Ein gekürzter Auszug aus „Beyond 2025 – Das Jahrbuch für Zukunft“
von Matthias Horx
7. November 2024
Kennen Sie das Doomfeeling? Man wacht morgens auf. Stellt das Radio an oder scrollt die Nachrichtenseiten. Plötzlich wird einem übel. Schwindelig. Irgendwo hat wieder ein dumpfer Idiot die Macht übernommen. Eine hässliche Partei Wahlen gewonnen. Ein Krieg ist ausgebrochen, der kein Ende findet. Das Internet spuckt irgendwelche Berge von Müll und Hass aus. Irgendwo tobt ein schrecklicher Sturm. Alle streiten sich unentwegt um irgendeinen Unsinn. Wir werden das Gefühl nicht los, dass alles den Bach runtergeht: die Wahrheit. Die Hoffnung. Die Liebe.

„Beyond“ bedeutet „darüber hinaus“. Oder „jenseits davon“. In Beyond 2025 geht es vor allem um die Frage, wie wir alle – jede:r Einzelne, aber auch die gesamte Gesellschaft – zur Zukunft stehen. Wie gehen wir mit ihr um? Wie konstruieren wir sie? Was unterscheidet etwa Visionen von Utopien? Utopien schreiben eine Zukunft fest, die niemals erreicht werden kann – und sich deshalb selbst zerstört. Visionen hingegen sind Orientierungen, Leuchsterne beim Finden des besseren Weges. Wenn man das Utopische mit dem Visionären verbindet, kann etwas Besseres entstehen. Neben der Utopie gibt es auch noch die Protopie, die Eutopie oder die Polytopie – Varianten des Möglichkeitsraums, den wir als „Zukunft“ wahrnehmen.
Es sind die Tiefenfragen unserer Zeit, die uns in Beyond 2025 bewegen: Wie verändert das Gespenst der „Künstlichen Intelligenz“ unsere Selbstbilder und menschlichen Fähigkeiten? Wie kann das „Solar Age“, das Zeitalter der kosmischen Energie, zur Realität werden – oder ist es das möglicherweise schon? Wie muss sich der Wandel selbst wandeln, damit das Neue wahrhaftig werden kann? Welche Denk- und Fühlweisen folgen auf die ermüdeten Narrative der Moderne und der Postmoderne?
Naomi Alderman, die Autorin des weltweit zum Bestseller avancierten Romans „The Future“, formulierte einmal eine pfiffige Frage: „Was ist die nützlichste Information, die du über dein Leben haben kannst? Der Name der Epoche, in der du leben wirst.“
Es geht um das Next Age. Um die Epoche, die nach der Omnikrise beginnt. Denn nach jeder chaotischen Phase folgt wieder eine Renaissance. Können wir gemeinsam in die nächste Epoche hineinfühlen, hineinspüren? Dem Kommenden einen Namen geben? Einen Mythos finden?
Machen wir Zukunft. Jetzt und hier, trotz allem, das uns bedrückt.
Generative Künstliche Intelligenz ist nahezu perfekt geworden in der Nachahmung menschlichen Verhaltens und im Kreieren überzeugender Fake-Realitäten. Wie beeinflusst der Siegeszug der Simulation unser Verhältnis zur Wirklichkeit – und das menschliche Miteinander? – Ein gekürzter Auszug aus „Beyond 2025 – Das Jahrbuch für Zukunft“
7. November 2024
Generative KI ist ein Meister in der Nachahmung unserer medialisierten Wirklichkeit. Das wissen wir spätestens, seitdem die Bürgermeister:innen von Berlin, Wien und Madrid im Juni 2022 längere Videocalls mit Vitali Klitschko führten – ohne zu merken, dass sie es dabei mit einem Fake zu tun hatten. Seitdem ist die Simulationskompetenz der KI-Modelle rapide angewachsen und der Zugang zugleich immer niedrigschwelliger geworden.
Der Vormarsch der generativen KI ruft die Theorie der Simulation ins Bewusstsein, die der französische Medientheoretiker Jean Baudrillard schon vor fast 50 Jahren formulierte. Demzufolge verschwimmen im Zuge der Medialisierung die Grenzen zwischen Original und Kopie, zwischen tatsächlicher und dargestellter Realität. In Baudrillards „Hyperrealität“ sind wir umgeben von „Simulakren“ – Nachbildungen, die sich so weit von ihrem Original entfernt haben, dass sie eigenständige Realitäten bilden.
Generative KI verleiht diesen Überlegungen eine völlig neue Aktualität und Brisanz. Denn Algorithmen, die Fake-Realitäten erschaffen, stellen nicht nur unser Verständnis von „Wirklichkeit“ infrage, sondern letztlich auch unser soziales Miteinander: Welche Rolle wird der echte Mensch künftig inmitten simulierter Welten spielen? Und was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn die Zuverlässigkeit von Information schwindet?
Die neuen Weltsimulations-Tools erhöhen den Anteil maschinell produzierter und manipulierter Inhalte am gesamten Internet-Content dramatisch: KI-Bots erschaffen heute eigenständig Bilder, Texte und Websites in sozialen Medien, posten Urlaubsfotos, schreiben Kommentare, verschicken Nacktfotos und Deepfakes. Studien zeigen, dass Bots bereits die Hälfte bis drei Viertel des weltweiten Internet-Traffics ausmachen – und dass die Qualität von Suchmaschinen zunehmend unter KI-generierten Websites leidet, die zwar SEO-optimiert, aber inhaltsleer sind. Diese Entwicklung spiegelt auch das „digitale Wort des Jahres 2023“ in den USA: „Enshittification“.
Dabei vollzieht sich auch ein Paradigmenwechsel im Bereich der KI-Dystopien: Im Fokus steht nun weniger die Auslöschung der Menschheit durch feindliche Algorithmen als vielmehr eine selbstreferenzielle Bullshit-Welt, in der wir KI-generierte Inhalte konsumieren, aus denen weitere KI-generierte Inhalte produziert werden und so weiter… Die selbstbezügliche Content-Schwemme weckt nicht nur die Angst vor einem generellen Kulturverlust durch die wiederkehrende Produktion des Immergleichen, sondern auch vor der wachsenden Unfähigkeit, zwischen echt und unecht, wahr und falsch unterscheiden zu können.
Zerfranst die Wissensgesellschaft durch KI nun also wirklich zu einem postmodernen „Anything goes“? Droht uns durch KI-Modelle wie Sora eine „perfekte, voll automatisierte Propagandamaschinerie“? Auf jeden Fall schüren immer perfektere KI-generierte Avatare und Deepfakes ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber unserem kollektiven Verständnis von Wahrheit und Wirklichkeit. Dieser „Realitätsverlust“ kann auch gezielt genutzt werden, um echte Inhalte infrage zu stellen – etwa wenn Politiker:innen Fakten als vermeintlich KI-generiert diskreditieren.
Die Frage nach der „Wirklichkeit“ unserer Weltwahrnehmung ist spätestens seit Platons Höhlengleichnis eine der Schlüsselfragen der Philosophie. Durch KI-generierte Animationen wird sie nun noch einmal neu aufgeworfen. Reine Plädoyers für das „Echte und Einzigartige“ führen dabei ebenso wenig weiter wie die schlichte Gleichsetzung von virtuellen und nichtvirtuellen Realitäten. Vielmehr verweist uns das Spiegelkabinett der generativen KI auf eine grundsätzliche Verschiebung der Bedeutung, die wir dem Unterschied zwischen Abbild und Wirklichkeit beimessen – und auf die ganz realen Konsequenzen, die wir als Menschen daraus ziehen müssen.
Generell ist unsere vernetzte Kultur geprägt von einer zunehmenden Affinität für Imitate und Duplikate. TikTok oder Instagram wären kaum denkbar ohne das Prinzip der Aneignung und Vervielfältigung – das auch jenseits der digitalen Sphäre Blüten treibt, etwa im Gen-Z-Hype um Fake-Luxusprodukte made in China. Generative KI eröffnet nun eine weitere Dimension duplizierter Realitäten, indem sie eine immer intensivere und intimere Interaktion mit KI-generierten Pseudopersönlichkeiten ermöglicht. „Konversationelle KI“ ermöglicht uns, dauerhafte Beziehungen mit KI-gesteuerten Entitäten einzugehen: mit virtuellen Menschen, die uns begleiten, coachen und Workflows für uns ausführen.
Doch je natürlicher und emotionaler wir mit diesen Instanzen interagieren – und dabei auch virtuelle Stellvertreter:innen unserer selbst schaffen –, umso fragiler wird die gesellschaftliche Repräsentation von Realität. Denn eine gemeinsame Vorstellung von Wirklichkeit kann nur entstehen durch ein „Sprachspiel“ im Sinne Wittgensteins: durch Menschen, die sich im gemeinsamen Gespräch darüber verständigen, was ein Ausdruck, was die Wirklichkeit, in der wir leben, bedeutet. Denn Sprache ist per se dynamisch und vielfältig: Ihr Verständnis erfordert immer, die verschiedenen Kontexte und Praktiken zu berücksichtigen, in denen sie ganz konkret verwendet wird. Einen solchen realitätsstiftenden Dialog kann keine generative KI generieren. Im Gegenteil: KI erodiert unseren gemeinsamen Realitätsnenner, indem sie immer dazu tendiert, die Standpunkte ihrer Schöpfer:innen oder sozialer Mehrheitsgruppen überzubewerten.
Eine „starke Objektivität“ erwächst dagegen nur aus kognitiver Vielfalt, aus dem diversen Zusammenspiel einzelner Subjektivitäten. Eben deshalb lebt unsere Wirklichkeitswahrnehmung ganz fundamental vom menschlichen Miteinander, vom konkreten sozialen Austausch. Und damit letztlich auch von einer physischen Komponente, die für KI kategorisch unerreichbar bleiben wird, allen Träumen von algorithmischen „Superintelligenzen“ zum Trotz: unserer Leiblichkeit.

