Das Ende der Subkultur

Wie die Hyperindividualisierung die Gesellschaft zersplittert

Die Hyperindividualisierung zersplittert die Gesellschaft in immer kleinere Gruppen. Der Mainstream schwindet. Und mit ihm die Subkultur, wie wir sie kannten.

von Lena Papasabbas

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

Wie individuell wir uns auch fühlen: In Wirklichkeit gibt das soziale Umfeld den Referenzrahmen des eigenen Lebensstils vor. Ästhetik, Geschmack, Vorlieben – nichts davon entsteht aus dem Individuum selbst heraus. Wir sind geprägt von der Peer Group, der Familie – und mehr als jemals zuvor von dem, was auf unseren Bildschirmen passiert. 

Nirgendwo lässt sich das eindrücklicher nachvollziehen als auf TikTok, der jüngsten Plattform für Selbstdarstellung und Community-Building. Der Algorithmus ist so ausgefeilt, dass er jedes einzelne Individuum zielsicher in die passende Bubble leitet. Man bekommt das Gefühl, dass die halbe Welt die eigenen Vorlieben teilt – egal ob man leidenschaftlicher Frosch-Fan, feministische Post-Punkerin oder seriensüchtiger Anime-Junkie ist. Die Partikularisierung der Gruppen in immer spitzere Subkulturen geht online häufig einher mit der Bezeichnung „-core“, um zu beschreiben, dass hier im Kern eine bestimmte Ästhetik gemeint ist. Clowncore überträgt die traditionelle Clownästhetik (Ballonhosen, Schleifen, Tupfen und exzentrisch-grelles Make-up) in die moderne Fashionwelt – häufig mit einem gruseligen Spin. Cottagecore zelebriert die Ästhetik der Landidylle mit entsprechender Blümchenkleid-Optik und einem Fokus auf das Marmelade-Einkochen und die Tomatenpflanzenpflege. Mermaidcore vereint die wenigen Berufsmeerjungfrauen und -männer und die vielen Hobby-„Merpeople“ mit ihrer märchenhaften glitzernden Unterwasserästhetik usw.

Die Landschaft der Subkulturen wächst und verändert sich immer schneller. Es gibt unzählige weitere Communitys, deren Dresscodes und Symbole nur noch diejenigen erkennen und verstehen, die selbst dazugehören. Die „feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdieu) sind inzwischen so fein geworden, dass es unmöglich wird, die unendliche Anzahl an Gruppen zu kennen und ihre Bedeutung zu verstehen.

In Vor-Internet-Zeiten waren Subkulturen gebunden an eine bestimmte, meist politische Haltung, oft organisch um einen bestimmten Musikstil gewachsen. Es gab klare Erkennungsmerkmale, die über gewisse Zeiträume stabil waren und es der Mehrheitsgesellschaft ermöglichten, Individuen bestimmten Subkulturen zuzuordnen. Die Hippies hatten lange Haare, trugen bunte Batikkleider und feierten friedlich zu psychedelischer Musik. Rocker steckten in schwarzen Lederjacken und Brothel-Creeper-Schuhen und hörten Rock’n’Roll. Hip-Hopper erkannte man an Ghettoblaster, weit geschnittenen Hosen, Hoodies und Sneakers. Gemein war allen Subkulturen eine klare Abgrenzung zur Mehrheitskultur ­– ein Ausdruck des symbolischen Widerstands.

Partikularisierung der Subkulturen

Die Ausdifferenzierung der verschiedenen Subkulturen in immer feinere Subgruppen und Nuancen lässt sich in der Aufsplittung der Musikgenres nachverfolgen. Das relativ klar umrissene Genre „Punk Rock“ fächerte sich bereits Ende der 1970er-Jahre in eine Reihe von Subgenres aus, etwa Ska Punk, Anarcho Punk, Streetpunk, Oi!-Punk, Horrorpunk, Postpunk, Hardcore Punk, Fun-Punk, Folk Punk. Heute sind die Genres so diversifiziert, dass viele Menschen erst durch ihren Spotify-Jahresrückblick erfahren, welche Genres sie gern hören. 

