innen, Musiker:innen, Dichter:innen, Historiker:innen –, die die Weisheit bedeutender Persönlichkeiten im Kampf gegen Rassismus, Kolonialismus und soziale Ungerechtigkeit nutzen, um verborgene Machtverhältnisse oder Wirtschaftsmodelle zu enthüllen und die ausbeuterischen Strukturen der Jim-Crow-Gesetze, der Apartheid oder des Kolonialismus zu zerschlagen. Das passiert, wenn wir die Weisheit der Vorfahren durch spekulatives Spiel kanalisieren. AfroRithms ist Weltenbau und Weltneugestaltung zugleich.

Oder die Science of Social Justice der Neurowissenschaftlerin Sará King: Während viele Zukunftsforscher:innen nur in Daten sprechen, zeigt King, dass Heilung zur Zukunftskompetenz gehört. Ihr Projekt „Mirror of Loving Awareness“ setzt auf empathische Verbindung – ein neuronales Netzwerk der Seele. Die Verbindung von Weisheit mit dem Spekulativen, von Meditation und Vorstellungskraft, führt zu einer neuen Form der Zukunftsarbeit, die in der Intelligenz unserer Vorfahren verwurzelt ist. 

Diese emotionale Tiefe nennt der Schauspieler Ahmed Best den „emotionalen Motor“ – eine emotionale Triebkraft, die uns zu einem grundlegenden Wandel unserer Zukunftsgefühle führt. Die Verbindung von Empathie, Sinnhaftigkeit und Heilung in kinetischer Form aktiviert Zukunftsvisionen nicht nur als Ideen, sondern als gelebte emotionale Wahrheiten. Denn überlieferte Weisheiten und KI sind keine Gegensätze, sondern neigen sich einander an: Je tiefer man in das eine eindringt, desto näher kommt man dem anderen.

Die Verbindung von Heilung und technologischer Zukunft, von Schwarzsein, Neurowissenschaft, Technologie und Spiritualität, erforscht auch Philip Butler. Mit dem Seekr-Projekt hat er eine individuell konzipierte Konversations-KI geschaffen, die auf einem kulturell abgestimmten, heilungsorientierten Design basiert – mit integrierten Fähigkeiten zur psychischen Gesundheit und dem Potenzial zur Gestaltung radikal pluralistischer und befreiender Zukunftsperspektiven.

Glyphen alternativer Zeitschleifen

Neben King, Best und Butler arbeiten viele weitere Forscher:innen und Künstler:innen an einer Zukunft, in der Fürsorge, Bewusstsein und Ahnenintelligenz die Grundarchitektur von KI bilden. So bereiten die Forscher:in Toniesha Taylor vom Center for Africana Futures und die Community-Aktivistin LaWana Richmond junge Menschen auf politisches und persönliches Zukunftshandeln im Spannungsfeld von KI, Metaversum und Visioning vor. Nina Woodruff, Jasmine Wade und Kaya Fortune gestalten mit der Community Futures School das Jahr 2045. Die Aktivistin Audrey Williams stärkt spekulatives Erzählen über Ancestral Futures. Der Historiker und Kulturwissenschaftler Julian Chambliss engagiert sich aktiv für die Wiederherstellung verlorener historischer bürgerlicher Zukunftsperspektiven der Schwarzen. 

Im Bereich der Kunst setzt Alan Clark mit seinen „gefährlichsten Comix der Welt“ auf afrofuturistische Landschaften als Gegenmittel gegen die „dunkle Aufklärung“. Nyame Brown erschafft mit ihrem Onyx-Universum künstlerische Schwarze Utopien. Joshua Mays überzieht die Stadt Oakland mit afrofuturistischen Wandgemälden – und erfindet sie als die Stadt Olgaruth neu. Politische und visuelle Räume für die Schwarze Vorstellungskraft gestalten auch Stacey Robinson und John Jennings, Schöpfer des Projekts Black Kirby, sowie die Künstler Quentin VerCetty und Tim Fielder, der Digitalwissenschaftlerin Zaika dos Santos, die Kuratorin Natasha A. Kelly, die Cosplayerin Shannon Theus und das niederländische First Noble Institute. Ihre künstlerischen Produktionen sind nicht nur Illustrationen: Sie sind Glyphen, visuelle Nommos, Siegel und Frequenzen alternativer Zeitschleifen.

Sheree Renée Thomas hat mit „Dark Matter“ (2020) und „Africa Risen“ (2022) zwei Anthologien spekulativer, afrikazentrierter Literatur herausgegeben, die uns daran erinnern, dass die Zukunft nicht unausweichlich ist, sondern kuratiert wird. Diese Perspektive prägte auch die Ausstellung „Curating the End of the World“, mitgestaltet von der Kunsthistorikerin und Kulturkritikerin Tiffany Barber. Eine ganz konkrete Beschäftigung mit der Intelligenz der Vorfahren an der Schnittstelle von Erbe und digitaler Innovation bilden die Arbeiten des sahelischen Performancekünstlers Ibrahim Oumarou Yacouba alias Sage Soldat, des kamerunischen Afrofuturisten Nkolo Blondel und des südafrikanischen Klangkünstlers Michael Bhatch. Auch sie führen vor Augen, wie Schwarze Menschen unsere Zukunft tragen, ohne unsere Vergangenheit aufzugeben. Und machen deutlich, dass afrikanische spekulative Innovation keine Nische, sondern eine Notwendigkeit ist.

Vier zentrale Herausforderungen

Techno-autoritäre Narrative bieten eine Zukunft ohne Empathie – eine als Pragmatismus getarnte Regression zur Herrschaft. Demgegenüber behauptet der Afrofuturismus, dass eine andere Welt nicht nur möglich, sondern bereits im Aufbau ist. Diese Welt fordert uns heraus, Technologie als Werkzeug der Gerechtigkeit zu nutzen – das, was unsere Vorfahren „Maat“ nannten –, die Geschichte zu ehren, ohne uns an sie zu binden, und Gemeinschaften zu schaffen, die auf Gerechtigkeit basieren. In Zeiten der Klimakrise und des Wiederauflebens des Faschismus ist diese Vision mehr als nur ein künstlerischer Ausdruck: Sie ist ein politischer Imperativ. Der Fatalismus der Techno-Autoritären ist eine Kapitulation – der Afrofuturismus ist ein Aufruf zum Handeln. Dabei sind vier Herausforderungen zentral:

  1. Kollektive Handlungsmacht vs. Hierarchie der Broligarchen: Die dezentralen Gemeinschaften des Afrofuturismus wenden sich gegen die aktuelle Besessenheit von autoritärer Ordnung und Fantasien fremdenfeindlicher, neofeudaler Enklaven. So beschreibt etwa Octavia Butler in ihrer Erzählung „Parable of the Sower“ (2023) Graswurzelnetzwerke, die inmitten des Zusammenbruchs florieren und sich der Kontrolle von oben widersetzen.
  2. Befreiung vs. Technologie als Kontrolle: Tech-Eliten aus dem PayPal-Umfeld und andere einflussreiche Netzwerke zeigen, wie Technologie als Beschleuniger kapitalistischer Entfremdung, Transhumanismus und mangelnder Demokratieförderung wirkt. Der Afrofuturismus interpretiert Technologie dagegen als emanzipatorisch. So erforscht die Sängerin und Schauspielerin Janelle Monáe in ihrem Gesamtkunstwerk „Dirty Computer“ (2018) das digitale Bewusstsein als Ort des Widerstands: Innovation fördert hier Verbundenheit, nicht Unterwerfung. 
  3. Ethisches Gedächtnis vs. historische Amnesie: Die techno-autoritäre Nostalgie nach einer mythologischen Vergangenheit ignoriert die in historischen Hierarchien verankerte Gewalt. Der Afrofuturismus besteht dagegen darauf, sich mit dem Erbe der Unterdrückung auseinanderzusetzen, um eine Wiederholung zu verhindern – gegen ahistorischen Eskapismus und die Versuche, die Handlungsfähigkeit afrikanischer Völker zu reduzieren.
  4. Nachhaltige Zukunft vs. Zusammenbruch: Der techno-autoritäre Impuls begrüßt den gesellschaftlichen Zusammenbruch als darwinistische Säuberung. Der Afrofuturismus lehnt diesen Nihilismus ab und priorisiert nachhaltige Gemeinschaften, die sich durch generationenübergreifende Fürsorge und ökologisches Gleichgewicht auszeichnen. Durch einen Geist von Ubuntu: der Menschlichkeit in Verbundenheit mit anderen.

Sheree Renée Thomas
ist Herausgeberin von „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“, dreimalige Gewinnerin des World Fantasy Award für die Herausgabe der wegweisenden Anthologien „Dark Matter“ und „Africa Risen Black Speculative Fiction“ sowie Autorin der Sammlung „Nine Bar Blues“.

Lonny Avi Brooks
ist Professor und Fachbereichsleiter für Kommunikation an der Cal State East Bay, Mitbegründer der AfroRithm Futures Group und Mitentwickler von AfroRithms From The Future, einem visionären Erzählspiel, das sich eine freie Zukunft aus der Perspektive von Schwarzen, Indigenen und Queers vorstellt.

Reynaldo Anderson
ist Associate Professor für Afrikologie und African American Studies an der Temple University, Hauptorganisator der Black Speculative Arts Movement (BSAM) und Autor des Buches „Afrofuturism and World Order“.

Die Zukunft des Konsums

Der Konsum der Zukunft hat eine klare Funktion: Er soll ein gutes Leben ermöglichen. Um das zu erreichen, brauchen wir allerdings eine grundlegende Transformation von Konsum. Denn momentan richtet er mehr Schaden an, als er nützt. Vier Thesen für die Zukunft des Konsums  – und wie Unternehmen die Transformation des Konsums vorantreiben können.

Ein Auszug aus dem Future:Guide Konsum.

von Janine Seitz

3. Juni 2025

Welt ohne Konsum

Von heute aus betrachtet wäre eine Welt ohne Konsum (wie wir ihn kennen) eine Welt im Chaos. Die wirtschaftlichen Folgen wären verheerend:

  • Das Wirtschaftssystem bricht zusammen, da es auf Wachstum und dem Verkauf von Waren basiert. Ohne Gewinnerzielung keine Arbeitsplätze. Es kommt zu einer Rezession und hoher Arbeitslosigkeit. 
  • Die Massenproduktion von Waren geht zurück, weltweit fallen Jobs weg. Dadurch verändert sich unser Umgang mit Waren: Dinge werden repariert, möglichst lange am Laufen gehalten, jede:r versucht, sich selbst zu versorgen, glücklich können sich diejenigen schätzen, die einen Garten oder Land und Möglichkeiten haben, Nahrungsmittel selbst zu erzeugen. 
  • Die Schattenwirtschaft floriert. Und überhaupt: Wer braucht schon Geld in einer Welt, in der es sowieso kaum mehr etwas zu kaufen gibt? Das Währungssystem verändert sich, neben Geld gewinnen der Tauschhandel und alternative Währungssysteme an Bedeutung.

Wie verbringen wir unsere Zeit, wenn wir einen Großteil des Tages nicht mehr mit Konsum und/oder dem Arbeiten verbringen? Es ist davon auszugehen, dass viele Berufe, die direkt oder indirekt mit Konsum zusammenhängen (z.B. Marketing, Werbung, Einzelhandel), wegfallen. Stattdessen gewinnen Berufe in den Bereichen Reparatur, Wiederverwertung sowie Landwirtschaft und Handwerk für den lokalen, unmittelbaren Bedarf an Bedeutung; es wird das hergestellt, was wirklich gebraucht wird – für diejenigen, die es sich leisten können bzw. die beste Gegenleistung bieten. 