Körperlichkeit bedeutet: Verletzlichkeit. Die physische Fragilität bildet die Grundlage unserer kognitiven, kulturellen, sozialen und emotionalen Intelligenz. Das Fundament unserer Humanität. Der Körper ist der ultimative Kontrapunkt zur rationalen Intelligenz der KI, der diese biologische Weltverankerung prinzipiell verschlossen bleibt. KI-Systeme haben keinen Zugang zu den Verletzlichkeiten der menschlichen Existenz. Im Gegensatz zur traditionellen Geist-Körper-Hierarchie, die Verletzlichkeit als Schwäche und Mangel betrachtete, führt uns KI also zu der Erkenntnis, dass die Basis unseres Denkens, unserer Sozialität und damit auch unseres Wirklichkeitsverständnisses in der somatischen Sensibilität und Instabilität gründet.
Zugleich offenbart sich dabei ein scheinbar paradoxer Zusammenhang: Je genauer wir KI erforschen und je besser wir verstehen, welche menschlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen Algorithmen zwar simulieren, aber niemals selbst „erleben“ können, umso deutlicher wird auch unser grundsätzliches Nichtwissen über dieses leibliche Fundament der menschlichen Existenz: Wie kreieren unsere biologischen Systeme, unsere Zellen und Neuronen das, was unsere kognitiven Fähigkeiten, unsere Intelligenz, unseren „Geist“ ausmacht? Dieses Rätsel erscheint unlösbarer denn je.
So führt uns die simulative KI auch vor Augen, wie zeitlos unverfügbar die Kategorie des genuin Humanen letztlich ist. Wie schon im Zuge vorheriger technologischer Revolutionen erkennen wir, dass der Mensch, mit all seinen seelischen und körperlichen Bedürfnissen, wie ein Fels in der Brandung des technologischen Wandels steht. Eben deshalb ist die Wahrung und Kultivierung eines humanistischen Welt- und Wirklichkeitsverständnisses so wichtig – gerade in Zeiten, in denen die Wogen der KI-Verheißungen besonders hoch schlagen.
Infrastrukturen bilden das unsichtbare Gewebe, das die Gesellschaft zusammenhält. Sie sind das stille Fundament, auf dem unsere Lebensweisen, unsere Ökonomien und auch unsere Zukunftsvorstellungen ruhen. In einer Zeit, die von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt ist, treten sie aus ihren Schatten – und offenbaren sich als zentrale politische Frage der nächsten Gesellschaft.
Ein gekürzter Auszug aus „Beyond 2025 – Das Jahrbuch für Zukunft“
7. November 2024

Blickt man auf die maroden Brücken, Straßen und Schienen, die sich durch unsere Landschaften ziehen, auf veraltete Schulgebäude, überlastete Krankenhäuser, lästige Funklöcher und stockende Internetverbindungen, dann offenbart sich eine unangenehme Wahrheit: Die Infrastruktur, die einst die Grundlage für unseren Wohlstand und den Fortschritt bildete, ist brüchig geworden.
Die Defizite unserer Infrastrukturen spiegeln eine Gesellschaft wider, die sich noch immer schwertut, den tiefgreifenden Wandel, den unsere Zeit erfordert, aktiv anzugehen. Klimawandel, Mangel an bezahlbarem Wohnraum, Ungleichheit im Zugang zur Gesundheitsvorsorge, Herausforderungen im Bildungswesen oder in der Mobilität: All dies sind Symptome einer systemischen Krise. Und: einer Weigerungshaltung, Infrastrukturen neu zu denken und zu gestalten – als Schlüsselfaktor einer lebenswerten Zukunft.
Kollektive Praktiken, zum Beispiel im Konsum- oder Mobilitätsverhalten, lassen sich über Infrastrukturen erheblich wirksamer verändern, als individuelle Anstrengungen es je erlauben würden. Infrastrukturen sind daher ein mächtiges Werkzeug für gesellschaftliche Transformation: Als „vorausschauende Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen“ (Maja Göpel) haben sie das Potenzial, den Wandel der Gesellschaft auf einen konstruktiven Pfad zu leiten.
Infrastrukturen sind weit mehr als nur physische Konstruktionen aus Beton oder Stahl. Sie sind Manifestationen der gesellschaftlichen Paradigmen und Lebensweisen ihrer Zeit: Ausdruck der Art und Weise, wie wir wirtschaften, uns fortbewegen oder auch mit der Natur interagieren. Doch was vor 50 Jahren noch als Fortschritt galt, kann heute zum Hindernis werden. Die Infrastrukturen, auf die wir uns gegenwärtig verlassen, stammen oft aus Zeiten, die von anderen wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Realitäten geprägt waren. Diese gebauten Umwelten tragen die strukturellen Fundamente vergangener Gesellschaften in unsere Gegenwart hinein.
So wirken die Kupferkabel, die einst die Internetrevolution ermöglichten, plötzlich wie Relikte aus einer fernen Vergangenheit – und sorgen nicht selten für Frust. Öl- und Gaspipelines erinnern uns schmerzhaft daran, wie abhängig wir uns von autokratischen Regimen gemacht haben. Und abgeschaltete Kohlekraftwerke zeugen von den hohen Kosten der Aufrechterhaltung eigentlich überholter Systeme. Was einst als unverzichtbar galt, wird nun immer häufiger störanfällig, ineffizient oder gar obsolet. Doch die tiefen Pfadabhängigkeiten, die diese Infrastrukturen erzeugen, machen es schwer, neue Wege zu beschreiten.