Auch mit Kleidung symbolischen Widerstand zu demonstrieren, ist praktisch unmöglich geworden. Die Allgegenwärtigkeit und Zugänglichkeit von Kleidung macht es schwer, mit dem, was man trägt, ein Statement abzugeben. Und entstehende subkulturelle Strömungen werden heute in unglaublichem Tempo vom Mainstream absorbiert und monetarisiert. Das zählt nicht nur für Mode. Sogar die Sprache löst sich von bestimmten sozioökonomischen und ethnischen Hintergründen. Begriffe wie „Slay“ oder „Yas“ stammen ursprünglich aus der schwarzen US-Drag-Szene und wurden durch das Internet und Serien wie „RuPaul’s Drag Race“ verbreitet. Heute nutzen alle möglichen Menschen Ballroom-Jargon, ohne den geringsten Bezug zu dieser Subkultur zu haben.

Schwindender Mainstream

Dieser Mix-and-Match-Zugang zu allen möglichen subkulturellen Elementen höhlt den eigentlichen Charakter und die Funktion von Subkulturen in der Gesellschaft aus. Den unzähligen Nischenkulturen, die vor allem online entstehen und vergehen, fehlt das subversive Element. Sie teilen oft eher ein loses „Look and Feel“ als ein Werte-Set, eine politische Haltung oder auch nur einen bestimmten Lebensstil. 

Die Subkultur war immer ein Gegenmodell zur Mehrheitsgesellschaft. Sie braucht den Mainstream, um sich von ihm abzugrenzen. Mit dem Schwinden des Mainstreams verlieren daher auch die Subkulturen an Substanz. In der Postmoderne fehlen zunehmend verbindliche, kulturelle Standards und Normen. Man orientiert sich nicht mehr am Allgemeinen – am Mainstream –, sondern am Besonderen. In einer solchen Gesellschaft lösen Authentizität und Einzigartigkeit das Normale und Gewöhnliche als erstrebenswerte Ideale ab (vgl. Reckwitz 2019). Prestige ist nur noch in der Individualität zu erreichen – seien es individuelle Spitzenleistungen, eine einzigartige Kreativität, außergewöhnliche Ideen oder die Perfektion des physischen Selbst. 

Fluide Identitäten ersetzen Kollektive

Die Hyperindividualisierung hat Identität zum Teil eines fluiden, unverbindlichen und größtenteils selbst gewählten Lebensstils werden lassen, getragen von einem gigantischen globalisierten Markt, der ständig neue Ressourcen zur Selbstverwirklichung – und Selbstoptimierung – anbietet. Fraglos hat die Individualisierung neue Wahlfreiheiten und eine nie zuvor dagewesene Optionenvielfalt geschaffen, das eigene Leben nach subjektivem Gutdünken zu gestalten. 

Doch das Projekt der einzigartigen Selbstentfaltung, dem sich das postmoderne Individuum heute gegenüber sieht, birgt auch ein hohes Frustrationspotenzial. Der Anspruch auf Einzigartigkeit und die Abwertung des Durchschnittlichen erzeugen einen immensen Druck. Trotz immenser Möglichkeiten zur Gestaltung des ultimativ erfüllten Lebens ist die Zahl von Menschen, die unter Depressionen und Ängsten leiden, beängstigend hoch. Die vielen tragischen Tode, die auf Suizid oder Drogenmissbrauch zurückgehen, die sogenannten „Deaths of Despair“, sind die Spitze des Eisbergs einer zutiefst unglücklichen Gesellschaft (vgl. Brooks 2023).

Schauen wir auf die Hard Facts, so leben die Menschen in spätkapitalistischen Wohlstandsgesellschaften in paradiesischen Verhältnissen: Wir leben länger, sind reicher, gesünder und autonomer als je zuvor. Gleichzeitig erodiert jedoch das Paradigma der Selbstentfaltung einen wichtigen Baustein von Zufriedenheit: den Gemeinschaftssinn.

„Früher wurden die Menschen in Gemeinschaften geboren und mussten ihre Individualität finden. Heute werden die Menschen als Individuen geboren und müssen ihre Gemeinschaft finden.“

K-Hole, 2013

Doch Zufriedenheit braucht Zugehörigkeit, einen geteilten Gemeinschaftssinn mit gültigen Werten und Normen, eine kollektive Bestimmung, die nicht aus einem aufgeblasenen Unternehmenszweck besteht. Unter den scheinbar wahllosen Strukturen der Hyperindividualisierung beginnt sich bereits leise eine neue Wir-Kultur zu formen, die sich aus geteilten Anliegen und einer Sehnsucht nach Zugehörigkeit speist. Diese neuen Wirs sind mehr als neue Subkulturen. Sie haben begriffen, dass Zufriedenheit eine Gemeinschaftsanstrengung ist.

