Von Boomer bis Beta

Wie Generationen Zukunft erzeugen

von Tristan Horx

4. Dezember 2025

Wir lieben es, Menschen zu kategorisieren. Kohorten in Kästen und Klischees einzuordnen – in „Generationen“. Und: die jeweils nachwachsenden Generationen als verweichlicht, verblendet und faul darzustellen. Das lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sich jüngere Generationen weniger mit ihren vermeintlichen Charakteristika identifizieren.

Schon seit einigen Jahrzehnten kann aufgrund von Individualisierung und (digitalen) Subkulturen kaum mehr von homogenen Gruppen die Rede sein. Die Frage nach den Generationen im 21. Jahrhundert stellt sich unter den Vorzeichen einer veränderten Welt noch einmal ganz neu: Wie können wir Generationen auch in einer hochkomplexen und krisengeschüttelten Zeit noch plausibel definieren?

Boomer: Aufstieg, Rebellion und Zweifel

Aus der Asche des Zweiten Weltkrieges erhob sich eine große Generation, die von Konflikt und liberalem Wertewandel geprägt wurde. Ihre Energie und ihr Selbstbewusstsein bezog sie aus der Auseinandersetzung mit den Überresten des gesellschaftlichen Nazismus. Ihnen ist ein Großteil des Aufstiegs im 20. Jahrhunderts zu verdanken. Doch zugleich wird gerade dieser Erfolg heute zu einer Bürde, an der sie sich mit späteren Generationen reiben.

Die Boomer waren eine zweigeteilte Generation, zwischen Angepassten und Rebellierenden. Die Karriere-Boomer gingen in die Institutionen, machten Karriere in den aufstrebenden Industrien und im rapide wachsenden Dienstleistungssektor. Die rebellischen Boomer gingen auf Sinnsuche. Hier entstanden neue Frauen- und Männerbilder sowie die verlängerte Adoleszenz. Und in den kreativen Branchen kamen auch die rebellischen Boomer schließlich zum Erfolg. Egal, welche Route man wählte: Es lief gut. Die Idee „Man muss es nur mit Herzblut tun, dann klappt es schon“ prägt diese Generation nach wie vor.

Als nachwachsende Generationen die Bomer später mit dem Vorwurf konfrontierten, das Klima ruiniert und den Generationenvertrag gesprengt zu haben, zeigten sie eine starke Abwehrreaktion. Doch diese Generation altert auch mit Selbstzweifeln. Mit Blick auf das Verschwinden der Zukunft in unserer Zeit fragen sich vor allem die progressiven Boomer: Was, wenn der Wandel, den wir vorangetrieben haben, umsonst war? Wenn er in die falsche Richtung ging? Oder sogar den rechten Backlash unserer Zeit auslöste?

Generation X: Zwischen Frust und Sehnsucht

Die „verlorene Generation“, die „Generation ohne Zukunft“: So wurde die Nachfolgegeneration der Boomer genannt. Im Schatten der Boomer hatten sie es nicht einfach, denn viele Rebellions- und Wandelenergien waren aufgebraucht. Doch die X-er, die in Zeiten von Kaltem Krieg und Tschernobyl in die Pubertät kamen, konnten auch nicht einfach den Weg in die Anpassung und Normativität finden. Subkulturen wie Punks und Goths wurden zum Abbild einer Generation, die aus Frust, Sorge und einer gewissen Apathie gegenüber der Zukunft entstand. Denn es konnte ja jederzeit vorbei sein. 

Dass die Generation X heute den größten Wählerblock der rechtsreaktionären Parteien bildet, kann kein Zufall sein. Vermutlich fanden die X-er das progressive, verändernde Mindset der Rebellen-Boomer schon immer etwas peinlich. Vor allem wirtschaftlich hatte die Gen X einen ähnlichen Deal wie die Boomer: work hard, make money. Ihnen standen – zunächst – die neuen Arbeitsmärkte der Dienstleitungsgesellschaft offen. Sie begannen, mit dem Computer zu spielen. Sie waren die Generation von Walkman, Gameboy und Bibi Blocksberg. Ihre Eltern lasen ihnen „Wo die Wilden Kerle wohnen“ vor. Aber eigentlich sehnten sie sich nach Normalität.

Millennials/Generation Y: Aufbruch, Beschleunigung, Enttäuschung

Auf X folgt Y – meine Generation. Als Kinder der Boomer hatten wir wieder richtig Lust auf die Zukunft, wenn auch in einer eher passiven Form. Denn es lief doch alles wunderbar: Die Mauer fiel, die Effekte der Globalisierung zeigten Wirkung, und das Internet, noch in seiner vollen Unschuld, begann die Welt utopisch zu verwandeln. Eine naive, lineare Weltvorstellung, die aber nachvollziehbar war. Es wurde schließlich alles immer besser.

Als wir Millennials um die Jahrtausendwende erwachsen wurden, hatten wir kräftige postmaterielle Tendenzen. Alles schien sich rasant zu verändern, weg von der alten Industriegesellschaft, hinein in die globale Wissensgesellschaft. Und dann kam die Krise. Mit 9/11 änderte sich nicht nur für uns Millennials alles. All die positiven Bilder der Welt drehten sich auf einmal um. Die Globalisierung wurde zum Schreckgespenst, wir waren einfach zu nett gewesen. Auch die Utopien des Digitalen zerfielen: Statt einer „Generation Global“, die eine Sprache spricht, bekamen wir das Gegenteil. Und als wir ins arbeitsfähige Alter kamen, überfuhr uns die Bankenkrise. 

So waren wir nicht nur die Generation der großen Beschleunigung und der zündenden Zukunftsenergie, sondern auch die Generation, die die Enttäuschung dieser Verheißungen intensiv erlebte – und die Frage nach dem „Warum“ stellte: die Generation „Why“. Wir reisten viel und weit, lernten problemlos Englisch, die Bildungsexpansion strebte ihrem Höhepunkt zu, mehr als 50 Prozent von uns begannen ein Studium. Aber gerade im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften fanden viele keine gut bezahlten Jobs mehr. Teile der Generation Y erfanden die Wokeness – aber damit war auch keine Revolution zu machen. Es gab zu viel zu denken und zu wenig zu tun. Wir waren Teil einer Art Eliten-Überproduktion, die sich schon bald rächen sollte.

Generation Z: Vernetzt und verletzt

Mit der Generation Z trat eine Generation auf den Plan, die in der Erfahrung eines Energieverlusts lebt. Ihre großen Geschwister hatten die Zukunftseuphorie verbraucht. Mit „Fridays for Future“ versuchten die Z-ler es noch einmal, doch dieser Funke war schnell verloschen.

Aufgewachsen mit und in den sozialen Medien, als erste voll-digitalisierte Generation, geriet die Gen Z früh in die ersten Ausläufer der Omnikrise. Die Pandemie sorgte für einen fast dreijährigen Ausnahmezustand – und trug maßgeblich dazu bei, dass sich Jugendliche heute immer weniger im „echten Leben“ begegnen. Keine Kohorte ist so einsam, konsumiert so wenig Alkohol und hat so wenig Sex wie diese (vgl. Dierig 2025). Die Chance auf eine sorglose Jugend wurde ihnen genommen. Auch das dürfte ein Grund sein für die neue politische Spaltung in rechte und linke Dynamiken unter jungen Männern und Frauen.

Und auch in Sachen Karrierechancen und politischer Veränderungsmöglichkeiten haben die Z-ler einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Vielleicht ist dieser Generation auch deshalb die eigene Gesundheit so wichtig, physisch wie psychisch, von Ernährung bis Psychotherapie.

Generation Alpha: Always on und neuer Zukunftsmut

Weltweit betrachtet, ist die Generation Alpha die größte aller Generationen – nach ihr werden die Kohorten wieder kleiner (vgl. Lundschien 2022). Diese Generation wächst mitten in den Epochenbruch unserer Zeit hinein.

Mehr als die Hälfte dieser Generation hat schon seit der Kindheit ein Social-Media-Profil (ob mit Wissen der Eltern oder nicht). Die Alphas sind nicht nur Digital Natives, sondern eher Digital Zombies – always on. Der digitale Dauerkonsum wird diese Generation nachhaltig prägen. Aber vermutlich wird es auch die letzte Alterskohorte sein, die wir ungeschützt in der digitalen Welt verheizen. 

