5. Mai 2025
Die geopolitischen Verschiebungen der vergangenen Monate und Jahre haben Europa in eine Phase struktureller Unsicherheit geführt – und zugleich für seltene analytische Klarheit gesorgt. Die Entscheidung der USA, ein Rohstoffabkommen mit der Ukraine zu schließen, markiert eine Zäsur im transatlantischen Verhältnis. Der exklusive Zugriff auf kritische Ressourcen und ein gemeinsamer Wiederaufbaufonds werfen grundsätzliche Fragen zur Rolle Europas in der Weltordnung auf.
Für Deutschland und die EU entsteht daraus nicht nur sicherheitspolitischer Handlungsdruck: Es eröffnet sich auch die Chance, eigene strategische Interessen selbstbewusst zu formulieren – ein Schritt, der das europäische Selbstverständnis neu definiert.
Gerade für Deutschland ist der Bruch mit den USA nicht nur strategisch, sondern auch emotional tiefgreifend. Über Jahrzehnte waren die Vereinigten Staaten sicherheitspolitischer Garant und kulturelles Leitbild, vom Marshallplan bis zur Westbindung der Bundesrepublik. Diese Verlässlichkeit wurde lange als selbstverständlich betrachtet. Doch mit dem geopolitischen Fokus der USA auf den Indopazifik, wachsender innenpolitischer Polarisierung und schwindender Bereitschaft zu multilateraler Bindung zeigt sich: Europa kann sich nicht länger auf Amerika stützen.
Der Verlust dieses Bezugsrahmens hinterlässt ein kulturelles und politisches Vakuum. Deutschland muss sich neu verorten – normativ, strategisch und gesellschaftlich. Diese Destabilisierung ist zugleich eine Chance: für einen Reifeprozess, der Verantwortung nicht als Last, sondern als Gestaltungsmacht versteht. Das erfordert nicht nur außenpolitische Instrumente, sondern auch eine breite Debatte über Europas Rolle in einer konfliktreichen, multipolaren Welt. Das Friedensprojekt Europa braucht ein Update – als wertebasierte, aber strategisch orientierte Ordnungskraft im 21. Jahrhundert.
Die wirtschafts- und finanzpolitischen Beschlüsse vom März diesen Jahres, getragen von einer verfassungsändernden Mehrheit in Bundestag und Bundesrat, markieren einen tiefgreifenden Kurswechsel: Die Schuldenbremse wird gelockert, massive Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung, Bildung und Verteidigung angekündigt. Damit verabschiedet sich Deutschland von der lange dominierenden Austeritätspolitik und bekennt sich zu einem aktiven, investierenden Staat in geopolitisch unsicheren Zeiten. Diese Maßnahmen sind mehr als haushaltspolitische Anpassungen – sie zeigen den Willen, Deutschlands Rolle im internationalen System neu zu definieren. Auch auf europäischer Ebene wird dieser Richtungswechsel als Zeichen wachsender Gestaltungsfähigkeit wahrgenommen.
Im Inneren deutet sich ein Paradigmenwechsel an: weg vom reaktiven Staat hin zu einem gestaltenden Akteur, der strukturelle Schwächen adressiert und Zukunftsfähigkeit durch strategische Investitionen sichert. Das eröffnet Chancen für eine neue deutsche Führungsrolle – vorausgesetzt, sie wird europäisch eingebettet. Nur durch koordinierte Investitionen, gemeinsame Industriepolitik und institutionelle Reform kann eine solche Rolle integrativ wirken. Der Green Deal, die Sicherheitsunion und die Reform des Stabilitätspakts sind zentrale Hebel für ein strategisch handlungsfähiges Europa – und Deutschland muss bereit sein, hier politische Initiative zu zeigen.
Strategische Autonomie ist seit Jahren Teil des europäischen Diskurses – ihre konkrete Umsetzung ist jedoch noch schwach ausgeprägt. Trotz hoher Verteidigungsausgaben fehlen der EU zentrale Strukturen: eine gemeinsame Eingreiftruppe, abgestimmte Rüstungsprojekte, vernetzte Nachrichtendienste und eine schlagkräftige Cyberabwehr. Projekte wie der digitale Euro oder die europäische Raumfahrtpolitik setzen wichtige Impulse, bleiben aber bislang isolierte Vorstöße.
Autonomie darf jedoch nicht rein institutionell gedacht werden. Eine zentrale Herausforderung liegt in der Abwehr hybrider Bedrohungen – vor allem aus Russland. Desinformation, Cyberangriffe und gezielte Sabotage gehören längst zum Arsenal dieser Einflussnahme. Kampagnen wie „Doppelgänger“, die mit gefälschten Medien Vertrauen und politische Stabilität untergraben sollen, verdeutlichen das Ausmaß. Deutsche Sicherheitsbehörden sprechen von einer dauerhaften Bedrohungslage.
Auch physische Angriffe auf Infrastrukturen – etwa auf Bahnlinien oder Energienetze – sind Teil einer Strategie, Europas Handlungsfähigkeit gezielt zu unterminieren. Der hybride Krieg ist Realität – und findet auf europäischem Boden statt. Strategische Autonomie heißt daher auch: Aufbau einer Sicherheitskultur, die digitale wie physische Angriffe ernst nimmt, demokratische Resilienz stärkt und Desinformation als sicherheitspolitische Herausforderung anerkennt.
Die gegenwärtigen geopolitischen und gesellschaftlichen Umbrüche spiegeln ein tiefer liegendes zivilisatorisches Muster wider. In seinem Buch 2024 erschienenen Buch „Verlust“ beschreibt der Soziologe Andreas Reckwitz die Ambivalenz der Moderne: Fortschritt, Innovation und Beschleunigung gehen mit dem Verlust von Stabilität, Tradition und kultureller Verankerung einher. Je dynamischer Gesellschaften werden, desto mehr geraten Routinen und Sicherheiten ins Wanken – Fortschritt bringt auch Entfremdung.