Die Sprache der nächsten Gesellschaft

Wie beeinflusst der Boom der KI-Sprachmodelle die Entwicklung der Gesellschaft? Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine wird intensiver – und führt zurück zu den Anfängen der Gesellschaft.

von Christian Schuldt

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

Am Anfang war die Sprache. Die Sprache ist der Grundantrieb der sozialen Evolution, der große Katalysator für die Entstehung und Entwicklung gesellschaftlicher Gefüge. Erst die Sprache macht die Dinge unterscheidbar, motiviert zur Anschlusskommunikation – und produziert damit das, was wir „Gesellschaft“ nennen: ein riesiges Bündel aus Kommunikationen, das fortwährend evolviert. 

Generative KI führt diesen Evolutionsprozess nun in eine Phase der erhöhten Beschleunigung. Insbesondere die „großen Sprachmodelle“ wie ChatGPT haben KI alltagstauglich anwendbar gemacht, indem sie menschliche Kommunikation simulieren. Erstmals interagieren Menschen seitdem praktisch reibungsfrei mit Maschinen, ohne Programmierkenntnisse zu benötigen. Und erstmals „füttern“ Maschinen direkt die menschliche Kommunikation – während ihre Urheberschaft zugleich immer schwieriger decodierbar wird.

Die Ära kommunizierender Maschinen erzeugt ein neues Level an kommunikativer Intransparenz, das mediatisierte Gesellschaften kulturell herausfordert: Was macht es mit uns Menschen, wenn „intelligente“ Software dialogisch mit uns interagiert? Und was bedeutet die Popularisierung der großen Sprachmodelle für die weitere Evolution der Gesellschaft? 

Angriff auf die Textökologie

Dass ChatGPT und Co. automatisierte Bullshitmaschinen sind, die einzig darauf zielen, wahrheitsbezogene Kommunikation zu simulieren, ist inzwischen im kollektiven Bewusstsein angekommen. Um ihre Aussagen zu plausibilisieren, halluzinieren sie im Zweifelsfall frei erfundene Geschichten, die sie als Fakten ausgeben. In diesem Streben nach größtmöglicher Anschlussfähigkeit verstärken KI-Sprachmodelle zugleich bestehende Stereotype, sie sind inhärent strukturkonservativ: Indem sie das bereits bestehende Gerede ausweiten und dabei den kleinsten gemeinsamen Nenner unseres Denkens reproduzieren, fördern sie eine allgemeine Standard-Durchschnittlichkeit. 

Generative KI entwickelt sich also nicht nur sehr viel schneller und unkontrollierbarer als alle bisherigen Technologien – sie verändert auch das Fundament des gesellschaftlichen Gefüges, die menschliche Sprache. Konkret heißt das: Eigensinnige Formulierungen werden nicht mehr gefunden, die sprachliche Performanz nimmt ab. Unsere Sprache und unsere Kultur werden vorhersehbarer, berechenbarer, gefälliger. 

Je mehr Sprachmodelle dabei öffentliche Diskurse besetzen und die politische Öffentlichkeit bilden, umso stärker gefährden sie das gesellschaftliche Miteinander und die Demokratie – erst recht, wenn diese Systeme im Privatbesitz weniger Konzerne sind. Vor diesem Hintergrund erscheinen die KI-Erlösungsfantasien vieler Unternehmen geradezu gesellschaftsgefährdend. Immer wichtiger wird deshalb ein grundsätzlicher Perspektivwechsel in unserem Verständnis der Digitalisierung: eine soziokulturellen Reflexion der Digitalisierungseffekte – und die bewusste Kultivierung einer Human Digitality.

Die neue Superkraft: Begegnung

Der große Gegentrend zum aktuellen Siegeszug der KI ist die Aufwertung der zwischenmenschlichen Interaktion. Denn selbst die elaborierteste Sprach-KI wird nie dorthin vordringen können, wo die Interaktion eigentlich erst interessant wird: in die Untiefen des menschlichen Denkens, dorthin, wo wir die Einzigartigkeit unseres Selbst und unseres Verhältnisses zur Welt durchspielen – im unmittelbaren zwischenmenschlichen Austausch, mittels Sprache. Die Ära des maschinellen Deep Learning erfordert vom Menschen nicht nur ein Deep Thinking, sondern auch ein Deep Talking. 