Dennoch werden wir bei der Generation Alpha mehr Optimismus in Richtung Zukunft sehen als bei ihrer Vorgängergeneration. Wie auch mit dem Internet werden sie im Laufe ihrer Karriere erfahren, dass Digitalisierung vieles erleichtern kann, das Menschliche jedoch nicht ersetzt.

Generation Beta: What’s next?

Die jungen Erwachsenen des Jahres 2045 sind heute noch unschuldige Babys – oder noch nicht einmal geboren. Als Nachfolgegeneration der Generation Alpha könnte die Generation Beta die erste „postdigitale“ Generation sein: Für die „Nonliner“ von morgen wird das Digitale so selbstverständlich sein, dass auch seine exzesshaften Auswüchse Vergangenheit geworden sind. Inklusive der großen KI-Turbulenz, die heute zum Großteil noch vor uns liegt. 

Wir stehen vor einer Phase der digitalen Relativierung – die hoffentlich in eine digitale Vernunft münden wird. Mehr als 80 Prozent der Elterngeneration sprechen sich heute für ein Social-Media-Verbot unter 16 Jahren aus (vgl. Agarwala 2025). Die Generation Beta wird eine Schulbildung mit einem hohen Maß an digitaler Aufklärung genießen. Viele heutige Berufe werden sie nur noch aus Erzählungen kennen – die Amazon-Lagerhäuser von morgen werden nicht mehr von Menschen gefüllt. Zugleich wird sich der demografische Druck in der Arbeitswelt für die Betas reduzieren (außer die Boomer finden noch heraus, wie man ewig lebt). Und ihre Eltern werden die letzten „Benzineltern“ sein. 

So pessimistisch der Blick auf andere Generationen stimmen mag: Für die Beta-Babys von heute und morgen lässt sich einiges an Optimismus aufbringen – vor allem, wenn man vom unentwegten Schwingen von Trends und Gegentrends ausgeht. Denn diese dialektische Dynamik des Wandels prägt auch das ewige Spiel der Generationen.

Das nächste Ich

Was kommt nach der Hyperindividualisierung?

von Christian Schuldt

7. November 2025

47 Likes für das Frühstücksfoto, 23 für das Workout-Video, aber nur zwölf für den Post über die berufliche Neuorientierung … Was sagen diese Zahlen über mich aus? In Millionen von Köpfen flackern solche Fragen täglich auf. Die sozialen Medien haben eine neue Form der Ich-Bestätigung geschaffen, die sich als „Profilizität“ beschreiben lässt: Unsere digitalen Profile sind zu einer zentralen Quelle unserer Identitätskonstruktion geworden.

Im Rahmen dieser Profilizität verbringen Menschen heute immer mehr Zeit damit, ihr Leben zu dokumentieren – manchmal mehr, als es zu leben. Jeder Moment wird gefiltert durch die Frage: Wie kommt das online an? Wie werde ich von anderen gesehen? Die digitale Selbstpräsentation erzeugt paradoxe Effekte: Nie waren wir vernetzter – und zugleich einsamer. Nie hatten wir mehr Möglichkeiten zur Selbstdarstellung – und sind unsicherer denn je, wer wir eigentlich sind. Nie konnten wir individueller sein – und verhalten uns dabei gleichförmiger denn je. Eine ganze Generation wächst auf im Modus der permanenten Selbstbeobachtung und dem unstillbaren Bedürfnis nach Resonanz.

Doch die Profilizität der sozialen Medien ist mehr als ein generationales Phänomen. Sie ist das Krisensymptom einer epochalen Veränderung, die unser Verständnis von Identität grundlegend wandelt. Denn aus den Überreizungen der Hyperindividualisierung, die sich in den digitalen Feedback-Logiken spiegeln, erwächst zugleich ein nächstes Ich-Verständnis. Dieses „nächste Ich“ löst sich von der Ego-Fixierung und richtet sich neu aus, indem es auf das Grundprinzip der Identitätskonstruktion zurückgreift: die fundamentale Verbundenheit des einzelnen Menschen mit den Um- und Mitwelten.

Am Ende der Hyperindividualisierung

Wir leben in einer Zeit der immer weiter fortschreitenden Individualisierung, geprägt von hochgradiger Ich-Zentrierung und zunehmender Vereinzelung. Wer würde dieser Deutung widersprechen wollen? Nahezu alle soziologischen Analysen beschreiben die spätmoderne Gesellschaft als von radikaler Ich-Zentrierung geprägt – doch der digitale Medienwandel verändert diese Dynamik grundlegend. Und gerade dieser historische Medienwandel bewirkt nun einen epochalen Umbruch in der Menschheitsgeschichte. 

Wir befinden uns mitten im Übergang von der modernen Gesellschaft zur neuen Netzwerkgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Im Zuge dieser Umwälzung, die von digitalen Kommunikationsmedien vorangetrieben wird, entstehen neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen – und damit auch ein neuartiges Verständnis von Individualität und Identität. Das kommende Leitbild der Identität entspricht dem Paradigma des Netzwerks: Das nächste Ich versteht sich weniger als atomare Einheit, sondern als etwas, das elementar eingewoben ist in größere Zusammenhänge. 

Der Treiber für diesen Paradigmenwandel ist die zunehmende Krisensituation, in die das spätmoderne Ich im Zuge der digitalen Transformation geraten ist. Insbesondere der Siegeszug der sozialen Medien hat das persönliche Profil zur zentralen Bühne der Identitätsdarstellung und Resonanzgenerierung gemacht. Die Parole der Profilizität lautet: „Ich bin, was mein Profil an Feedback erzeugt.“ Die vielfältigen Auswüchse dieses Prozesses sind inzwischen überdeutlich und reichen weit über Social Media hinaus, bis in die Grundstrukturen der Gesellschaft. Immer deutlicher wird dabei: Die Ära der Hyperindividualisierung ist an einen Scheitelpunkt gelangt.

Das „Dividuum“ der Reaktionsökonomie

Diese Dynamik prägt nicht nur Social Media, sondern auch Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Denn im Kontext der Profilizität wird die eigentliche Sache weniger wichtig als ihre Kuratierung, Quantifizierung und Validierung. Deshalb dominieren Rankings, Ratings und Brandings heute zunehmend das gesellschaftliche Geschehen. Für die Art und Weise, wie wir Identität konstruieren, bedeutet das: Der Schein wiegt mehr als das Sein. 

Die Ausrichtung auf maximale persönliche Performanz umfasst auch die Anpassung an die Logik der Algorithmen, die unsere individuellen Befindlichkeiten, Sorgen und Wünsche immer granularer ansteuern können. Paradoxerweise fördert jedoch gerade diese persönliche Zurechenbarkeit auch eine De-Personalisierung: Denn smarte Algorithmen adressieren ja nicht das „In-dividuum“, sondern das „Dividuum“: das, was teilbar, quantifizierbar und statistisch verwertbar ist. So wird die einzelne Person zunehmend zur austauschbaren Adresse. Die digitale Wirtschaft befeuert die Hyperindividualisierung – und entwertet dabei zugleich die individuelle Persönlichkeit.

Die Spannungslinien der Profilizität machen deutlich: Die Hyperindividualisierung hat sich ihre eigene Krise geschaffen. Die Folge ist ein wachsendes Unbehagen an den digital befeuerten Ich-Überreizungen, das schon länger im öffentlichen Bewusstsein gärt – und nun zunehmend an einen Kipppunkt gelangt. Was aber folgt auf diesen Exzess der Individualisierung? Was kennzeichnet das „nächste Ich“, das aus dieser Krise erwächst?

Ein neues Selbst-Verständnis

Je spürbarer die Nebenwirkungen der Profilizität werden, umso stärker wächst die Sehnsucht nach echter Verbundenheit – nach Zugehörigkeit zu etwas, das über das eigene Ich hinausreicht. So mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Ära der „Singularität“ an ein Ende kommt – jene Epoche, in der sich Gemeinschaften vor allem um Lifestyle-Entscheidungen bildeten, nicht um gemeinsame Identitäten und Anliegen.