Diese Dynamik trifft heute besonders auf die geopolitische Ordnung zu. Jahrzehntelang garantierten Allianzen und internationale Normen ein Gefühl der Sicherheit – doch diese Ordnungen verlieren an Bindungskraft. Der Westen als Bezugsrahmen wirkt brüchig, der Verlust betrifft nicht nur Institutionen, sondern auch kollektive Orientierung.
Reckwitz fordert eine „Reparatur der Moderne“ – keinen Rückzug in die Nostalgie, sondern die bewusste Entwicklung von Strategien, um Unsicherheit zu bewältigen. Resilienz wird so zur Schlüsselkompetenz moderner Ordnungspolitik: nicht als Vermeidung von Krisen, sondern als Fähigkeit, mit ihnen produktiv umzugehen. Für Europa heißt das: Es geht nicht um die Rückkehr zu Blocklogiken, sondern um den Aufbau einer kooperationsfähigen, multipolaren Ordnung. Resilienz betrifft nicht nur Sicherheit und Wirtschaft, sondern auch Bildung, Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine demokratische Ordnung muss Fragmentierung aushalten können – ohne ihre Integrationskraft zu verlieren. Verlust wird so zum Ausgangspunkt eines neuen, anpassungsfähigen Selbstverständnisses.
Vor dem Hintergrund all dieser Umbrüche und „Verluste“ stehen Europa strategische und normative Zukunftsfragen ins Haus – weit über institutionelle Reformen hinaus. Gefragt ist politische Intelligenz im Umgang mit Unsicherheit, Machtverschiebungen und ökologischen Grenzen. Drei Leitfragen stechen dabei hervor:
Weitere Themen drängen: Wie schützen wir demokratische Prozesse im Zeitalter Künstlicher Intelligenz? Wie behaupten wir ökologische Transformation unter geopolitischem Druck? Und wie ersetzen wir das Wachstumsdogma durch nachhaltige Wohlstandsmodelle? Diese Fragen verlangen nach einem konflikttoleranten, interdisziplinären Politikstil. Und nach einer öffentlichen Kultur, die politische Differenz nicht als Gefahr, sondern als demokratische Ressource versteht.
Fest steht: Europas Zukunft entscheidet sich nicht allein in Verträgen – sondern im Mut, die großen Fragen unserer Zeit neu zu stellen.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Die Metastudie zur Omnikrise analysiert die verschiedenen Krisen unserer Zeit – und schaut „Beyond Crisis“: auf das, was nach den Krisen kommt. Denn der Epochenwandel braucht konstruktive Bilder von der Zukunft, um zu gelingen.
Die Progressive Provinz ist ein Gegenentwurf zu hyper-urbanen Zukunftsbildern und zeigt uns, dass auch auf dem Land die Transformation zu zukunftsfähigen Lebensräumen gestaltet wird.
7. Februar 2025
Das Narrativ der Hyper-Urbanisierung zeichnet ein eindeutiges Bild. Die Zukunft wird darin scheinbar in unersättlich wachsenden Städten bestimmt, während sich ländliche Regionen in eine ewige Rückständigkeit verabschieden: Schulen und Krankenhäuser werden geschlossen, Menschen und Unternehmen wandern ab, der öffentliche Nahverkehr löst sich immer weiter auf und auch die ärztliche Versorgung wird eingestellt.
Auch wenn heute viele Regionen mit solchen Herausforderungen konfrontiert sind, ist diese Erzählung einer hyper-urbanen Zukunft zu eindimensional. Tatsächlich zeigt uns der Gegentrend zur Urbanisierung, dass auch abseits von Großstädten lebenswerte Zukünfte gestaltet werden. In der Progressiven Provinz erleben Dörfer und ländliche Regionen einen Aufschwung zu neuen Zukunftsräumen.
In der Progressiven Provinz entstehen technologische und soziale Innovationen, die weit über die Region hinaus und sogar bis in urbane Zentren hineinwirken. Sie wird geprägt von visionären Mindsets, die sich nicht länger an Gemeindegrößen orientieren und stattdessen auf eine hohe Wandlungsfähigkeit setzen. Ausgehend von verschiedenen Projekten und Innovationen manifestiert sich so ein neues Selbstbewusstsein in ländlichen Räumen. Diese Revitalisierung des Lokalen spiegelt ein wachsendes Zusammenspiel von globalen und lokalen Faktoren wider, das den Kern der Transformation zur Glokalisierung ausmacht.
Ein großer Vorteil kleinerer Gemeinden ist ihr Wandlungspotenzial. Statt in Passivität zu verharren, entdecken viele Regionen, dass sie Veränderungen zügiger und flexibler umsetzen können als manche Großstädte. Zudem ist die Wirksamkeit gelungener Zukunftsgestaltung in diesen Orten schneller spürbar und bestenfalls direkt mit den Menschen vor Ort verbunden. Im Kern geht es um ein neues regionales Selbstbewusstsein, das Tradition und Hypermoderne miteinander verbindet – und Orte schafft, in denen Menschen wieder Begegnungswesen sein können.
Neben technologischen Innovationen – die beispielsweise die Arbeit von zu Hause ermöglichen und das Pendeln in die nächste Großstadt verringern – und einer Sehnsucht nach Grün- und Erholungsräumen, wird die rurale Renaissance vor allem durch lebendige Beziehungen zwischen Menschen angetrieben. Ob in Sportvereinen, Kochgruppen, Gartengemeinschaften oder Unternehmer-Clubs: Die kollaborative Empathie wird zu einem entscheidenden Standortvorteil der Progressiven Provinz.
In Deutschland und Europa gibt es bereits eine Vielzahl von Provinzen, die sich selbst neu erfunden und in aufstrebende Regionen gewandelt haben. Häufig kommen dabei starke Impulse aus der Bevölkerung vor Ort, unterstützt durch Partner aus Wirtschaft und Verwaltung. Kreative Konzepte und viel Know-How verwandeln Leerstand und Brachflächen in Lebensmittelläden für lokale Produkte, Kulturorte für generationenübergreifenden Austausch oder auch Mobilitätsangebote, die sich nach den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vor Ort ausrichten.