Die physische Begegnung und die mündliche Interaktion sind der Beweis, dass wir echte Menschen sind – indem wir uns im wirklichen Leben mit unseren menschlichen Körpern zeigen und unsere Sprache kultivieren. Unser Körper ist der Anker, der uns umfängliche Bedeutung erkennen und empfinden lässt. Das Fundament der menschlichen Urteilskraft und des kritischen Denkens. 

Um diese zwischenmenschlichen Potenziale für eine positive Gestaltung der Gesellschaft zu erschließen, braucht es einen Bewusstseinswandel auf allen Ebenen. Im Bildungskontext erfordert dies zum Beispiel einen viel stärkeren Fokus auf „Human only“-Tätigkeiten und -Kompetenzen wie Kreativität, Imagination, Empathie, Wertebewusstsein, Emotionen, Intuition, Mitgefühl. Auf alles, was komplementär zur maschinellen Hypereffizienz ist – und klug angewandt durchaus von ihr unterstützt werden kann. Dies sind die wahren Future Skills.

Die Sprache der Zukunft

In einer hypertechnisierten Realität, die zunehmend von KI durchdrungen ist, werden informelle Sprechakte mehr denn je unsere Menschlichkeit signalisieren. Immer deutlicher zeigt sich: Die Welt der kreativen sprachlichen Eigenheiten, der Dialekte, Memes, Jargons und Neologismen ist der genuine Bereich des Menschen.

Unter den neuen Vorzeichen der Vernetzung werden wir zurückkehren zu den oralen Anfängen der gesellschaftlichen Evolution. Zu dem, was einzigartig und wahrhaft menschlich ist: dem gesprochenen Wort.

Future Skills

Die Renaissance der Aufmerksamkeit

Individuelle Zukunfts-Skills bringen uns nicht weiter: Es ist an der Zeit, ein neues gesellschaftliches Verständnis von Aufmerksamkeit zu entwickeln.

von Nina Pfuderer

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

Imperativ Potenzialentfaltung

Die hyperindividualisierte, digitalisierte Wissensgesellschaft ist von einem mächtigen Imperativ geprägt: Entfalte dein Potenzial! Potenzialentfaltung und Selbstoptimierung sind die scheinbar logische Konsequenz einer immer individualisierteren Gesellschaft und einer Wirtschaft, die sich dem Wachstum verschrieben hat. 

Wissen ist heute zugleich zugänglicher und vergänglicher denn je. Und je weniger sich die Zukunft durch das Wissen über die Vergangenheit bewältigen lässt, umso mehr verliert die pure Aneignung von Wissen und Fachkompetenzen an Bedeutung. Als Antwort auf die maschinelle Automatisierung durch Künstliche Intelligenz (KI) in der Arbeitswelt richtet sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die menschliche Intelligenz und auf genuin humane Fähigkeiten. Diese werden unter einem neuen Namen verhandelt: Future Skills.

Sei wie ein Grashalm, sei wie ein Baum

Je vielfältiger, komplexer und abstrakter die Palette der Future Skills wird, umso mehr klingen sie mitunter wie Plastikwörter. Und alle zielen letztlich darauf ab, sich bestmöglich anzupassen an eine unsichere, sich rasend schnell verändernde Welt. Frei nach dem Motto: Sei wie ein Grashalm, dann kann dir nichts passieren, dann tut dir auch die schlimmste Krise nichts! Zugegeben, Grashalme sind sehr gut gerüstet für Sturmböen und starke Winde. Aber in einer Dürre sind sie schnell vertrocknet, ihre Wurzeln sind nicht so tief, dass sie auch nur in die Nähe von Grundwasser gelangen. In einer Flut werden sie weggespült und mitgerissen.

Vielleicht wäre deshalb das Bild des Baumes eine Alternative, um über Future Skills nachzudenken. Bäume haben ein dichtes, tiefreichendes Wurzelgeflecht, das als Anker dienen kann. Mit Blättern, die Photosynthese praktizieren und sich ziemlich gut selbst versorgen. Natürlich gibt es auch Krisen, die dem Baum etwas anhaben können – Brände, Blitzschläge, Borkenkäfer, Menschen. Doch der Baum ist nicht darauf ausgelegt, sich schnellstmöglich anzupassen, sondern auf ein langfristiges Überleben in sich wandelnden Umgebungen.

Baum und Grashalm haben also vor allem in zeitlicher Hinsicht ganz andere Skill-Sets. Während der Grashalm Fähigkeiten wie agiles Arbeiten, Adaptivität und Flexibilität symbolisiert, steht der Baum, der mehrere Hundert Jahre alt werden kann, für ein langfristig ausgerichtetes Denken und Handeln. Die Future Skills des Baumes verweisen auf die Konzentrations- und Empathiefähigkeit, auf das Schenken von Aufmerksamkeit, auf das Zuhörenkönnen. Auf die Fähigkeit des Zweifelns und Entscheidens. Auf die abwägende Risikokalkulation.

Renaissance der Aufmerksamkeit

In Zeiten der fortgeschrittenen Aufmerksamkeitsökonomie, in der Unternehmen für Millisekunden Watchtime bezahlen, wo von überallher Push-Notifications, Blings und Pings aufpoppen und mit der Stitch-Funktion auf TikTok sogar zwei Videos gleichzeitig abgespielt werden, um die Aufmerksamkeit der Zuschauenden so lang wie möglich zu halten – in diesen Zeiten ist es kein Wunder, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird. Und dass wir verlernt haben, anderen Menschen Geduld, Zugewandtheit und Empathie zu schenken. Was wir deshalb brauchen, ist die Kompetenz einer grundlegenden Freundlichkeit.

Was wäre also, wenn wir uns wieder stärker auf jene grundlegenden Kompetenzen konzentrieren, die wirklich zukunftsfähig sind, weil sie uns in Krisen tatsächlich weiterbringen? Die uns einzuschätzen helfen, ob eine Krise wirklich eine Krise oder gar eine Katastrophe ist – oder vielleicht sogar eine Chance für Veränderung? 

Das Problem der fehlenden Aufmerksamkeit für andere wurzelt in Wirtschaftslogiken, die auf Analytik und Effizienz getrimmt und nicht empathiefähig sind. Geboren und groß gemacht hat es eine Gesellschaft, die ihren moralischen Kompass in der Schublade hat verstauben lassen. Im übermächtigen Streben nach Potenzialentfaltung und Selbstoptimierung, bei all dem Upskilling und Reskilling, vergessen wir oft, dass Kompetenzen sich erst im Miteinander richtig entfalten. 

Was wir in Zukunft brauchen, um als Zivilisation zu bestehen, ist eine gesellschaftliche Charakterbildung: weg von egozentrierten, impulsiven Entscheidungen, hin zum aktiven Zuhören, Nachfragen, dem wirklichen Interesse für andere. Wenn wir uns darauf konzentrieren, diese Fähigkeiten (wieder) zu erlernen, zu kultivieren und weiterzuentwickeln – im „Kleinen“, als einzelne Individuen, wie im Großen, im Bildungs- und Wirtschaftssystem –, dann werden wir auch in unsicheren und volatilen Zeiten fest verankert sein. Denn dann haben wir Wurzeln, die uns auch in Krisenphasen erden.

Abschied von den Megatrends

Warum die Zukunft nicht (mehr) geradeaus liegt

Der Begriff „Megatrend“ hat in den letzten zwanzig Jahren eine steile Karriere zurückgelegt. Megatrends reduzieren Komplexität, indem sie vielschichtige Phänomene wie Globalisierung oder Digitalisierung auf einen simplen Begriff zurückführen. Doch diese Form der linearen Zukunftserzählung funktioniert in unserer heutigen Zeit nicht mehr. Das Zeitalter der Megatrends ist vorbei.

von Matthias Horx

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

In den vergangenen zwanzig Jahren hat der Begriff „Megatrend“ eine steile Karriere zurückgelegt. Geprägt von dem amerikanischen Publizisten John Naisbitt, bezeichnet der Begriff die langfristigen Big Shifts, die unsere Welt verändern: Digitalisierung, Globalisierung, Urbanisierung, Alterung, Individualisierung, Klimawandel. 

Megatrends sind beliebt, weil sie die Vielschichtigkeit der Welt auf einen simplen Begriff reduzieren. Sie suggerieren ein verlässliches Geradeaus. Das entlastet unser kognitives System, führt aber auch zu Wahrnehmungsverzerrungen. Zu Zukunfts-Halluzinationen.