An die Stelle der postmodernen Ich-Inszenierungen tritt ein neuer Fokus auf Verantwortung und Widerstandskraft. Diese Abkehr vom ewigen Tanz ums eigene Ich ist der erste Schritt in Richtung eines nächsten Identitätsverständnisses. In ihrem Kern steht die Erkenntnis der Interdependenz, der wechselseitigen Abhängigkeit. Die Entfaltung des nächsten Ich zeigt sich vor allem in drei ineinandergreifenden kulturellen Bewegungen:

  • Co-Individualisierung: Das Verständnis des Selbst wandelt sich vom autonomen Ego zum „Ich im Wir“ – ein Beziehungs-Ich, das in vernetzten, kollaborativen Kontexten Sinn und Identität findet. 
  • Holobiontik: Der Mensch erscheint nicht länger als isolierte Einheit, sondern als Teil komplexer symbiotischer Gefüge – biologisch, sozial und planetarisch verflochten. 
  • Humandigitalität: Inmitten der rasanten KI-Fortschritte wächst das Bewusstsein für das genuin Humane – Empathie, Kreativität, leibliche Begegnung und kritisches Denken.

Die Ära der Interdependenz

Ob im Zusammenspiel mit anderen Individuen, mit unseren ökosystemischen Um- und Mitwelten oder mit Computern und Algorithmen: Das „nächste Ich“ folgt dem Leitprinzip der wechselseitigen Abhängigkeit. Es reflektiert und kultiviert die Einbindung in größere Kontexte und Dimensionen. Der gemeinsame Nenner besteht in der komplexen Synthese: In der nächsten Gesellschaft beruht die Ausbildung von Identität und Individualität auf neuartigen Kombinationen, die Widersprüchliches auf höheren Systemebenen zusammenführen. 

Damit wird ein weiteres Kapitel in der Geschichte der menschlichen Identitätsbildung aufgeschlagen. In der Vormoderne basierte das Ich auf rollenkonformem Gehorsam. In der Moderne strebte es nach Authentizität und Nichtkonformität. In der Postmoderne regierten Performanz und Profilizität. In der nächsten Gesellschaft werden diese historischen Konzepte nun zu einer neuen Synthese kombiniert: Das nächste Ich entfaltet sich nicht mehr in Abgrenzung zur Welt. Sondern in bewusster Koexistenz mit ihr.

Governance als Beziehungskunst

Warum Governance mehr ist als Steuerung – und wie Vertrauen, Beziehung und Verantwortung den Unterschied machen.

von Stephanie Wössner

16. Oktober 2025

Wenn heute über Bildungspolitik gesprochen wird, ist fast automatisch Governance gemeint: Steuerung, Wirkung, Implementierung. Diese Begriffe vermitteln Sicherheit – sie suggerieren, dass Wandel planbar ist. Doch was, wenn Zukunft sich gerade dadurch entzieht, dass sie nicht planbar ist? Was, wenn Governance weniger mit Kontrolle als mit Beziehung zu tun hat?

Der Begriff Governance selbst ist ambivalent: Er kann Brücken bauen oder Mauern errichten, Verständigung fördern oder Macht festschreiben. Entscheidend ist die Haltung, mit der wir ihn füllen.

Zwischen Kontrolle und Vertrauen

In einer Welt, die sich permanent verändert, verlieren klassische Steuerungslogiken an Kraft. Transformation lässt sich nicht anordnen – sie entsteht in Begegnungen, in Zwischenräumen, in Resonanz. Sie ist kein Top-down-Prozess, sondern ein Netzwerk geteilter Verantwortung.

Die herkömmliche Governance teilt das Feld in Wissende und Umsetzende, Entscheider:innen und Betroffene. Sie schafft Strukturen, aber selten Verbindung; sie misst Wirkung, aber übersieht Sinn. Sie stabilisiert Systeme – doch Transformation verlangt, sie zu öffnen.

Governance als Beziehungskunst

Ein alternatives Verständnis denkt Governance als Beziehungskunst: als Fähigkeit, Vertrauen zu schaffen, Unterschiedlichkeit auszuhalten und gemeinsame Orientierung im Ungewissen zu suchen. Sie wäre weniger Verwaltung als Kulturtechnik – weniger Steuerung als Ermöglichung.

In dieser Perspektive wird Governance dialogisch. Sie lädt ein, Macht zu teilen, Verantwortung gemeinsam zu tragen und Räume offenzuhalten für das, was noch nicht definiert ist. Sie erkennt an, dass niemand allein über genügend Wissen verfügt, um Zukunft zu gestalten – und dass kollektive Intelligenz nur dort entsteht, wo Menschen wirklich zuhören.

Beziehung vor Struktur

Gerade im Bildungsbereich zeigt sich, wie schwierig dieser Wandel ist. Schulen und Verwaltungen beruhen auf Planung, Kontrolle und Evaluation. Doch wer Lernen fördern will, braucht Vertrauen in Prozesse, die sich nicht messen lassen.

Governance als Beziehungskunst bedeutet, Strukturen so zu gestalten, dass sie Begegnung ermöglichen. Ein Beispiel sind Netzwerke, in denen Lernende, Lehrende, Eltern, Forschende und Politik gemeinsam an Entwicklungsfragen arbeiten – nicht entlang von Zielvorgaben, sondern durch geteiltes Lernen.

So entstehen Resonanzräume, in denen Unsicherheit nicht als Defizit gilt, sondern als Motor von Erkenntnis. Wenn Lernende selbst Rückmeldungen geben, Prioritäten mitsetzen und Verantwortung übernehmen, wird Macht neu definiert. Governance wird dann zur gemeinsamen Praxis – offen für Fehler, Irritationen und Neuanfänge.

Von der Steuerung zur Co-Kreation

Der Navigator Bildung Digitalisierung zeigt exemplarisch, wie stark der Wunsch nach Steuerung im Bildungsdiskurs verankert ist – und wie herausfordernd es bleibt, Unsicherheit produktiv zu nutzen. Doch genau hier liegt das Potenzial: Governance kann mehr sein als Regelwerk. Sie kann ein Beziehungsgeflecht werden, das Wandel trägt.

Governance als Beziehungskunst erfordert Mut: den Mut, Kontrolle zu relativieren, Verantwortung zu teilen und Macht neu zu denken. Politik wird so zur sozialen Praxis des Zuhörens.

In Zeiten der Omnikrise – von Klimawandel über Digitalisierung bis zur gesellschaftlichen Spaltung – ist das keine Schwäche, sondern Voraussetzung für Handlungsfähigkeit. Komplexität lässt sich nicht bekämpfen, nur gestalten – gemeinsam.

Zukunft als gemeinsame Verantwortung

Diese Haltung verändert auch, was wir unter Erfolg verstehen. Wirkung ist dann nicht, was messbar ist, sondern was Beziehungen stärkt. Fortschritt zeigt sich nicht in Zahlen, sondern in Vertrauen.

Wenn wir Transformation wirklich wollen, müssen wir Governance enttechnokratisieren. Sie darf kein Instrument zur Sicherung bestehender Strukturen bleiben, sondern muss zum sozialen Raum werden, in dem Sinn entsteht.

Governance als Beziehungskunst verbindet Verantwortung mit Vertrauen, System mit Menschlichkeit. Zukunft entsteht nicht durch Steuerung – sondern durch Beziehung.

Der Irrtum der Innovationslogik

Warum echte Transformation mehr braucht als „Innovation“ – und wie Bildung zum gemeinsamen Möglichkeitsraum werden kann.

von Stephanie Wössner

16. Oktober 2025

Innovation gilt als Leitmotiv moderner Bildungspolitik. Programme, Pilotprojekte, Modellversuche – fast alles, was sich mit „Zukunft“ schmückt, spricht die Sprache der Innovation. Auch Strategiepapiere wie der „Navigator Bildung Digitalisierung“ nutzen dieses Vokabular: Sie verweisen auf Entwicklungsbedarfe, Good Practices und Wege zur Skalierung erfolgreicher Modelle.

Doch dahinter steckt eine lineare Logik – die Vorstellung, Wandel sei das Ergebnis von Planung, Steuerung und Umsetzung. Genau darin liegt ein Missverständnis: Transformation ist kein Projekt, das man „managen“ kann. Kein Fortschrittsprogramm, sondern ein kultureller Prozess, der Menschen, Beziehungen und Haltungen verändert. Sie lässt sich nicht implementieren, sondern nur ermöglichen.

Innovation allein reicht nicht

Die Innovationslogik folgt betriebswirtschaftlicher Rationalität: Ein Problem wird definiert, eine Lösung erprobt, optimiert, skaliert. Bildung aber funktioniert nicht wie Produktentwicklung. Sie ist kein Markt mit übertragbaren Modellen, sondern ein Beziehungsgeschehen. Was an einem Ort gelingt, kann an einem anderen scheitern – nicht wegen mangelhafter Umsetzung, sondern wegen unterschiedlicher kultureller Kontexte.

