– Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.
7. November 2025
47 Likes für das Frühstücksfoto, 23 für das Workout-Video, aber nur zwölf für den Post über die berufliche Neuorientierung … Was sagen diese Zahlen über mich aus? In Millionen von Köpfen flackern solche Fragen täglich auf. Die sozialen Medien haben eine neue Form der Ich-Bestätigung geschaffen, die sich als „Profilizität“ beschreiben lässt: Unsere digitalen Profile sind zu einer zentralen Quelle unserer Identitätskonstruktion geworden.
Im Rahmen dieser Profilizität verbringen Menschen heute immer mehr Zeit damit, ihr Leben zu dokumentieren – manchmal mehr, als es zu leben. Jeder Moment wird gefiltert durch die Frage: Wie kommt das online an? Wie werde ich von anderen gesehen? Die digitale Selbstpräsentation erzeugt paradoxe Effekte: Nie waren wir vernetzter – und zugleich einsamer. Nie hatten wir mehr Möglichkeiten zur Selbstdarstellung – und sind unsicherer denn je, wer wir eigentlich sind. Nie konnten wir individueller sein – und verhalten uns dabei gleichförmiger denn je. Eine ganze Generation wächst auf im Modus der permanenten Selbstbeobachtung und dem unstillbaren Bedürfnis nach Resonanz.
Doch die Profilizität der sozialen Medien ist mehr als ein generationales Phänomen. Sie ist das Krisensymptom einer epochalen Veränderung, die unser Verständnis von Identität grundlegend wandelt. Denn aus den Überreizungen der Hyperindividualisierung, die sich in den digitalen Feedback-Logiken spiegeln, erwächst zugleich ein nächstes Ich-Verständnis. Dieses „nächste Ich“ löst sich von der Ego-Fixierung und richtet sich neu aus, indem es auf das Grundprinzip der Identitätskonstruktion zurückgreift: die fundamentale Verbundenheit des einzelnen Menschen mit den Um- und Mitwelten.

Wir leben in einer Zeit der immer weiter fortschreitenden Individualisierung, geprägt von hochgradiger Ich-Zentrierung und zunehmender Vereinzelung. Wer würde dieser Deutung widersprechen wollen? Nahezu alle soziologischen Analysen beschreiben die spätmoderne Gesellschaft als von radikaler Ich-Zentrierung geprägt – doch der digitale Medienwandel verändert diese Dynamik grundlegend. Und gerade dieser historische Medienwandel bewirkt nun einen epochalen Umbruch in der Menschheitsgeschichte.
Wir befinden uns mitten im Übergang von der modernen Gesellschaft zur neuen Netzwerkgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Im Zuge dieser Umwälzung, die von digitalen Kommunikationsmedien vorangetrieben wird, entstehen neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen – und damit auch ein neuartiges Verständnis von Individualität und Identität. Das kommende Leitbild der Identität entspricht dem Paradigma des Netzwerks: Das nächste Ich versteht sich weniger als atomare Einheit, sondern als etwas, das elementar eingewoben ist in größere Zusammenhänge.
Der Treiber für diesen Paradigmenwandel ist die zunehmende Krisensituation, in die das spätmoderne Ich im Zuge der digitalen Transformation geraten ist. Insbesondere der Siegeszug der sozialen Medien hat das persönliche Profil zur zentralen Bühne der Identitätsdarstellung und Resonanzgenerierung gemacht. Die Parole der Profilizität lautet: „Ich bin, was mein Profil an Feedback erzeugt.“ Die vielfältigen Auswüchse dieses Prozesses sind inzwischen überdeutlich und reichen weit über Social Media hinaus, bis in die Grundstrukturen der Gesellschaft. Immer deutlicher wird dabei: Die Ära der Hyperindividualisierung ist an einen Scheitelpunkt gelangt.
Diese Dynamik prägt nicht nur Social Media, sondern auch Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Denn im Kontext der Profilizität wird die eigentliche Sache weniger wichtig als ihre Kuratierung, Quantifizierung und Validierung. Deshalb dominieren Rankings, Ratings und Brandings heute zunehmend das gesellschaftliche Geschehen. Für die Art und Weise, wie wir Identität konstruieren, bedeutet das: Der Schein wiegt mehr als das Sein.
Die Ausrichtung auf maximale persönliche Performanz umfasst auch die Anpassung an die Logik der Algorithmen, die unsere individuellen Befindlichkeiten, Sorgen und Wünsche immer granularer ansteuern können. Paradoxerweise fördert jedoch gerade diese persönliche Zurechenbarkeit auch eine De-Personalisierung: Denn smarte Algorithmen adressieren ja nicht das „In-dividuum“, sondern das „Dividuum“: das, was teilbar, quantifizierbar und statistisch verwertbar ist. So wird die einzelne Person zunehmend zur austauschbaren Adresse. Die digitale Wirtschaft befeuert die Hyperindividualisierung – und entwertet dabei zugleich die individuelle Persönlichkeit.
Die Spannungslinien der Profilizität machen deutlich: Die Hyperindividualisierung hat sich ihre eigene Krise geschaffen. Die Folge ist ein wachsendes Unbehagen an den digital befeuerten Ich-Überreizungen, das schon länger im öffentlichen Bewusstsein gärt – und nun zunehmend an einen Kipppunkt gelangt. Was aber folgt auf diesen Exzess der Individualisierung? Was kennzeichnet das „nächste Ich“, das aus dieser Krise erwächst?

Je spürbarer die Nebenwirkungen der Profilizität werden, umso stärker wächst die Sehnsucht nach echter Verbundenheit – nach Zugehörigkeit zu etwas, das über das eigene Ich hinausreicht. So mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Ära der „Singularität“ an ein Ende kommt – jene Epoche, in der sich Gemeinschaften vor allem um Lifestyle-Entscheidungen bildeten, nicht um gemeinsame Identitäten und Anliegen.
An die Stelle der postmodernen Ich-Inszenierungen tritt ein neuer Fokus auf Verantwortung und Widerstandskraft. Diese Abkehr vom ewigen Tanz ums eigene Ich ist der erste Schritt in Richtung eines nächsten Identitätsverständnisses. In ihrem Kern steht die Erkenntnis der Interdependenz, der wechselseitigen Abhängigkeit. Die Entfaltung des nächsten Ich zeigt sich vor allem in drei ineinandergreifenden kulturellen Bewegungen:

Ob im Zusammenspiel mit anderen Individuen, mit unseren ökosystemischen Um- und Mitwelten oder mit Computern und Algorithmen: Das „nächste Ich“ folgt dem Leitprinzip der wechselseitigen Abhängigkeit. Es reflektiert und kultiviert die Einbindung in größere Kontexte und Dimensionen. Der gemeinsame Nenner besteht in der komplexen Synthese: In der nächsten Gesellschaft beruht die Ausbildung von Identität und Individualität auf neuartigen Kombinationen, die Widersprüchliches auf höheren Systemebenen zusammenführen.
Damit wird ein weiteres Kapitel in der Geschichte der menschlichen Identitätsbildung aufgeschlagen. In der Vormoderne basierte das Ich auf rollenkonformem Gehorsam. In der Moderne strebte es nach Authentizität und Nichtkonformität. In der Postmoderne regierten Performanz und Profilizität. In der nächsten Gesellschaft werden diese historischen Konzepte nun zu einer neuen Synthese kombiniert: Das nächste Ich entfaltet sich nicht mehr in Abgrenzung zur Welt. Sondern in bewusster Koexistenz mit ihr.

Wann ist KI eine Wundermaschine – und wo stärkt sie die menschliche Weisheit? Im dritten Teil seiner KI-Reihe nimmt Matthias Horx verschiedene Gegenprognosen zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz in den Blick und zeigt, wo sich bereits konstruktive Zukunftspfade dieser Technologie abzeichnen.
Teil 1: Das KI-Gespenst. Wie ein Dämon uns in die Irre führt. Ein Rant (Wutanfall).
Teil 2: 8 Prognosen zur Zukunft der KI.
von Matthias Horx
10. November 2025
Ein einzelner Mensch kann eine ganze Firma führen UND gleichzeitig betreiben. Das One-Person-Superunternehmen ist möglich. Das bietet Chancen für Newcomer, Aufsteiger, Innovateure, Verrückte, Genies, die sonst kein Kapital bekommen würden. Aber auch Fanatiker und Hasardeure oder Hypernarzissten können nun leichter die Welt verderben.
In der Molekularbiologie, der Steuerungstechnik, in der Simulationstechnik (Stichwort Digital Twins) gibt es gewaltige positive Anwendungsbereiche. Also eher dort, wo KI nicht GENERATIV ist, sondern im Hintergrund steuert, rechnet, vergleicht und sortiert, also eher ein Expertensystem ist.
