Transformation ist das Thema unserer Zeit – und zugleich so voraussetzungsreich wie nie zuvor. Wie kann systemischer Wandel in der nächsten Gesellschaft gelingen? Ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Future:Transformation“.
27. Juni 2024
Im 21. Jahrhundert befindet sich die Weltgesellschaft im größten Umbruch seit der Industrialisierung. Der Übergang in die „nächste“, vernetzte Gesellschaft, sowie die große Transformation von der fossilen zur postfossilen Gesellschaft sind in Ausmaß und Intensität vergleichbar mit den beiden früheren fundamentalen Transformationsprozessen der Menschheitsgeschichte: der Neolithischen Revolution, die Ackerbau und Viehzucht weltweit verbreitete, und der Industriellen Revolution, die den Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft markierte.
Allerdings ist der Epochenwandel unserer Zeit auch ein historisches Novum. Resultierten die vorigen Umbrüche jeweils aus einem allmählichen evolutionären Wandel, angetrieben durch neue technologische und ökonomische Möglichkeiten, herrscht heute ein akuter Veränderungsdruck. Die Vielzahl globaler systemischer Krisenphänomene, allen voran die Klimakrise, führt in eine „Omnikrise“. Sie macht klar, dass wir die Aufgabe haben, einen fundamentalen Systemwandel zu gestalten. Deshalb ist Transformation das Thema unserer Zeit.
Zugleich sind die Startbedingungen für das Angehen dieser systemrelevanten Veränderungen heute komplexer als je zuvor. Denn die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts steht geradezu sinnbildlich für Unplanbarkeit: Die alten Vorstellungen von Eindeutigkeit und Steuerbarkeit, die noch bis ins späte 20. Jahrhundert galten, werden unter vernetzten Vorzeichen obsolet. Langfristig stabile oder verlässlich berechenbare Strukturen lösen sich auf. Die Netzwerkgesellschaft ist im Kern volatil und unsicher.

Die zentralen Zukunftsfragen lauten daher: Wie ist Transformation unter hochgradig komplexen und vernetzten Bedingungen überhaupt möglich? Und wie können wir (wieder) zu aktiven Gestalter:innen der Zukunft werden, anstatt Veränderung passiv zu erdulden oder uns reaktiv an den Wandel anzupassen?
Auch – oder sogar: gerade – unter digitalisierten Vorzeichen gilt: Transformation lebt im Kern von der Aktivierung menschlicher Vorstellungskraft. Das zentrale Tool für Transformation sind deshalb nicht Daten – denn sie können stets nur aussagen, was in Bezug auf bestimmte Parameter passieren wird. Dieses lineare Denken hilft nicht weiter, wenn es darum geht, neue Perspektiven zu eröffnen auf das, was Menschen bewirken können. Erst die Kraft der Imagination lässt Wandel zur Befreiung werden. Entscheidend für den Willen zur Veränderung, für die Lust auf Transformation, ist der Glaube an die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Und die praktische Erfahrung von Veränderung – nicht als passives Adaptieren, sondern als aktives Kreieren.
Transformation geschieht deshalb immer menschengeleitet, in Form einer erhöhten Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit. Und: nie zentral gesteuert und top-down, sondern „verstreut“. Um transformative Kräfte zu entfalten, braucht es deshalb vor allem wirksame Motive und Anregungen zum Verlassen des Status quo. Die Transformabilität (transform ability) eines Systems wird also nicht von effizient gestalteten Strukturen und Technologien bestimmt. Sondern: von richtungsweisenden Begründungen, mit denen Menschen Technologien und Institutionen kreieren, erzählen, verbreiten.
Insgesamt erfordert die Komplexität heutiger Krisen nicht weniger als einen Paradigmenwechsel in unserem Transformationsverständnis: weg von einem Denken in linearen Phasen, das im Kern noch immer der alten „Change“-Idee verhaftet ist, hin zu einem komplexeren, evolutionären Zugang, der Transformation als fortwährendes Erschaffen und Etablieren systemrelevanter Elemente und Zusammenhänge begreift.
Eine Theorie der Transformation kann nur dann zukunftsweisend sein, wenn sie Veränderung als nichtlinearen Verlauf versteht, in dem der Auf- und Ausbau des Neuen stets parallel zum Bewahren und Verabschieden des Alten entwickelt wird. Wandel ist also immer ein Lernprozess, der auch das Ver-lernen beinhaltet: das Verabschieden von Denk- und Handlungsweisen, die sich nicht (mehr) bewähren. In diesem Sinne ist transformatives Lernen immer Erfahrungslernen. Es folgt keinem vermeintlich perfekten Plan, sondern oszilliert permanent zwischen Noch-nicht-ganz-Verstehen, Etwas-besser-Verstehen und Weiter-Probieren.
Die Grundlage für dieses dynamisch-nichtlineare Verständnis von Veränderung ist ein Transformation Mindset, das Wandel als Konstante betrachtet – und immer auch als Chance. Diese Perspektive prägt auch das Transformationsmodell des Future:Project, das Wheel of Transformation.

Ein Gastbeitrag von Anja Kirig und Marcel Aberle
26. Juni 2024
Die EM 2024 soll ein „Heimspiel für Europa“ werden, ein großes Fußballfest, das gleichzeitig neue Maßstäbe bei der Nachhaltigkeit von Sportgroßveranstaltungen setzen soll. Kann das gelingen? Und welche Rolle spielen die großen Transformationen unserer Zeit für die Zukunftsfähigkeit von Sport(groß)veranstaltungen?
Konnektivität beeinflusst den Sport auf vielen Ebenen. Nicht nur Großsportveranstaltungen wie die EM 2024 nutzen immer mehr digitale Schnittstellen. Dabei geht es künftig nicht nur darum, innovative Tools einzusetzen, sondern eine digitale Kultur zu schaffen, die den Sport bereichert und zugänglicher macht. Die Transformation zur Human Digitality bedeutet interaktive Plattformen, virtuelle Fan-Erlebnisse und erweiterte Realität (AR), die das Erlebnis sowohl vor Ort als auch online intensiver gestalten können.
Nicht ganz EM, aber Fußball der Zukunft: Im April 2024 stellte Newcastle United ein spezielles Trikot für hörgeschädigte Fußballfans vor, das in der Lage ist, Geräusche des Stadions in Vibrationen umzuwandeln, wodurch die Atmosphäre spürbar wird. Das Trikot wurde in Zusammenarbeit mit dem Trikotsponsor Sela und dem Royal National Institute for Deaf People entwickelt. Das Trikot nutzt Sensoren, die während der Aktionen im Stadion vibrieren und die Geräusche des St. James’ Park in Echtzeit in ein Tastgefühl umwandeln. Diese Mechanismen transformieren die akustischen Reaktionen der Menschenmenge in spürbare Vibrationen und ermöglichen es den Fans, die Stadionatmosphäre über ihrer Haut zu spüren.
Ein weiterer wichtiger Trend ist die Transformation zur Conscious Economy. Hier stehen nachhaltige und soziale Werte im Mittelpunkt, nicht ausschließlich der Profit. Dies steht im Gegensatz zu den bisher sehr wirtschaftlich ausgerichteten Großsportveranstaltungen. Von Sponsoren über Merchandising bis hin zu Zulieferern und Organisationen ist es wichtig, Partner zu hinterfragen und zu prüfen. Mehr Engagement in sozialen Projekten, wie Jugend- und Breitensport oder die Integration benachteiligter Gruppen sollten im Fokus stehen. Solche Initiativen könnten langfristig die Wahrnehmung und Organisation von Sportevents hin zu mehr Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung verändern.
Sport handelt Fair ist ein Zusammenschluss von NGOs, Sportvereinen, Verbänden und Kommunen, die sich bundesweit für die Themen Sport, fairer Handel und Nachhaltigkeit engagieren. Eine der Initiativen ist die Erstellung einer Produktliste für fair gehandelte und ökologisch hergestellte Sportkleidung und -materialien, die sowohl für Individualsportler als auch für Kommunen und Vereine geeignet sind. Die Grundlage dieser Liste ist eine intensive Auseinandersetzung mit den Produkten und Herstellern von Sportartikeln, um empfehlenswerte Produkte zu identifizieren. Bei der Bewertung der Nachhaltigkeit wurde die gesamte Lieferkette berücksichtigt, wobei soziale und ökologische Faktoren gleichermaßen einbezogen wurden.
Großsportveranstaltungen haben die Chance, Vielfalt und Inklusion zu fördern. Durch inklusive Strukturen und die Betonung einer Gemeinschaft kann eine Gesellschaft entstehen, die Vielfalt nicht nur toleriert, sondern aktiv feiert und integriert. Die Legacy solcher Events könnte eine dauerhaft inklusivere Sportkultur sein. Gerade die EM, die leicht informelle Gruppen bildet, kann helfen, der globalen Einsamkeitskrise entgegenzuwirken. Dabei müssen aber stets die individuellen Eigenarten und Hintergründe der Teilnehmenden berücksichtigt werden.
Zum Eröffnungsspiel der UEFA EURO 2024 ist die FlipKick-Webseite online gegangen. Auf flipkick-fussball.de stehen über 100 Videos zur Verfügung, die Begriffe aus dem Fußball in Deutsche Gebärdensprache (DGS) zeigen, wie zum Beispiel Anstoß, Bundestrainer:in, Finale und Nationalmannschaft. Die Begriffe wurden von jungen Fußballfans übersetzt. Ziel ist es, die Verständigung und das Miteinander unter den Fans zu ermöglichen. Bereits im Vorfeld der EM 2024 fanden Workshops im Rahmen von FlipKick statt, die von Bundesligisten wie FC St. Pauli oder Schalke 04 veranstaltet wurden.
