Future Skills

Die Renaissance der Aufmerksamkeit

Individuelle Zukunfts-Skills bringen uns nicht weiter: Es ist an der Zeit, ein neues gesellschaftliches Verständnis von Aufmerksamkeit zu entwickeln.

von Nina Pfuderer

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

5. Dezember 2023

Imperativ Potenzialentfaltung

Die hyperindividualisierte, digitalisierte Wissensgesellschaft ist von einem mächtigen Imperativ geprägt: Entfalte dein Potenzial! Potenzialentfaltung und Selbstoptimierung sind die scheinbar logische Konsequenz einer immer individualisierteren Gesellschaft und einer Wirtschaft, die sich dem Wachstum verschrieben hat. 

Wissen ist heute zugleich zugänglicher und vergänglicher denn je. Und je weniger sich die Zukunft durch das Wissen über die Vergangenheit bewältigen lässt, umso mehr verliert die pure Aneignung von Wissen und Fachkompetenzen an Bedeutung. Als Antwort auf die maschinelle Automatisierung durch Künstliche Intelligenz (KI) in der Arbeitswelt richtet sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die menschliche Intelligenz und auf genuin humane Fähigkeiten. Diese werden unter einem neuen Namen verhandelt: Future Skills.

Sei wie ein Grashalm, sei wie ein Baum

Je vielfältiger, komplexer und abstrakter die Palette der Future Skills wird, umso mehr klingen sie mitunter wie Plastikwörter. Und alle zielen letztlich darauf ab, sich bestmöglich anzupassen an eine unsichere, sich rasend schnell verändernde Welt. Frei nach dem Motto: Sei wie ein Grashalm, dann kann dir nichts passieren, dann tut dir auch die schlimmste Krise nichts! Zugegeben, Grashalme sind sehr gut gerüstet für Sturmböen und starke Winde. Aber in einer Dürre sind sie schnell vertrocknet, ihre Wurzeln sind nicht so tief, dass sie auch nur in die Nähe von Grundwasser gelangen. In einer Flut werden sie weggespült und mitgerissen.

Vielleicht wäre deshalb das Bild des Baumes eine Alternative, um über Future Skills nachzudenken. Bäume haben ein dichtes, tiefreichendes Wurzelgeflecht, das als Anker dienen kann. Mit Blättern, die Photosynthese praktizieren und sich ziemlich gut selbst versorgen. Natürlich gibt es auch Krisen, die dem Baum etwas anhaben können – Brände, Blitzschläge, Borkenkäfer, Menschen. Doch der Baum ist nicht darauf ausgelegt, sich schnellstmöglich anzupassen, sondern auf ein langfristiges Überleben in sich wandelnden Umgebungen.

Baum und Grashalm haben also vor allem in zeitlicher Hinsicht ganz andere Skill-Sets. Während der Grashalm Fähigkeiten wie agiles Arbeiten, Adaptivität und Flexibilität symbolisiert, steht der Baum, der mehrere Hundert Jahre alt werden kann, für ein langfristig ausgerichtetes Denken und Handeln. Die Future Skills des Baumes verweisen auf die Konzentrations- und Empathiefähigkeit, auf das Schenken von Aufmerksamkeit, auf das Zuhörenkönnen. Auf die Fähigkeit des Zweifelns und Entscheidens. Auf die abwägende Risikokalkulation.

Renaissance der Aufmerksamkeit

In Zeiten der fortgeschrittenen Aufmerksamkeitsökonomie, in der Unternehmen für Millisekunden Watchtime bezahlen, wo von überallher Push-Notifications, Blings und Pings aufpoppen und mit der Stitch-Funktion auf TikTok sogar zwei Videos gleichzeitig abgespielt werden, um die Aufmerksamkeit der Zuschauenden so lang wie möglich zu halten – in diesen Zeiten ist es kein Wunder, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird. Und dass wir verlernt haben, anderen Menschen Geduld, Zugewandtheit und Empathie zu schenken. Was wir deshalb brauchen, ist die Kompetenz einer grundlegenden Freundlichkeit.

Was wäre also, wenn wir uns wieder stärker auf jene grundlegenden Kompetenzen konzentrieren, die wirklich zukunftsfähig sind, weil sie uns in Krisen tatsächlich weiterbringen? Die uns einzuschätzen helfen, ob eine Krise wirklich eine Krise oder gar eine Katastrophe ist – oder vielleicht sogar eine Chance für Veränderung? 

Das Problem der fehlenden Aufmerksamkeit für andere wurzelt in Wirtschaftslogiken, die auf Analytik und Effizienz getrimmt und nicht empathiefähig sind. Geboren und groß gemacht hat es eine Gesellschaft, die ihren moralischen Kompass in der Schublade hat verstauben lassen. Im übermächtigen Streben nach Potenzialentfaltung und Selbstoptimierung, bei all dem Upskilling und Reskilling, vergessen wir oft, dass Kompetenzen sich erst im Miteinander richtig entfalten. 

Was wir in Zukunft brauchen, um als Zivilisation zu bestehen, ist eine gesellschaftliche Charakterbildung: weg von egozentrierten, impulsiven Entscheidungen, hin zum aktiven Zuhören, Nachfragen, dem wirklichen Interesse für andere. Wenn wir uns darauf konzentrieren, diese Fähigkeiten (wieder) zu erlernen, zu kultivieren und weiterzuentwickeln – im „Kleinen“, als einzelne Individuen, wie im Großen, im Bildungs- und Wirtschaftssystem –, dann werden wir auch in unsicheren und volatilen Zeiten fest verankert sein. Denn dann haben wir Wurzeln, die uns auch in Krisenphasen erden.

Abschied von den Megatrends

Warum die Zukunft nicht (mehr) geradeaus liegt

Der Begriff „Megatrend“ hat in den letzten zwanzig Jahren eine steile Karriere zurückgelegt. Megatrends reduzieren Komplexität, indem sie vielschichtige Phänomene wie Globalisierung oder Digitalisierung auf einen simplen Begriff zurückführen. Doch diese Form der linearen Zukunftserzählung funktioniert in unserer heutigen Zeit nicht mehr. Das Zeitalter der Megatrends ist vorbei.

von Matthias Horx

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

25. Oktober 2023

In den vergangenen zwanzig Jahren hat der Begriff „Megatrend“ eine steile Karriere zurückgelegt. Geprägt von dem amerikanischen Publizisten John Naisbitt, bezeichnet der Begriff die langfristigen Big Shifts, die unsere Welt verändern: Digitalisierung, Globalisierung, Urbanisierung, Alterung, Individualisierung, Klimawandel. 

Megatrends sind beliebt, weil sie die Vielschichtigkeit der Welt auf einen simplen Begriff reduzieren. Sie suggerieren ein verlässliches Geradeaus. Das entlastet unser kognitives System, führt aber auch zu Wahrnehmungsverzerrungen. Zu Zukunfts-Halluzinationen.

Nehmen wir die Globalisierung, den gewaltigen ökonomischen Leit-Trend der vergangenen 30 Jahre. Wir erwarten, dass es immer so weitergeht mit dem globalen Marktgeschehen. Das rasend schnelle Zusammenwachsen der Weltwirtschaft zu einer einzigen ökonomischen Sphäre, einem Superweltmarkt, ist sozusagen gesetzt. Aber heute sieht man eher das Gegenteil: Neue Brüche entstehen, Kriege und Turbulenzen wuchern, Pandemien verändern die Spielregeln. Wir erleben ein Zerfasern der globalen Wertschöpfungs- und Wertschätzungsketten. Wie beschreiben wir diese neue Wirklichkeit, diese paradoxe Dynamik – in der sich, wenn man genauer hinschaut, zugleich schon eine neue Weltordnung abzeichnet? 