Echte Transformation entsteht dort, wo Menschen bereit sind, sich irritieren zu lassen, Gewohnheiten zu hinterfragen und Neues nicht sofort zu bewerten. Sie beginnt im Inneren von Organisationen und Individuen – als Suchbewegung, nicht als Projektphase. Sie braucht Zeit, Resonanz, Vertrauen und die Fähigkeit, mit Nichtwissen und Ambiguität zu leben.

Wenn Bildung eine Suchbewegung ist, dann gilt das auch für die Lernenden. Sie sind keine Empfänger:innen von Veränderung, sondern Mitgestaltende des Suchprozesses. Wo sie eigene Fragen stellen und Irritationen aushalten dürfen, entsteht jene Haltung, aus der echte Transformation erwächst – nicht durch Anleitung, sondern durch gemeinsames Entdecken.

Der blinde Fleck des Steuerungsdenkens

Viele Initiativen zur „digitalen Bildung“ modernisieren Methoden und Tools – aber selten die Haltung. Wenn digitale Neuerungen nicht von kulturellem Wandel begleitet werden, bleiben sie oberflächlich: Innovationstapete auf alten Wänden.

Auch der „Navigator Bildung Digitalisierung“ benennt Handlungsfelder, Maßnahmen, Indikatoren – aber kaum die emotionale und relationale Dimension des Wandels. Eine transformative Perspektive fragt stattdessen: Was braucht es, damit Neues überhaupt als wertvoll erkannt wird? Welche Irritationen müssen wir zulassen, um Altes loszulassen?

Kultur statt Projektplan

Transformation ist keine Fortschreibung des Bestehenden mit neuen Mitteln. Sie ist ein Perspektivwechsel: weg vom Machbarkeitsdenken, hin zum Gestalten im Unbestimmten. Statt Innovation um der Innovation willen braucht es Imagination – den Mut, sich auf das Nichtplanbare einzulassen.

Ein Beispiel: Eine Schule beginnt nicht mit neuen Apps, sondern mit der Frage, wie Menschen dort miteinander lernen. Sie reflektiert Beziehungen, Haltung, Selbstverständnis. Erst daraus entsteht Neues – nicht durch Implementierung, sondern durch Selbstveränderung.

Bildung als gemeinsamer Suchraum

Bildung wird so zum gemeinsamen Suchraum: nicht zur Umsetzung vorgegebener Ziele, sondern zur Erkundung dessen, was möglich ist. Nicht zur Sicherung von Standards, sondern zur Entfaltung von Sinn. Nicht zur Anhäufung von Kompetenzen, sondern zur Entwicklung von Verantwortung.

Diese Haltung verändert Rollen: Lernende werden zu Mitgestaltenden, Lehrkräfte zu Lernbegleitenden, Eltern und Ausbildende zu Mitreisenden. Suchende Bildung braucht Vertrauen statt Kontrolle. Resonanz statt Bewertung. Neugier statt Gewissheit.

Transformation ist nie abgeschlossen. Sie bleibt Zumutung und Einladung zugleich: loszulassen, was Sicherheit gibt, und zu entdecken, was Bedeutung hat. Das Ziel ist nicht, Bildung besser zu steuern. Sondern sie als kollektiven Suchprozess zu verstehen: als Raum, in dem Fragen wichtiger sind als Antworten.

Neue Wege für kollektives Handeln im Zeitalter der Hyperpolitik

Demokratie gedeiht durch Imagination, kollektives Handeln und aktive Partizipation. Angesichts der Herausforderungen der ‚Hyperpolitik‘, Individualisierung und des demokratischen Rückschritts ist es an der Zeit, neu zu überdenken, wie wir Bürger:innen einbinden, Vertrauen aufbauen und Systeme gestalten, die gemeinsame Verantwortung für langfristige Veränderungen ermöglichen.

von Mathias Behn Bjørnhof

10. Februar 2025

Lassen Sie mich mit meinem eigenen Weg beginnen, auf dem ich mich intensiver mit (den Zukünften) der Demokratie beschäftigt habe. Er war alles andere als linear. In meinem frühen Zwanzigern wechselte ich, wie es junge Menschen tun, von dem Wunsch, Anthropologe zu werden, zu Historiker, Diplomat und Innovationsspezialist – bis ich schließlich zum Zukunftsforscher und Unternehmer wurde.

Jede subtile Veränderung spiegelte meine Neugier und den Wunsch wider, das größere Ganze zu sehen. Erst als ich die Zukunftsforschung entdeckte, erkannte ich, dass ich das perfekte Feld gefunden hatte. Eines, das multidisziplinäre Perspektiven zusammenbringt, um zu erforschen, wie sich Gesellschaften und Systeme im Laufe der Zeit verändern und vor allem, wie wir die Zukünfte gestalten können, die wir sehen wollen.

Das Zeitalter der Hyperpolitik

Zukunftsarbeit, insbesondere wenn sie auf die Demokratie angewendet wird, verbindet sich tief mit dem Kern dessen, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben und sie zu gestalten. Demokratie in ihrem modernen Sinne entstand aus dem imaginativen Sprung, dass wir uns eine bessere Zukunft vorstellen könnten. Thomas Mores Utopia – vor über 500 Jahren veröffentlicht – ist ein kraftvolles Beispiel dafür. Es legte den Grundstein für die Vorstellung einer Welt, in der Menschen Einfluss auf ihr kollektives Schicksal haben. Dieser Akt der Vorstellungskraft mobilisierte die Massen und führte zu Revolutionen, die die demokratischen Prinzipien formten, die wir heute als selbstverständlich betrachten.

Aber heute steht die Demokratie vor einer neuen Art der Herausforderung. Wir leben in einem Zeitalter, das einige ‚Hyperpolitik‘ nennen. Alles fühlt sich politisch an und kollektives Handeln ist schwer fassbar geworden. Soziale Medien und eine algorithmusgesteuerte Individualisierung haben den persönlichen Ausdruck verstärkt, während sie unsere Fähigkeit untergraben haben, gemeinsam an geteilten Zielen zu arbeiten. Gemeinschaften zerbrechen, langfristige Verpflichtungen schwinden, und unsere Fähigkeit, systemische Herausforderungen – Klimawandel, Ungleichheit, demokratischer Rückschritt – anzugehen, wird schwächer.

Mit der Intensivierung der Hyperpolitik ziehen sich Individuen in reaktive Haltungen zurück. Äußern Meinungen, aber distanzieren sich von der nachhaltigen Arbeit des Aufbaus von Systemen, die sinnvolle Veränderungen bewirken können. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum. Kollektives Handeln erfordert Vertrauen, Verantwortlichkeit und den Glauben, dass die eigenen Bemühungen zählen. Diese Qualitäten sind rar, jetzt wo Institutionen zu schwanken scheinen und die Polarisierung zunimmt.

Demokratie und Zukunft: Intrinsisch verbunden

Demokratie war schon immer ein Akt kollektiver Vorstellungskraft. Sie existiert nicht abstrakt, sondern als etwas, das wir durch Gespräche, Debatten und Handlungen schaffen. Im besten Fall ist Demokratie unordentlich, iterativ und zutiefst menschlich – ein System, das den Wert von Meinungsverschiedenheiten anerkennt und gleichzeitig auf gemeinsame Ziele hinarbeitet. Aber sie ist auch fragil.

In meiner Arbeit kehre ich oft zu der Idee zurück, dass Demokratie eine Debatte ist, die wir ständig neu erfinden. Letztlich geht es darum, Raum zu schaffen, um sich das Mögliche vorzustellen – anstatt sich mit dem abzufinden, was ist. Dies erfordert, dass wir Annahmen in Frage stellen, Systeme hinterfragen, die uns nicht mehr dienen, und an die Möglichkeit von etwas Besserem glauben.

Die moderne Krise der Demokratie betrifft nicht nur den Vertrauensverlust in Institutionen. Es geht um einen Verlust an Vorstellungskraft. Viele Menschen sehen Demokratie als etwas, das ihnen passiert, anstatt sich als Teil dessen zu verstehen. Diese „Stealth-Demokratie“-Mentalität geht davon aus, dass Expert:innen die Dinge hinter den Kulissen regeln, wodurch die Bürger:innen frei sind, sich zurückzuziehen. Aber Demokratie kann ohne aktive Teilnahme nicht funktionieren.

