Humanistischer Futurismus

Wie die Zukunftsforschung wieder zu ihrer­ eigentlichen Bestimmung finden könnte.

Eine Zukunft, die auf uns zukommt wie eine rasende Lokomotive in einem Tunnel, macht ohnmächtig und passiv. Dabei bleibt Zukunft immer offen – weil Menschen durch ihre Entscheidungen, Handlungen, Zukunft erst produzieren. Es ist an der Zeit, Zukunftsforschung wieder auf ihre universalistischen, humanistischen Elemente zurückzuführen.

von Matthias Horx

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

Haben Sie irgendwo die Zukunft gesehen?

Ich meine: Die richtige Zukunft. Nicht nur Waldbrand, Artensterben, Krieg, Kulturkampf oder eine digitale Superintelligenz, die uns entweder umbringt oder von allen Übeln erlöst. Sondern eine Zukunft, die als Vorstellung eines Besseren dienen kann. Als Orientierung im Wandel der Zeit. 

Es sieht so aus, als ob uns diese Zukunft in dem rasenden Jetzt, in dem wir heute leben, verloren gegangen ist. Ähnlich wie die Politik, hat sich die Zukunft in zwei diametrale Lager aufgespalten, die einen Trichter der Unsicherheit hinterlassen:

  • Entweder wird Zukunft als naiver Technik-Utopismus verstanden, als Produkt technologischer Sensationen und digitaler Wunder: Mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz werden alle Probleme der Menschheit gelöst, Roboter übernehmen den Alltag, demnächst schrauben wir uns Sensoren ins Hirn, die uns hundertfach intelligenter machen, und bald schon leben wir auf dem Mars… 

  • Oder die Zukunft tritt uns als prophetische Untergangs-Dystopie gegenüber, in der die Apokalypse unausweichlich ist, ja längst schon begonnen hat: Alle Wälder werden brennen, Bürgerkriege die Städte zerstören, und der Meeresspiegel steigt auf die Höhe Kitzbühels…

 

Sinnlose Zukünfte

Während die Zukunft sich in zwei Unmöglichkeiten aufspaltet, wird sie gleichzeitig zu einem entleerten Klischee. Überall ist ZUKUNFT, immer groß geschrieben. Sie springt einem entgegen aus den Katalogen von Gebietskrankenkassen („Zukunft für Profis!“), aus den Image-Broschüren von Versicherungsunternehmen („Zukunft zählt“), sie prangt auf den Werbeplakaten in Tankstellen („Tanken Sie Zukunft!“) und auf Lastwagenplanen („Wir transportieren Zukunft!“). Illustriert wird das meistens mit Frauenköpfen, die sich in Pixel auflösen, oder blauen Bildschirmwelten – „irgendwas mit digital“. Menschen kommen in dieser Klischee-Zukunft allenfalls als lächelnde Datenträger vor. 

„Future is an Attitude“, lautet der Image-Claim einer großen deutschen Automarke. Eine doppelseitige Anzeige dazu zeigt einen metallisch glänzenden Boliden, ein phallisches, elektrogetriebenes Männergeschoss, in dem niemand zu sehen ist, vor einer einsamen Wüstenlandschaft. 

„Servus Zukunft“ dichtete eine Partei im bayerischen Wahlkampf. Servus heißt auf bayrisch auch „Auf Wiedersehen“.

Neben Greenwashing, Socialwashing und Purposewashing gibt es nun auch ein monströses Futurewashing.  

Die kognitive Krise

Zukunft ist immer eine Narration. Eine Erzählung, eine „Story“, die sich Menschen, Gesellschaften, Zivilisationen erzählen, und mit der sie sich „nach vorn ausrichten“. Zukunft ist eine Art Super-Mem, das in unseren Köpfen Sinn erzeugt. In der Epoche, die nun zu Ende geht, war die Narration des (linearen) Wohlstands oder Fortschritts ein verlässlicher Rahmen, der unsere Handlungen und Deutungen trotz aller Unterschiede und Konflikte synchronisierte. Doch die Zukünfte von gestern müssen nicht die Zukünfte von morgen sein. 

Wenn Gesellschaften – oder auch Individuen – ihre Zukunfts-Narrative verlieren, kommt es zu Regressionen, Aggressionen, Sinnkrisen und Kulturkämpfen. Genau das erleben wir heute, vor allem in den USA. Der größte Sehnsuchts-Trend unserer Zeit ist wahrscheinlich die Retrotopie: Alles soll wieder so werden wie „damals“. Viele Menschen sehnen sich nach einer Vergangenheit, in der zwar manches viel schlechter war, aber man davon keine Ahnung hatte. 

