Zukunft des Lernens: Die KI-Chance

Wie lässt sich KI sinnvoll im Bildungsbereich nutzen? Die Voraussetzung ist ein struktureller Wandel des Bildungssystems.

Ein Gastbeitrag von Stephanie Wössner

Im 21. Jahrhundert steht das Bildungssystem an einem Wendepunkt. Prägende Krisenereignisse – von Pandemien und Klimawandel bis zu globalen Konflikten – sowie zahlreiche Bildungsstudien der vergangenen 15 Jahre haben tief verwurzelte strukturelle Mängel offengelegt, die nicht länger mit halbherzigen Reformen zu bewältigen sind. Um den Anforderungen einer sich rasant verändernden Welt gerecht zu werden, ist eine umfassende Transformation des Bildungswesens notwendig. Künstliche Intelligenz spielt in diesem Prozess eine signifikante Rolle. Doch um die KI-Potenziale zu entfalten, sind grundlegende Veränderungen hin zu einem zukunftsorientierten Lernen notwendig.

Ohne Herz keine Zukunft

Unser Bildungssystem gleicht einem geschwächten Herzen: Es ist unfähig, das lebensnotwendige Elixier effektiv durch die Adern unserer Gesellschaft zu pumpen. Die Probleme sind nicht nur oberflächlich, sie sind Symptome einer tieferen Malaise, hervorgerufen durch veraltete Traditionen und einen ausgeprägten Widerstand gegen notwendige Veränderungen. Denn das heutige Bildungssystem ist ein Relikt der industriellen Revolution, das individuelles und kreatives Denken durch standardisierte Prüfungen und uniforme Lernwege unterdrückt. Um die großen Herausforderungen unserer Zeit anzugehen, ist es essentiell, das Bildungssystem von Grund auf zu heilen und zu erneuern.

Eine vernetzte Welt verlangt Flexibilität, Kreativität und Teamarbeit – Fähigkeiten, die ein Einheitsmodell der Bildung ausblendet. Zukunftsweisend ist dagegen ein System, das personalisiertes, lebenslanges Lernen fördert und die Talente des Individuums in den Mittelpunkt stellt. Bildung muss daher weit über die reine Wissensvermittlung hinausgehen und zum Nährboden für die Entwicklung vieler Kompetenzen für eine aktive und verantwortungsbewusste Teilhabe an der Gesellschaft werden. Die Basis für die Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit und die Förderung des lebenslangen Lernens bilden Lernumgebungen, die vielfältige Erfahrungen ermöglichen. Dabei kann Technologie uns helfen – und uns gleichzeitig erlauben, uns wieder mehr auf das Menschsein zu besinnen.

Erweiterte menschliche Intelligenz

Bislang hat KI in der Bildung vor allem für Aufsehen gesorgt durch die Herausforderungen, die sie für traditionelle Lehr- und Bewertungsmethoden darstellt. Die Technologie bietet zwar neue Möglichkeiten für die Unterrichtsgestaltung und die Beurteilung von Leistungen, für die „Datafizierung“ jedes Schrittes eines Kindes oder Jugendlichen im Kontext von Learning Analytics. Doch diese Perspektiven zeigen nur, wie viele Menschen an einem überholten Verständnis von Bildung festhalten. Sie übersehen das wahre Potenzial, das Algorithmen maschinellen Lernens für das menschliche Lernen darstellen: nicht durch die Digitalisierung von bisher analogen Prozessen, sondern weil Algorithmen des maschinellen Lernens die Lernkultur komplett verändern können. 

Nein, das Erlernen von Sprachen lässt sich keineswegs durch KI ersetzen. Aber wir könnten jedem Menschen – perspektivisch von Geburt an – einen individuellen KI-Assistenten zur Seite stellen, der diese Person kennt, sie fördert und fordert, anstatt mit der Lupe nach Dingen zu suchen, die sie nicht kann. Dieser persönliche Assistent könnte die menschliche Intelligenz erweitern und uns dabei unterstützen, die Talente, die in uns schlummern, zu fördern – um maßgeblich zur Lösung bestimmter Herausforderungen und zur Gestaltung der Zukunft beitragen zu können. Und was wäre, wenn uns diese Daten gehören würden und wir sie ganz oder teilweise auf sicherem Wege mit den Menschen teilen könnten, denen wir vertrauen, sodass sie uns bei unserer persönlichen Weiterentwicklung unterstützen können?

Lernen als Human-Machine Teamplay

Für die Zukunft des Lernens bedeutet dies vor allem, dass wir unabhängig von jeglicher Technologie den „Raum“ neu gestalten müssen, in dem sich die Kompetenzen entwickeln, die in Zukunft zur Handlungswilligkeit und -fähigkeit und damit dem individuellen und globalen Wohlergehen beitragen. Wer könnte dafür besser geeignet sein, als die Personen, die seit jeher Lerndesigner:innen sind, nämlich die Lehrkräfte? Allerdings müssen wir uns dafür von der Konvention verabschieden, diesen Raum rein als physischen Raum zu verstehen. 

Zukunftsorientierte Lernräume bilden Umgebungen, in denen aus Fehlern gelernt werden darf, in denen wir uns gemeinsam weiterentwickeln und vielfältige Erfahrungen machen dürfen, die dazu beitragen, dass alle Menschen Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Und das schließt auch virtuelle Räume mit ein. Entscheidend ist, dass der selbstbestimmte Mensch dabei stets im Zentrum steht – mit seinen Kompetenzen und seiner gestalterischen Rolle, die auch durch Ansätze wie Game-based Learning, Design und Futures Thinking entwickelt werden kann. Technologien wie Extended Reality und virtuelle Welten, aber ganz besonders KI als erweiterte menschliche Intelligenz oder gar als Lernpartner:in können in dieser Lernumgebung eine unterstützende Rolle spielen.

Bildung für eine bessere Zukunft

Die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft setzt voraus, dass Bildung auf persönliche Entwicklung und zukunftsorientiertes Lernen ausgerichtet ist. Der Weg dorthin verlangt eine grundlegende Veränderung in der Einstellung aller Akteure. Es ist eine Reise, die Zeit, Mut zur Selbstreflexion und die Bereitschaft erfordert, gemeinsam an der Gestaltung unserer Zukunft zu arbeiten. Dieser Prozess beginnt mit dem heutigen Tag. Er fordert von einigen ein Loslassen alter Vorstellungen, von anderen die Erkenntnis, dass ihr Beitrag essentiell für die positive Entwicklung unserer Gesellschaft ist.  

Indem wir als Gemeinschaft ein neues Mindset fördern, das individuelle Potenziale erkennt und fördert, können wir die Grundlage schaffen für eine Bildung, die allen Menschen das Gefühl vermittelt, einen wertvollen Beitrag zur Gestaltung der Zukunft zu leisten und Mitspracherecht zu haben. Schaffen wir gemeinsam als Gesellschaft Raum für die Entwicklung dieses neuen Mindsets! Sprechen wir darüber, welche wünschenswerten Zukünfte wir uns vorstellen könnten! Und darüber, was wir tun können, um diese erstrebenswerten Zukünfte wahrscheinlicher zu machen.

Hier finden Sie ein Beispiel, wie eine meiner wünschenswerten Zukünfte aussieht:

Stephanie Wössner
ist freiberufliche Referentin und Beraterin für zukunftsorientiertes Lernen mit den Schwerpunkten Extended Reality, Game-based Learning, KI, Metaverse, Design and Futures Thinking. Hauptberuflich war sie über zehn Jahre Lehrerin und leitet mittlerweile die Stabsstelle Zukunft des Lernens am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg. Mehr unter steffi-woessner.de und petiteprof79.eu.


Wie prägen Trends wie Transforming Education, Cross-cultural Learning oder Digital Literacy die Transformation des Bildungswesens? Das Future:System, die transformative Trendsystematik des Future:Project, beleuchtet diese und viele weitere Wandlungsprozesse unserer Zeit – und identifiziert dabei konkrete Gestaltungspotenziale für eine lebenswerte Zukunft.

Die Omnikrise

Wie eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, uns den Weg in die Zukunft zeigt

Die Welt wird immer dunkler und düsterer, die Zukunft der Menschheit ist in Gefahr, eine Krise folgt der anderen und lässt uns im Nebel der Zukunftsdepression zurück… Stimmt das wirklich? Warum Krisen immer auch im Kopf stattfinden – und wie Krise und Wandel zusammenhängen.

Zweifelsohne haben wir es heute mit sich überlagernden Krisenphänomenen zu tun: Krisen der Globalisierung, Krisen der Umwelt, Krisen der Gesellschaft, der Demokratie, der Technologie. Aber die wahre Krise unserer Zeit ist eine Wahrnehmungs- und Kognitionskrise. Die Hypermedialisierung durch Internet und Künstliche Intelligenz führt zu einer kollektiven Hysterisierung von Wahrnehmungsformen, in denen sich auch normale oder harmlose Phänomene gegenseitig aufschaukeln, verselbstständigen und ins Monströse wandern.

All das wird umspielt vom Zerfall eines übergreifenden Zukunftsnarrativs, das die letzten Epoche geprägt hat: der Idee eines kontinuierlichen und linearen Fortschritts. Auf diesem Fortschrittsbild eines „Immer mehr“ basieren unsere kulturellen, politischen, gesellschaftlichen Frames, unsere sozio-mentalen Selbstgewissheiten.

Die Enttäuschungskrise

Die Omnikrise ist deshalb vor allem eine Erwartungs- und Enttäuschungskrise. Sie entsteht aus einer kognitiven Dissonanz – zwischen dem, was wir (für die Zukunft) erwartet haben, und dem, wie uns die Welt in ihren realen Phänomenen tatsächlich gegenübertritt.