Das Netzwerk Zukunftsorte vereint engagierte Menschen und Gruppen vor Ort und richtet sich an Kommunen und Eigentümer:innen, um in ländlichen und strukturschwachen Regionen die Transformation zu Zukunftsorten anzustoßen. Neulandia arbeitet an vielfältigen Gestaltungsräumen auf dem Land und vereint dabei technischen Fortschritt mit sozialen Innovationen – ganz im Sinne der Human Digitality. Die Initiative Happy Locals richtet sich an junge Menschen in ländlichen Regionen und unterstützt diese dabei, kreative Projekte vor Ort zu realisieren und eigene Räume zu gestalten – mit dem Ziel, die Attraktivität des ländlichen Raums zu stärken und junge Menschen dort zu halten. Diese und viele andere Initiativen, Netzwerke und Projekte machen deutlich, welches Zukunftspotenzial vom Land ausgeht.
Ein Auszug aus dem focus:book „Raum – Räume transformieren, Zukunft gestalten“
von Nina Pfuderer und Jonas Höhn
29. Mai 2024
Wie können wir Räume transformieren und Zukunft gestalten? Transformationspfade sind oft unterschiedlich und abhängig von lokalen Gegebenheiten und Bedingungen. Doch es gibt einige Gemeinsamkeiten, die wir in fünf Transformationsprinzipien zusammengefasst haben. Diese Prinzipien sind die Voraussetzung für eine gelingende Transformation im Raum und lassen sich auf verschiedene Businessmodelle, Problemstellungen und Branchen übertragen.
Oft hängen Anforderungen, Bedürfnisse und Lösungsansätze einzelner Branchen miteinander zusammen und können sich gegenseitig befruchten. Deshalb wird eine branchenübergreifende Betrachtung von Transformationsdynamiken immer wichtiger. Konkrete Handlungspotenziale sind zwar innerhalb einzelner Branchen realisierbar – ihre volle Transformationskraft entfalten sie aber erst im Zusammenspiel verschiedener Akteur:innen aus unterschiedlichen Sektoren.
Diese fünf Transformationsprinzipien dienen zur Inspiration und können die Gestaltung von zukunftsfähigen Räumen vor Ort unterstützen:
Transformationsräume lassen sich am besten gemeinschaftlich gestalten. Ob Räume mit einer gemeinwohlorientierten, kollaborativen Planung entwickelt werden oder über kollektive, selbstverwaltete Bottom-up-Ansätze: Gemeinschaftliche und inklusive Gestaltungskonzepte können neue Nutzungspotenziale schaffen, wenn die Menschen vor Ort Beziehungen in ihrem räumlichen Umfeld aufbauen. Dabei ist es besonders wichtig, dass die sozialen und emotionalen Bedürfnisse der Menschen im Raum berücksichtigt und Angebote geschaffen werden, am Transformationsprozess zu partizipieren.
In einer sich stetig wandelnden Welt ist Adaptivität als räumliches Transformationsprinzip fundamental. Von Nachverdichtungen über clevere Anpassungen an den Klimawandel bis hin zur effektiven Umnutzung nicht mehr benötigter Räume ergeben sich zahlreiche Chancen für Neuausrichtung und Veränderung.
Nachhaltigkeit ist nicht nur in ihrer ökologischen Dimension bedeutsam, sondern auch in Bezug auf die Langlebigkeit und Haltbarkeit von Raumtransformationen. Beides spielt vor allem im Bauwesen und in der Mobilitätsbranche eine wichtige Rolle: Weder der Wandel zu nachhaltigeren Bauweisen noch die Mobilitätswende können gelingen, wenn sie nicht langfristig geplant sind.
Räumliche Transformation kann nur bewältigt werden, wenn Menschen spüren, dass sie mit ihrem Handeln etwas erreichen können. Dies zeigt sich in selbstregulierten Umgestaltungen dysfunktionaler Räume genauso wie in experimentellen Formen der Raumgestaltung oder in Reallaboren. Nur wenn sich Individuen, Gruppen oder Organisationen verantwortlich für „ihren“ Raum fühlen und eine Verbindung zu ihrem räumlichen Umfeld aufbauen, kann Selbstwirksamkeit entstehen.
Transformationsräume sind geprägt durch dynamische Prozesse der Ver- und Entnetzung. Ein reflektierter Umgang mit den komplexen Interdependenzen im Raum eröffnet kreative Gestaltungspotenziale – von flexibleren Mobilitätsformen und resilienten Lieferketten bis hin zur Erweiterung des Raums ins Virtuelle. Zudem ermöglicht die Vernetzung unterschiedlicher Akteur:innen eine transdisziplinäre Zusammenarbeit, die eine ganzheitlichere Betrachtung von Transformationsprozessen erzeugt.
Die wichtigsten Treiber räumlicher Transformationen sind die Menschen vor Ort – denn Lebensräume sind immer geprägt durch alltägliche Handlungen und die permanente Aushandlung verschiedener Interessen und Bedürfnisse.
Weltweit gibt es bereits viele Akteur:innen, individuell wie kollektiv, die diese Prinzipien in ihre Arbeit integriert haben, um Räume zu transformieren. Von Bottom-up-Bewegungen mit sozial-solidarischem Charakter, künstlerischen Initiativen und Co-Working Spaces über gemeinschaftliche Formen der Verwaltung und der Gestaltung von Wohnraum bis hin zu Rewilding-Projekten, dezentralisierten Formen der Daseinsvorsorge und Reallaboren zum Ausprobieren transformativer Konzepte: Der Transforming Space wird bereits von zahlreichen Akteur:innen eingenommen.
„Urbane Transformation ist zu einem kooperativen Gestaltungsprozess geworden“ (vgl. Schneidewind 2023). Nun geht es darum, die verschiedenen Perspektiven und Kräfte zu vereinen, um gemeinsam Räume zu transformieren und Zukunft zu gestalten.