Die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen

Weltweit steht die Demokratie unter Druck von gleich mehreren Seiten:

  • Wachsende Ungleichheiten spalten Gesellschaften und konzentrieren Macht.
  • Fehlinformation und Manipulation gedeihen in einer fragmentierten Medienlandschaft und untergraben Vertrauen.
  • Individualisierung, angetrieben durch algorithmische Echokammern, entfernt Menschen von gemeinsamen Realitäten.
  • Polarisierung, sowohl politisch als auch sozial, vertieft Spaltungen und entmutigt sinnvollen Dialog.

Wir schaffen Technologie, aber Technologie formt uns wiederum. Das digitale Zeitalter hat neu definiert, wie wir interagieren, wie wir Meinungen bilden und wie wir uns mit Governance beschäftigen. Während diese Kräfte den gesellschaftlichen Zusammenhalt auflösen, schaffen sie auch Möglichkeiten, neu zu denken und neu zu gestalten.

Kollektives Handeln neu denken

Wenn die Demokratie gedeihen soll, müssen wir überdenken, wie wir politische Gemeinschaften aufbauen. Tatsächlicher Wandel ist eine Teamleistung, keine Solo-Mission. Um voranzukommen, müssen wir Systeme entwerfen, die Engagement inspirieren, Verantwortlichkeit fördern und kollektives Handeln ermöglichen.

Hier sind einige mögliche Wege:

  • Bürgerversammlungen: Alltägliche Menschen in strukturierte, beratende Prozesse einbeziehen, in denen sie komplexe Themen abwägen und Politik gestalten können. Dies baut Vertrauen auf und bindet die Bürger:innen wieder in die Entscheidungsfindung ein.
  • Erweiterte Demokratie: Nutzung von Technologie (hauptsächlich digitale Zwillinge), um direktere und transparentere Formen der Teilnahme zu ermöglichen und gleichzeitig Zugänglichkeit und Gerechtigkeit sicherzustellen.
  • Engagement auf Gemeinschaftsebene: Dezentralisierung der Entscheidungsfindung, um die Macht näher an die gelebte Realität der Menschen zu bringen. Dies schafft greifbare Verbindungen zwischen Governance und dem täglichen Leben.
  • Bildung und Volksbildung: In Dänemark erfasst das Konzept der „dannelse“ (ein wesentlicher Bestandteil des Wortes ‚uddannelse‘, das dänische Wort für Bildung) die Idee, ‚ganzheitliche‘ Bürger:innen zu formen, die sowohl kenntnisreich als auch engagiert sind. Wir müssen die staatsbürgerliche Bildung neu überdenken, um Menschen mit den Werkzeugen auszustatten, um sinnvoll an der Demokratie und damit an der Gesellschaft teilzunehmen.

Mathias Behn Bjørnhof ist Zukunftsforscher und Gründer des Beratungsunternehmens ANTICIPATE mit Sitz in Kopenhagen. Auf seinem Blog veröffentlichte er diesen Artikel im englischen Original im Januar 2024.

zum Originaltext

Bildung für mehr Demokratie

Wie kann Bildung dazu beitragen, gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen? Über Demokratiebildung im Zeitalter der Krise. Ein Auszug aus dem Future:Guide Bildung.

von Stephanie Wössner

6. Februar 2025

Die westlichen Demokratien stehen unter Druck. Der Aufstieg autoritärer und rechtspopulistischer Strömungen, befeuert durch Desinformation und algorithmische Verzerrung in digitalen Medien, macht deutlich: Demokratie ist keine selbstverständliche Gegebenheit, sondern eine Errungenschaft, die aktiv erhalten und weiterentwickelt werden muss. Wie kann eine zukunftsorientierte „Demokratiebildung“ diesen zersetzenden Kräften entgegenwirken?

Demokratie im Bildungsauftrag

Bildung hat in demokratischen Gesellschaften immer auch eine politische Dimension. Der Bildungsauftrag geht weit über die Vermittlung von Wissen hinaus und umfasst die Förderung von Mündigkeit, kritischem Denken und der Fähigkeit zur Partizipation und zur Zukunftsgestaltung. In Deutschland ist dies im Grundgesetz sowie in den Schulgesetzen der Länder festgeschrieben: Bildung soll dazu befähigen, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen und sich aktiv am demokratischen Leben zu beteiligen.

Doch angesichts der akuten Herausforderungen für die Demokratie reicht ein traditionelles Verständnis von politischer Bildung dafür nicht mehr aus. Es genügt nicht, Fakten über Wahlsysteme und politische Institutionen zu vermitteln. Vielmehr muss Demokratiebildung ein aktiver, erfahrungsbasierter Prozess sein, der vor allem Kinder und Jugendliche befähigt, Demokratie nicht nur zu verstehen, sondern aktiv mitzugestalten.

Digitale Räume und Demokratiebildung

Die Digitalisierung hat grundlegend verändert, wie Menschen sich informieren, kommunizieren und politisch engagieren. Soziale Medien und Online-Plattformen sind heute zentrale Orte politischer Debatten, bergen aber auch Risiken: Filterblasen, Desinformation und gezielte Meinungsmache erschweren den offenen Diskurs. Hier setzt eine zukunftsorientierte Demokratiebildung an, die sowohl digitale Kompetenz als auch medienkritisches Denken fördert:

  • Kritische Medienkompetenz: Wie lernen insbesondere Kinder und Jugendliche, Informationen zu hinterfragen, Quellen zu überprüfen und Manipulationsversuche zu erkennen?
  • Partizipation in digitalen Räumen: Wie kann Bildung die aktive Beteiligung an gesellschaftlichen und politischen Diskussionen fördern, offline wie online?
  • Ethische Reflexion der digitalen Öffentlichkeit: Welche Verantwortung tragen wir als Bürger:innen in digitalen Räumen – und wie beeinflussen Algorithmen die öffentliche Meinung?

Um der wachsenden Bedrohung durch digitale Desinformation und Meinungsmanipulation entgegenzuwirken, ist die Verbindung von Demokratiebildung und Human Digitality essenziell. Entscheidend ist dabei die Befähigung, digitale Räume aktiv und verantwortungsvoll mitzugestalten. Ebenso wichtig wie der Umgang mit bestehenden digitalen Strukturen wird es, diese Strukturen demokratisch mitzugestalten und ihre ethischen sowie gesellschaftlichen Auswirkungen zu reflektieren.

Demokratie als gelebte Bildungspraxis

Eine zentrale Rolle kommt hierbei dem zukunftsorientierten Lernen zu: Basierend auf Selbstbestimmtheit, Autonomie und personalisierten Lernprozessen gibt es Lernenden die Möglichkeit, sich aktiv mit der Welt und ihrer eigenen Zukunft auseinanderzusetzen. Zukunftsorientiertes Lernen verbleibt nicht in isolierten, didaktisch vorbereiteten Szenarien, sondern ist eng verknüpft mit realen gesellschaftlichen Herausforderungen.

In einer Zeit wachsender demokratischer Herausforderungen bedeutet Demokratiebildung dann sehr viel mehr als die Vermittlung von theoretischem Wissen: Im Kern geht es um die Förderung einer Kultur der Partizipation und des kritischen Denkens. Bildungsräume werden damit zu Orten, an denen Demokratie gelebt wird. In offenen Diskussionen, im Modus des selbstbestimmten Lernens, in einem Klima, das Vielfalt und Engagement wertschätzt.

Soziale Innovation

Wenn es um Zukunft geht, blickt alle Welt auf Technologien: Künstliche Intelligenz, Quantencomputer und Fusionsenergie sollen die Probleme der Menschheit lösen. Doch eine mindestens ebenso wichtige Rolle in der kulturellen Evolution spielen soziale Innovationen.

von Lena Papasabbas

16. Januar 2025

Wir leben in einer Welt, die in der Zukunft gleichbedeutend geworden ist mit Technologie. Die großen Tech-Giganten unserer Zeit haben uns eingebläut, dass wir im Zeitalter der Innovation leben und Lösungen für die großen Herausforderungen eine Frage der technologischen Entwicklung sind. 

Tatsächlich sind viele Innovationen aus dem Silicon Valley immer mehr zu Ersatz-Fetischen für echte soziale Entwicklung und altruistische Werte wie Freundlichkeit und Toleranz geworden. Statt an gemeinschaftlichen Werten zu arbeiten, suchen wir die Lösung in der Technologie, nach dem Motto: „Diese Kryptowährung kann Lieferketten fair machen“ oder „Die fünf besten Apps gegen Armut“. Statt uns als Gesellschaft zu dienen, hat der Hype um Innovation vor allem dem Wachstumskapitalismus als Hebel genutzt, um uns zu immer besseren Konsument:innen zu machen.

Wandel durch kulturelle Weiterentwicklung

Eine chronisch unterschätzte Rolle spielt dagegen soziale Innovation, die unser soziales Verhalten verändert. Hier finden sich vergleichsweise einfache Antworten auf die größten Herausforderungen, die sich der Menschheit heute stellen. Auch für globale Probleme, die oft als unlösbar komplex dargestellt werden. So zeigen verlässliche Daten, dass sich die rapide wachsende Weltbevölkerung durch die Bildung von Mädchen und die Gleichstellung von Frauen ausbremsen ließe. 

Der Feminismus ist einer der wichtigsten Treiber für kulturelle Evolution, er spielt eine Schlüsselrolle für nachhaltigere soziale Systeme, wirtschaftliche Stabilität und den Erhalt von Frieden. Die Gleichberechtigung der Geschlechter hat außerdem großen Einfluss auf die Entwicklung ökologisch verträglicher Systeme. Die weltweit in verschiedensten Formen auftretenden Frauenbewegungen und die zahlreichen Erfolge im Kampf um Geschlechtergerechtigkeit und LGBTQ-Gleichstellung machen die Welt nicht nur gerechter, sondern tragen maßgeblich zu einem Gelingen einer umweltverträglichen Wirtschaft und Gesellschaft bei.

Das Spektrum sozialer Innovation umfasst nicht nur das Erlernen neuer Werte und Kulturtechniken. Auch handfeste strukturelle Veränderungen, etwa in Form von Gesetzen, sind zentrale soziale Innovationen. Allein durch eine veränderte Haltung lässt sich das systemisch bedingte Auseinanderdriften von Geld-Eliten und den Leidtragenden des unregulierten Wachstumskapitalismus nicht lösen. Aber durch einen Hebel, der bereits vorhanden ist: Steuern.

Struktureller Wandel durch harte Grenzen

Konkrete Modelle zu einem Steuersystem, das die Anhäufung von Reichtum – sowohl von Personen und Familien als auch von Unternehmen – ausbremsen könnte, stellt der Physiker und Klimaforscher Anders Levermann in seinem Buch „Die Faltung der Welt“ vor. Würden sich Gesellschaften etwa dafür entscheiden, dass kein Unternehmen mächtiger sein darf als das Land, in dem es operiert, gäbe es auch keine übermächtigen Superkonzerne wie Google oder Amazon mehr: „Die Regierungen sollten die Unternehmenssteuern so ändern, dass es für Konzerne ab einer bestimmten Größe unattraktiv wird, noch größer zu werden. Sie würden sich dann aufsplitten und damit die Vielfalt stärken.“

Das simple Prinzip der unverhandelbaren, harten Grenzen, innerhalb derer ein System sich bewegen und entfalten kann und muss, ist ein mächtiger Lösungsansatz, um viele aktuelle Schieflagen in Gesellschaft und Wirtschaft zu beheben. Ein klares Verbot der Nutzung fossiler Energieträger zum Beispiel würde zum endgültigen Durchbruch erneuerbarer Energien führen und eine Fülle an Business-Innovationen hervorrufen. Neue Materialien würden entwickelt, neue Treibstoffe, neue Verpackungen … Ein Wachstum in die Breite wäre die Folge.

Eine weitere soziale Innovation: Dürfte niemand mehr als 2 Millionen Euro erben, würde die extreme Anhäufung von Reichtum und damit auch Macht verlässlich eingeschränkt. Geld würde wieder zurück in die Sozial-, Bildungs- und Versorgungssysteme fließen, Parallelgesellschaften von Superreichen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, aber immensen Einfluss auf die Politik nehmen, gehörten der Vergangenheit an. 

Eine solche „Faltung der Welt“ mag utopisch erscheinen. Doch die harten Grenzen von Zivilisationen haben sich stets verändert. Genauso selbstverständlich, wie wir heute ein Verbot von Sklaverei oder das Wahlrecht von Frauen akzeptieren, wäre es möglich, neue unverhandlbare Grenzen zu ziehen, innerhalb derer sich eine neue, bessere Gesellschaft entwickeln kann.

Die Kulturanthropologin und Zukunftsforscherin Lena Papasabbas beschäftigt sich mit dem Wertewandel und dessen Auswirkungen auf Gesellschaft und Individuum. Auf inspirierende Weise heben ihre Vorträge aktuelle konstruktive Transformationsprozesse hervor, die in eine lebenswerte Zukunft weisen.

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Next Age?

12 mögliche Epochen der Zukunft

Welchen Namen könnte das Next Age, das sich gerade herausbildet, tragen? Die hier versammelten Vorschläge sind zugespitzte Szenarien: Gedankenexperimente, die in dieser Absolutheit nicht zu erwarten sind – aber jeweils bestimmte Eigenschaften und Merkmale aufweisen, die das Next Age mitprägen werden. Die Frage ist nur: in welchem Ausmaß? 

Ein Auszug aus „Beyond 2025 – Das Jahrbuch für Zukunft“

von Matthias Horx

27. November 2024

The Solar Age

Das Sonnenzeitalter

Das nächste Zeitalter steht ganz im Zeichen der Sonne. Nach dem Ende der Ära der fossilen Verbrennung entsteht eine neue Kultur, in der Energie preiswert und üppig zur Verfügung steht. Technologien „solarisieren“ sich, Architekturen verändern sich ästhetisch und energetisch – unsere Denk- und Lebensweisen werden vom Zentralgestirn erleuchtet.

Das Anthropozän

Die Herrschaft des Menschen über die Natur

Im Anthropozän hat die menschliche Spezies sich endgültig den Planeten Erde unterworfen: die ganze Biosphäre, die Wälder, Meere, Wüsten und schließlich auch den erdnahen Weltraum. Statt sich der Natur anzupassen, wird alles „terraformt“. Nach dem Vorbild der Arabischen Emirate, in denen riesige künstliche Städte und Landschaften entstehen, erobern die menschlichen Infrastrukturen endgültig den Planeten und formen ihn um. Aber das muss nicht in die Katastrophe führen. BioTechs und SynTechs ermöglichen organische Landschaftsgestaltungen, in denen Technologie und Natur neue Symbiosen eingehen. Oder wie der US-amerikanische Zukunftsforscher Stuart Brand schon 1968 als Motto seines „Whole Earth Catalog“ formulierte: „We are like gods and might as well get good at it.“

The Neo-Nomadic Age

Das Zeitalter der neuen Völkerwanderungen

Die klassischen Staatengebilde zerfallen langsam, Grenzen verschwimmen. In einer hypermobilen Welt werden immer mehr Menschen zu Nomaden, die von Ort zu Ort ziehen (oder nicht mehr dort leben, wo sie herkommen). Populationen wandeln sich. „Bürgerschaften“ entstehen aus freien Zusammenschlüssen, ähnlich wie in der Gründerzeit Amerikas, Offshore-Gemeinschaften boomen. Exodus wird ein normales Verhaltensmuster im Zeichen von Krisen und Diktaturen. Aus jedem Flucht-Camp wird früher oder später eine stabile Gemeinschaft mit eigenen Rechten, Strukturen und Lebens- weisen. Den Wandernden gehört die Welt.

Die Metamoderne

Die Evolution zum Komplexen

Die Ära der Metamoderne ist eine kulturelle und philosophische Bewegung, die auf die Postmoderne reagiert. Sie zeichnet sich durch eine Wiederbelebung von Sinn, Gemeinschaft und Fortschrittsglaube aus – während sie gleichzeitig die Unsicherheiten und Widersprüche der postmodernen Welt anerkennt. In der Metamoderne geht es darum, Komplexität und Ambiguität zu umarmen, ohne die Suche nach Lösungen und positiven Veränderungen aufzugeben.

Das Zeitalter der Anomie

Die Ära des Chaos und der Rudelbildung

Anomie bezeichnet einen Zustand fehlender oder schwacher sozialer Normen, Regeln und Ordnungssysteme. Fortschreitende Gesetz- und Regellosigkeit, immer schwächere Institutionen und zerbröckelnde Infrastrukturen können die gesellschaftliche Integration nicht länger gewährleisten. Die Folge ist eine tribale Renaissance: Gangs und Neo-Stämme haben in einer chaotischen Welt die besten Überlebenschancen. Überall Sekten, Banden, Konglomerate, Mafias, korrupte Systeme, die in gesetzlosen Kleinstaaten und „lost countries“ gegen- einander kämpfen oder sich miteinander verbünden. Die Welt verwandelt sich in eine „Mad Max“-Dystopie mit trumpistischen Zügen.

Das Cthulhuzän

Das Zeitalter der Multiwesen

„Cthulhu“ ist eine fiktive Kreatur aus einer Kurzgeschichte des US-amerikanischen Schriftstellers H.P. Lovecraft – und der Name einer ganz realen kalifornischen Spinne: Pimoa cthulhu. Das Wort beinhaltet aber auch eine Referenz an die Erdgöttinnen oder die Kräfte der Erde, die von animistischen und pantheistischen Glaubensrichtungen verehrt werden. Ausgerufen hat das Cthuluzän die US-amerikanische Biologin und feministische Theoretikerin Donna Haraway: Im Gegensatz zum Anthropozän steht hier nicht der Mensch in Zentrum der Ge- schichte, sondern das Leben aller Arten und Kreaturen, seien es Oktopusse, Korallen oder Pilze. In Haraways „magischen“ Büchern wimmelt es von Primaten und Cyborgs, die Grenze zwischen Mensch und Tier verschwimmt ebenso wie die Grenze zwischen Mensch und Maschine.

Das Virtualozän

Die Flucht in die Simulationen

Der Cyberspace wird Wirklichkeit, die virtuelle Welt stülpt sich endgültig über die menschliche Kultur. Wir realisieren, dass es keine „Realität“ mehr gibt – wir aber auch keine mehr brauchen. Die Wirklichkeit war sowieso nur eine Illusion. Immer mehr Menschen emigrieren in Rundum-Simulationen, die von wenigen monopolistischen Superkonzernen beherrscht werden, und in denen man alle Wünsche, Träume, Fantasien verwirklichen kann. Die begehrtesten Tech-Gadgets sind Simulationsanzüge, die Hirn und Körper stimulieren. Viele finden aus den künstlichen Welten gar nicht mehr heraus.

The Age of Singularity

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine

Geht es nach dem US-amerikanischen Superfuturisten Ray Kurzweil und seiner Fangemeinde, endet 2046 die Welt, in der Menschen sterben müssen. Mit dem Erreichen der „Singularität“ wird das Tempo der technischen Entwicklung so schnell, dass Supertechnologien entstehen, in denen der Mensch aufgeht. Wir werden unsere Identitäten auf riesige Quantencomputer hochladen und ein ewiges glückliches Leben führen. Eins sind der Mensch und das Himmelreich, in silicium. Amen!

The Re-Generation Age

Die Ära des Heilens und Verbindens

Unsere Welt ist erschöpft, überstresst und „aus den Fugen“. Wir leben in einer zersplitterten Wirklichkeit, die sich nach Regeneration sehnt. Nach Heilung und Ganzheit, nach Ent-Schleunigung und Ver-Bindung. In einer Epoche der Regeneration widmen wir uns dem Verbindlichen, dem Heilenden und Zusammenfügenden. Wir bilden neue Gemeinschaften, überwinden die Wegwerfgesellschaft und entwickeln eine neue Kultur des Zuhörens, die die Demokratie stärkt und erneuert. Wir lernen, wieder überzeitlich zu denken – posterity statt prosperity. Unser Leben ist wieder auf die Nachkommen- den ausgerichtet. Wir begleiten uns selbst liebevoll durchs Leben – und tun dies auch mit anderen. Aus dem Wort „kümmern“ verschwindet der Kummer.

Das Sinozän

Das Zeitalter der chinesischen Dominanz

China wird zur Mega-Supermacht des 21. Jahrhunderts. Nachdem es quasi die Monopolherrschaft über die wichtigsten Zukunftstechnologien übernommen hat und reihenweise Durchbrüche in Sektoren wie Gentechnik, Quantentechnik und Lebensverlängerungsmedizin erzielen konnte, steigt es auch zur hochtechnologisch führenden Nation auf, einschließlich eines unbesiegbaren Militärs. Die USA dekonstruieren sich nach einem Quasi-Bürgerkrieg 2025 selbst. 2030 gründet China den Großen Asiatischen Staatenbund, dem auch Indien beitritt. 2050 verkündet China das endgültige Aus für alle fossilen Energien, einschließlich des Baus von 100 großen Fusionskraftwerken.

Das Urbanozän

Das Zeitalter der Gigastädte

Heute leben bereits mehr als 50 Prozent aller Menschen in Ballungs-Agglomerationen mit mehr als 10 Millionen Einwohner:innen. In 500 Megastädten werden bald 3 Milliarden Menschen leben. Die Verdichtung führt zu immer mehr Differenzierung, Individualisierung und energetischer Aktivität, aus der es keinen Ausweg mehr gibt. Irgendwann werden so gut wie alle Menschen in verdichteten Konglomeraten leben. Auf dem Land regieren die Agrarroboter, und ein erheblicher Teil der Bevölkerung zieht auf riesige Kreuzfahrtschiffe, auf autonome Inselarchipele oder in künstliche Wüsten-Superstädte – „The Line“ in Saudi-Arabien liefert einen Vorgeschmack.

Das Symbiozän

Das Zeitalter der Verbindungen

Nach Ansicht des australischen Philosophen Glenn A. Albrecht sollte die nächste Ära der Menschheitsgeschichte die Bezeichnung „Symbiozän“ erhalten. Symbiose bezeichnet den Lebenszusammenhang zum gegenseitigen Nutzen. Nach der Logik von Trend und Gegentrend entsteht ein Zeitalter, in der wir einen freundlichen Umgang mit Ökonomie, Ökologie und uns selbst erlernen – eine „Kindness Economy“.

Suche nach der verlorenen Zukunft

Ein gekürzter Auszug aus „Beyond 2025 – Das Jahrbuch für Zukunft“

von Matthias Horx

7. November 2024

Kennen Sie das Doomfeeling? Man wacht morgens auf. Stellt das Radio an oder scrollt die Nachrichtenseiten. Plötzlich wird einem übel. Schwindelig. Irgendwo hat wieder ein dumpfer Idiot die Macht übernommen. Eine hässliche Partei Wahlen gewonnen. Ein Krieg ist ausgebrochen, der kein Ende findet. Das Internet spuckt irgendwelche Berge von Müll und Hass aus. Irgendwo tobt ein schrecklicher Sturm. Alle streiten sich unentwegt um irgendeinen Unsinn. Wir werden das Gefühl nicht los, dass alles den Bach runtergeht: die Wahrheit. Die Hoffnung. Die Liebe.

„Beyond“ bedeutet „darüber hinaus“. Oder „jenseits davon“. In Beyond 2025 geht es vor allem um die Frage, wie wir alle – jede:r Einzelne, aber auch die gesamte Gesellschaft – zur Zukunft stehen. Wie gehen wir mit ihr um? Wie konstruieren wir sie? Was unterscheidet etwa Visionen von Utopien? Utopien schreiben eine Zukunft fest, die niemals erreicht werden kann – und sich deshalb selbst zerstört. Visionen hingegen sind Orientierungen, Leuchsterne beim Finden des besseren Weges. Wenn man das Utopische mit dem Visionären verbindet, kann etwas Besseres entstehen. Neben der Utopie gibt es auch noch die Protopie, die Eutopie oder die Polytopie – Varianten des Möglichkeitsraums, den wir als „Zukunft“ wahrnehmen.

Es sind die Tiefenfragen unserer Zeit, die uns in Beyond 2025 bewegen: Wie verändert das Gespenst der „Künstlichen Intelligenz“ unsere Selbstbilder und menschlichen Fähigkeiten? Wie kann das „Solar Age“, das Zeitalter der kosmischen Energie, zur Realität werden – oder ist es das möglicherweise schon? Wie muss sich der Wandel selbst wandeln, damit das Neue wahrhaftig werden kann? Welche Denk- und Fühlweisen folgen auf die ermüdeten Narrative der Moderne und der Postmoderne?