Man denke an die „Lesung“ der Pergamentrollen der Villa dei Papiri in den Ruinen der antiken Stadt Herculaneum. Dort wurde beim Untergang durch den Vulkanausbruch im Jahr 79 a.d. eine der größten Privatbibliotheken der Antike zerstört. Die verkohlten Schriftrollen können heute mit Hilfe von KI teilweise reproduziert werden. Auch in ökologischen Anwendungen kommt KI deutlich in den Win-Win-Bereich: Etwa bei Recycling von Müll in Richtung von Cradle-to-Cradle-Systemen. Oder in der Koordination komplexer Energieinputs und -outputs in einem stabilen regenerativen Energiesystem.
Ein Beispiel aus Kolumbien: Mercedes Bidart, Leiterin der Entwicklungs-Organisation Quipu, erklärte, dass rund ein Drittel des BIP des Landes auf Kleinstunternehmen ohne Bankkonto entfällt. Viele dieser Unternehmer:innen würden sich über einen Kredit freuen, um von der Straßenecke in ein echtes Geschäft umzusteigen, aber keine Bank würde einen Risikogutachter schicken, um mit einer Frau zu sprechen, die an einem Stand Tamales (Gericht aus Maisteig) verkauft. Quipu baute ein System auf, das wie eine App funktioniert: Kleinunternehmer, auch die am Straßenrand, können Fotos ihres Geschäfts einschicken und davon erzählen. Eine KI trifft unter den tausenden von Einsendungen eine Vorauswahl, wer für Kredite in Frage käme.
In einigen Bereichen kommt die Mensch-Maschine-Problematik stärker zum Vorschein, kann jedoch auch leichter gestaltet werden. Nehmen wir die Medizin: KI-Systeme sind oft besser im Diagnostizieren als Ärzte. Kein Wunder: Geschulte Systeme haben weitaus mehr Diagnosen eingelesen als jeder Arzt kennen kann.
Allerdings liegt hier auch eine entscheidende Problematik im Wesen des Menschen: Symptome sind oft unscharf, vielschichtig und psychologisch verwoben. Ob etwas schmerzt und WIE es schmerzt und sich anfühlt, bleibt ein Rätsel, das man leichter mit einem analogen Hirn lösen kann. Manchmal findet man (Mensch) die richtige Diagnose nur durch zahlreiche Kommunikations-Umwege im Patientenkontakt. KI versagt im Medizinsektor eher dort, wo das radikal Subjektive ins Spiel kommt. Heilung und Gesundung haben immer auch etwas mit menschlicher Begegnung zu tun, mit menschlicher Ermutigung, die der Heilende dem Kranken auf den Weg gibt.
Trotzdem können medizinische Bots sinnvoll sein, wo es darum geht, Gesundheit zu erhalten, zu monitoren und zu „coachen“. In Japan sind sprechende Medizin-Bots bei älteren Menschen, die einsam leben, eine wichtige Lebensverlängerung. Die ständige Ansprechbarkeit, die Lernfähigkeit von Medic-Bots, kann Lücken ausfüllen, in die das Gesundheitssystem nicht mehr hineinkommt (vgl. New Yorker 2025).
In der Bildung hängt die Zukunft der KI von der Frage ab, ob wir in der Lage sind, ein Bildungssystem der Meta-Pädagogik zu erschaffen. Mehr als Anleitung zum Weiterdenken und Höherfühlen, weniger zum Wissenserwerb. In diesem Bildungssystem müsste es um die höheren kognitiven Kompetenzen gehen – um das, was Menschen kreativ, autonom und sinnlich kompetent macht. Heutige Pädagogik ist immer noch nahe am „Einfüllen“ von Wissen in junge Köpfe. Wie heißt es so schön: Je mehr Unterricht, desto weniger wird gelernt.
Die Ansätze der Reformpädagogik, deren Wurzeln bis ins vorletzte Jahrhundert reichen, sind dabei nützlich. Lehrer:innen werden immer unwichtiger. Und gleichzeitig immer wichtiger. Das ist das eigentliche Bildungsparadox unserer Zeit.
Die KI fordert den Bildungssektor heraus, sich neu zu erfinden. Auf die harte Tour.

Der Future:Guide Bildung von Stephanie Wössner greift zentrale gesellschaftliche Transformationen auf und zeigt, wie Bildung als Schlüssel zur Gestaltung der nächsten Gesellschaft fungieren kann.
All das passiert gleichzeitig, parallel zueinander. Genau das ist der Grund, weshalb es über die KI keine endgültige Diagnose oder Meinung geben kann. Auch keine exakte Prognose im Sinne vollständiger Voraussicht, „wie es werden wird“. Die Auseinandersetzung der humanen Kultur mit der KI ist ein andauernder, tastender Prozess, bei dem wir dringend mehr menschliches Selbstbewusstsein brauchen. Um daraus einen Selektionsprozess für das Gute und das Bessere zu entwickeln, müssen wir geistig, emotional und mental die Treppe der Evolution eine Stufe höher gehen. Oder besser gleich mehrere.
Die Auseinandersetzung der humanen Kultur mit der KI ist ein andauernder, tastender Prozess, bei dem wir dringend mehr menschliches Selbstbewusstsein brauchen.
Die Gartner-Kurve, ein Analyse-Instrument der gleichnamigen Beratungsgesellschaft, gilt als das Nonplusultra der Technologie-Prognostik. Sie ist gerade in Bezug auf die KI-Entwicklung von großer Bedeutung. Die Kurve ordnet Technologien auf einer Linie von Hype-Faktor durch das „Tal der Enttäuschung“ bis hin zu den realen Anwendungsmärkten. Hier die Gartner-Kurve für KI 2024:

Auffällig ist bei diesen Kurven, dass in linearer Weise immer nur Teiltechnologien aneinander gereiht werden. Das Prognose-System ist, im Kontext human-technischer Adaption, unterkomplex. Das ändert sich auch nicht, wenn man längere Zeiträume ins Auge nimmt:

Hier geht es um 2- 5-10-Jahre-Prognosen. Aber alles scheint noch in weiter Ferne. Seltsam: wird uns nicht täglich von den sagenhaften Erfolgen der KI berichtet, behauptet, dass KI überall schon in Unternehmen verbreitet ist, Alles schon „läuft“, und zwar „immer besser“?
Vielleicht sieht die Kurve in ihrem Verlauf ganz anders aus. Das hier wäre meine Kurve:

Ich vermute, dass die KI den Pfadverlauf linearer Technik-Entwicklungen sprengen wird. Sie wird zu einer Menge Enttäuschungen führen, freigelegten, „nackten“ Hypes. Aber auch zu enormen Positiv-Effekten an Stellen, wo man sie heute nicht vermutet. KI ist eine Überraschungsbox, eine Wundertüte, eine Pralinenschachtel ganz im Sinne von Forrest Gump (oder war es seine Mutter?). Eine Rollercoaster-Technologie. Man könnte aber auch sagen: Ein Dauer-Hype mit Ausschlägen in die bessere Welt.
KI ist alles mögliche:
Ein Dreikörperproblem, das nicht zu lösen ist. Oder eine Synthese von Widersprüchen, die auf Umwegen in die Zukunft führt.
Jede fundamentale Technologie fordert unsere gewachsenen Weltkonstruktionen heraus. Sie zwingt uns zu inneren und äußeren Veränderungen. Zur Reflexion unserer Vor-Stellungen, Selbst-Bilder und Selbst-Konstruktionen, die zu Gewohnheiten und starren „Mentalitäten“ geworden sind.
Sie zeigt das Innere und das Äußere.
In einem neuen Licht.
KI kann unsere Welt verbessern, wenn sie uns anregt, die UNTERSCHIEDE zwischen Mensch und Maschinen deutlicher wahr-zunehmen – Das HUMANUM und das TECHNIUM zu differenzieren. Jene menschlichen Eigenschaften weiter zu entwickeln, die eben NICHT von KI übernommen werden können.
„The technological sublime helps us grasp the power of what we’re creating – but at a cost.“ – Rothman, 2025
„Some people worry that artificial intelligence will make us feel inferior. But then, anybody in his right mind should have an inferiority complex every time he looks at a flower.“ – Alan Kay, Erfinder des modernen Computer-Interfaces
Ich gehöre zur vierten Kategorie, den Bloomern. Es muss blühen, um fruchtbar zu werden. Aber wir müssen auch jäten und pflegen. Wir sind die Gärtner der Zukunft. Es wird hart und mühsam, und manchmal spielen das Wetter oder der Zufall nicht mit. Aber es wird trotzdem eine Ernte geben.
PS: Dieser Text wurde mit nur geringer Hilfe von KI erzeugt (für Übersetzungen). Die KI gibt immer nur Antworten. In Richtung Zukunft geht es aber um die besseren Fragen.
37 Parolen, Thesen und Gebote zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz und der menschlichen Kreativität.
Praxisorientierte Workshops zur Künstlichen Intelligenz und digitalen Transformation für Ihr Unternehmen – mit den Expert:innen aus dem Netzwerk von The Future:Project.