Das Versprechen der Digitalisierung

Oder betrachten wir die Konnektivität, die Digitalisierung. Je mehr das Digitale in unsere Alltagswelt eindringt, desto mehr enthüllt es seine Schattenseiten. Schaut man aber durch die Brille „Digitalisierung“, kann man diese Schatten nicht wahrnehmen. Auf eine paradoxe Weise verbindet Digitalisierung nicht Systeme, Menschen und Kulturen zu einer immer höheren Konnektivität, sondern entfremdet und zersplittert sie. Digitalisierung erzeugt selten seamlessness, sondern produziert Myriaden von „Schnittstellen“ (wörtlich), die gewachsene Systeme zerstören – und unser Leben eher unsicherer und konfuser machen.  

Die Digitalisierung ist die heilige Zukunfts-Kuh unserer Tage. Dass sie gerade dabei ist, an vielen Fronten zu scheitern, wird in der technoiden Zukunfts-Debatte kaum erörtert. Die ist nämlich rein linear: Digitalisierung wird als Lösung für Probleme propagiert, die sie gar nicht lösen kann. Und alle nicken brav mit den Köpfen. Nein, es geht mir nicht um eine „Abschaffung“ der Digitalisierung – die ohnehin nicht möglich wäre. Sondern um ihre sinnvolle Implementierung. Um eine Human Digitality.

Auch der Megatrend Individualisierung fliegt uns derzeit um die Ohren. Das liegt auch daran, dass Individualisierung und Individualität ständig in einen Topf geworfen werden. Individualismus ist eine Ideologie der egoistischen Abgrenzung, Individualität die Formung eines stabilen Selbst in Verbundenheit. Individualismus macht uns zu Konsumierenden, Einzelnen, Ichlingen. Individualität macht uns zu Mit-Menschen, die sich auf neue Weise vereinbaren. Das zu differenzieren, ist vielleicht der Schlüssel zur Frage, wie das Miteinander in einer hypervernetzten Co-Society aussehen könnte.

Jeder Trend hat einen Tipping Point

Jeder Trend, ob groß oder klein, gerät irgendwann in eine Sättigung. An einen Tipping Point, an dem er seine Richtung ändert. Jeder Trend erzeugt früher oder später Gegentrends, aus denen Paradoxien entstehen, die nur auf einer höheren Komplexitätsebene gelöst werden können. So hat die Globalisierung einen massiven Gegentrend zum Nationalismus erzeugt – aber was kommt danach? Die evolutionäre Dynamik dieser Trend-Gegentrend-Spiralen zu beschreiben, das „verschlungene Wesen der Welt“ zu verstehen (so der Zen-Philosoph Mathieu Richard), wäre die Königskunst einer neuen Zukunftsforschung.

Wache Zukunftsforschung

Langsam wird auch deutlich, dass die bekannten Megatrends aus einer eingeengten Sichtweise stammen. „Globalisierung“ war immer ein Begriff, der sich aus den Interessen und Perspektiven des industriellen Westens heraus definierte – auch wenn er von Eliten in anderen Ländern benutzt wurde. Vielleicht muss Trend- und Zukunftsforschung auf gewisse Weise „woke“ werden. Damit meine ich nicht den hysterischen Übermoralismus, der heute die Diskurse verdirbt. Sondern die Urbedeutung von woke: als Wachheit der Wahrnehmung. Als die Fähigkeit, über den eigenen Definitionshorizont hinauszudenken. Und zu einem tatsächlich globalen oder planetaren Denken zu gelangen.

Humanistischer Futurismus

Wie die Zukunftsforschung wieder zu ihrer­ eigentlichen Bestimmung finden könnte.

Eine Zukunft, die auf uns zukommt wie eine rasende Lokomotive in einem Tunnel, macht ohnmächtig und passiv. Dabei bleibt Zukunft immer offen – weil Menschen durch ihre Entscheidungen, Handlungen, Zukunft erst produzieren. Es ist an der Zeit, Zukunftsforschung wieder auf ihre universalistischen, humanistischen Elemente zurückzuführen.

von Matthias Horx

19. Oktober 2023

Haben Sie irgendwo die Zukunft gesehen?

Ich meine: Die richtige Zukunft. Nicht nur Waldbrand, Artensterben, Krieg, Kulturkampf oder eine digitale Superintelligenz, die uns entweder umbringt oder von allen Übeln erlöst. Sondern eine Zukunft, die als Vorstellung eines Besseren dienen kann. Als Orientierung im Wandel der Zeit. 

Es sieht so aus, als ob uns diese Zukunft in dem rasenden Jetzt, in dem wir heute leben, verloren gegangen ist. Ähnlich wie die Politik, hat sich die Zukunft in zwei diametrale Lager aufgespalten, die einen Trichter der Unsicherheit hinterlassen:

  • Entweder wird Zukunft als naiver Technik-Utopismus verstanden, als Produkt technologischer Sensationen und digitaler Wunder: Mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz werden alle Probleme der Menschheit gelöst, Roboter übernehmen den Alltag, demnächst schrauben wir uns Sensoren ins Hirn, die uns hundertfach intelligenter machen, und bald schon leben wir auf dem Mars… 

  • Oder die Zukunft tritt uns als prophetische Untergangs-Dystopie gegenüber, in der die Apokalypse unausweichlich ist, ja längst schon begonnen hat: Alle Wälder werden brennen, Bürgerkriege die Städte zerstören, und der Meeresspiegel steigt auf die Höhe Kitzbühels…

 

Artikelbild Humanistischer Futurismus

Sinnlose Zukünfte

Während die Zukunft sich in zwei Unmöglichkeiten aufspaltet, wird sie gleichzeitig zu einem entleerten Klischee. Überall ist ZUKUNFT, immer groß geschrieben. Sie springt einem entgegen aus den Katalogen von Gebietskrankenkassen („Zukunft für Profis!“), aus den Image-Broschüren von Versicherungsunternehmen („Zukunft zählt“), sie prangt auf den Werbeplakaten in Tankstellen („Tanken Sie Zukunft!“) und auf Lastwagenplanen („Wir transportieren Zukunft!“). Illustriert wird das meistens mit Frauenköpfen, die sich in Pixel auflösen, oder blauen Bildschirmwelten – „irgendwas mit digital“. Menschen kommen in dieser Klischee-Zukunft allenfalls als lächelnde Datenträger vor. 

„Future is an Attitude“, lautet der Image-Claim einer großen deutschen Automarke. Eine doppelseitige Anzeige dazu zeigt einen metallisch glänzenden Boliden, ein phallisches, elektrogetriebenes Männergeschoss, in dem niemand zu sehen ist, vor einer einsamen Wüstenlandschaft. 

„Servus Zukunft“ dichtete eine Partei im bayerischen Wahlkampf. Servus heißt auf bayrisch auch „Auf Wiedersehen“.

Neben Greenwashing, Socialwashing und Purposewashing gibt es nun auch ein monströses Futurewashing.  

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Die kognitive Krise

Zukunft ist immer eine Narration. Eine Erzählung, eine „Story“, die sich Menschen, Gesellschaften, Zivilisationen erzählen, und mit der sie sich „nach vorn ausrichten“. Zukunft ist eine Art Super-Mem, das in unseren Köpfen Sinn erzeugt. In der Epoche, die nun zu Ende geht, war die Narration des (linearen) Wohlstands oder Fortschritts ein verlässlicher Rahmen, der unsere Handlungen und Deutungen trotz aller Unterschiede und Konflikte synchronisierte. Doch die Zukünfte von gestern müssen nicht die Zukünfte von morgen sein. 

Wenn Gesellschaften – oder auch Individuen – ihre Zukunfts-Narrative verlieren, kommt es zu Regressionen, Aggressionen, Sinnkrisen und Kulturkämpfen. Genau das erleben wir heute, vor allem in den USA. Der größte Sehnsuchts-Trend unserer Zeit ist wahrscheinlich die Retrotopie: Alles soll wieder so werden wie „damals“. Viele Menschen sehnen sich nach einer Vergangenheit, in der zwar manches viel schlechter war, aber man davon keine Ahnung hatte. 