Die meisten Phänomene, die uns heute in eine apokalyptische Verzweiflungsstimmung bringen, gab es eigentlich immer schon. Mörderische Kriege, Ungerechtigkeiten, Naturzerstörungen und großflächiger, bedrohlicher Wandel sind nichts Neues. Nur: Wir haben es anders erwartet. Das Narrativ des ständigen Fortschritts hat uns Glauben gemacht, alles würde automatisch immer besser. Und alle würden davon profitieren. 

Wir sind enttäuscht, dass es nicht so weiterging mit dem Fortschritt, den Wohlstands- und Komfortabilitätsgewinnen. Das war unser Glaube der vergangenen Jahrzehnte. Und wie jeder Glaube wird er irgendwann zum Fanatismus. Der Fanatiker ist so von einer Annahme überzeugt, dass Scheitern unvermeidbar wird. 

Es ist schwierig, sich von solchen Erwartungsnarrativen zu verabschieden. Wenn unser Gehirn sich einmal auf ein bestimmtes Zukunftsbild eingelassen hat, seine inneren Strukturen daran adaptiert hat, dann ist es kaum davon abzubringen. Der Expectation Bias, die Erwartungsverzerrung führt dazu, dass wir abweichende Informationen erst lange ignorieren. Und sie dann mit allen Mitteln bekämpfen. Aus Ignoranz wird dann Dissonanz, weil Akzeptanz das Eingeständnis einer kognitiven Niederlage wäre.

Enttäuschungen können zu zweierlei führen:

  • Zu Verbitterung, Angst und Aversion. Zur Verweigerung des Wandels, der nötig ist, um die Krise zu überwinden. Zu einer krisenhaften Erstarrung.
  • Oder zu einer Revision unserer Ansprüche. Einem Wandel der Sichtweisen. Der Auflösung der normativen Kriterien, mit denen wir die Welt betrachten. Zu einer Transformation unseres Welt-Verhältnisses.

Krisen zwingen uns – wollen wir nicht in ihnen verkümmern –, unsere Illusionen loszulassen. Das fällt immer schwer, es kann aber auch befreiend wirken: Aus der Zukunft gesehen ist es eine Befreiung aus der Enge falscher Erwartungen, an denen wir kleben wie eine Fliege am Leim. Die Kraft der Krise zu nutzen, als Energie für Wandel, das ist das Geheimnis des Fortschritts. So ist die menschliche Kultur immer vorangeschritten – durch schreckliche Krisen hindurch, hin zu wahrhaft Neuem und Besserem. 

Die Renaissance, die Aufklärung, der Beginn des Wohlstands, die Emanzipationen der Gesellschaft. Alles verlief nach dem Schema der „produktiven Desillusionierung”. Die Krise, die uns zeigt, dass es so nicht weitergeht, ist eine  Aufforderung und Ermutigung zum Wandel. Wenn wir die Augen auf diese Weise öffnen, sehen wir, dass die Lösungen schon in der Gegenwart latent vorhanden sind. Und dass man die Welt nicht radikal ändern oder untergehen lassen muss. Sondern nur auf kreative Weise neu zusammensetzen. Der Wandel beginnt im Inneren.

Krise und Wandel

Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden.

„Veränderung entsteht nicht durch Wandel, sondern Wandel entsteht durch Veränderung“, formulierte der Soziologe Armin Nassehi. In diesem seltsamen Satz steckt eine nüchterne Erkenntnis: „Change“-Parolen, die man häufig in Unternehmen, politischen Parteien oder öffentlichen Diskursen hört, rechnen nicht mit den Energien von Krisen. Individuen, Systeme, Unternehmen, Gesellschaften ändern sich kaum, wenn alles komfortabel ist. Wandel geschieht eher, wenn wir auf äußere Veränderungen reagieren – sprich: auf Krisen eine Antwort finden.

Die menschliche Grundkompetenz ist nicht stetiger Wandel. Warum auch? Warum sollten wir das Funktionierende nicht beibehalten, das Existierende belassen? Unsere Grundkompetenz ist Adaption. Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden. Wenn wir endlich aufhören, zu jammern und uns ständig darüber zu beschweren, was die Welt uns zumutet.

Das Ende der Subkultur

Wie die Hyperindividualisierung die Gesellschaft zersplittert

Die Hyperindividualisierung zersplittert die Gesellschaft in immer kleinere Gruppen. Der Mainstream schwindet. Und mit ihm die Subkultur, wie wir sie kannten.

von Lena Papasabbas

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

Wie individuell wir uns auch fühlen: In Wirklichkeit gibt das soziale Umfeld den Referenzrahmen des eigenen Lebensstils vor. Ästhetik, Geschmack, Vorlieben – nichts davon entsteht aus dem Individuum selbst heraus. Wir sind geprägt von der Peer Group, der Familie – und mehr als jemals zuvor von dem, was auf unseren Bildschirmen passiert. 

Nirgendwo lässt sich das eindrücklicher nachvollziehen als auf TikTok, der jüngsten Plattform für Selbstdarstellung und Community-Building. Der Algorithmus ist so ausgefeilt, dass er jedes einzelne Individuum zielsicher in die passende Bubble leitet. Man bekommt das Gefühl, dass die halbe Welt die eigenen Vorlieben teilt – egal ob man leidenschaftlicher Frosch-Fan, feministische Post-Punkerin oder seriensüchtiger Anime-Junkie ist. Die Partikularisierung der Gruppen in immer spitzere Subkulturen geht online häufig einher mit der Bezeichnung „-core“, um zu beschreiben, dass hier im Kern eine bestimmte Ästhetik gemeint ist. Clowncore überträgt die traditionelle Clownästhetik (Ballonhosen, Schleifen, Tupfen und exzentrisch-grelles Make-up) in die moderne Fashionwelt – häufig mit einem gruseligen Spin. Cottagecore zelebriert die Ästhetik der Landidylle mit entsprechender Blümchenkleid-Optik und einem Fokus auf das Marmelade-Einkochen und die Tomatenpflanzenpflege. Mermaidcore vereint die wenigen Berufsmeerjungfrauen und -männer und die vielen Hobby-„Merpeople“ mit ihrer märchenhaften glitzernden Unterwasserästhetik usw.

Die Landschaft der Subkulturen wächst und verändert sich immer schneller. Es gibt unzählige weitere Communitys, deren Dresscodes und Symbole nur noch diejenigen erkennen und verstehen, die selbst dazugehören. Die „feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdieu) sind inzwischen so fein geworden, dass es unmöglich wird, die unendliche Anzahl an Gruppen zu kennen und ihre Bedeutung zu verstehen.

In Vor-Internet-Zeiten waren Subkulturen gebunden an eine bestimmte, meist politische Haltung, oft organisch um einen bestimmten Musikstil gewachsen. Es gab klare Erkennungsmerkmale, die über gewisse Zeiträume stabil waren und es der Mehrheitsgesellschaft ermöglichten, Individuen bestimmten Subkulturen zuzuordnen. Die Hippies hatten lange Haare, trugen bunte Batikkleider und feierten friedlich zu psychedelischer Musik. Rocker steckten in schwarzen Lederjacken und Brothel-Creeper-Schuhen und hörten Rock’n’Roll. Hip-Hopper erkannte man an Ghettoblaster, weit geschnittenen Hosen, Hoodies und Sneakers. Gemein war allen Subkulturen eine klare Abgrenzung zur Mehrheitskultur ­– ein Ausdruck des symbolischen Widerstands.

Partikularisierung der Subkulturen

Die Ausdifferenzierung der verschiedenen Subkulturen in immer feinere Subgruppen und Nuancen lässt sich in der Aufsplittung der Musikgenres nachverfolgen. Das relativ klar umrissene Genre „Punk Rock“ fächerte sich bereits Ende der 1970er-Jahre in eine Reihe von Subgenres aus, etwa Ska Punk, Anarcho Punk, Streetpunk, Oi!-Punk, Horrorpunk, Postpunk, Hardcore Punk, Fun-Punk, Folk Punk. Heute sind die Genres so diversifiziert, dass viele Menschen erst durch ihren Spotify-Jahresrückblick erfahren, welche Genres sie gern hören. 

Auch mit Kleidung symbolischen Widerstand zu demonstrieren, ist praktisch unmöglich geworden. Die Allgegenwärtigkeit und Zugänglichkeit von Kleidung macht es schwer, mit dem, was man trägt, ein Statement abzugeben. Und entstehende subkulturelle Strömungen werden heute in unglaublichem Tempo vom Mainstream absorbiert und monetarisiert. Das zählt nicht nur für Mode. Sogar die Sprache löst sich von bestimmten sozioökonomischen und ethnischen Hintergründen. Begriffe wie „Slay“ oder „Yas“ stammen ursprünglich aus der schwarzen US-Drag-Szene und wurden durch das Internet und Serien wie „RuPaul’s Drag Race“ verbreitet. Heute nutzen alle möglichen Menschen Ballroom-Jargon, ohne den geringsten Bezug zu dieser Subkultur zu haben.

Schwindender Mainstream

Dieser Mix-and-Match-Zugang zu allen möglichen subkulturellen Elementen höhlt den eigentlichen Charakter und die Funktion von Subkulturen in der Gesellschaft aus. Den unzähligen Nischenkulturen, die vor allem online entstehen und vergehen, fehlt das subversive Element. Sie teilen oft eher ein loses „Look and Feel“ als ein Werte-Set, eine politische Haltung oder auch nur einen bestimmten Lebensstil. 

Die Subkultur war immer ein Gegenmodell zur Mehrheitsgesellschaft. Sie braucht den Mainstream, um sich von ihm abzugrenzen. Mit dem Schwinden des Mainstreams verlieren daher auch die Subkulturen an Substanz. In der Postmoderne fehlen zunehmend verbindliche, kulturelle Standards und Normen. Man orientiert sich nicht mehr am Allgemeinen – am Mainstream –, sondern am Besonderen. In einer solchen Gesellschaft lösen Authentizität und Einzigartigkeit das Normale und Gewöhnliche als erstrebenswerte Ideale ab (vgl. Reckwitz 2019). Prestige ist nur noch in der Individualität zu erreichen – seien es individuelle Spitzenleistungen, eine einzigartige Kreativität, außergewöhnliche Ideen oder die Perfektion des physischen Selbst. 