Finden Sie inspirierende Vorträge über die Human Digitality und die Zukunft der Künstlichen Intelligenz.
Im zweiten Teil seiner neuen Artikel-Reihe über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz stellt Zukunftsforscher Matthias Horx acht Prognosen über den Fortgang der disruptiven Technologie auf.
Teil 1: Das KI-Gespenst. Wie ein Dämon uns in die Irre führt. Ein Rant (Wutanfall).
von Matthias Horx
4. November 2025
Stellen wir uns vor, zwischen Mensch und Maschine, oder Kultur und Technologie, gäbe es eine Art intimer Beziehung. Das TECHNIUM (ein Begriff des amerikanischen Zukunftsforscher Kevin Kelly) würde mit dem HUMANUM in einem wechselseitige Anpassungs- und Evolutionsprozess stehen. Einer „verschränkten Adaption“, ähnlich wie bei erfolgreichen Paaren.
In der Geschichte haben disruptive Technologien zunächst viel Unheil in menschlichen Verhältnissen angerichtet. Besonders, wenn sie die medialen Systeme betrafen. Die Erfindung des Buchdrucks hat keineswegs direkt in die Bildungsgesellschaft geführt, sondern zunächst die Kriege Europas zu schrecklichen Gräueltaten angefacht. Es dauerte Jahrhunderte, bis daraus aus der Reproduktion von Texten ein „lesendes Bildungssystem“ wurde. Die Dampfmaschine zerstörte gewachsene Lebens-Strukturen der agrarischen Gesellschaft und stürzte ganze Bevölkerungsgruppen ins soziale Elend. Es dauerte Jahrhunderte, bis daraus eine Wohlstands-Welt wurde, in der die Menschen nicht nur Maschinensklaven sind, sondern auch am Fortschritt teilhaben können.
Disruptive Technologien wie die Künstliche Intelligenz sind zunächst ein Nullsummenspiel, in dem die Nachteile die Vorteile überwiegen. Durch die menschliche Kultur, durch humanes Wirken und kulturelle Adaptionen, werden sie aber irgendwann zu Nichtnullsummenspielen. Zu Win-Win-Verhältnissen.
Das ist der grosse Auftrag an unsere menschliche Zukunft: Die KI zähmen und sie in die menschliche Kultur einfügen. Sie „zivilisieren“. Dass wir uns dabei selbst verändern müssen, liegt auf der Hand. Die Frage lautet aber: geschieht dies, indem wir uns dem Maschinellen anpassen? Oder indem wir unsere Menschlichkeit neu entdecken und formen?
Dieser ganze Prozess wird, so sagen es uns historische Erfahrungen mit Querschnitts-Technologien, mindestens ein Vierteljahrhundert dauern. Und ja: es wird mühsam. Aber auch spannend. Und erhellend. Es geht um die Zukunft an sich. Im menschlichen Sinn.
„Ich möchte, dass die KI meine Wäsche und mein Geschirr wäscht, damit ich Kunst machen und Schreiben kann. Nicht, dass KI meine Kunst und mein Schreiben übernimmt, damit ich meine Wäsche und mein Geschirr mache.“Joanna Maciejewska, Autorin und Videospiel-Spezialistin
„Wir sollten kein Prompting lehren. Sondern das Beurteilen von Resultaten.“gefunden auf Substack
Die ungeheuren Investitionen, die heute zum Aufbau der KI verwendet werden, zielen vor allem auf das Versprechen der Effizienzgewinnung in Unternehmen und Organisationen. Um den „Pferdefuß“ zu verstehen, ist es jedoch wichtig, den Unterschied von Effizienz und Effektivität zu kennen.
Effizienz ist ein Prozess, bei dem man mit geringeren Mittel mehr aus einem Teilsystem herausholt. Die Buchhaltung, in der früher 100 Mitarbeiter:innen arbeiteten, wird durch 10 „Botdompteure“ extrem effizient gemacht. Der Aussendienst, diese Schnarchnasen, werden durch Search-Bots im Internet ersetzt, die automatisch Bestellungen schicken und abwickeln. Keine menschliche Handlung mehr nötig. Wahnsinnig viel Geld gespart.
Soviel die Theorie.
Die Praxis sieht aber anders aus, weil sie komplexer ist.
Während Effizienz die Energiedichte eines Teilbereichs benennt, beschreibt Effektivität die innere BALANCE eines Gesamt-Systems. Das Zusammenwirken der einzelnen Teile für das gemeinsame Ziel, einschließlich der daraus resultierenden Aussenbeziehungen. Effektivität regelt durch Feedback-Loops die Prozesse des Systems immer auf die richtig synchronisierte Geschwindigkeit herunter. Man kann es mit einer „Ökologie“ vergleichen: In einem Biotop kooperieren alle Organismen mit- und gegeneinander und gleichen dadurch das Gesamtsystem aus. Wenn eine Spezies „übereffektiv“ wird, kann das ganze System aus der Balance geraten (dann entstehen neue Feedback-Loops des Ausgleichs).
Unausgereifte und „grob“ eingesetzte KI-Technik kann zu unzähligen Schnittstellen-Problemen in den Gesamtabläufen eines Unternehmens führen. Ein Unternehmen, dessen Vertrieb optimiert ist, das aber nicht liefern kann, weil die Fabriken veraltet sind, wird nicht weit kommen. Leicht kann es passieren, dass man einen Großteil der Kunden verliert, wenn man die gesamte Kommunikation auf Bots umstellt. Dann kommt es zu Kaskaden von Beschwerden und Reklamationen, die durch teure menschliche Mitarbeiter ausgebügelt werden müssen. Das System wechselt von KOMPLEX zu KOMPLIZIERT.
Viele KI-Anwendungen erzeugen auch Aversionen. Kunden wollen menschlichen Kontakt. Auch in Zukunft. Mitarbeiter:innen wollen nicht für ihre Selbstabschaffung zwangsrekrutiert werden. Deshalb gibt es in vielen Unternehmen massive interne Widerstände. Brachial eingeführte KI führt oft zu einer Krise der Firmenkultur, die nun keinen Rhythmus, keinen „Einklang“ mehr findet. Alle müssen nun gegeneinander konkurrieren, um sich selbst im Zeichen der Effizienz abzuschaffen.
Der Gott des Chaos betritt die Bühne.
Und bleibt dort sitzen.
Bis er alles auseinandergenommen hat.
„Die erste Regel für jede in einem Unternehmen eingesetzte Technologie lautet: Die Automatisierung eines effizienten Betriebs steigert die Effizienz. Die zweite Regel lautet: Die Automatisierung eines ineffizienten Betriebs steigert die Ineffizienz.“Jaron Lanier, amerikanischer Informatiker und Künstler
PS: Dieser Text wurde mit nur geringer Hilfe von KI erzeugt (für Übersetzungen). Die KI gibt immer nur Antworten. In Richtung Zukunft geht es aber um die besseren Fragen.
Im dritten Teil seiner KI-Reihe nimmt Matthias Horx Gegenprognosen zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz in den Blick und zeigt, wo sich bereits konstruktive Zukunftspfade dieser Technologie abzeichnen.
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Je stärker Künstliche Intelligenz unsere Welt durchdringt, umso wichtiger wird auch die humane Intelligenz – als zentrales Gut für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft.
von Paulina Plinke
20. Mai 2025
Im Zeichen der Omnikrise, am epochalen Umbruch zu einer nächsten, hypervernetzten Gesellschaft, nehmen Verknüpfungen und Abhängigkeiten rasant zu. Die Spannungsverhältnisse zwischen Trends und Gegentrends werden zahlreicher und dynamischer – und lassen neue, zukunftsweisende Transformationen entstehen. Die Transformation zur Human Digitality beschreibt dabei eine nächste Evolutionsstufe der Digitalisierung, die neue humandigitale Gestaltungsräume eröffnet.
Ein zentrales Element ist dabei das Human-Machine Teamplay, das konstruktive Miteinander von menschlicher und Künstlicher Intelligenz. Um dieses Zusammenspiel optimal zu gestalten, braucht es zunächst ein umfangreiches Verständnis für die Unterschiede zwischen der humanen und der maschinellen Intelligenz. Dies gilt umso mehr in einer Welt, die zunehmend von KI durchdrungen ist – und in der die Leistungsfähigkeit von KI-Systemen mit rasanter Geschwindigkeit zunimmt.
Von Albert Einstein soll das Zitat stammen: „Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat.“ Tatsächlich liefert die Kreativität einen wichtigen Hinweis auf die elementaren Unterschiede zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz. Während KI-Tools wie ChatGPT automatisiert nach bestimmten Regeln und Mustern Inhalte generieren, also gewissermaßen „spaßfrei“, ist der Mensch in der Lage, Neues auf intrinsische Weise zu kreieren. Genau diese Komplementarität kann neue Möglichkeitsräume und zukunftsweisende Synergien eröffnen – überall dort, wo menschliche Fähigkeiten durch KI nicht ersetzt, sondern ergänzt werden.