Nehmen wir die Globalisierung, den gewaltigen ökonomischen Leit-Trend der vergangenen 30 Jahre. Wir erwarten, dass es immer so weitergeht mit dem globalen Marktgeschehen. Das rasend schnelle Zusammenwachsen der Weltwirtschaft zu einer einzigen ökonomischen Sphäre, einem Superweltmarkt, ist sozusagen gesetzt. Aber heute sieht man eher das Gegenteil: Neue Brüche entstehen, Kriege und Turbulenzen wuchern, Pandemien verändern die Spielregeln. Wir erleben ein Zerfasern der globalen Wertschöpfungs- und Wertschätzungsketten. Wie beschreiben wir diese neue Wirklichkeit, diese paradoxe Dynamik – in der sich, wenn man genauer hinschaut, zugleich schon eine neue Weltordnung abzeichnet? 

Das Versprechen der Digitalisierung

Oder betrachten wir die Konnektivität, die Digitalisierung. Je mehr das Digitale in unsere Alltagswelt eindringt, desto mehr enthüllt es seine Schattenseiten. Schaut man aber durch die Brille „Digitalisierung“, kann man diese Schatten nicht wahrnehmen. Auf eine paradoxe Weise verbindet Digitalisierung nicht Systeme, Menschen und Kulturen zu einer immer höheren Konnektivität, sondern entfremdet und zersplittert sie. Digitalisierung erzeugt selten seamlessness, sondern produziert Myriaden von „Schnittstellen“ (wörtlich), die gewachsene Systeme zerstören – und unser Leben eher unsicherer und konfuser machen.  

Die Digitalisierung ist die heilige Zukunfts-Kuh unserer Tage. Dass sie gerade dabei ist, an vielen Fronten zu scheitern, wird in der technoiden Zukunfts-Debatte kaum erörtert. Die ist nämlich rein linear: Digitalisierung wird als Lösung für Probleme propagiert, die sie gar nicht lösen kann. Und alle nicken brav mit den Köpfen. Nein, es geht mir nicht um eine „Abschaffung“ der Digitalisierung – die ohnehin nicht möglich wäre. Sondern um ihre sinnvolle Implementierung. Um eine Human Digitality.

Auch der Megatrend Individualisierung fliegt uns derzeit um die Ohren. Das liegt auch daran, dass Individualisierung und Individualität ständig in einen Topf geworfen werden. Individualismus ist eine Ideologie der egoistischen Abgrenzung, Individualität die Formung eines stabilen Selbst in Verbundenheit. Individualismus macht uns zu Konsumierenden, Einzelnen, Ichlingen. Individualität macht uns zu Mit-Menschen, die sich auf neue Weise vereinbaren. Das zu differenzieren, ist vielleicht der Schlüssel zur Frage, wie das Miteinander in einer hypervernetzten Co-Society aussehen könnte.

Jeder Trend hat einen Tipping Point

Jeder Trend, ob groß oder klein, gerät irgendwann in eine Sättigung. An einen Tipping Point, an dem er seine Richtung ändert. Jeder Trend erzeugt früher oder später Gegentrends, aus denen Paradoxien entstehen, die nur auf einer höheren Komplexitätsebene gelöst werden können. So hat die Globalisierung einen massiven Gegentrend zum Nationalismus erzeugt – aber was kommt danach? Die evolutionäre Dynamik dieser Trend-Gegentrend-Spiralen zu beschreiben, das „verschlungene Wesen der Welt“ zu verstehen (so der Zen-Philosoph Mathieu Richard), wäre die Königskunst einer neuen Zukunftsforschung.

Wache Zukunftsforschung

Langsam wird auch deutlich, dass die bekannten Megatrends aus einer eingeengten Sichtweise stammen. „Globalisierung“ war immer ein Begriff, der sich aus den Interessen und Perspektiven des industriellen Westens heraus definierte – auch wenn er von Eliten in anderen Ländern benutzt wurde. Vielleicht muss Trend- und Zukunftsforschung auf gewisse Weise „woke“ werden. Damit meine ich nicht den hysterischen Übermoralismus, der heute die Diskurse verdirbt. Sondern die Urbedeutung von woke: als Wachheit der Wahrnehmung. Als die Fähigkeit, über den eigenen Definitionshorizont hinauszudenken. Und zu einem tatsächlich globalen oder planetaren Denken zu gelangen.

Humanistischer Futurismus

Wie die Zukunftsforschung wieder zu ihrer­ eigentlichen Bestimmung finden könnte.

