Wie kann der Übergang aus der Krise des Kapitalismus in eine zukunftsfähige Next Economy gelingen? Unternehmer und Sym-Co-Founder Michael Schwienbacher identifiziert die Entwicklung leistungsfähiger Business-Ecosysteme als Schlüsselaufgabe für die Transformation hin zu einem Verantwortungskapitalismus, der den Menschen wieder in den Fokus nimmt. Der Ecosystem-Experte erklärt, warum Vertrauen und ein funktionierendes „Füreinander“ zu den zentralen Prinzipien der Next Economy gehören.
Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.
24. März 2026
Michael Schwienbacher ist Ecosystem-Entwickler, Co-Founder des Business Ecosystems Sym und Co-Initiator des beyond economy Movements. Er zählt zu den führenden Experten für Business-Ökosysteme und die Transformation in eine neue Wirtschaftswelt, die People, Planet und Profit vereint.
Was hat dich dazu gebracht, Ecosysteme für die Wirtschaft zu entwickeln?
Ich komme aus der klassischen Kapitalismus-Ecke: M&A, Restrukturierung, hohe Finanzierung – wo alle im Kampf gegeneinander sind. „Geiz ist geil“ und „The winner takes it all“ haben uns dahin gebracht, wo wir heute sind. Gleichzeitig leben wir in den nächsten Jahrzehnten in einer Welt voller Kriege, Abschottung und Populismus. Wir brauchen Sicherheit, Schutz und Binnenmärkte. In den letzten Jahren hat sich meine Sicht im Sinne eines „Verantwortungskapitalismus“ weiterentwickelt: Ich glaube, dass wir durch eine Ecosystem-Ökonomie einen Mehrwert schaffen können. Das ist Symworking – symbiotisch wirtschaften am Vorbild der Natur.
Was genau ist ein Ecosystem in diesem Kontext?
Ein Business Ecosystem ist wie ein Konzernverbund aus Unternehmen, die gemeinsam einkaufen, verkaufen, Wissen und Daten nutzen und Tools so aufstellen, dass sie als Verbund am Markt einen Vorteil haben. Entscheidend ist die Transparenz und Datenhoheit über Lieferketten, Wertschöpfung, Skills und Werte. Alles verbindet eine gemeinsame Vision und Leitwerte, auf die alle hinarbeiten. Ein Branchen-Ökosystem umfasst etwa 50 bis 100 Unternehmen, ein regionales Ökosystem 250 bis 500.
Das klingt nach Netzwerk oder Cluster – ist es aber nicht. Der entscheidende Unterschied: In einem Business Ecosystem sind die Unternehmen strukturell miteinander verwoben. Wer im System wächst, stärkt die anderen. Das erzeugt eine andere Qualität von Kooperation als ein Branchenverband oder ein IHK-Stammtisch – gemeinsame Infrastruktur, gemeinsame Governance, messbare Wertbeiträge für alle.
Diese Denkweise funktioniert auf mehreren Ebenen. Beispielsweise beim Thema Infrastruktur: Ich baue in einem Technopark eine Küche. Alle dürfen sie nutzen, jede Partei zahlt nur einen Anteil. Bei zehn Parteien entsteht finanzieller Profit. Damit kann ich wiederum qualitativ bessere Lebensmittel einkaufen. Die Menschen vor Ort werden besser versorgt, weniger krank, gehen lieber zur Arbeit. Die Rendite steigt – es entsteht ein Mehrwertkreislauf. Dieses Prinzip überträgt man dann auf Daten, Vertrieb und so weiter.
Vertrauen ist die Währung der Zukunft – nicht Daten.

Welche Arten von Ökosystemen gibt es?
Zum einen gibt es die sogenannten Innovations-Ökosysteme, die meist klassisch rund um Start-ups, Venture Capitals und Hochschulen organisiert sind. Darüber hinaus gibt es heute auch immer mehr Daten-Ökosysteme wie beispielsweise Gaia-X. Und nicht zuletzt gibt es die Business-Ökosysteme, die auf Wertschöpfung und Realwirtschaft abzielen und sich mit Innovations- und Daten-Ökosystemen verbünden. Als Ökosystem-Architekt sehe ich nur Ökosysteme. Die nächste Stufe ist, diese differenziert zu beschreiben, in Reihe zu schalten und in Symbiose zu bringen – damit jedes davon profitiert. Das könnte so aussehen: Ein Start-up entsteht im Innovations-Ökosystem. Dann kommt ein Business-Ökosystem am Standort und sagt: „Hier ist die Realwirtschaft, hier sind Kunden, bringt es in die Anwendung.“ So arbeiten Ökosysteme miteinander – wenn sie füreinander sind.
Die Transformation der Wirtschaft umfasst den Weg vom Gegeneinander zum Nebeneinander, zum Miteinander, zum Füreinander.
Für den Mittelstand ist das Business Ecosystem der entscheidende Typus – weil er direkt auf reale Wertschöpfung zielt: gemeinsamer Einkauf, gemeinsamer Vertrieb, gemeinsame Innovationskapazität. Innovations-Ökosysteme rund um Start-ups und Hochschulen erreichen den Mittelstand meist nicht. Was fehlt, ist ein Betreiber, der Business Ecosystems aufbaut und am Laufen hält. Das ist Syms Rolle.
Welche Rolle spielt der Faktor Vertrauen in der Next Economy?
Künftig wird sich alles um Vertrauen und Glaubwürdigkeit drehen. Am Ende machen Menschen das Geschäft und gestalten die Wirtschaft. Wenn wir uns die globale Machtkonzentration anschauen, wird es nur eine handvoll Akteure geben, die die Welt regieren. Dann stellt sich die Frage: Wem vertraue ich? Die Graswurzelbewegung in Deutschland und Europa – vielfältig, regional, werteorientiert, menschenfreundlich – kann eine echte Alternative sein. Wenn wir Vertrauen wollen, müssen wir Ethik – nicht Moral – in den Mittelpunkt stellen und Wirtschaft so gestalten, dass sie im Dienst des Menschen steht. Dafür brauchen wir Leitwerte, zu denen aus meiner Sicht Augenhöhe, Offenheit und Verlässlichkeit gehören. Diese Werte führen zu Effizienz, Vertrauen, Fehlerkultur und einem Füreinander.

Sind Ökosysteme künftig ein Standortvorteil?
Absolut. Man nutzt Synergien nach außen, indem man etwa Einkauf oder Vermarktung und einen gemeinsamen, resilienten Verbund organisiert. Man hat die Vielfalt der Familienunternehmen, aber die Kraft eines Großkonzerns: Datenökonomie, IT-Struktur, KI-gestützte Prozesse, volle Transparenz über die Lieferkette. Der Unterschied zum Großkonzern: Das Familienunternehmen entscheidet selbst – KI-gestützt, eigenverantwortlich. In einem Branchen-Ökosystem können 100 Unternehmen mit je 100 Mitarbeitenden Effizienz steigern und Innovation vorantreiben – über Kreislaufwirtschaft, Rohstoff-Unabhängigkeit, alternative Produktionsstandorte.
Ich prophezeie: In zehn Jahren wird es kein Unternehmen mehr geben, das nicht bei einem Unternehmen kauft, welches einem namhaften Ökosystem angeschlossen ist. Das Risiko, mit Einzelkämpfern ohne Transparenz und Skaleneffekte zu arbeiten, wird niemand mehr tragen wollen. Und das ist keine Spekulation. Symtronics zeigt es heute schon: Unternehmen im Ecosystem haben Lieferketten stabilisiert, Einkaufskosten gesenkt, neue Produkte entwickelt, neue Märkte erschlossen – gemeinsam. Was Einzelunternehmen in volatilen Beschaffungsmärkten allein nicht schaffen, funktioniert im strukturierten Verbund.
Wie können wir Vertrauen und Nützlichkeit messbar machen?
Momentan messen wir das über Umfragen, die letztlich subjektiv bleiben. Hier sehe ich ein Handlungsfeld für Forschung und Entwicklung, zum Beispiel können digitale und soziale Produktpässe vorangetrieben werden. Denn Wirkungsmessung ist eine wichtige Grundlage: Wie nützlich ist ein System für den Menschen, wie nützlich ist der Mensch für das System?
Wichtig ist: Es funktioniert nicht über Bestrafen, sondern über Begeistern, an die Hand nehmen und die Chance geben, es besser zu machen. Wir müssen wegkommen von Strafsystemen hin zu Fördersystemen. Niemand will abgeholt werden – die Menschen wollen begeistert werden. Und die Sprache ist entscheidend: Wenn ich „Wir unterstützen uns gegenseitig“ höre, bekomme ich Gänsehaut – weil „gegen“ schon sprachlich darin angelegt ist. „Wir unterstützen uns wechselseitig“ ist etwas ganz anderes. Die Sprache ist der Beginn einer anderen, füreinander ausgerichteten Wirtschaft.
Wie kommen Menschen in strategischen Positionen in dieses Ecosystem-Mindset?
Sie müssen sich Ecosystem Development and Operations Companies anschließen – die sind dafür verantwortlich, Mindset, Wissen und Transformation aufzuziehen. Das funktioniert nicht opportunistisch, sondern ist systemisch beschreibbar, entwickelbar, erforschbar. Warum ist die Automobilbranche kaputt? Weil die Akteure vor 40 Jahren angefangen haben, gegeneinander zu wirtschaften. Der Einkäufer hat den Lieferanten abgezogen. Jetzt wundern sie sich, dass niemand Innovation vorantreibt, weil niemand dem anderen Daten gibt. Das müssen wir neu aufziehen.
Systemische Transformation ermöglicht höhere Geschwindigkeit, weil vieles miteinander umgesetzt wird. Wenn jeder als Einzelkämpfer agiert, kommt er nicht vorwärts. Deswegen ist China so schnell: Die fahren schon immer den systemischen Ansatz. Europa muss seinen eigenen systemischen Ansatz entwickeln – einen, der die Stärken des Mittelstands und der Familienunternehmen nutzt.
Um dieses Denken zu fördern und erlebbar zu machen, haben wir das beyond economy Movement als Ökosystem-Treiber aufgebaut: Im Rahmen des Movements veranstalten wir ein Festival und eröffnen Räume, in denen Unternehmen, die Wirtschaft neu denken wollen, aufeinandertreffen. Das ist ein gutes Eintrittstor ins Ecosystem-Denken für viele, die noch nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

Die Next Economy ist eine Rückbesinnung darauf, wozu wir überhaupt arbeiten, sagt der Arbeitsforscher Dr. Hans Rusinek. Er erklärt, wie im Arbeitskontext der Next Economy wieder mehr Sinn entstehen kann – und wieso Organisationen Hoffnung als Handwerk nutzen sollten.
Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.
24. März 2026
Dr. Hans Rusinek ist Arbeitsforscher, Berater sowie preisgekrönter Bestseller-Autor („Work-Survive-Balance“). Er lehrt an der Universität St. Gallen, ist Fellow im Club of Rome und Visiting Lecturer für AI & Organisational Transformation an der ESMT Berlin. Im Herbst erscheint im Penguin Verlag sein neues Buch über Hoffnung und Arbeit.
Was ist die Next Economy?
Die Next Economy beschreibt einen Perspektivwechsel: weg von einer Wirtschaft, die den Status quo lediglich verwaltet, hin zu einer Wirtschaft, die Zukunft gestaltet. Anthropologisch betrachtet war organisierte Arbeit schon immer unsere zentrale soziale Technologie, um existenzielle Bedrohungen in lösbare Probleme zu verwandeln – und um aus gemeinsamem Problemlösen gesellschaftliche Hoffnung zu schöpfen. Die Next Economy ist insofern auch eine Rückbesinnung darauf, wozu wir überhaupt arbeiten.
Arbeit ist unsere soziale Technologie, mit der wir Zukunft herstellen – verlieren wir das, verlieren wir Hoffnung.
Aus arbeitssoziologischer Sicht funktionierte diese Technologie zuletzt eher schlecht als recht. Studien zu sogenannter „Bullshit Work“ oder organisationaler Entfremdung zeigen, dass ein wachsender Anteil der Beschäftigten Schwierigkeiten hat, die gesellschaftliche Relevanz der eigenen Tätigkeit zu erkennen. Das ist ein Thema, das mich stark geprägt hat – nicht zuletzt, weil ich den leider viel zu früh verstorbenen David Graeber noch als Student an der London School of Economics erleben durfte. Fakt ist: Wer sein Wirken nicht mehr für relevant hält und sich innerlich zurückzieht, stürzt nicht nur in psychologische Krisen, sondern stürzt auch unsere Wirtschaft in eine Krise der Krisenbewältigung.
Welche Herausforderungen kann die Next Economy lösen?
Die Next Economy adressiert nicht nur ökologische und ökonomische Transformationsfragen, sondern vor allem die dem zugrundeliegende strukturelle Sinnkrise der Arbeit: steigende Entfremdungserfahrungen, sinkende emotionale Bindung und wachsende Erschöpfung in vielen Arbeitskontexten. Wer Arbeit wie einen Zahnarzttermin behandelt (möglichst selten hin, möglichst dabei an etwas anderes denken), wird sich keine bessere Zukunft erarbeiten können. Sinn ist also der Schlüssel für eine Bewältigung der Omnikrise.
Die größte Wirtschaftskrise unserer Zeit ist nicht Produktivität – sondern Bedeutung.
Hinzu kommt ein demokratiepolitischer Aspekt: Organisationen sind zentrale Sozialisationsorte moderner Gesellschaften. Forschung zeigt, dass Erfahrungen von Mitbestimmung, Fairness und Wirksamkeit im Arbeitskontext eng mit Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen zusammenhängen. Wir üben Entfremdung, Bullshit und Autokratie im Büro – und wundern uns über Populismus.

Welche Themen prägen die Wirtschaft heute und morgen?
Die Wirtschaft bewegt sich zunehmend in Spannungsfeldern: zwischen technologischer Automatisierung und menschlicher Urteilskraft, zwischen Wachstum und planetaren Grenzen, zwischen Effizienzlogiken und sozialer Stabilität.
Die Transformationsforschung zeigt, dass Organisationen in Krisen häufig regressiv reagieren – sie verstärken vertraute Routinen, statt neue Lösungslogiken zu entwickeln. Zukunftsfähige Wirtschaftssysteme zeichnen sich dagegen durch institutionalisierte Lernfähigkeit aus. Denn die größte Gefahr in Transformationszeiten ist nicht Unsicherheit – sondern die Sicherheit alter Denkweisen.
Du sprichst von einer Sinnkrise der Arbeit. Was sind ihre Ursachen?
Die Sinnkrise entsteht häufig dort, wo Menschen zwar hohe Aktivität erleben, aber geringe Wirksamkeit. Organisationsforschung beschreibt dieses Phänomen zunehmend als strukturelle Überorganisation von Abstimmungsprozessen bei gleichzeitiger Unterorganisation realer Problemlösung.
Sinn entsteht dort, wo gesellschaftlicher Beitrag und persönliche Bedeutung zusammenfallen.
Sinn ist ein bisschen fluffig als Thema und da ich dazu den Lehrauftrag an der Universität St.Gallen habe, ist mir die klare wissenschaftliche Definition wichtig: Sinn in der Arbeit bezeichnet das Zusammentreffen von objektivem Wert (Ich erarbeite sinnvolle Lösungen für echte Probleme) und subjektiver Wertschätzung (Ich fühle mich dabei – sinnlich eben! – wertgeschätzt). Es reicht nicht nur, relevante Probleme wertvoll zu lösen, sonst würden in NGOs oder Pflegeeinrichtungen alle nur vor Sinnfreude durch die Gegend hüpfen – es muss auch ein wertschätzendes Arbeitsumfeld geben. Sinn und Sinnlichkeit liegen sprachlich ja nicht zufällig nah beieinander. Sinn entsteht also dort, wo Menschen erleben, dass ihre Arbeit sowohl gesellschaftlich relevant als auch persönlich bedeutsam ist.

Warum brauchen Organisationen mehr Wirklichkeitskontakt?
Organisationen entwickeln zwangsläufig eigene Binnenlogiken. Studien zu organisationaler Entscheidungsqualität zeigen jedoch, dass langfristig erfolgreiche Organisationen systematisch Irritationen zulassen – etwa durch externe Perspektiven, heterogene Teams oder Feedbackschleifen mit Betroffenen.
Wirklichkeitskontakt bedeutet daher, institutionalisierte Lernmomente einzubauen, in denen bestehende Annahmen überprüft werden. Innovation beginnt meist dort, wo Organisationen aufhören, sich selbst zu glauben.
Wie wird Hoffnung zur sozialen Praxis?
Hoffnung ist das konsequente Weiterdenken des Sinngedankens. Sinn beschreibt, warum Arbeit Bedeutung hat – Hoffnung beschreibt, wie wir mit dieser Bedeutung Zukunft gestalten. Anders als Optimismus verspricht Hoffnung keine heile Welt, und anders als Pessimismus kapituliert sie nicht vor Unsicherheit. Hoffnung akzeptiert, dass wir die Zukunft nicht kennen, aber dass wir sie gemeinsam beeinflussen können.
Optimisten glauben, dass alles gut wird, und lehnen sich zurück. Pessimisten glauben zu wissen, dass alles schlecht wird, und ergeben sich. Hoffnungsvolle oder possibilistische Menschen sagen: Es könnte gut werden – wenn wir handeln. Hoffnung ist ein Handwerk, Optimismus und Pessimismus sind eher passiv machende Gewissheiten. Das wird deutlich, wenn wir soziale Bewegungen betrachten. Bei Fridays for Future etwa wäre es absurd zu behaupten, sie seien Optimist:innen, die wissen würden, dass es gut ausgeht. Pessimist:innen sind sie jedoch ebenso wenig, denn sie geben nicht auf. Sie sind praktisch Hoffende – und machen sich an die Arbeit.
Hoffnung wächst nicht aus einer passiven Erwartung – sondern aus Erfahrung von Wirksamkeit.
Wenn wir Hoffnung als Handwerk verstehen, liegt der Ball im Feld der Unternehmen. Organisationen müssen dafür ein passendes Mindset entwickeln, das Unsicherheit nicht verdrängt, sondern als Gestaltungsraum versteht. Sie müssen ein Toolset bereitstellen, das Zusammenarbeit, Lernen und Beteiligung ermöglicht – und ein Skillset fördern, das Menschen befähigt, Verantwortung zu übernehmen, Perspektiven zu verbinden und Probleme gemeinsam zu lösen. Hoffnung kann man strenggenommen gar nicht verlieren, sondern nur verlernen. Und Hoffnung entsteht dort, wo diese drei Ebenen zusammenspielen – und wo Menschen erleben, dass ihr Handeln tatsächlich Zukunft verändern kann. Hoffnung kann nicht verordnet werden – sie muss organisiert werden.
Welche Arbeitsformen ermöglichen Lösungen für Zukunftsprobleme?
Arbeitsformen der Next Economy zeichnen sich dadurch aus, dass sie Zukunft nicht linear planen, sondern tastend entwickeln. Und vor allem: ins Machen kommen.
Exzellenz zeigt sich nicht in Konzepten, sondern in Umsetzung. Weniger organisationale Prokrastination, mehr „The Art of Getting Stuff done“!
Viele Organisationen arbeiten noch nach der Vorstellung, dass Veränderung vor allem durch große Masterpläne entsteht und Karrieren auf geraden Leitern stattfinden. Die Zukunft ist jedoch viel zu komplex dafür. Wir nähern uns ihr eher im „Krabbengang“: nicht immer vorwärts, mal eher seitlich, lernend – indem wir ausprobieren, korrigieren und neu ansetzen.
So verändert die Next Economy auch unser Verständnis von Karriere. Zukunft entsteht dann selten durch geradlinige Aufstiege, sondern eben in diesem „Krabbengang“ – also durch seitliche Bewegungen, Rollenwechsel und das bewusste Sammeln unterschiedlicher Perspektiven. Gerade komplexe Zukunftsprobleme lassen sich oft besser lösen, wenn Menschen Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen miteinander verbinden.
Solche Laufbahnen gibt es heute bereits, etwa wenn Mitarbeitende bewusst zwischen Funktionen, Projekten oder Organisationseinheiten wechseln oder temporär in andere Branchen, Start-ups oder gesellschaftliche Initiativen eintauchen. Der Krabbengang wirkt weniger planbar als klassische Karrierestufen, ist aber oft lernintensiver – weil er Vielfalt an Erfahrung ermöglicht und Anpassungsfähigkeit stärkt. Wir brauchen nicht-lineare Karrieren für nicht-lineare Zeiten!
Karrieren werden seltener wie Leitern verlaufen – eher wie Bewegungen im Möglichkeitsraum.
Studien zeigen, dass seitliche Karriereschritte keineswegs Sackgassen sind – im Gegenteil. Forschung des Massachusetts Institute of Technology (MIT) belegt, dass Möglichkeiten zum Quereinstieg die Mitarbeiterbindung stärker beeinflussen als das Gehalt, weil sie Lernen und Abwechslung ermöglichen. Untersuchungen der University of South Florida zeigen zudem, dass Menschen, die sich zunächst seitwärts bewegen, später häufiger befördert werden und stärkeres Lohnwachstum erzielen. Auch organisationsintern zahlt sich diese Beweglichkeit aus: Studien belegen, dass besonders erfolgreiche Führungskräfte mehr interne Wechsel – nach oben und zur Seite – ermöglichen. Organisationen profitieren davon ebenso wie Mitarbeitende, weil Menschen eher Rollen finden, die wirklich zu ihnen passen. Wo Menschen sich bewegen dürfen, entsteht mehr als Karriere – dort entsteht Zukunft. Und oft auch Hoffnung.

Unkontrollierte KI-Fantasien und sozial-ökonomische Spaltung bedrohen nicht nur die Zukunft der Wirtschaft, sondern auch der Demokratie und Freiheit. Um diese Entwicklung abzuwenden, braucht es für Prof. Dr. Marcel Fratzscher in der Next Economy neben einem funktionierenden Multilaterismus auch veränderte Wohlstandsindikatoren und einen neuen Generationenvertrag.
Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.
24. März 2026
Prof. Dr. Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin und unter anderem Mitglied des Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums und der Euro50 Group. Der Ökonom und Politikberater tritt in unterschiedlichsten Formaten als renommierter Autor und Kolumnist zu wirtschafts- und gesellschaftlichen Themen auf.
Vor welchen Herausforderungen steht die Wirtschaft heute und in Zukunft? Wie schaffen wir eine stabile Next Economy?
Meine Erwartung und Sorge ist, dass die künftige Wirtschaft so sehr von Künstlicher Intelligenz und digitalen Technologien dominiert wird, dass sie letztlich zu einer Aushöhlung der Demokratie führen wird. Die Machtkonzentration bei einigen wenigen Unternehmen birgt hohe Risiken für geopolitische Sicherheit und sorgt für fehlende gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe. Das kann wiederum dazu führen, dass die Ungleichheit von Ressourcen, Einkommen, Vermögen extrem zunimmt. Zudem besteht die Gefahr, dass der Staat zu wenig Kontrolle über Technologien hat, die zur Kriegsführung oder Manipulation von Menschen eingesetzt werden könnten. Diese zwei Mechanismen führen in ihrer Extremform letztlich dazu, dass die Demokratie ausgehöhlt wird. Das ist ja auch das, was Leute wie Peter Thiel und andere Tech-Milliardäre sich letztlich wünschen. Eine solche Wirtschaft könnte natürlich auch eine stabile Wirtschaft sein – aber eine, die nicht mehr vereinbar ist mit Demokratie, Teilhabe, sozialer Marktwirtschaft und Frieden und Freiheit.
Welche Prinzipien und Denkmuster werden wichtig, um eine stabile künftige Wirtschaft zu gestalten, die vereinbar ist mit demokratischen Prinzipien?
Der Kernpunkt ist meiner Meinung nach eine größere Rolle des Staates, staatlicher Institutionen und multilateraler Institutionen. Auf nationaler Ebene ist es schwierig, gegen die Dominanz von KI und digitalen Technologien einiger weniger Unternehmen vorzugehen. Letztlich braucht es mehr Multilateralismus und globale Institutionen. Ich würde sogar so weit gehen: Das Eigentum kritischer Technologien und deren Fähigkeiten, also die Kontrolle darüber, die Regulierung und der Einsatz dieser Technologien muss demokratisch kontrolliert sein.
Wenn das nicht geschieht, entsteht ein Wild-West-Kapitalismus, in dem Wettbewerb nicht mehr möglich ist, wo Innovation gebremst wird, in dem Menschen zu Spielbällen werden – und wo Grundrechte, wie wir sie in unserer liberalen Demokratie kennen, letztlich nicht mehr möglich sind. Hier wird immer das Argument des freien Wettbewerbs genannt, aber die Technologien, um die es geht, sind natürliche Monopole oder Oligopole. Dort wird es keinen fairen Wettbewerb geben.
Ich spreche nicht vom Staat als Innovator oder einer Staatswirtschaft, aber die ultimative Kontrolle über Technologien – was sie können, wie sie sich entwickeln, wie sie genutzt werden – muss staatlich sein, eben weil diese Technologien so potent sind.

Wie kann das konkret aussehen?
Open-Source-Modelle wären ein Ansatzpunkt. Viele meinen: Um Teilhabe – und auch wirtschaftliche Teilhabe – zu ermöglichen, müssen Technologien geteilt werden, transparent sein, duplizierbar sein. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es unbedingt wünschenswert ist, wenn jeder Mensch auch privat Zugang zu einem Wissen oder einer Technologie hat, die potenziell enorm Schaden anrichten kann. Deshalb brauchen wir hier sehr enge Public-Private Partnerships, bei denen der Staat Mit-Eigentümer ist und eine Kontrollmöglichkeit hat, über die unternehmerischen Entscheidungen mitzubestimmen.
Das klingt nach Sozialismus, das ist mir sehr wohl bewusst. Aber ich glaube, anders geht es nicht. Regulierungen und das Setzen von Rahmenbedingungen allein werden nicht mehr funktionieren. Denn private Unternehmen und deren Innovationen sind staatlichen Behörden häufig drei Schritte voraus.
Wo brauchen wir echte Paradigmenwechsel, statt nur innerhalb von bestehenden Logiken zu agieren?
Wir müssen Multilateralismus und globale Institutionen stärken. Das ist genau das Gegenteil von der Richtung, in die wir im Augenblick gehen, wo Multilateralismus vor allem durch Trump, durch die USA, durch China untergraben wird. Ein weiterer großer Paradigmenwechsel dreht sich um Grundrechte für Individuen: Wir brauchen ein Recht auf gute Arbeit. Eine der – völlig berechtigten – Sorgen dreht sich heute darum, dass Menschen in ihrer Tätigkeit ersetzt werden, keinerlei Perspektiven mehr haben und sich komplett neu erfinden müssen. Ich glaube, in Zukunft wird es sehr viel um Rechte für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gehen und wie man sinnstiftende Arbeit auch zukünftig bereitstellen kann.

Wie kann ein neuer Generationenvertrag aussehen? Und sind höhere Zukunftsinvestitionen heute eine Belastung oder eine Entlastung für die nächsten Generationen?
Die heutigen Generationen, vor allem die älteren Generationen, leben zu Lasten der jungen und künftigen Generationen. Ein neuer Generationenvertrag müsste deshalb drei belastbare, verbindliche Grundrechte für die jungen und künftigen Generationen enthalten.
Erstens das Recht auf ein autonomes, selbstbestimmtes Leben. Damit meine ich Bildungschancen, das Recht auf eine sinnstiftende Arbeit, die Möglichkeit, privat vorsorgen zu können, die Wertschätzung von Vielfalt und vieles mehr. Zweitens das Anrecht auf einen intakten Planeten. Hier geht es stark um Klima- und Umweltschutz, aber auch KI und Digitalisierung haben einen Einfluss darauf, ob wir noch auf einem lebenswerten Planeten leben, wenn nicht nur die natürliche Umwelt zerstört ist oder sich so rapide ändert, dass es existenzbedrohend ist, sondern auch das technische Umfeld, zum Beispiel durch Kriege und Konflikte. Und drittens das Grundrecht auf soziale Teilhabe. Da geht es um Solidarität, Möglichkeiten der sozialen Beteiligung und starke Sozialsysteme.
Zukunftsinvestitionen sind dabei immer entlastend für die künftigen Generationen – wenn es wirkliche Zukunftsinvestitionen sind und nicht nur als solche verpackt. Investitionen in Bildung sind elementar, aber auch Investitionen in digitale Infrastruktur oder Energieinfrastruktur.
Transformation ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Frage. Wie lässt sich eine Next Economy gestalten, ohne soziale Spaltung zu vertiefen?
Ich glaube nicht, dass man die soziale Spaltung wirklich aufhalten kann, aber man kann sie bremsen. Der Versuch, Technologien so zu gestalten, dass sie eher komplementär zu menschlicher Arbeit sind, als sie zu ersetzen, kann hier ein wichtiger Hebel sein. Das geht sowohl über Qualifizierung der Mitarbeitenden als auch über eine Begrenzung dessen, wie schnell Technologie Dinge verändern kann. Technologien können außerdem beispielsweise im Gesundheitsbereich verwendet werden, um Krankheiten zu heilen, oder im Bereich der SDGs Nachhaltigkeit verbessern und darüber soziale Spaltung überbrücken.
Welche konkreten Hebel erachten Sie als besonders wichtig, um eine Next Ökonomie voranzutreiben?
Wir müssen wieder Kontrolle über technologische Entwicklungen gewinnen. Das kann meiner Meinung nach nur durch die Stärkung multilateraler Institutionen gelingen. Das heißt, wir brauchen globale Institutionen, Kooperation, klare Spielregeln, eindeutige und starke Kontrollmechanismen, die einen Rahmen für Technologie setzen. Das wäre für mich das Allererste und das Wichtigste.
Weiter wichtig ist das Thema Qualifizierung: Menschen beizubringen, wie sie mit neuen Technologien umgehen, wie sie diese für sich nutzen und nicht gegen sich arbeiten lassen. Die Diskussion rund um mögliche Social-Media-Verbote zeigt ja, dass auch im Privaten große Risiken warten. Wir müssen Menschen dazu befähigen, die Chancen der neuen Technologien klug für sich zu nutzen, aber die Risiken und die Kosten zu minimieren.
Außerdem sollte man bei Unternehmen sehr genau schauen, dass man keine Machtkonzentration oder Vermögenskonzentration schafft, sondern möglichst breite Teilhabe ermöglicht.
Wie könnte die Rolle der EU in der Zukunft der Weltwirtschaft aussehen?
Ich sehe die Europäische Union als die letzte Bastion, die den Multilateralismus heute hochhält. Die USA und China haben sich davon ein großes Stück weit verabschiedet. Darin sehe ich letztlich die Hauptrolle oder auch Nische, in der Europa seine globale Rolle finden kann. Natürlich auch als Wirtschaftsmacht, wo Innovationen, gute Jobs, hohe Wettbewerbsfähigkeit mit China und den USA möglich sind. Dafür müssen wir aber weg vom nationalen Denken und nationaler Politik. Das sehen wir im Augenblick nicht, sondern eher eine Zunahme von Nationalismus und Protektionismus.

Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.
4. Dezember 2025
Wir lieben es, Menschen zu kategorisieren. Kohorten in Kästen und Klischees einzuordnen – in „Generationen“. Und: die jeweils nachwachsenden Generationen als verweichlicht, verblendet und faul darzustellen. Das lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sich jüngere Generationen weniger mit ihren vermeintlichen Charakteristika identifizieren.
Schon seit einigen Jahrzehnten kann aufgrund von Individualisierung und (digitalen) Subkulturen kaum mehr von homogenen Gruppen die Rede sein. Die Frage nach den Generationen im 21. Jahrhundert stellt sich unter den Vorzeichen einer veränderten Welt noch einmal ganz neu: Wie können wir Generationen auch in einer hochkomplexen und krisengeschüttelten Zeit noch plausibel definieren?

Aus der Asche des Zweiten Weltkrieges erhob sich eine große Generation, die von Konflikt und liberalem Wertewandel geprägt wurde. Ihre Energie und ihr Selbstbewusstsein bezog sie aus der Auseinandersetzung mit den Überresten des gesellschaftlichen Nazismus. Ihnen ist ein Großteil des Aufstiegs im 20. Jahrhunderts zu verdanken. Doch zugleich wird gerade dieser Erfolg heute zu einer Bürde, an der sie sich mit späteren Generationen reiben.
Die Boomer waren eine zweigeteilte Generation, zwischen Angepassten und Rebellierenden. Die Karriere-Boomer gingen in die Institutionen, machten Karriere in den aufstrebenden Industrien und im rapide wachsenden Dienstleistungssektor. Die rebellischen Boomer gingen auf Sinnsuche. Hier entstanden neue Frauen- und Männerbilder sowie die verlängerte Adoleszenz. Und in den kreativen Branchen kamen auch die rebellischen Boomer schließlich zum Erfolg. Egal, welche Route man wählte: Es lief gut. Die Idee „Man muss es nur mit Herzblut tun, dann klappt es schon“ prägt diese Generation nach wie vor.
Als nachwachsende Generationen die Bomer später mit dem Vorwurf konfrontierten, das Klima ruiniert und den Generationenvertrag gesprengt zu haben, zeigten sie eine starke Abwehrreaktion. Doch diese Generation altert auch mit Selbstzweifeln. Mit Blick auf das Verschwinden der Zukunft in unserer Zeit fragen sich vor allem die progressiven Boomer: Was, wenn der Wandel, den wir vorangetrieben haben, umsonst war? Wenn er in die falsche Richtung ging? Oder sogar den rechten Backlash unserer Zeit auslöste?
Die „verlorene Generation“, die „Generation ohne Zukunft“: So wurde die Nachfolgegeneration der Boomer genannt. Im Schatten der Boomer hatten sie es nicht einfach, denn viele Rebellions- und Wandelenergien waren aufgebraucht. Doch die X-er, die in Zeiten von Kaltem Krieg und Tschernobyl in die Pubertät kamen, konnten auch nicht einfach den Weg in die Anpassung und Normativität finden. Subkulturen wie Punks und Goths wurden zum Abbild einer Generation, die aus Frust, Sorge und einer gewissen Apathie gegenüber der Zukunft entstand. Denn es konnte ja jederzeit vorbei sein.
Dass die Generation X heute den größten Wählerblock der rechtsreaktionären Parteien bildet, kann kein Zufall sein. Vermutlich fanden die X-er das progressive, verändernde Mindset der Rebellen-Boomer schon immer etwas peinlich. Vor allem wirtschaftlich hatte die Gen X einen ähnlichen Deal wie die Boomer: work hard, make money. Ihnen standen – zunächst – die neuen Arbeitsmärkte der Dienstleitungsgesellschaft offen. Sie begannen, mit dem Computer zu spielen. Sie waren die Generation von Walkman, Gameboy und Bibi Blocksberg. Ihre Eltern lasen ihnen „Wo die Wilden Kerle wohnen“ vor. Aber eigentlich sehnten sie sich nach Normalität.
Auf X folgt Y – meine Generation. Als Kinder der Boomer hatten wir wieder richtig Lust auf die Zukunft, wenn auch in einer eher passiven Form. Denn es lief doch alles wunderbar: Die Mauer fiel, die Effekte der Globalisierung zeigten Wirkung, und das Internet, noch in seiner vollen Unschuld, begann die Welt utopisch zu verwandeln. Eine naive, lineare Weltvorstellung, die aber nachvollziehbar war. Es wurde schließlich alles immer besser.
Als wir Millennials um die Jahrtausendwende erwachsen wurden, hatten wir kräftige postmaterielle Tendenzen. Alles schien sich rasant zu verändern, weg von der alten Industriegesellschaft, hinein in die globale Wissensgesellschaft. Und dann kam die Krise. Mit 9/11 änderte sich nicht nur für uns Millennials alles. All die positiven Bilder der Welt drehten sich auf einmal um. Die Globalisierung wurde zum Schreckgespenst, wir waren einfach zu nett gewesen. Auch die Utopien des Digitalen zerfielen: Statt einer „Generation Global“, die eine Sprache spricht, bekamen wir das Gegenteil. Und als wir ins arbeitsfähige Alter kamen, überfuhr uns die Bankenkrise.
So waren wir nicht nur die Generation der großen Beschleunigung und der zündenden Zukunftsenergie, sondern auch die Generation, die die Enttäuschung dieser Verheißungen intensiv erlebte – und die Frage nach dem „Warum“ stellte: die Generation „Why“. Wir reisten viel und weit, lernten problemlos Englisch, die Bildungsexpansion strebte ihrem Höhepunkt zu, mehr als 50 Prozent von uns begannen ein Studium. Aber gerade im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften fanden viele keine gut bezahlten Jobs mehr. Teile der Generation Y erfanden die Wokeness – aber damit war auch keine Revolution zu machen. Es gab zu viel zu denken und zu wenig zu tun. Wir waren Teil einer Art Eliten-Überproduktion, die sich schon bald rächen sollte.
Mit der Generation Z trat eine Generation auf den Plan, die in der Erfahrung eines Energieverlusts lebt. Ihre großen Geschwister hatten die Zukunftseuphorie verbraucht. Mit „Fridays for Future“ versuchten die Z-ler es noch einmal, doch dieser Funke war schnell verloschen.
Aufgewachsen mit und in den sozialen Medien, als erste voll-digitalisierte Generation, geriet die Gen Z früh in die ersten Ausläufer der Omnikrise. Die Pandemie sorgte für einen fast dreijährigen Ausnahmezustand – und trug maßgeblich dazu bei, dass sich Jugendliche heute immer weniger im „echten Leben“ begegnen. Keine Kohorte ist so einsam, konsumiert so wenig Alkohol und hat so wenig Sex wie diese (vgl. Dierig 2025). Die Chance auf eine sorglose Jugend wurde ihnen genommen. Auch das dürfte ein Grund sein für die neue politische Spaltung in rechte und linke Dynamiken unter jungen Männern und Frauen.
Und auch in Sachen Karrierechancen und politischer Veränderungsmöglichkeiten haben die Z-ler einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Vielleicht ist dieser Generation auch deshalb die eigene Gesundheit so wichtig, physisch wie psychisch, von Ernährung bis Psychotherapie.
Weltweit betrachtet, ist die Generation Alpha die größte aller Generationen – nach ihr werden die Kohorten wieder kleiner (vgl. Lundschien 2022). Diese Generation wächst mitten in den Epochenbruch unserer Zeit hinein.
Mehr als die Hälfte dieser Generation hat schon seit der Kindheit ein Social-Media-Profil (ob mit Wissen der Eltern oder nicht). Die Alphas sind nicht nur Digital Natives, sondern eher Digital Zombies – always on. Der digitale Dauerkonsum wird diese Generation nachhaltig prägen. Aber vermutlich wird es auch die letzte Alterskohorte sein, die wir ungeschützt in der digitalen Welt verheizen.
Dennoch werden wir bei der Generation Alpha mehr Optimismus in Richtung Zukunft sehen als bei ihrer Vorgängergeneration. Wie auch mit dem Internet werden sie im Laufe ihrer Karriere erfahren, dass Digitalisierung vieles erleichtern kann, das Menschliche jedoch nicht ersetzt.
Die jungen Erwachsenen des Jahres 2045 sind heute noch unschuldige Babys – oder noch nicht einmal geboren. Als Nachfolgegeneration der Generation Alpha könnte die Generation Beta die erste „postdigitale“ Generation sein: Für die „Nonliner“ von morgen wird das Digitale so selbstverständlich sein, dass auch seine exzesshaften Auswüchse Vergangenheit geworden sind. Inklusive der großen KI-Turbulenz, die heute zum Großteil noch vor uns liegt.
Wir stehen vor einer Phase der digitalen Relativierung – die hoffentlich in eine digitale Vernunft münden wird. Mehr als 80 Prozent der Elterngeneration sprechen sich heute für ein Social-Media-Verbot unter 16 Jahren aus (vgl. Agarwala 2025). Die Generation Beta wird eine Schulbildung mit einem hohen Maß an digitaler Aufklärung genießen. Viele heutige Berufe werden sie nur noch aus Erzählungen kennen – die Amazon-Lagerhäuser von morgen werden nicht mehr von Menschen gefüllt. Zugleich wird sich der demografische Druck in der Arbeitswelt für die Betas reduzieren (außer die Boomer finden noch heraus, wie man ewig lebt). Und ihre Eltern werden die letzten „Benzineltern“ sein.
So pessimistisch der Blick auf andere Generationen stimmen mag: Für die Beta-Babys von heute und morgen lässt sich einiges an Optimismus aufbringen – vor allem, wenn man vom unentwegten Schwingen von Trends und Gegentrends ausgeht. Denn diese dialektische Dynamik des Wandels prägt auch das ewige Spiel der Generationen.

Heute schon an morgen und übermorgen denken, am Wochenende die nächste Woche planen, am Jahresende das kommende Jahr … Wir sind es gewohnt, Zeit als eine Linie zu begreifen. Ein Pfeil, der von der Vergangenheit unaufhaltsam in die Zukunft Zeit. Aber was, wenn wir dieses lineare Denken beiseitestellen und uns auf andere Denkfiguren einlassen? Wenn wir in unserer Umwelt nicht Linien, sondern Zyklen suchen?
Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.
von Nina Pfuderer
4. Dezember 2025
Lineares Denken durchzieht die westlichen Gesellschaften wie ein roter Faden, von der christlichen Heilsgeschichte über die kapitalistische Wachstumslogik bis hin zum modernen Fortschrittsglauben. Das Diktat der Linearität hat uns fest im Griff. Es muss immer weitergehen, am besten schnell nach vorn und steil nach oben. Wachstumskurven gefallen den Menschen am besten, wenn sie linear sind, also bitte ohne Einbrüche und Abzweigungen nach unten. Auch Trendlinien werden noch immer linear gedacht – weil man sie so am einfachsten in die Zukunft verlängern kann.
Eine ganze Zeit lang hat das ziemlich gut funktioniert. Die westlichen Wohlstandsgesellschaften entwickelten sich lange nur nach oben, alles wuchs immer weiter – Globalisierung, Urbanisierung, Vernetzung, materieller Überfluss. Doch in den vergangenen zehn bis 15 Jahren begann das Diktat der Linearität zu bröckeln. Inzwischen kommt uns die Vorstellung von Wachstum ohne Grenzen hohl vor. Gerade in den herausfordernden Zeiten der Omnikrise bringt uns das alte lineare Denken nicht mehr weiter.
Noch im Agrarzeitalter waren Menschen viel enger mit diesen natürlichen Rhythmen verbunden. Unser natürliches Zeiterleben ist rhythmisch – so wie die Jahreszeiten, wie Tag und Nacht, wie der weibliche Zyklus. Auf hell folgt dunkel, auf Ebbe folgt Flut, auf Anspannung folgt Entspannung. Klar, es ist eine große Errungenschaft, dass wir heute Elektrizität, Supermärkte und Flugzeuge haben. Wir sind zu Herrscher:innen über Raum und Zeit geworden, haben die Zeit begradigt. Doch immer deutlicher stellt sich inzwischen die Frage: Haben wir dabei vielleicht etwas Wesentliches verloren?
Zyklisches Denken und Fühlen markiert den Übergang vom industriellen zum symbiotischen Zeitalter: Alles kehrt wieder, indem es sich neu zusammenfügt.
Zyklen sind Wellenbewegungen, in die Zukunft gedachte Kreise. Sie kehren immer wieder – aber nie genau gleich. Sie sind kein Hamsterrad, kein „Zurück auf Los“, sondern bringen mit jeder neuen Phase eine gewisse Veränderung, eine Reifung mit sich. Es gibt Zyklen, die Milliarden von Jahren umfassen, und solche, die nur wenige Sekunden dauern. Naturphänomene wie die Erdrotation, Mondzyklen, Jahreszeiten, sogar Leben und Tod folgen zyklischen Mustern. Auch der Mensch ist Teil dieses natürlichen Kreislaufs – physisch, biologisch, hormonell.
Die zyklische Ordnung der Dinge spiegelt sich auch in den Kulturen der Menschen. Vom Aufstieg und Untergang ganzer Kulturen bis zu Modezyklen, die Märkte und Zeitgeist bestimmen. Alles kommt irgendwann wieder – Schlaghosen, Schulterpolster, Arschgeweih. So entstehen „Kurven“ oder „Evolutionslinien“, an denen sich gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen (vgl. Link 2019).
Wie Mode und Kultur folgen auch politische Strömungen zyklischen Mustern: Alte Rollenbilder, historische Symbole und autoritäre Tendenzen kehren zurück. Wer angesichts solcher Rückschläge der Verzweiflung nahe ist, kann Trost im zyklischen Denken finden: Ein Backlash ist selten endgültig, sondern meist nur ein vorübergehender Tiefpunkt, bevor sich der Zyklus wieder aufschwingt und neue Chancen, Entwicklungen und Bewegungen ermöglicht.
Der Wirtschaftswissenschaftler Edward Russell Dewey (1895– 1978) widmete sein Leben der Erforschung und Messung von Zyklen. Er fand mehr als 500 verschiedene zyklische Phänomene in 36 verschiedenen Wissensbereichen, etwa im Wachstum eines Kürbisses, in den Schwankungen von Luchsbeständen, in der Variation menschlicher Emotionen – und in der Wirtschaft.
Durch die Erforschung zyklischer Bewegungen wollte Dewey verlässlichere wirtschaftliche Vorhersagen ermöglichen. Er nahm an, dass Menschen in Rhythmen auf natürliche Zyklen reagieren und so andere Zyklen, auch ökonomische, beeinflussen. Er beschrieb Zyklen als Wellen um eine gebogene Trendachse: Ein Trend wächst zunächst fast linear, stößt an Grenzen und erreicht ein Plateau. Solange der Trend steigt, fallen die Wellen weniger auf – der Tiefpunkt eines Zyklus kann sogar über dem vorherigen Höhepunkt liegen. Erst wenn das Wachstum abflacht, werden Auf- und Abbewegungen deutlich; Krisen wirken dann überraschend, sind aber Teil der schon lange wirkenden Zyklen.

Folgt man Deweys Analysen, könnte die gegenwärtige Phase der Omnikrise einen Punkt markieren, an dem der Aufwärtstrend abflacht, sodass die zyklischen Auf-und Ab- Bewegungen überdeutlich werden. Vielleicht erklärt sich so auch ein Stück weit, weshalb uns Trumps zweite Amtsperiode noch bedrohlicher vorkommt als die erste und warum die Erfolge der AfD in einer geopolitisch und sozial angespannten Lage noch mehr schmerzen: Trendbewegungen, die uns linear erscheinen, nehmen wir als wichtiger und größer wahr als die Zyklusbewegungen, die um die Trendlinie herum liegen.
Um eine Trendwende herbeizuführen, braucht es laut Dewey äußere oder innere Impulse – etwa Innovationen, gesellschaftliche Veränderungen oder außergewöhnliche Ereignisse –, die bestehende Zyklen verstärken oder abmildern und so neue Dynamiken ermöglichen. An diesem Punkt setzt auch die transformative Zukunftsforschung des Future:Project an: mit der Formulierung und Förderung konstruktiver Zukunftsnarrative, die sich aus dem Inneren der Gesellschaft heraus entfalten. Ein solches Narrativ kann auch das Denken in Zyklen selbst sein.
Oft schreckt uns das Zyklische ab, weil es den Anschein erweckt, wir würden wieder dort ankommen, wo wir schon einmal waren – ohne Fortschritt, vielleicht sogar im Rückschritt. Doch Zyklen bedeuten keine Stagnation. Jede Wiederkehr trägt eine Veränderung in sich, führt zu einer neuen Stufe der Komplexität und der Reifung. Wie eine Spirale, die sich nach oben windet. Dieses Denken ist auch im individuellen Erleben hilfreich. Zwischen einem Punkt, an dem wir jetzt stehen, und dem Ziel, das wir anstreben, erzeugt unser Gehirn leicht Stress: Die Amygdala aktiviert Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktionen und hemmt so das rationale Denken des präfrontalen Cortex (vgl. Goleman 1996; vgl. Arnsten 2009). Wer dagegen ein „Growth Mindset“ kultiviert, begreift diese Lücke nicht als Gefahr, sondern als Spielraum (vgl. Dweck 2006). Entwicklung heißt dann, sich im Prozess zu weiten, aus Fehlern zu lernen und Wandel als natürlichen Teil des Zyklus zu akzeptieren.
Der Schlaf-Wach-Rhythmus und der Menstruationszyklus beeinflussen Konzentration, Kreativität und Extrovertiertheit. Wer seinen Chronotyp kennt und respektiert, lebt im Einklang mit dem natürlichen Energieprofil: morgens nicht auf Höchstleistung pochen, nachmittags lieber Bewegung einbauen, statt sich dagegenzustemmen. Auch der Hormonzyklus lässt sich nutzen: die Lutealphase für Reflexion und Detailarbeit, die Ovulationsphase für wichtige Termine, die Follikelphase für kreative Prozesse (vgl. Erler 2023). Es geht nicht darum, eigene oder fremde Kalender strikt an natürliche Zyklen anzupassen. Vielmehr hilft es, mit dem eigenen Rhythmus zu arbeiten – und Gelassenheit zu bewahren, wenn etwas nicht optimal gelingt. Denn jede Phase geht vorbei. Und mit dem nächsten Zyklus, manchmal schon nach ein paar Stunden, bieten sich neue Gelegenheiten.
Traditionelle Unternehmen sind oft linear organisiert, doch immer mehr Arbeits- und Organisationsformen folgen Zyklen. Die Lean-Startup-Methode etwa basiert auf wiederkehrenden Abläufen: planen, handeln, testen, scheitern, anpassen, erneut testen. Auch Planungs-, Feedback- und Reporting-Prozesse sind meist monatlich getaktet. Moderne Kulturen gehen noch weiter und berücksichtigen biologische Rhythmen, hormonelle Zyklen und neurobiologische Reaktionen. Organisationen, die zyklisch denken, verstehen Wandel anders: Sie wissen, dass Wachstum endlich ist, dass verschiedene Rhythmen ineinandergreifen und auch Krisen nur eine Phase darstellen.
Während klassische Business-Logiken auf permanente Skalierung und lineare Zielerreichung setzen, arbeiten zyklische Organisationen mit der Zeit statt gegen sie.
Zyklisches Denken ist kein romantisches Naturideal, sondern ein praktisches Instrument, um Erschöpfung, Krisendenken und überfordernde Linearität zu überwinden. Auf individueller Ebene hilft es, Aufgaben an biologische Rhythmen anzupassen, Stress zu reduzieren und mehr Geduld mit sich selbst und anderen zu entwickeln; auf organisatorischer Ebene ermöglicht es adaptive, wandlungsfähige Strukturen.
Gesellschaftlich erlaubt uns das Verständnis zyklischer Bewegungen, Trends und Krisen als Wellen zu erkennen – und dadurch ruhiger und nachhaltiger zu entscheiden. Wir lernen, „beyond crisis“ zu sehen und neue Zukünfte zu imaginieren. Und zugleich schärft das Denken in Zyklen unser Bewusstsein für die tiefe Verbindung zwischen uns selbst und allen, die uns im zyklischen Lauf des Lebens umgeben: Wir sind eingebettet in vergangene und zukünftige Traditionen – eine Art transgenerationale Umarmung mit unseren Vor- und Nachfahren.
Zyklen lehren uns, dass alles wiederkehrt und jeder Tiefpunkt eine Chance auf Aufschwung birgt – denn in den seltensten Fällen bleiben wir in regressiven Zyklen gefangen. Die Zyklen der Zukunft sind Synthesen des Vergangenen auf einer höheren Ebene. Wer das versteht, gewinnt Orientierung und Gelassenheit in chaotischen, katastrophischen Zeiten.

– Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.
7. November 2025
47 Likes für das Frühstücksfoto, 23 für das Workout-Video, aber nur zwölf für den Post über die berufliche Neuorientierung … Was sagen diese Zahlen über mich aus? In Millionen von Köpfen flackern solche Fragen täglich auf. Die sozialen Medien haben eine neue Form der Ich-Bestätigung geschaffen, die sich als „Profilizität“ beschreiben lässt: Unsere digitalen Profile sind zu einer zentralen Quelle unserer Identitätskonstruktion geworden.
Im Rahmen dieser Profilizität verbringen Menschen heute immer mehr Zeit damit, ihr Leben zu dokumentieren – manchmal mehr, als es zu leben. Jeder Moment wird gefiltert durch die Frage: Wie kommt das online an? Wie werde ich von anderen gesehen? Die digitale Selbstpräsentation erzeugt paradoxe Effekte: Nie waren wir vernetzter – und zugleich einsamer. Nie hatten wir mehr Möglichkeiten zur Selbstdarstellung – und sind unsicherer denn je, wer wir eigentlich sind. Nie konnten wir individueller sein – und verhalten uns dabei gleichförmiger denn je. Eine ganze Generation wächst auf im Modus der permanenten Selbstbeobachtung und dem unstillbaren Bedürfnis nach Resonanz.
Doch die Profilizität der sozialen Medien ist mehr als ein generationales Phänomen. Sie ist das Krisensymptom einer epochalen Veränderung, die unser Verständnis von Identität grundlegend wandelt. Denn aus den Überreizungen der Hyperindividualisierung, die sich in den digitalen Feedback-Logiken spiegeln, erwächst zugleich ein nächstes Ich-Verständnis. Dieses „nächste Ich“ löst sich von der Ego-Fixierung und richtet sich neu aus, indem es auf das Grundprinzip der Identitätskonstruktion zurückgreift: die fundamentale Verbundenheit des einzelnen Menschen mit den Um- und Mitwelten.

Wir leben in einer Zeit der immer weiter fortschreitenden Individualisierung, geprägt von hochgradiger Ich-Zentrierung und zunehmender Vereinzelung. Wer würde dieser Deutung widersprechen wollen? Nahezu alle soziologischen Analysen beschreiben die spätmoderne Gesellschaft als von radikaler Ich-Zentrierung geprägt – doch der digitale Medienwandel verändert diese Dynamik grundlegend. Und gerade dieser historische Medienwandel bewirkt nun einen epochalen Umbruch in der Menschheitsgeschichte.
Wir befinden uns mitten im Übergang von der modernen Gesellschaft zur neuen Netzwerkgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Im Zuge dieser Umwälzung, die von digitalen Kommunikationsmedien vorangetrieben wird, entstehen neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen – und damit auch ein neuartiges Verständnis von Individualität und Identität. Das kommende Leitbild der Identität entspricht dem Paradigma des Netzwerks: Das nächste Ich versteht sich weniger als atomare Einheit, sondern als etwas, das elementar eingewoben ist in größere Zusammenhänge.
Der Treiber für diesen Paradigmenwandel ist die zunehmende Krisensituation, in die das spätmoderne Ich im Zuge der digitalen Transformation geraten ist. Insbesondere der Siegeszug der sozialen Medien hat das persönliche Profil zur zentralen Bühne der Identitätsdarstellung und Resonanzgenerierung gemacht. Die Parole der Profilizität lautet: „Ich bin, was mein Profil an Feedback erzeugt.“ Die vielfältigen Auswüchse dieses Prozesses sind inzwischen überdeutlich und reichen weit über Social Media hinaus, bis in die Grundstrukturen der Gesellschaft. Immer deutlicher wird dabei: Die Ära der Hyperindividualisierung ist an einen Scheitelpunkt gelangt.
Diese Dynamik prägt nicht nur Social Media, sondern auch Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Denn im Kontext der Profilizität wird die eigentliche Sache weniger wichtig als ihre Kuratierung, Quantifizierung und Validierung. Deshalb dominieren Rankings, Ratings und Brandings heute zunehmend das gesellschaftliche Geschehen. Für die Art und Weise, wie wir Identität konstruieren, bedeutet das: Der Schein wiegt mehr als das Sein.
Die Ausrichtung auf maximale persönliche Performanz umfasst auch die Anpassung an die Logik der Algorithmen, die unsere individuellen Befindlichkeiten, Sorgen und Wünsche immer granularer ansteuern können. Paradoxerweise fördert jedoch gerade diese persönliche Zurechenbarkeit auch eine De-Personalisierung: Denn smarte Algorithmen adressieren ja nicht das „In-dividuum“, sondern das „Dividuum“: das, was teilbar, quantifizierbar und statistisch verwertbar ist. So wird die einzelne Person zunehmend zur austauschbaren Adresse. Die digitale Wirtschaft befeuert die Hyperindividualisierung – und entwertet dabei zugleich die individuelle Persönlichkeit.
Die Spannungslinien der Profilizität machen deutlich: Die Hyperindividualisierung hat sich ihre eigene Krise geschaffen. Die Folge ist ein wachsendes Unbehagen an den digital befeuerten Ich-Überreizungen, das schon länger im öffentlichen Bewusstsein gärt – und nun zunehmend an einen Kipppunkt gelangt. Was aber folgt auf diesen Exzess der Individualisierung? Was kennzeichnet das „nächste Ich“, das aus dieser Krise erwächst?

Je spürbarer die Nebenwirkungen der Profilizität werden, umso stärker wächst die Sehnsucht nach echter Verbundenheit – nach Zugehörigkeit zu etwas, das über das eigene Ich hinausreicht. So mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Ära der „Singularität“ an ein Ende kommt – jene Epoche, in der sich Gemeinschaften vor allem um Lifestyle-Entscheidungen bildeten, nicht um gemeinsame Identitäten und Anliegen.
An die Stelle der postmodernen Ich-Inszenierungen tritt ein neuer Fokus auf Verantwortung und Widerstandskraft. Diese Abkehr vom ewigen Tanz ums eigene Ich ist der erste Schritt in Richtung eines nächsten Identitätsverständnisses. In ihrem Kern steht die Erkenntnis der Interdependenz, der wechselseitigen Abhängigkeit. Die Entfaltung des nächsten Ich zeigt sich vor allem in drei ineinandergreifenden kulturellen Bewegungen:

Ob im Zusammenspiel mit anderen Individuen, mit unseren ökosystemischen Um- und Mitwelten oder mit Computern und Algorithmen: Das „nächste Ich“ folgt dem Leitprinzip der wechselseitigen Abhängigkeit. Es reflektiert und kultiviert die Einbindung in größere Kontexte und Dimensionen. Der gemeinsame Nenner besteht in der komplexen Synthese: In der nächsten Gesellschaft beruht die Ausbildung von Identität und Individualität auf neuartigen Kombinationen, die Widersprüchliches auf höheren Systemebenen zusammenführen.
Damit wird ein weiteres Kapitel in der Geschichte der menschlichen Identitätsbildung aufgeschlagen. In der Vormoderne basierte das Ich auf rollenkonformem Gehorsam. In der Moderne strebte es nach Authentizität und Nichtkonformität. In der Postmoderne regierten Performanz und Profilizität. In der nächsten Gesellschaft werden diese historischen Konzepte nun zu einer neuen Synthese kombiniert: Das nächste Ich entfaltet sich nicht mehr in Abgrenzung zur Welt. Sondern in bewusster Koexistenz mit ihr.

Christian Schuldt ist Soziologe, Zukunfts- und Kulturforscher. Seit vielen Jahren erkundet er, wie Digitalisierung, Vernetzung und KI unser Selbstverständnis verändern – und welche neuen Formen von Identität und Zusammenleben daraus entstehen.
Wann ist KI eine Wundermaschine – und wo stärkt sie die menschliche Weisheit? Im dritten Teil seiner KI-Reihe nimmt Matthias Horx verschiedene Gegenprognosen zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz in den Blick und zeigt, wo sich bereits konstruktive Zukunftspfade dieser Technologie abzeichnen.
Teil 1: Das KI-Gespenst. Wie ein Dämon uns in die Irre führt. Ein Rant (Wutanfall).
Teil 2: 8 Prognosen zur Zukunft der KI.
von Matthias Horx
10. November 2025
Ein einzelner Mensch kann eine ganze Firma führen UND gleichzeitig betreiben. Das One-Person-Superunternehmen ist möglich. Das bietet Chancen für Newcomer, Aufsteiger, Innovateure, Verrückte, Genies, die sonst kein Kapital bekommen würden. Aber auch Fanatiker und Hasardeure oder Hypernarzissten können nun leichter die Welt verderben.
In der Molekularbiologie, der Steuerungstechnik, in der Simulationstechnik (Stichwort Digital Twins) gibt es gewaltige positive Anwendungsbereiche. Also eher dort, wo KI nicht GENERATIV ist, sondern im Hintergrund steuert, rechnet, vergleicht und sortiert, also eher ein Expertensystem ist.
Man denke an die „Lesung“ der Pergamentrollen der Villa dei Papiri in den Ruinen der antiken Stadt Herculaneum. Dort wurde beim Untergang durch den Vulkanausbruch im Jahr 79 a.d. eine der größten Privatbibliotheken der Antike zerstört. Die verkohlten Schriftrollen können heute mit Hilfe von KI teilweise reproduziert werden. Auch in ökologischen Anwendungen kommt KI deutlich in den Win-Win-Bereich: Etwa bei Recycling von Müll in Richtung von Cradle-to-Cradle-Systemen. Oder in der Koordination komplexer Energieinputs und -outputs in einem stabilen regenerativen Energiesystem.
Ein Beispiel aus Kolumbien: Mercedes Bidart, Leiterin der Entwicklungs-Organisation Quipu, erklärte, dass rund ein Drittel des BIP des Landes auf Kleinstunternehmen ohne Bankkonto entfällt. Viele dieser Unternehmer:innen würden sich über einen Kredit freuen, um von der Straßenecke in ein echtes Geschäft umzusteigen, aber keine Bank würde einen Risikogutachter schicken, um mit einer Frau zu sprechen, die an einem Stand Tamales (Gericht aus Maisteig) verkauft. Quipu baute ein System auf, das wie eine App funktioniert: Kleinunternehmer, auch die am Straßenrand, können Fotos ihres Geschäfts einschicken und davon erzählen. Eine KI trifft unter den tausenden von Einsendungen eine Vorauswahl, wer für Kredite in Frage käme.
In einigen Bereichen kommt die Mensch-Maschine-Problematik stärker zum Vorschein, kann jedoch auch leichter gestaltet werden. Nehmen wir die Medizin: KI-Systeme sind oft besser im Diagnostizieren als Ärzte. Kein Wunder: Geschulte Systeme haben weitaus mehr Diagnosen eingelesen als jeder Arzt kennen kann.
Allerdings liegt hier auch eine entscheidende Problematik im Wesen des Menschen: Symptome sind oft unscharf, vielschichtig und psychologisch verwoben. Ob etwas schmerzt und WIE es schmerzt und sich anfühlt, bleibt ein Rätsel, das man leichter mit einem analogen Hirn lösen kann. Manchmal findet man (Mensch) die richtige Diagnose nur durch zahlreiche Kommunikations-Umwege im Patientenkontakt. KI versagt im Medizinsektor eher dort, wo das radikal Subjektive ins Spiel kommt. Heilung und Gesundung haben immer auch etwas mit menschlicher Begegnung zu tun, mit menschlicher Ermutigung, die der Heilende dem Kranken auf den Weg gibt.
Trotzdem können medizinische Bots sinnvoll sein, wo es darum geht, Gesundheit zu erhalten, zu monitoren und zu „coachen“. In Japan sind sprechende Medizin-Bots bei älteren Menschen, die einsam leben, eine wichtige Lebensverlängerung. Die ständige Ansprechbarkeit, die Lernfähigkeit von Medic-Bots, kann Lücken ausfüllen, in die das Gesundheitssystem nicht mehr hineinkommt (vgl. New Yorker 2025).
In der Bildung hängt die Zukunft der KI von der Frage ab, ob wir in der Lage sind, ein Bildungssystem der Meta-Pädagogik zu erschaffen. Mehr als Anleitung zum Weiterdenken und Höherfühlen, weniger zum Wissenserwerb. In diesem Bildungssystem müsste es um die höheren kognitiven Kompetenzen gehen – um das, was Menschen kreativ, autonom und sinnlich kompetent macht. Heutige Pädagogik ist immer noch nahe am „Einfüllen“ von Wissen in junge Köpfe. Wie heißt es so schön: Je mehr Unterricht, desto weniger wird gelernt.
Die Ansätze der Reformpädagogik, deren Wurzeln bis ins vorletzte Jahrhundert reichen, sind dabei nützlich. Lehrer:innen werden immer unwichtiger. Und gleichzeitig immer wichtiger. Das ist das eigentliche Bildungsparadox unserer Zeit.
Die KI fordert den Bildungssektor heraus, sich neu zu erfinden. Auf die harte Tour.

Der Future:Guide Bildung von Stephanie Wössner greift zentrale gesellschaftliche Transformationen auf und zeigt, wie Bildung als Schlüssel zur Gestaltung der nächsten Gesellschaft fungieren kann.
All das passiert gleichzeitig, parallel zueinander. Genau das ist der Grund, weshalb es über die KI keine endgültige Diagnose oder Meinung geben kann. Auch keine exakte Prognose im Sinne vollständiger Voraussicht, „wie es werden wird“. Die Auseinandersetzung der humanen Kultur mit der KI ist ein andauernder, tastender Prozess, bei dem wir dringend mehr menschliches Selbstbewusstsein brauchen. Um daraus einen Selektionsprozess für das Gute und das Bessere zu entwickeln, müssen wir geistig, emotional und mental die Treppe der Evolution eine Stufe höher gehen. Oder besser gleich mehrere.
Die Auseinandersetzung der humanen Kultur mit der KI ist ein andauernder, tastender Prozess, bei dem wir dringend mehr menschliches Selbstbewusstsein brauchen.
Die Gartner-Kurve, ein Analyse-Instrument der gleichnamigen Beratungsgesellschaft, gilt als das Nonplusultra der Technologie-Prognostik. Sie ist gerade in Bezug auf die KI-Entwicklung von großer Bedeutung. Die Kurve ordnet Technologien auf einer Linie von Hype-Faktor durch das „Tal der Enttäuschung“ bis hin zu den realen Anwendungsmärkten. Hier die Gartner-Kurve für KI 2024:

Auffällig ist bei diesen Kurven, dass in linearer Weise immer nur Teiltechnologien aneinander gereiht werden. Das Prognose-System ist, im Kontext human-technischer Adaption, unterkomplex. Das ändert sich auch nicht, wenn man längere Zeiträume ins Auge nimmt:

Hier geht es um 2- 5-10-Jahre-Prognosen. Aber alles scheint noch in weiter Ferne. Seltsam: wird uns nicht täglich von den sagenhaften Erfolgen der KI berichtet, behauptet, dass KI überall schon in Unternehmen verbreitet ist, Alles schon „läuft“, und zwar „immer besser“?
Vielleicht sieht die Kurve in ihrem Verlauf ganz anders aus. Das hier wäre meine Kurve:

Ich vermute, dass die KI den Pfadverlauf linearer Technik-Entwicklungen sprengen wird. Sie wird zu einer Menge Enttäuschungen führen, freigelegten, „nackten“ Hypes. Aber auch zu enormen Positiv-Effekten an Stellen, wo man sie heute nicht vermutet. KI ist eine Überraschungsbox, eine Wundertüte, eine Pralinenschachtel ganz im Sinne von Forrest Gump (oder war es seine Mutter?). Eine Rollercoaster-Technologie. Man könnte aber auch sagen: Ein Dauer-Hype mit Ausschlägen in die bessere Welt.
KI ist alles mögliche:
Ein Dreikörperproblem, das nicht zu lösen ist. Oder eine Synthese von Widersprüchen, die auf Umwegen in die Zukunft führt.
Jede fundamentale Technologie fordert unsere gewachsenen Weltkonstruktionen heraus. Sie zwingt uns zu inneren und äußeren Veränderungen. Zur Reflexion unserer Vor-Stellungen, Selbst-Bilder und Selbst-Konstruktionen, die zu Gewohnheiten und starren „Mentalitäten“ geworden sind.
Sie zeigt das Innere und das Äußere.
In einem neuen Licht.
KI kann unsere Welt verbessern, wenn sie uns anregt, die UNTERSCHIEDE zwischen Mensch und Maschinen deutlicher wahr-zunehmen – Das HUMANUM und das TECHNIUM zu differenzieren. Jene menschlichen Eigenschaften weiter zu entwickeln, die eben NICHT von KI übernommen werden können.
„The technological sublime helps us grasp the power of what we’re creating – but at a cost.“ – Rothman, 2025
„Some people worry that artificial intelligence will make us feel inferior. But then, anybody in his right mind should have an inferiority complex every time he looks at a flower.“ – Alan Kay, Erfinder des modernen Computer-Interfaces
Ich gehöre zur vierten Kategorie, den Bloomern. Es muss blühen, um fruchtbar zu werden. Aber wir müssen auch jäten und pflegen. Wir sind die Gärtner der Zukunft. Es wird hart und mühsam, und manchmal spielen das Wetter oder der Zufall nicht mit. Aber es wird trotzdem eine Ernte geben.
PS: Dieser Text wurde mit nur geringer Hilfe von KI erzeugt (für Übersetzungen). Die KI gibt immer nur Antworten. In Richtung Zukunft geht es aber um die besseren Fragen.
37 Parolen, Thesen und Gebote zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz und der menschlichen Kreativität.
Praxisorientierte Workshops zur Künstlichen Intelligenz und digitalen Transformation für Ihr Unternehmen – mit den Expert:innen aus dem Netzwerk von The Future:Project.
Finden Sie inspirierende Vorträge über die Human Digitality und die Zukunft der Künstlichen Intelligenz.
– Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.
von Matthias Horx
3. November 2025
Wir stecken mitten in der Omnikrise. Viele Menschen erleben ein Weltgefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust. Die äußere Welt scheint unveränderbar, starr und gefährlich. Und Fortschritt so gut wie unmöglich. Umso dringlicher brauchen wir deshalb einen Fortschritt in der inneren Welt: eine Weiterentwicklung unserer mentalen und emotionalen Muster.
Dieses Projekt der Selbstveränderung zielt nicht darauf ab, das Leiden der Welt zu leugnen. Sondern: die eigenen Emotionen kennenzulernen und emotionale Intelligenz zu entwickeln. Eine neue Position von Reife, Weisheit und (Selbst-)Verantwortung, die ansteckend wirkt.
Das Spektrum für diese inneren Transformationsprozesse ist bereits breit aufgefächert. Es reicht von der existenziellen Psychologie über die Achtsamkeits- und Yogakulturen bis hin zu den Self-Care- und Mental-Health-Therapien. Von der postchristlichen Spiritualität über die praktische Philosophie bis zu Sinnfindungsprogrammen im Stil von Empowerment und Persönlichkeitscoaching.
Die Bewegung der Innenwendung sucht dabei nicht nur Innerlichkeit, sondern eine menschliche Entwicklung in den Dimensionen der Verbundenheit. Die Introspektion dient also einem größeren, universellen Ziel: der (Wieder-)Ermöglichung einer besseren Zukunft im Außen. Dafür ist es nötig, die Innenbezirke des Mind zu durchschreiten.
Der mächtigste psychosoziale Megatrend der Moderne ist zweifelsohne die Individualisierung. Im Laufe der Wohlstandsentwicklung sind wir immer mehr zu „Ichlingen“ geworden: ganz spezielle Menschen, mit niemand anderem zu vergleichen. Es gibt keinen Film, keinen Roman, kein modernes Narrativ der vergangenen 50 Jahre, das uns diese Botschaft nicht immer wieder eingeimpft hätte. Sei du selbst! Sei frei! Sei anders, kritisch, eigensinnig! Kämpfe für deine Rechte! Pass dich nicht an! Geh deinen eigenen Weg!
Doch irgendetwas ist im vehementen Prozess der Ichwerdung schiefgegangen. Der individuelle Mensch ist zwar zunehmend frei – von allen Zwängen und aller Moral, von den Einengungen des Muss und Darf. Von der Zwangsjacke der Traditionen. Doch zugleich ist er über sich selbst hinausgewachsen – ins Haltlose.
Viele sind heute überfordert von Ansprüchen und Selbstansprüchen, die niemals eingelöst werden können. Wir sind Getriebene von Erwartungen und Konstrukten, die sich immer wieder als Blendungen herausstellen. Wir drücken uns immerzu vor Verantwortungen – und maßen uns gleichzeitig alle Forderungen an.
Das dominante Gefühl unserer Zeit ist die Egomotion, die selbstzentrierte Emotion. Die zentrale Frage lautet nicht: Wer bin ich? Sondern: Wie wirke ich? Überall wirkt das triumphale Ich, das alles kann und will. Oder das klagende, beharrende Ich, das seine Sichtweise, seine emotionalen Ansprüche durchsetzen will. Weil es sich nicht gesehen fühlt. Die Entsprechung auf der politischen Ebene ist Donald Trump, ein wütender Egomane, der offenbar die Erwartungen vieler Wähler:innen repräsentiert.
Die Gesellschaftskrise unserer Zeit hat mit einem Mangel an Erwachsenwerden zu tun. Wir leben in einer Zeit der Unreife. Zu viele Menschen bleiben in regressiven Lebenshaltungen stecken. Die Balance aus Ich und Wir, die Basis für die Moderation des Gesellschaftlichen, ist fragil geworden.
Der verbreitete Mangel an Selbstwissen ist eines der größten Gegenwartsprobleme. In einer hoch individualisierten Gesellschaft haben die meisten Menschen keine Ahnung von sich selbst. Sie sind selbstblind.
Die erste Aufklärung, die um 1700 in Europa begann, versuchte die äußere Welt ins Konkrete, Logische und Verständliche zu bringen. Der rationale Verstand war der Ausgangspunkt für eine Revolution des Bewusstseins, die uns das materialistische Weltbild bescherte. Lange Zeit wirkte diese Hinwendung segensreich.
Heute stehen wir an einem Punkt, an dem wir mit rein rationaler Weltbeschreibung Schiffbruch erleiden. Ein Grund ist die ungeheure Aufblähung des hypermedialen Sektors, der uns die Welt in unendlichen Fraktalen und Widersprüchen spiegelt. Ein Spiegelkabinett, in dem wir uns verirren. Deshalb brauchen wir eine zweite Aufklärung, die – zunächst – den Weg ins Innere geht.
Dieser Weg führt an Dämonen vorbei. An Paradoxien, die von den Religionen nur scheinbar aufgelöst wurden. Das Paradox von Leiden und Glück. Von Sterblichkeit und Überzeitlichkeit. Von Ich und Wir.
Wir brauchen eine zweite Aufklärung, die – zunächst – den Weg ins Innere geht.
Die Kognitionspsychologie lehrt uns, dass wir die Welt nicht wirklich „erkennen“ können, im Sinne eines exakten Abbildes der Realität. Die Realität ist zu komplex, zu „unwahrscheinlich“, um in unseren Kopf zu passen. Wirklichkeit ist immer ein Konstrukt unseres Geistes, der die Zukunft unablässig „voraussagt“, geprägt von Fantasien, Wünschen, Projektionen. Wir scheinen geistig frei, aber sind doch immer das Produkt der kulturellen und mentalen Muster, in die wir hineingewachsen sind.
Der innere Weg riskiert, diese Zusammenhänge aufzulösen. Er wagt, sich ganz hinauszulehnen aus den Konstrukten. Neu anzufangen, neu geboren zu werden. Im geistigen Wachstum erzeugen wir eine neue Wirklichkeit. Dazu braucht man keine Drogen. Sondern „nur“ den Mut, neu anzufangen. Im Wunsch nach Wahrheit und Wirklichkeit, auch nach innen.
Zuallererst geht es darum, ruhig zu werden in unserer rasenden Zeit. Das ist eine schier unmögliche Aufgabe: Wir leben in einer atemlosen Gegenwart, einer Zappelphilipp-Kultur, die von Hysterien getrieben ist und uns mit Aufmerksamkeitsmüll zuschüttet. Innerhalb dieser Matrix der Weltüberforderung gibt es kein Entkommen.
Beim Ruhigwerden helfen fernöstliche Denkweisen, Philosophien und Praktiken, die sich schon seit Jahrzehnten in den individualistischen Kulturen verbreiten. Meditation und die verschiedenen Varianten des Yoga sind heute in den westlichen Gesellschaften verbreitete Kulturtechniken. Sie bilden ein Gegengewicht zum permanenten Steigerungs- und Beschleunigungswahn. Allerdings werden sie bisweilen selbst zum Teil des Steigerungswahns. Es gibt schon Techno-Meditation. Und Turbo-Yoga.
Ruhigwerden, das bedeutet, die innere Konstellation zu verändern, mit der mein Ich mit mir selbst und meiner Umwelt kommuniziert. In der Ära der Hyperdigitalität, in die wir nun zunehmend hineinwachsen, wird die Frage des „klaren Verstandes“ zentral. Das überdrehende Informationszeitalter erzwingt ein Level-up unserer Fähigkeit, mit Informationen, Emotionen und Realitäten ordnend und gleichzeitig konstruktiv umzugehen. Deshalb gehört zum Self-Change immer auch ein Change of Mind. Ein neuer Modus, die Dinge in unserem Kopf zu bewegen.
Im Meer der Lebenshilfe-, Self-Change- und Mental-Health-Angebote hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Netzwerkorganisation mit Bewegungscharakter herauskristallisiert: die internationale Initiative der „Inner Development Goals“ (IDG). „Wir glauben, dass die innere Entwicklung von Natur aus kollektiv, systemisch, multidimensional, nicht-linear, komplex, emergent und chaotisch ist“, heißt es auf der Website.
Die IDG-Initiative veranstaltet jedes Jahr einen spektakulären Kongress in Stockholm. Protagonist:innen sind unter anderem:
Und auch Jon Kabat-Zinn, der Begründer der Achtsamkeitsbewegung, schwirrt um das Projekt herum. Gesprochen wird hier nicht nur die Sprache der Individualpsychologie, sondern auch der Systemforschung, der „mentalen Kybernetik“ und der Humanistischen Psychologie, die nicht nur das eigene Seelenheil, sondern immer auch die soziale Balance sucht.
Das IDG-Netzwerk wirkt bis in die neuen Unternehmenskulturen hinein, in denen Transformationsprogramme zum Teil der wirtschaftlichen Praxis geworden sind. Die fünf großen Ziele der inneren Entwicklung beziehen sich auch auf gesellschaftliche, ökologische und globale Fragen. Analog zu den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen ergibt sich so eine Kartografie der seelisch-geistigen Entwicklungsmöglichkeiten.