Angesichts der Defizite in der Zukunftsfähigkeit unserer Infrastruktursysteme deutet sich die Notwendigkeit für ein neues infrastrukturelles Paradigma an. Die Infrastrukturen der Transformation gehen über die bloße Reaktion auf Krisen hinaus und richten sich auf eine transformative, zukunftsgewandte Gestaltung unserer Lebenswelt. Um den Modus des Reagierens zu verlassen, in dem wir der Zukunft immer einen Schritt hinterherhinken, müssen wir Antworten auf eine fundamentale Frage finden: Wie soll die „nächste Gesellschaft“ aussehen – und welche Infrastrukturen brauchen wir, um den Weg dahin zu ebnen?
Ausgehend von konstruktiven Zukunftsimaginationen können wir entscheiden, welche bestehenden Infrastrukturen so elementar sind, dass sie erhalten und gepflegt werden müssen – und welche neuen Infrastrukturen wir für unsere zukünftigen Bedürfnisse schon heute errichten müssen. Infrastrukturen der Transformation erfordern daher im Kern eine mutige und antizipative Vorgehensweise, die aktiv auf erwünschte Zukünfte zugeht. Sie entfalten ihre Wirkung in allen sechs großen Transformationen unserer Zeit:
Die Entwicklung hin zu einer kultivierten Digitalisierung und einer neuen Balance zwischen Mensch und Maschine wird schon heute von Infrastruktursystemen begleitet und vorangetrieben. Dazu zählen neben Technologien wie den Breitbandnetzen oder 5G als Grundlage für die digitale Vernetzung auch verbindliche Normen und Gesetze, etwa im Datenschutz oder in der Regulation von Künstlicher Intelligenz. Vor allem in urbanen Räumen sollen vernetzte Systeme in Zukunft sowohl für mehr Effizienz sorgen als auch eine höhere Lebensqualität ermöglichen.
Transformative Infrastrukturen ebnen den Wandel zur Sinnökonomie, indem sie die Grundlage unseres Wirtschaftssystems zukunftsfähig umgestalten. Neben Recycling- und Upcycling-Systemen im Sinne einer Kreislaufwirtschaft und Speichertechnologien, die aufgebaut werden müssen, um den Übergang vom fossilen Zeitalter in das Zeitalter erneuerbarer Energien fördern, zählen dazu auch Bildungsorte, die für die Ausbildung tatsächlich zukunftsrelevanter Berufe und Skills eine zentrale Bedeutung haben, sowie Veränderungen in unseren Arbeitsumgebungen durch neue Arbeitsmodelle.
In einer zunehmend fragmentierten und polarisierten Gesellschaft stärken Infrastrukturen der Transformation den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch gemeinschaftsfördernde und inklusive Strukturen. Alltägliche Begegnungsorte und Third Places wie Cafés, Kneipen, Sportstätten, Parks, Kiosks, Gemeinschaftsgärten oder Bibliotheken wirken sowohl auf der sozialen als auch der politischen Ebene, indem sie – so wie auch neue Formate politischer Beteiligung – demokratische Elemente wiederbeleben und festigen.
Infrastrukturen der Transformation erzeugen ein neues Sozialbewusstsein, indem sie den Wandel von Werten, Normen und Weltbildern zulassen und sich ihm anpassen. Zentral ist dabei die Förderung von individueller Ermächtigung und kollektivem Austausch sowie der Abbau struktureller sozialer Ungleichheiten. Dies bedeutet auch, dass Infrastrukturen nicht nur für bestimmte gesellschaftliche Gruppen konzipiert werden, sondern die Bedürfnisse möglichst aller Menschen berücksichtigen.
Infrastrukturen der Transformation verbessern das Zusammenspiel zwischen globalen Strukturen und lokalen Netzwerken. So können lokale Versorgungsnetzwerke globale Lieferkettensysteme im Sinne eines Resilient Supply absichern und ergänzen. Gezielte Investitionen in zukunftsfähige Infrastrukturen haben zudem das Potenzial, „abgehängte“ Regionen durch eine erneuerte Form der Daseinsvorsorge wiederzubeleben – und Räume lokal und global miteinander zu vernetzen.
Transformative Infrastrukturen ermöglichen den Wandel hin zu einer regenerativen Gesellschaft, indem sie die Wiederherstellung natürlicher Lebensräume und die Umstellung auf ökologische Lebensweisen unterstützen. Die konkreten infrastrukturellen Maßnahmen reichen vom Ausbau der ökologischen Landwirtschaft über die Förderung nachhaltiger Mobilitätsformen bis zur Renaturierung von Flüssen oder Wäldern.
Infrastrukturen der Transformation sind keine universelle Schablone, die wir einfach auf jede Stadt oder Region anwenden können, um eine bessere Zukunft zu schaffen. Sie repräsentieren einen notwendigen Paradigmenwechsel in unserem Verständnis von Gesellschaft und Zukunft – als lebendige Entwürfe, die sich flexibel an die spezifischen Bedürfnisse und Gegebenheiten vor Ort anpassen und die bereits bestehenden Strukturen mitdenken. Schließlich findet die Transformation unserer Gesellschaft nicht auf einem weißen Blatt Papier statt, sondern ist ein kontinuierlicher Prozess.
Reallabore oder ähnliche Projektformen können dabei als lokale Katalysatoren für Transformation dienen und durch die Vermittlung konkreter Zukunftsbilder helfen, die Angst vor Wandel abzubauen. Zugleich dürfen diese lokalen Initiativen nicht isoliert betrachtet werden, sondern stets im Kontext einer größeren, übergeordneten Transformation. Hierbei kommt vor allem Politik und Staat wieder eine wichtigere Rolle als Initiator und Vermittler zu: Zuständigkeiten müssen klar definiert, neue Finanzierungsmodelle entwickelt und pragmatische Ansätze zur Weiterentwicklung von Infrastrukturen konsequent gefördert werden.
Transformative Infrastrukturen erfordern unseren Mut, endlich in zukunftsfähige Versorgungsnetze für die nächste Gesellschaft zu investieren. Damit spielen sie eine entscheidende Rolle für unser generelles Verhältnis von der Zukunft: Sie stellen sicher, dass wir auf künftige Herausforderungen nicht nur passiv reagieren, sondern eine lebenswerte Zukunft aktiv gestalten können – indem wir heute die richtigen Weichen stellen.

Ob Infrastrukturen oder Lieferketten, digitale Kommunikation oder das Schulsystem: Überall stockt, hakt und stottert es. Der Fokus auf „Innovation“ hat uns die Pflege dessen, was schon da ist, vergessen lassen – die Maintenance. Doch das nahende Ende des Innovationismus zeigt den Beginn eines neuen Age of Maintenance an, das unsere Wirtschaft und unsere sozialen Beziehungen verändern wird: Wir lernen wieder, uns zu kümmern.
Ein gekürzter Auszug aus „Beyond 2025 – Das Jahrbuch für Zukunft“
von Nina Pfuderer
7. November 2024
Alles, was nicht gepflegt wird, geht irgendwann kaputt oder funktioniert nicht mehr. Verschleiß und Verfall sind in der Natur der Dinge angelegt. Diese Tatsache rückt heute allerdings immer häufiger in den Hintergrund, weil fast immer die „Innovation“ im Fokus steht. Neu ist besser als alt: Dieser Glaubenssatz ist mittlerweile so tief in uns verankert, dass es schwer ist, daran vorbeizusehen. Innovation war immer schon Treiber des Fortschritts, doch inzwischen prägt sie unsere Gegenwart auch durch ihre Kehrseite.
Wir sehen heute in praktisch jedem Bereich der Gesellschaft, wie mangelnde Investitionen in die Instandhaltung von grundlegenden gesellschaftlichen Systemen zu katastrophalen Problemen führen, von bröckelnden Brücken und schmutzigen Krankenhäusern bis zu heruntergekommenen Schulen und überforderten Behörden. Trotzdem lautet die Standardantwort von Politiker:innen, Expert:innen und Führungskräften auf die Krisen unserer Zeit noch immer: mehr Innovation! Dieser Instinkt, alle Hoffnungen auf das Neue zu setzen, ist genau das Problem, das sich als „Innovationswahn“ bezeichnen lässt.

Mittlerweile hat der Fokus auf Innovation absurde Ausmaße angenommen. So ist es oft günstiger, ein technisches Gerät neu zu kaufen anstatt das alte zu reparieren. Der Neubau von Straßen wird staatlich subventioniert, für die Ausbesserung von Schlaglöchern müssen Kommunen dagegen selbst aufkommen. Eigentlich nur logisch, dass Politiker:innen lieber auf Neues setzen: Man macht sich nicht beliebt, wenn man Straßen oder Brücken sperrt, um sie zu restaurieren. Besser kommt es an, die rote Schleife bei der Eröffnung eines neuen Einkaufszentrums durchzuschneiden. Maintenance lohnt sich da oft nicht, zumindest kurzfristig gesehen. Diese Vernachlässigung von Instandhaltung und Pflege zugunsten von Innovation ist auch ein geistiges Problem: Es zeugt von der „wachsenden Geringschätzung für das, was eine moderne Gesellschaft erst möglich macht“. Inzwischen hat sich die Bevorzugung von Innovation vor Maintenance auch strukturell manifestiert – und konfrontiert die deutsche Wirtschaftspolitik nun mit riesigen Investitionssummen.
Was passiert, wenn Maintenance vernachlässigt wird, zeigt auch die Broken-Window-Theorie, die einen Zusammenhang zwischen dem Verfall von Stadtgebieten und Kriminalität herstellt: Auf eine zerbrochene Fensterscheibe folgt schnell die nächste. Ähnlich verhält es sich mit dem Verfall von Brückeninfrastrukturen: Sobald eine Brücke ausfällt, werden die Brücken auf anderen Strecken stärker belastet und verfallen ebenfalls schneller. Kaputte Brücken sind wie eine „ansteckende Krankheit“.
Es ist an der Zeit, den Fokus wieder auf Maintenance zu richten. Aber das ist gar nicht so einfach, denn Maintenance-Tätigkeiten sind oft unsichtbar. Eine Reparatur ist dann gelungen, wenn man es ihr nicht ansieht. Es geht auch darum, „den Anteil der eigenen Arbeit unsichtbar werden zu lassen, keine Spuren zu hinterlassen“. Auch Infrastrukturen sind für die Öffentlichkeit meist so lange unsichtbar, bis sie nicht mehr tun, was sie eigentlich tun sollen – bis sie nicht mehr funktionieren.
Auch wenn es nicht so scheint: Kulturhistorisch haben wir die meiste Zeit damit verbracht, Strukturen, auf die wir uns seit Jahrtausenden verlassen, instand zu halten. So blieben unsere Straßen sicher, unsere Gebäude stabil und sauber, unsere Unternehmen produktiv, unsere Leben beschützt. Dass genau diejenigen Berufsgruppen, die das System gesund und am Laufen halten, häufig gesellschaftlich am wenigsten geschätzt und dazu oft auch am schlechtesten bezahlt werden, wissen wir spätestens seit der Coronapandemie.
Und obwohl unsere Gesellschaft digitale Technologien als Innovationen und Disruptionen feiert, besteht auch in diesem Bereich die meiste Arbeit aus Maintenance-Tätigkeiten: Es geht darum, sicherzustellen, dass alles läuft, den Bug im Code zu finden oder Sicherheitslücken zu stopfen.