Zeit für neue Narrative

Kann die Zukunftsforschung solche erzählerischen Verankerungen bieten? Ja, aber sie müsste sich selbst verändern. Sie müsste aufhören, Zukunft primär aus den Perspektiven von Ökonomie und Technologie zu konstruieren – als großes Muss und Soll, als das, „an was wir uns anpassen müssen“. Sie müsste sich überhaupt von normativen Zukünften verabschieden, von belehrenden Prophezeiungen eines imaginären Endzustandes, nach dem Motto „Das kommt auf uns zu!“.

Eine Zukunft, die auf uns zukommt wie eine rasende Lokomotive in einem Tunnel, macht ohnmächtig und passiv. Sie handelt von Vorbestimmtheiten. Vom Unvermeidlichen, dem wir ausgeliefert sind. Damit ist die Zukunft schon verloren. Das Wesen der Zukunft ist aber, dass sie immer offen bleibt. Weil wir an ihr beteiligt sind. Weil Menschen durch ihre Entscheidungen, Handlungen, Zukunft erst produzieren.

Zukunft ist kein Trend. Sie ist auch keine fixierte Tatsache, oder „Prognose“. Sie ist eine Beziehung. Darum geht es in der neuen Zukunftsforschung: Unser Verhältnis zum Kommenden, im Sinne einer gestaltbaren Verbindung.

Artikelbild Humanistischer Futurismus

Was ist „Humanistischer Futurismus“?

Es ist an der Zeit, Zukunftsforschung wieder auf ihre unversalistischen, humanistischen Elemente zurückzuführen. Und sich wieder mehr dem Menschen und dem Menschlichen zuzuwenden, den Wünschen, Träumen und Hoffnungen, in denen sich die „Zukunft in uns“ spiegelt. Deshalb haben wir uns beim Future:Project dem humanistischen Futurismus verschrieben.

Humanistischer Futurismus… 

  • überwindet den engen Blickwinkel von Technologie und Ökonomie. Zukunft entsteht im Zusammenwirken von Kultur, Bewusstsein, Ökonomie und Technologie. Ohne ein Verständnis dieser Wechselwirkungen ist auch ein Verständnis von Zukunft nicht möglich.

  • beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von innerer und äußerer Zukunft (Bewusstsein und Welt): Wie entsteht aus gesellschaftlichen, ökonomischen, technischen und individuellen Prozessen die Wirklichkeit von morgen? Wie wirken aber auch Visionen, Utopien, Zukunfts-Narrative, mächtige Meme, auf die Wirklichkeit zurück?

  • sieht den Menschen als Zukunftswesen, das nach dem Anderen und Besseren strebt, ohne das Perfekte jemals zu erreichen. Menschliche Zukunft bleibt immer „Work in Progress“. Aber Fortschritt findet statt – trotz aller Rückschläge.

  • sieht sich als Advokat möglicher humaner Zukünfte, die er gegen menschenfeindliche Utopien und posthumanistische Exzesse verteidigen will.

     
  • ist dem neuen Langzeitdenken verpflichtet. Er verabschiedet sich vom „rasenden Jetzt“ und versucht, die langen Zeiträume unserer Existenz zu erforschen – auch in dem, was über unser persönliches Leben hinausreicht.

  • denkt (und fühlt) über die klassischen „westlichen“ Zukunftsmodelle hinaus. Er öffnet sich einem neuen Narrativ der evolutionären Menschheitsgeschichte, in dem sich verschiedene Kultur- und Zukunftsmodelle integrieren können.

  • entwickelt ein konstruktives Verhältnis zum Phänomen der Krise. Krise bedeutet, dass das Alte und das Neue in eine Dissonanz getreten sind, dass die alten Rahmungen nicht mehr mit den neuen Realitäten zusammenpassen – dass etwas Besseres entstehen muss. Das bringt Unruhe und Unsicherheit, aber wir können lernen, die Krise produktiv zu wenden und zu gestalten.

„Es ist nicht leicht, über die Zukunft zu sprechen, ohne gleich in Beschleunigungs-Hysterie oder in ein anderweitig apokalyptisches Fahrwasser zu geraten. Man kann sich auf die Zukunft nicht mehr verlassen. Man muss dafür sorgen, dass es überhaupt noch Zukunft gibt.“

Aleida Assmann, Kulturwissenschaftlerin

Zukunft der Lieferketten

Die multiplen Krisen des frühen 21. Jahrhunderts haben das Vertrauen in die just-in-time Logik weltweiter Lieferketten geschwächt und das Ende der Hyperglobalisierung eingeleitet. Produktionsnetzwerke richten sich künftig nach neuen Zielparametern aus und überkommen das Effizienz-Paradigma vergangener Tage. Die Lieferketten der Zukunft werden glokal verhandelt und gestaltet.

von Jonas Höhn

10. Oktober 2023

Lieferketten sind die Lebensadern globalisierter Gesellschaften. Sie verknüpfen transnationale Industrien und überziehen den Planeten zu Luft, Wasser und Land. Verkörpert durch riesige Containerschiffe oder niemals ruhende Häfen sind Lieferketten zu einem zentralen Symbol der Globalisierung aufgestiegen. Bilder von beladenen Kränen an vollbesetzten Terminals begleiten Berichte über wirtschaftliches Wachstum oder ökonomische Prognosen.

Globale Transportrouten der Welthandelsflotte nach Transportgütern (2012)
Illustration globaler Transportrouten der Welthandelsflotte (www.shipmap.org / www.kiln.digital).

Krise(n) der Logistik

Immer häufiger jedoch zeigen die Auswirkungen verschiedener Krisen des 21. Jahrhunderts eine andere Seite dieser Systeme auf. Nicht zuletzt die Coronapandemie, die unfreiwillige Blockade des Suezkanals oder der Krieg in der Ukraine produzierten Bilder von leeren Supermarktregalen, stillstehenden Produktionshallen oder zahllosen Schiffen wartend vor den wichtigsten Häfen der Welt. 

Diese Disruptionen haben das öffentliche Vertrauen in die uneingeschränkte Funktionsfähigkeit traditioneller Wertschöpfungsketten stark beeinträchtigt und uns für die Störanfälligkeit dieser multiskalaren und hochkomplexen Systeme sensibilisiert. Der plötzliche Mangel an wichtigen Rohstoffen und Waren hat Abhängigkeiten aufgezeigt und sichtbar gemacht, dass Lieferketten eine essenzielle Funktion haben, die über die reine Wertschöpfungslogik hinausgeht: die Versorgung der Gesellschaft und Industrie mit notwendigen Gütern. 

2007/0820102014/15201920212022
Globale FinanzkriseAusbruch des Eyjafjallajökull in IslandStreiks der Hafenarbeiter:innen in den USACoronapandemieSuezkanal-BlockadeUkraine-Krieg
Der Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes führt zu einer weltweiten Rezession. Viele Unternehmen müssen ihre Produktion reduzieren, gleichzeitig sorgt die fallende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zu Überkapazitäten und finanziellen Engpässen.Der Ausbruch des isländischen Vulkans führt zur Schließung des europäischen Luftraums. Der behinderte Luftverkehr beeinträchtigt den internationalen Warentransport, insbesondere für hochwertige und verderbliche Güter.Ein langwieriger Arbeitskampf an den Häfen der Westküste der USA führt zu massiven Verzögerungen und Staus. Die Blockade der Häfen beeinträchtigt den Warenfluss weltweit.Die globalen Auswirkungen der Coronapandemie treffen Lieferketten hart. Ein durch Lockdowns und Kontaktbeschränkungen verändertes Konsumverhalten trifft auf Produktionsstörungen, Transportverzögerungen und ein Mangel an Rohstoffen, Gütern und Arbeitskräften.Das Containerschiff „Ever Given“ läuft im Suezkanal auf Grund und blockiert die wichtige Wasserstraße fast eine Woche lang. Durch den Stau von hunderten Schiffen verzögern sich Warenlieferungen zwischen Europa und Asien enorm.Die Invasion Russlands in die Ukraine sorgt für ausbleibende Rohstofflieferungen aus der Region. Wichtige Handelsrouten werden unterbrochen oder zerstört. Neben Sanktionen und Handelsbeschränkungen wirken sich vor allem steigende Energiepreise negativ auf Lieferketten aus.
Auswahl global wirkender Lieferkettenkrisen des 21. Jahrhunderts.