Fluide Identitäten ersetzen Kollektive

Die Hyperindividualisierung hat Identität zum Teil eines fluiden, unverbindlichen und größtenteils selbst gewählten Lebensstils werden lassen, getragen von einem gigantischen globalisierten Markt, der ständig neue Ressourcen zur Selbstverwirklichung – und Selbstoptimierung – anbietet. Fraglos hat die Individualisierung neue Wahlfreiheiten und eine nie zuvor dagewesene Optionenvielfalt geschaffen, das eigene Leben nach subjektivem Gutdünken zu gestalten. 

Doch das Projekt der einzigartigen Selbstentfaltung, dem sich das postmoderne Individuum heute gegenüber sieht, birgt auch ein hohes Frustrationspotenzial. Der Anspruch auf Einzigartigkeit und die Abwertung des Durchschnittlichen erzeugen einen immensen Druck. Trotz immenser Möglichkeiten zur Gestaltung des ultimativ erfüllten Lebens ist die Zahl von Menschen, die unter Depressionen und Ängsten leiden, beängstigend hoch. Die vielen tragischen Tode, die auf Suizid oder Drogenmissbrauch zurückgehen, die sogenannten „Deaths of Despair“, sind die Spitze des Eisbergs einer zutiefst unglücklichen Gesellschaft (vgl. Brooks 2023).

Schauen wir auf die Hard Facts, so leben die Menschen in spätkapitalistischen Wohlstandsgesellschaften in paradiesischen Verhältnissen: Wir leben länger, sind reicher, gesünder und autonomer als je zuvor. Gleichzeitig erodiert jedoch das Paradigma der Selbstentfaltung einen wichtigen Baustein von Zufriedenheit: den Gemeinschaftssinn.

„Früher wurden die Menschen in Gemeinschaften geboren und mussten ihre Individualität finden. Heute werden die Menschen als Individuen geboren und müssen ihre Gemeinschaft finden.“

K-Hole, 2013

Doch Zufriedenheit braucht Zugehörigkeit, einen geteilten Gemeinschaftssinn mit gültigen Werten und Normen, eine kollektive Bestimmung, die nicht aus einem aufgeblasenen Unternehmenszweck besteht. Unter den scheinbar wahllosen Strukturen der Hyperindividualisierung beginnt sich bereits leise eine neue Wir-Kultur zu formen, die sich aus geteilten Anliegen und einer Sehnsucht nach Zugehörigkeit speist. Diese neuen Wirs sind mehr als neue Subkulturen. Sie haben begriffen, dass Zufriedenheit eine Gemeinschaftsanstrengung ist.

Die Sprache der nächsten Gesellschaft

Wie beeinflusst der Boom der KI-Sprachmodelle die Entwicklung der Gesellschaft? Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine wird intensiver – und führt zurück zu den Anfängen der Gesellschaft.

von Christian Schuldt

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

Am Anfang war die Sprache. Die Sprache ist der Grundantrieb der sozialen Evolution, der große Katalysator für die Entstehung und Entwicklung gesellschaftlicher Gefüge. Erst die Sprache macht die Dinge unterscheidbar, motiviert zur Anschlusskommunikation – und produziert damit das, was wir „Gesellschaft“ nennen: ein riesiges Bündel aus Kommunikationen, das fortwährend evolviert. 

Generative KI führt diesen Evolutionsprozess nun in eine Phase der erhöhten Beschleunigung. Insbesondere die „großen Sprachmodelle“ wie ChatGPT haben KI alltagstauglich anwendbar gemacht, indem sie menschliche Kommunikation simulieren. Erstmals interagieren Menschen seitdem praktisch reibungsfrei mit Maschinen, ohne Programmierkenntnisse zu benötigen. Und erstmals „füttern“ Maschinen direkt die menschliche Kommunikation – während ihre Urheberschaft zugleich immer schwieriger decodierbar wird.

Die Ära kommunizierender Maschinen erzeugt ein neues Level an kommunikativer Intransparenz, das mediatisierte Gesellschaften kulturell herausfordert: Was macht es mit uns Menschen, wenn „intelligente“ Software dialogisch mit uns interagiert? Und was bedeutet die Popularisierung der großen Sprachmodelle für die weitere Evolution der Gesellschaft? 

Angriff auf die Textökologie

Dass ChatGPT und Co. automatisierte Bullshitmaschinen sind, die einzig darauf zielen, wahrheitsbezogene Kommunikation zu simulieren, ist inzwischen im kollektiven Bewusstsein angekommen. Um ihre Aussagen zu plausibilisieren, halluzinieren sie im Zweifelsfall frei erfundene Geschichten, die sie als Fakten ausgeben. In diesem Streben nach größtmöglicher Anschlussfähigkeit verstärken KI-Sprachmodelle zugleich bestehende Stereotype, sie sind inhärent strukturkonservativ: Indem sie das bereits bestehende Gerede ausweiten und dabei den kleinsten gemeinsamen Nenner unseres Denkens reproduzieren, fördern sie eine allgemeine Standard-Durchschnittlichkeit. 

Generative KI entwickelt sich also nicht nur sehr viel schneller und unkontrollierbarer als alle bisherigen Technologien – sie verändert auch das Fundament des gesellschaftlichen Gefüges, die menschliche Sprache. Konkret heißt das: Eigensinnige Formulierungen werden nicht mehr gefunden, die sprachliche Performanz nimmt ab. Unsere Sprache und unsere Kultur werden vorhersehbarer, berechenbarer, gefälliger. 

Je mehr Sprachmodelle dabei öffentliche Diskurse besetzen und die politische Öffentlichkeit bilden, umso stärker gefährden sie das gesellschaftliche Miteinander und die Demokratie – erst recht, wenn diese Systeme im Privatbesitz weniger Konzerne sind. Vor diesem Hintergrund erscheinen die KI-Erlösungsfantasien vieler Unternehmen geradezu gesellschaftsgefährdend. Immer wichtiger wird deshalb ein grundsätzlicher Perspektivwechsel in unserem Verständnis der Digitalisierung: eine soziokulturellen Reflexion der Digitalisierungseffekte – und die bewusste Kultivierung einer Human Digitality.

Die neue Superkraft: Begegnung

Der große Gegentrend zum aktuellen Siegeszug der KI ist die Aufwertung der zwischenmenschlichen Interaktion. Denn selbst die elaborierteste Sprach-KI wird nie dorthin vordringen können, wo die Interaktion eigentlich erst interessant wird: in die Untiefen des menschlichen Denkens, dorthin, wo wir die Einzigartigkeit unseres Selbst und unseres Verhältnisses zur Welt durchspielen – im unmittelbaren zwischenmenschlichen Austausch, mittels Sprache. Die Ära des maschinellen Deep Learning erfordert vom Menschen nicht nur ein Deep Thinking, sondern auch ein Deep Talking. 

Die physische Begegnung und die mündliche Interaktion sind der Beweis, dass wir echte Menschen sind – indem wir uns im wirklichen Leben mit unseren menschlichen Körpern zeigen und unsere Sprache kultivieren. Unser Körper ist der Anker, der uns umfängliche Bedeutung erkennen und empfinden lässt. Das Fundament der menschlichen Urteilskraft und des kritischen Denkens. 

Um diese zwischenmenschlichen Potenziale für eine positive Gestaltung der Gesellschaft zu erschließen, braucht es einen Bewusstseinswandel auf allen Ebenen. Im Bildungskontext erfordert dies zum Beispiel einen viel stärkeren Fokus auf „Human only“-Tätigkeiten und -Kompetenzen wie Kreativität, Imagination, Empathie, Wertebewusstsein, Emotionen, Intuition, Mitgefühl. Auf alles, was komplementär zur maschinellen Hypereffizienz ist – und klug angewandt durchaus von ihr unterstützt werden kann. Dies sind die wahren Future Skills.

Die Sprache der Zukunft

In einer hypertechnisierten Realität, die zunehmend von KI durchdrungen ist, werden informelle Sprechakte mehr denn je unsere Menschlichkeit signalisieren. Immer deutlicher zeigt sich: Die Welt der kreativen sprachlichen Eigenheiten, der Dialekte, Memes, Jargons und Neologismen ist der genuine Bereich des Menschen.

Unter den neuen Vorzeichen der Vernetzung werden wir zurückkehren zu den oralen Anfängen der gesellschaftlichen Evolution. Zu dem, was einzigartig und wahrhaft menschlich ist: dem gesprochenen Wort.

Future Skills

Die Renaissance der Aufmerksamkeit

Individuelle Zukunfts-Skills bringen uns nicht weiter: Es ist an der Zeit, ein neues gesellschaftliches Verständnis von Aufmerksamkeit zu entwickeln.

von Nina Pfuderer

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

Imperativ Potenzialentfaltung

Die hyperindividualisierte, digitalisierte Wissensgesellschaft ist von einem mächtigen Imperativ geprägt: Entfalte dein Potenzial! Potenzialentfaltung und Selbstoptimierung sind die scheinbar logische Konsequenz einer immer individualisierteren Gesellschaft und einer Wirtschaft, die sich dem Wachstum verschrieben hat. 

Wissen ist heute zugleich zugänglicher und vergänglicher denn je. Und je weniger sich die Zukunft durch das Wissen über die Vergangenheit bewältigen lässt, umso mehr verliert die pure Aneignung von Wissen und Fachkompetenzen an Bedeutung. Als Antwort auf die maschinelle Automatisierung durch Künstliche Intelligenz (KI) in der Arbeitswelt richtet sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die menschliche Intelligenz und auf genuin humane Fähigkeiten. Diese werden unter einem neuen Namen verhandelt: Future Skills.