Ein Auszug aus dem focus:book „Raum – Räume transformieren, Zukunft gestalten“
von Nina Pfuderer und Jonas Höhn
29. Mai 2024
Wie gelingt es uns angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationsdynamiken, unsere alltäglichen Lebensräume zukunftsfähig zu gestalten? Lassen wir den Veränderungen ihren Lauf, oder entscheiden wir uns dazu, bewusst und aktiv den Wandel mitzugestalten? Wie wollen wir in Zukunft leben – und welche Räume brauchen wir dafür?
Im Raum manifestieren sich nicht nur Strukturen der Vergangenheit und Gewohnheiten der Gegenwart, sondern auch unsere Wünsche und Träume – und immenses Zukunftspotenzial. Die aktive und gestalterische Beschäftigung mit Raum kann kreative Energien freisetzen und bisher geltende Weltanschauungen dekonstruieren. Raum ist ein Gestaltungselement für eine lebenswerte Zukunft.
Legen wir den Fokus auf diese Transformationspotenziale, sehen wir Raum nicht mehr nur als etwas Gegebenes, sondern als eine Projektionsfläche, die genutzt werden kann, um aktiv eine lebenswerte Zukunft zu gestalten. Solche Fokusverlagerungen – weg vom Vergangenen und Gegenwärtigen hin zu konstruktiven Zukunftsvorstellungen – haben direkte Effekte: In der Architektur erhalten Nachhaltigkeit, Resilienz und gesellschaftlicher Wandel einen viel größeren Stellenwert als die kurzfristige Effizienzmaximierung. In der Stadtplanung und Raumentwicklung können Räume so gestaltet werden, dass sie den Bedürfnissen künftiger Gesellschaften entsprechen, statt in der Vergangenheit verhaftet zu sein. Und es wird deutlich, dass die begrenzte Ressource Raum eigentlich reichlich vorhanden ist – sofern man sie effektiv gestaltet. So entstehen Transformationsräume.
Die im focus:book „Raum“ versammelten Beiträge von Expert:innen aus unterschiedlichsten Bereichen verbindet ein gemeinsamer Kern: Sie alle legen ihren Fokus auf die Transformation hin zu lebenswerten und wünschenswerten Räumen der Zukunft. Aus den verschiedenen Schwerpunkten und einzigartigen Raumbeispielen lassen sich zugleich übergreifende und essenzielle Merkmale von Transformations- und Zukunftsräumen herauslesen.
… inklusiv, weil sie die Alltagsbedürfnisse möglichst aller Menschen erfüllen.
… gemeinschaftlich, weil sie individuelle Akteur:innen verbinden und sozialen Zusammenhalt fördern.
… gesundheitsfördernd, weil sie Wohlergehen als Fundament in der Gesellschaft verankern.
… multifunktional und mehrdimensional, weil sie verschiedene Bedürfnisse gleichzeitig erfüllen können.
… adaptiv, weil sie sich an gegenwärtige und künftige Herausforderungen anpassen.
… humandigital, weil sie die transformative Kraft des virtuellen Raums in tatsächliche Lebensrealitäten integrieren.
… partizipativ, weil sie Platz für aktive Teilhabe an Gestaltungsprozessen schaffen.
… nahtlos integriert, weil sie Bewegungsräume schaffen, die eine intuitive und inklusive Mobilität ermöglichen.
… glokal, weil sie das Globale und das Lokale sinnvoll verbinden und regionale Besonderheiten hervorheben.
… mutig und experimentierfreudig, weil sie Platz für die Umsetzung verrückter und visionärer Ideen bieten.
… erst wirklich zukunftsfähig, wenn sie die Menschen und ihre grundlegenden Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen!

Ein Auszug aus dem focus:book „Raum – Räume transformieren, Zukunft gestalten“
von Nina Pfuderer und Jonas Höhn
29. Mai 2024
Raum wird heute oft durch Mangel charakterisiert. Mangel an Wohnraum, Grünraum und Erholungsraum. Fehlender Raum für Industrie, Landwirtschaft oder für (Energie-)Produktion. Raum ist rar und dadurch kostbar. Er muss geschützt – und vor allem neu verhandelt werden.
In unserem Alltag sind wir häufig von monofunktionalen Räumen umgeben. Diese verfolgen einen einzigen Zweck und erzeugen Flächenkonkurrenz: Wohnen und Arbeiten, Landwirtschaft und Energieerzeugung, Parkflächen und Fahrradwege. Der daraus resultierende Wettbewerbs- und Konkurrenzdruck zwischen verschiedenen Bedürfnissen und Funktionen im Raum manifestiert sich in drängenden Herausforderungen unserer Zeit. In leer stehenden Bürogebäuden, die dem gravierenden Wohnungsmangel gegenüberstehen, unbelebten Einkaufsstraßen, überholten Mobilitätsinfrastrukturen, fehlenden Begegnungs- und Erholungsräumen oder überfüllten Straßen und Parkplätzen.
Obwohl sich viele dieser Probleme wechselseitig beeinflussen und sich an ganz unterschiedlichen Orten beobachten lassen, werden sie nur selten ganzheitlich analysiert und bearbeitet. Übergestülpte Raumkonzepte, die weder die Zusammenhänge der Probleme noch ihre glokalen Ursachen und Ausprägungen ernsthaft in den Blick nehmen, liefern daher immer weniger Antworten auf die tatsächlichen Bedürfnisse von Menschen und deren Lebensrealitäten.
Im Raum zeigen sich jedoch nicht nur gesellschaftliche Herausforderungen der Gegenwart. In bestimmten Räumen lassen sich bereits räumliche Manifestationen lebenswerter Zukünfte beobachten, die die transformierten menschlichen Bedürfnisse wieder in den Vordergrund rücken. Diese Entwicklungen zeigen sich in Projekten zur gemeinwohlorientierten Raumplanung, in ganzheitlichen Mobilitätskonzepten, urbanen Gärten, nachhaltiger Architektur oder neuen Gesundheitsinfrastrukturen im Raum. Als Transforming Spaces nehmen diese Beispiele eine wichtige Doppelrolle ein: Sie bilden nicht nur Transformationsdynamiken räumlich ab (Räume der Transformation), sondern treiben den gesellschaftlichen Wandel selbst aktiv voran (transformative Räume).