Die Vulnerabilität ungebremster Beschleunigung

Lieferengpässe in der Containerlogistik, die als treibende Kraft der Weltwirtschaft fungiert, sowie steigende Preise deuten immer häufiger darauf hin, dass die Just-in-time-Logik globaler Versorgungssysteme an ihre Grenzen stößt. Das traditionelle System globaler Lieferketten ist programmiert auf Effizienz und Beschleunigung. Viele Jahrzehnte lang bestand eine zentrale Strategie transnationaler Unternehmen zur kurzfristigen Gewinnmaximierung im Offshoring und Outsourcing: in der Auslagerung kostenintensiver Produktionsschritte in Länder mit niedrigeren Lohnniveaus sowie Sozial- und Umweltstandards.

Der Imperativ der Effizienz und die globale Vernetzung der Lieferketten erzeugen jedoch eine besondere Vulnerabilität der Systeme. Aufgrund der engen Verflechtung traditioneller Wertschöpfungsketten können bereits lokale Disruptionen weltweite Lieferengpässe auslösen und andere Versorgungskrisen zusätzlich verschärfen. Der daraus resultierende Druck auf die logistischen Versorgungssysteme der Weltwirtschaft drückt sich wiederum in lokalen Herausforderungen aus – etwa in steigenden Lebensmittelpreisen im Supermarkt oder fehlenden Gütern in wichtigen Produktionsschritten vor Ort.

Gleichzeitig führen globale Güterketten zu massiven Umweltveränderungen. Der Verbrauch von Wasser und Land ist ebenso problematisch wie die massiven Emissionen von Treibhausgasen oder der Ausstoß von toxischen Stoffen (zum Beispiel Schwermetalle oder Nitrate). Der tatsächliche Einfluss logistischer Systeme auf den Klimawandel wird häufig vernachlässigt. Auf paradoxe Weise verdeutlichen aber sogenannte empty runs von Frachtern oder der ständige Transport von tausenden leeren Containern, dass der Schutz unserer Umwelt im Verständnis logistischer Effizienz noch keinen angemessenen Platz hat. Der Höhepunkt der Hyperglobalisierung ist erreicht.

Doch wie lässt sich die Zukunft der Lieferketten und Produktionsnetzwerke in Anbetracht dieser Herausforderungen neu ausrichten? Welche Maßnahmen können dabei helfen, eine langfristig krisenresiliente und nachhaltige Versorgungssicherheit zu gewährleisten?

Global-lokales Zusammenspiel

Um den immensen Herausforderungen begegnen und neue Chancen ergreifen zu können, gilt es, Versorgungssysteme zu rekonfigurieren. Nach neuen Zielparametern auszurichten. Aus den blinden Flecken der bisherigen Hyperglobalisierung treten neue Grundsätze der Versorgungssicherheit hervor, die im Resilient Supply schon heute eine große Relevanz haben – und künftig noch sehr viel wichtiger werden. Maßstäbe wie Resilienz, Qualität, Sicherheit oder Nachhaltigkeit verdeutlichen ein wachsendes Bewusstsein für das Zusammenspiel globaler und lokaler Dynamiken. Dieses Zusammenspiel liegt der Transformation der Glocalisation zugrunde. 

Der Begriff der Glokalisierung betont hier einen fundamentalen Perspektivwechsel. Während der globale Determinismus zu bröckeln beginnt, erfahren lokale Phänomene immer häufiger einen Bedeutungszuwachs. In dieser Phase ist es notwendig zu differenzieren, da Glokalisierung keineswegs eine vollständige Umkehr bisheriger Globalisierungsprozesse (De-Globalisierung) oder gar eine Rückkehr zu ausschließlich lokalen Strukturen bedeutet. Vielmehr beschreibt sie einen tiefgreifenden Evolutionssprung in der bisherigen Globalisierung.

Ein zunehmendes Bewusstsein für glokale Zusammenhänge in Lieferkettensystemen bedeutet nicht zwangsläufig, dass Menschen künftig ausschließlich lokal produzieren und konsumieren. Zum einen, weil Rohstoffe und Güter nach wie vor ungleich verteilt bleiben. Zum anderen sind heute in jenen Ländern, in denen über Jahrzehnte Industrien ausgelagert wurden, bedeutende Absatzmärkte entstanden, insbesondere in Asien.

Vielmehr entstehen an den Schnittstellen globaler und lokaler Einflüsse in Versorgungsnetzwerken Möglichkeitsräume für neue Lösungsansätze, die bessere Antworten auf die Herausforderungen multipler Krisen versprechen. Diese Möglichkeitsräume zu finden, gehört zu den wichtigsten Aufgaben, um Lieferketten zukunftssicher gestalten zu können.

Herausforderungen und Chancen einer glokalen Logistik

Die zunehmende Verschiebung von globalen zu glokalen Prozessen erfordert zunächst die Identifizierung der sich eröffnenden Potenziale. Unternehmen müssen bestehende Risiken abschätzen und ihre gegenwärtigen Bezugsquellen sowie Lieferantenstrukturen kontinuierlich reflektieren und diversifizieren. 

In Bereichen, in denen globale Verflechtungen besonders anfällig sind, können lokale Handelsbeziehungen künftig zu einem wichtigen Bestandteil des Versorgungsnetzwerkes werden. Solche regionalen Wirtschaftskreisläufe bieten oft neue Anreize und können in Zeiten globaler Engpässe mindestens als Backup-System dienen. Darüber hinaus eröffnet eine glokale Perspektive auf Rohstoffe vielfältige Optionen, wenn lokale Alternativrohstoffe den globalen Handel sinnvoll ergänzen und dadurch Abhängigkeiten reduzieren. Auch größere Materialreserven werden eine bedeutende Sicherheitsfunktion in den Produktionsnetzwerken von morgen einnehmen. 

Neben einem erweiterten Verständnis von Sicherheit streben glokale Ansätze eine nachhaltige Entwicklung an, die sich stärker an den Prinzipien der Circular Economy ausrichtet. Um Emissionen und Abfälle zu reduzieren, müssen die Lebenszyklen von Produkten verlängert, Ressourcen effizient eingesetzt, wiederverwendet und Transportwege kürzer werden. Investitionen in digitale Lösungen zur Automatisierung und Robotisierung von Produktionsprozessen treiben diesen Wandel schon heute voran. Gleichzeitig bedeutet Nachhaltigkeit in diesem Kontext auch, dass Menschenrechte und internationales Recht in Produktions- und Lieferketten zukünftig besser geschützt werden müssen. Deutschland und die EU haben diesen Prozess bereits mit entsprechenden Lieferkettengesetzen in Gang gesetzt. 

Take-aways für die Zukunft der Lieferketten

Gegenwärtige Vielfachkrisen weisen bereits darauf hin, dass die Transformation zur Glokalisierung als Weiterentwicklung traditioneller Globalisierungsprozesse schon heute von enormer Bedeutung ist. Im Angesicht zukünftiger Herausforderungen gilt es, die Produktion und den Transport von Waren nach neuen Maßstäben wie Resilienz, Nachhaltigkeit und Qualität auszurichten. 