Vielversprechende Ansätze für diesen sinnorientierten Einsatz von KI-Tools zeigen sich zum Beispiel im Bereich der Bildung: Unter den Vorzeichen der Human Digitality kann KI mehr Raum schaffen für Kreativität und personalisiertes Lernen nach individuellen Bedürfnissen – und damit auch die Kultivierung höherer kognitiver Fähigkeiten fördern. In dieser Entfaltung persönlicher Potenziale liegt die Zukunft der Bildung, die vom Human-Machine Teamplay unterstützt wird.
Die menschliche Intelligenz verliert dabei keineswegs an Relevanz, im Gegenteil: Als kontrollierende Instanz wird sie unverzichtbarer denn je. Dazu tragen auch neue Erkenntnisse aus dem Bereich der Intelligenzforschung bei, die nicht nur tiefere Einsichten in unser Denken und Handeln ermöglichen, sondern auch wichtige Potenziale für gesellschaftliche Orientierung und Zukunftsgestaltung aufzeigen.
Besonders vielversprechend erscheint dabei das interdisziplinäre Forschungsfeld der Network Neuroscience, das sich in den vergangenen Jahrzehnten etabliert hat. Ziel ist es, die Struktur und Funktion des menschlichen Gehirns besser zu verstehen, indem es als komplexes Netzwerk miteinander verbundener Knotenpunkte betrachtet wird – auch mithilfe von Verfahren des maschinellen Lernens: ein praktisches Beispiel für das Human-Machine Teamplay. Die Erkenntnisse der Network Neuroscience eröffnen neue Zugänge zu unseren kognitiven Fähigkeiten, mit denen wir unsere Zukunft maßgeblich prägen.
In einer vernetzten Welt wird es dabei immer wichtiger, menschliche Intelligenz nicht nur als individuelles Merkmal zu verstehen, sondern als eine kollektive Ressource. Diese Wirkungskraft ist bisher noch nicht annähernd erschlossen. Je mehr es daher künftig gelingt, dieses mächtige Potenzial zu entfalten, auch durch eine humandigitale Bildung, umso wirkungsvoller werden wir die menschliche Intelligenz als gestaltende Kraft und Zukunftsressource nutzen können.

Das KI-Manifest von Matthias Horx ist ein Plädoyer für den humanistischen Futurismus. Es deckt Vorurteile und Glaubenssätze auf und zeigt, dass wir uns möglicherweise vor den falschen Gefahren fürchten.
Die Zukunft des Lernens beginnt nicht allein durch die Digitalisierung, sondern durch eine humanistische Ausrichtung der Bildungslogik. Ein Ausblick in das Zeitalter menschlicher Digitalität und eine human-digitale Bildung.
23. April 2025
Wenn es um Bildung in einer sich rasant verändernden Welt geht, fällt ein Begriff zuverlässig zuerst: Digitalisierung. Sie steht für technischen Fortschritt, neue Möglichkeiten, Effizienz und digitale Lernräume – und die Hoffnung, das Bildungssystem endlich ins 21. Jahrhundert zu holen. Ob KI-gestützte Lernplattformen, Tablets im Unterricht oder automatisierte Leistungsanalyse: der Trend zur digitalen Transformation ist allgegenwärtig. Die Vision klingt modern, adaptiv, zukunftsfest.
Doch gerade in dieser Dynamik zeigt sich ein wachsendes Bedürfnis nach etwas anderem. Ein Gegentrend tritt auf den Plan: Humanität. Eine Bildung, die sich nicht in Technik verliert, sondern den Menschen – seine Bedürfnisse, Potenziale, Beziehungen und Zukunftskompetenzen – ins Zentrum rückt. Dieser Gegentrend ist keine bloße Reaktion. Er ist Impuls, Korrektiv und Aufbruch ins Zeitalter der menschlichen Digitalität zugleich.
Dass digitale Medien Teil moderner Lernkultur sind, steht außer Frage. Der Trend zum zeitgemäßen Lernen hat die sogenannten 4K – Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken – ins Zentrum gerückt und technische Ausstattung auf die politische Agenda gebracht. Die Realität zeigt jedoch: Digitalisierung allein verändert wenig. Wenn sie auf alte Paradigmen trifft, bleibt sie im Modus der Reproduktion, statt echte Transformation zu ermöglichen.
Die Digitalisierung bietet Möglichkeiten. Aber sie ersetzt keine Haltung. Wo sie pädagogisch nicht eingebettet ist, entlastet sie zwar überbelastete Lehrkräfte, kann jedoch gleichzeitig bestehende Probleme verstärken: soziale Ungleichheit, Lernstress, Entfremdung, Entmenschlichung. Lernen ist und bleibt ein zwischenmenschlicher Prozess, den digitale Hilfsmittel unterstützen können – aber keine technologische Logik als Selbstzweck.
Die strukturellen Rahmenbedingungen bleiben bei den meisten Gedanken zur Zukunft des Lernens unangetastet: standardisierte Prüfungen, lehrkraftzentrierte Didaktik, fremdsteuernde Lehrpläne. In dieser Konstellation wird Technik nicht zur Ermöglichung neuer Lernformen genutzt, sondern zur effizienteren Umsetzung alter Muster. Was fehlt, ist der Paradigmenwechsel – weg vom Denken in Tools und Leistung hin zum Denken in Möglichkeiten, Beziehungen und Kompetenzen. Weg von einem Mindset aus Zeiten der Industrialisierung, das auf den Wohlstand weniger Menschen ausgerichtet ist, hin zu einem auf das Wohlergehen aller Menschen fokussierten Mindset der menschlichen Digitalität.
Wenn Digitalisierung nicht auf eine pädagogische Vision trifft, bleibt sie Technikverwaltung. Wenn sie jedoch auf eine Bildungslogik trifft, die vom Menschen her gedacht ist, kann sie Räume öffnen – für selbstbestimmtes Lernen, für Partizipation und für die Entwicklung jener Kompetenzen, die in einer dynamischen, vernetzten Welt über die Gestaltung einer lebenswerten, inklusiven, nachhaltigen und demokratischen Zukunft entscheiden.
Im Gegensatz zum Tool-basierten Denken des zeitgemäßen Lernens steht das zukunftsorientierte Lernen. Es stellt nicht die Mittel, sondern das Ziel in den Mittelpunkt: die Befähigung der Lernenden, ihre persönliche, gesellschaftliche und globale Zukunft aktiv mitzugestalten. Es geht nicht nur um die Reaktion auf Krisen – sondern um Gestaltungskraft, Selbstwirksamkeit und Sinn.
Zukunftsorientiertes Lernen meint dabei mehr als Projektlernen oder Schulreformen. Es ist ein Paradigmenwechsel, der Bildung neu gestaltet: von einer strukturierenden Logik der Homogenisierung und Standardisierung hin zur Entwicklung von Kompetenzen, Werten, Haltungen und Reflexionsfähigkeit. Es verlagert den Fokus von Ergebnissen auf Prozesse, von Curricula auf Persönlichkeitsentwicklung, von Kontrolle auf Beziehung.
Diese Neuausrichtung basiert auf einer menschenzentrierten Bildungslogik. Lernen wird nicht als Aneignung von Stoff betrachtet, sondern als individueller, sozialer und kultureller Prozess – in dem Lernende als Mitgestaltende ernst genommen werden und das Lernen ein lebenslanger Prozess ist, der alle Menschen verbindet. Verantwortung, Demokratie, Empathie und Kreativität stehen im Mittelpunkt.
Und: Zukunftsorientiertes Lernen ist offen für Technologie – aber nicht blind. KI, XR, virtuelle Welten sind wichtige Bausteine – wenn sie im Sinne von Human-Machine-Teamplay und als Gestaltungsräume genutzt werden. Als Verstärker menschlicher Stärken, nicht als Ersatz. Als Räume, in denen Zukunft entstehen kann. Entscheidend ist nicht, dass Technik eingesetzt wird, sondern wie und wofür – und mit welcher Haltung.
Der Gegentrend zur Digitalisierung ist also nicht nur eine Reaktion – er ist ein Anstoß zur Neuausrichtung. Zukunftsorientiertes Lernen ist keine bloße Modernisierung, sondern Ausdruck der Zukunft des Lernens, nicht bloß ihrer digitalen Oberfläche.
Learning for Life – Bildung als gemeinsame Verantwortung über Generationen, Lebensphasen und Institutionen hinweg.
Playfulness – eine spielerische, kreative Haltung zum Lernen, die Raum für Exploration, Scheitern und Neugier lässt.
Learning Environments – physische, digitale und virtuelle Lernräume, die sozial vernetzt sind und Partizipation und Gestaltung ermöglichen.