Naomi Alderman, die Autorin des weltweit zum Bestseller avancierten Romans „The Future“, formulierte einmal eine pfiffige Frage: „Was ist die nützlichste Information, die du über dein Leben haben kannst? Der Name der Epoche, in der du leben wirst.“

Es geht um das Next Age. Um die Epoche, die nach der Omnikrise beginnt. Denn nach jeder chaotischen Phase folgt wieder eine Renaissance. Können wir gemeinsam in die nächste Epoche hineinfühlen, hineinspüren? Dem Kommenden einen Namen geben? Einen Mythos finden?

Machen wir Zukunft. Jetzt und hier, trotz allem, das uns bedrückt.

The Good Zone – Die Welt kann besser werden

von The Future:Project

28. August 2024

Kriege, Polarisierung, Hasskultur, Klimakrise. Die Zukunft sieht ganz schön düster aus. Manchmal fragen wir uns, kann eigentlich noch irgendwas die Zukunft retten? Wie ist das alles nur möglich, was uns jeden Tag verunsichert, ängstigt, irritiert, fertig macht?

Aber dann kippt etwas – und zwar innerhalb weniger Tage, wie zuletzt im US-amerikanischen Wahlkampf. Man nennt das einen „Semantic Shift“: Plötzlich sind Bedeutungen, die milliardenfach durch die Medien gegangen sind und sich in Abermillionen von Hirnen eingespeichert haben (Trump ist gefährlich, wir müssen uns fürchten, die Demokratie ist verloren, die Bösen gewinnen, man kann sowieso nichts machen…) umcodiert worden. 

Manchmal ist ein einziges Wort entscheidend, um diesen Tipping Point herzustellen. Weird. Durch diese Vokabel erscheint Trump plötzlich nicht mehr als der dämonische Deutungsmächtige, Gefährliche, Unaufhaltbare. Sondern als der verrückte alte Narzisst, der er tatsächlich ist. Nicht für alle, aber für immer mehr Menschen findet hier ein Abschied vom Dämonischen statt. Und das ist mit viel Lachen und Freude verbunden. 

Zuständig für diese erstaunliche Wandlung ist eine Zukunfts-Kraft, die sich spontan bilden kann, auch und gerade in einer Zeit der Omnikrise: Die Zuversicht. Während Hoffnung wartet, dass irgendwo „von oben” Erlösung kommt, ist die Zuversicht offen für das Staunen. Und im Staunen verwandeln wir uns selbst. 

Zukunfts-Momentum

Momentum. Das ist ein Moment, in dem sich die Dinge neu, zum Zukünftigen hin, zusammenfügen. In der Systemforschung nennt man das Emergenz. Die überraschende Fähigkeit von Individuen, Gruppen, Gesellschaften, Organisationen, Kulturen, sich plötzlich spontan und kreativ zu verwandeln. Man kann die Welt zum Leuchten bringen, wenn man ihre in die Zukunft gerichtete Komplexität versteht. Wie der Komplexitätsforscher Neil Theise, Professor für Pathologie, Zen-Schüler und  Pionier auf dem Gebiet der Plastizität adulter Stammzellen, in seinem Buch „Notes on Complexity” formulierte: „Komplexität hat das Potential, die ganze Welt von einer Wolke der Möglichkeiten  in eine andere zu schieben.” 

Um unser inneres Zukunftsmomentum zu finden, sollten wir zunächst unsere Mediengewohnheiten überprüfen. Was lesen wir, was sehen wir, was nehmen wir von der großen Welt um uns herum tatsächlich wahr? In einer Zeit, in der die Medien zu Verstärkern von Erregungen geworden sind, ist das eine entscheidende Frage. Wir alle leben inzwischen in einer kognitiven Blase, in der das Negative, Unlösbare überwiegt, einfach weil es mehr Aufmerksamkeit erregt. Das heißt nicht, dass das Schlechte nicht existiert. Aber wir werden es nur vom Besseren aus verändern können.

Das Gelingende wird ausgeblendet. Aber steht es wirklich so schlecht um unsere Welt? Geht wirklich alles den Bach herunter, auf unserem Planeten? Wir haben eine kleine Auswahl von Zuversichten zusammengestellt: Narrative, Fakten, Trends und Geschichten über unsere Welt, in denen das Bessere aufscheint. Das Momentum, in dem die Welt sich verwandelt.

1. Die Wale kehren zurück

Nach Jahrzehnten des Walfangs erholen sich die Bestände vieler Walarten wieder. Besonders erfreulich ist die Nachricht, dass die Population der Buckelwale in der Cumberland Bay auf den Südgeorgischen Inseln fast wieder auf das Niveau von 1904 angestiegen ist. Diese Entwicklung zeigt, dass Naturschutzmaßnahmen tatsächlich wirken und die Natur sich erholen kann. Ein Wal bindet während seines Lebens die gleiche Menge Kohlenstoff wie tausend Bäume. Das heißt, durch die Wiederherstellung der Walpopulation kann auch das Ökosystem der Meere wiederhergestellt und die Folgen des Klimawandels abgemildert werden.  

2. Das Solarzeitalter hat begonnen

Die Kosten für Solarenergie sind in den letzten Jahren dramatisch gesunken – allein von 2010 bis 2022 um fast 90 Prozent. Dies hat die Solarenergie zur günstigsten Stromquelle weltweit gemacht. Länder wie China, die USA und Indien investieren massiv in erneuerbare Energien, was den globalen CO2-Ausstoß langfristig reduzieren könnte.

3. Bildung wird zum Allgemeingut

Die Alphabetisierungsrate weltweit ist beeindruckend gestiegen. 1980 konnten etwa 68 Prozent der Weltbevölkerung lesen und schreiben, heute sind es 87 Prozent. Der Trend geht ganz klar in Richtung mehr Zugang zu Bildung für alle.

4. Der Hunger wird enden

Dank globaler Initiativen und struktureller Veränderungen ist ein Ende des Hungers in Sicht. Organisationen wie die „World Central Kitchen“ leisten unermüdliche Arbeit, um Menschen in Not mit frischen Mahlzeiten zu versorgen. Diese und andere Maßnahmen könnten dazu führen, dass Hunger in naher Zukunft weltweit der Vergangenheit angehört.

5. Gender Shift: Gleichberechtigung kommt

Immer mehr Frauen sind in Parlamenten vertreten, und die Rechte queerer Menschen verbessern sich weltweit. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Anteil weiblicher Abgeordneter stetig erhöht, und zahlreiche Länder haben Gesetze verabschiedet, die die Rechte von LGBTQ+ Menschen stärken.

6. Das Comeback der Wälder

Wälder auf der ganzen Welt erholen sich. So gibt es heute in den USA mehr Bäume als vor 100 Jahren. Initiativen wie Plant for the Planet pflanzen Millionen Bäume weltweit, was nicht nur zur Bekämpfung des Klimawandels beiträgt, sondern auch Lebensräume für unzählige Arten wiederherstellt.

7. Die Welt wächst zusammen

Globalisierung und technologische Fortschritte haben die Welt näher zusammengebracht. Internationale Kooperationen und Initiativen fördern den Austausch von Ideen und Ressourcen, was zu einer besseren Bewältigung globaler Herausforderungen führt. In einer globalen Umfrage in 18 Ländern gab etwa die Hälfte der Befragten an, sich eher als Weltbürger:innen zu fühlen, denn als Bürger:innen ihrer Nation.

8. Hitze wird handlebar

Innovative Lösungen helfen, mit extremer Hitze umzugehen. So entstehen etwa Gebäude, deren Fassaden nach dem Vorbild von Elefantenhaut gebaut werden, um die Hitze abzuhalten. In Afrika wächst ein Baumgürtel, der die Ausbreitung der Wüste aufhalten und das Klima stabilisieren soll.

9. The Good Zone: Die Welt kann besser werden

Es gibt immer mehr Plattformen, die konstruktive Nachrichten verbreiten und positive Entwicklungen in den Vordergrund stellen. Portale wie „Reason to be Cheerful“ oder „Positive News“ zeigen, dass es zahlreiche Gründe gibt, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Welche Transformationen führen uns aus der Krise? In unserer neuen Meta-Studie „Omniskrise“ zeigen wir weitere konstruktive Wege in die nächste Gesellschaft auf.