In unserem focus:book „Raum – Räume transformieren, Zukunft gestalten“ untersuchen Expert:innen aus verschiedensten Branchen das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Transformationsprozessen und unseren Lebensräumen. Dabei blicken sie auf jene Eigenschaften, die solche „Transforming Spaces“ ausmachen. Das Buch stellt vier Raumkonzepte vor, die jeweils diese spezifischen Eigenschaften verkörpern.
beschreiben neue Verständnisse von Lebensqualität, Wachstum und Mensch-Umwelt-Beziehungen, die sich in kreativen Formen der Ver- und Entnetzung von Räumen ausdrücken. In zirkulären, dezentralen und regenerativen Systemen, die eine hohe Anpassungsfähigkeit und Resilienz auszeichnen, zeigen sich schon heute produktive, effektive und sinnvolle Gestaltungsmöglichkeiten dieser adaptiven Räume.
nehmen menschliche Beziehungen in den Blick und zielen auf ein besseres soziales Miteinander ab. In diesen Räumen sollen Mobilitäts-, Wohn- und Erholungsbedürfnisse möglichst aller Menschen im Raum erfüllt werden. Formen der gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung, Grünraumkonzepte und inklusive Gesundheitsinfrastrukturen sind dabei ebenso wichtig wie die Akteur:innen und Bewohner:innen selbst.
erweitern eingeschränkte Perspektiven auf Raum, indem sie diesen mehrdimensional und multifunktional verstehen. Statt sich in blockierenden Nutzungskonflikten zu verlieren, betont diese Perspektive auf Raum die vielfachen Misch- und Vielfachnutzungen, die sich in den räumlichen Dimensionen und auch im virtuellen Raum eröffnen.
sind jene Räume, die durch den tiefgreifenden Wandel von Gesellschafts- und Wirtschaftsmodellen ihre zugedachten Funktionen verlieren. Statt diese Räume der Verwahrlosung zu überlassen, sucht dieses Raumkonzept nach neuen Anforderungen und Ideen, um obsolete Orte wieder in lebendige Räume zu transformieren.
Die Eigenschaften dieser vier Raumkonzepte können sich überlagern, gegenseitig ergänzen oder sogar konstruktiv verstärken. Gemeinsam zeigen die vielen Beispiele und Perspektiven, welche konstruktiven Transformationspfade schon heute in der Stadt wie auch auf dem Land exploriert werden. Branchenübergreifend und aus einer ganzheitlichen Perspektive zeigen sie die zahlreichen Gestaltungsmöglichkeiten von Zukunftsräumen auf.
Nutzen wir diese Denkanstöße und werfen einen fokussierten Blick auf die vielfältigen Transformationsräume und die Zukunft unserer Lebensräume!

Ein Gastbeitrag von Anja Kirig
04. März 2024
Anfang März versammeln sich erneut die führenden Köpfe der Tourismusbranche in Berlin auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB), um gemeinsam die Zukunft des Reisens zu gestalten. Der diesjährige Leitsatz „Define the world of travel. Together.“ („Gemeinsam die Welt des Reisens definieren.“) ist nicht der einzige Aufruf zur Mitgestaltung. Der ITB Kongress fordert unter dem Motto „Pioneer the transition in Travel & Tourism. Together“ („Gemeinsam den Wandel im Reise- und Tourismussektor vorantreiben.“) die Teilnehmenden dazu auf, Vorreiter für den Wandel der Reisemärkte zu werden.
Doch was bedeutet es tatsächlich, Veränderungen mitzugestalten? Welche Transformationen müssen erkannt und vorangetrieben werden? Für die Reiseindustrie ist ein systemischer Wandel in jedem Fall entscheidend für ihr Überleben und ihre Weiterentwicklung.
Die sechs Transformationen des Future:System können hier Unterstützung bieten. Sie skizzieren essenzielle gesellschaftliche Entwicklungen, die für eine lebenswerte Zukunft maßgeblich sind und zeigen damit jene Handlungsräume auf, in denen eine gemeinschaftliche Neugestaltung der Tourismusbranche dringend erforderlich ist.
Die Integration digitaler Technologien kann die Effizienz und den Zugang im Tourismus verbessern. Ein kritischer Blick ist jedoch erforderlich, um sicherzustellen, dass digitale Lösungen die lokale Kultur und Gemeinschaft unterstützen, statt sie zu untergraben. Die Herausforderung besteht darin, Technologien zukünftig so einzusetzen, dass sie einen echten Mehrwert für alle Stakeholder bieten und nicht nur eine weitere Form der Kommerzialisierung oder Verkomplizierung von Abläufen darstellen.
Smart Tourism Destinations bieten hierbei das Potenzial, durch den Einsatz von Technologie wie Big Data, KI und IoT, die Erfahrungen der Reisenden durch personalisierte Angebote und Dienstleistungen zu verbessern und gleichzeitig die nachhaltige Entwicklung der Destinationen zu fördern, indem sie Ressourcen schonen, die lokale Wirtschaft stärken und ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Touristen und der lokalen Bevölkerung herstellen.
Die Herausforderung für die Tourismusbranche, sich von traditionellen Marktmechanismen zu lösen und Wege zu finden, wie wirtschaftlicher Erfolg mit sozialem und ökologischem Nutzen vereint werden kann, steht im Einklang mit dem Gedanken der Sinnökonomie. Diese Verschiebung fordert eine Abkehr von kurzfristigen Gewinnabsichten zugunsten von Investitionen in einen positiven Langzeiteffekt (Legacy). Dafür ist eine tiefgreifende Transformation bestehender Geschäftsmodelle erforderlich, die neue Bewertungskriterien für Erfolg einbezieht und eine breitere Perspektive auf den Wert und die Bedeutung von Arbeit fördert.