Human-Machine Teamplay – Technologien nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung menschlicher Stärken.
Diese Strategien führen weg vom kurzfristigen Funktionieren und hin zu einer nachhaltigen Bildung, die Menschen befähigt, Komplexität auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und Zukunft zu gestalten.
Im Spannungsfeld von Trend und Gegentrend wird deutlich: Auch Sprache ist nicht neutral. Sie ist kein bloßes Kommunikationsmittel, sondern ein machtvolles Instrument, das prägt, was wir sehen – und was wir für möglich halten. Im Kontext der aktuellen Bildungsdebatten spielt Sprache deshalb eine zentrale Rolle. In einer Zeit, in der KI Texte generiert, Gespräche führt und Entscheidungen unterstützt, wird Sprache anders als oft befürchtet nicht unwichtiger – sondern zentraler: Sie wird zur Gestaltungskraft.
Sprache strukturiert unsere Wirklichkeit und unser Denken über Bildung. Sie ist das Medium, durch das wir Ideen formen, Zukunft entwerfen und uns miteinander verständigen. Wer von „Bildung der Zukunft“ spricht, meint häufig eine modernisierte Version des Bekannten: digitalisiert, automatisiert, effizient. Wer dagegen von der „Zukunft des Lernens“ spricht, denkt Bildung von ihrem eigentlichen Ziel her: der aktiven Mitgestaltung einer noch offenen, lebenswerten Zukunft.
Diese Unterscheidung ist mehr als semantisch. Sie offenbart die Denkrichtung hinter den Begriffen und zeigt, dass es nicht genügt, Bestehendes zu verbessern. Wir brauchen neue Narrative, neue Begriffe, neue Sprachbilder, um neue Möglichkeitsräume zu eröffnen.
Gerade im Umgang mit KI wird Sprache zur Schlüsselkompetenz: Je mehr wir mit Maschinen in natürlicher Sprache interagieren, desto entscheidender wird unsere Fähigkeit, Gedanken klar zu formulieren, Perspektiven differenziert auszudrücken und gemeinsam zu reflektieren. Wer im Sinne des Human-Machine Teamplay mit KI zusammenarbeitet, braucht keine bloße Bedienkompetenz, sondern Ausdrucksstärke, Sprachbewusstsein und kommunikative Sensibilität.
Das gilt nicht nur in der eigenen Muttersprache. In einer global vernetzten Welt, in der Menschen, Ideen und Technologien über Sprachgrenzen hinweg wirken, wird auch die Fähigkeit, in anderen Sprachen zu denken und zu kommunizieren, zum integralen Bestandteil zukunftsorientierter Bildung. Denn Sprache ist mehr als eine Aneinanderreihung von Worten – sie zeigt Haltung, ermöglicht Teilhabe und eröffnet Zukunft.
Gegentrends wie der zur Humanität sind keine bloßen Kontrapunkte zu dominanten Entwicklungen. Sie markieren produktive Spannungsfelder, setzen kreative Korrekturen und eröffnen visionäre Perspektiven. Sie fordern uns heraus, vertraute Routinen zu hinterfragen – nicht aus Nostalgie oder Verweigerung, sondern aus einer tiefen Überzeugung: dass Bildung mehr sein kann und muss als das, was sie heute ist.
Gerade weil der Trend zur Digitalisierung so stark ist, braucht es heute mehr denn je die bewusste Entscheidung, die Zukunft des Lernens nicht von der Technik her, sondern vom Menschen her zu denken.
Der Future:Guide Bildung zeigt zahlreiche Impulse für eine human-digitale Bildung, die Transformation nicht nur beschreibt, sondern sie aktiv gestaltet. Er zeigt, warum Zukunft nicht in der Technik beginnt, sondern im Denken – und wie Technologien wie Künstliche Intelligenz, Extended Reality oder Videospiele dann kraftvoll wirken, wenn sie pädagogisch sinnvoll eingebettet werden.
Es wird viel über neue Anwendungen von Künstlicher Intelligenz (KI) gesprochen, doch häufig stehen Handelsunternehmen in Deutschland und Österreich noch relativ am Anfang des Einsatzes. Wagen wir einen Ausblick zum Einsatz von KI im Handel, der besonders ein zentrales Thema lösen soll: die Konsumflaute.
8. April 2025
„Die kommenden KI-Strategien für den Einzelhandel sind einfacher umzusetzen, als gedacht.“
– Handels-Zukunftsforscherin Theresa Schleicher
Es verändert sich 2025 etwas in der digitalen Diskussion. Laut dem Gartner Hype Cycle hat Künstliche Intelligenz (KI) die Hauptstufe der KI-Angst und Desillusionen erreicht. Die Euphorie weicht unternehmerischer Sichtweise. Das ist sinnvoll, denn es zeigt sich, dass die Gesellschaft längst weiter ist als viele Unternehmen.
Eine neue Generation wächst heran, für 42 Prozent der AI-Natives (12-19 Jahre) ist das irrelevant, ob sie mit einem Bot oder einem Kundenberater online sprechen, solange der Service stimmt. Auch ein Drittel der 12- bis 28-Jährigen in Österreich verwendet ChatGPT bereits regelmäßig. Sie erwarten von Unternehmen nicht nur Lösungen, die funktionieren, sondern inspirieren und begeistern. Das wird genau jetzt, in Zeiten bewussten Konsums, vollen Lagern und Billigaktionswahn, für den Handel in Österreich so wichtig.
Was viele abhält, ist oft ein festgesetzter Irrglaube: Händler im Mittelstand schrecken vor KI-Lösungen zurück, weil ihnen eingebläut wird, dass sie teuer, aufwändig oder kompliziert seien. Konzerne tun sich hingegen oft schwer, KI mit Kreativität und Leichtigkeit zu verbinden. Doch damit verpasst der Handel viele einfache Chancen, neue Kunden zu erreichen und zu begeistern.
KI-Tools analysieren das Kundenverhalten, Nachfragetrends, Präferenzen und Kaufhistorien, um maßgeschneiderte Produktempfehlungen zu erstellen. Dabei geht es nicht nur darum, Kund:innen an häufig gekaufte Produkte zu erinnern oder ergänzende Empfehlungen zu geben, um den Warenkorb kreativer zu gestalten. Vielmehr liegt der Fokus zunehmend auf der Entwicklung neuer Produkte und Eigenmarken, basierend auf den stetig wachsenden Datenmengen aus bestehenden Käufen, Suchanfragen, Bewertungen, lokalen und saisonalen Präferenzen, oder Social-Media-Trends.
Ein Beispiel dafür liefert der asiatische Supermarkt Hema von Alibaba, der neben vorhandenen Daten gezielt Kundenfeedback aus Wettbewerben und Umfragen nutzt, um neue Produkte zu entwickeln.
Wer im Mittelstand mit den eigenen vollen Lagern und bestehenden Produkten beschäftigt ist, kann mit KI und intelligenten Warenwirtschaftssystemen schnell erkennen, zu welchem Preis, an welchem Ort und welcher Filiale seine Produkte besser funktionieren. Aber auch mit einem Klick Lagerbestände an digitale Plattformen wie Ebay, Kaufland, Amazon etc. verkaufen.
KI-gestützte Assistenten und intuitive Chatbots, die Sinne wie Tasten, Hören und Sehen simulieren, ermöglichen Interaktionen mit Onlineshops oder Kunden-Apps, die sich zunehmend wie ein Gespräch mit einem menschlichen Verkäufer anfühlen.
Ein Beispiel ist das deutsche Start-up FrontNow, dessen Bot Fragen wie „Was brauche ich für Gericht XY?“, „Was soll ich essen, wenn ich eine bestimmte Ernährungsweise verfolge?“ oder „Was brauche ich, um meinen Gartenzaun zu reparieren?“ beantworten kann. Konsument:innen gewöhnen sich zunehmend an sinnlich intuitive Tools, die sehen, fühlen und sprechen. Von sprachbasierten und intuitiven Rezeptdatenbanken bis zu Avatar-Küchenhelfern, die Kund:innen neue Impulse im Lebensmittelbereich geben, liegt hier noch viel Potenzial. In anderen Branchen haben KI-Tools eine besonders umsatzsteigernde Wirkung.
Start-ups wie Arch AI deuten nur an, dass es heute möglich ist, die eigene Wohnung abzufotografieren und in Sekunden wird sie virtuell neu renoviert und umgestaltet. Für Interieur und die Garten- und Baumarktbranche bieten KI-basierte Technologien ganz neue Chancen, Menschen zu inspirieren, die sonst vor weißen Wänden oder grünen Rasen stehen und dann aus Vorsicht oder fehlender Kreativität die wenigen „Standards“ im Markt kaufen. Eine Baumarktkette fragte letztens nach einem passenden Start-up – wir haben es kurzerhand gemeinsam in ein paar Wochen selbst gebaut. Es ist heute so einfach.