Ein großer Teil der unbezahlt verrichteten Arbeit sind Maintenance-Tätigkeiten. Die deutliche Mehrheit der Care-Arbeit in Familien und im Haushalt – sowie des Mental Loads – liegt heute noch bei Frauen. Vielleicht konnte der wirtschaftliche und gesellschaftliche Fokus auf Innovation nur auf dem Rücken der unbezahlt verrichteten Care-Arbeit so lange erfolgreich sein.
Ein Gedankenexperiment: Wäre die Welt weniger kaputt, wenn wir uns nicht im Patriarchat befinden würden? Männer verursachen mehr Unfälle, sind öfter im Gefängnis, sie kosten mehr – ganze 63 Milliarden pro Jahr. Studien legen nahe, dass weibliche Führungskräfte in Unternehmen eher langfristige und strategische Investitionen tätigen und weniger risikofreudig sind als männliche Führungskräfte, die eher auf schnelle Gewinne und Innovation setzen. Damit bliebe theoretisch mehr Geld für die Sanierung und Instandhaltung des Bestehenden. Eine weibliche Perspektive würde unserer auseinanderfallenden Welt wahrscheinlich guttun.
In der heutigen Wegwerfgesellschaft ist der Gedanke, sich um etwas zu kümmern, etwas zu hegen und zu pflegen, zu reparieren, immer unwichtiger geworden. Doch wir merken: Es wird nicht ohne gehen. Komplexität braucht Zuwendung. Eine Maintenance Society nimmt deshalb sowohl die Erhaltung von Infrastrukturen als auch die Erhaltung sozialer Beziehungen in den Blick: Wir müssen uns auch als Gesellschaft umeinander kümmern.
Bei der gesellschaftlichen Dimension der Maintenance geht es gar nicht unbedingt um die Bildung enger Communitys oder die Renaissance traditioneller familiärer oder religiöser Strukturen. Sondern um eine grundlegende Rücksicht anderen gegenüber, eine gesellschaftliche Instandhaltung. Wichtig ist es, sich darauf verlassen zu können, dass die Fürsorge, die wir einander geben, erwidert wird. Dann können sich auch moralische Tugenden entfalten und das Vertrauen wachsen – sowohl untereinander als auch in soziale und politische Institutionen.
Nach langen Zeiten der Innovation, in denen nur die besten Ideen und die schönsten Dinge gefördert und gefeiert wurden und als die Welt grenzenlos erschien, sind wir nun im Age of Maintenance angekommen. Wir müssen Pflanzen und Tiere vor dem Aussterben retten, wir versuchen, bei den Klimazielen gerade noch die Kurve zu kriegen. Alles ist geprägt von dem Gefühl: Wir müssen uns zusammenreißen, damit wir nicht noch mehr kaputtmachen. Damit wir unsere Welt erhalten können.
Das ist kein rückwärtsgewandter Gedanke, sondern eigentlich ein zukunftsweisender – und vor allem ein zukunftsverantwortungsvoller. Während es bei Innovationen um die eigene Vormachtstellung im Wettbewerb der Zukunft geht, hat das Prinzip der Erhaltung die Zukunft der nächsten Generationen, der gesamten Gesellschaft, der ganzen Welt, im Blick. Damit entwickeln wir ein anderes Zeit- und Welt-Denken. Die Erhaltung unseres Planeten ist die ultimative Maintenance-Aufgabe.

Die Initiator:innen der Inner Development Goals (IDG) erkannten, dass wir unsere Nachhaltigkeitsziele nicht erreichen werden, ohne unsere inneren Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Aus diesem Grund wurde das Framework der Inner Development Goals entwickelt. – Ein Auszug aus dem Future:Guide Marketing
von Nina Weiss
15. Oktober 2024
„Wir haben heute die Grenzen rein externer, technokratischer Lösungen zur Lösung globaler, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme erreicht. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, braucht es einen inneren Wandel. Denn die tatsächlich größten Herausforderungen sind Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit.“
Diese Aussagen stammen von den Gründer:innen der Inner Development Goals, einer Initiative, die 2020 in Stockholm ins Leben gerufen wurde und innerhalb weniger Jahre zu einer globalen Bewegung wurde. Über 4.000 Wissenschaftler:innen, Expert:innen und Praktiker:innen waren daran beteiligt, darunter renommierte Professor:innen, Psycholog:innen sowie Wirtschaftsweise von MIT und Harvard wie Otto Scharmer, Robert Kegan, Peter Senge und Renée Lertzman.

Äußerer Wandel setzt inneren Wandel voraus. Die IDGs bieten ein Framework, das uns hilft, die für Transformation erforderlichen inneren Fähigkeiten besser zu erkennen, zu verstehen, zu kommunizieren, zu entwickeln und zu integrieren. Sie sind ein Skill-Set für alle, die an Transformation und Zukunft arbeiten: CEOs, Führungspersonen, Politiker:innen, Strateg:innen und Marketingverantwortliche.
Das Open-Source-Framework wird von über 3.000 Kollaboratoren ständig weiterentwickelt. Es besteht aus fünf Bereichen mit insgesamt 23 inneren Fähigkeiten, Kompetenzen und Qualitäten, die aufeinander aufbauen, aber auch einzeln betrachtet werden können. Diese Skills sind für die Bewältigung komplexer Herausforderungen und für die Gestaltung von Transformationen essenziell. Partner:inen der Initiative sind etwa die Universität Harvard sowie Firmen wie Google und IKEA. Der Zugang ist inklusiv gestaltet: Jeder kann mitmachen.
Die IDGs sind entscheidende Fähigkeiten, um Wandel zu gestalten. Dies gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern ebenso für Organisationen und besonders für Marken. Sie bieten eine Orientierung auf dem Weg zu mehr Impact und sind ein nützliches Tool für nachhaltige Markenentwicklung.
Ähnlich wie die SDGs aufzeigen, welche Wirkung ein Unternehmen nach außen hat, helfen die IDGs, zu verstehen, ob die inneren Werte eines Unternehmens zu dem passen, was es nach außen propagiert. Sie sind ein guter Gradmesser dafür, ob ein Unternehmen die nach außen kommunizierten Werte auch im Inneren lebt.
Marken können anhand der IDGs erkennen, welche Fähigkeiten schon in ihnen stecken und welche sich gut für die Kommunikation nutzen oder noch weiter ausbauen lassen. Marken, die noch am Anfang ihrer Transformation stehen, können mit den IDGs beginnen, vorhandene Potenziale und Blindspots zu analysieren und dadurch nächste Schritte identifizieren. Die IDGs zeigen Gestaltungschancen auf und können helfen, besser zu kommunizieren und langfristig erfolgreiche Strategien zu entwickeln.

Heute steht fest: Jedes Produkt und jeder Produktionsprozess hat Auswirkungen auf Mensch und Planet. Die Qualität und die Wirkung der Produkte bestimmen somit auch die Qualität der Marke. – Ein Auszug aus dem Future:Guide Marketing
von Nina Weiss
15. Oktober 2024
Die Reputation von Marken hängt immer stärker davon ab, welche Wirkung sie erzeugen. Egal ob eine Organisation ein nachhaltiges Geschäftsmodell hat oder nicht, im B2C-, B2B- oder Nonprofit-Sektor tätig ist – die SDGs (Sustainable Development Goals) dienen immer als oberste Benchmark. Sie sind das übergeordnete Ziel, an dem sich jede Organisation messen lassen kann.
Die SDGs, die 2015 von 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedet wurden, definieren die größten Herausforderungen unserer Weltgesellschaft. Jede Organisation kann analysieren, auf welche der 17 Ziele sie positiv oder negativ einwirkt. Überwiegen die positiven Effekte auf Gesellschaft, Umwelt oder Wirtschaft, sind dies starke Botschaften für die Marke.