Die Conscious Economy ist eng verbunden mit dem aktuell überall spürbaren, tiefen Strukturwandel von Arbeit. Der Wunsch nach sinnstiftender Arbeit und zielorientiertem Handeln rückt dabei immer stärker in den Vordergrund. In einer Sinnökonomie wird Arbeit als wertvolle Lebenszeit verstanden und eine menschenzentrierte Arbeitskultur angestrebt. Diese Neuausrichtung ist besonders relevant für die Tourismusbranche, die nicht nur mit saisonalen Arbeitsstrukturen und einem ausgeprägten Fachkräftemangel konfrontiert ist, sondern auch mit dem Niedriglohnsektor.
Bedingt durch die Auswirkungen der Individualisierung, die eine verstärkte Suche nach neuen Formen der Verbindung und Gemeinschaft auslösen, erweist sich der Tourismus als eine ideale Plattform, um diesen Bedürfnissen zu begegnen. Die wachsende Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Austausch in einer vielfältigen Welt positioniert den Tourismus als ein Instrument, das Menschen zusammenführt und die Basis für eine inklusive Gesellschaft legt. Diese Gesellschaft, die Inklusion und Vielfalt als Kernwerte versteht, ist der Nährboden einer Wir-Kultur, in der beides existieren darf: Individuum und Gemeinschaft. Der Resonanztourismus dockt hier an, indem er Erfahrungen beschreibt, die über das aktuelle Tourismus-Verständnis hinausgehen. Er fördert eine individuelle Legacy, indem er Beziehungen ermöglicht und Erfahrungen generiert, die Menschen nachhaltig und langfristig verändern.
In diesem Zusammenhang dient der Tourismus nicht allein der Erholung oder dem Erleben, sondern avanciert zum Mittel für soziale Innovation und Wandel. Indem er Räume schafft, in denen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft zusammenkommen und sich austauschen können, leistet er einen wesentlichen Beitrag zur sozialen Kohäsion und fördert die Verständigung zwischen verschiedenen Kulturen. Die durch den Tourismus entstehenden neuen Verbindungen und Gemeinschaftsformen ermöglichen es, Vorurteile abzubauen und ein tieferes Verständnis für die Vielfalt menschlicher Lebensweisen zu entwickeln.
Die Einsicht, dass „Normalität“ eine Illusion ist und gesellschaftliche Normen kulturell geprägt sowie veränderlich sind, zwingt den Tourismussektor zur Neuorientierung. Der Megatrend der Individualisierung und die Anerkennung diverser Lebensstile lenken den Blick weg von standardisierten Urlaubsangeboten – hin zu Reisen, die sich an den individuellen Bedürfnissen und Identitäten der Reisenden orientieren.
Die Würdigung unterschiedlicher Lebensentwürfe und Identitäten verlangt auch nach einer Überarbeitung herkömmlicher Marketingstrategien. Die Tourismusbranche muss glaubhafte Ansätze finden, die individuelle Werte berücksichtigen. Empowerment und Diversität zu fördern ist zentral, um stereotype Denkmuster aufzubrechen. Dies erfordert bestehende Machtverhältnisse zu hinterfragen und einen Raum für vielfältige Stimmen und Sichtweisen zu eröffnen. Herausforderungen liegen in veralteten Denkweisen. Es benötigt mehr Offenheit für Neues.
Die Glokalisierung verbindet das Beste aus zwei Welten: eine globale Denkweise mit lokaler Wertschätzung. Sie setzt auf und fördert Kosmopolitismus, gegenseitigen Respekt – und dient als Gegenmittel gegen nationalkonservative Einstellungen und isoliertes Denken. Die Glokalisierung spiegelt das Ideal eines kulturellen und wertebasierten Austauschs wider, wie er oft im Tourismus angestrebt wird.
Die Förderung glokaler Vielfalt im Tourismus erfordert eine ausgewogene Anerkennung lokaler Besonderheiten und die Anpassung an globale Trends. Dies kann zu Spannungen führen, besonders wenn der Schutz lokaler Identitäten mit dem Bestreben, international ansprechend zu sein, in Konflikt gerät. Eine wesentliche Herausforderung ist es, Authentizität zu bewahren, ohne in Kulturalismus oder Folklorismus zu verfallen.
Vor diesem Hintergrund muss die Angemessenheit und Effektivität traditioneller Marketingstrategien im Tourismus hinterfragt werden. Werbemaßnahmen, die auf Stereotypen basieren und verzerrte Bilder von Reisezielen vermitteln, müssen kritisch betrachtet werden. Gefordert sind innovative Kommunikationsansätze, die eine direkte und persönliche Ansprache des Publikums ermöglichen.
Die Eco Transition stellt die vielleicht größte Herausforderung dar, da sie ein Umdenken in Bezug auf die Art und Weise erfordert, wie Tourismus betrieben wird. Die Fokussierung auf Ersatz statt Verzicht verlangt nach innovativen Lösungen, die es ermöglichen, die Welt zu erleben, ohne sie zu zerstören. Die Grenzen des Wachstums werden hier besonders deutlich, da jede Form des Tourismus unweigerlich einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt. Die Transformation lädt ein, sie so mitzugestalten, dass Tourismus keinen kritischen Fußabdruck hinterlässt, sondern idealerweise einen positiven Beitrag leistet. Dies erfordert ein systemisches Denken, die Einbeziehung aller lokalen Akteure und die Entwicklung langfristig wirksamer Lösungen, um eine lebenswerte Zukunft für alle zu sichern.
Im Kontext des Klimawandels ist die Anpassung an neue klimatische Bedingungen unumgänglich. Viele beliebte Urlaubsziele leiden bereits unter extremen Wetterbedingungen wie Hitze, Dürre, Wasserknappheit, Überschwemmungen oder Schneemangel. Die Anpassung an das Klima wird daher zu einer globalen Notwendigkeit. Dies erfordert den Verzicht auf umweltschädliche touristische Praktiken und deren Ersetzung durch intelligentes Management, wobei alle Beteiligten eine entscheidende Rolle spielen und Verantwortung übernehmen müssen.