Lange Zeit dominierte die Sorge um den demografischen Wandel das Narrativ der Arbeitswelt: Der Mangel an jungen Fachkräften werde Unternehmen vor immense Herausforderungen stellen. Doch während viele noch über das Problem diskutieren, zeichnet sich in den kreativen Branchen der DACH-Region bereits ein bemerkenswerter Shift ab. Gerade die oberen Altersklassen, die sich aktiv mit generativer KI auseinandersetzen, erleben derzeit eine vielversprechende Zukunft. Sie kombinieren ihre Jahrzehnte an Erfahrung, Fachwissen und Arbeitskompetenz mit KI-gestützten Tools – und sind damit in der Lage, schneller, effizienter und präziser zu produzieren, zu analysieren und innovative Lösungen zu entwickeln.
In vielen Bereichen entsteht dadurch ein Ausgleich: Während junge Fachkräfte zunehmend von KI-Tools unterstützt oder in manchen Fällen sogar ersetzt werden, entwickeln sich erfahrene Mitarbeiter:innen zu digital souveränen Führungskräften, die nicht nur Technologie verstehen, sondern vor allem wissen, welche Informationen, Impulse und kreativen Ideen sie in KI-Systeme einspeisen müssen, um Kaufimpulse, Innovationen und neue Beziehungen zu gestalten.
Weitere KI-Trends, Beispiele und Strategien der Zukunftsforscherin Theresa Schleicher gibt es auf der Bühne und in der von ihr herausgegebenen Zukunftsstudie Handel.
Dieser Gastbeitrag erschien zuerst hier.
Digitale Technologien rücken aufgrund ihres wachsenden Energieverbrauchs immer stärker in den Fokus von Nachhaltigkeitsdebatten. Der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz drängt uns zur Frage, wie diese wachsenden Technologien ökologisch verträglich eingesetzt werden können – und welche politischen, sozialen und technologischen Ansätze dafür nötig sind.
von Anja Kirig
12. Februar 2025
Der AI Action Summit 2025 in Paris brachte rund 100 Nationen und wichtige Branchenvertreter:innen zusammen. Ein Großteil der Teilnehmenden unterzeichnete am Ende des Summits eine Deklaration für eine transparente, ethische, sichere – und vor allem auch nachhaltige Weiterentwicklung der KI. Nicht aber die USA und das Vereinigte Königreich. Was bedeutet das für die Zukunft der Künstlichen Intelligenz? Und wie realistisch ist eine ökologisch und nachhaltig verträgliche KI?
Streaming, Kryptowährungen – und nun auch KI: Die digitale Welt schluckt immer mehr Energie und sorgt so für kontroverse Diskussionen. In einer Next Stop Future-Folge sprach ich mit meiner Podcast-Kollegin Catharina darüber, dass die Effizienzgewinne den Energieverbrauch der KI übersteigen und KI somit trotz ihres hohen Energiebedarfs zur Nachhaltigkeit beitragen könnte. Verlässliche Zahlen zum tatsächlichen und prognostizierten Energieverbrauch der KI sind jedoch schwer zu finden und Daten verschiedener Studien sollten mit Vorsicht interpretiert werden.
Klar ersichtlich ist allerdings das Wachstum der Rechenzentren und deren steigender Strombedarf. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass aktuell 1 bis 1,5% des weltweiten Energiebedarfs von Rechenzentren ausgeht – Tendenz steigend. Bislang wird die Nachfrage nach Rechenleistung noch überwiegend durch fossile Brennstoffe gedeckt. Und auch der Wasserbedarf für die Kühlung der Rechenzentren wird zu einem kritischen Faktor, immerhin verbraucht beispielsweise ein modernes US-Rechenzentrum für das Training von GPT-3 rund 700.000 Liter Frischwasser.
Indem sie tatsächliche Effizienzpotenziale in der Ressourcennutzung, dem Energieverbrauch oder der Kreislaufwirtschaft hebt, kann die KI eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung ökologischer und gesellschaftlicher Herausforderungen spielen. Dafür bedarf es jedoch einer tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Transformation.
Die Eco Transition beschreibt ein Umdenken, durch welches Nachhaltigkeit systemisch verankert wird – statt sie nur auf Verzicht oder Kompensation zu reduzieren. Demnach sollten wir KI-Technologien nicht nur hinsichtlich ihrer Emissionen optimieren, sondern sie aktiv in Systeme der Kreislaufwirtschaft und regenerative Wirtschaftsmodelle einbinden.
Die Conscious Economy erweitert diesen Ansatz und verknüpft die wirtschaftliche Wertschöpfung mit sozialen und ökologischen Zielen – im Falle von Künstlicher Intelligenz beispielsweise dann, wenn KI als Werkzeug für transparente und faire Produktions- und Handelsprozesse eingesetzt wird.
Gleichzeitig spielen gesellschaftliche und ethische Dimensionen eine zentrale Rolle. Die Co-Society fördert neue Formen der Zusammenarbeit, die auf Offenheit und Teilhabe beruhen. Open-Source-KI-Anwendungen können idealerweise eine gemeinschaftliche Entwicklung von Technologie ermöglichen.
Dezentralität wird auch im Rahmen der Glocalisation relevant, die globale Vernetzung mit lokalen, anpassungsfähigen Strukturen kombiniert. Dezentrale KI-Ansätze und Small Language Models (SLMs) stehen dabei für eine nachhaltigere und demokratische Alternative zu energieintensiven zentralisierten Systemen.
Die ethische Dimension zeigt sich in der Human Digitality: KI darf nicht nur funktionale Optimierung betreiben, sondern muss auch menschliche Werte, Privatsphäre und digitale Selbstbestimmung respektieren. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten, der Schutz individueller Rechte und die Entwicklung fairer, diskriminierungsfreier Algorithmen sind essentiell, um KI zu einem Instrument für eine lebenswerte Zukunft zu machen.
Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, eine nachhaltige Schlüsseltechnologie zu sein. Ob KI zu einem echten Treiber einer nachhaltigen oder regenerativen Zukunft werden kann, liegt letztlich an einer ganzheitlichen Perspektive auf die Zukunft der KI-Technologie. Nachhaltig sinnvoll wird die Künstliche Intelligenz nur dann, wenn der Fokus nicht nur auf ihrer technologischen Weiterentwicklung liegt, sondern vor allem auf ihre sinnhafte, ökologische und ethisch reflektierte Integration in gesellschaftliche Transformationsprozesse.
Die Sozialwissenschaftlerin Anja Kirig beobachtet kontinuierlich gesellschaftliche Veränderungsprozesse, insbesondere in den Bereichen Sport und Tourismus sowie Gesundheit, Nachhaltigkeit und Post-Individualisierung. In ihren Vorträgen bereitet sie die Inhalte eloquent und anschaulich auf, eröffnet Möglichkeitsräume und bietet Orientierung.
Die vollständige Version dieses Textes hat Anja Kirig auf ihrem Blog veröffentlicht.
Wie verändert die Digitalisierung unser Verständnis von Bildung und Lernen? Wegweisend ist der Ansatz der Human Digitality. Ein Auszug aus dem Future:Guide Bildung.
6. Februar 2025
Im Bildungsbereich wird die Diskussion über „Digitalisierung“ oft auf technologische Innovationen reduziert, etwa in Form von digitalen Tafeln, Lernplattformen oder KI-gestützten Analyseverfahren. Um das Bildungssystem für das 21. Jahrhundert aufzustellen, greift dieser Ansatz aber zu kurz – das bloße Übertragen von analogen Lehrmethoden in digitale Formate reicht nicht aus. Wir brauchen stattdessen ein tieferes und umfassenderes Verständnis dessen, was Digitalität bedeutet und welche Rolle sie für eine zukunftsorientierte Bildung spielt.
„Digitalisierung“ bezeichnet im Bildungskontext zunächst nur die Umwandlung analoger Inhalte in digitale Formate und die Optimierung von Lehr- und Lernprozessen durch Technologie. Online-Kurse, digitale Whiteboards und automatisierte Lernsysteme sind heute oft selbstverständlich. Schulen und Universitäten haben in den vergangenen Jahren versucht, den Unterricht mithilfe digitaler Werkzeuge effizienter und interaktiver zu gestalten – meist jedoch ohne größere Erfolge.
Denn Digitalisierung allein ändert nichts an der Grundstruktur des Lernens, sondern bleibt oft ein Add-on zum bestehenden Bildungssystem, das weiterhin dem alten Paradigma der Industrialisierung verhaftet ist. Standardisierte Tests, lehrerzentrierter Frontalunterricht und festgelegte Lehrpläne dominieren noch immer. Diese Strukturen werden durch die bloße Verwendung digitaler Technologien nicht infrage gestellt.