Zeit für neue Narrative

Kann die Zukunftsforschung solche erzählerischen Verankerungen bieten? Ja, aber sie müsste sich selbst verändern. Sie müsste aufhören, Zukunft primär aus den Perspektiven von Ökonomie und Technologie zu konstruieren – als großes Muss und Soll, als das, „an was wir uns anpassen müssen“. Sie müsste sich überhaupt von normativen Zukünften verabschieden, von belehrenden Prophezeiungen eines imaginären Endzustandes, nach dem Motto „Das kommt auf uns zu!“.

Eine Zukunft, die auf uns zukommt wie eine rasende Lokomotive in einem Tunnel, macht ohnmächtig und passiv. Sie handelt von Vorbestimmtheiten. Vom Unvermeidlichen, dem wir ausgeliefert sind. Damit ist die Zukunft schon verloren. Das Wesen der Zukunft ist aber, dass sie immer offen bleibt. Weil wir an ihr beteiligt sind. Weil Menschen durch ihre Entscheidungen, Handlungen, Zukunft erst produzieren.

Zukunft ist kein Trend. Sie ist auch keine fixierte Tatsache, oder „Prognose“. Sie ist eine Beziehung. Darum geht es in der neuen Zukunftsforschung: Unser Verhältnis zum Kommenden, im Sinne einer gestaltbaren Verbindung.

Was ist „Humanistischer Futurismus“?

Es ist an der Zeit, Zukunftsforschung wieder auf ihre unversalistischen, humanistischen Elemente zurückzuführen. Und sich wieder mehr dem Menschen und dem Menschlichen zuzuwenden, den Wünschen, Träumen und Hoffnungen, in denen sich die „Zukunft in uns“ spiegelt. Deshalb haben wir uns beim Future:Project dem humanistischen Futurismus verschrieben.

Humanistischer Futurismus… 

  • überwindet den engen Blickwinkel von Technologie und Ökonomie. Zukunft entsteht im Zusammenwirken von Kultur, Bewusstsein, Ökonomie und Technologie. Ohne ein Verständnis dieser Wechselwirkungen ist auch ein Verständnis von Zukunft nicht möglich.

  • beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von innerer und äußerer Zukunft (Bewusstsein und Welt): Wie entsteht aus gesellschaftlichen, ökonomischen, technischen und individuellen Prozessen die Wirklichkeit von morgen? Wie wirken aber auch Visionen, Utopien, Zukunfts-Narrative, mächtige Meme, auf die Wirklichkeit zurück?

  • sieht den Menschen als Zukunftswesen, das nach dem Anderen und Besseren strebt, ohne das Perfekte jemals zu erreichen. Menschliche Zukunft bleibt immer „Work in Progress“. Aber Fortschritt findet statt – trotz aller Rückschläge.

  • sieht sich als Advokat möglicher humaner Zukünfte, die er gegen menschenfeindliche Utopien und posthumanistische Exzesse verteidigen will.

     
  • ist dem neuen Langzeitdenken verpflichtet. Er verabschiedet sich vom „rasenden Jetzt“ und versucht, die langen Zeiträume unserer Existenz zu erforschen – auch in dem, was über unser persönliches Leben hinausreicht.

  • denkt (und fühlt) über die klassischen „westlichen“ Zukunftsmodelle hinaus. Er öffnet sich einem neuen Narrativ der evolutionären Menschheitsgeschichte, in dem sich verschiedene Kultur- und Zukunftsmodelle integrieren können.

  • entwickelt ein konstruktives Verhältnis zum Phänomen der Krise. Krise bedeutet, dass das Alte und das Neue in eine Dissonanz getreten sind, dass die alten Rahmungen nicht mehr mit den neuen Realitäten zusammenpassen – dass etwas Besseres entstehen muss. Das bringt Unruhe und Unsicherheit, aber wir können lernen, die Krise produktiv zu wenden und zu gestalten.

„Es ist nicht leicht, über die Zukunft zu sprechen, ohne gleich in Beschleunigungs-Hysterie oder in ein anderweitig apokalyptisches Fahrwasser zu geraten. Man kann sich auf die Zukunft nicht mehr verlassen. Man muss dafür sorgen, dass es überhaupt noch Zukunft gibt.“

Aleida Assmann, Kulturwissenschaftlerin