Sei wie ein Grashalm, sei wie ein Baum

Je vielfältiger, komplexer und abstrakter die Palette der Future Skills wird, umso mehr klingen sie mitunter wie Plastikwörter. Und alle zielen letztlich darauf ab, sich bestmöglich anzupassen an eine unsichere, sich rasend schnell verändernde Welt. Frei nach dem Motto: Sei wie ein Grashalm, dann kann dir nichts passieren, dann tut dir auch die schlimmste Krise nichts! Zugegeben, Grashalme sind sehr gut gerüstet für Sturmböen und starke Winde. Aber in einer Dürre sind sie schnell vertrocknet, ihre Wurzeln sind nicht so tief, dass sie auch nur in die Nähe von Grundwasser gelangen. In einer Flut werden sie weggespült und mitgerissen.

Vielleicht wäre deshalb das Bild des Baumes eine Alternative, um über Future Skills nachzudenken. Bäume haben ein dichtes, tiefreichendes Wurzelgeflecht, das als Anker dienen kann. Mit Blättern, die Photosynthese praktizieren und sich ziemlich gut selbst versorgen. Natürlich gibt es auch Krisen, die dem Baum etwas anhaben können – Brände, Blitzschläge, Borkenkäfer, Menschen. Doch der Baum ist nicht darauf ausgelegt, sich schnellstmöglich anzupassen, sondern auf ein langfristiges Überleben in sich wandelnden Umgebungen.

Baum und Grashalm haben also vor allem in zeitlicher Hinsicht ganz andere Skill-Sets. Während der Grashalm Fähigkeiten wie agiles Arbeiten, Adaptivität und Flexibilität symbolisiert, steht der Baum, der mehrere Hundert Jahre alt werden kann, für ein langfristig ausgerichtetes Denken und Handeln. Die Future Skills des Baumes verweisen auf die Konzentrations- und Empathiefähigkeit, auf das Schenken von Aufmerksamkeit, auf das Zuhörenkönnen. Auf die Fähigkeit des Zweifelns und Entscheidens. Auf die abwägende Risikokalkulation.

Renaissance der Aufmerksamkeit

In Zeiten der fortgeschrittenen Aufmerksamkeitsökonomie, in der Unternehmen für Millisekunden Watchtime bezahlen, wo von überallher Push-Notifications, Blings und Pings aufpoppen und mit der Stitch-Funktion auf TikTok sogar zwei Videos gleichzeitig abgespielt werden, um die Aufmerksamkeit der Zuschauenden so lang wie möglich zu halten – in diesen Zeiten ist es kein Wunder, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird. Und dass wir verlernt haben, anderen Menschen Geduld, Zugewandtheit und Empathie zu schenken. Was wir deshalb brauchen, ist die Kompetenz einer grundlegenden Freundlichkeit.

Was wäre also, wenn wir uns wieder stärker auf jene grundlegenden Kompetenzen konzentrieren, die wirklich zukunftsfähig sind, weil sie uns in Krisen tatsächlich weiterbringen? Die uns einzuschätzen helfen, ob eine Krise wirklich eine Krise oder gar eine Katastrophe ist – oder vielleicht sogar eine Chance für Veränderung? 

Das Problem der fehlenden Aufmerksamkeit für andere wurzelt in Wirtschaftslogiken, die auf Analytik und Effizienz getrimmt und nicht empathiefähig sind. Geboren und groß gemacht hat es eine Gesellschaft, die ihren moralischen Kompass in der Schublade hat verstauben lassen. Im übermächtigen Streben nach Potenzialentfaltung und Selbstoptimierung, bei all dem Upskilling und Reskilling, vergessen wir oft, dass Kompetenzen sich erst im Miteinander richtig entfalten. 

Was wir in Zukunft brauchen, um als Zivilisation zu bestehen, ist eine gesellschaftliche Charakterbildung: weg von egozentrierten, impulsiven Entscheidungen, hin zum aktiven Zuhören, Nachfragen, dem wirklichen Interesse für andere. Wenn wir uns darauf konzentrieren, diese Fähigkeiten (wieder) zu erlernen, zu kultivieren und weiterzuentwickeln – im „Kleinen“, als einzelne Individuen, wie im Großen, im Bildungs- und Wirtschaftssystem –, dann werden wir auch in unsicheren und volatilen Zeiten fest verankert sein. Denn dann haben wir Wurzeln, die uns auch in Krisenphasen erden.

Abschied von den Megatrends

Warum die Zukunft nicht (mehr) geradeaus liegt

Der Begriff „Megatrend“ hat in den letzten zwanzig Jahren eine steile Karriere zurückgelegt. Megatrends reduzieren Komplexität, indem sie vielschichtige Phänomene wie Globalisierung oder Digitalisierung auf einen simplen Begriff zurückführen. Doch diese Form der linearen Zukunftserzählung funktioniert in unserer heutigen Zeit nicht mehr. Das Zeitalter der Megatrends ist vorbei.

von Matthias Horx

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

In den vergangenen zwanzig Jahren hat der Begriff „Megatrend“ eine steile Karriere zurückgelegt. Geprägt von dem amerikanischen Publizisten John Naisbitt, bezeichnet der Begriff die langfristigen Big Shifts, die unsere Welt verändern: Digitalisierung, Globalisierung, Urbanisierung, Alterung, Individualisierung, Klimawandel. 

Megatrends sind beliebt, weil sie die Vielschichtigkeit der Welt auf einen simplen Begriff reduzieren. Sie suggerieren ein verlässliches Geradeaus. Das entlastet unser kognitives System, führt aber auch zu Wahrnehmungsverzerrungen. Zu Zukunfts-Halluzinationen.

Nehmen wir die Globalisierung, den gewaltigen ökonomischen Leit-Trend der vergangenen 30 Jahre. Wir erwarten, dass es immer so weitergeht mit dem globalen Marktgeschehen. Das rasend schnelle Zusammenwachsen der Weltwirtschaft zu einer einzigen ökonomischen Sphäre, einem Superweltmarkt, ist sozusagen gesetzt. Aber heute sieht man eher das Gegenteil: Neue Brüche entstehen, Kriege und Turbulenzen wuchern, Pandemien verändern die Spielregeln. Wir erleben ein Zerfasern der globalen Wertschöpfungs- und Wertschätzungsketten. Wie beschreiben wir diese neue Wirklichkeit, diese paradoxe Dynamik – in der sich, wenn man genauer hinschaut, zugleich schon eine neue Weltordnung abzeichnet? 

Das Versprechen der Digitalisierung

Oder betrachten wir die Konnektivität, die Digitalisierung. Je mehr das Digitale in unsere Alltagswelt eindringt, desto mehr enthüllt es seine Schattenseiten. Schaut man aber durch die Brille „Digitalisierung“, kann man diese Schatten nicht wahrnehmen. Auf eine paradoxe Weise verbindet Digitalisierung nicht Systeme, Menschen und Kulturen zu einer immer höheren Konnektivität, sondern entfremdet und zersplittert sie. Digitalisierung erzeugt selten seamlessness, sondern produziert Myriaden von „Schnittstellen“ (wörtlich), die gewachsene Systeme zerstören – und unser Leben eher unsicherer und konfuser machen.  

Die Digitalisierung ist die heilige Zukunfts-Kuh unserer Tage. Dass sie gerade dabei ist, an vielen Fronten zu scheitern, wird in der technoiden Zukunfts-Debatte kaum erörtert. Die ist nämlich rein linear: Digitalisierung wird als Lösung für Probleme propagiert, die sie gar nicht lösen kann. Und alle nicken brav mit den Köpfen. Nein, es geht mir nicht um eine „Abschaffung“ der Digitalisierung – die ohnehin nicht möglich wäre. Sondern um ihre sinnvolle Implementierung. Um eine Human Digitality.

Auch der Megatrend Individualisierung fliegt uns derzeit um die Ohren. Das liegt auch daran, dass Individualisierung und Individualität ständig in einen Topf geworfen werden. Individualismus ist eine Ideologie der egoistischen Abgrenzung, Individualität die Formung eines stabilen Selbst in Verbundenheit. Individualismus macht uns zu Konsumierenden, Einzelnen, Ichlingen. Individualität macht uns zu Mit-Menschen, die sich auf neue Weise vereinbaren. Das zu differenzieren, ist vielleicht der Schlüssel zur Frage, wie das Miteinander in einer hypervernetzten Co-Society aussehen könnte.

Jeder Trend hat einen Tipping Point

Jeder Trend, ob groß oder klein, gerät irgendwann in eine Sättigung. An einen Tipping Point, an dem er seine Richtung ändert. Jeder Trend erzeugt früher oder später Gegentrends, aus denen Paradoxien entstehen, die nur auf einer höheren Komplexitätsebene gelöst werden können. So hat die Globalisierung einen massiven Gegentrend zum Nationalismus erzeugt – aber was kommt danach? Die evolutionäre Dynamik dieser Trend-Gegentrend-Spiralen zu beschreiben, das „verschlungene Wesen der Welt“ zu verstehen (so der Zen-Philosoph Mathieu Richard), wäre die Königskunst einer neuen Zukunftsforschung.

Wache Zukunftsforschung

Langsam wird auch deutlich, dass die bekannten Megatrends aus einer eingeengten Sichtweise stammen. „Globalisierung“ war immer ein Begriff, der sich aus den Interessen und Perspektiven des industriellen Westens heraus definierte – auch wenn er von Eliten in anderen Ländern benutzt wurde. Vielleicht muss Trend- und Zukunftsforschung auf gewisse Weise „woke“ werden. Damit meine ich nicht den hysterischen Übermoralismus, der heute die Diskurse verdirbt. Sondern die Urbedeutung von woke: als Wachheit der Wahrnehmung. Als die Fähigkeit, über den eigenen Definitionshorizont hinauszudenken. Und zu einem tatsächlich globalen oder planetaren Denken zu gelangen.