Statt Nachhaltigkeit zählt künftig Impact: Es geht zunehmend um den tatsächlichen Einfluss, den Unternehmen auf die Welt haben. Unternehmens- und Markenstrategien müssen sich daher an den Sustainable Development Goals der UN orientieren.
Die Lebensmittelindustrie hat in den 80er- und 90er-Jahren mit qualitativ fragwürdigen Inhaltsstoffen und viel Geld für Werbung große Marken hervorgebracht. Milka zum Beispiel galt als unangefochtene Nummer eins. Dabei ist ihr Mutterkonzern Mondelēz gemeinsam mit Nestlé einer der größten Abnehmer von Risikogütern wie Kakao und Palmöl. Das macht sie für Waldzerstörung, Artensterben und Kinderarbeit entlang ihrer Lieferkette mitverantwortlich. Die Geschäftstätigkeiten der Marke Milka wirken sich nicht nur negativ auf Gesundheit (SDG 3) aus, sondern auch auf das Leben an Land (SDG 15), den Klimaschutz (SDG 13) und menschenwürdige Arbeit (SDG 8).
Wie man es besser macht, zeigen die Up- und coming Schokoladenmarken wie Tony’s Chocolonely und Fairafric. Beide Marken setzen sich aktiv für faire und umweltgerechte Bedingungen im Handel mit dem Rohstoff Kakao ein. Sie unterstützen die Anbauländer im globalen Süden, statt sie auszubeuten. Damit tragen sie zu nachhaltigem Konsum und Produktion (SDG 12), weniger Ungleichheiten (SDG 10) und der Bekämpfung von Armut (SDG1) bei. Für diese Unternehmen sind die SDGs fester Bestandteil der Marken-DNA.
Es herrscht die weit verbreitete Meinung, höhere Ziele stünden im Gegensatz zum vordergründigen Ziel: Verkaufen. Das entspricht nicht der Realität. Es geht vielmehr um eine Balance zwischen „Profit“ und „Planet“. Verbraucher:innen fordern Transparenz und auch der Druck von politischer Seite wird weiter erhöht. Lieferketten müssen zunehmend offengelegt werden und die Regularien des europäischen Green Deals nehmen zu. Es wird immer teurer, Schaden anzurichten. Auch Konzepte wie „True Costs“ – also die tatsächlichen volkswirtschaftlichen Kosten, die ein Unternehmen durch Umwelt- und Gesundheitsschäden verursacht – gewinnen Aufmerksamkeit.
Eine Unternehmens- und Marketingstrategie ist langfristig nur dann wirtschaftlich erfolgreich, wenn sie beides im Blick hat: Profit und Verantwortung.
Schon im Grundgesetz steht: Ein Unternehmen soll im Sinne der Gesellschaft handeln. Um diese Verantwortung kommen Unternehmen künftig nicht mehr herum. Indem sie einen Beitrag zur Lösung globaler Herausforderungen leisten, entsteht eine neue Form der Markenführerschaft.

Die Blütezeit des Marketings ist vorbei. Von KI-Bots über Content-Offensiven bis zum Einkauf von Influencer:innen – die digitale Welt hat die Optionen vertausendfacht, aber auch das Grundrauschen ins Unermessliche gesteigert. Wir werden von Markenbotschaften praktisch erschlagen. Markentreue schwindet. Das Misstrauen wächst. Wie kann eine zukunftsfähige Form des Marketing aussehen? – Ein Auszug aus dem Future:Guide Marketing
von Lena Papasabbas
15. Oktober 2024
Die Transformationen, Krisen und Umbrüche des 21. Jahrhunderts stellen Marken vor völlig neue Herausforderungen. Zwar wurden Marken schon immer von gesellschaftlichen Entwicklungen geprägt, diese waren jedoch meist evolutionärer Natur, wie die Digitalisierung, Globalisierung oder Individualisierung. Heute finden sich Marken in einem Umfeld, das geprägt ist von unberechenbaren Umbrüchen und Dynamiken. Es sind transformative Zeiten.
Während sich das gesellschaftliche Gefüge verschiebt, finden sich Unternehmen in einer Welt wieder, in der die Markentreue rasant schwindet – insbesondere bei den jüngeren Generationen. Das liegt zum einen an einem wachsenden Misstrauen gegen Unternehmen und ihren Marketingaktivitäten. Zum anderen an dem Überangebot an Markenerfahrungen, das die Menschen geradezu überflutet.
Immer häufiger treten neue, bewegliche Unternehmen auf den Markt (und verschwinden wieder), denen es gelingt, spezielle Bedürfnisse und Trends schnell und punktgenau zu besetzen. Je mehr die Bedeutung etablierter Marken bei der Kaufentscheidung sinkt, desto härter wird der Kampf um Aufmerksamkeit ausgefochten. Das meist auf immer mehr Kanälen und mit immer besserer Datengrundlage. Die Sorge, einen möglicherweise relevanten Kanal zu verpassen, nicht auf dem neuesten Stand der technologischen Möglichkeiten zu sein oder zu spät auf den nächsten Social-Media-Trend zu reagieren, wächst. Häufig führt das allerdings zu kurzsichtigen Reaktionen und nicht selten versanden Marketingbudgets wirkungslos im digitalen Raum.
Eine omnigechannelte Dauererregung und Reizüberflutung lassen vor allem die Masse an Marketingbotschaften weiter anwachsen – und damit auch die Skepsis und Genervtheit der Konsumierenden. Das Resultat ist eine steigende Immunität gegen Markenbotschaften und Werbeversprechen und ein Anwachsen der Kluft zwischen eigentlich gewünschten und tatsächlichen Kundenerfahrungen und -erlebnissen.
Guter Content gilt hier als die Superkraft im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Die Verbindung zu den Inhalten und dem eigentlichen Produkt oder der Dienstleistung wird immer loser und löst sich teilweise ganz auf. Viele Unternehmen tappen in die Reichweite-Falle: Selbst wenn die Kampagne auf YouTube oder Instagram viral geht, bleibt der mediale Erfolg häufig ohne echte ökonomische Wirkung.
Angesichts des dynamischen Spannungsfelds, in dem sich Marken heute bewegen, wird es immer schwieriger, die richtige Marketingstrategie zu finden. Trends lösen sich immer schneller gegenseitig ab. Oder sie werden von mächtigen Gegentrends sofort wieder überrumpelt. Die Datenberge zu Konsum- und Userverhalten wachsen, während technologische Möglichkeiten durch KI explodieren. Nie hatten Unternehmen mehr Möglichkeiten und Wege, herauszufinden, was „der Kunde“ will.
Doch die Zielgruppen-Analyse wird nicht selten zum Verhängnis. Zum einen sorgen KIs, ähnliche Datengrundlagen und Testing-Verfahren dafür, dass sich Markenwelten immer mehr ähneln. Zum anderen bleiben Menschen trotz aller KI und Big Data überraschend unberechenbar. In diesem Spiel gewinnt nicht selten, wer mutig vorangeht und etwas anderes wagt.
Große Erfolge haben zuletzt vor allem Marken gefeiert, die auf einem stabilen Wertegerüst aufbauen. Dass Haltung und Verantwortung für die Positionierung von Marken immer wichtiger werden, ist auch im Mainstream angekommen. Die eigene Marke mit Werten aufzuladen gehört inzwischen zum guten Ton. Doch auch hier führen angstgetriebene Überreaktionen zu einer Art „Purpose Overflow“: Kraftvolle Worte wie „Vision“, „Mission“ oder sogar „Liebe“ werden heute inflationär gebraucht. Purpose-Deklarationen gehören heute zum festen Teil eines jeden Unternehmensauftritts – und werden dadurch auch immer inhaltsleerer. Mehr als ein grüner – oder regenbogenfarbener – Anstrich steckt selten hinter den hochtrabenden Haltungs-Statements. Dabei ist eine konsequent gelebte Haltung der beste Schutz gegen Shitstorm und Imageverlust.
Der wahre Wettbewerbsvorteil für zukunftsfähiges Marketing ist nicht das neueste KI-Tool und auch nicht noch mehr Brand Awareness auf noch mehr Kanälen, sondern eine klare Vorstellung der eigenen Rolle im Kontext gesellschaftlichen Trend- und Wertedynamiken. Nur Unternehmen die ein konkretes Zukunftsbild in sich tragen, eine Vision von Zukunft in der sie selbst gestaltend teilhaben, können dieses authentisch nach außen (und nach Innen) vermitteln. Diese authentische Verbindung von Innen und Außen wird zur Hauptaufgabe des Marketing der Zukunft.
Um selbst als Akteure des Wandels zu agieren, brauchen die Brand- und Marketingmanager:innen von morgen sowohl ein tiefes Verständnis für die großen Transformationen unserer Zeit als auch der menschlichen Bedürfnisse und Vergemeinschaftungsprinzipien. Um die Rolle, die das eigene Unternehmen in diesen komplexen Veränderungen spielt und spielen möchte, zu identifizieren und konsequent zu verfolgen, hilft die Entwicklung einer langfristigen Meta-Strategie, die an bereits wirkende gesamtgesellschaftliche Transformationen anknüpft. Vier zukunftsweisende Meta-Strategien stellen wir in unserem Future:Guide „Marketing“ vor. Sie dienen als leitende Rahmenerzählungen und Anknüpfungspunkte für die Entwicklung der individuellen Marken- und Marketingstrategie.
Denn Marken müssen zukünftig ganzheitlich gedacht werden. Die Konsistenz von innen und außen einer Marke wird unabdingbar: Markenerlebnis und Unternehmensverhalten verschmelzen, die Führungskultur wird unmittelbar markenrelevant, Mitarbeitende werden zu Markenbotschafter:innen. Alles, was mit einem Unternehmen zu tun hat, zahlt auf eine universelle Markenerfahrung ein, die Menschen fühlen, erinnern und teilen. Als kollektive Idee und erlebbares Anliegen erzählt die Marke von morgen keine Vision mehr – sie ist selbst Teil der Transformation.