Um tatsächlich eine „World of Travel“ neu zu definieren, bedarf es dringend des auf der ITB proklamierten gemeinschaftlichen Ansatzes. Dieser muss alle Stakeholder einschließen: von lokalen Gemeinschaften über Unternehmen bis hin zu Reisenden. Dieser Ansatz muss auf Transparenz, Dialog und dem Willen zur Veränderung basieren. Nur so kann die Tourismusbranche ihre Wachstumsgrenzen erkennen, überwinden und einen Weg einschlagen, der sowohl für die Menschen als auch für den Planeten nachhaltig ist – und so tatsächlich auf allen Beziehungsebenen einen Zukunftswert generiert.
Wie prägen Trends wie Transformative Travel, Cross-cultural Learning oder Localism die Transformation des Tourismus? Das Future:System, die transformative Trendsystematik des Future:Project, beleuchtet diese und viele weitere Wandlungsprozesse unserer Zeit – und identifiziert dabei konkrete Gestaltungspotenziale für eine lebenswerte Zukunft.

Die Sozialwissenschaftlerin Anja Kirig beobachtet kontinuierlich gesellschaftliche Veränderungsprozesse, insbesondere in den Bereichen Sport und Tourismus sowie Gesundheit, Nachhaltigkeit und Post-Individualisierung.
In ihren Vorträgen bereitet sie die Inhalte eloquent und anschaulich auf, eröffnet Möglichkeitsräume und bietet Orientierung.
Die multiplen Krisen des frühen 21. Jahrhunderts haben das Vertrauen in die just-in-time Logik weltweiter Lieferketten geschwächt und das Ende der Hyperglobalisierung eingeleitet. Produktionsnetzwerke richten sich künftig nach neuen Zielparametern aus und überkommen das Effizienz-Paradigma vergangener Tage. Die Lieferketten der Zukunft werden glokal verhandelt und gestaltet.
10. Oktober 2023
Lieferketten sind die Lebensadern globalisierter Gesellschaften. Sie verknüpfen transnationale Industrien und überziehen den Planeten zu Luft, Wasser und Land. Verkörpert durch riesige Containerschiffe oder niemals ruhende Häfen sind Lieferketten zu einem zentralen Symbol der Globalisierung aufgestiegen. Bilder von beladenen Kränen an vollbesetzten Terminals begleiten Berichte über wirtschaftliches Wachstum oder ökonomische Prognosen.

Immer häufiger jedoch zeigen die Auswirkungen verschiedener Krisen des 21. Jahrhunderts eine andere Seite dieser Systeme auf. Nicht zuletzt die Coronapandemie, die unfreiwillige Blockade des Suezkanals oder der Krieg in der Ukraine produzierten Bilder von leeren Supermarktregalen, stillstehenden Produktionshallen oder zahllosen Schiffen wartend vor den wichtigsten Häfen der Welt.
Diese Disruptionen haben das öffentliche Vertrauen in die uneingeschränkte Funktionsfähigkeit traditioneller Wertschöpfungsketten stark beeinträchtigt und uns für die Störanfälligkeit dieser multiskalaren und hochkomplexen Systeme sensibilisiert. Der plötzliche Mangel an wichtigen Rohstoffen und Waren hat Abhängigkeiten aufgezeigt und sichtbar gemacht, dass Lieferketten eine essenzielle Funktion haben, die über die reine Wertschöpfungslogik hinausgeht: die Versorgung der Gesellschaft und Industrie mit notwendigen Gütern.
| 2007/08 | 2010 | 2014/15 | 2019 | 2021 | 2022 |
| Globale Finanzkrise | Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island | Streiks der Hafenarbeiter:innen in den USA | Coronapandemie | Suezkanal-Blockade | Ukraine-Krieg |
| Der Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes führt zu einer weltweiten Rezession. Viele Unternehmen müssen ihre Produktion reduzieren, gleichzeitig sorgt die fallende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zu Überkapazitäten und finanziellen Engpässen. | Der Ausbruch des isländischen Vulkans führt zur Schließung des europäischen Luftraums. Der behinderte Luftverkehr beeinträchtigt den internationalen Warentransport, insbesondere für hochwertige und verderbliche Güter. | Ein langwieriger Arbeitskampf an den Häfen der Westküste der USA führt zu massiven Verzögerungen und Staus. Die Blockade der Häfen beeinträchtigt den Warenfluss weltweit. | Die globalen Auswirkungen der Coronapandemie treffen Lieferketten hart. Ein durch Lockdowns und Kontaktbeschränkungen verändertes Konsumverhalten trifft auf Produktionsstörungen, Transportverzögerungen und ein Mangel an Rohstoffen, Gütern und Arbeitskräften. | Das Containerschiff „Ever Given“ läuft im Suezkanal auf Grund und blockiert die wichtige Wasserstraße fast eine Woche lang. Durch den Stau von hunderten Schiffen verzögern sich Warenlieferungen zwischen Europa und Asien enorm. | Die Invasion Russlands in die Ukraine sorgt für ausbleibende Rohstofflieferungen aus der Region. Wichtige Handelsrouten werden unterbrochen oder zerstört. Neben Sanktionen und Handelsbeschränkungen wirken sich vor allem steigende Energiepreise negativ auf Lieferketten aus. |
Lieferengpässe in der Containerlogistik, die als treibende Kraft der Weltwirtschaft fungiert, sowie steigende Preise deuten immer häufiger darauf hin, dass die Just-in-time-Logik globaler Versorgungssysteme an ihre Grenzen stößt. Das traditionelle System globaler Lieferketten ist programmiert auf Effizienz und Beschleunigung. Viele Jahrzehnte lang bestand eine zentrale Strategie transnationaler Unternehmen zur kurzfristigen Gewinnmaximierung im Offshoring und Outsourcing: in der Auslagerung kostenintensiver Produktionsschritte in Länder mit niedrigeren Lohnniveaus sowie Sozial- und Umweltstandards.