Humanistischer Futurismus

Wie die Zukunftsforschung wieder zu ihrer­ eigentlichen Bestimmung finden könnte.

Eine Zukunft, die auf uns zukommt wie eine rasende Lokomotive in einem Tunnel, macht ohnmächtig und passiv. Dabei bleibt Zukunft immer offen – weil Menschen durch ihre Entscheidungen, Handlungen, Zukunft erst produzieren. Es ist an der Zeit, Zukunftsforschung wieder auf ihre universalistischen, humanistischen Elemente zurückzuführen.

von Matthias Horx

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

Haben Sie irgendwo die Zukunft gesehen?

Ich meine: Die richtige Zukunft. Nicht nur Waldbrand, Artensterben, Krieg, Kulturkampf oder eine digitale Superintelligenz, die uns entweder umbringt oder von allen Übeln erlöst. Sondern eine Zukunft, die als Vorstellung eines Besseren dienen kann. Als Orientierung im Wandel der Zeit. 

Es sieht so aus, als ob uns diese Zukunft in dem rasenden Jetzt, in dem wir heute leben, verloren gegangen ist. Ähnlich wie die Politik, hat sich die Zukunft in zwei diametrale Lager aufgespalten, die einen Trichter der Unsicherheit hinterlassen:

  • Entweder wird Zukunft als naiver Technik-Utopismus verstanden, als Produkt technologischer Sensationen und digitaler Wunder: Mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz werden alle Probleme der Menschheit gelöst, Roboter übernehmen den Alltag, demnächst schrauben wir uns Sensoren ins Hirn, die uns hundertfach intelligenter machen, und bald schon leben wir auf dem Mars… 

  • Oder die Zukunft tritt uns als prophetische Untergangs-Dystopie gegenüber, in der die Apokalypse unausweichlich ist, ja längst schon begonnen hat: Alle Wälder werden brennen, Bürgerkriege die Städte zerstören, und der Meeresspiegel steigt auf die Höhe Kitzbühels…

 

Sinnlose Zukünfte

Während die Zukunft sich in zwei Unmöglichkeiten aufspaltet, wird sie gleichzeitig zu einem entleerten Klischee. Überall ist ZUKUNFT, immer groß geschrieben. Sie springt einem entgegen aus den Katalogen von Gebietskrankenkassen („Zukunft für Profis!“), aus den Image-Broschüren von Versicherungsunternehmen („Zukunft zählt“), sie prangt auf den Werbeplakaten in Tankstellen („Tanken Sie Zukunft!“) und auf Lastwagenplanen („Wir transportieren Zukunft!“). Illustriert wird das meistens mit Frauenköpfen, die sich in Pixel auflösen, oder blauen Bildschirmwelten – „irgendwas mit digital“. Menschen kommen in dieser Klischee-Zukunft allenfalls als lächelnde Datenträger vor. 

„Future is an Attitude“, lautet der Image-Claim einer großen deutschen Automarke. Eine doppelseitige Anzeige dazu zeigt einen metallisch glänzenden Boliden, ein phallisches, elektrogetriebenes Männergeschoss, in dem niemand zu sehen ist, vor einer einsamen Wüstenlandschaft. 

„Servus Zukunft“ dichtete eine Partei im bayerischen Wahlkampf. Servus heißt auf bayrisch auch „Auf Wiedersehen“.

Neben Greenwashing, Socialwashing und Purposewashing gibt es nun auch ein monströses Futurewashing.  

Die kognitive Krise

Zukunft ist immer eine Narration. Eine Erzählung, eine „Story“, die sich Menschen, Gesellschaften, Zivilisationen erzählen, und mit der sie sich „nach vorn ausrichten“. Zukunft ist eine Art Super-Mem, das in unseren Köpfen Sinn erzeugt. In der Epoche, die nun zu Ende geht, war die Narration des (linearen) Wohlstands oder Fortschritts ein verlässlicher Rahmen, der unsere Handlungen und Deutungen trotz aller Unterschiede und Konflikte synchronisierte. Doch die Zukünfte von gestern müssen nicht die Zukünfte von morgen sein. 

Wenn Gesellschaften – oder auch Individuen – ihre Zukunfts-Narrative verlieren, kommt es zu Regressionen, Aggressionen, Sinnkrisen und Kulturkämpfen. Genau das erleben wir heute, vor allem in den USA. Der größte Sehnsuchts-Trend unserer Zeit ist wahrscheinlich die Retrotopie: Alles soll wieder so werden wie „damals“. Viele Menschen sehnen sich nach einer Vergangenheit, in der zwar manches viel schlechter war, aber man davon keine Ahnung hatte. 

Zeit für neue Narrative

Kann die Zukunftsforschung solche erzählerischen Verankerungen bieten? Ja, aber sie müsste sich selbst verändern. Sie müsste aufhören, Zukunft primär aus den Perspektiven von Ökonomie und Technologie zu konstruieren – als großes Muss und Soll, als das, „an was wir uns anpassen müssen“. Sie müsste sich überhaupt von normativen Zukünften verabschieden, von belehrenden Prophezeiungen eines imaginären Endzustandes, nach dem Motto „Das kommt auf uns zu!“.

Eine Zukunft, die auf uns zukommt wie eine rasende Lokomotive in einem Tunnel, macht ohnmächtig und passiv. Sie handelt von Vorbestimmtheiten. Vom Unvermeidlichen, dem wir ausgeliefert sind. Damit ist die Zukunft schon verloren. Das Wesen der Zukunft ist aber, dass sie immer offen bleibt. Weil wir an ihr beteiligt sind. Weil Menschen durch ihre Entscheidungen, Handlungen, Zukunft erst produzieren.

Zukunft ist kein Trend. Sie ist auch keine fixierte Tatsache, oder „Prognose“. Sie ist eine Beziehung. Darum geht es in der neuen Zukunftsforschung: Unser Verhältnis zum Kommenden, im Sinne einer gestaltbaren Verbindung.

Was ist „Humanistischer Futurismus“?

Es ist an der Zeit, Zukunftsforschung wieder auf ihre unversalistischen, humanistischen Elemente zurückzuführen. Und sich wieder mehr dem Menschen und dem Menschlichen zuzuwenden, den Wünschen, Träumen und Hoffnungen, in denen sich die „Zukunft in uns“ spiegelt. Deshalb haben wir uns beim Future:Project dem humanistischen Futurismus verschrieben.

Humanistischer Futurismus… 

  • überwindet den engen Blickwinkel von Technologie und Ökonomie. Zukunft entsteht im Zusammenwirken von Kultur, Bewusstsein, Ökonomie und Technologie. Ohne ein Verständnis dieser Wechselwirkungen ist auch ein Verständnis von Zukunft nicht möglich.

  • beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von innerer und äußerer Zukunft (Bewusstsein und Welt): Wie entsteht aus gesellschaftlichen, ökonomischen, technischen und individuellen Prozessen die Wirklichkeit von morgen? Wie wirken aber auch Visionen, Utopien, Zukunfts-Narrative, mächtige Meme, auf die Wirklichkeit zurück?

  • sieht den Menschen als Zukunftswesen, das nach dem Anderen und Besseren strebt, ohne das Perfekte jemals zu erreichen. Menschliche Zukunft bleibt immer „Work in Progress“. Aber Fortschritt findet statt – trotz aller Rückschläge.

  • sieht sich als Advokat möglicher humaner Zukünfte, die er gegen menschenfeindliche Utopien und posthumanistische Exzesse verteidigen will.

     
  • ist dem neuen Langzeitdenken verpflichtet. Er verabschiedet sich vom „rasenden Jetzt“ und versucht, die langen Zeiträume unserer Existenz zu erforschen – auch in dem, was über unser persönliches Leben hinausreicht.

  • denkt (und fühlt) über die klassischen „westlichen“ Zukunftsmodelle hinaus. Er öffnet sich einem neuen Narrativ der evolutionären Menschheitsgeschichte, in dem sich verschiedene Kultur- und Zukunftsmodelle integrieren können.

  • entwickelt ein konstruktives Verhältnis zum Phänomen der Krise. Krise bedeutet, dass das Alte und das Neue in eine Dissonanz getreten sind, dass die alten Rahmungen nicht mehr mit den neuen Realitäten zusammenpassen – dass etwas Besseres entstehen muss. Das bringt Unruhe und Unsicherheit, aber wir können lernen, die Krise produktiv zu wenden und zu gestalten.

„Es ist nicht leicht, über die Zukunft zu sprechen, ohne gleich in Beschleunigungs-Hysterie oder in ein anderweitig apokalyptisches Fahrwasser zu geraten. Man kann sich auf die Zukunft nicht mehr verlassen. Man muss dafür sorgen, dass es überhaupt noch Zukunft gibt.“

Aleida Assmann, Kulturwissenschaftlerin

Glocal Shift

Die Zukunft der Lieferketten

Die multiplen Krisen des frühen 21. Jahrhunderts haben das Vertrauen in die just-in-time Logik weltweiter Lieferketten geschwächt und das Ende der Hyperglobalisierung eingeleitet. Produktionsnetzwerke richten sich künftig nach neuen Zielparametern aus und überkommen das Effizienz-Paradigma vergangener Tage. Die Versorgungssysteme der Zukunft werden glokal verhandelt und gestaltet.

von Jonas Höhn

Lieferketten sind die Lebensadern globalisierter Gesellschaften. Sie verknüpfen transnationale Industrien und überziehen den Planeten zu Luft, Wasser und Land. Verkörpert durch riesige Containerschiffe oder niemals ruhende Häfen sind Lieferketten zu einem zentralen Symbol der Globalisierung aufgestiegen. Bilder von beladenen Kränen an vollbesetzten Terminals begleiten Berichte über wirtschaftliches Wachstum oder ökonomische Prognosen.