Hier setzt der Begriff „Digitalität“ an, der zumindest betont, dass Menschen aktiv in digitalen Kulturen handeln. Dennoch ist die Haltung auch hier passiv: Der Mensch reagiert auf digitale Veränderungen, verarbeitet Informationen neu und agiert innerhalb algorithmischer Systeme. Wirklich zukunftsweisend ist ein Verständnis von Digitalität, das Menschen befähigt, nicht nur in digitalen Umgebungen zu navigieren, sondern aktiv neue Strukturen und Zukünfte zu gestalten.
Eine solche ganzheitliche Perspektive, die den Menschen als gestaltendes Wesen in den Mittelpunkt stellt, eröffnet das Konzept der Human Digitality – eine der sechs großen Transformationsdynamiken unserer Zeit, die das Future:Project in seinem Future:System beschreibt. Eine „menschliche Digitalität“ umfasst sehr viel mehr als nur technologische Anpassungen: Sie beschreibt eine tiefgreifende kulturelle und gesellschaftliche Veränderung – die auch ein grundlegendes Umdenken in Bildungsprozessen erfordert.
Im Zeitalter der Human Digitality muss Bildung darauf abzielen, dass Lernende digitale Werkzeuge nicht nur nutzen, sondern verstehen, gestalten und kritisch hinterfragen können. Der Fokus liegt also auf den individuellen und gemeinschaftlichen Fähigkeiten, mit digitalen Medien nicht nur zu interagieren, sondern sie kreativ und verantwortungsbewusst mit Blick auf eine lebenswerte Zukunft zu nutzen.
Daraus ergeben sich neue Anforderungen an Bildungssysteme:
Verantwortungsvolle Mediennutzung statt reiner Technikanwendung: Medienkompetenz bedeutet mehr als das Erlernen technischer Fertigkeiten. Sie umfasst ethische, soziale und kulturelle Aspekte digitaler Interaktion mit dem klaren Ziel einer lebenswerten Zukunft.
Im Zeitalter der Human Digitality kann Bildung nicht länger als reine Wissensvermittlung verstanden werden, sondern als ein Raum, in dem Menschen lernen, ihre eigene und die gemeinsame Zukunft aktiv zu gestalten. Dies erfordert einen systemischen Wandel, der weit über technologische Innovationen hinausgeht. Insbesondere Schulen und Hochschulen müssen sich von der Vorstellung verabschieden, dass Lernen der Anpassung an bestehende Strukturen dient. Stattdessen werden Bildungsstätten zu Orten, an denen Lernende ihre Potenziale entfalten, eigene Ideen entwickeln und gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft finden.
Die Frage lautet also nicht mehr, wie wir Digitalisierung in den Unterricht integrieren können. Sondern: Wie gestalten wir Bildung mithilfe digitaler Technologien so, dass sie den Menschen stärkt, inspiriert und befähigt?
Überall kommt es zu Ausfällen, Fehlern, Bugs. Züge kommen nicht pünktlich, Brücken sind marode, das WLAN funktioniert nicht. Service-Chatbots treiben uns in den Wahnsinn. Social-Media-Plattformen verkommen zu Generatoren von Hass, Spaltung und Fake News. Und das Passwort fürs Online-Banking haben wir schon wieder vergessen…
von Lena Papasabbas
16. Januar 2025
Das Internet, in dem alles immer leichter und schneller werden sollte, hat sich zu einem Labyrinth aus wenig vertrauenserweckenden Informationsströmen, KI-generiertem Contentbrei und umständlichen Login-Prozessen verwandelt. Statt unsere Lebensqualität zu erhöhen, versuchen wir, uns mit Digital Detox, Offline-Zeiten und reduzierter Bildschirmzeit aus den digitalen Zeitlöchern zu kämpfen und ein bisschen analoges Leben zu retten.
Und dabei leben wir doch im “Zeitalter der Innovation“. So jedenfalls tönt es auf allen Business-Konferenzen und von allen Tech-Giganten. Eine Geschichte, die so oft wiederholt wurde, dass alle sie irgendwie glauben. Sie zu hinterfragen, wäre geradezu peinlich. Man möchte ja nicht von gestern sein. Und schließlich haben wir alle schon beeindruckt mit ChatGPT geplaudert. Was aber, wenn das Narrativ vom rasenden Innovationszeitalter völlig übertrieben ist?
Klar, künstliche Intelligenz kann in datenintensiven Umgebungen wichtige Fortschritte bringen. Aber nehmen wir einmal an, all die viel gefeierten Edge-Technologien, die uns derzeit die phänomenalen Durchbrüche in ein technisches Wunderland suggerieren – KI, Quantencomputer, supersmarte Glasses und Watches – wären gar nicht die Lösungen all unserer Probleme.
Und nehmen wir einmal an, das radikal Neue wäre nicht unbedingt das Bessere. Im Gegenteil.
Die US-amerikanischen Autoren Lee Vinsel und Andrew L. Russell beschreiben in ihrem Buch The Innovation Delusion, wie unsere Obsession des „Next Big Thing“ die moderne Zivilisation in die Sackgasse führt. Alle sprechen von Innovation – weil Innovation gleichbedeutend ist mit Profit und Wachstum – aber kaum jemand ist wirklich innovativ. Deshalb wird jede kleinste Neuerung, jedes Update zur großen Innovation aufgebläht und mit Versprechen über Versprechen aufgeladen. Das führt über kurz oder lang zu Enttäuschung, da hinter den allermeisten Innovationen nicht mehr steckt als toll klingende, aber inhaltsleere Marketingversprechen.
Echte Innovation dagegen ist häufig weniger spektakulär. Sie ist oft leise und entwickelt sich graduell – und nicht mit einem großen Knall. Echte Innovation verbessert unser Leben, statt es noch komplizierter zu machen.
Die Welt, in der wir leben, funktioniert nicht dadurch, dass wir ständig neue Dinge erfinden, sondern zu einem großen Teil durch Erhalt, Wartung, Pflege und Integration langsamer Verbesserungen.
Der Innovationismus ist kulturhistorisch eine recht neue Erfindung. Noch vor 300 Jahren waren in den meisten Gesellschaften Neuheiten nicht unbedingt hochgeschätzt. Sie galten als obskur, gar Scharlatanerie, weil sie sich noch nicht bewährt hatten. Das änderte sich mit dem beschleunigten Kapitalismus innerhalb weniger Jahre – und mündete in den vergangenen 30 Jahren mit dem Siegeszug des Digitalen in einen regelrechten Rausch. In einer Verherrlichung des Neuen als das Bessere.
Wir waren lange geblendet von einem nie dagewesenen Hype um Innovation. Doch inzwischen sind wir innovationsmüde. Heute stehen wir da, mit all unseren schönen neuen Gimmicks und Gadgets. Und wundern uns, dass in dieser schönen neuen Technikwelt nichts mehr so richtig funktioniert. Nicht nur für uns persönlich. Auch gesamtgesellschaftlich scheint es überall zu bröckeln.
Vinsel und Russell zeigen auf, dass Innovationen immer mehr zu Ersatz-Fetischen für echte soziale Entwicklung und altruistische Werte wie Freundlichkeit und Toleranz geworden sind. Statt an gemeinschaftlichen Werten zu arbeiten, suchen wir die Lösung in der Technologie, in „Technolutions“, nach dem Motto: „Diese Kryptowährung kann Lieferketten fair machen“ oder „Die fünf besten Apps gegen Armut“. Statt uns als Gesellschaft zu dienen, hat der Hype um Innovation also vor allem dem Wachstumskapitalismus als Hebel genutzt, um uns zu immer besseren Konsument:innen zu machen.
Die vielleicht fatalste Auswirkung dieses radikalen Innovationismus ist der Statusverlust bestimmter Berufe: Wartungstechniker:innen, Klempner:innen, Handwerker:innen jeder Art, Menschen mit Systemwissen, Pflegekräfte, Putzkräfte, selbst IT-Wartungspersonal – all diese Berufe leiden im Zeitalter des Innovationismus unter schlechtem Image. Eben weil sie nichts Neues produzieren, sondern “nur” die Dinge zum Funktionieren bringen und Systeme stabil halten. Sie stören die Illusion des Neuen, das immerzu das Alte ersetzen soll.
Menschen, die dafür sorgen, dass Systeme weiterlaufen, bleiben unbeachtet. Menschen, die vorgeben, etwas radikal anders zu machen, baden in Ruhm und Geld. Doch die entscheidenden Innovationsfelder der Zukunft liegen weder im Hightech noch auf dem Mars. Sie liegen in scheinbar profanen Dingen wie Krankenpflege, Bildungswesen, Infrastrukturen, verlässlicher Logistik und Transport, Gastfreundschaft und funktionierender Zwischenmenschlichkeit.