Eine EM kann daher auch als Bühne genutzt werden, um gesellschaftliche Wertediskurse im Kontext der Mindshift Revolution mitzugestalten. Durch die Auswahl vielfältiger Sportbotschafter:innen, die Unterstützung von Athlet:innen-Initiativen und die Sensibilisierung für Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, soziale Inklusion und Gesundheit können Stereotype überwunden und ein breiteres Verständnis von sportlicher Teilhabe entwickelt werden. Dies kann die gesellschaftliche Vielfalt im Sport langfristig erhöhen.
Der Fanclub der Deutschen Nationalelf „Eff Zeh Confianza n.e.V.” wurde Ende 2023 gegründet. Ziel des Vereins ist es, die Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland zu einem bunten Event zu machen und ein neues Gemeinschaftsgefühl in der Gesellschaft zu schaffen. Die Initiatoren, Sebastian Schuhl und Jonas Schuster, haben dafür die Initiative „Football for All“ ins Leben gerufen. Diese Initiative betont die verbindende Kraft des Fußballs und seine universelle Sprache, die Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zusammenbringt. „Football for All“ möchte Vielfalt und Toleranz im Fußball und in der Gesellschaft fördern. Außerdem soll ein Gemeinschaftsgefühl durch Aktionen wie den bunten Fan-Schal, der für Vielfalt und Toleranz steht, geschaffen werden. Dieser eigens entworfene Fan-Schal symbolisiert diese Werte und wird in einem Berliner Fußball-Startup produziert. Ein Teil des Erlöses geht an die Organisation Buntkicktgut. Der Fußball soll seine Rolle als Breitensport nutzen, um Menschen zu vereinen und ein inklusives Umfeld zu schaffen.
Großsportveranstaltungen sind internationale Magneten mit der Möglichkeit, lokale Identitätsverständnisse zu stärken. Sie sind Aushängeschild für eine Region, für eine gewisse lokale Kultur und ermöglichen darüber, Glokalisierung lebendig werden zu lassen. Die Legacy – der Zukunftswert – solcher Events kann eine stärkere Wertschätzung und Förderung lokaler Kulturen sein, ohne ein Prinzip des globalen Miteinanders zu eliminieren.
Das kostenlose Bildungscamp ‚FAIRkickt‘ bietet im Rahmen der EM 2024 in Frankfurt am Main eine Plattform für innovative Ansätze in den Bereichen Klimaschutz, globale Gerechtigkeit, Inklusion und Gleichstellung – stets unter dem Leitmotiv Fußball und Breitensport. Eine der Veranstaltungen widmet sich der Bedeutung migrantischer und diasporischer Sportvereine. Diese Vereine stehen für die kulturelle Vielfalt Frankfurts, bleiben jedoch oft unbeachtet. Die Veranstaltung ermöglicht es den Vereinen, sich vorzustellen, gefolgt von einer Diskussionsrunde mit der Bürgermeisterin von Frankfurt, in der die Vereinsvertreter ihre Beiträge und Herausforderungen thematisieren.
Anstatt auf bestimmte sportliche Aktivitäten oder Ressourcen zu verzichten, hat die EM die Chance, innovative Lösungen zur Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks umzusetzen. Der Gedanke des ökologischen Handabdrucks, der positive Nachhaltigkeitswirkungen und gesellschaftlichen Mehrwert erfasst, misst und bewertet, kann hier einen direkten Mehrwert schaffen. Als elementarer Teil der Eco Transition zeigen solche Maßnahmen, dass nachhaltige Sportevents möglich sind, ohne die Qualität oder das Erlebnis der Teilnehmenden zu beeinträchtigen. Langfristig könnten sie als Vorbild für künftige Veranstaltungen dienen und die Nutzung nachhaltiger Praktiken im Sport fördern.
Der Spielplan wurde nach Nachhaltigkeitsaspekten gestaltet, um Reisen für Teams und Fans zu minimieren. Dies reduziert zusätzliche Emissionen durch Flüge oder Autofahrten. Laut dem ESG-Bericht der UEFA sollen Mannschaftsreisen in Deutschland per Bahn oder Bus erfolgen. Zudem wird Ticketinhabern eine 36-stündige Nutzung des lokalen Nahverkehrs von 6.00 Uhr am Spieltag bis 18.00 Uhr am Folgetag ermöglicht.
Die sechs großen Transformationen unserer Zeit beeinflussen auch die Zukunft des Sports und der Großveranstaltungen wie der EM. Sie zu verstehen und zu nutzen, bedeutet, die Zukunft und den Zukunftswert von Großsportveranstaltungen mitzugestalten. Denn Sport ist von Emotionen geprägt, und Emotionen führen zu Handlungen (im Gegensatz zu Fakten, die oft nur zum „Wir sollten doch, müssten wir nicht?!“ führen).
Der Sport – und speziell der Fußball als größte Sportart der Welt – bildet somit einen essenziellen Hebel in Bezug auf den systemischen Wandel im Übergang zur nächsten Gesellschaft.
Welche Trends beeinflussen die Transformation des Sports? Das Future:System, die transformative Trendsystematik des Future:Project, beleuchtet diese und viele weitere Wandlungsprozesse unserer Zeit – und identifiziert dabei konkrete Gestaltungspotenziale für eine lebenswerte Zukunft.

Die Sozialwissenschaftlerin Anja Kirig beobachtet kontinuierlich gesellschaftliche Veränderungsprozesse, insbesondere in den Bereichen Sport und Tourismus sowie Gesundheit, Nachhaltigkeit und Post-Individualisierung.
In ihren Vorträgen bereitet sie die Inhalte eloquent und anschaulich auf, eröffnet Möglichkeitsräume und bietet Orientierung.
Im Fokus des Informatikers und Sport-Experten Marcel Aberle stehen die Transformationen Human Digitality und Conscious Economy und deren Impact auf die Gesellschaft. In seiner Arbeit verbindet er Trendforschung mit Hands-on-Qualität und liefert wertvolle Handlungsempfehlungen für eine lebenswerte Zukunft.
Wie muss sich die Demokratie im 21. Jahrhundert verändern, um zukunftsfähig zu sein?
Ein Auszug aus der Metastudie „Die Omnikrise“.
6. Juni 2024
„Heute haben die westlichen Demokratien sowohl mit einer Legitimitätskrise als auch mit einer Effizienzkrise zu kämpfen“: So diagnostizierte der belgische Historiker David Van Reybrouck schon vor rund einem Jahrzehnt den Krisenmodus der Demokratie. Die Signale für diesen Befund haben sich den vergangenen Jahren kontinuierlich verdichtet. Von sinkenden Wahlbeteiligungen und Parteibeitritten bis zum Erstarken radikaler Kräfte, die offen die Demokratie bedrohen. Weltweit stehen liberale Demokratien heute unter Druck und wirken schwerfällig und schwunglos im Angesicht der Omnikrise.
Im 21. Jahrhundert ist die Demokratie strukturell mit erschwerten Bedingungen konfrontiert. Denn eine hochkomplex vernetzte Gesellschaft ist immer weniger in der Lage, das demokratische Grundversprechen einzulösen: die Einbeziehung aller Bürger:innen. In der Netzwerkgesellschaft kann Teilhabe nicht mehr garantiert werden, im Gegenteil: Netzwerke schließen alle aus, die nicht dazugehören. Auch deshalb agieren autoritäre Länder heute deutlich effizienter als demokratische Systeme.
Zudem bewirkt die Vernetzung eine mediale Fragmentierung, die einen echten öffentlichen Diskurs verhindert und polarisierende Tendenzen stärkt. Vor allem soziale Medien stellen unvereinbare Sichtweisen stärker denn je heraus und ermöglichen die unkritische Bestätigung jeweils eigener Positionen – zugunsten radikalisierter Kräfte. Auch die Verbreitung Fake News, zunehmend durch KI-Chatbots, wirkt destabilisierend. Je mehr dabei Deutungs- und Erfahrungsräume auseinanderfallen, umso verzerrter wird das Bild der öffentlichen Debatte. Und umso mehr kann sich die Vorstellung verfestigen, die Demokratie sei eine Art Dienstleister, dem man das Vertrauen entziehen kann, wenn die Ergebnisse nicht passen.
Doch so wie die Vernetzung das demokratische System herausfordert, setzt sie zugleich neue transformative Kräfte für eine demokratische Revitalisierung frei. Die zentralen Zukunftsfragen lauten dabei: Wie kann es der Demokratie gelingen, Bürger:innen nicht nur als Konsumierende, sondern als aktiv Mitgestaltende zu adressieren? Wie kann das politische System auch in der vernetzten Gesellschaft Teilhabe gewährleisten? Und welche Formen demokratischer Partizipation können dabei helfen?
Die Grundvoraussetzung für partizipative Maßnahmen in Richtung „mehr Demokratie“ ist ein Bewusstseinswandel im politischen System. Die Erkenntnis, dass soziale Kräfte nur dann freigesetzt werden können, wenn entsprechende Handlungsspielräume bestehen, innerhalb derer sich bürgerliches Engagement überhaupt entfalten kann. Der Fokus liegt dabei auf der praktischen Umsetzung: Zentral sind Räume der Teilhabe, die mehr Bürgerbeteiligung und Austausch ermöglichen.