Eine Zukunft, die auf uns zukommt wie eine rasende Lokomotive in einem Tunnel, macht ohnmächtig und passiv. Dabei bleibt Zukunft immer offen – weil Menschen durch ihre Entscheidungen, Handlungen, Zukunft erst produzieren. Es ist an der Zeit, Zukunftsforschung wieder auf ihre universalistischen, humanistischen Elemente zurückzuführen.

von Matthias Horx

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

Haben Sie irgendwo die Zukunft gesehen?

Ich meine: Die richtige Zukunft. Nicht nur Waldbrand, Artensterben, Krieg, Kulturkampf oder eine digitale Superintelligenz, die uns entweder umbringt oder von allen Übeln erlöst. Sondern eine Zukunft, die als Vorstellung eines Besseren dienen kann. Als Orientierung im Wandel der Zeit. 

Es sieht so aus, als ob uns diese Zukunft in dem rasenden Jetzt, in dem wir heute leben, verloren gegangen ist. Ähnlich wie die Politik, hat sich die Zukunft in zwei diametrale Lager aufgespalten, die einen Trichter der Unsicherheit hinterlassen:

  • Entweder wird Zukunft als naiver Technik-Utopismus verstanden, als Produkt technologischer Sensationen und digitaler Wunder: Mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz werden alle Probleme der Menschheit gelöst, Roboter übernehmen den Alltag, demnächst schrauben wir uns Sensoren ins Hirn, die uns hundertfach intelligenter machen, und bald schon leben wir auf dem Mars… 

  • Oder die Zukunft tritt uns als prophetische Untergangs-Dystopie gegenüber, in der die Apokalypse unausweichlich ist, ja längst schon begonnen hat: Alle Wälder werden brennen, Bürgerkriege die Städte zerstören, und der Meeresspiegel steigt auf die Höhe Kitzbühels…

 

Sinnlose Zukünfte

Während die Zukunft sich in zwei Unmöglichkeiten aufspaltet, wird sie gleichzeitig zu einem entleerten Klischee. Überall ist ZUKUNFT, immer groß geschrieben. Sie springt einem entgegen aus den Katalogen von Gebietskrankenkassen („Zukunft für Profis!“), aus den Image-Broschüren von Versicherungsunternehmen („Zukunft zählt“), sie prangt auf den Werbeplakaten in Tankstellen („Tanken Sie Zukunft!“) und auf Lastwagenplanen („Wir transportieren Zukunft!“). Illustriert wird das meistens mit Frauenköpfen, die sich in Pixel auflösen, oder blauen Bildschirmwelten – „irgendwas mit digital“. Menschen kommen in dieser Klischee-Zukunft allenfalls als lächelnde Datenträger vor. 

„Future is an Attitude“, lautet der Image-Claim einer großen deutschen Automarke. Eine doppelseitige Anzeige dazu zeigt einen metallisch glänzenden Boliden, ein phallisches, elektrogetriebenes Männergeschoss, in dem niemand zu sehen ist, vor einer einsamen Wüstenlandschaft. 

„Servus Zukunft“ dichtete eine Partei im bayerischen Wahlkampf. Servus heißt auf bayrisch auch „Auf Wiedersehen“.

Neben Greenwashing, Socialwashing und Purposewashing gibt es nun auch ein monströses Futurewashing.  

Die kognitive Krise

Zukunft ist immer eine Narration. Eine Erzählung, eine „Story“, die sich Menschen, Gesellschaften, Zivilisationen erzählen, und mit der sie sich „nach vorn ausrichten“. Zukunft ist eine Art Super-Mem, das in unseren Köpfen Sinn erzeugt. In der Epoche, die nun zu Ende geht, war die Narration des (linearen) Wohlstands oder Fortschritts ein verlässlicher Rahmen, der unsere Handlungen und Deutungen trotz aller Unterschiede und Konflikte synchronisierte. Doch die Zukünfte von gestern müssen nicht die Zukünfte von morgen sein. 

Wenn Gesellschaften – oder auch Individuen – ihre Zukunfts-Narrative verlieren, kommt es zu Regressionen, Aggressionen, Sinnkrisen und Kulturkämpfen. Genau das erleben wir heute, vor allem in den USA. Der größte Sehnsuchts-Trend unserer Zeit ist wahrscheinlich die Retrotopie: Alles soll wieder so werden wie „damals“. Viele Menschen sehnen sich nach einer Vergangenheit, in der zwar manches viel schlechter war, aber man davon keine Ahnung hatte. 

Zeit für neue Narrative

Kann die Zukunftsforschung solche erzählerischen Verankerungen bieten? Ja, aber sie müsste sich selbst verändern. Sie müsste aufhören, Zukunft primär aus den Perspektiven von Ökonomie und Technologie zu konstruieren – als großes Muss und Soll, als das, „an was wir uns anpassen müssen“. Sie müsste sich überhaupt von normativen Zukünften verabschieden, von belehrenden Prophezeiungen eines imaginären Endzustandes, nach dem Motto „Das kommt auf uns zu!“.

Eine Zukunft, die auf uns zukommt wie eine rasende Lokomotive in einem Tunnel, macht ohnmächtig und passiv. Sie handelt von Vorbestimmtheiten. Vom Unvermeidlichen, dem wir ausgeliefert sind. Damit ist die Zukunft schon verloren. Das Wesen der Zukunft ist aber, dass sie immer offen bleibt. Weil wir an ihr beteiligt sind. Weil Menschen durch ihre Entscheidungen, Handlungen, Zukunft erst produzieren.

Zukunft ist kein Trend. Sie ist auch keine fixierte Tatsache, oder „Prognose“. Sie ist eine Beziehung. Darum geht es in der neuen Zukunftsforschung: Unser Verhältnis zum Kommenden, im Sinne einer gestaltbaren Verbindung.

Was ist „Humanistischer Futurismus“?

Es ist an der Zeit, Zukunftsforschung wieder auf ihre unversalistischen, humanistischen Elemente zurückzuführen. Und sich wieder mehr dem Menschen und dem Menschlichen zuzuwenden, den Wünschen, Träumen und Hoffnungen, in denen sich die „Zukunft in uns“ spiegelt. Deshalb haben wir uns beim Future:Project dem humanistischen Futurismus verschrieben.

Humanistischer Futurismus… 

  • überwindet den engen Blickwinkel von Technologie und Ökonomie. Zukunft entsteht im Zusammenwirken von Kultur, Bewusstsein, Ökonomie und Technologie. Ohne ein Verständnis dieser Wechselwirkungen ist auch ein Verständnis von Zukunft nicht möglich.

  • beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von innerer und äußerer Zukunft (Bewusstsein und Welt): Wie entsteht aus gesellschaftlichen, ökonomischen, technischen und individuellen Prozessen die Wirklichkeit von morgen? Wie wirken aber auch Visionen, Utopien, Zukunfts-Narrative, mächtige Meme, auf die Wirklichkeit zurück?

  • sieht den Menschen als Zukunftswesen, das nach dem Anderen und Besseren strebt, ohne das Perfekte jemals zu erreichen. Menschliche Zukunft bleibt immer „Work in Progress“. Aber Fortschritt findet statt – trotz aller Rückschläge.

  • sieht sich als Advokat möglicher humaner Zukünfte, die er gegen menschenfeindliche Utopien und posthumanistische Exzesse verteidigen will.

     
  • ist dem neuen Langzeitdenken verpflichtet. Er verabschiedet sich vom „rasenden Jetzt“ und versucht, die langen Zeiträume unserer Existenz zu erforschen – auch in dem, was über unser persönliches Leben hinausreicht.

  • denkt (und fühlt) über die klassischen „westlichen“ Zukunftsmodelle hinaus. Er öffnet sich einem neuen Narrativ der evolutionären Menschheitsgeschichte, in dem sich verschiedene Kultur- und Zukunftsmodelle integrieren können.

  • entwickelt ein konstruktives Verhältnis zum Phänomen der Krise. Krise bedeutet, dass das Alte und das Neue in eine Dissonanz getreten sind, dass die alten Rahmungen nicht mehr mit den neuen Realitäten zusammenpassen – dass etwas Besseres entstehen muss. Das bringt Unruhe und Unsicherheit, aber wir können lernen, die Krise produktiv zu wenden und zu gestalten.

„Es ist nicht leicht, über die Zukunft zu sprechen, ohne gleich in Beschleunigungs-Hysterie oder in ein anderweitig apokalyptisches Fahrwasser zu geraten. Man kann sich auf die Zukunft nicht mehr verlassen. Man muss dafür sorgen, dass es überhaupt noch Zukunft gibt.“

Aleida Assmann, Kulturwissenschaftlerin