Der Imperativ der Effizienz und die globale Vernetzung der Lieferketten erzeugen jedoch eine besondere Vulnerabilität der Systeme. Aufgrund der engen Verflechtung traditioneller Wertschöpfungsketten können bereits lokale Disruptionen weltweite Lieferengpässe auslösen und andere Versorgungskrisen zusätzlich verschärfen. Der daraus resultierende Druck auf die logistischen Versorgungssysteme der Weltwirtschaft drückt sich wiederum in lokalen Herausforderungen aus – etwa in steigenden Lebensmittelpreisen im Supermarkt oder fehlenden Gütern in wichtigen Produktionsschritten vor Ort.
Gleichzeitig führen globale Güterketten zu massiven Umweltveränderungen. Der Verbrauch von Wasser und Land ist ebenso problematisch wie die massiven Emissionen von Treibhausgasen oder der Ausstoß von toxischen Stoffen (zum Beispiel Schwermetalle oder Nitrate). Der tatsächliche Einfluss logistischer Systeme auf den Klimawandel wird häufig vernachlässigt. Auf paradoxe Weise verdeutlichen aber sogenannte empty runs von Frachtern oder der ständige Transport von tausenden leeren Containern, dass der Schutz unserer Umwelt im Verständnis logistischer Effizienz noch keinen angemessenen Platz hat. Der Höhepunkt der Hyperglobalisierung ist erreicht.
Doch wie lässt sich die Zukunft der Lieferketten und Produktionsnetzwerke in Anbetracht dieser Herausforderungen neu ausrichten? Welche Maßnahmen können dabei helfen, eine langfristig krisenresiliente und nachhaltige Versorgungssicherheit zu gewährleisten?
Um den immensen Herausforderungen begegnen und neue Chancen ergreifen zu können, gilt es, Versorgungssysteme zu rekonfigurieren. Nach neuen Zielparametern auszurichten. Aus den blinden Flecken der bisherigen Hyperglobalisierung treten neue Grundsätze der Versorgungssicherheit hervor, die im Resilient Supply schon heute eine große Relevanz haben – und künftig noch sehr viel wichtiger werden. Maßstäbe wie Resilienz, Qualität, Sicherheit oder Nachhaltigkeit verdeutlichen ein wachsendes Bewusstsein für das Zusammenspiel globaler und lokaler Dynamiken. Dieses Zusammenspiel liegt der Transformation der Glocalisation zugrunde.
Der Begriff der Glokalisierung betont hier einen fundamentalen Perspektivwechsel. Während der globale Determinismus zu bröckeln beginnt, erfahren lokale Phänomene immer häufiger einen Bedeutungszuwachs. In dieser Phase ist es notwendig zu differenzieren, da Glokalisierung keineswegs eine vollständige Umkehr bisheriger Globalisierungsprozesse (De-Globalisierung) oder gar eine Rückkehr zu ausschließlich lokalen Strukturen bedeutet. Vielmehr beschreibt sie einen tiefgreifenden Evolutionssprung in der bisherigen Globalisierung.
Ein zunehmendes Bewusstsein für glokale Zusammenhänge in Lieferkettensystemen bedeutet nicht zwangsläufig, dass Menschen künftig ausschließlich lokal produzieren und konsumieren. Zum einen, weil Rohstoffe und Güter nach wie vor ungleich verteilt bleiben. Zum anderen sind heute in jenen Ländern, in denen über Jahrzehnte Industrien ausgelagert wurden, bedeutende Absatzmärkte entstanden, insbesondere in Asien.
Vielmehr entstehen an den Schnittstellen globaler und lokaler Einflüsse in Versorgungsnetzwerken Möglichkeitsräume für neue Lösungsansätze, die bessere Antworten auf die Herausforderungen multipler Krisen versprechen. Diese Möglichkeitsräume zu finden, gehört zu den wichtigsten Aufgaben, um Lieferketten zukunftssicher gestalten zu können.
Die zunehmende Verschiebung von globalen zu glokalen Prozessen erfordert zunächst die Identifizierung der sich eröffnenden Potenziale. Unternehmen müssen bestehende Risiken abschätzen und ihre gegenwärtigen Bezugsquellen sowie Lieferantenstrukturen kontinuierlich reflektieren und diversifizieren.
In Bereichen, in denen globale Verflechtungen besonders anfällig sind, können lokale Handelsbeziehungen künftig zu einem wichtigen Bestandteil des Versorgungsnetzwerkes werden. Solche regionalen Wirtschaftskreisläufe bieten oft neue Anreize und können in Zeiten globaler Engpässe mindestens als Backup-System dienen. Darüber hinaus eröffnet eine glokale Perspektive auf Rohstoffe vielfältige Optionen, wenn lokale Alternativrohstoffe den globalen Handel sinnvoll ergänzen und dadurch Abhängigkeiten reduzieren. Auch größere Materialreserven werden eine bedeutende Sicherheitsfunktion in den Produktionsnetzwerken von morgen einnehmen.
Neben einem erweiterten Verständnis von Sicherheit streben glokale Ansätze eine nachhaltige Entwicklung an, die sich stärker an den Prinzipien der Circular Economy ausrichtet. Um Emissionen und Abfälle zu reduzieren, müssen die Lebenszyklen von Produkten verlängert, Ressourcen effizient eingesetzt, wiederverwendet und Transportwege kürzer werden. Investitionen in digitale Lösungen zur Automatisierung und Robotisierung von Produktionsprozessen treiben diesen Wandel schon heute voran. Gleichzeitig bedeutet Nachhaltigkeit in diesem Kontext auch, dass Menschenrechte und internationales Recht in Produktions- und Lieferketten zukünftig besser geschützt werden müssen. Deutschland und die EU haben diesen Prozess bereits mit entsprechenden Lieferkettengesetzen in Gang gesetzt.
Gegenwärtige Vielfachkrisen weisen bereits darauf hin, dass die Transformation zur Glokalisierung als Weiterentwicklung traditioneller Globalisierungsprozesse schon heute von enormer Bedeutung ist. Im Angesicht zukünftiger Herausforderungen gilt es, die Produktion und den Transport von Waren nach neuen Maßstäben wie Resilienz, Nachhaltigkeit und Qualität auszurichten.
Für ein glokales Versorgungssystem und die Zukunft der Lieferketten sind folgende Ansätze ausschlaggebend: