Elektrostaaten gegen Petrostaaten

Während das fossile Zeitalter immer öfter an seine Grenzen stößt, entsteht mit den Elektrostaaten bereits ein konkurrierendes Energieregime, dem die Zukunft gehört. Ein Ausblick auf den Weg zu einer neuen Weltordnung im neo-elektrischen Zeitalter.

Kampf der Energiekulturen?

Die geopolitische Ordnung war im Kalten Krieg praktisch eingefroren. Der Eiserne Vorhang teilte die Welt in zwei ideologische Blöcke: die kapitalistische westliche Welt unter der Führung der USA auf der einen, die kommunistischen Staaten unter der Vorherrschaft der UdSSR auf der anderen Seite. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zerfiel auch diese Weltordnung. Wie würde eine Zukunft nach dem bipolaren Zeitalter aussehen? Vor allem zwei prominente Szenarien prägten die Vorstellung einer post-bipolaren Welt:

Während Francis Fukuyama das vielzitierte Ende der Geschichte ausrief (vgl. Fukuyama 1992), entwarf der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington ein Gegenbild. In seinem Aufsatz The Clash of Civilizations argumentierte er, dass der Gegensatz zwischen politischen Systemen zunehmend durch einen Gegensatz zwischen Kulturen abgelöst werde. Konflikte würden demnach künftig weniger aus ideologischen oder wirtschaftlichen Differenzen entstehen als aus kulturellen Unterschieden zwischen verschiedenen Zivilisationen. Die unvereinbaren kulturellen Prägungen, so Huntington, würden zwangsläufig zu gewaltsamen Konflikten an den „Frontlinien der Zukunft“ führen (vgl. Huntington 1993).

Heute, rund 30 Jahre später, stehen wir an einem ganz ähnlichen historischen Wendepunkt. Die gewohnte Weltordnung, die über drei Jahrzehnte (vor allem für den Westen) so stabil und verlässlich erschien, gerät ins Wanken. Inmitten der Omnikrise verschieben sich Machtverhältnisse, Bündnisse und Abhängigkeiten. Wieder einmal verliert eine alte Ordnung ihre Selbstverständlichkeit, während eine neue noch keine erkennbare Gestalt angenommen hat.

Doch tatsächlich zeichnet sich bereits ein entscheidendes Kriterium für die Neusortierung der globalen Ordnung ab. Eines, das wenig Beachtung findet, obwohl es die Geschicke der Menschheit seit jeher geprägt hat – und nun selbst einen tiefgreifenden Wandel durchläuft: die Energie. Der globale Strukturwandel von fossilen zu erneuerbaren Energien hat einen Wendepunkt erreicht. Mit rasender Geschwindigkeit verändert er Staaten und Gesellschaften, Infrastrukturen und Ökonomien, Regionen und Städte – und damit auch geopolitische Abhängigkeiten und Machtzentren, auf denen die bisherige Weltordnung beruhte.

Wenn wir die Weltordnung von morgen verstehen wollen, müssen wir ihre Energiekulturen verstehen. Einige Staaten haben diese Transformation früh erkannt und sind längst dabei, sich zu sogenannten Elektrostaaten zu entwickeln. Andere halten umso entschlossener an ihrer fossilen Vergangenheit als Petrostaaten fest. Dazwischen entsteht eine neue Vielfalt von Energiekulturen, die darüber entscheidet, wie Staaten ihre Zukunft gestalten.

Willkommen im neo-elektrischen Zeitalter

Wir stehen am Beginn einer neuen Energie-Epoche. Die vierte Energierevolution – bestehend aus Photovoltaik und Windkraft – ist bereits heute die am schnellsten wachsende Form der Energieerzeugung in der Geschichte der Menschheit. Allein im vergangenen Jahr erzeugte die Welt zusätzlich so viel Solarstrom, dass damit eine Nation wie Kanada ein Jahr lang mit Strom versorgt werden könnte. Zum ersten Mal führte damit eine erneuerbare Energiequelle das globale Wachstum der Stromerzeugung an – und verzeichnete zugleich den größten jährlichen Zuwachs, den eine Stromerzeugungstechnologie je erreicht hat (vgl. Pappas 2026).

Der weltweite Ausbau von sogenannten Electrotechs – also den erneuerbaren Energien, Speichertechnologien und Stromnetzen – nimmt gerade erst Fahrt auf. Die globale Elektrifizierung ist längst nicht mehr nur ein ökologisches Projekt zur notwendigen Senkung von Emissionen. Sie entwickelt sich zu einer echten Industrie- und Kulturrevolution! Sie eröffnet die Perspektive auf ein neo-elektrisches Zeitalter (vgl. Höhn 2025), in dem saubere Energie in bislang ungekanntem Maß verfügbar sein wird.

Doch was bedeutet eine solche Energierevolution für die zukünftige Ordnung unserer Zivilisation? Bereits in den 1940er-Jahren beschäftigte sich der US-amerikanische Anthropologe Leslie White mit dieser Frage. Für White hängt der Entwicklungsgrad einer Gesellschaft ganz wesentlich von ihrer Fähigkeit ab, Energie zu erschließen und nutzbar zu machen. Gesellschaften, die sich um ein bestimmtes Energieregime herum organisiert haben, entwickeln dabei typischerweise Widerstand gegenüber Technologien und Energiequellen, die einen grundlegenden Wandel der materiellen und sozialen Ordnung ermöglichen könnten. Sollte jedoch der kulturelle Fortschritt des bestehenden Energiesystems zum Stillstand kommen, kann eine Energierevolution zum Ausgangspunkt eines umfassenden gesellschaftlichen Umbruchs werden (vgl. White 1943).

Überträgt man diese Perspektive auf die Gegenwart, eröffnet sich eine interessante historische Parallele: So wie die fossilen Energien die Agrargesellschaften und ihre sozialen Ordnungen „gesprengt“ haben (vgl. Boyer 2017), könnten erneuerbare Energien und Electrotechs nun die „fossile Moderne“ (vgl. Folkers 2026) an ihre Grenzen bringen.

„Alles im Universum lässt sich anhand von Energie beschreiben. Galaxien, Sterne, Moleküle und Atome können als Organisation von Energie verstanden werden. Lebende Organismen lassen sich als Maschinen betrachten, die mit Energie betrieben werden, die direkt oder indirekt von der Sonne stammt. Und auch Zivilisationen oder Kulturen der Menschheit können wir als eine Form oder Organisation von Energie begreifen.“  – Leslie White

Aufstieg der Elektrostaaten

Die Entstehung sogenannter Elektrostaaten ist ein ernstzunehmendes Anzeichen für die Ablösung der fossilen Organisation unserer Weltsysteme durch ein neues Energieregime. Petrostaaten sind Länder, deren fiskalische, politische und wirtschaftliche Strukturen stark von der Förderung, der Kontrolle und dem Export fossiler Ressourcen abhängig sind (vgl. Daley/Newell 2026). Elektrostaaten dagegen definieren sich über die Fähigkeit, erneuerbare Energie zu erzeugen, zu nutzen und in elektrifizierte Wertschöpfungssysteme zu übersetzen. Dabei geht es nicht allein um die Verfügbarkeit von erneuerbarer Energie, sondern ebenso um den Ausbau industrieller Kapazitäten, technologischer Kompetenzen und die Entwicklung und Verbreitung von Electrotechs sowie die Gestaltung von Standards und Normen (vgl. Reichel 2025).

Der Iran-Krieg, die Blockade der Straße von Hormus und die Explosion der Energiepreise machten plötzlich wieder sichtbar, wie verwundbar die fossile Weltordnung ist und wie sehr die Welt noch immer am Tropf fossiler Energieträger hängt. Wer Öl und Gas nicht selbst besitzt, ist darauf angewiesen, dass andere sie fördern und freigeben – auch in Zeiten geopolitischer Spannungen. Europa konnte einen Großteil seiner fossilen Abhängigkeiten durch teure alternative Lieferquellen abfedern. Andere Regionen der Welt, denen solche Optionen zuletzt nicht zur Verfügung standen, gerieten jedoch unter erheblichen Energiedruck – und denken daher um: Statt immer neue fossile Bezugsquellen zu suchen und von den Öl-Staaten dieser Welt abhängig zu sein, steigen beispielsweise viele asiatische Länder auf einen massiven Ausbau erneuerbarer Energien im Sinne einer energetischen Unabhängigkeit und Resilienz um. Der Elektrostaat wird so zu einem strategischen Leitbild der nationalen Sicherheit und geopolitischen Autonomie.

Die multipolare Energiewelt der Zukunft

Die Unterscheidung von Elektro- und Petrostaaten könnte dazu verleiten, eine neue bipolare Weltordnung zu erwarten, die von der Energiefrage geprägt wird. Droht dann ein neuer Eiserner Vorhang – beziehungsweise ein „elektrischer Zaun“ –, der die Welt aufteilt?

Wohl kaum. Denn trotz aller Unterschiede ist die Entwicklung von Petro- zu Elektrostaaten kein binärer Konflikt, sondern ein kontingenter politisch-ökonomischer Prozess: Staaten bauen ihre fossilen Abhängigkeiten ab und bewegen sich – mit unterschiedlichem Tempo und unterschiedlichen Strategien – in Richtung Elektrostaat (vgl. Tooze 2026). Die Übergänge werden dabei immer fließend und an manchen Stellen auch widersprüchlich sein. Jeder Staat kann zum Elektrostaat werden. Die wenigsten werden es nicht tun.

Durch die Entstehung der Elektrostaaten als alternatives Energieregime zur fossilen Welt treffen in einer Zeit der Weltunordnung künftig Länder aufeinander, deren Machtstrategien sich fundamental widersprechen. Während die klassischen Petrostaaten das alte Energiesystem unbedingt erhalten möchten, streben immer mehr Länder nach den Vorteilen eines Elektrostaates. Dabei wandelt sich nicht nur die Art und Weise, wie diese Länder ihre Energie gewinnen, sondern gleich ihre ganze Energieidentität. Der Clash zwischen fossilen und erneuerbaren Energien wird zur zentralen Ordnungsfrage der Geopolitik – und zum wesentlichen Kriterium für die Konfliktlinien der Zukunft. 

Dass sich auf allen Kontinenten der Erde immer mehr Staaten auf den Pfad in Richtung Elektrostaat begeben, unterstreicht die Bedeutung der Elektrifizierung über ihre ökologischen Potenziale hinaus: Das neo-elektrische Zeitalter ist vor allem auch eine geopolitische und wirtschaftliche Transformation, mit der Staaten und Ökonomien ihre Abhängigkeiten, ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihre Stellung in der Welt neu bestimmen.

Mit den Elektrostaaten entsteht ein neues Energieregime, das mehr ist als eine Alternative zur fossilen (Un-)Ordnung der Gegenwart. Es ist ein neues Machtmodell und Zielbild für die Weltordnung der Zukunft.

Aus „Beyond 2027“ – dem Jahrbuch für Zukunft

Dies ist ein gekürzter Auszug aus unserem neuen Jahrbuch für Zukunft „Beyond 2027“.