Viele konkrete Ideen für partizipative Formate werden bereits erfolgreich erprobt. Dazu zählt etwa das Konzept einer „Monitorial Citizenship“. Das kontinuierliche Monitoring von Regierungsaktivitäten durch Bürger:innen hilft, Misstrauen in politische Institutionen produktiv zu kanalisieren und zu reduzieren. Ähnliches ermöglicht die Open-Source-Software Consul Democracy: Städte und Stadtviertel können auf Basis von Behördendaten Wahlen oder Online-Abstimmungen durchführen und geplante Gesetzesvorhaben vorab diskutieren. Bürger:innen können zudem Vorschläge für Projekte einreichen, die sie mit öffentlichen Geldern umsetzen möchten. Das Programm wird bereits in 35 Ländern genutzt, darunter auch Deutschland.
Zahlreiche bürgerdemokratische Pionierprojekte belegen zudem, wie eine stärkere Bürgerbeteiligung die Akzeptanz politischer Entscheidungen und die Zustimmung zur Demokratie erhöht. So verbessern niedrigere Hürden für Volksbegehren und -entscheide oder Ämter wie eine „Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung“ nicht nur die Umsetzung zivilgesellschaftlicher Anliegen. Sie zeigen auch, dass mehr Teilhabe die Bürger:innen zufriedener und sozial engagierter macht. Länder, in denen Demokratie ständig erlebbar wird, weil Menschen an Entscheidungen beteiligt und zu konstruktiver Mitbestimmung aufgefordert sind, sind weniger demokratiefeindlich.
Zunehmender Beliebtheit erfreut sich dabei die Wiederentdeckung der Losdemokratie. Von den Ursprüngen der Demokratie im alten Athen bis weit ins 18. Jahrhundert wurden die Mitglieder der Volksvertretung nicht gewählt, sondern ausgelost. Heute wird das Losprinzip zunehmend in Form von Bürgerräten umgesetzt. Dabei ermöglicht es eine echte Repräsentation der gesamten Gesellschaft und erzeugt eine hohe persönliche Verantwortung – sowohl für die zufällig ausgewählten Bürger:innen, die aktiv Lösungen entwickeln, als auch für die Politiker:innen, die mit diesen Lösungen weiterarbeiten.
Als Dialogformate mit offenem Ausgang eröffnen Bürgerräte einen Prozess, der die demokratische Kultur verwirklicht, indem er Bürger:innen aus ihren medialen Bubbles herauslöst. Das kann einen echten Mindshift bewirken: Fangen Menschen an, in einem gesicherten Rahmen miteinander über akute politische Herausforderungen zu reden, werden Vorurteile abgebaut, und die Wertschätzung gegenüber der Politik steigt. „Bürgerräte sind Schmelztiegel für harte Fronten“, sagt Claudine Nieth, Vorständin des Vereins „Mehr Demokratie“. In Deutschland wurde 2019 erstmals ein losdemokratischer Bürgerrat eingesetzt. Inzwischen hat der Bundestag eine eigene Stabsstelle für Bürgerräte geschaffen.
Bürgerräte sind ein Beispiel für neue Räume der Begegnung und des gemeinsamen Tuns, die Brückenschläge über die Gräben der Polarisierung ermöglichen. Diese Räume zu schaffen und auszubauen, ist elementar für die Demokratie im 21. Jahrhundert: als Zonen, in denen sich verschiedene Eigenlogiken gegenseitig irritieren und abgleichen können. Das leisten auch Initiativen wie „Deutschland spricht“, wo fremde Menschen zusammengebracht werden, um über Politik zu diskutieren, oder Wertedialoge wie die Z2X-Community. In die gleiche Richtung wirkt ein neues, konstruktives Verständnis von Journalismus, das auf Vermittlung und Verständigung zielt.
Für die politischen Parteien folgt daraus der Auftrag, stärker auf Austausch und Dialog anstatt auf Konfrontation und Rivalität zu setzen. Stellvertretend dafür steht das Prinzip der sogenannten Konkordanzdemokratie: Im Gegensatz zur vorherrschenden Konkurrenzdemokratie, in der Konflikte vor allem durch politische Mehrheiten und Parteien-Wettbewerb gelöst werden, zielt eine auf Konsens ausgerichtete Demokratie auf die Aushandlung von Kompromissen, um Unstimmigkeiten zu lösen. Vorreiter sind Luxemburg und die Schweiz, wo gemeinsam gefällte Beschlüsse von allen Regierungsmitgliedern nach außen vertreten werden. Die eigentliche Opposition bilden dann die Bürger:innen selbst, die mittels direkter Demokratie in den politischen Prozess eingreifen können.
Unterstützt werden könnte ein konsensorientiertes politisches Miteinander auch durch das Konzept der „Smart Governance“: die Auslagerung längerfristiger, komplexer Themen an kompetente Fachinstitutionen wie Think Tanks, Universitäten oder NGOs. Eine dezentrale und transparente Expertise fördert nicht nur die Balance zwischen operativer Unabhängigkeit und demokratischer Legitimation. Sie ermächtigt die Politik auch, Probleme nicht nur zu reparieren, sondern Themen proaktiv anzupacken.
Aktuell leidet die Demokratie vor allem darunter, dass sie zu wenig und zu selten erlebbar ist. Lediglich alle vier Jahre wählen zu können, reicht nicht aus, um ein Gefühl demokratischer Selbstwirksamkeit zu erfahren. Und jüngere Bürger:innen – die Ressource der künftigen Demokratie – müssen in der Regel noch immer bis zum 18. Geburtstag warten, um überhaupt wählen zu dürfen. Auch generelle eine Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre wäre daher eine konkrete Maßnahme für mehr demokratische Resonanzerlebnisse.
In einer partizipativen Demokratie entfaltet ein „aktivierender“ Sozialstaat demokratische Kräfte, indem er nicht nur klare Regulierungen setzt, sondern auch bessere Rahmenbedingungen schafft für mehr Eigeninitiative und Selbstorganisation. Erst wenn Menschen ermächtigt werden, eigenständig neue Formen von Partizipation zu realisieren, können auf breiter Basis neue Möglichkeiten eines übergreifenden, gemeinsamen Handelns entstehen – und neue Weltbilder jenseits populistischer Protestkulturen und ideologischer Grabenkämpfe.
Die Leitformel für demokratischen Zusammenhalt in der nächsten Gesellschaft lautet daher: mehr Selbstorganisation – innerhalb abgesicherter Rahmenbedingungen. Der Staat leistet dann gewissermaßen Hilfe zur Selbsthilfe, indem er es seinen Bürger:innen ermöglicht, sich selbst zu ermächtigen. Zum einen geschieht dies durch konkrete, praktische Projekte und Räume, die Dialoge und Begegnungen ermöglichen, neue Identitätsangebote vermitteln und eine Kultur der „kooperativen Abgrenzung“ fördern. Zum anderen durch verlässliche materielle Rahmenbedingungen, die es Menschen überhaupt erst ermöglichen, frei und freiwillig zu agieren.
Erst ein gewisser Standard an sozialer und finanzieller Absicherung ermöglicht wirksame Spielräume für selbstorganisiertes Handeln – so wie das Fehlen dieser Spielräume die Flucht in populistische, reaktionäre Ideen und Organisationen fördert. Daher braucht eine zukunftsfähige Demokratie auch neue Halteseile, die das Abweichen von altbekannten Pfaden ermöglichen und fördern, ohne Existenzen zu gefährden. Ideen für das Knüpfen solcher Halteseile bilden etwa die Konzepte eines Bedingungslosen Grundeinkommens und eines Bildungsgrundeinkommens oder auch der Vorschlag des französischen Ökonomen Thomas Piketty einer staatlich finanzierten „Erbschaft“ für alle 25-jährigen.
In der nächsten Gesellschaft wird die Rolle des Staates zunehmend die eines Moderators sein, der klare Regeln aufstellt und die kollektive Selbstorganisation unterstützt. Auf dieser Grundlage kann eine neue, konstruktive „Bürger:innen-Bewegung“ entstehen: Menschen, die sich stärker selbst organisieren und dabei aktiv unterstützt werden von einem Staat, der zwar Verantwortung übernimmt, aber erkennt, dass seine wahre Macht auf der Ermächtigung anderer beruht.
Die große Herausforderung für die Politik besteht künftig darin, mutige und realistische Angebote für einen konstruktiven Umgang mit einer hochkomplexen Gegenwart und Zukunft zu machen. Dass der Wille in der Bevölkerung dafür vorhanden ist, beweisen die großen Demonstrationen gegen das Erstarken rechtsradikaler, antidemokratischer Kräfte – ein mächtiges Zeichen für die Zukunftsfähigkeit der Demokratie.
Die Idee der Demokratie lebt also weiter. Auch und gerade im Zeichen der Omnikrise. Sie wächst durch jede einzelne Erfahrung, in der sie in der sozialen Alltagspraxis erlebbar wird – denn am Ende entscheidet sich immer im Kleinen, ob große Herausforderungen gelingen oder scheitern.
Der zentrale Faktor für gesellschaftlichen Zusammenhalt ist daher die Förderung einer partizipativen Demokratie, die das Gemeinsame erlebbar macht, ohne das Unterschiedliche auszublenden. Letztlich zielt dieser Transformationsprozess auf eine neue, kooperative(re) Gesellschaft: eine Co-Society, die das Verbindende betont und ein neues Miteinander stärkt. Den Grundstein dafür bildet eine vitale und handlungsfähige Demokratie, in der Politik und Bürger:innen einander ernst – um gemeinsam die großen transformativen Aufgaben unserer Zeit anzugehen.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Ein Auszug aus dem focus:book „Raum – Räume transformieren, Zukunft gestalten“
von Nina Pfuderer und Jonas Höhn
29. Mai 2024
Wie gelingt es uns angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationsdynamiken, unsere alltäglichen Lebensräume zukunftsfähig zu gestalten? Lassen wir den Veränderungen ihren Lauf, oder entscheiden wir uns dazu, bewusst und aktiv den Wandel mitzugestalten? Wie wollen wir in Zukunft leben – und welche Räume brauchen wir dafür?
Im Raum manifestieren sich nicht nur Strukturen der Vergangenheit und Gewohnheiten der Gegenwart, sondern auch unsere Wünsche und Träume – und immenses Zukunftspotenzial. Die aktive und gestalterische Beschäftigung mit Raum kann kreative Energien freisetzen und bisher geltende Weltanschauungen dekonstruieren. Raum ist ein Gestaltungselement für eine lebenswerte Zukunft.
Legen wir den Fokus auf diese Transformationspotenziale, sehen wir Raum nicht mehr nur als etwas Gegebenes, sondern als eine Projektionsfläche, die genutzt werden kann, um aktiv eine lebenswerte Zukunft zu gestalten. Solche Fokusverlagerungen – weg vom Vergangenen und Gegenwärtigen hin zu konstruktiven Zukunftsvorstellungen – haben direkte Effekte: In der Architektur erhalten Nachhaltigkeit, Resilienz und gesellschaftlicher Wandel einen viel größeren Stellenwert als die kurzfristige Effizienzmaximierung. In der Stadtplanung und Raumentwicklung können Räume so gestaltet werden, dass sie den Bedürfnissen künftiger Gesellschaften entsprechen, statt in der Vergangenheit verhaftet zu sein. Und es wird deutlich, dass die begrenzte Ressource Raum eigentlich reichlich vorhanden ist – sofern man sie effektiv gestaltet. So entstehen Transformationsräume.
Die im focus:book „Raum“ versammelten Beiträge von Expert:innen aus unterschiedlichsten Bereichen verbindet ein gemeinsamer Kern: Sie alle legen ihren Fokus auf die Transformation hin zu lebenswerten und wünschenswerten Räumen der Zukunft. Aus den verschiedenen Schwerpunkten und einzigartigen Raumbeispielen lassen sich zugleich übergreifende und essenzielle Merkmale von Transformations- und Zukunftsräumen herauslesen.
… inklusiv, weil sie die Alltagsbedürfnisse möglichst aller Menschen erfüllen.
… gemeinschaftlich, weil sie individuelle Akteur:innen verbinden und sozialen Zusammenhalt fördern.
… gesundheitsfördernd, weil sie Wohlergehen als Fundament in der Gesellschaft verankern.
… multifunktional und mehrdimensional, weil sie verschiedene Bedürfnisse gleichzeitig erfüllen können.
… adaptiv, weil sie sich an gegenwärtige und künftige Herausforderungen anpassen.
… humandigital, weil sie die transformative Kraft des virtuellen Raums in tatsächliche Lebensrealitäten integrieren.
… partizipativ, weil sie Platz für aktive Teilhabe an Gestaltungsprozessen schaffen.
… nahtlos integriert, weil sie Bewegungsräume schaffen, die eine intuitive und inklusive Mobilität ermöglichen.
… glokal, weil sie das Globale und das Lokale sinnvoll verbinden und regionale Besonderheiten hervorheben.
… mutig und experimentierfreudig, weil sie Platz für die Umsetzung verrückter und visionärer Ideen bieten.
… erst wirklich zukunftsfähig, wenn sie die Menschen und ihre grundlegenden Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen!

Gratuliere, lieber Journalismus. Du hast Dich wacker geschlagen, all die Jahre und Jahrhunderte. Seit dem Kirchenbann, dem Fürstenrecht, dem Verdikt der Könige und dem Diktatoren-Wahn hast Du nicht still gehalten. All den Zensoren-Scheren bist du entkommen, früher oder später. Der Glanz des freien Wortes hat Despoten beseitigt, Revolutionen begleitet, dringende gesellschaftliche Debatten aufgeworfen, das Verborgene ans Licht gebracht. Du hast geholfen, Gesetze zu verändern – nicht zuletzt Gesetze über das, was man sagen durfte und was nicht. Du leistest Widerstand gegen die Lügengebilde der Autokraten. Das kann, das muss man feiern, preisen und immerzu verteidigen.
In meiner Jugend in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war der Beruf des Journalisten hoch angesehen und begehrt. Man wollte als junger Mensch nicht nur „was mit Medien” machen, sondern mit dem Journalismus die Welt verbessern. Was Rudolf Augstein für seinen Spiegel reklamierte – das „Sturmgeschütz der Demokratie“ zu sein –, ging noch viel weiter: Man wollte mit dem Schreiben, Erzählen, Kommentieren die Dinge in Bewegung bringen. Wandel erzwingen. Das Neue, das Bessere in die Welt bringen.
Heute hat sich dieser Anspruch nicht unbedingt verändert, er ist vielmehr dringender geworden. Wohl aber gewandelt haben sich die Umstände, die „Umwelten” des Journalistischen. Und das sollten wir bedenken, wenn wir nach den Pressefreiheiten in den nächsten 50 Jahren fragen.
Der mediale Raum hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in einer Weise verändert, wie wir es uns kaum hätten träumen lassen. Er hat sich einerseits erweitert in unendlich viele Kanäle und Äußerungsmöglichkeiten. Er hat sich andererseits verengt auf eine ganz bestimmte Art von Wirkungsformen, die sich immer weniger an Wahrheiten oder Wirklichkeiten, sondern an Klicks orientieren. Während die alte klassische Zeitung noch von echten Leser:innen, Abonnent:innen, Haltungen lebte, hat sich in der heutigen Medienwelt ein völlig anderes Geschäftsmodell durchgesetzt: Klick gegen Werbeeinnahmen.
Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie, in der es ständig um Reizsteigerungen geht. Das sogenannte Clickbaiting führt zu einer permanenten Profanisierung, Skandalisierung, Überspitzung von Botschaften, die das Fundament des Seriösen von unten her zerstört. Selbst in den traditionellen Medienmarken ist die Tendenz zum „Doomclicking” unübersehbar: Aus jeder kleinen Studie wird eine Weltgefahr, aus jeder Abweichung ein monströser Skandal, aus jedem Unfall ein Weltuntergang. Dazwischen sind möglichst skurrile Geschichten gestreut (Schauen Sie, was passiert, wenn ein Mops aus dem Fenster fällt! Klicken Sie hier!). Hintendran folgen bizarre Werbungen mit chinesischen Billigprodukten oder Treppenliften, die kaum von editorialen Formaten zu unterscheiden sind.
Ein heutiges politisches Interview, sehr professionell geführt und multimedial vermarktet, ähnelt eher einem Verhör. Es geht darum, den oder die Politiker:in möglichst in die Enge zu drängen. Das grenzt an Lächerlichkeit bis zur nackten Unverschämtheit, wenn Politiker:innen vorgegebene Sätze in Millisekunden beantworten müssen. „Ihren politischen Gegner vergleichen Sie am liebsten mit einem Tier namens…” Die Würde von Politiker:innen ist antastbar geworden, und am Ende geht es auch hier unter dem Mantel des kritischen Journalismus nur um die Beute der Aufmerksamkeit, den berühmten „Sager”, den man schon nach fünf Minuten in Shitstorm und Werbung (Klicks = Werbeeinnahmen) umsetzen kann.
Der legendäre Rudolf Augstein sagte einmal vor langer Zeit in einer Diskussion über Medienfreiheit: Es liegt „wohl im Wesen der politischen Kritik, die Krisen, die aufgezeigt werden, immer noch zu verschärfen”. Wie man das ins Positive wenden kann, dazu habe er nichts zu bieten. Womöglich ahnte er etwas über die Grenzen des Missstände-Journalismus. Manchmal wird man den Eindruck nicht los, dass der kritische Journalismus nicht ganz unschuldig ist an jenem Wut-Populismus, der „die Politik” in Bausch und Bogen verdammt. Ganz zu schweigen von dem dadurch entstehenden Personalproblem der Politik: Wer will sich das mediale Verhör in Zukunft als Politiker noch antun?
Wenn man heute eine x-beliebige News-Seite liest, hat man nicht selten ein Gefühl der Unentrinnbarkeit. Es ist nicht mehr kurz vor Zwölf, sondern immer schon Jahre danach. Die häufigsten Worte in den Schlagzeilen und Unterzeilen der Deutungsmedien lauten:
Nein, das ist natürlich nicht repräsentativ – es gibt allerdings eine seriöse Untersuchung über die Wortanteile der US-Medien, die am meisten verwendeten Worte in US-Schlagzeilen sind demnach Wrong, Bad, Awful, Hate, War, Worst, Sick, Fight, Scary, Hell, F*. Aber die Tatsache, dass das menschliche Hirn negative und bedrohliche Mitteilungen etwa um den Faktor Zehn stärker wahrnimmt als positive Meldungen – unsere Vorfahren waren gut daran gehalten, Gefahren überdeutlich wahrzunehmen –, führt, algorithmusverstärkt, in eine ständige Abwärtsspirale. Gerade in einer Zeit komplexer Krisen ist diese Verstärkung von Zukunftsängsten und Weltpessimismus hochgefährlich.
Da jeder Trend auch einen Gegentrend hat, entwickelt sich derzeit ein starker Trend zur „News Avoidance”: Eine immer größere Zahl von Menschen gibt an, journalistische Formate völlig zu ignorieren. Das ist für den Journalismus womöglich eine noch größere Gefahr als der Mangel an Pressefreiheit. Eine Antwort wäre ein Konstruktiver Journalismus, der nicht einseitig sein muss. Das Konstruktive heißt nicht, das Schlechte zu ignorieren. Es heißt aber, auch das Gelungene, Werdende, Hoffende darzustellen – die Dinge zu Lösungen hin einzuordnen. Wenn nicht alles täuscht, findet hier gerade ein Wende statt. Neuerdings kann man in den Deutungsmedien Bemühungen sehen, die Welt nicht immer ins Licht der letzten Düsternis zu tauchen.
Immer mehr Verlage und Redaktionen realisieren, dass das ständige Doomsaying in einer Zeit der Krisen nicht zum Erfolg führt. „Medium” heißt eben auch „Vermittlung”. Medien können Debatten vernünftiger organisieren, Meinungen einordnen statt aufblasen. Journalisten können die Demokratie stärken, indem sie für Konsens, Vernunft und Mässigungen eintreten und auch das Hoffnungsvolle betonen. Wenn nicht alles täuscht, ist jetzt eine Wende in diese Richtung in Gang gekommen. Das wäre eine neue Pressefreiheit. Eine Freiheit, die die Verantwortung für eine bessere Zukunft wieder in den Mittelpunkt des Berufes stellt. Nehmen wir sie uns!
Matthias Horx, Jahrgang 1955, war Journalist bei ZEIT, Tempo und Merian, bevor er Publizist und Zukunftsforscher wurde. Er trauert manchmal den guten alten Zeiten nach, als es gelang, mit einem guten „Stück” nicht nur Klicks und selbstverliebte Kommentare zu erzeugen, sondern auch einen wahrhaft neuen Klang in die Welt zu bringen.
Wir stecken mitten in der Krise, sogar in der Omnikrise: das heißt, die verschiedenen Krisen unserer Zeit überlappen und verbinden sich zu einem komplexen, unübersichtlichen Geflecht. Anders gesagt: Das System krankt im Ganzen. Der Grund dafür ist ein Epochenwandel: Wir befinden uns als Gesellschaft in der unangenehmen Übergangsphase zwischen zwei Zeitaltern.
von Lena Papasabbas
23. April 2024
Das alte Normal löst sich auf, und das neue Normal ist nur eine leise Vorahnung am Horizont. Zu viel Wandel auf einmal wirkt lähmend. Deshalb fühlen sich so viele Menschen gerade so unheimlich erschöpft. Wir befinden uns in einem kollektiven Veränderungs-Burnout. Rückzug und Nostalgie wirken attraktiv, als Ausweg, sich einfach von der anstrengenden Welt abzuwenden. Doch um den Wandel in unserem Sinne zu steuern und zu gestalten, brauchen wir eigentlich genau das Gegenteil: Menschen, die sich der Zukunft proaktiv zuwenden.
Um der überbordenden Komplexität der Welt wieder etwas abgewinnen zu können, hilft es, die Krisen als Möglichkeiten zu begreifen: als ein Aufbrechen alter Strukturen, das uns die Chance gibt, neu zu denken und zu handeln. Ebenso wichtig ist der Glaube daran, dass die neue Realität eine bessere sein könnte, als wir es uns aktuell vorstellen können.
Dafür ist es essentiell, die Pfade in eine bessere Zukunft zu sehen, die es heute schon gibt und die sich zu beschreiten lohnen. In unserer Metastudie „Die Omnikrise“ haben wir sechs dieser möglichen Pfade aus der Krise beschrieben. Hier fassen wir sie in sechs Denkanstößen zusammen, die helfen, unsere Köpfe zu öffnen – indem sie aufzeigen, welche konstruktiven Meta-Lösungen uns in eine bessere Gesellschaft führen könnten.
Ein Riesenproblem unserer Wirtschaft, Arbeitswelt und Kultur ist das Wachstumsparadigma. Um das ständige Streben nach Mehr loszulassen, ist es eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, Wohlstand umzudeuten: Statt materielle Statussymbole anzuhäufen und vom nächsten Bali-Urlaub zu träumen, während man voll im Hamsterrad steckt, muss Wohlstand umdefiniert werden. Zeitwohlstand lautet das Zauberwort: Weniger Arbeit, weniger Konsum und dafür mehr Lebensqualität und Zeit für das, was wirklich zählt.
Progressive Konzepte wie das bedingungslose Grundeinkommen kündigen bereits einen Paradigmenwechsel an. Degrowth und Postgrowth-Unternehmen experimentieren schon mit Business-Modellen, die nicht (nur) Profitmaximierung zum Ziel haben. Manche Staaten lösen sich auch vom Bruttoinlandsprodukt als alleinigem Wohlstandsindikator – Bhutan rückt beispielsweise das Wachstum von Glück in der Bevölkerung in den Fokus. Auch im Alltag lassen sich immer mehr minimalistische Lebensstile und Entschleunigungstendenzen beobachten. Viele mutige Ideen sind bereits vorhanden. Es lohnt sich, sie ernst zu nehmen: Eine neue Definition von Wohlstand könnte mehr Lebensqualität für alle bedeuten.
Die Krise der Demokratie kann nur überwunden werden, wenn wir die Erwartungs- und Forderungshaltung gegenüber der Politik loslassen und uns wieder als aktiven Teil des demokratischen Geschehens verstehen.
Aktuell ähnelt die Haltung vieler Menschen gegenüber den Politiker:innen der von Konsumierenden: An die Politik werden Forderungen gestellt, sie muss liefern und man selbst ist Nutznießer:in – oder eben nicht. Konsumierende haben ein völlig anderes Mindset als Bürgerinnen und Bürger, die sich als Teilhabende der Gesellschaft verstehen, Verantwortung tragen für das Gemeinwesen und ihren Teil zum Gemeinwohl beitragen wollen.
Um wieder mehr Menschen dazu zu bewegen, sich selbst als Teil einer lebendigen Demokratie zu verstehen, brauchen wir einen Bewusstseinswandel im politischen System: die Erkenntnis, dass soziale Kräfte nur dann freigesetzt werden können, wenn entsprechende Handlungsspielräume bestehen, innerhalb derer sich bürgerliches Engagement überhaupt entfalten kann. Zentral sind Räume der Teilhabe, die mehr Bürgerbeteiligung und Austausch ermöglichen. Volksbegehren oder Bürgerräte können hier ein Hebel sein, aber auch die Wiederentdeckung von Losdemokratie birgt viel Potenzial für eine Wiederbelebung der Bürger:innen-Demokratie.
Die kollektive kognitive Leistung in Richtung einer besseren, einer wohlwollenden und toleranten Gesellschaft besteht darin, das Denken in Nullsummenspielen zu verlernen. Also das Denkmuster „Was ich bekomme, wird jemand anderem genommen” und umgekehrt. „Wenn ein Mensch reicher wird, muss ein anderer ärmer werden.“ „Wenn Geflüchtete gut versorgt werden, geht das auf Kosten der Einheimischen.“ „Wenn die Kollegin eine Gehaltserhöhung erhält, bleibt für mich weniger übrig.”…
Diese Denkmuster haben ihren Ursprung im Wettbewerbsprinzip des Kapitalismus und sind dementsprechend weit verbreitet – doch sie schaden dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denn das Nullsummen-Denken erodiert eine europäische Kultur, in der eigentlich humanistische Werte dominieren (sollten) – und bildet den kognitiven Nährboden für Nationalismus, Populismus und rechte Gewalt.
Statt in Nullsummenspielen können wir aber trainieren, wieder in Plussummenspielen zu denken. Plussummenspiele erzeugen Fortschritt, indem dem bereits Vorhandenen ein „Bonus“, ein „reales Plus“ hinzugefügt wird. Wenn Nationen, Firmen oder Menschen miteinander handeln, kann – sofern ein fairer Markt existiert – eine wechselseitige Gewinnsituation entstehen. Wenn Menschen eine Familie bilden, entsteht ein reproduktiver Überschuss. Fortschritt entsteht durch gelungene Kooperationen.
Die schlechte Nachricht: Die Künstliche Intelligenz wird uns nicht alle retten. Die gute Nachricht: Wir haben bereits alle Technologien, die wir brauchen, um viele große Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.
Ein Beispiel: Die Verkehrswende braucht keine weitere technologische Innovation, keine Flugtaxis, keine Smart Cities, keine autonomen Autos. Alles was wir brauchen, um die Städte wieder lebenswerter und nachhaltiger zu gestalten, sind soziale Innovationen. Weg vom Auto als Statussymbol, hin zum Prinzip „Nutzen statt Besitzen“. Weniger Produktion von Vehikeln, mehr Mobility as a Service. Mit Öffis, Fahrrädern, E-Bikes, ein paar Elektroautos und der digitalen Infrastruktur ist bereits alles vorhanden, was nötig ist, um urbane Räume umzugestalten.
Zentral ist die Aufgabe, neue Kulturtechniken einzuüben, neue Wertesysteme zu etablieren und in der Stadtplanung konsequent an einer menschen- statt autogerechten Stadt zu arbeiten.
Wir haben uns als Gesellschaft einen regelrechten Innovationsfetisch angeeignet, der für jedes Problem eine Lösung in der Technologie sucht. Wir müssen weg von diesem blinden Innovationismus, der auf Technologie als Allheilmittel setzt und hin zu einem Fokus auf kultureller Evolution. Denn ein Großteil der Strukturen,Technologien und Rahmenbedingungen für soziale Innovationen, die uns in eine bessere Zukunft führen können, sind bereits vorhanden.
Glokalität statt Globalisierung: Dieses scheinbar triviale Prinzip des Re-Integrierens von lokalen Ressourcen, Expertisen, Strukturen in globalisierte Systeme kann uns eine Menge Probleme vom Hals schaffen, die die entartete Globalisierung hervorgebracht hat. Die Krise traditioneller Lieferketten hat uns die Verletzlichkeit weltweit verzweigter Lieferkettensysteme vor Augen geführt, die wie Lebensadern globalisierter Gesellschaften fungieren.
Das Prinzip der Glokalisierung beschreibt ein notwendiges Umdenken: Wertschöpfung und Profitmaximierung dürfen nicht mehr die alleinigen Richtwerte von internationalen Produktionsnetzwerken sein, die in erster Linie die Versorgung der Gesellschaft mit notwendigen Gütern sicherstellen sollen. Faktoren wie Resilienz, Qualität und Nachhaltigkeit müssen in Zukunft gleichberechtigte Ziele dieser Prozessen sein – indem sie das Lokale wieder aufwerten.
Das funktioniert, indem regionale Handelsbeziehungen wieder zu wichtigen Bestandteilen von Produktionsnetzwerken werden, die ebenso für Stabilität und Sicherheit sorgen wie vergrößerte Materialreserven. Lokale Rohstoffalternativen können den globalen Handel ergänzen und durch Diversifizierung starke Abhängigkeiten reduzieren. Egal, ob es um Strom, Lebensmittel oder Möbel geht: Das Prinzip der Glokalisierung bindet überall dort, wo es Sinn macht, wieder lokale Produzenten, Ressourcen und Netzwerke ein.
Die Aussicht auf die ökologische Katastrophe als neue bedrohliche Mega-Erzählung schwebt aktuell über allem menschlichen Tun. In diesem Narrativ ist der Mensch nur noch ein Schädling, der die Umwelt und damit die eigene Lebensgrundlage zerstört. Die Horrorszenarien von aussterbenden Arten, Kriegen um verbleibende Ressourcen, überschwemmten Städten, gigantischen Flüchtlingsströmen und Naturkatastrophen kennt inzwischen jedes Kind – positive Zukunftsbilder einer lebenswerten Zukunft dagegen sucht man vergebens.
In der Omnikrise ist es schwerer geworden, an die gute Zukunft zu glauben. Medien versorgen uns im Sekundentakt mit neuen Negativschlagzeilen. Dabei birgt gerade die Zukunftserzählung eines besseren Verhältnisses von Mensch und Umwelt das Potenzial eines neuen Super-Narrativs. Erst eine überzeugende Vision einer positiv aufgeladenen ökologischen Zukunft, die sozial gerecht ist und hohe Lebensqualität für alle bedeutet, mobilisiert und motiviert, die vielen kleinen und großen Schritte anzugehen, die uns in diese Zukunft bringen könnten.
Diese Vision darf allerdings kein „Zurück“ in ein vermeintlich harmonisches Gestern bedeuten, in dem wir alle in Lehmhütten leben und unser eigenes Gemüse anbauen. Was wir brauchen ist eine kreative Rekombination von vorhandenen technologischen, sozialen und naturwissenschaftlichen Ressourcen zugunsten eines ganzheitlich-systemischen Wandels.
Eine sozial gerechte und ökologisch verträgliche Zukunft ist ein global geteiltes Anliegen, das uns als Gesellschaft einen neuen Richtungssinn, ein Zukunftsbild geben kann – und uns dadurch handlungsfähig macht.
Um die gute Zukunft wieder spürbarer und sichtbarer zu machen, ist es nützlich, bereits vorhandene Transformationen zu erkennen, die in eine nächste, bessere Gesellschaft führen können. Im Future:Project haben wir uns der transformativen Zukunftsforschung verschrieben, die genau diese konstruktive Entwicklung fördert – indem sie wünschenswerte Zukünfte systematisch beschreibt und greifbar macht.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Text von Matthias Horx | Illustration von Julian Horx
29. Februar 2024
Was ist das größte Problem unserer heutigen Gesellschaft? Die Ungleichheit? Die Wirtschaftslage? Die Inflation? Die Erderwärmung? Mitnichten. Es ist die Unfreundlichkeit im Alltag. Die Hassbereitschaft und Bösartigkeit in den Kommunikationen. Die Unfähigkeit, der Unwille, sich miteinander „ins Einvernehmen“ zu setzen.
Die Meckerkultur: Alles schlechtmachen. Immer dagegen sein. Andere abwerten, um sich selbst zu bestätigen. Überall das Schlechte sehen. In Rudeln hassen und verachten. Hauptgefühl Häme.
Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy spricht von den „Händlern des Unglücks“, die sich in unseren digitalisierten Kommunikationsformen ständig vermehren (vgl. Lévy 2023). Der deutsche Soziologe Steffen Mau berichtet von „Triggerpunkten“, auf die Menschen stark emotional reagieren und von „Polarisierungsunternehmern“, die sich immer weiter ausbreiten (vgl. Mau et al. 2023). Wenn es stimmt, dass es zu jedem Trend auch einen Gegentrend gibt, dann auch gegen diesen. Was wäre der Gegentrend zur dumpfen Negativität, zu Online-Hass und Offline-Häme?
Die Freundlichkeit.
Gegen die Rücksichtslosigkeit in der Gesellschaft hat sich eine unsichtbare Gegenbewegung entwickelt. Sie lässt sich nicht messen oder quantifizieren. Aber immer mehr Menschen entschließen sich in einer inneren Wende, freundlich zu sein. Freundlichkeit beginnt im Verzicht auf unnützen Streit und narzisstische Meinungskriege. Sie setzt voraus, dass wir uns von einer „Front“ zurückziehen, die uns ständig in Erregungen, Vorwürfe, Negationen hineinziehen will. Meinungen loslassen.
Und dass wir uns auf neue Weise mit anderen Menschen verbinden – und mit uns selbst.
Wer freundlich sein will, muss bei sich selbst anfangen. Empathisch mit sich selbst sein. Sich selbst anerkennen und akzeptieren lernen – das ist möglicherweise die schwerste Übung. Denn der eigentliche Ursprung für die grassierende Bösartigkeit ist die Selbstablehnung.
Der Gegentrend der neuen Freundlichkeit wird angetrieben von der Welle östlicher Philosophien und Geistestechniken, die Gelassenheit und Akzeptanz lehren. Aber er hat auch eine konservative Seite, die den menschlichen Umgang in einer Art Grund-Höflichkeit bewahren will.
In irischen Schulen werden neuerdings Empathie und Freundlichkeit gelehrt. Der Empathie-Spezialist Pat Dolan, der das Empathie-Programm in über hundert Vorschulklassen in Irland ins Leben rief, sagte in einem Interview mit der Irish Times: „Es ist genauso wichtig, wie Mathematik oder Englisch zu lernen. Ich würde sogar noch weiter gehen: Der Weg, den die Gesellschaft heute geht – nicht nur in Irland, sondern global –, ist davon abhängig, wie wir Empathie lernen und leben“ (vgl. O’Brien 2020).
Im deutschsprachigen Raum versuchen immer mehr konstruktive Medien, etwa Krautreporter oder Perspective Daily, polarisierende Diskurse in lösungsorientierte Debatten zu verwandeln. DIE ZEIT organisiert seit vielen Jahren „freundliche Begegnungen“ zwischen Fremden aus verschiedenen politischen Lagern und unterschiedlichen Kulturen: Bei der Initiative „Deutschland spricht“ treffen sich jährlich Tausende Menschen zum freundlichen Streitgespräch. Mithilfe einer Matching-Software werden sie in einen Austausch mit einer Person vermittelt, die völlig gegensätzlich denkt.
Freundlichkeit ist mehr als Höflichkeit. Der englische Begriff kindness trifft besser, worum es eigentlich geht. To be kind bedeutet eine bestimmte Form von Güte. Sie besteht in einer Zugeneigtheit zum anderen, zur Welt, zu den Ideen, den Lebenslagen, den Wirklichkeiten, die uns umgeben. Und vor allem zu sich selbst.
Lévy, Bernard-Henri (2023): Mein Frankreich, mein Albtraum. Gastbeitrag – Krawalle in Frankreich. In: tagesanzeiger.ch, 5.7.2023
Mau, Steffen / Lux, Thomas und Westheuser, Linus (2023): Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin
O’Brien, Carl (2020): Empathy in Education: ‚It’s just as important as learning maths‘. In: irishtimes.com, 23.1.2020

Die Welt wird immer dunkler und düsterer, die Zukunft der Menschheit ist in Gefahr, eine Krise folgt der anderen und lässt uns im Nebel der Zukunftsdepression zurück … Aber stimmt das wirklich? Warum Krisen immer auch im Kopf stattfinden – und wie Krise und Wandel zusammenhängen.
von Matthias Horx
22. März 2024
Zweifelsohne haben wir es heute mit sich überlagernden Krisenphänomenen zu tun: Krisen der Globalisierung, Krisen der Umwelt, Krisen der Gesellschaft, der Demokratie, der Technologie. Aber die wahre Krise unserer Zeit ist eine Wahrnehmungs- und Kognitionskrise. Die Hypermedialisierung durch Internet und Künstliche Intelligenz führt zu einer kollektiven Hysterisierung von Wahrnehmungsformen, in denen sich auch normale oder harmlose Phänomene gegenseitig aufschaukeln, verselbstständigen und ins Monströse wandern.
All das wird umspielt vom Zerfall eines übergreifenden Zukunftsnarrativs, das die letzten Epoche geprägt hat: der Idee eines kontinuierlichen und linearen Fortschritts. Auf diesem Fortschrittsbild eines „Immer mehr“ basieren unsere kulturellen, politischen, gesellschaftlichen Frames, unsere sozio-mentalen Selbstgewissheiten.
Die Omnikrise ist deshalb vor allem eine Erwartungs- und Enttäuschungskrise. Sie entsteht aus einer kognitiven Dissonanz – zwischen dem, was wir (für die Zukunft) erwartet haben, und dem, wie uns die Welt in ihren realen Phänomenen tatsächlich gegenübertritt.
Die meisten Phänomene, die uns heute in eine apokalyptische Verzweiflungsstimmung bringen, gab es eigentlich immer schon. Mörderische Kriege, Ungerechtigkeiten, Naturzerstörungen und großflächiger, bedrohlicher Wandel sind nichts Neues. Nur: Wir haben es anders erwartet. Das Narrativ des ständigen Fortschritts hat uns Glauben gemacht, alles würde automatisch immer besser. Und alle würden davon profitieren.
Wir sind enttäuscht, dass es nicht so weiterging mit dem Fortschritt, den Wohlstands- und Komfortabilitätsgewinnen. Das war unser Glaube der vergangenen Jahrzehnte. Und wie jeder Glaube wird er irgendwann zum Fanatismus. Der Fanatiker ist so von einer Annahme überzeugt, dass Scheitern unvermeidbar wird.
Es ist schwierig, sich von solchen Erwartungsnarrativen zu verabschieden. Wenn unser Gehirn sich einmal auf ein bestimmtes Zukunftsbild eingelassen hat, seine inneren Strukturen daran adaptiert hat, dann ist es kaum davon abzubringen. Der Expectation Bias, die Erwartungsverzerrung führt dazu, dass wir abweichende Informationen erst lange ignorieren. Und sie dann mit allen Mitteln bekämpfen. Aus Ignoranz wird dann Dissonanz, weil Akzeptanz das Eingeständnis einer kognitiven Niederlage wäre.
Enttäuschungen können zu zweierlei führen:
Krisen zwingen uns – wollen wir nicht in ihnen verkümmern –, unsere Illusionen loszulassen. Das fällt immer schwer, es kann aber auch befreiend wirken: Aus der Zukunft gesehen ist es eine Befreiung aus der Enge falscher Erwartungen, an denen wir kleben wie eine Fliege am Leim. Die Kraft der Krise zu nutzen, als Energie für Wandel, das ist das Geheimnis des Fortschritts. So ist die menschliche Kultur immer vorangeschritten – durch schreckliche Krisen hindurch, hin zu wahrhaft Neuem und Besserem.
Die Renaissance, die Aufklärung, der Beginn des Wohlstands, die Emanzipationen der Gesellschaft. Alles verlief nach dem Schema der „produktiven Desillusionierung”. Die Krise, die uns zeigt, dass es so nicht weitergeht, ist eine Aufforderung und Ermutigung zum Wandel. Wenn wir die Augen auf diese Weise öffnen, sehen wir, dass die Lösungen schon in der Gegenwart latent vorhanden sind. Und dass man die Welt nicht radikal ändern oder untergehen lassen muss. Sondern nur auf kreative Weise neu zusammensetzen. Der Wandel beginnt im Inneren.
Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden.
„Veränderung entsteht nicht durch Wandel, sondern Wandel entsteht durch Veränderung“, formulierte der Soziologe Armin Nassehi. In diesem seltsamen Satz steckt eine nüchterne Erkenntnis: „Change“-Parolen, die man häufig in Unternehmen, politischen Parteien oder öffentlichen Diskursen hört, rechnen nicht mit den Energien von Krisen. Individuen, Systeme, Unternehmen, Gesellschaften ändern sich kaum, wenn alles komfortabel ist. Wandel geschieht eher, wenn wir auf äußere Veränderungen reagieren – sprich: auf Krisen eine Antwort finden.
Die menschliche Grundkompetenz ist nicht stetiger Wandel. Warum auch? Warum sollten wir das Funktionierende nicht beibehalten, das Existierende belassen? Unsere Grundkompetenz ist Adaption. Eine Krise wird zum Wandel, wenn wir die Angst vor dem Selbstwandel überwinden. Wenn wir endlich aufhören, zu jammern und uns ständig darüber zu beschweren, was die Welt uns zumutet.

Wie uns eine Krise, in der alles miteinander zusammenhängt, den Weg in die Zukunft zeigt.
Wie können wir durch Krisen Zukunft gestalten? Matthias Horx setzte im Webinar zu Omnikrise am 23.05.2024 die aktuellen Krisengeschehnisse rund um Klima-, Migrations- und Energiekrise, Kriege, Pandemien und Artensterben in einen neuen Rahmen und fragte: Welcher rote Faden durchzieht die multiplen Krisen unserer Zeit? Und was passiert „beyond crisis“?
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Die Hyperindividualisierung zersplittert die Gesellschaft in immer kleinere Gruppen. Der Mainstream schwindet. Und mit ihm die Subkultur, wie wir sie kannten.
von Lena Papasabbas
Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“
7. Dezember 2023
Wie individuell wir uns auch fühlen: In Wirklichkeit gibt das soziale Umfeld den Referenzrahmen des eigenen Lebensstils vor. Ästhetik, Geschmack, Vorlieben – nichts davon entsteht aus dem Individuum selbst heraus. Wir sind geprägt von der Peer Group, der Familie – und mehr als jemals zuvor von dem, was auf unseren Bildschirmen passiert.
Nirgendwo lässt sich das eindrücklicher nachvollziehen als auf TikTok, der jüngsten Plattform für Selbstdarstellung und Community-Building. Der Algorithmus ist so ausgefeilt, dass er jedes einzelne Individuum zielsicher in die passende Bubble leitet. Man bekommt das Gefühl, dass die halbe Welt die eigenen Vorlieben teilt – egal ob man leidenschaftlicher Frosch-Fan, feministische Post-Punkerin oder seriensüchtiger Anime-Junkie ist. Die Partikularisierung der Gruppen in immer spitzere Subkulturen geht online häufig einher mit der Bezeichnung „-core“, um zu beschreiben, dass hier im Kern eine bestimmte Ästhetik gemeint ist. Clowncore überträgt die traditionelle Clownästhetik (Ballonhosen, Schleifen, Tupfen und exzentrisch-grelles Make-up) in die moderne Fashionwelt – häufig mit einem gruseligen Spin. Cottagecore zelebriert die Ästhetik der Landidylle mit entsprechender Blümchenkleid-Optik und einem Fokus auf das Marmelade-Einkochen und die Tomatenpflanzenpflege. Mermaidcore vereint die wenigen Berufsmeerjungfrauen und -männer und die vielen Hobby-„Merpeople“ mit ihrer märchenhaften glitzernden Unterwasserästhetik usw.
Die Landschaft der Subkulturen wächst und verändert sich immer schneller. Es gibt unzählige weitere Communitys, deren Dresscodes und Symbole nur noch diejenigen erkennen und verstehen, die selbst dazugehören. Die „feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdieu) sind inzwischen so fein geworden, dass es unmöglich wird, die unendliche Anzahl an Gruppen zu kennen und ihre Bedeutung zu verstehen.
In Vor-Internet-Zeiten waren Subkulturen gebunden an eine bestimmte, meist politische Haltung, oft organisch um einen bestimmten Musikstil gewachsen. Es gab klare Erkennungsmerkmale, die über gewisse Zeiträume stabil waren und es der Mehrheitsgesellschaft ermöglichten, Individuen bestimmten Subkulturen zuzuordnen. Die Hippies hatten lange Haare, trugen bunte Batikkleider und feierten friedlich zu psychedelischer Musik. Rocker steckten in schwarzen Lederjacken und Brothel-Creeper-Schuhen und hörten Rock’n’Roll. Hip-Hopper erkannte man an Ghettoblaster, weit geschnittenen Hosen, Hoodies und Sneakers. Gemein war allen Subkulturen eine klare Abgrenzung zur Mehrheitskultur – ein Ausdruck des symbolischen Widerstands.
Die Ausdifferenzierung der verschiedenen Subkulturen in immer feinere Subgruppen und Nuancen lässt sich in der Aufsplittung der Musikgenres nachverfolgen. Das relativ klar umrissene Genre „Punk Rock“ fächerte sich bereits Ende der 1970er-Jahre in eine Reihe von Subgenres aus, etwa Ska Punk, Anarcho Punk, Streetpunk, Oi!-Punk, Horrorpunk, Postpunk, Hardcore Punk, Fun-Punk, Folk Punk. Heute sind die Genres so diversifiziert, dass viele Menschen erst durch ihren Spotify-Jahresrückblick erfahren, welche Genres sie gern hören.
Auch mit Kleidung symbolischen Widerstand zu demonstrieren, ist praktisch unmöglich geworden. Die Allgegenwärtigkeit und Zugänglichkeit von Kleidung macht es schwer, mit dem, was man trägt, ein Statement abzugeben. Und entstehende subkulturelle Strömungen werden heute in unglaublichem Tempo vom Mainstream absorbiert und monetarisiert. Das zählt nicht nur für Mode. Sogar die Sprache löst sich von bestimmten sozioökonomischen und ethnischen Hintergründen. Begriffe wie „Slay“ oder „Yas“ stammen ursprünglich aus der schwarzen US-Drag-Szene und wurden durch das Internet und Serien wie „RuPaul’s Drag Race“ verbreitet. Heute nutzen alle möglichen Menschen Ballroom-Jargon, ohne den geringsten Bezug zu dieser Subkultur zu haben.
Dieser Mix-and-Match-Zugang zu allen möglichen subkulturellen Elementen höhlt den eigentlichen Charakter und die Funktion von Subkulturen in der Gesellschaft aus. Den unzähligen Nischenkulturen, die vor allem online entstehen und vergehen, fehlt das subversive Element. Sie teilen oft eher ein loses „Look and Feel“ als ein Werte-Set, eine politische Haltung oder auch nur einen bestimmten Lebensstil.
Die Subkultur war immer ein Gegenmodell zur Mehrheitsgesellschaft. Sie braucht den Mainstream, um sich von ihm abzugrenzen. Mit dem Schwinden des Mainstreams verlieren daher auch die Subkulturen an Substanz. In der Postmoderne fehlen zunehmend verbindliche, kulturelle Standards und Normen. Man orientiert sich nicht mehr am Allgemeinen – am Mainstream –, sondern am Besonderen. In einer solchen Gesellschaft lösen Authentizität und Einzigartigkeit das Normale und Gewöhnliche als erstrebenswerte Ideale ab (vgl. Reckwitz 2019). Prestige ist nur noch in der Individualität zu erreichen – seien es individuelle Spitzenleistungen, eine einzigartige Kreativität, außergewöhnliche Ideen oder die Perfektion des physischen Selbst.
Die Hyperindividualisierung hat Identität zum Teil eines fluiden, unverbindlichen und größtenteils selbst gewählten Lebensstils werden lassen, getragen von einem gigantischen globalisierten Markt, der ständig neue Ressourcen zur Selbstverwirklichung – und Selbstoptimierung – anbietet. Fraglos hat die Individualisierung neue Wahlfreiheiten und eine nie zuvor dagewesene Optionenvielfalt geschaffen, das eigene Leben nach subjektivem Gutdünken zu gestalten.
Doch das Projekt der einzigartigen Selbstentfaltung, dem sich das postmoderne Individuum heute gegenüber sieht, birgt auch ein hohes Frustrationspotenzial. Der Anspruch auf Einzigartigkeit und die Abwertung des Durchschnittlichen erzeugen einen immensen Druck. Trotz immenser Möglichkeiten zur Gestaltung des ultimativ erfüllten Lebens ist die Zahl von Menschen, die unter Depressionen und Ängsten leiden, beängstigend hoch. Die vielen tragischen Tode, die auf Suizid oder Drogenmissbrauch zurückgehen, die sogenannten „Deaths of Despair“, sind die Spitze des Eisbergs einer zutiefst unglücklichen Gesellschaft (vgl. Brooks 2023).
Schauen wir auf die Hard Facts, so leben die Menschen in spätkapitalistischen Wohlstandsgesellschaften in paradiesischen Verhältnissen: Wir leben länger, sind reicher, gesünder und autonomer als je zuvor. Gleichzeitig erodiert jedoch das Paradigma der Selbstentfaltung einen wichtigen Baustein von Zufriedenheit: den Gemeinschaftssinn.
„Früher wurden die Menschen in Gemeinschaften geboren und mussten ihre Individualität finden. Heute werden die Menschen als Individuen geboren und müssen ihre Gemeinschaft finden.“
K-Hole, 2013
Doch Zufriedenheit braucht Zugehörigkeit, einen geteilten Gemeinschaftssinn mit gültigen Werten und Normen, eine kollektive Bestimmung, die nicht aus einem aufgeblasenen Unternehmenszweck besteht. Unter den scheinbar wahllosen Strukturen der Hyperindividualisierung beginnt sich bereits leise eine neue Wir-Kultur zu formen, die sich aus geteilten Anliegen und einer Sehnsucht nach Zugehörigkeit speist. Diese neuen Wirs sind mehr als neue Subkulturen. Sie haben begriffen, dass Zufriedenheit eine Gemeinschaftsanstrengung ist.
Als Antwort auf zunehmende Komplexität durch rapide technologische Fortschritte und die weltweite Vernetzung entwickelt sich eine tief verwurzelte Sehnsucht nach Gemeinschaft. Dabei werden Co-Prinzipien wie Co-Creation, Co-Living oder Co-Working zu zentralen Organisationsprinzipien der vernetzten Gesellschaft, denn sie stärken menschliche Potenziale.
10. Oktober 2023
Wie ein roter Faden durchziehen soziale Techniken des Kollaborierens und Kooperierens die Geschichte der Menschheit. Ob in frühen archaischen Stammesgesellschaften, strategischen Interessengemeinschaften oder zeitgenössischen Subkulturen: Menschliches Zusammenleben ist grundlegend geprägt durch kollaborative Strukturen. Sie manifestieren sich an unterschiedlichsten Stellen und Orten einer Gesellschaft.
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich insbesondere in den Wohlstandsgesellschaften der Erde individualistische Prinzipien ausgebreitet und tief im Selbstverständnis der Menschen verankert. Das wachsende Streben nach Autonomie, Selbstbestimmung und differenzierten Lebenswelten macht Gesellschaften vielfältiger und bunter. Gleichzeitig vernetzen neue Technologien eine immer größere Zahl von Menschen miteinander – online wie offline, privat wie professionell. Aber das Zusammenspiel von Individualisierung und Digitalisierung führt auch in eine Paradoxie: Trotz – und auch wegen – der steigenden Autonomie und Vernetzung steigt das Gefühl der Einsamkeit und Überforderung.
Als direkte Antwort darauf entstehen heute überall neue Gemeinschaftsformen – Co-Cultures. Auf der Suche nach Empathie und sozialer Resonanz finden sich mehr und mehr Menschen in fluiden Communitys zusammen, um sich dem wachsenden Komplexitätsdruck der Welt zu stellen. In diesen hybriden Kollektivkonstrukten drückt sich eine tiefe Sehnsucht nach Beziehungen, Zusammenhalt und gemeinschaftlichen Identitäten aus. Die Kooperation als menschliche Grundkompetenz wird wieder zu einem maßgeblichen Organisationsprinzip von Gesellschaften: dem Co-Prinzip.
Das Co-Prinzip beschreibt zukunftsfähige Kooperationsformen zwischen Menschen, die Freiheit und Komplexität mit Bindung und Empathie vereinen. Solche Phänomene lassen sich mittlerweile in vielen gesellschaftlichen Bereichen beobachten. Menschen tauschen und teilen Kleidung, Werkzeug, Lebensmittel, Autos und vieles mehr. Dahinter steckt auch ein neues Verständnis von Eigentum, das immer häufiger als Mittel zum Zweck betrachtet wird.
Ein Resultat dieses wiederbelebten Leitmotivs ist die Co-Mobility. Für Fahrräder, Autos, E-Scooter und viele weitere Verkehrsmittel entstehen Sharing-Angebote, um eine unkomplizierte, effiziente und kostengünstige Fortbewegung zu ermöglichen. Die gemeinschaftliche Nutzung von ganzheitlichen und vernetzten Mobilitätslösungen reduziert in urbanen Gebieten die Verkehrsbelastung. In ländlichen Umgebungen kann sie Mobilitätslücken schließen. Auf diese Weise bringen Lösungsansätze der Co-Mobility individuelle Bedürfnisse verschiedener Menschen zusammen – und erhöhen die Lebensqualität.
In der Arbeitswelt verbreiten sich kooperative Arbeitsmodelle unter dem Begriff Co-Working. Dabei geht es um mehr als nur räumliche Koexistenz in stylischen Gemeinschaftsbüros. Co-Working-Spaces bieten gerade in Zeiten von Hybrid Work oftmals mehr Flexibilität als traditionelle Büros, weil sie unterschiedlichste Menschen und Interessen miteinander verbinden. Die Mischung aus einzelnen Rückzugsräumen und kollektiven Begegnungsorten macht sie zu Schmelztiegeln der Produktivität, des Wissensaustausches und der Kreativität.
Auch im Lebensalltag drückt sich der Wunsch nach Gemeinschaft immer stärker aus. Angesichts zunehmender Isolation durch das Aufbrechen alter Sozialstrukturen wie der traditionellen (Groß-)Familie, definieren Menschen den Begriff des Zuhauses neu. Sie finden sich in vielfältigen Gemeinschaften zusammen und teilen ihren Alltag. Das Prinzip der Wohngemeinschaft erlebt durch das Co-Living eine Renaissance, die weit über das klassische Modell hinausgeht und neue Verbindungen schafft: Senior:innen und Studierende unterstützen sich im Alltag. Und im Co-Parenting ergänzen sich Alleinerziehende oder Paare in der Erziehung ihrer Kinder.
Eine weitere wichtige Ausprägung des Co-Prinzips beschreibt die Co-Creation, die Transformation von Konsumierenden zu Produzierenden. Während konventionelle Massenware an Attraktivität verliert, erleben selbständig und in Zusammenarbeit geschaffene oder reparierte Produkte einen Boom. Der Anspruch nach sinnvollen und umweltverträglichen Produkten zeigt sich in Gemeinschaftsgärten oder offenen Werkstätten – und verdeutlicht den Wunsch nach sozialen Umfeldern kooperativen Denkens.
Die wohl größte Herausforderung des Co-Prinzips liegt darin, Co-Kompetenzen zu entwickeln und neue Denkweisen zu etablieren: weg vom Primat individueller Bedürfnisse, hin zur stärkeren Gewichtung kollektiver Herausforderungen und Lösungen. Im Kern geht es also darum, nicht mehr nur eigene Vorteile optimieren zu wollen, sondern jene Formen von gemeinschaftlicher Co-Kultur und Co-Creation herzustellen, die echte Selbstverwirklichung überhaupt erst ermöglichen.
Die Wiederbelebung der Kunst des Zusammenlebens, des Prinzips der Kooperation, ist angesichts von fortschreitenden Technologien und sozialen Verwerfungen nicht nur eine Notwendigkeit: Sie eröffnet auch eine Vielzahl von Möglichkeiten für die nächste Gesellschaft. In der Transformation zur Co-Society erschließt das Co-Prinzip neue Horizonte für kreative Zusammenarbeit und fördert die Entwicklung nachhaltiger und gemeinschaftlicher Lösungen. Denn für die Bewältigung kommender Herausforderungen gilt das gleiche wie für die Gestaltung besserer Zukünfte: Es geht nur gemeinsam.