Globale Transportrouten der Welthandelsflotte nach Transportgütern (2012)
Illustration globaler Transportrouten der Welthandelsflotte (www.shipmap.org / www.kiln.digital).

Immer häufiger jedoch zeigen die Auswirkungen verschiedener Krisen des 21. Jahrhunderts eine andere Seite dieser Systeme auf. Nicht zuletzt die Coronapandemie, die unfreiwillige Blockade des Suezkanals oder der Krieg in der Ukraine produzierten Bilder von leeren Supermarktregalen, stillstehenden Produktionshallen oder zahllosen Schiffen wartend vor den wichtigsten Häfen der Welt. 

Diese Disruptionen haben das öffentliche Vertrauen in die uneingeschränkte Funktionsfähigkeit traditioneller Wertschöpfungsketten stark beeinträchtigt und uns für die Störanfälligkeit dieser multiskalaren und hochkomplexen Systeme sensibilisiert. Der plötzliche Mangel an wichtigen Rohstoffen und Waren hat Abhängigkeiten aufgezeigt und sichtbar gemacht, dass Lieferketten eine essenzielle Funktion haben, die über die reine Wertschöpfungslogik hinausgeht: die Versorgung der Gesellschaft und Industrie mit notwendigen Gütern. 

2007/0820102014/15201920212022
Globale FinanzkriseAusbruch des Eyjafjallajökull in IslandStreiks der Hafenarbeiter:innen in den USACoronapandemieSuezkanal-BlockadeUkraine-Krieg
Der Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes führt zu einer weltweiten Rezession. Viele Unternehmen müssen ihre Produktion reduzieren, gleichzeitig sorgt die fallende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zu Überkapazitäten und finanziellen Engpässen.Der Ausbruch des isländischen Vulkans führt zur Schließung des europäischen Luftraums. Der behinderte Luftverkehr beeinträchtigt den internationalen Warentransport, insbesondere für hochwertige und verderbliche Güter.Ein langwieriger Arbeitskampf an den Häfen der Westküste der USA führt zu massiven Verzögerungen und Staus. Die Blockade der Häfen beeinträchtigt den Warenfluss weltweit.Die globalen Auswirkungen der Coronapandemie treffen Lieferketten hart. Ein durch Lockdowns und Kontaktbeschränkungen verändertes Konsumverhalten trifft auf Produktionsstörungen, Transportverzögerungen und ein Mangel an Rohstoffen, Gütern und Arbeitskräften.Das Containerschiff „Ever Given“ läuft im Suezkanal auf Grund und blockiert die wichtige Wasserstraße fast eine Woche lang. Durch den Stau von hunderten Schiffen verzögern sich Warenlieferungen zwischen Europa und Asien enorm.Die Invasion Russlands in die Ukraine sorgt für ausbleibende Rohstofflieferungen aus der Region. Wichtige Handelsrouten werden unterbrochen oder zerstört. Neben Sanktionen und Handelsbeschränkungen wirken sich vor allem steigende Energiepreise negativ auf Lieferketten aus.
Auswahl global wirkender Lieferkettenkrisen des 21. Jahrhunderts.

Die Vulnerabilität ungebremster Beschleunigung

Lieferengpässe in der Containerlogistik, die als treibende Kraft der Weltwirtschaft fungiert, sowie steigende Preise deuten immer häufiger darauf hin, dass die Just-in-time-Logik globaler Versorgungssysteme an ihre Grenzen stößt. Das traditionelle System globaler Lieferketten ist programmiert auf Effizienz und Beschleunigung. Viele Jahrzehnte lang bestand eine zentrale Strategie transnationaler Unternehmen zur kurzfristigen Gewinnmaximierung im Offshoring und Outsourcing: in der Auslagerung kostenintensiver Produktionsschritte in Länder mit niedrigeren Lohnniveaus sowie Sozial- und Umweltstandards.

Der Imperativ der Effizienz und die globale Vernetzung der Lieferketten erzeugen jedoch eine besondere Vulnerabilität der Systeme. Aufgrund der engen Verflechtung traditioneller Wertschöpfungsketten können bereits lokale Disruptionen weltweite Lieferengpässe auslösen und andere Versorgungskrisen zusätzlich verschärfen. Der daraus resultierende Druck auf die logistischen Versorgungssysteme der Weltwirtschaft drückt sich wiederum in lokalen Herausforderungen aus – etwa in steigenden Lebensmittelpreisen im Supermarkt oder fehlenden Gütern in wichtigen Produktionsschritten vor Ort.

Gleichzeitig führen globale Güterketten zu massiven Umweltveränderungen. Der Verbrauch von Wasser und Land ist ebenso problematisch wie die massiven Emissionen von Treibhausgasen oder der Ausstoß von toxischen Stoffen (zum Beispiel Schwermetalle oder Nitrate). Der tatsächliche Einfluss logistischer Systeme auf den Klimawandel wird häufig vernachlässigt und lässt sich bis heute nur abschätzen. Auf paradoxe Weise verdeutlichen aber sogenannte empty runs von Frachtern oder der ständige Transport von tausenden leeren Containern, dass der Schutz unserer Umwelt im Verständnis logistischer Effizienz noch keinen angemessenen Platz hat. Der Höhepunkt der Hyperglobalisierung ist erreicht.

Doch wie lassen sich Lieferketten und Produktionsnetzwerke in Anbetracht zukünftiger Herausforderungen neu ausrichten? Welche Maßnahmen können dabei helfen, eine langfristig krisenresiliente und nachhaltige Versorgungssicherheit zu gewährleisten?

Global-lokales Zusammenspiel

Um den immensen Herausforderungen begegnen und neue Chancen ergreifen zu können, gilt es, Versorgungssysteme zu rekonfigurieren und nach neuen Zielparametern auszurichten. Aus den blinden Flecken der bisherigen Hyperglobalisierung treten neue Grundsätze der Versorgungssicherheit hervor, die im Resilient Supply schon heute eine große Relevanz haben – und künftig noch sehr viel wichtiger werden. Maßstäbe wie Resilienz, Qualität, Sicherheit oder Nachhaltigkeit verdeutlichen ein wachsendes Bewusstsein für das Zusammenspiel globaler und lokaler Dynamiken, das der Transformation der Glocalisation zugrunde liegt. 

Der Begriff der Glokalisierung betont hier einen fundamentalen Perspektivwechsel. Während der globale Determinismus zu bröckeln beginnt, erfahren lokale Phänomene immer häufiger einen Bedeutungszuwachs. In dieser Phase ist es notwendig zu differenzieren, da Glokalisierung keineswegs eine vollständige Umkehr bisheriger Globalisierungsprozesse (De-Globalisierung) oder gar eine Rückkehr zu ausschließlich lokalen Strukturen bedeutet. Vielmehr beschreibt sie einen tiefgreifenden Evolutionssprung in der bisherigen Globalisierung.

Ein zunehmendes Bewusstsein für glokale Zusammenhänge in Lieferkettensystemen bedeutet nicht zwangsläufig, dass Menschen künftig ausschließlich lokal produzieren und konsumieren. Zum einen, weil Rohstoffe und Güter nach wie vor ungleich verteilt bleiben. Zum anderen sind heute in jenen Ländern, in denen über Jahrzehnte Industrien ausgelagert wurden, bedeutende Absatzmärkte entstanden, insbesondere in Asien.

Vielmehr entstehen an den Schnittstellen globaler und lokaler Einflüsse in Versorgungsnetzwerken Möglichkeitsräume für neue Lösungsansätze, die bessere Antworten auf die Herausforderungen multipler Krisen versprechen. Diese Möglichkeitsräume zu finden, gehört zu den wichtigsten Aufgaben, um Lieferketten zukunftssicher gestalten zu können.

Herausforderungen und Chancen einer glokalen Logistik

Die zunehmende Verschiebung von globalen zu glokalen Prozessen erfordert zunächst die Identifizierung der sich eröffnenden Potenziale. Unternehmen müssen bestehende Risiken abschätzen und ihre gegenwärtigen Bezugsquellen sowie Lieferantenstrukturen kontinuierlich reflektieren und diversifizieren. 

In Bereichen, in denen globale Verflechtungen besonders anfällig sind, können lokale Handelsbeziehungen künftig zu einem wichtigen Bestandteil des Versorgungsnetzwerkes werden. Solche regionalen Wirtschaftskreisläufe bieten oft neue Anreize und können in Zeiten globaler Engpässe mindestens als Backup-System dienen. Darüber hinaus eröffnet eine glokale Perspektive auf Rohstoffe vielfältige Optionen, wenn lokale Alternativrohstoffe den globalen Handel sinnvoll ergänzen und dadurch Abhängigkeiten reduzieren. Auch größere Materialreserven werden eine bedeutende Sicherheitsfunktion in den Produktionsnetzwerken von morgen einnehmen. 

Neben einem erweiterten Verständnis von Sicherheit streben glokale Ansätze eine nachhaltige Entwicklung an, die sich stärker an den Prinzipien der Circular Economy ausrichtet. Um Emissionen und Abfälle zu reduzieren, müssen die Lebenszyklen von Produkten verlängert, Ressourcen effizient eingesetzt, wiederverwendet und Transportwege kürzer werden. Investitionen in digitale Lösungen zur Automatisierung und Robotisierung von Produktionsprozessen treiben diesen Wandel schon heute voran. Gleichzeitig bedeutet Nachhaltigkeit in diesem Kontext auch, dass Menschenrechte und internationales Recht in Produktions- und Lieferketten zukünftig besser geschützt werden müssen. Deutschland und die EU haben diesen Prozess bereits mit entsprechenden Lieferkettengesetzen in Gang gesetzt. 

Take-aways

Gegenwärtige Vielfachkrisen weisen bereits darauf hin, dass die Transformation zur Glokalisierung als Weiterentwicklung traditioneller Globalisierungsprozesse schon heute von enormer Bedeutung ist. Im Angesicht zukünftiger Herausforderungen gilt es, die Produktion und den Transport von Waren nach neuen Maßstäben wie Resilienz, Nachhaltigkeit und Qualität auszurichten. 