Mit dem „Future:Guide Marketing“ zeigen wir Wege für Marken von morgen auf. Durch umfassende Strategien, Impulse und Handlungsempfehlungen bietet diese Publikation eine Orientierung für Markenverantwortliche in einer Markenwelt im Umbruch.
In unserem Webinar vom 20. November 2024 geben wir Ihnen einen Einblick in unseren Future:Guide Marketing. In Form von Deep Dives tauchen wir gemeinsam mit Nina Weiss, Expertin für Transformations- und Impact Marketing, in verschiedene Bereiche nachhaltiger und transformativer Markenführung ein. Begleitet von zahlreichen Impulsen und Handlungsempfehlungen für die Praxis, bietet dieses Webinar diverse Ansatzpunkte für die Arbeit an und mit Ihrer Marke – auf dem Weg in eine lebenswerte Zukunft.

Melden Sie sich jetzt für unseren kostenlosen Future:Letter an, um die Aufzeichnung vom Webinar zu erhalten.
von Matthias Horx und Julian Horx (Illustrationen)
11. September 2024
In Zeiten der künstlichen Dummheit ist es wieder richtig und wichtig, radikal zu werden.
Radikalität heißt: Die Kenntnis der Wurzeln. Und die Verwurzelung des Denkens in der menschlichen Zukunft.

Ein Gespenst geht um in der ganzen Welt und weit darüber hinaus. Es spukt in unseren Köpfen und Seelen. Es lässt uns nicht ruhig schlafen. Es quält und verwirrt unsere Gedanken, unsere Unternehmen, unsere Gesellschaften, unser Mind.
Es ist das Gespenst der Künstlichen Intelligenz.
Auf unheimliche Weise scheint KI das Schicksal der ganzen Menschheit zu bestimmen. Sie saugt alles, was wir wissen, glauben und hoffen, in sich hinein. Sie enteignet die Gedanken, die Bilder, die menschlichen Gefühle. Sie stürzt uns in einen Strudel der Selbstabwertung, der gefühlten Unterlegenheit gegenüber des Digitalen.
Sie zerstört unsere Vorstellung von der Zukunft.
Doch jetzt ist es an der Zeit, diesen Zustand der Angst und Unterwerfung zu überwinden – und zu einer Expedition aufzubrechen, die uns zum Kern unserer Selbst-Verständnisses führt. Wir sind aufgerufen, neu zu verstehen, wer wir – als Menschen – sind. Und was Zukunft für uns bedeutet.

Was „kann“ Künstliche Intelligenz? Und was wird sie können, wenn sie noch viel „weiter“ ist?
Hier ist eine widerborstige These: Generative KI wird, wenn sie „perfekt“ und mit noch mehr Daten trainiert ist, weniger können als heute.
Generative Künstliche Intelligenz ist ein stochastischer Papagei, der immer nur nachplappert oder nachbildet, was bereits existiert. Dies führt zu einem evolutionären Paradox: Je weiter sich KI entwickelt, desto dümmer wird sie. Da die Ergebnisse der KI immer wieder in die KI-Systeme eingespeist werden, entsteht eine regressive Schleife: Das Wiederholte wird wiederholt, die KI wird mit ihren eigenen Produkten überfüttert. Das mündet in eine digitale Dekadenz. Eine Art Selbst-Kannibalisums.
Perfektion ist, im systemischen Sinn, anti-evolutionär. An einem bestimmten Punkt gibt es keine Überraschung der Wahrnehmung mehr. Überraschungen sind jedoch das, womit wir unsere Balance zwischen Chaos und Struktur bewahren. Der menschliche Geist generiert seine Energie über das Staunen. Das Erleben des Neuen und Zauberhaften.
„Die KI wirkt auf mich beruhigend dumm.“
– Helge Schneider, Komiker und Künstler

Generative KI drängt Kreative zu einer harten Selbstüberprüfung: Kann das, was ich herstelle, besser von KI erzeugt werden?
Die Frage klingt vernichtend. Sie hat aber auch einen befreienden Charakter, wenn man sie ehrlich stellt. Denn wenn wir durch die KI ersetzbar sind, heißt das, dass wir uns von der genuinen Kreativität entfernt haben. Wir sind in gewisser Weise selbst zu Maschinen geworden. Zu Anhängseln.
Dann ist es Zeit, neu aufzubrechen.
KI wird den Mainstream der kreativen Arbeit „vertilgen“ – und gleichzeitig aufblähen. Dies wird einen neuen Sektor der radikalen Mittelmäßigkeit erzeugen, in dem weder Löhne noch Honorare gezahlt werden, weil die KI alles übernimmt. Doch zugleich entsteht ein schnell wachsender neuer Markt, in dem die genuine Human-Kreativität wieder neu bewertet und gewürdigt wird.
Maschinen können Kombinationen finden. Materialien sichten. Aber sie haben keine „Wahrnehmungen“. Und sie verstehen nichts von Leidenschaften und Selbstvertrauen, den großen Treibern der Kreativität. All das können sie nur simulieren.
Zu den großen Eigenschaften des Menschen zählt die Wahrnehmung der Wahrhaftigkeit. Auch dafür gibt es einen Markt. Einen riesigen und wachsenden – wenn wir es richtig anstellen.
KI erlaubt es Verlagen, ohne Redaktionen auszukommen. Sie ermöglicht es, Kunst ohne Künstler:innen zu machen. Filme ohne Darsteller:innen zu produzieren. Bücher ohne Autor:innen zu schreiben.
Für die kommende Auseinandersetzung zwischen Mensch und KI wird es auf das Selbstbewusstsein der Kreativen ankommen. Und auf ihre Fähigkeit, ihre eigene Arbeit von der KI-generierten Reproduktion des Immergleichen zu unterscheiden. Mit Stolz in die Welt zu gehen. Und dabei auch die Möglichkeiten generativer Computersysteme zu nutzen, wo es Sinn macht.
„Das Trainingsmaterial der KI ist ein Spiegel der Menschheit“, sagt der Fotograf Boris Eldagsen, der 2023 die „Sony World Photography Awards“ mit einem KI-generierten Bild gewann – und den Preis ablehnte: „Damit zu arbeiten, ist spannend. Ich bin dann in meiner Rolle nicht mehr der Künstler, der ich vorher war (…) Jetzt bin ich der Dirigent, und mein Chor ist das Trainingsmaterial. Ich muss versuchen, damit etwas zu schaffen. Künstlerisch ist es eine tolle Zeit.“ (vgl. Buxmann/Schmidt 2024).

Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Jede dekonstruktive Dynamik bewirkt auch eine konstruktive Gegenbewegung.
Weil generative KI in eine Misstrauensschleife führt (Was ist wahr? Was ist echt? Was soll das?), sind wir mehr denn je auf persönliche Vertrauensverhältnisse angewiesen. Online-Inhalte verifizieren sich nicht mehr von selbst. Wir lernen aktuell, dass Bilder, Audio- oder Videoaufnahmen nichts wirklich zeigen und beweisen.
Deshalb wird es immer wichtiger, zu wissen, von wem eine Information kommt. Wer gepostet oder generiert hat. Es geht um die Intention menschlichen Verhaltens und weniger um die „Inhalte“ (die zunehmend assimilierte Formen sind).
Wir werden schnell ein Gefühl dafür entwickeln, was von KI produziert wurde und was nicht. Damit verbunden sein wird ein Gefühl der Fadheit, des Ekels – so wie unsere Vorfahren eine Abneigung gegen verdorbene Lebensmittel entwickelten. Der Hunger nach Echtheit, Wahrheit, Authentizität kehrt zurück.
Vertrauen ist ansteckend, es bildet seine eigenen, selbstverstärkenden Systeme. Darauf ist Verlass.