Für ein glokales Versorgungssystem und die Zukunft der Lieferketten sind folgende Ansätze ausschlaggebend:

  • Die kontinuierliche Reflexion eigener Abhängigkeiten fördert das Bewusstsein für wechselseitige Verbindungen globaler und lokaler Prozesse.
  • Die Diversifizierung von Zulieferern und Rohstoffen sorgt für eine bessere Versorgungssicherheit und ermöglicht neue Chancen, insbesondere durch die Integration lokaler Alternativen.
  • Materialreserven und Warenlager werden zu wesentlichen Komponenten strategischer Risikobewertung.
  • Die Umwandlung linearer, konventioneller Wertschöpfungsketten in glokale, zirkuläre Lieferkettensysteme sorgt für mehr Resilienz, Anpassungsfähigkeit und Nachhaltigkeit.

Lesen Sie hier mehr zur Glocalisation

Von der Great Resignation zur Great Motivation

Die Arbeitswelt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel: In der Conscious Economy werden Wert und Bedeutung von Arbeit grundsätzlich neu definiert. Veraltete Leitbilder der Arbeitsgesellschaft lösen sich auf und werden durch neue Ideale ersetzt. Sie ebnen den Weg in die Great Motivation.

von Judith Block

10. Oktober 2023

Proteste für bessere Arbeitsbedingungen begleiteten bereits die Geschichte der Industrialisierung und durchziehen die Entstehung moderner Arbeitsverhältnisse. Während Gewerkschaften und Arbeiter:innen im 19. und 20. Jahrhundert zumeist im lautstarken Streik die Grundlagen für die gegenwärtige Arbeitswelt erkämpften, vollzieht sich heute ein vergleichsweise stiller Umbruch – der aber mindestens ebenso einschneidend ist. 

Weltweit streiten Angestellte heute nicht mehr nur mit Vorgesetzten um mehr Gehalt, bessere Entwicklungschancen oder geringere Arbeitsbelastung. Sie nutzen ein rabiateres Mittel: die Kündigung, die laut oder leise vonstatten gehen kann. Die „Great Resignation“, das Phänomen des protestierenden Nichtstuns, beginnt mit der Ablehnung des gegenwärtigen Arbeitssystems. So wie das Phänomen des „Lying Flat“, das Niederlegen der Arbeit, basiert auch das „Quiet Quitting“ auf der Verweigerung, sich dem ungebremsten Produktivitätszwang der Leistungsgesellschaft anzuschließen: Der Job dient dem Erhalt des Lebensstandards, erledigt werden aber nur noch die Aufgaben, die im Arbeitsvertrag festgehalten sind und entsprechend entlohnt werden. 

Die Verwerfungen der Great Resignation umfassen allerdings mehr als nur die Krise der heutigen Arbeitswelt. Sie weisen auf neue Ansprüche hin – und stärken zugleich eine künftige Arbeitskultur der „Great Motivation“.

Arbeitszeit ist Lebenszeit

Die Rolle und der Stellenwert von Arbeit werden immer wieder neu verhandelt. Lange Zeit prägte die Erzählung der Work-Life-Balance im Sinne einer strikten Trennung von Arbeit und Freizeit unser Verständnis von einem ausgewogenen Lebensstil. Die rasante Vernetzung und Technologisierung vieler Arbeitsbereiche und zuletzt die Auswirkungen der Coronapandemie ließen diese Lebensbereiche jedoch verschmelzen: Das sogenannte Work-Life-Blending erzählt von einem parallelen Umgang mit Arbeit und Freizeit im Alltag. 

Das Phänomen der Great Resignation signalisiert nun eine weitere radikale Umwälzung unseres Verständnisses von Arbeit. Es reflektiert nicht nur die Abkehr von traditionellen Arbeitsstrukturen, sondern eine tiefgreifende Veränderung in den Werten und Prioritäten der Arbeitskräfte: Arbeit wird nun als etwas gesehen, was sich gut in das restliche Leben integrieren lassen muss. Diese Vorstellung von Arbeit als nur einem von vielen Aspekten des Lebens verbreitet sich zunehmend in unserer Arbeitskultur. Im Brennpunkt dieses Umbruchs stehen zwei zentrale Merkmale von Arbeit: Arbeitsort und Arbeitszeit.

Unterstützt durch digitale Technologien verlieren viele Berufe ihre Bindung an bestimmte Orte. Ob Hybrid Work, Remote Work oder Workation – das ortsunabhängige Arbeiten verändert die gesamte Organisation des Alltags und unser Verständnis von Räumen der Arbeit. Das Homeoffice erfordert einen ruhigen und gut ausgestatteten Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden. Zugleich ermöglicht es durch den wegfallenden Arbeitsweg eine flexiblere Integration der Arbeit in den Alltag. Büros erhalten dadurch langfristig neue Funktionen und müssen sich veränderten Ansprüchen stellen. Dabei geht es um viel mehr als Tischkicker, Obstkörbe oder schicke Sofalandschaften, sondern um grundlegende Fragen der Raumgestaltung: Wie können Austausch und Resonanzerfahrungen gefördert werden, damit Menschen gern ins Büro kommen?

Gleichzeitig äußert sich die veränderte Bedeutung von Arbeit auch in der Zeit, die wir dafür aufbringen wollen. Die Vier-Tage-Woche steht stellvertretend für viele aktuelle Phänomene, die eine Flexibilisierung von Arbeitszeitmodellen und den steigenden Wert von Freizeit aufzeigen. Doch nicht nur die Frage, wann wir arbeiten, beeinflusst die Arbeitskultur von morgen, sondern auch die Frage, wie wir unsere Zeit am Arbeitsplatz gestalten – und wie wir sie ganzheitlich in unser Leben integrieren. 

Streben nach Sinn

Arbeit ist künftig mehr als zeitintensiver Broterwerb. Sie richtet sich nach neuen Idealen aus, die neben finanzieller Sicherheit und fairen Gehältern auch soziale Werte umfassen. Immer stärker formulieren Arbeitnehmer:innen ihren Wunsch nach einer sinnvollen Tätigkeit, die Raum zur Selbstentfaltung bietet und die Gesundheit der Mitarbeitenden nicht vernachlässigt. Wertschätzung und Anerkennung sind zentrale Leitmotive dieser Forderungen. 

Dafür muss die traditionelle Gleichsetzung von Arbeit mit klassischer Lohnarbeit aufgelöst werden. Insbesondere freiwilliges Engagement erfüllt oft ein Sinnbedürfnis, das während der Lohnarbeit häufig vermisst wird. Gerade in diesem zivilen Engagement, das über die Erwerbsarbeit hinausreicht, erzeugt Arbeit im weiteren Sinne eine besondere Form des sozialen Kitts und der Resilienz. Gesellschaften leben davon, dass Menschen durch verschiedene freiwillige, ehrenamtliche Tätigkeiten mit ihrem sozialen Umfeld in Resonanz treten und gemeinschaftliche Strukturen aufbauen. 

Die aktuelle Sinnkrise der Arbeitswelt sorgt dafür, dass wir unterschiedlichste Formen von Arbeit künftig gleichwertig anerkennen und fördern.

In unserer gegenwärtigen Arbeitswelt werden ehrenamtliche Tätigkeiten durch die vergütete Arbeitszeit noch oft an die Randstunden des Tages verdrängt. Auch die gesellschaftliche Funktion von Care-Arbeit, etwa in Form von Kinderbetreuung, Krankenpflege oder häuslicher Arbeit, bleibt bislang meist unterbewertet und schlecht entlohnt – was nicht zuletzt geschlechtsspezifische Ungleichheiten schürt. Die aktuelle Sinnkrise der Arbeitswelt sorgt dafür, dass wir diese verschiedenen Formen von Arbeit künftig als gleichwertig anerkennen und fördern.

Alles ist Arbeit?

Die Vorteile eines breiter gefassten Arbeitsbegriffs liegen auf der Hand. Durch die Anerkennung von zivilgesellschaftlichem Engagement werden vor allem jene Tätigkeiten unterstützt, die gesellschaftlichen Mehrwert bieten. Sinnvolle Arbeit wirkt sich auf individueller und gesellschaftlicher Ebene positiv aus, indem sie das eigene Selbstbewusstsein und die soziale Eingebundenheit stärkt. Die Pflege von Angehörigen oder die Unterstützung lokaler Vereine könnten durch neue gesellschaftliche Lösungsansätze endlich eine angemessene Wertschätzung erhalten – zum Beispiel, indem ehrenamtliche Tätigkeiten auf die Lebensarbeitszeit angerechnet werden.  

Auch für Unternehmen eröffnen sich in diesem Prozess neue Chancen. Eine Reduzierung der Wochenstundenzahl zugunsten einer ehrenamtlichen Tätigkeit geht nicht unbedingt mit einem Produktionsverlust einher, sondern wirkt sich häufig positiv aus. So entwickeln Beschäftigte, die in unterschiedlichsten Kontexten tätig und aktiv sind, nützliche Kompetenzen zur Problemlösung und gemeinschaftlichen Arbeit. Erst recht, wenn nach der Arbeit genügend Zeit zur Regeneration bleibt. Arbeitgeber:innen stehen künftig vor der Herausforderung, Arbeitskulturen zu schaffen, die Raum für sinnvolle Aufgaben bieten und ein gesundes Arbeitsumfeld fördern. 

Wenn wir Arbeit als Teil eines umfassenden Strebens nach Lebensqualität betrachten, können wir den traditionellen Arbeitsbegriff aus seinem Korsett befreien.

Indem wir Arbeit als Teil eines umfassenden Strebens nach Lebensqualität begreifen und Gesundheit als ganzheitliches Konzept betrachten, bricht der traditionelle Arbeitsbegriff aus seinem gegenwärtigen Korsett aus. Vielfältige Formen der Arbeit und des Engagements fordern und treiben flexible Arbeitsmodelle und faire Entlohnungen gleichermaßen voran. Auf diese Weise ebnen die stillen Proteste der Great Resignation den Weg zur Great Motivation: zu einem neuen Verständnis von Arbeit, das durch den Sinngehalt der insgesamt geleisteten Arbeit angetrieben wird.


Lesen Sie hier mehr zur Conscious Economy

Die konstruktive KI

Zukünfte zwischen Hype und Dystopie

Schon seit einigen Jahren gilt die Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie des digitalen Wandels. Die jüngsten Fortschritte einiger KI-Tools versprechen den Durchbruch in die nächste Entwicklungsstufe der KI-Technologien. Um ihre Gestaltungspotenziale für Wirtschaft und Gesellschaft zukünftig konstruktiv zu nutzen, braucht es schon heute einen reflektierten Umgang mit KI.

von Christian Schuldt

10. Oktober 2023

Im Bereich der technologischen Entwicklung haben nur wenige Phänomene die kollektive Vorstellungskraft so sehr in Anspruch genommen wie die KI. Gegenwärtig treibt sie den digitalen Wandel rasant voran und markiert sogar einen neuen Meilenstein in der gesellschaftlichen Evolution – erstmals interagieren Menschen mit Maschinen wie mit ihresgleichen. Der sprunghafte Fortschritt von inhaltsgenerierenden KI-Tools wie ChatGPT, Dall-E oder Midjourney befeuert nicht nur laufende Debatten um den Einsatz von künstlicher Intelligenz, sondern wirft neue Fragen über die künftige Beziehung zwischen Mensch und Maschine auf. 

Doch nicht erst seit ChatGPT begleiten vereinfachende und polarisierende Mensch-Maschine-Erzählungen den KI-Diskurs. Für die einen verspricht die neue technologische Qualität und Komplexität dieser Tools utopische Zukünfte, in denen Maschinen durch scheinbar grenzenlose künstliche Intelligenz zu ultimativen Problemlösern werden. Andere verbinden mit KI dystopische Ängste vor der planetaren Machtergreifung und Auslöschung der Menschheit durch „intelligente“ Roboter und Algorithmen. 

Diese Narrative überschätzen KI im positiven wie im negativen Sinne. Sie verzerren unser Verständnis vom gegenseitigen Verhältnis zwischen Gesellschaft und Technologie, indem sie simple und meist starre Zukunftsbilder malen. KI wird darin zum Buzzword einer vorgeschriebenen Zukunft, zur vermeintlichen Lösung für sämtliche Probleme, zum Erfolgsgarant für jegliches Unternehmen und Produkt. Allzu häufig erfolgt die flächendeckende Implementierung von KI in unseren Alltag aber nicht, weil es wirklich sinnvoll ist, sondern nur, weil es schlicht möglich ist. Wer allerdings in jeder KI-Anwendung die nächste digitale Disruption erwartet, ignoriert die komplexe Dynamik soziotechnischer Fortschritte.  

Die Sinnfrage der KI

Wie alle Technologien steht auch die KI nicht für sich alleine, sondern ist in ein gesellschaftliches Gerüst eingelassen. Der anfängliche Hype um neue KI-Tools kann überzogene Erwartungen schüren, die später allzu oft enttäuscht werden. Muss mein Toaster wirklich smart sein? Braucht es “intelligente”, sprachgesteuerte WCs? Auch viele Unternehmen stellen fest, dass eine unzuverlässige KI Probleme schaffen kann, wo sie diese eigentlich lösen soll. Und: dass die sinnvolle Einbindung von KI in eine Organisation ein anspruchsvoller und komplizierter Prozess ist. 

Parallel entwickelt sich der Faktor Vertrauen immer öfter zu einem zentralen Kriterium in öffentlichen Diskursen über die Künstliche Intelligenz. Der allgemeine Vertrauensverlust in digitale Technologien überträgt sich trotz vieler KI-Utopien nicht zuletzt auch auf Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. Immer besser lernen wir zu verstehen, dass und wie Algorithmen heute über Apps und soziale Medien öffentliche Meinungen beeinflussen, populistische Strömungen begünstigen oder in ihnen festgeschriebene Vorurteile, sogenannte digital biases, verbreiten. 

Gerade weil KI eine so mächtige Technologie ist, braucht es kluge und durchdachte Herangehensweisen. Für die Wirtschaft und Gesellschaft von morgen werden konstruktive Gestaltungsansätze im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unabdingbar. Gegenwärtig, in der Zeit rasant beschleunigter KI-Fortschritte, bietet sich die passende Gelegenheit für einen pragmatischen und reflektierten Blick auf die Zukunft dieser Technologie. Das bedeutet nicht nur, die Potenziale und Herausforderungen von KI zu verstehen, sondern erfordert ein gänzlich neues Mindset: eine konstruktive, aufgeschlossene und mutige Perspektive auf die sinnvollen Gestaltungsmöglichkeiten KI-basierter Anwendungen.

Ein neues KI-Narrativ

Grundsätzlich geht es also um einen differenzierten Blick für die zwei Seiten der KI-Entwicklung. Zum einen braucht es ein ganzheitliches Verständnis für die Schlüsselrolle der Künstlichen Intelligenz im digitalen Wandel. Zum anderen benötigen vor allem Unternehmen ein Gespür für konkrete, sinnvolle Einsatzmöglichkeiten und Konsequenzen von KI-Technologien. 

Dieser kritisch-konstruktive Umgang setzt sich von den etablierten KI-Narrativen ab. An die Stelle von Simplifizierungen, unbegründeten Ängsten, oder überzogenen Hypes tritt eine selbstbewusste und zukunftsmutige Haltung, die danach fragt, wie KI in das Bild unserer gegenwärtigen und zukünftigen Gesellschaft passt: Warum oder wozu können und wollen wir Künstliche Intelligenz nutzen? Wie gelingt eine reflektierte Auseinandersetzung mit ihrem Gestaltungspotenzial für Wirtschaft und Gesellschaft? Welche Vorteile bietet ein konstruktiver Ansatz aus europäischer Perspektive?

Gestaltungspotenziale einer konstruktiven KI

Um beantworten zu können, wie die Künstliche Intelligenz unsere zukünftige Gesellschaft mitgestalten kann, müssen wir zuerst die Leitplanken einer lebenswerten Zukunft setzen. Wie wollen wir künftig Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft organisieren? Welche Anforderungen muss eine konstruktive KI als Zukunftstechnologie erfüllen, um sie produktiv nutzen zu können? 

Gerade in Abgrenzung zu den Strategien der Tech-Giganten aus den USA und China kann ein verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Technologien an vielen Stellen zu einem echten Wettbewerbsvorteil für den KI-Standort Europa werden. Um im globalen Wettbewerb der KI-Revolution nicht abgehängt zu werden und bestehende Abhängigkeiten zu verschärfen, braucht es eine gemeinsame, europäische Vision davon, welche Funktion KI für unsere Zukunft einnehmen soll. 

Beispielsweise bieten sich im Bereich der Digital Ethics – also dem Datenschutz, der Sicherheit und der Verlässlichkeit von KI – große Entwicklungspotenziale. Humanistische Werte, klare ethische Richtlinien und tatsächliche Transparenz können das Vertrauen in digitale Technologien wieder steigern und verbindliche digitale Normen fördern. Gleichzeitig erfordert die rasante Weiterentwicklung von KI eine konzentrierte Förderung der Digital Literacy. Dabei geht es nicht nur um das Aneignen technologischer Kompetenzen, sondern vielmehr um einen souveränen und verantwortungsvollen Umgang mit Digitalität: die Befähigung, die Analysen und Lösungen von KI zu bewerten und sinnvoll anzuwenden.

Damit einher geht auch eine Neuverortung des Digitalen als Begleiter des Menschen. In einem kooperativen Miteinander von Mensch und Maschine komplementieren sich menschliche und maschinelle Intelligenz vielmehr, um konkrete Probleme zu lösen. Richtig angewandt, schaffen AI Companions neue Formen produktiver und kreativer Mensch-Maschine-Beziehungen, die weit über das Erledigen von lästigen Alltagsaufgaben hinausgehen.  

Immer wichtiger wird künftig auch die Rolle von KI in den Bereichen Ressourcenknappheit, Energieverbrauch und Emissionen. Durch intelligente Algorithmen kann KI den Einsatz von Ressourcen effizienter gestalten, die Energienutzung optimieren oder nachhaltige Lösungsansätze entwickeln – Stichwort Resilient Supply. Ein fortschrittlicher und reflektierter Ansatz nimmt jedoch auch den steigenden Energieverbrauch und Emissionsausstoß von KI-Anwendungen selbst in den Blick.

Eine humane Zukunft mit einer konstruktiven KI

Der Fortschritt der Künstlichen Intelligenz wird die digitale Vernetzung der Welt weiter vorantreiben – und KI in der nächsten Gesellschaft allgegenwärtig machen. Umso wichtiger ist es deshalb, schon heute die Rahmenbedingungen für diese künftige KI-Welt zu definieren. Nur ein verantwortungsvoller Umgang mit dieser Technologie kann auch einen konkreten gesellschaftlichen Nutzen erzeugen. 

Losgelöst von dystopischen Ängsten und hysterischen Hypes eröffnet eine konstruktive KI damit zugleich die Chance für eine neue Ära der Rehumanisierung: Sie ermöglicht die Gestaltung einer humaneren Gesellschaft, in der smarte Technologien dabei helfen, das Leben gesünder und nachhaltiger zu organisieren – und in der genuin menschliche Kompetenzen wieder an Relevanz gewinnen.

Damit wird Künstliche Intelligenz zu einem Kernelement der großen Transformation hin zu einer Human Digitality, die digitale Technologien in ein menschliches Verhältnis setzt. Um diese konstruktiven KI-Potenziale zu erschließen, braucht es schon heute Mut, Optimismus und eine klare humanistische Perspektive.


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Die Co-Creation

Die Kunst des Zusammenlebens in einer komplexen Welt

Als Antwort auf zunehmende Komplexität durch rapide technologische Fortschritte und die weltweite Vernetzung entwickelt sich eine tief verwurzelte Sehnsucht nach Gemeinschaft. Dabei werden Co-Prinzipien wie Co-Creation, Co-Living oder Co-Working zu zentralen Organisationsprinzipien der vernetzten Gesellschaft, denn sie stärken menschliche Potenziale.

von Christian Schuldt

10. Oktober 2023

Wie ein roter Faden durchziehen soziale Techniken des Kollaborierens und Kooperierens die Geschichte der Menschheit. Ob in frühen archaischen Stammesgesellschaften, strategischen Interessengemeinschaften oder zeitgenössischen Subkulturen: Menschliches Zusammenleben ist grundlegend geprägt durch kollaborative Strukturen. Sie manifestieren sich an unterschiedlichsten Stellen und Orten einer Gesellschaft. 

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich insbesondere in den Wohlstandsgesellschaften der Erde individualistische Prinzipien ausgebreitet und tief im Selbstverständnis der Menschen verankert. Das wachsende Streben nach Autonomie, Selbstbestimmung und differenzierten Lebenswelten macht Gesellschaften vielfältiger und bunter. Gleichzeitig vernetzen neue Technologien eine immer größere Zahl von Menschen miteinander – online wie offline, privat wie professionell. Aber das Zusammenspiel von Individualisierung und Digitalisierung führt auch in eine Paradoxie: Trotz – und auch wegen – der steigenden Autonomie und Vernetzung steigt das Gefühl der Einsamkeit und Überforderung.

Als direkte Antwort darauf entstehen heute überall neue Gemeinschaftsformen – Co-Cultures. Auf der Suche nach Empathie und sozialer Resonanz finden sich mehr und mehr Menschen in fluiden Communitys zusammen, um sich dem wachsenden Komplexitätsdruck der Welt zu stellen. In diesen hybriden Kollektivkonstrukten drückt sich eine tiefe Sehnsucht nach Beziehungen, Zusammenhalt und gemeinschaftlichen Identitäten aus. Die Kooperation als menschliche Grundkompetenz wird wieder zu einem maßgeblichen Organisationsprinzip von Gesellschaften: dem Co-Prinzip.

Co-Creation und andere Co-Phänomene

Das Co-Prinzip beschreibt zukunftsfähige Kooperationsformen zwischen Menschen, die Freiheit und Komplexität mit Bindung und Empathie vereinen. Solche Phänomene lassen sich mittlerweile in vielen gesellschaftlichen Bereichen beobachten. Menschen tauschen und teilen Kleidung, Werkzeug, Lebensmittel, Autos und vieles mehr. Dahinter steckt auch ein neues Verständnis von Eigentum, das immer häufiger als Mittel zum Zweck betrachtet wird. 

Ein Resultat dieses wiederbelebten Leitmotivs ist die Co-Mobility. Für Fahrräder, Autos, E-Scooter und viele weitere Verkehrsmittel entstehen Sharing-Angebote, um eine unkomplizierte, effiziente und kostengünstige Fortbewegung zu ermöglichen. Die gemeinschaftliche Nutzung von ganzheitlichen und vernetzten Mobilitätslösungen reduziert in urbanen Gebieten die Verkehrsbelastung. In ländlichen Umgebungen kann sie Mobilitätslücken schließen. Auf diese Weise bringen Lösungsansätze der Co-Mobility individuelle Bedürfnisse verschiedener Menschen zusammen – und erhöhen die Lebensqualität. 

In der Arbeitswelt verbreiten sich kooperative Arbeitsmodelle unter dem Begriff Co-Working. Dabei geht es um mehr als nur räumliche Koexistenz in stylischen Gemeinschaftsbüros. Co-Working-Spaces bieten gerade in Zeiten von Hybrid Work oftmals mehr Flexibilität als traditionelle Büros, weil sie unterschiedlichste Menschen und Interessen miteinander verbinden. Die Mischung aus einzelnen Rückzugsräumen und kollektiven Begegnungsorten macht sie zu Schmelztiegeln der Produktivität, des Wissensaustausches und der Kreativität.

Wunsch nach Gemeinschaft

Auch im Lebensalltag drückt sich der Wunsch nach Gemeinschaft immer stärker aus. Angesichts zunehmender Isolation durch das Aufbrechen alter Sozialstrukturen wie der traditionellen (Groß-)Familie, definieren Menschen den Begriff des Zuhauses neu. Sie finden sich in vielfältigen Gemeinschaften zusammen und teilen ihren Alltag. Das Prinzip der Wohngemeinschaft erlebt durch das Co-Living eine Renaissance, die weit über das klassische Modell hinausgeht und neue Verbindungen schafft: Senior:innen und Studierende unterstützen sich im Alltag. Und im Co-Parenting ergänzen sich Alleinerziehende oder Paare in der Erziehung ihrer Kinder. 

Eine weitere wichtige Ausprägung des Co-Prinzips beschreibt die Co-Creation, die Transformation von Konsumierenden zu Produzierenden. Während konventionelle Massenware an Attraktivität verliert, erleben selbständig und in Zusammenarbeit geschaffene oder reparierte Produkte einen Boom. Der Anspruch nach sinnvollen und umweltverträglichen Produkten zeigt sich in Gemeinschaftsgärten oder offenen Werkstätten – und verdeutlicht den Wunsch nach sozialen Umfeldern kooperativen Denkens.

Zukunft geht nur gemeinsam

Die wohl größte Herausforderung des Co-Prinzips liegt darin, Co-Kompetenzen zu entwickeln und neue Denkweisen zu etablieren: weg vom Primat individueller Bedürfnisse, hin zur stärkeren Gewichtung kollektiver Herausforderungen und Lösungen. Im Kern geht es also darum, nicht mehr nur eigene Vorteile optimieren zu wollen, sondern jene Formen von gemeinschaftlicher Co-Kultur und Co-Creation herzustellen, die echte Selbstverwirklichung überhaupt erst ermöglichen. 

Die Wiederbelebung der Kunst des Zusammenlebens, des Prinzips der Kooperation, ist angesichts von fortschreitenden Technologien und sozialen Verwerfungen nicht nur eine Notwendigkeit: Sie eröffnet auch eine Vielzahl von Möglichkeiten für die nächste Gesellschaft. In der Transformation zur Co-Society erschließt das Co-Prinzip neue Horizonte für kreative Zusammenarbeit und fördert die Entwicklung nachhaltiger und gemeinschaftlicher Lösungen. Denn für die Bewältigung kommender Herausforderungen gilt das gleiche wie für die Gestaltung besserer Zukünfte: Es geht nur gemeinsam.


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Was unterscheidet Transformationen von Megatrends?

Megatrends wirken als gesamtgesellschaftliche Wandlungsdynamiken auf Organisationen und Unternehmen, sie berühren aber auch die Lebenswelten einzelner Personen. Dabei haben Megatrends eine träge, aber tiefgreifende Eigendynamik, die sich in ihrer Grundrichtung kaum steuern lässt.

Megatrends lassen sich in ihrer Dynamik wenig steuern – und kaum verändern.

Eine enge Definition von Megatrends umfasst nur diejenigen Veränderungen, die sich primär als quantitative Verschiebungen und über lange Zeiträume abbilden lassen. Unter dieser Maßgabe lassen sich sechs große Megatrends festlegen:

Connectivity: zunehmende Vernetzung und Digitalisierung

Climate Change: zunehmende Auswirkungen des Klimawandels

Individualisation: zunehmende Ausdifferenzierung von Lebensweisen

Demographic Shift: zunehmende Alterung und zunehmendes Wachstum der Bevölkerung

Urbanisation: zunehmende Verstädterung

Globalisation: zunehmende transnationale Verflechtungen

Megatrends wirken nie in einem leeren Raum, sondern treffen immer auf komplexe gesellschaftliche Strukturen, kulturelle Wertesysteme und unterschiedliche wirtschaftliche Bedingungen. Auf diese Weise lösen Megatrends in jeder Gesellschaft verschiedene Reaktionen, neue Bedürfnislagen und Folgeveränderungen aus, die völlig eigene, oft auch widersprüchliche Dynamiken entwickeln. Auf diese Veränderungen fokussieren die Transformationen: die großen Wandlungskräfte, die die Gesellschaft von morgen schon heute prägen – und zugleich offen für eine aktive Mitgestaltung sind.

Die sechs großen Transformationen unserer Zeit

Human Digitality

Aus dem Vernetzungsrausch wird kultivierte Digitalität
Die erste Evolutionsstufe der Digitalisierung hat zu Euphorie, Innovation und Fortschritt geführt, aber auch zu Überforderung und destruktiven Folgen in der Gesellschaft. Human Digitality eröffnet einen konstruktiven Umgang mit Hypervernetzung und deren Folgen: eine neue humandigitale Balance.

Conscious Economy

Aus der Leistungsgesellschaft wird die Sinnökonomie
Im Spätkapitalismus hat Profitmaximierung als Selbstzweck ausgedient. In der Conscious Economy trifft der kollektive Wunsch nach sinnerfülltem Arbeiten auf innovative Technologien – und eröffnet Individuen, Organisationen und der gesamten Gesellschaft die Freiheit, Arbeit und Wirtschaft grundlegend neu zu denken.

Co-Society

Aus Polarisierung werden neue Brückenschläge
In einer zunehmend fragmentierten und polarisierten Gesellschaft rückt die Stärkung des Gemeinsamen in den Mittelpunkt: Brückenschläge, die der Tendenz zur Spaltung konstruktiv entgegenwirken. Das Ende der Hyperindividualisierung läutet den Beginn der Co-Society ein und ebnet den Weg für eine progressive Wir-Kultur.

Mindshift Revolution

Aus sozialer Ungleichheit werden ermächtigte Identitäten
Protestbewegungen für soziale Gerechtigkeit verbreiten sich weltweit, Machtstrukturen werden hinterfragt, soziale Gefüge verschieben sich: Die Mindshift Revolution verändert das Verhältnis zwischen Identität und Gesellschaft, sortiert Machtverhältnisse neu und transformiert Werte, Normen und Weltbilder.

Glocalisation

Aus globaler Vereinheitlichung wird glokale Vielfalt
Die multiplen Krisen des frühen 21. Jahrhunderts haben die Fragilität der Globalisierung offengelegt. Aus den Rissen des Narrativs vom globalen Wachstum und der planetaren Homogenisierung dringt die Glocalisation als neues Zusammenspiel von globalen Strukturen und lokalen Netzwerken.

Eco Transition

Aus grünem Verzicht wird systemische Nachhaltigkeit
Die globale Transformation zu einer ganzheitlich-ökosystemischen Gesellschaft ist in vollem Gange. Der öffentliche Diskurs wendet sich von Schuldfragen ab: Im Vordergrund der Eco Transition steht die Suche nach neuen Formen des Wohlstands und kultureller Adaption, die in Zeiten der Klimaerwärmung Zukunftssicherheit und Lebensqualität gewährleisten.

Die Transformationen fächern sich auf in Subtrends: soziokulturelle Phänomene, die konkrete Veränderungen in bestimmten Bereichen aufzeigen. Sie sind unterschiedlich beständig und können ihre Schwerpunkte verlagern. Manche sind nur für einzelne Branchen relevant oder wirken nur in spezifischen kulturellen Räumen, andere sind stark technologiegetrieben oder werden von einem bestimmten Zeitgeist getragen.