Für ein glokales Versorgungssystem der Zukunft sind folgende Ansätze ausschlaggebend:

  • Die kontinuierliche Reflexion eigener Abhängigkeiten fördert das Bewusstsein für wechselseitige Verbindungen globaler und lokaler Prozesse.
  • Die Diversifizierung von Zulieferern und Rohstoffen sorgt für eine bessere Versorgungssicherheit und ermöglicht neue Chancen, insbesondere durch die Integration lokaler Alternativen.
  • Materialreserven und Warenlager werden zu wesentlichen Komponenten strategischer Risikobewertung.
  • Die Umwandlung linearer, konventioneller Wertschöpfungsketten in glokale, zirkuläre Lieferkettensysteme sorgt für mehr Resilienz, Anpassungsfähigkeit und Nachhaltigkeit.

Lesen Sie hier mehr zur Glocalisation

Von der Great Resignation zur Great Motivation

Die Arbeitswelt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel: In der Conscious Economy werden Wert und Bedeutung von Arbeit grundsätzlich neu definiert. Veraltete Leitbilder der Arbeitsgesellschaft lösen sich auf und werden durch neue Ideale ersetzt. Sie ebnen den Weg in die Great Motivation.

von Judith Block

Proteste für bessere Arbeitsbedingungen begleiteten bereits die Geschichte der Industrialisierung und durchziehen die Entstehung moderner Arbeitsverhältnisse. Während Gewerkschaften und Arbeiter:innen im 19. und 20. Jahrhundert zumeist im lautstarken Streik die Grundlagen für die gegenwärtige Arbeitswelt erkämpften, vollzieht sich heute ein vergleichsweise stiller Umbruch – der aber mindestens ebenso einschneidend ist. 

Weltweit streiten Angestellte heute nicht mehr nur mit Vorgesetzten um mehr Gehalt, bessere Entwicklungschancen oder geringere Arbeitsbelastung. Sie nutzen ein rabiateres Mittel: die Kündigung, die laut oder leise vonstatten gehen kann. Die „Great Resignation“, das Phänomen des protestierenden Nichtstuns, beginnt mit der Ablehnung des gegenwärtigen Arbeitssystems. So wie das Phänomen des „Lying Flat“, das Niederlegen der Arbeit, basiert auch das „Quiet Quitting“ auf der Verweigerung, sich dem ungebremsten Produktivitätszwang der Leistungsgesellschaft anzuschließen: Der Job dient dem Erhalt des Lebensstandards, erledigt werden aber nur noch die Aufgaben, die im Arbeitsvertrag festgehalten sind und entsprechend entlohnt werden. 

Die Verwerfungen der Great Resignation umfassen allerdings mehr als nur die Krise der heutigen Arbeitswelt. Sie weisen auf neue Ansprüche hin – und stärken zugleich eine künftige Arbeitskultur der „Great Motivation“.

Arbeitszeit ist Lebenszeit

Die Rolle und der Stellenwert von Arbeit werden immer wieder neu verhandelt. Lange Zeit prägte die Erzählung der Work-Life-Balance im Sinne einer strikten Trennung von Arbeit und Freizeit unser Verständnis von einem ausgewogenen Lebensstil. Die rasante Vernetzung und Technologisierung vieler Arbeitsbereiche und zuletzt die Auswirkungen der Coronapandemie ließen diese Lebensbereiche jedoch verschmelzen: Das sogenannte Work-Life-Blending erzählt von einem parallelen Umgang mit Arbeit und Freizeit im Alltag. 

Das Phänomen der Great Resignation signalisiert nun eine weitere radikale Umwälzung unseres Verständnisses von Arbeit. Es reflektiert nicht nur die Abkehr von traditionellen Arbeitsstrukturen, sondern eine tiefgreifende Veränderung in den Werten und Prioritäten der Arbeitskräfte: Arbeit wird nun als etwas gesehen, was sich gut in das restliche Leben integrieren lassen muss. Diese Vorstellung von Arbeit als nur einem von vielen Aspekten des Lebens verbreitet sich zunehmend in unserer Arbeitskultur. Im Brennpunkt dieses Umbruchs stehen zwei zentrale Merkmale von Arbeit: Arbeitsort und Arbeitszeit.
Unterstützt durch digitale Technologien verlieren viele Berufe ihre Bindung an bestimmte Orte. Ob Hybrid Work, Remote Work oder Workation – das ortsunabhängige Arbeiten verändert die gesamte Organisation des Alltags und unser Verständnis von Räumen der Arbeit. Das Homeoffice erfordert einen ruhigen und gut ausgestatteten Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden. Zugleich ermöglicht es durch den wegfallenden Arbeitsweg eine flexiblere Integration der Arbeit in den Alltag. Büros erhalten dadurch langfristig neue Funktionen und müssen sich veränderten Ansprüchen stellen. Dabei geht es um viel mehr als Tischkicker, Obstkörbe oder schicke Sofalandschaften, sondern um grundlegende Fragen der Raumgestaltung: Wie können Austausch und Resonanzerfahrungen gefördert werden, damit Menschen gern ins Büro kommen?

Gleichzeitig äußert sich die veränderte Bedeutung von Arbeit auch in der Zeit, die wir dafür aufbringen wollen. Die Vier-Tage-Woche steht stellvertretend für viele aktuelle Phänomene, die eine Flexibilisierung von Arbeitszeitmodellen und den steigenden Wert von Freizeit aufzeigen. Doch nicht nur die Frage, wann wir arbeiten, beeinflusst die Arbeitskultur von morgen, sondern auch die Frage, wie wir unsere Zeit am Arbeitsplatz gestalten – und wie wir sie ganzheitlich in unser Leben integrieren. 

Streben nach Sinn

Arbeit ist künftig mehr als zeitintensiver Broterwerb. Sie richtet sich nach neuen Idealen aus, die neben finanzieller Sicherheit und fairen Gehältern auch soziale Werte umfassen. Immer stärker formulieren Arbeitnehmer:innen ihren Wunsch nach einer sinnvollen Tätigkeit, die Raum zur Selbstentfaltung bietet und die Gesundheit der Mitarbeitenden nicht vernachlässigt. Wertschätzung und Anerkennung sind zentrale Leitmotive dieser Forderungen. 

Dafür muss die traditionelle Gleichsetzung von Arbeit mit klassischer Lohnarbeit aufgelöst werden. Insbesondere freiwilliges Engagement erfüllt oft ein Sinnbedürfnis, das während der Lohnarbeit häufig vermisst wird. Gerade in diesem zivilen Engagement, das über die Erwerbsarbeit hinausreicht, erzeugt Arbeit im weiteren Sinne eine besondere Form des sozialen Kitts und der Resilienz. Gesellschaften leben davon, dass Menschen durch verschiedene freiwillige, ehrenamtliche Tätigkeiten mit ihrem sozialen Umfeld in Resonanz treten und gemeinschaftliche Strukturen aufbauen. 

Die aktuelle Sinnkrise der Arbeitswelt sorgt dafür, dass wir unterschiedlichste Formen von Arbeit künftig gleichwertig anerkennen und fördern

In unserer gegenwärtigen Arbeitswelt werden ehrenamtliche Tätigkeiten durch die vergütete Arbeitszeit noch oft an die Randstunden des Tages verdrängt. Auch die gesellschaftliche Funktion von Care-Arbeit, etwa in Form von Kinderbetreuung, Krankenpflege oder häuslicher Arbeit, bleibt bislang meist unterbewertet und schlecht entlohnt – was nicht zuletzt geschlechtsspezifische Ungleichheiten schürt. Die aktuelle Sinnkrise der Arbeitswelt sorgt dafür, dass wir diese verschiedenen Formen von Arbeit künftig als gleichwertig anerkennen und fördern.

Alles ist Arbeit?

Die Vorteile eines breiter gefassten Arbeitsbegriffs liegen auf der Hand. Durch die Anerkennung von zivilgesellschaftlichem Engagement werden vor allem jene Tätigkeiten unterstützt, die gesellschaftlichen Mehrwert bieten. Sinnvolle Arbeit wirkt sich auf individueller und gesellschaftlicher Ebene positiv aus, indem sie das eigene Selbstbewusstsein und die soziale Eingebundenheit stärkt. Die Pflege von Angehörigen oder die Unterstützung lokaler Vereine könnten durch neue gesellschaftliche Lösungsansätze endlich eine angemessene Wertschätzung erhalten – zum Beispiel, indem ehrenamtliche Tätigkeiten auf die Lebensarbeitszeit angerechnet werden.  

Auch für Unternehmen eröffnen sich in diesem Prozess neue Chancen. Eine Reduzierung der Wochenstundenzahl zugunsten einer ehrenamtlichen Tätigkeit geht nicht unbedingt mit einem Produktionsverlust einher, sondern wirkt sich häufig positiv aus. So entwickeln Beschäftigte, die in unterschiedlichsten Kontexten tätig und aktiv sind, nützliche Kompetenzen zur Problemlösung und gemeinschaftlichen Arbeit. Erst recht, wenn nach der Arbeit genügend Zeit zur Regeneration bleibt. Arbeitgeber:innen stehen künftig vor der Herausforderung, Arbeitskulturen zu schaffen, die Raum für sinnvolle Aufgaben bieten und ein gesundes Arbeitsumfeld fördern. 

Wenn wir Arbeit als Teil eines umfassenden Strebens nach Lebensqualität betrachten, können wir den traditionellen Arbeitsbegriff aus seinem Korsett befreien.

Indem wir Arbeit als Teil eines umfassenden Strebens nach Lebensqualität begreifen und Gesundheit als ganzheitliches Konzept betrachten, bricht der traditionelle Arbeitsbegriff aus seinem gegenwärtigen Korsett aus. Vielfältige Formen der Arbeit und des Engagements fordern und treiben flexible Arbeitsmodelle und faire Entlohnungen gleichermaßen voran. Auf diese Weise ebnen die stillen Proteste der Great Resignation den Weg zur Great Motivation: zu einem neuen Verständnis von Arbeit, das durch den Sinngehalt der insgesamt geleisteten Arbeit angetrieben wird.


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Die konstruktive KI

Zukünfte zwischen Hype und Dystopie

Schon seit einigen Jahren gilt die Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie des digitalen Wandels. Die jüngsten Fortschritte einiger KI-Tools versprechen den Durchbruch in die nächste Entwicklungsstufe der KI-Technologien. Um ihre Gestaltungspotenziale für Wirtschaft und Gesellschaft zukünftig konstruktiv zu nutzen, braucht es schon heute einen reflektierten Umgang mit KI.

von Christian Schuldt

Im Bereich der technologischen Entwicklung haben nur wenige Phänomene die kollektive Vorstellungskraft so sehr in Anspruch genommen wie die KI. Gegenwärtig treibt sie den digitalen Wandel rasant voran und markiert sogar einen neuen Meilenstein in der gesellschaftlichen Evolution – erstmals interagieren Menschen mit Maschinen wie mit ihresgleichen. Der sprunghafte Fortschritt von inhaltsgenerierenden KI-Tools wie ChatGPT, Dall-E oder Midjourney befeuert nicht nur laufende Debatten um den Einsatz von künstlicher Intelligenz, sondern wirft neue Fragen über die künftige Beziehung zwischen Mensch und Maschine auf. 

Doch nicht erst seit ChatGPT begleiten vereinfachende und polarisierende Mensch-Maschine-Erzählungen den KI-Diskurs. Für die einen verspricht die neue technologische Qualität und Komplexität dieser Tools utopische Zukünfte, in denen Maschinen durch scheinbar grenzenlose künstliche Intelligenz zu ultimativen Problemlösern werden. Andere verbinden mit KI dystopische Ängste vor der planetaren Machtergreifung und Auslöschung der Menschheit durch „intelligente“ Roboter und Algorithmen. 

Diese Narrative überschätzen KI im positiven wie im negativen Sinne. Sie verzerren unser Verständnis vom gegenseitigen Verhältnis zwischen Gesellschaft und Technologie, indem sie simple und meist starre Zukunftsbilder malen. KI wird darin zum Buzzword einer vorgeschriebenen Zukunft, zur vermeintlichen Lösung für sämtliche Probleme, zum Erfolgsgarant für jegliches Unternehmen und Produkt. Allzu häufig erfolgt die flächendeckende Implementierung von KI in unseren Alltag aber nicht, weil es wirklich sinnvoll ist, sondern nur, weil es schlicht möglich ist. Wer allerdings in jeder KI-Anwendung die nächste digitale Disruption erwartet, ignoriert die komplexe Dynamik soziotechnischer Fortschritte.  

Die Sinnfrage der KI

Wie alle Technologien steht auch die KI nicht für sich alleine, sondern ist in ein gesellschaftliches Gerüst eingelassen. Der anfängliche Hype um neue KI-Tools kann überzogene Erwartungen schüren, die später allzu oft enttäuscht werden. Muss mein Toaster wirklich smart sein? Braucht es “intelligente”, sprachgesteuerte WCs? Auch viele Unternehmen stellen fest, dass eine unzuverlässige KI Probleme schaffen kann, wo sie diese eigentlich lösen soll. Und: dass die sinnvolle Einbindung von KI in eine Organisation ein anspruchsvoller und komplizierter Prozess ist. 

Parallel entwickelt sich der Faktor Vertrauen immer öfter zu einem zentralen Kriterium in öffentlichen Diskursen über die Künstliche Intelligenz. Der allgemeine Vertrauensverlust in digitale Technologien überträgt sich trotz vieler KI-Utopien nicht zuletzt auch auf Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. Immer besser lernen wir zu verstehen, dass und wie Algorithmen heute über Apps und soziale Medien öffentliche Meinungen beeinflussen, populistische Strömungen begünstigen oder in ihnen festgeschriebene Vorurteile, sogenannte digital biases, verbreiten. 

Gerade weil KI eine so mächtige Technologie ist, braucht es kluge und durchdachte Herangehensweisen. Für die Wirtschaft und Gesellschaft von morgen werden konstruktive Gestaltungsansätze im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unabdingbar. Gegenwärtig, in der Zeit rasant beschleunigter KI-Fortschritte, bietet sich die passende Gelegenheit für einen pragmatischen und reflektierten Blick auf die Zukunft dieser Technologie. Das bedeutet nicht nur, die Potenziale und Herausforderungen von KI zu verstehen, sondern erfordert ein gänzlich neues Mindset: eine konstruktive, aufgeschlossene und mutige Perspektive auf die sinnvollen Gestaltungsmöglichkeiten KI-basierter Anwendungen.

Ein neues KI-Narrativ

Grundsätzlich geht es also um einen differenzierten Blick für die zwei Seiten der KI-Entwicklung. Zum einen braucht es ein ganzheitliches Verständnis für die Schlüsselrolle der Künstlichen Intelligenz im digitalen Wandel. Zum anderen benötigen vor allem Unternehmen ein Gespür für konkrete, sinnvolle Einsatzmöglichkeiten und Konsequenzen von KI-Technologien. 

Dieser kritisch-konstruktive Umgang setzt sich von den etablierten KI-Narrativen ab. An die Stelle von Simplifizierungen, unbegründeten Ängsten, oder überzogenen Hypes tritt eine selbstbewusste und zukunftsmutige Haltung, die danach fragt, wie KI in das Bild unserer gegenwärtigen und zukünftigen Gesellschaft passt: Warum oder wozu können und wollen wir Künstliche Intelligenz nutzen? Wie gelingt eine reflektierte Auseinandersetzung mit ihrem Gestaltungspotenzial für Wirtschaft und Gesellschaft? Welche Vorteile bietet ein konstruktiver Ansatz aus europäischer Perspektive?

Gestaltungspotenziale einer konstruktiven KI

Um beantworten zu können, wie die Künstliche Intelligenz unsere zukünftige Gesellschaft mitgestalten kann, müssen wir zuerst die Leitplanken einer lebenswerten Zukunft setzen. Wie wollen wir künftig Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft organisieren? Welche Anforderungen muss eine KI als Zukunftstechnologie erfüllen, um sie produktiv nutzen zu können? 

Gerade in Abgrenzung zu den Strategien der Tech-Giganten aus den USA und China kann ein verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Technologien an vielen Stellen zu einem echten Wettbewerbsvorteil für den KI-Standort Europa werden. Um im globalen Wettbewerb der KI-Revolution nicht abgehängt zu werden und bestehende Abhängigkeiten zu verschärfen, braucht es eine gemeinsame, europäische Vision davon, welche Funktion KI für unsere Zukunft einnehmen soll. 

Beispielsweise bieten sich im Bereich der Digital Ethics – also dem Datenschutz, der Sicherheit und der Verlässlichkeit von KI – große Entwicklungspotenziale. Humanistische Werte, klare ethische Richtlinien und tatsächliche Transparenz können das Vertrauen in digitale Technologien wieder steigern und verbindliche digitale Normen fördern. Gleichzeitig erfordert die rasante Weiterentwicklung von KI eine konzentrierte Förderung der Digital Literacy. Dabei geht es nicht nur um das Aneignen technologischer Kompetenzen, sondern vielmehr um einen souveränen und verantwortungsvollen Umgang mit Digitalität: die Befähigung, die Analysen und Lösungen von KI zu bewerten und sinnvoll anzuwenden.

Damit einher geht auch eine Neuverortung des Digitalen als Begleiter des Menschen. In einem kooperativen Miteinander von Mensch und Maschine komplementieren sich menschliche und maschinelle Intelligenz vielmehr, um konkrete Probleme zu lösen. Richtig angewandt, schaffen AI Companions neue Formen produktiver und kreativer Mensch-Maschine-Beziehungen, die weit über das Erledigen von lästigen Alltagsaufgaben hinausgehen.  

Immer wichtiger wird künftig auch die Rolle von KI in den Bereichen Ressourcenknappheit, Energieverbrauch und Emissionen. Durch intelligente Algorithmen kann KI den Einsatz von Ressourcen effizienter gestalten, die Energienutzung optimieren oder nachhaltige Lösungsansätze entwickeln – Stichwort Resilient Supply. Ein fortschrittlicher und reflektierter Ansatz nimmt jedoch auch den steigenden Energieverbrauch und Emissionsausstoß von KI-Anwendungen selbst in den Blick.

Eine humane Zukunft mit KI

Der Fortschritt der Künstlichen Intelligenz wird die digitale Vernetzung der Welt weiter vorantreiben – und KI in der nächsten Gesellschaft allgegenwärtig machen. Umso wichtiger ist es deshalb, schon heute die Rahmenbedingungen für diese künftige KI-Welt zu definieren. Nur ein verantwortungsvoller Umgang mit dieser Technologie kann auch einen konkreten gesellschaftlichen Nutzen erzeugen. 

Losgelöst von dystopischen Ängsten und hysterischen Hypes eröffnet KI damit zugleich die Chance für eine neue Ära der Rehumanisierung: Sie ermöglicht die Gestaltung einer humaneren Gesellschaft, in der smarte Technologien dabei helfen, das Leben gesünder und nachhaltiger zu organisieren – und in der genuin menschliche Kompetenzen wieder an Relevanz gewinnen.

Damit wird Künstliche Intelligenz zu einem Kernelement der großen Transformation hin zu einer Human Digitality, die digitale Technologien in ein menschliches Verhältnis setzt. Um diese konstruktiven KI-Potenziale zu erschließen, braucht es schon heute Mut, Optimismus und eine klare humanistische Perspektive.


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