37 Parolen, Thesen und Gebote zur wahren Zukunft der Künstlichen Intelligenz und der menschlichen Kreativität.
von The Future:Project
28. August 2024
Kriege, Polarisierung, Hasskultur, Klimakrise. Die Zukunft sieht ganz schön düster aus. Manchmal fragen wir uns, kann eigentlich noch irgendwas die Zukunft retten? Wie ist das alles nur möglich, was uns jeden Tag verunsichert, ängstigt, irritiert, fertig macht?
Aber dann kippt etwas – und zwar innerhalb weniger Tage, wie zuletzt im US-amerikanischen Wahlkampf. Man nennt das einen „Semantic Shift“: Plötzlich sind Bedeutungen, die milliardenfach durch die Medien gegangen sind und sich in Abermillionen von Hirnen eingespeichert haben (Trump ist gefährlich, wir müssen uns fürchten, die Demokratie ist verloren, die Bösen gewinnen, man kann sowieso nichts machen…) umcodiert worden.
Manchmal ist ein einziges Wort entscheidend, um diesen Tipping Point herzustellen. Weird. Durch diese Vokabel erscheint Trump plötzlich nicht mehr als der dämonische Deutungsmächtige, Gefährliche, Unaufhaltbare. Sondern als der verrückte alte Narzisst, der er tatsächlich ist. Nicht für alle, aber für immer mehr Menschen findet hier ein Abschied vom Dämonischen statt. Und das ist mit viel Lachen und Freude verbunden.
Zuständig für diese erstaunliche Wandlung ist eine Zukunfts-Kraft, die sich spontan bilden kann, auch und gerade in einer Zeit der Omnikrise: Die Zuversicht. Während Hoffnung wartet, dass irgendwo „von oben” Erlösung kommt, ist die Zuversicht offen für das Staunen. Und im Staunen verwandeln wir uns selbst.
Momentum. Das ist ein Moment, in dem sich die Dinge neu, zum Zukünftigen hin, zusammenfügen. In der Systemforschung nennt man das Emergenz. Die überraschende Fähigkeit von Individuen, Gruppen, Gesellschaften, Organisationen, Kulturen, sich plötzlich spontan und kreativ zu verwandeln. Man kann die Welt zum Leuchten bringen, wenn man ihre in die Zukunft gerichtete Komplexität versteht. Wie der Komplexitätsforscher Neil Theise, Professor für Pathologie, Zen-Schüler und Pionier auf dem Gebiet der Plastizität adulter Stammzellen, in seinem Buch „Notes on Complexity” formulierte: „Komplexität hat das Potential, die ganze Welt von einer Wolke der Möglichkeiten in eine andere zu schieben.”
Um unser inneres Zukunftsmomentum zu finden, sollten wir zunächst unsere Mediengewohnheiten überprüfen. Was lesen wir, was sehen wir, was nehmen wir von der großen Welt um uns herum tatsächlich wahr? In einer Zeit, in der die Medien zu Verstärkern von Erregungen geworden sind, ist das eine entscheidende Frage. Wir alle leben inzwischen in einer kognitiven Blase, in der das Negative, Unlösbare überwiegt, einfach weil es mehr Aufmerksamkeit erregt. Das heißt nicht, dass das Schlechte nicht existiert. Aber wir werden es nur vom Besseren aus verändern können.
Das Gelingende wird ausgeblendet. Aber steht es wirklich so schlecht um unsere Welt? Geht wirklich alles den Bach herunter, auf unserem Planeten? Wir haben eine kleine Auswahl von Zuversichten zusammengestellt: Narrative, Fakten, Trends und Geschichten über unsere Welt, in denen das Bessere aufscheint. Das Momentum, in dem die Welt sich verwandelt.
1. Die Wale kehren zurück
Nach Jahrzehnten des Walfangs erholen sich die Bestände vieler Walarten wieder. Besonders erfreulich ist die Nachricht, dass die Population der Buckelwale in der Cumberland Bay auf den Südgeorgischen Inseln fast wieder auf das Niveau von 1904 angestiegen ist. Diese Entwicklung zeigt, dass Naturschutzmaßnahmen tatsächlich wirken und die Natur sich erholen kann. Ein Wal bindet während seines Lebens die gleiche Menge Kohlenstoff wie tausend Bäume. Das heißt, durch die Wiederherstellung der Walpopulation kann auch das Ökosystem der Meere wiederhergestellt und die Folgen des Klimawandels abgemildert werden.
Die Kosten für Solarenergie sind in den letzten Jahren dramatisch gesunken – allein von 2010 bis 2022 um fast 90 Prozent. Dies hat die Solarenergie zur günstigsten Stromquelle weltweit gemacht. Länder wie China, die USA und Indien investieren massiv in erneuerbare Energien, was den globalen CO2-Ausstoß langfristig reduzieren könnte.
Die Alphabetisierungsrate weltweit ist beeindruckend gestiegen. 1980 konnten etwa 68 Prozent der Weltbevölkerung lesen und schreiben, heute sind es 87 Prozent. Der Trend geht ganz klar in Richtung mehr Zugang zu Bildung für alle.
Dank globaler Initiativen und struktureller Veränderungen ist ein Ende des Hungers in Sicht. Organisationen wie die „World Central Kitchen“ leisten unermüdliche Arbeit, um Menschen in Not mit frischen Mahlzeiten zu versorgen. Diese und andere Maßnahmen könnten dazu führen, dass Hunger in naher Zukunft weltweit der Vergangenheit angehört.
Immer mehr Frauen sind in Parlamenten vertreten, und die Rechte queerer Menschen verbessern sich weltweit. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Anteil weiblicher Abgeordneter stetig erhöht, und zahlreiche Länder haben Gesetze verabschiedet, die die Rechte von LGBTQ+ Menschen stärken.
Wälder auf der ganzen Welt erholen sich. So gibt es heute in den USA mehr Bäume als vor 100 Jahren. Initiativen wie „Plant for the Planet“ pflanzen Millionen Bäume weltweit, was nicht nur zur Bekämpfung des Klimawandels beiträgt, sondern auch Lebensräume für unzählige Arten wiederherstellt.
Globalisierung und technologische Fortschritte haben die Welt näher zusammengebracht. Internationale Kooperationen und Initiativen fördern den Austausch von Ideen und Ressourcen, was zu einer besseren Bewältigung globaler Herausforderungen führt. In einer globalen Umfrage in 18 Ländern gab etwa die Hälfte der Befragten an, sich eher als Weltbürger:innen zu fühlen, denn als Bürger:innen ihrer Nation.
Innovative Lösungen helfen, mit extremer Hitze umzugehen. So entstehen etwa Gebäude, deren Fassaden nach dem Vorbild von Elefantenhaut gebaut werden, um die Hitze abzuhalten. In Afrika wächst ein Baumgürtel, der die Ausbreitung der Wüste aufhalten und das Klima stabilisieren soll.
Es gibt immer mehr Plattformen, die konstruktive Nachrichten verbreiten und positive Entwicklungen in den Vordergrund stellen. Portale wie „Reason to be Cheerful“ oder „Positive News“ zeigen, dass es zahlreiche Gründe gibt, optimistisch in die Zukunft zu blicken.
Welche Transformationen führen uns aus der Krise? In unserer neuen Meta-Studie „Omniskrise“ zeigen wir weitere konstruktive Wege in die nächste Gesellschaft auf.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Generative Künstliche Intelligenz kann heute Formen schaffen, die nicht von menschengemachter Kunst zu unterscheiden sind. Wird die Idee, nur der Mensch könne Kunstwerke schaffen, nun obsolet? Im Gegenteil.
23. Juli 2024
Dass Künstliche Intelligenz uns Menschen bereits in vielen Feldern überholt hat, von Sprachverarbeitung bis zu medizinischer Prognostik, ist längst ins kollektive Bewusstsein eingesickert. Doch wie steht es um die algorithmischen Fähigkeiten, etwas zu erschaffen, das seit jeher als genuin menschlich konnotiert ist – nämlich Kunst? Spätestens seit April 2023 scheinen sich auch hier die Grenzen aufzulösen. Damals erhielt der deutsche Künstler Boris Eldagsen den ersten Preis in der kreativen Kategorie der Sony World Photography Awards für ein ätherisches Schwarz-Weiß-Porträt zweier Frauen im Vintage-Stil. Er lehnte die Auszeichnung ab mit der Enthüllung, dass das Bild von einer KI erstellt wurde.