Unser Lebensstil verändert sich grundlegend, indem sich der Fokus von materiellem Besitz hin zu immateriellen Werten wie sozialen Beziehungen, persönlicher Entwicklung, Gesundheit und Bildung verschiebt.  Wer ein soziales Netzwerk hat, ist besser dran. Lokale und autarke Gemeinschaften erstarken, denn man ist aufeinander angewiesen, muss sich gegenseitig unterstützen und Ressourcen miteinander teilen.

„Konsum gehört zum Menschsein dazu, denn Konsum ist nichts künstlich Geschaffenes.“

Der Drang nach Konsum, nach immer mehr und nach materiellem Erfolg gehört der Vergangenheit an. Das hat auch etwas Befreiendes, es ist eine Art kollektives Detox, ein Abbau von Stress und Erschöpfung. Und: Weniger Konsum bedeutet weniger Ressourcenverbrauch, weniger Müll und weniger Umweltverschmutzung. Das kommt unserem Planeten zugute.

Aber seien wir ehrlich: Für die Menschen ist es eine dunkle Zeit voller Konflikte und Kriege, voller Hungersnöte und Krankheiten, voller Leid, Hass und Gegeneinander. Das globale Wirtschaftssystem, basierend auf Produktion und Konsum, stützt das menschliche Zusammenleben – mit seinem Zusammenbruch wird auch die Menschheit ins Chaos stürzen. Eine Welt ohne Konsum ist somit nicht nur kaum vorstellbar, sondern auch nicht wünschenswert.

Wie und warum konsumieren wir heute?

  • Konsum hält Gesellschaften zusammen und verbindet die Welt. Aktuell steckt die Welt im Krisenmodus – dies ist eine Chance, den Konsum zu verändern und ihn zu nutzen, um gesellschaftliche Transformationen anzuschieben.
  • Konsum ist kein menschliches Bedürfnis, sondern eine Kulturtechnik. Eine Strategie, die der Mensch entwickelt hat, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Kulturtechniken sind eng an Bedürfnisse geknüpft: Es geht um die Beseitigung eines Mangels und/oder die Verbesserung der Lebenssituation. Um diese Kulturtechnik anzuwenden, hat der Mensch ein dafür passendes System entwickelt: den Kapitalismus.
  • Dieses System bringt neben Bedürfnissen auch Begehrnisse hervor. Längst ist es ein sich selbst erhaltendes System, das nicht mehr dem Menschen und seinem Streben nach einem guten Leben dient.
  • Ein holistisches Verständnis von Konsum stellt den Menschen wieder in den Mittelpunkt des Konsums. Dies gelingt, indem Unternehmen nicht mehr künstliche Begehrnisse schaffen, sondern ihr Angebot an den menschlichen Bedürfnissen ausrichten.

Vier Thesen für den Konsum der Zukunft

Konsum gehört zum Menschsein dazu, denn Konsum ist nichts künstlich Geschaffenes. Der Mensch konsumiert schon allein dadurch, dass er Nahrung zu sich nimmt. Wie können wir also Konsum künftig so gestalten, dass er ein besseres Leben ermöglicht, das dem Menschen, der Gesellschaft und dem Planeten zugutekommt?

1. Konsum der Zukunft ist eine (politische) Haltung!

Mit Konsum werden strategisch Werte und Haltung ausgedrückt – immer und überall, bewusst oder unbewusst. Konsum dient nicht mehr nur zur Bedürfnisbefriedigung und als Statussymbol, sondern ist Ausdruck von Werten und Identität. Kaufentscheidungen sind zunehmend politisch aufgeladen – Verbraucher:innen nutzen ihre Kaufentscheidungen, unter anderem über Boykotte und Buykotte, um Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft zu nehmen. Unternehmen zeigen Haltung, übernehmen Verantwortung und kommunizieren ihre Werte. Konsumierende erwarten, dass Unternehmen einen Beitrag zu gesellschaftlichen und ökologischen Zielen leisten.

2. Konsum der Zukunft ist nicht mehr das Problem, sondern die Lösung!

Konsum erlebt einen Imagewandel: Er befreit sich vom Stigma der Schuld, ist positiv und lösungsorientiert. Konsum der Zukunft macht Spaß. Konsum der Zukunft schafft einen Mehrwert für Individuum, Gesellschaft und Umwelt. Unternehmen fördern verantwortungsbewussten Konsum und machen ihn erlebbar. Kreislaufwirtschaft, Sharing-Modelle, Secondhand und Reparaturservices bieten Chancen und eröffnen neue Geschäftsfelder.

3. Konsum der Zukunft schafft eine Wir-Kultur!

Konsum verbindet und bringt Menschen zusammen. Die Konsumgesellschaft wird zur Konsum-Community, die über geteilte Erfahrungen und Erlebnisse Gemeinschaft ermöglicht. Konsum ist kein rein privater Akt, sondern eingebettet in soziokulturelle und institutionelle Strukturen. Konsum fungiert als sozialer Kitt, der Menschen verbindet. Das Konsumerlebnis ist ein ganzheitlicher Prozess, der über den reinen Kaufakt hinausgeht. Die Customer Journey wird zum Customer Experience Cycle.

4. Konsum der Zukunft erfüllt Bedürfnisse und aktiviert!

Konsum stillt Bedürfnisse und steigert nicht Begehrnisse. Somit entfaltet Konsum seine aktivierende Kraft und bringt Menschen ins Handeln. Konsum wird zum Werkzeug für ein erfülltes und sinnvolles Leben. Unternehmen gestalten Konsum so, dass er echte menschliche Bedürfnisse erfüllt und positive Veränderungen bewirkt. Bedürfnisorientierte Lösungen bilden die Basis für eine stabile und resiliente Gesellschaft. Hierfür bietet das Future:Needs-Modell eine Orientierungsgrundlage.

Janine Seitz ist Zukunftsforscherin, Kulturwissenschaftlerin und Expertin für Konsumkultur. Aus den Dynamiken von Trends und Gegentrends entwickelt sie ein ganzheitliches Verständnis von Konsum, das die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückt.

Konsum zwischen Lust und Frust

Ein Auszug aus dem Future:Guide Konsum.

von Janine Seitz

2. Juni 2025

„Hoppla“ heißt es da von Experten, als wäre man mal kurz gestolpert. Die Wirtschaft in Deutschland ist im ersten Quartal gewachsen – unerwarteterweise. Zuletzt war die Wirtschaft geschrumpft, Prognosen für 2025 gehen von einem Null-Wachstum aus, nun sei man etwas weniger pessimistisch. Die Konsumlaune sei gestiegen, viele Menschen hätten mehr Geld in der Tasche, das sie nun auch bereitwilliger ausgeben.

Konsumlaune, Identitätsstifter, Wirtschaftsmotor

Ketzerische Frage: Warum ist kein Wachstum eigentlich schlecht? Es bedeutet ja eigentlich nur, dass es nicht „mehr” wird, aber eben auch nicht „weniger“. Ist es nicht schön so, wie es ist, muss es immer „mehr“ sein? Und was hat Konsum mit „Launen“ und „Stimmungen“ zu tun? Konsum ist längst hochgradig emotional aufgeladen, Menschen definieren ihre Identität über Konsum, kaufen sich positive Gefühle ein, werden selbst zur Ware. Privater Konsum hält die Wirtschaft am Laufen, ohne Konsum kein Wirtschaftswachstum.

Das Leben ist Konsum. Ist Konsum Leben?

Konsum durchdringt alle Sphären des Alltags, der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman beschreibt unser „Leben als Konsum“. Doch Konsumieren – und damit in Folge auch unser Leben – hat längst einen bitteren Beigeschmack: Konsum ist anstrengend geworden. Wir konsumieren nicht mehr, weil wir es uns leisten können. Konsum hat seinen Reiz verloren, ist längst Routine, nichts außergewöhnliches mehr. Shopping gilt als eine der unbeliebtesten Freizeitbeschäftigungen, jede:r Dritte Deutsche würde am liebsten gar keine Zeit mehr mit Einkaufen verbringen.

Gestern war die Zukunft besser – zumindest aus der Sicht von heute

Einerseits scheinen die Konsumierenden die Lust am Einkaufen mehr und mehr zu verlieren, andererseits sehen sich Unternehmen neuen Herausforderungen wie Zollchaos und Handelskonflikten gegenüber. Auch wenn immer mehr klar wird, dass Trump vor allem Verunsicherung stiften und Ängste schüren will, sorgt diese Kombination für eine Konsumkrise: Verbraucher:innen sehnen sich nach freudvollen, sinnstiftenden Erlebnissen, Unternehmen gehen auf Nummer Sicher und wagen kaum Innovationen und Experimente. Hinzu kommt noch, dass Angst keine gute Grundlage für Entscheidungen ist. Denn Angst blockiert den Blick auf das Mögliche und Machbare. Resultat ist häufig eine Rückkehr zu Strategien, die einmal in der Vergangenheit funktioniert haben. Zurück zu Gas, zurück zu Atom, zurück zu Fleisch und tierischen Produkten, zurück zur 40-Stunden-Woche im Büro, zurück ins Patriarchat. Zurück zu den Konsummustern des 20. Jahrhunderts.

Das Beste aller Zeiten für die Zukunft nutzen

Doch aus dem Blick zurück lassen sich durchaus auch positive Zukunftsbilder ableiten:

  • Konsum verbindet. Schon immer kamen Menschen für gemeinsame Interessen zusammen: Man trifft sich, um gemeinsam zu essen, zu feiern und sich auszutauschen. Auf Märkten wurde gefeilscht, mit Tante Emma geplauscht – es ging immer um Kommunikation und Kauf. Der Wandel von Konsumtempeln zu Konsummaschinen nahm erst Mitte des 20. Jahrhunderts seinen Lauf – und endete im Niedergang der Kaufhäuser. Auch die Einkaufsmeilen in den Innenstädten sind ein Phänomen der Neuzeit – und durchlaufen aktuell eine Metamorphose, den dort Menschen (wieder) mehr Vielfalt und Aufenthaltsqualität zu bieten. Denn ein hyperindividuelles, höchst personalisiertes Produktangebot und eine seamless Kauferfahrung machen noch kein Konsumerlebnis aus. Kaum verwunderlich, dass im Onlineshopping immer mehr Gaming- und Social-Elemente integriert werden. Konsum ist Kommunikation.  
  • Repairing is caring: In der Wegwerfgesellschaft ist automatisch das Neue das Bessere. Handwerk und Reparatur spielten in den letzten Jahrzehnten kaum mehr eine Rolle. Wieso etwas mühsam reparieren, wenn man es einfach neu kaufen kann? Die Globalisierung und der Freihandel sorgten für billige Neuwaren en masse. Durch die drohenden Handelskriege muss wieder neu über den Wert eines Produkts (inklusive Herstellung, Vertrieb und Entsorgung) nachgedacht werden und Zölle sorgen für eine künstliche Verteuerung von importierten Waren, das Risiko für eine Inflation steigt. Reshoring durch Zölle sorgt zwar für eine Rückverlagerung der Industrien in das eigene Land, zugleich aber auch für Preissteigerungen, sprich das Leben wird in Summe teurer. So könnten Reparaturen und das Wiederaufbereiten von Produkten künftig nicht nur nachhaltiger, sondern auch preislich attraktiv sein. Reparieren erlebt eine Renaissance. 
  • Vintage boomt: Während man früher die Klamotten der älteren Geschwister „auftragen” musste und Antiquitäten von Geschmack und wahrem Luxus zeugten, erleben gebrauchte Waren jeglicher Couleur aktuell ein Revival. Secondhand-Läden, Flohmärkte oder Resale-Plattformen sind längst im Mainstream angekommen. Das “Alte”, das „Gebrauchte” bekommt wieder einen Wert, es wird mit einer Aura des Einzigartigen, des Uniquen aufgeladen – zugleich lässt es sich mit einem guten Gewissen nach Lust und Laune shoppen. In einer Welt, in der man alles haben kann, wird das Einzelstück zum begehrten Objekt; aber es ist auch durchaus okay, wenn es nicht in der passenden Größe oder Ausführung verfügbar ist bzw. das macht auch genau wieder den Reiz aus: Nicht alles haben zu können – und zu müssen. Gebraucht ist wertvoll.

