Die konstruktive KI

Zukünfte zwischen Hype und Dystopie

Schon seit einigen Jahren gilt die Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie des digitalen Wandels. Die jüngsten Fortschritte einiger KI-Tools versprechen den Durchbruch in die nächste Entwicklungsstufe der KI-Technologien. Um ihre Gestaltungspotenziale für Wirtschaft und Gesellschaft zukünftig konstruktiv zu nutzen, braucht es schon heute einen reflektierten Umgang mit KI.

von Christian Schuldt

Im Bereich der technologischen Entwicklung haben nur wenige Phänomene die kollektive Vorstellungskraft so sehr in Anspruch genommen wie die KI. Gegenwärtig treibt sie den digitalen Wandel rasant voran und markiert sogar einen neuen Meilenstein in der gesellschaftlichen Evolution – erstmals interagieren Menschen mit Maschinen wie mit ihresgleichen. Der sprunghafte Fortschritt von inhaltsgenerierenden KI-Tools wie ChatGPT, Dall-E oder Midjourney befeuert nicht nur laufende Debatten um den Einsatz von künstlicher Intelligenz, sondern wirft neue Fragen über die künftige Beziehung zwischen Mensch und Maschine auf. 

Doch nicht erst seit ChatGPT begleiten vereinfachende und polarisierende Mensch-Maschine-Erzählungen den KI-Diskurs. Für die einen verspricht die neue technologische Qualität und Komplexität dieser Tools utopische Zukünfte, in denen Maschinen durch scheinbar grenzenlose künstliche Intelligenz zu ultimativen Problemlösern werden. Andere verbinden mit KI dystopische Ängste vor der planetaren Machtergreifung und Auslöschung der Menschheit durch „intelligente“ Roboter und Algorithmen. 

Diese Narrative überschätzen KI im positiven wie im negativen Sinne. Sie verzerren unser Verständnis vom gegenseitigen Verhältnis zwischen Gesellschaft und Technologie, indem sie simple und meist starre Zukunftsbilder malen. KI wird darin zum Buzzword einer vorgeschriebenen Zukunft, zur vermeintlichen Lösung für sämtliche Probleme, zum Erfolgsgarant für jegliches Unternehmen und Produkt. Allzu häufig erfolgt die flächendeckende Implementierung von KI in unseren Alltag aber nicht, weil es wirklich sinnvoll ist, sondern nur, weil es schlicht möglich ist. Wer allerdings in jeder KI-Anwendung die nächste digitale Disruption erwartet, ignoriert die komplexe Dynamik soziotechnischer Fortschritte.  

Die Sinnfrage der KI

Wie alle Technologien steht auch die KI nicht für sich alleine, sondern ist in ein gesellschaftliches Gerüst eingelassen. Der anfängliche Hype um neue KI-Tools kann überzogene Erwartungen schüren, die später allzu oft enttäuscht werden. Muss mein Toaster wirklich smart sein? Braucht es “intelligente”, sprachgesteuerte WCs? Auch viele Unternehmen stellen fest, dass eine unzuverlässige KI Probleme schaffen kann, wo sie diese eigentlich lösen soll. Und: dass die sinnvolle Einbindung von KI in eine Organisation ein anspruchsvoller und komplizierter Prozess ist. 

Parallel entwickelt sich der Faktor Vertrauen immer öfter zu einem zentralen Kriterium in öffentlichen Diskursen über die Künstliche Intelligenz. Der allgemeine Vertrauensverlust in digitale Technologien überträgt sich trotz vieler KI-Utopien nicht zuletzt auch auf Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. Immer besser lernen wir zu verstehen, dass und wie Algorithmen heute über Apps und soziale Medien öffentliche Meinungen beeinflussen, populistische Strömungen begünstigen oder in ihnen festgeschriebene Vorurteile, sogenannte digital biases, verbreiten. 

Gerade weil KI eine so mächtige Technologie ist, braucht es kluge und durchdachte Herangehensweisen. Für die Wirtschaft und Gesellschaft von morgen werden konstruktive Gestaltungsansätze im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unabdingbar. Gegenwärtig, in der Zeit rasant beschleunigter KI-Fortschritte, bietet sich die passende Gelegenheit für einen pragmatischen und reflektierten Blick auf die Zukunft dieser Technologie. Das bedeutet nicht nur, die Potenziale und Herausforderungen von KI zu verstehen, sondern erfordert ein gänzlich neues Mindset: eine konstruktive, aufgeschlossene und mutige Perspektive auf die sinnvollen Gestaltungsmöglichkeiten KI-basierter Anwendungen.

Ein neues KI-Narrativ

Grundsätzlich geht es also um einen differenzierten Blick für die zwei Seiten der KI-Entwicklung. Zum einen braucht es ein ganzheitliches Verständnis für die Schlüsselrolle der Künstlichen Intelligenz im digitalen Wandel. Zum anderen benötigen vor allem Unternehmen ein Gespür für konkrete, sinnvolle Einsatzmöglichkeiten und Konsequenzen von KI-Technologien. 