Generative Künstliche Intelligenz ist nahezu perfekt geworden in der Nachahmung menschlichen Verhaltens und im Kreieren überzeugender Fake-Realitäten. Wie beeinflusst der Siegeszug der Simulation unser Verhältnis zur Wirklichkeit – und das menschliche Miteinander? – Ein gekürzter Auszug aus „Beyond 2025 – Das Jahrbuch für Zukunft“
7. November 2024
Generative KI ist ein Meister in der Nachahmung unserer medialisierten Wirklichkeit. Das wissen wir spätestens, seitdem die Bürgermeister:innen von Berlin, Wien und Madrid im Juni 2022 längere Videocalls mit Vitali Klitschko führten – ohne zu merken, dass sie es dabei mit einem Fake zu tun hatten. Seitdem ist die Simulationskompetenz der KI-Modelle rapide angewachsen und der Zugang zugleich immer niedrigschwelliger geworden.
Der Vormarsch der generativen KI ruft die Theorie der Simulation ins Bewusstsein, die der französische Medientheoretiker Jean Baudrillard schon vor fast 50 Jahren formulierte. Demzufolge verschwimmen im Zuge der Medialisierung die Grenzen zwischen Original und Kopie, zwischen tatsächlicher und dargestellter Realität. In Baudrillards „Hyperrealität“ sind wir umgeben von „Simulakren“ – Nachbildungen, die sich so weit von ihrem Original entfernt haben, dass sie eigenständige Realitäten bilden.
Generative KI verleiht diesen Überlegungen eine völlig neue Aktualität und Brisanz. Denn Algorithmen, die Fake-Realitäten erschaffen, stellen nicht nur unser Verständnis von „Wirklichkeit“ infrage, sondern letztlich auch unser soziales Miteinander: Welche Rolle wird der echte Mensch künftig inmitten simulierter Welten spielen? Und was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn die Zuverlässigkeit von Information schwindet?
Die neuen Weltsimulations-Tools erhöhen den Anteil maschinell produzierter und manipulierter Inhalte am gesamten Internet-Content dramatisch: KI-Bots erschaffen heute eigenständig Bilder, Texte und Websites in sozialen Medien, posten Urlaubsfotos, schreiben Kommentare, verschicken Nacktfotos und Deepfakes. Studien zeigen, dass Bots bereits die Hälfte bis drei Viertel des weltweiten Internet-Traffics ausmachen – und dass die Qualität von Suchmaschinen zunehmend unter KI-generierten Websites leidet, die zwar SEO-optimiert, aber inhaltsleer sind. Diese Entwicklung spiegelt auch das „digitale Wort des Jahres 2023“ in den USA: „Enshittification“.
Dabei vollzieht sich auch ein Paradigmenwechsel im Bereich der KI-Dystopien: Im Fokus steht nun weniger die Auslöschung der Menschheit durch feindliche Algorithmen als vielmehr eine selbstreferenzielle Bullshit-Welt, in der wir KI-generierte Inhalte konsumieren, aus denen weitere KI-generierte Inhalte produziert werden und so weiter… Die selbstbezügliche Content-Schwemme weckt nicht nur die Angst vor einem generellen Kulturverlust durch die wiederkehrende Produktion des Immergleichen, sondern auch vor der wachsenden Unfähigkeit, zwischen echt und unecht, wahr und falsch unterscheiden zu können.
Zerfranst die Wissensgesellschaft durch KI nun also wirklich zu einem postmodernen „Anything goes“? Droht uns durch KI-Modelle wie Sora eine „perfekte, voll automatisierte Propagandamaschinerie“? Auf jeden Fall schüren immer perfektere KI-generierte Avatare und Deepfakes ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber unserem kollektiven Verständnis von Wahrheit und Wirklichkeit. Dieser „Realitätsverlust“ kann auch gezielt genutzt werden, um echte Inhalte infrage zu stellen – etwa wenn Politiker:innen Fakten als vermeintlich KI-generiert diskreditieren.
Die Frage nach der „Wirklichkeit“ unserer Weltwahrnehmung ist spätestens seit Platons Höhlengleichnis eine der Schlüsselfragen der Philosophie. Durch KI-generierte Animationen wird sie nun noch einmal neu aufgeworfen. Reine Plädoyers für das „Echte und Einzigartige“ führen dabei ebenso wenig weiter wie die schlichte Gleichsetzung von virtuellen und nichtvirtuellen Realitäten. Vielmehr verweist uns das Spiegelkabinett der generativen KI auf eine grundsätzliche Verschiebung der Bedeutung, die wir dem Unterschied zwischen Abbild und Wirklichkeit beimessen – und auf die ganz realen Konsequenzen, die wir als Menschen daraus ziehen müssen.
Generell ist unsere vernetzte Kultur geprägt von einer zunehmenden Affinität für Imitate und Duplikate. TikTok oder Instagram wären kaum denkbar ohne das Prinzip der Aneignung und Vervielfältigung – das auch jenseits der digitalen Sphäre Blüten treibt, etwa im Gen-Z-Hype um Fake-Luxusprodukte made in China. Generative KI eröffnet nun eine weitere Dimension duplizierter Realitäten, indem sie eine immer intensivere und intimere Interaktion mit KI-generierten Pseudopersönlichkeiten ermöglicht. „Konversationelle KI“ ermöglicht uns, dauerhafte Beziehungen mit KI-gesteuerten Entitäten einzugehen: mit virtuellen Menschen, die uns begleiten, coachen und Workflows für uns ausführen.
Doch je natürlicher und emotionaler wir mit diesen Instanzen interagieren – und dabei auch virtuelle Stellvertreter:innen unserer selbst schaffen –, umso fragiler wird die gesellschaftliche Repräsentation von Realität. Denn eine gemeinsame Vorstellung von Wirklichkeit kann nur entstehen durch ein „Sprachspiel“ im Sinne Wittgensteins: durch Menschen, die sich im gemeinsamen Gespräch darüber verständigen, was ein Ausdruck, was die Wirklichkeit, in der wir leben, bedeutet. Denn Sprache ist per se dynamisch und vielfältig: Ihr Verständnis erfordert immer, die verschiedenen Kontexte und Praktiken zu berücksichtigen, in denen sie ganz konkret verwendet wird. Einen solchen realitätsstiftenden Dialog kann keine generative KI generieren. Im Gegenteil: KI erodiert unseren gemeinsamen Realitätsnenner, indem sie immer dazu tendiert, die Standpunkte ihrer Schöpfer:innen oder sozialer Mehrheitsgruppen überzubewerten.
Eine „starke Objektivität“ erwächst dagegen nur aus kognitiver Vielfalt, aus dem diversen Zusammenspiel einzelner Subjektivitäten. Eben deshalb lebt unsere Wirklichkeitswahrnehmung ganz fundamental vom menschlichen Miteinander, vom konkreten sozialen Austausch. Und damit letztlich auch von einer physischen Komponente, die für KI kategorisch unerreichbar bleiben wird, allen Träumen von algorithmischen „Superintelligenzen“ zum Trotz: unserer Leiblichkeit.

Körperlichkeit bedeutet: Verletzlichkeit. Die physische Fragilität bildet die Grundlage unserer kognitiven, kulturellen, sozialen und emotionalen Intelligenz. Das Fundament unserer Humanität. Der Körper ist der ultimative Kontrapunkt zur rationalen Intelligenz der KI, der diese biologische Weltverankerung prinzipiell verschlossen bleibt. KI-Systeme haben keinen Zugang zu den Verletzlichkeiten der menschlichen Existenz. Im Gegensatz zur traditionellen Geist-Körper-Hierarchie, die Verletzlichkeit als Schwäche und Mangel betrachtete, führt uns KI also zu der Erkenntnis, dass die Basis unseres Denkens, unserer Sozialität und damit auch unseres Wirklichkeitsverständnisses in der somatischen Sensibilität und Instabilität gründet.
Zugleich offenbart sich dabei ein scheinbar paradoxer Zusammenhang: Je genauer wir KI erforschen und je besser wir verstehen, welche menschlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen Algorithmen zwar simulieren, aber niemals selbst „erleben“ können, umso deutlicher wird auch unser grundsätzliches Nichtwissen über dieses leibliche Fundament der menschlichen Existenz: Wie kreieren unsere biologischen Systeme, unsere Zellen und Neuronen das, was unsere kognitiven Fähigkeiten, unsere Intelligenz, unseren „Geist“ ausmacht? Dieses Rätsel erscheint unlösbarer denn je.
So führt uns die simulative KI auch vor Augen, wie zeitlos unverfügbar die Kategorie des genuin Humanen letztlich ist. Wie schon im Zuge vorheriger technologischer Revolutionen erkennen wir, dass der Mensch, mit all seinen seelischen und körperlichen Bedürfnissen, wie ein Fels in der Brandung des technologischen Wandels steht. Eben deshalb ist die Wahrung und Kultivierung eines humanistischen Welt- und Wirklichkeitsverständnisses so wichtig – gerade in Zeiten, in denen die Wogen der KI-Verheißungen besonders hoch schlagen.