Die Zukunftsangst umarmen – und loslassen

Innovationen entstehen nicht aus dem Nichts, sondern aus dem Neu Zusammensetzen und Rekombinieren; Transformationen sind keine geradlinigen Entwicklungen, sie durchlaufen Schleifen, erleben Backlashes, aber werden letztendlich immer im Zusammenspiel zwischen Trends und Gegentrends vorangetrieben. Gegentrends zeigen somit, wo Überforderung, Übersättigung oder Widerstand zu neuen Haltungen, Bedürfnissen und Systemfragen führen. Und nur aus diesen Widersprüchen kann echter Wandel entstehen – und Konsum neu gedacht werden. Dabei ist eine Rückbesinnung auf so manch Altes durchaus sinn- und wertvoll. Früher war definitiv nicht alles besser, aber durchaus manches und von vielem haben wir uns glücklicherweise verabschiedet. Von was wir uns allerdings auf jeden Fall verabschieden sollten, ist die Angst. Wir dürfen sie noch ein letztes Mal fest umarmen – und dann loslassen.

Janine Seitz ist Zukunftsforscherin, Kulturwissenschaftlerin und Expertin für Konsumkultur. Aus den Dynamiken von Trends und Gegentrends entwickelt sie ein ganzheitliches Verständnis von Konsum, das die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückt.

Zukunft des deutschen Modemarkts

Wie der deutsche Modemarkt in 2030 aussehen kann, wenn er möchte. Ein Zukunftsblick von Handelsexpertin Theresa Schleicher.

22. Mai 2025

Im Jahr 2025 ist der deutsche Modemarkt weiterhin in einer schwierigen Situation. Selbst große Modeketten und internationale Konzerne wie Zara oder H&M spüren den Druck. Die Prognosen für 2025 lauten vorsichtiger als sonst. Während sich die großen Modeketten durch Preis- und Prozessoptimierung stabilisieren, kämpfen insbesondere kleine Boutiquen und deutsche Modehändler mit sinkenden Umsätzen. Der Mittelstand leidet unter einer Kaufzurückhaltung, die durch eine allgemeine Verunsicherung in der Bevölkerung verstärkt wird. Ca. 48 Prozent wollen in diesem Jahr bewusster einkaufen und auch bei Mode sparen – nicht nur indem sie günstiger kaufen, sondern indem sie insgesamt weniger konsumieren (Quelle: Zukunftsstudie Handel 2025). Auch Discount-Textiler und große Ketten sowie Secondhand-Anbieter spüren, dass spontane Impulskäufe seltener werden. Wenn dann auch noch die Preise gering, die Rabatte hoch und die Margen kleiner sind, wird es schwierig.

Doch wenn der reine Fokus auf immer neue Kollektionen nach gelernten Mustern und die Rabattaktionen mittelfristig nicht mehr funktionieren wollen, wird es Zeit darüber nachzudenken, was als neue Leistung – das 2. in dem Preis-Leistungs-Gedanken – überrascht und begeistert. Denn die Menschen werden müde vom Billigwahn und Massenmärkten, sehnen sich bewussten Konsum – aber auch nach Sicherheit, Alltag und einem guten Preis. Das ist der Nährboden einer neuen Mitte im Modemarkt.

Vier Bewegungen für den Modemarkt der Zukunft

1. Neues Aufleben von modernen, qualitätsorientierten und lokalen Kleidungsstücken

Viele Kund:innen kaufen bewusster. Dabei spielt nicht Nachhaltigkeit – so sehr diese Realität schmerzt – die größte Rolle, sondern der Wunsch nach besserer Qualität statt reiner Quantität. Die schnellen Wegwerfprodukte haben schlicht ihren Reiz verloren, zumindest für bereits 42 Prozent der über 29-Jährigen (Quelle: Zukunftsstudie Handel 2025). Ebenfalls ein Zeichen neuer Sinnkultur: Ein Drittel der befragten jungen Konsument:innen findet eine Rückkehr zur lokalen Produktion spannend. Das Label „Made in Germany“ kann damit eine emotionale Bindung erzeugen. Dennoch reagieren Mode-Unternehmen der gesellschaftlichen Mitte nur verhalten auf diesen Trend – C&A etwa stellte seine in Deutschland produzierte Jeans-Kollektion bereits wieder ein, nach „wenig Bemühungen“, diese in den Fokus zu stellen.

„Made in Germany und Made in Europe erhält bei den aktuellen globalen Krisen einen höchst emotionalen Stellenwert – etwas, das für deutsche Mode-Unternehmen zur neuen Stärke werden kann.“

– Theresa Schleicher

2. Gesellschaftliche Sehnsucht nach mehr Eleganz

Zurück zur Freude? Ausschweifende Designer-Kollektionen mit Mainstream-Marken, glamouröse Kampagnen. Mode kann wieder eine Traumbranche sein. Nur eben bewusster. Neben Nachhaltigkeit und Individualisierung zeigt sich ein weiterer ästhetischer Wandel: Der Wunsch nach Eleganz wächst. In einer Zeit, in der vieles beliebig und wertlos erscheint, rückt ein gepflegter, stilvoller Look stärker in den Fokus. Selbst in avantgardistischen Städten wie Berlin lässt sich ein subtiler Trend hin zu hochwertigerer Kleidung und bewusstem Styling beobachten. Eleganz vermittelt nicht nur Ästhetik, sondern auch eine Form von Sicherheit – ein Gefühl, das in gesellschaftlich unsicheren Zeiten wichtiger denn je wird.

3. Wunsch nach Trendmärkten statt Secondhand-Boutiquen

Secondhand-Mode gilt weiterhin als Hoffnungsträger für einen bewussteren Konsum, doch das Wachstum in diesem Segment bleibt hinter den Erwartungen zurück. Der Grund: Viele junge Konsument:innen bemängeln, dass moderne Designs, Leichtigkeit und eine gewisse modische Freude in Secondhand-Angeboten oft fehlen. Bisher zeigen Mode-Unternehmen z.B. mit der Secondhand-Ecke in einem großen Geschäft, was viele wahrnehmen: die Secondhand-Angebote werden als nischig und unmodern empfunden, als die rationale Option in einer Masse von Fast-Fashion-Angeboten. Viele Kund:innen wünschen sich nachhaltige, aber modern interpretierte Kollektionen (48 %, Quelle: Zukunftsstudie Handel 2025). Für die Menschen spielt das Prädikat nachhaltig oft nicht die Hauptrolle, sondern es geht um Qualität von langlebigen Kleidungsstücken, die wiederum mit Recycling und Secondhand assoziiert ist.

4. Innovationsschübe durch europäische tech-soziale Maßnahmen

Immer mehr Modemarken setzen beim Design ihrer Produkte Künstliche Intelligenz ein. Laut einer Studie von McKinsey integrieren bereits 28 Prozent der befragten Branchenakteure KI in kreative Designprozesse (vgl. McKinsey 2023). Ein Beispiel ist das Pariser Tech-Unternehmen Heuritech, das bereits mit Prada, Dior, Adidas, New Balance oder Louis Vuitton arbeitet. Heuritech analysiert mit KI Bilder aus Social Media und anderen Kanälen und leitet daraus Frühsignale für mögliche Fashion-Trends ab. Auch das Berliner Unternehmen yoona.ai verspricht, den Designprozess um bis zu 80 Prozent zu beschleunigen und innerhalb weniger Sekunden über 20.000 digitale Designoptionen zu erstellen. Eine größere Entwicklung deutet sich ebenfalls in der maßgeschneiderten, aber dennoch günstigen Mode an. In Asien haben sich digitale Plattformen etabliert, die binnen 24 Stunden individuelle Kleidung fertigen – ein Konzept, das mithilfe von Robotic auch in Europa Fuß fassen könnte.

Theresa Schleicher gilt als führende Handels-Zukunftsforscherin Deutschlands. Sie ist Zukunfts-Sparringspartnerin für Handels- und Wirtschaftsunternehmen, wie dem Bundeswirtschaftsministerium und The Future:Project. Die renommierte Zukunftsforscherin und Data Scientist ist Autorin mehrerer bekannter Trendstudien im Handel und gibt ihre Ausblicke in Vorträgen.

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Menschliche Intelligenz als Zukunftsressource

Je stärker Künstliche Intelligenz unsere Welt durchdringt, umso wichtiger wird auch die humane Intelligenz – als zentrales Gut für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft.

von Paulina Plinke

20. Mai 2025

Im Zeichen der Omnikrise, am epochalen Umbruch zu einer nächsten, hypervernetzten Gesellschaft, nehmen Verknüpfungen und Abhängigkeiten rasant zu. Die Spannungsverhältnisse zwischen Trends und Gegentrends werden zahlreicher und dynamischer – und lassen neue, zukunftsweisende Transformationen entstehen. Die Transformation zur Human Digitality beschreibt dabei eine nächste Evolutionsstufe der Digitalisierung, die neue humandigitale Gestaltungsräume eröffnet.

Human-Machine Teamplay

Ein zentrales Element ist dabei das Human-Machine Teamplay, das konstruktive Miteinander von menschlicher und Künstlicher Intelligenz. Um dieses Zusammenspiel optimal zu gestalten, braucht es zunächst ein umfangreiches Verständnis für die Unterschiede zwischen der humanen und der maschinellen Intelligenz. Dies gilt umso mehr in einer Welt, die zunehmend von KI durchdrungen ist – und in der die Leistungsfähigkeit von KI-Systemen mit rasanter Geschwindigkeit zunimmt.

Von Albert Einstein soll das Zitat stammen: „Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat.“ Tatsächlich liefert die Kreativität einen wichtigen Hinweis auf die elementaren Unterschiede zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz. Während KI-Tools wie ChatGPT automatisiert nach bestimmten Regeln und Mustern Inhalte generieren, also gewissermaßen „spaßfrei“, ist der Mensch in der Lage, Neues auf intrinsische Weise zu kreieren. Genau diese Komplementarität kann neue Möglichkeitsräume und zukunftsweisende Synergien eröffnen – überall dort, wo menschliche Fähigkeiten durch KI nicht ersetzt, sondern ergänzt werden.

Vielversprechende Ansätze für diesen sinnorientierten Einsatz von KI-Tools zeigen sich zum Beispiel im Bereich der Bildung: Unter den Vorzeichen der Human Digitality kann KI mehr Raum schaffen für Kreativität und personalisiertes Lernen nach individuellen Bedürfnissen – und damit auch die Kultivierung höherer kognitiver Fähigkeiten fördern. In dieser Entfaltung persönlicher Potenziale liegt die Zukunft der Bildung, die vom Human-Machine Teamplay unterstützt wird.

Intelligenz als Zukunftsressource

Die menschliche Intelligenz verliert dabei keineswegs an Relevanz, im Gegenteil: Als kontrollierende Instanz wird sie unverzichtbarer denn je. Dazu tragen auch neue Erkenntnisse aus dem Bereich der Intelligenzforschung bei, die nicht nur tiefere Einsichten in unser Denken und Handeln ermöglichen, sondern auch wichtige Potenziale für gesellschaftliche Orientierung und Zukunftsgestaltung aufzeigen. 

Besonders vielversprechend erscheint dabei das interdisziplinäre Forschungsfeld der Network Neuroscience, das sich in den vergangenen Jahrzehnten etabliert hat. Ziel ist es, die Struktur und Funktion des menschlichen Gehirns besser zu verstehen, indem es als komplexes Netzwerk miteinander verbundener Knotenpunkte betrachtet wird – auch mithilfe von Verfahren des maschinellen Lernens: ein praktisches Beispiel für das Human-Machine Teamplay. Die Erkenntnisse der Network Neuroscience eröffnen neue Zugänge zu unseren kognitiven Fähigkeiten, mit denen wir unsere Zukunft maßgeblich prägen. 

In einer vernetzten Welt wird es dabei immer wichtiger, menschliche Intelligenz nicht nur als individuelles Merkmal zu verstehen, sondern als eine kollektive Ressource. Diese Wirkungskraft ist bisher noch nicht annähernd erschlossen. Je mehr es daher künftig gelingt, dieses mächtige Potenzial zu entfalten, auch durch eine humandigitale Bildung, umso wirkungsvoller werden wir die menschliche Intelligenz als gestaltende Kraft und Zukunftsressource nutzen können.

Das KI-Manifest von Matthias Horx ist ein Plädoyer für den humanistischen Futurismus. Es deckt Vorurteile und Glaubenssätze auf und zeigt, dass wir uns möglicherweise vor den falschen Gefahren fürchten.

Die neue Welt(un)ordnung

Deutschland und Europa am Scheideweg

von Prof. Dr. André Reichel

5. Mai 2025

Die geopolitischen Verschiebungen der vergangenen Monate und Jahre haben Europa in eine Phase struktureller Unsicherheit geführt – und zugleich für seltene analytische Klarheit gesorgt. Die Entscheidung der USA, ein Rohstoffabkommen mit der Ukraine zu schließen, markiert eine Zäsur im transatlantischen Verhältnis. Der exklusive Zugriff auf kritische Ressourcen und ein gemeinsamer Wiederaufbaufonds werfen grundsätzliche Fragen zur Rolle Europas in der Weltordnung auf.

Für Deutschland und die EU entsteht daraus nicht nur sicherheitspolitischer Handlungsdruck: Es eröffnet sich auch die Chance, eigene strategische Interessen selbstbewusst zu formulieren – ein Schritt, der das europäische Selbstverständnis neu definiert.

Identitätskrise und neue Souveränität

Gerade für Deutschland ist der Bruch mit den USA nicht nur strategisch, sondern auch emotional tiefgreifend. Über Jahrzehnte waren die Vereinigten Staaten sicherheitspolitischer Garant und kulturelles Leitbild, vom Marshallplan bis zur Westbindung der Bundesrepublik. Diese Verlässlichkeit wurde lange als selbstverständlich betrachtet. Doch mit dem geopolitischen Fokus der USA auf den Indopazifik, wachsender innenpolitischer Polarisierung und schwindender Bereitschaft zu multilateraler Bindung zeigt sich: Europa kann sich nicht länger auf Amerika stützen.

Der Verlust dieses Bezugsrahmens hinterlässt ein kulturelles und politisches Vakuum. Deutschland muss sich neu verorten – normativ, strategisch und gesellschaftlich. Diese Destabilisierung ist zugleich eine Chance: für einen Reifeprozess, der Verantwortung nicht als Last, sondern als Gestaltungsmacht versteht. Das erfordert nicht nur außenpolitische Instrumente, sondern auch eine breite Debatte über Europas Rolle in einer konfliktreichen, multipolaren Welt. Das Friedensprojekt Europa braucht ein Update – als wertebasierte, aber strategisch orientierte Ordnungskraft im 21. Jahrhundert.

Deutschlands neue Rolle

Die wirtschafts- und finanzpolitischen Beschlüsse vom März diesen Jahres, getragen von einer verfassungsändernden Mehrheit in Bundestag und Bundesrat, markieren einen tiefgreifenden Kurswechsel: Die Schuldenbremse wird gelockert, massive Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung, Bildung und Verteidigung angekündigt. Damit verabschiedet sich Deutschland von der lange dominierenden Austeritätspolitik und bekennt sich zu einem aktiven, investierenden Staat in geopolitisch unsicheren Zeiten. Diese Maßnahmen sind mehr als haushaltspolitische Anpassungen – sie zeigen den Willen, Deutschlands Rolle im internationalen System neu zu definieren. Auch auf europäischer Ebene wird dieser Richtungswechsel als Zeichen wachsender Gestaltungsfähigkeit wahrgenommen.

Im Inneren deutet sich ein Paradigmenwechsel an: weg vom reaktiven Staat hin zu einem gestaltenden Akteur, der strukturelle Schwächen adressiert und Zukunftsfähigkeit durch strategische Investitionen sichert. Das eröffnet Chancen für eine neue deutsche Führungsrolle – vorausgesetzt, sie wird europäisch eingebettet. Nur durch koordinierte Investitionen, gemeinsame Industriepolitik und institutionelle Reform kann eine solche Rolle integrativ wirken. Der Green Deal, die Sicherheitsunion und die Reform des Stabilitätspakts sind zentrale Hebel für ein strategisch handlungsfähiges Europa – und Deutschland muss bereit sein, hier politische Initiative zu zeigen.

Europas Weg zu strategischer Autonomie

Strategische Autonomie ist seit Jahren Teil des europäischen Diskurses – ihre konkrete Umsetzung ist jedoch noch schwach ausgeprägt. Trotz hoher Verteidigungsausgaben fehlen der EU zentrale Strukturen: eine gemeinsame Eingreiftruppe, abgestimmte Rüstungsprojekte, vernetzte Nachrichtendienste und eine schlagkräftige Cyberabwehr. Projekte wie der digitale Euro oder die europäische Raumfahrtpolitik setzen wichtige Impulse, bleiben aber bislang isolierte Vorstöße.

Autonomie darf jedoch nicht rein institutionell gedacht werden. Eine zentrale Herausforderung liegt in der Abwehr hybrider Bedrohungen – vor allem aus Russland. Desinformation, Cyberangriffe und gezielte Sabotage gehören längst zum Arsenal dieser Einflussnahme. Kampagnen wie „Doppelgänger“, die mit gefälschten Medien Vertrauen und politische Stabilität untergraben sollen, verdeutlichen das Ausmaß. Deutsche Sicherheitsbehörden sprechen von einer dauerhaften Bedrohungslage.

Auch physische Angriffe auf Infrastrukturen – etwa auf Bahnlinien oder Energienetze – sind Teil einer Strategie, Europas Handlungsfähigkeit gezielt zu unterminieren. Der hybride Krieg ist Realität – und findet auf europäischem Boden statt. Strategische Autonomie heißt daher auch: Aufbau einer Sicherheitskultur, die digitale wie physische Angriffe ernst nimmt, demokratische Resilienz stärkt und Desinformation als sicherheitspolitische Herausforderung anerkennt.

Verlust und Transformation

Die gegenwärtigen geopolitischen und gesellschaftlichen Umbrüche spiegeln ein tiefer liegendes zivilisatorisches Muster wider. In seinem Buch 2024 erschienenen Buch „Verlust“ beschreibt der Soziologe Andreas Reckwitz die Ambivalenz der Moderne: Fortschritt, Innovation und Beschleunigung gehen mit dem Verlust von Stabilität, Tradition und kultureller Verankerung einher. Je dynamischer Gesellschaften werden, desto mehr geraten Routinen und Sicherheiten ins Wanken – Fortschritt bringt auch Entfremdung.

Diese Dynamik trifft heute besonders auf die geopolitische Ordnung zu. Jahrzehntelang garantierten Allianzen und internationale Normen ein Gefühl der Sicherheit – doch diese Ordnungen verlieren an Bindungskraft. Der Westen als Bezugsrahmen wirkt brüchig, der Verlust betrifft nicht nur Institutionen, sondern auch kollektive Orientierung.

Reckwitz fordert eine „Reparatur der Moderne“ – keinen Rückzug in die Nostalgie, sondern die bewusste Entwicklung von Strategien, um Unsicherheit zu bewältigen. Resilienz wird so zur Schlüsselkompetenz moderner Ordnungspolitik: nicht als Vermeidung von Krisen, sondern als Fähigkeit, mit ihnen produktiv umzugehen. Für Europa heißt das: Es geht nicht um die Rückkehr zu Blocklogiken, sondern um den Aufbau einer kooperationsfähigen, multipolaren Ordnung. Resilienz betrifft nicht nur Sicherheit und Wirtschaft, sondern auch Bildung, Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine demokratische Ordnung muss Fragmentierung aushalten können – ohne ihre Integrationskraft zu verlieren. Verlust wird so zum Ausgangspunkt eines neuen, anpassungsfähigen Selbstverständnisses.

Die neuen Zukunftsfragen

Vor dem Hintergrund all dieser Umbrüche  und „Verluste“ stehen Europa strategische und normative Zukunftsfragen ins Haus – weit über institutionelle Reformen hinaus. Gefragt ist politische Intelligenz im Umgang mit Unsicherheit, Machtverschiebungen und ökologischen Grenzen. Drei Leitfragen stechen dabei hervor:

  1. Wie kann Deutschland innerhalb der EU führen, ohne als dominierend zu gelten? Nötig ist ein kooperativer Führungsstil, der nationale Interessen mit europäischer Kohärenz verbindet.
  2. Wie lässt sich wirtschaftliche Souveränität sichern, ohne in Protektionismus zu verfallen? Strategische Industrien wie Halbleiter oder grüne Technologien müssen europäisch gefördert, aber in globale Regeln eingebettet werden.
  3. Wie gelingt gesellschaftlicher Umgang mit dem Verlust vertrauter Ordnungen, ohne in Reaktionismus zu verfallen? Eine resiliente Demokratie braucht Räume für Differenz, ohne ihre Integrationskraft zu verlieren.

Weitere Themen drängen: Wie schützen wir demokratische Prozesse im Zeitalter Künstlicher Intelligenz? Wie behaupten wir ökologische Transformation unter geopolitischem Druck? Und wie ersetzen wir das Wachstumsdogma durch nachhaltige Wohlstandsmodelle? Diese Fragen verlangen nach einem konflikttoleranten, interdisziplinären Politikstil. Und nach einer öffentlichen Kultur, die politische Differenz nicht als Gefahr, sondern als demokratische Ressource versteht.

Fest steht: Europas Zukunft entscheidet sich nicht allein in Verträgen – sondern im Mut, die großen Fragen unserer Zeit neu zu stellen.

Die Metastudie zur Omnikrise analysiert die verschiedenen Krisen unserer Zeit – und schaut „Beyond Crisis“: auf das, was nach den Krisen kommt. Denn der Epochenwandel braucht konstruktive Bilder von der Zukunft, um zu gelingen.