Dieser kritisch-konstruktive Umgang setzt sich von den etablierten KI-Narrativen ab. An die Stelle von Simplifizierungen, unbegründeten Ängsten, oder überzogenen Hypes tritt eine selbstbewusste und zukunftsmutige Haltung, die danach fragt, wie KI in das Bild unserer gegenwärtigen und zukünftigen Gesellschaft passt: Warum oder wozu können und wollen wir Künstliche Intelligenz nutzen? Wie gelingt eine reflektierte Auseinandersetzung mit ihrem Gestaltungspotenzial für Wirtschaft und Gesellschaft? Welche Vorteile bietet ein konstruktiver Ansatz aus europäischer Perspektive?

Gestaltungspotenziale einer konstruktiven KI

Um beantworten zu können, wie die Künstliche Intelligenz unsere zukünftige Gesellschaft mitgestalten kann, müssen wir zuerst die Leitplanken einer lebenswerten Zukunft setzen. Wie wollen wir künftig Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft organisieren? Welche Anforderungen muss eine KI als Zukunftstechnologie erfüllen, um sie produktiv nutzen zu können? 

Gerade in Abgrenzung zu den Strategien der Tech-Giganten aus den USA und China kann ein verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Technologien an vielen Stellen zu einem echten Wettbewerbsvorteil für den KI-Standort Europa werden. Um im globalen Wettbewerb der KI-Revolution nicht abgehängt zu werden und bestehende Abhängigkeiten zu verschärfen, braucht es eine gemeinsame, europäische Vision davon, welche Funktion KI für unsere Zukunft einnehmen soll. 

Beispielsweise bieten sich im Bereich der Digital Ethics – also dem Datenschutz, der Sicherheit und der Verlässlichkeit von KI – große Entwicklungspotenziale. Humanistische Werte, klare ethische Richtlinien und tatsächliche Transparenz können das Vertrauen in digitale Technologien wieder steigern und verbindliche digitale Normen fördern. Gleichzeitig erfordert die rasante Weiterentwicklung von KI eine konzentrierte Förderung der Digital Literacy. Dabei geht es nicht nur um das Aneignen technologischer Kompetenzen, sondern vielmehr um einen souveränen und verantwortungsvollen Umgang mit Digitalität: die Befähigung, die Analysen und Lösungen von KI zu bewerten und sinnvoll anzuwenden.

Damit einher geht auch eine Neuverortung des Digitalen als Begleiter des Menschen. In einem kooperativen Miteinander von Mensch und Maschine komplementieren sich menschliche und maschinelle Intelligenz vielmehr, um konkrete Probleme zu lösen. Richtig angewandt, schaffen AI Companions neue Formen produktiver und kreativer Mensch-Maschine-Beziehungen, die weit über das Erledigen von lästigen Alltagsaufgaben hinausgehen.  

Immer wichtiger wird künftig auch die Rolle von KI in den Bereichen Ressourcenknappheit, Energieverbrauch und Emissionen. Durch intelligente Algorithmen kann KI den Einsatz von Ressourcen effizienter gestalten, die Energienutzung optimieren oder nachhaltige Lösungsansätze entwickeln – Stichwort Resilient Supply. Ein fortschrittlicher und reflektierter Ansatz nimmt jedoch auch den steigenden Energieverbrauch und Emissionsausstoß von KI-Anwendungen selbst in den Blick.

Eine humane Zukunft mit KI

Der Fortschritt der Künstlichen Intelligenz wird die digitale Vernetzung der Welt weiter vorantreiben – und KI in der nächsten Gesellschaft allgegenwärtig machen. Umso wichtiger ist es deshalb, schon heute die Rahmenbedingungen für diese künftige KI-Welt zu definieren. Nur ein verantwortungsvoller Umgang mit dieser Technologie kann auch einen konkreten gesellschaftlichen Nutzen erzeugen. 

Losgelöst von dystopischen Ängsten und hysterischen Hypes eröffnet KI damit zugleich die Chance für eine neue Ära der Rehumanisierung: Sie ermöglicht die Gestaltung einer humaneren Gesellschaft, in der smarte Technologien dabei helfen, das Leben gesünder und nachhaltiger zu organisieren – und in der genuin menschliche Kompetenzen wieder an Relevanz gewinnen.

Damit wird Künstliche Intelligenz zu einem Kernelement der großen Transformation hin zu einer Human Digitality, die digitale Technologien in ein menschliches Verhältnis setzt. Um diese konstruktiven KI-Potenziale zu erschließen, braucht es schon heute Mut, Optimismus und eine klare humanistische Perspektive.


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