Seitdem nimmt die generative KI immer neue Meilensteine in Sachen Kreativität. 2024 präsentierte OpenAI zunächst sein Text-to-Video-Modell Sora (japanisch für „Himmel“): eine Bild- und Film-Schöpfungsmaschine, die als Midjourney, DALL-E und Co. um eine Bewegtbild-Komponente erweitert. Mit GPT-4o (nach „omni“, lateinisch für „alles“) folgte ein multimodales KI-Modell, das Bilder und Videos erkennen und produzieren kann. Die neuen KI-Tools bewirken eine radikale Demokratisierung der kreativen Fähigkeiten. So wie heute Jede und Jeder mit Hilfe von KI in Sekundenschnelle Aufsätze in Examensqualität produzieren kann, lassen sich im Handumdrehen fotorealistische Bilder und Videos erstellen.
Zugleich wirft dieser Siegeszug der Kreativ-KI grundlegende kulturelle Fragen auf. Verwandelt sich der Computer nun von einer rein rationalen Rechenmaschine zum kunstschaffenden „Wiederverzauberer“? Erweist sich womöglich das, was bislang als größte Schwäche der KI galt – das „Halluzinieren“ im Umgang mit Unsicherheit –, als ihre eigentliche Stärke, im fantasievollen Erschaffen von Texten, Bildern und Filmen? Jedenfalls scheint generative KI einer tief verwurzelten Vorstellung unserer Kultur zu widersprechen: dem Bild vom Künstler als einsamem Genie.
Generative KI nötigt uns zu einer Neubewertung unseres Kunstverständnisses – und unseres menschlichen Selbstbildes.
Kreative KI scheint auf radikale Weise zu bestätigen, was der französische Philosoph Roland Barthes den „Tod des Autors“ nannte. In seinem gleichnamigen Essay forderte er 1967 eine Abkehr von biografischen Interpretationen, da Kunst lediglich ein System von Zeichen sei. Die gesamte Philosophie- und Literaturgeschichte der 1960er- und 1970er-Jahre war geprägt von der Idee der Intertextualität, der zufolge jeder Text lediglich ein Mosaik aus bereits bestehenden Texten ist. Bringt KI nun einen zweiten „Tod des Autors“, indem sie zudem noch mit der traditionellen Idee bricht, dass ein Kunstwerk immer menschengemacht sein müsse?
Gegen diese Deutung spricht zunächst die Macht der Geschichte. Denn die Angst vor der Obsoleszenz menschengemachter Kreativität begleitete auch schon den Wandel vom Theater zum Film, vom Film zum Fernsehen, vom Fernsehen zu YouTube. Allesamt Medien, die heute ebenso lebendig sind wie die Fotografie, die ihrerseits schon von Photoshop, Digitalkameras, Smartphones, Internet oder eben KI abgelöst werden sollte. Weitet man den Blick, wird ersichtlich, dass und wie das Kunstsystem immer wieder seine Spielregeln an wandelnde soziale, politische und kulturelle Umfelder anpasst.
Allerdings hinterfragt „kreative“ KI nun unser tradiertes Kulturverständnis, das stark am Konzept der Originalität orientiert ist. Als „Kunst“ gilt das, was per se unerwartet und nicht mathematisierbar ist, was tradierte Muster durchbricht – selbst wenn man voraussetzt, dass jede Kulturproduktion immer auch eine Art Ideenrecycling ist.
KI-generierte „Kunst“ drängt uns dazu, die Funktion von Kunst grundsätzlich neu zu reflektieren.
Aus soziologischer Perspektive bildet Kunst ein eigenes Kommunikationssystem innerhalb der Gesellschaft. In seinem Buch „Die Kunst der Gesellschaft“ beschrieb Niklas Luhmann, wie einzelne Kunstwerke dabei als „Kompaktkommunikationen“ fungieren, die als Mitteilung von Information verstehbar sind: Die Formen eines Kunstwerks verdeutlichen, dass sie mit der „Absicht auf Information“ geschaffen wurden. Kunst provoziert also, indem sie ihr Beobachtetwerden schon einkalkuliert. Deshalb ist ein Großteil neuerer Kunst nur verstehbar, wenn man die Beobachtungsweise erkennt, mit der sie produziert wurde. Das gilt auch (und insbesondere) für objets trouvés wie Joseph Beuys’ Fettecke oder readymades wie Marcel Duchamps Pissoir.
Der Kern der Kunst ist also ihr absichtliches Verstandenwerdenwollen: Kunstwerke erzeugen Irritationen und regen zur Sinnsuche an. Kreativität besteht deshalb immer auch in der Verschiebung eines Rahmens, innerhalb dessen etwas wahrgenommen wird. Diese Dimension ist KI per se verschlossen, weil sie nicht sinnvoll verstehen kann, was sie produziert (oder was der Unterschied zwischen Fakt und Fiktion ist). Da KI Neues immer nur in bereits gegebenen Datenrahmen produzieren kann, bleibt ihr ein Denken outside the box, eine „domänensprengende Kreativität“, unzugänglich. Kunst braucht dagegen immer den humanen Kontext, um Kunst zu sein: Entscheidend ist die (menschliche) Konzeption – der (maschinelle) Output allein reicht nicht aus. Daher entsteht Kunst immer erst im Dialog, im menschlichen Verstehen mitgeteilter Informationen, das uns erlaubt, Kunst als solche einzuordnen, wertzuschätzen und mit Emotion aufzuladen.
KI kann dabei zwar behilflich sein, als ein Partner im künstlerischen Schaffensprozess, der Anreize gibt und zu neuen Ideen inspiriert. So sagten in einer Befragung unter professionellen Kreativen 86 Prozent, KI wirke sich „positiv auf ihren kreativen Prozess“ aus. Doch so wie KI die individuelle Kreativität fördern kann, verringert sie zugleich die kollektive Kreativität. So zeigen Studien, dass Kunstwerke, die mit Hilfe von KI produziert wurden, insgesamt gleichförmiger sind. Die eigentliche Quelle von Kreativität, Vielfalt und Originalität ist und bleibt also der Mensch – und gerade die „kreative“ KI verhilft alten romantischen Kulturbildern zu neuer Blüte.
Je mehr „KI-Kunst“ im Überfluss vorhanden ist und je deutlicher wird, dass dabei lediglich Variationen aus einem immer gleichen Pool erzeugt werden, umso wertvoller wird die einzigartige, hirn- und handgemachte Aus- und Aufführung menschlicher Kreativität. So wie „große Sprachmodelle“ à la ChatGPT die menschliche Superkraft der Begegnung stärken, fördert generative KI damit auch ein Wiederaufleben grundromantischer Kunst-Topoi. Von Aura und Emphase bis zur Idee des kreativen Genies, das bestehende Formen durchbricht und neue Paradigmen schafft:
Alles, was KI aufgrund ihrer kognitiven Limitierung nicht leisten kann, wird mit neuer Bedeutung aufgeladen. Damit sorgt KI gerade nicht für einen weiteren „Tod des Autors“ – sondern vielmehr für seine Wiederauferstehung.
Diese (Rück-)Besinnung auf das, was einzigartig und wahrhaft menschlich ist, auf den kreativen Sprung aus dem Nichts und auf das, was uns schön, moralisch, lustig, wertvoll erscheint, beinhaltet ein großes Potenzial der Rehumanisierung – und damit sogar die Chance für ein besseres menschliches Miteinander. Die eigentliche Zukunftsfrage lautet deshalb nicht: Kann KI Kunst? Sondern eher: Können wir Menschen KI? Sind wir in der Lage, KI konstruktiv zu nutzen, als Erweiterung unserer kreativen und sozialen Fähigkeiten? Nicht nur zu unserem jeweils individuellen Wohl, sondern im Dienste einer erstrebenswerten Zukunft, die uns allen zugutekommt? Erst mit diesem Mindset der „Human Digitality“ wird uns der Übergang in eine lebenswerte nächste Gesellschaft gelingen.
Wie sieht die wahre Zukunft der KI aus? Das KI-Manifest von Matthias Horx deckt Vorurteile und Glaubenssätze auf und zeigt, dass wir uns möglicherweise vor den falschen Gefahren fürchten.

37 Parolen, Thesen und Gebote zur wahren Zukunft der Künstlichen Intelligenz und der menschlichen Kreativität.