Abschied von den Megatrends

Warum die Zukunft nicht (mehr) geradeaus liegt

Der Begriff „Megatrend“ hat in den letzten zwanzig Jahren eine steile Karriere zurückgelegt. Megatrends reduzieren Komplexität, indem sie vielschichtige Phänomene wie Globalisierung oder Digitalisierung auf einen simplen Begriff zurückführen. Doch diese Form der linearen Zukunftserzählung funktioniert in unserer heutigen Zeit nicht mehr. Das Zeitalter der Megatrends ist vorbei.

von Matthias Horx

Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“

In den vergangenen zwanzig Jahren hat der Begriff „Megatrend“ eine steile Karriere zurückgelegt. Geprägt von dem amerikanischen Publizisten John Naisbitt, bezeichnet der Begriff die langfristigen Big Shifts, die unsere Welt verändern: Digitalisierung, Globalisierung, Urbanisierung, Alterung, Individualisierung, Klimawandel. 

Megatrends sind beliebt, weil sie die Vielschichtigkeit der Welt auf einen simplen Begriff reduzieren. Sie suggerieren ein verlässliches Geradeaus. Das entlastet unser kognitives System, führt aber auch zu Wahrnehmungsverzerrungen. Zu Zukunfts-Halluzinationen.

Nehmen wir die Globalisierung, den gewaltigen ökonomischen Leit-Trend der vergangenen 30 Jahre. Wir erwarten, dass es immer so weitergeht mit dem globalen Marktgeschehen. Das rasend schnelle Zusammenwachsen der Weltwirtschaft zu einer einzigen ökonomischen Sphäre, einem Superweltmarkt, ist sozusagen gesetzt. Aber heute sieht man eher das Gegenteil: Neue Brüche entstehen, Kriege und Turbulenzen wuchern, Pandemien verändern die Spielregeln. Wir erleben ein Zerfasern der globalen Wertschöpfungs- und Wertschätzungsketten. Wie beschreiben wir diese neue Wirklichkeit, diese paradoxe Dynamik – in der sich, wenn man genauer hinschaut, zugleich schon eine neue Weltordnung abzeichnet? 

Das Versprechen der Digitalisierung

Oder betrachten wir die Konnektivität, die Digitalisierung. Je mehr das Digitale in unsere Alltagswelt eindringt, desto mehr enthüllt es seine Schattenseiten. Schaut man aber durch die Brille „Digitalisierung“, kann man diese Schatten nicht wahrnehmen. Auf eine paradoxe Weise verbindet Digitalisierung nicht Systeme, Menschen und Kulturen zu einer immer höheren Konnektivität, sondern entfremdet und zersplittert sie. Digitalisierung erzeugt selten seamlessness, sondern produziert Myriaden von „Schnittstellen“ (wörtlich), die gewachsene Systeme zerstören – und unser Leben eher unsicherer und konfuser machen.  

Die Digitalisierung ist die heilige Zukunfts-Kuh unserer Tage. Dass sie gerade dabei ist, an vielen Fronten zu scheitern, wird in der technoiden Zukunfts-Debatte kaum erörtert. Die ist nämlich rein linear: Digitalisierung wird als Lösung für Probleme propagiert, die sie gar nicht lösen kann. Und alle nicken brav mit den Köpfen. Nein, es geht mir nicht um eine „Abschaffung“ der Digitalisierung – die ohnehin nicht möglich wäre. Sondern um ihre sinnvolle Implementierung. Um eine Human Digitality.

Auch der Megatrend Individualisierung fliegt uns derzeit um die Ohren. Das liegt auch daran, dass Individualisierung und Individualität ständig in einen Topf geworfen werden. Individualismus ist eine Ideologie der egoistischen Abgrenzung, Individualität die Formung eines stabilen Selbst in Verbundenheit. Individualismus macht uns zu Konsumierenden, Einzelnen, Ichlingen. Individualität macht uns zu Mit-Menschen, die sich auf neue Weise vereinbaren. Das zu differenzieren, ist vielleicht der Schlüssel zur Frage, wie das Miteinander in einer hypervernetzten Co-Society aussehen könnte.

Jeder Trend hat einen Tipping Point

Jeder Trend, ob groß oder klein, gerät irgendwann in eine Sättigung. An einen Tipping Point, an dem er seine Richtung ändert. Jeder Trend erzeugt früher oder später Gegentrends, aus denen Paradoxien entstehen, die nur auf einer höheren Komplexitätsebene gelöst werden können. So hat die Globalisierung einen massiven Gegentrend zum Nationalismus erzeugt – aber was kommt danach? Die evolutionäre Dynamik dieser Trend-Gegentrend-Spiralen zu beschreiben, das „verschlungene Wesen der Welt“ zu verstehen (so der Zen-Philosoph Mathieu Richard), wäre die Königskunst einer neuen Zukunftsforschung.

Wache Zukunftsforschung

Langsam wird auch deutlich, dass die bekannten Megatrends aus einer eingeengten Sichtweise stammen. „Globalisierung“ war immer ein Begriff, der sich aus den Interessen und Perspektiven des industriellen Westens heraus definierte – auch wenn er von Eliten in anderen Ländern benutzt wurde. Vielleicht muss Trend- und Zukunftsforschung auf gewisse Weise „woke“ werden. Damit meine ich nicht den hysterischen Übermoralismus, der heute die Diskurse verdirbt. Sondern die Urbedeutung von woke: als Wachheit der Wahrnehmung. Als die Fähigkeit, über den eigenen Definitionshorizont hinauszudenken. Und zu einem tatsächlich globalen oder planetaren Denken zu gelangen.