Das Motto der IDG-Konferenz 2025 lautete „Bridging Polarities – From Inner Growth to Outer Change“. Das Projekt will Wechselwirkung mit der Gesellschaft erzeugen. Vom Innen ins Außen – und wieder zurück. Im Kern steht die Überzeugung, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit nur zu meistern sind, wenn wir eine neue innere Haltung entwickeln und lernen, sie positiv zu nutzen. Die IDG-Initiative scheint sich zu einem Kern der Human-Upgrading-Bewegung zu entwickeln, dem es gelingt, die Fallstricke des kommerziellen Coaching- und Therapie-Marktes größtenteils zu umgehen. Selbstveränderung soll keine elitäre Selbstbeschäftigung sein, sondern ein Beitrag zur Welt. Ein humanes Grundrecht.

Im zweiten Teil seiner neuen Artikel-Reihe über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz stellt Zukunftsforscher Matthias Horx acht Prognosen über den Fortgang der disruptiven Technologie auf.
Teil 1: Das KI-Gespenst. Wie ein Dämon uns in die Irre führt. Ein Rant (Wutanfall).
von Matthias Horx
4. November 2025
Stellen wir uns vor, zwischen Mensch und Maschine, oder Kultur und Technologie, gäbe es eine Art intimer Beziehung. Das TECHNIUM (ein Begriff des amerikanischen Zukunftsforscher Kevin Kelly) würde mit dem HUMANUM in einem wechselseitige Anpassungs- und Evolutionsprozess stehen. Einer „verschränkten Adaption“, ähnlich wie bei erfolgreichen Paaren.
In der Geschichte haben disruptive Technologien zunächst viel Unheil in menschlichen Verhältnissen angerichtet. Besonders, wenn sie die medialen Systeme betrafen. Die Erfindung des Buchdrucks hat keineswegs direkt in die Bildungsgesellschaft geführt, sondern zunächst die Kriege Europas zu schrecklichen Gräueltaten angefacht. Es dauerte Jahrhunderte, bis daraus aus der Reproduktion von Texten ein „lesendes Bildungssystem“ wurde. Die Dampfmaschine zerstörte gewachsene Lebens-Strukturen der agrarischen Gesellschaft und stürzte ganze Bevölkerungsgruppen ins soziale Elend. Es dauerte Jahrhunderte, bis daraus eine Wohlstands-Welt wurde, in der die Menschen nicht nur Maschinensklaven sind, sondern auch am Fortschritt teilhaben können.
Disruptive Technologien wie die Künstliche Intelligenz sind zunächst ein Nullsummenspiel, in dem die Nachteile die Vorteile überwiegen. Durch die menschliche Kultur, durch humanes Wirken und kulturelle Adaptionen, werden sie aber irgendwann zu Nichtnullsummenspielen. Zu Win-Win-Verhältnissen.
Das ist der grosse Auftrag an unsere menschliche Zukunft: Die KI zähmen und sie in die menschliche Kultur einfügen. Sie „zivilisieren“. Dass wir uns dabei selbst verändern müssen, liegt auf der Hand. Die Frage lautet aber: geschieht dies, indem wir uns dem Maschinellen anpassen? Oder indem wir unsere Menschlichkeit neu entdecken und formen?
Dieser ganze Prozess wird, so sagen es uns historische Erfahrungen mit Querschnitts-Technologien, mindestens ein Vierteljahrhundert dauern. Und ja: es wird mühsam. Aber auch spannend. Und erhellend. Es geht um die Zukunft an sich. Im menschlichen Sinn.
„Ich möchte, dass die KI meine Wäsche und mein Geschirr wäscht, damit ich Kunst machen und Schreiben kann. Nicht, dass KI meine Kunst und mein Schreiben übernimmt, damit ich meine Wäsche und mein Geschirr mache.“Joanna Maciejewska, Autorin und Videospiel-Spezialistin
„Wir sollten kein Prompting lehren. Sondern das Beurteilen von Resultaten.“gefunden auf Substack
Die ungeheuren Investitionen, die heute zum Aufbau der KI verwendet werden, zielen vor allem auf das Versprechen der Effizienzgewinnung in Unternehmen und Organisationen. Um den „Pferdefuß“ zu verstehen, ist es jedoch wichtig, den Unterschied von Effizienz und Effektivität zu kennen.
Effizienz ist ein Prozess, bei dem man mit geringeren Mittel mehr aus einem Teilsystem herausholt. Die Buchhaltung, in der früher 100 Mitarbeiter:innen arbeiteten, wird durch 10 „Botdompteure“ extrem effizient gemacht. Der Aussendienst, diese Schnarchnasen, werden durch Search-Bots im Internet ersetzt, die automatisch Bestellungen schicken und abwickeln. Keine menschliche Handlung mehr nötig. Wahnsinnig viel Geld gespart.
Soviel die Theorie.
Die Praxis sieht aber anders aus, weil sie komplexer ist.
Während Effizienz die Energiedichte eines Teilbereichs benennt, beschreibt Effektivität die innere BALANCE eines Gesamt-Systems. Das Zusammenwirken der einzelnen Teile für das gemeinsame Ziel, einschließlich der daraus resultierenden Aussenbeziehungen. Effektivität regelt durch Feedback-Loops die Prozesse des Systems immer auf die richtig synchronisierte Geschwindigkeit herunter. Man kann es mit einer „Ökologie“ vergleichen: In einem Biotop kooperieren alle Organismen mit- und gegeneinander und gleichen dadurch das Gesamtsystem aus. Wenn eine Spezies „übereffektiv“ wird, kann das ganze System aus der Balance geraten (dann entstehen neue Feedback-Loops des Ausgleichs).
Unausgereifte und „grob“ eingesetzte KI-Technik kann zu unzähligen Schnittstellen-Problemen in den Gesamtabläufen eines Unternehmens führen. Ein Unternehmen, dessen Vertrieb optimiert ist, das aber nicht liefern kann, weil die Fabriken veraltet sind, wird nicht weit kommen. Leicht kann es passieren, dass man einen Großteil der Kunden verliert, wenn man die gesamte Kommunikation auf Bots umstellt. Dann kommt es zu Kaskaden von Beschwerden und Reklamationen, die durch teure menschliche Mitarbeiter ausgebügelt werden müssen. Das System wechselt von KOMPLEX zu KOMPLIZIERT.
Viele KI-Anwendungen erzeugen auch Aversionen. Kunden wollen menschlichen Kontakt. Auch in Zukunft. Mitarbeiter:innen wollen nicht für ihre Selbstabschaffung zwangsrekrutiert werden. Deshalb gibt es in vielen Unternehmen massive interne Widerstände. Brachial eingeführte KI führt oft zu einer Krise der Firmenkultur, die nun keinen Rhythmus, keinen „Einklang“ mehr findet. Alle müssen nun gegeneinander konkurrieren, um sich selbst im Zeichen der Effizienz abzuschaffen.
Der Gott des Chaos betritt die Bühne.
Und bleibt dort sitzen.
Bis er alles auseinandergenommen hat.
„Die erste Regel für jede in einem Unternehmen eingesetzte Technologie lautet: Die Automatisierung eines effizienten Betriebs steigert die Effizienz. Die zweite Regel lautet: Die Automatisierung eines ineffizienten Betriebs steigert die Ineffizienz.“Jaron Lanier, amerikanischer Informatiker und Künstler
PS: Dieser Text wurde mit nur geringer Hilfe von KI erzeugt (für Übersetzungen). Die KI gibt immer nur Antworten. In Richtung Zukunft geht es aber um die besseren Fragen.
Im dritten Teil seiner KI-Reihe nimmt Matthias Horx Gegenprognosen zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz in den Blick und zeigt, wo sich bereits konstruktive Zukunftspfade dieser Technologie abzeichnen.
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Zwischen Reizflut und Resonanz: Wie sich unser Gehirn neu erfindet, um in einer
fragmentierten Welt wieder Zusammenhang zu spüren.
4. November 2025
Es beginnt leise.
Ein leichtes Zucken im Blickfeld, ein neuer Tab, eine Nachricht, ein Gedanke, der nicht zu Ende kommt. Das Gehirn springt, bevor wir es merken. Wir nennen es Multitasking, Effizienz, „up to date“. In Wahrheit ist es vielleicht der größte Umbau unserer Wahrnehmung seit der Erfindung des Buchdrucks.
Nie war die Welt lauter, und selten war sie so schwer zu spüren.
Wir leben in einer Zeit, die Geschwindigkeit für Fortschritt hält und Stille für Stillstand. Alles muss in Bewegung bleiben. Ideen, Karrieren, Identitäten. Doch inmitten dieser
Dauererregung wächst ein gegenläufiges Bedürfnis: nach Tiefe, nach Langsamkeit, nach der Fähigkeit, wieder im eigenen Kopf anzukommen.
Achtsamkeit, Digital Detox, „Slow Living“: Was lange wie Lifestyle wirkte, entpuppt sich als kulturelle Selbsttherapie. Denn der Trend zur Verlangsamung ist kein Eskapismus. Er ist ein neurologischer Reflex.
Neurowissenschaftlich lässt sich die Überforderung der Gegenwart inzwischen messen. Studien zeigen, dass das Default Mode Network – das neuronale Netzwerk, das beim Nachdenken aktiv ist – bei vielen jungen Menschen häufig nur noch fragmentiert arbeitet. Das Gehirn bleibt im Alarmmodus. Es reflektiert nicht, sondern reagiert. Das bedeutet: Wir haben weniger narrative Kohärenz. Wir haben das Gefühl, alles gleichzeitig zu erleben – und verstehen dabei immer weniger.
Trends sind keine Prophezeiungen, sondern Symptome der Jetztzeit. Als Präsenzbeschreibungen vermessen sie nicht nur, was kommt, sondern vor allem auch: was gerade kippt. Wenn heute also Achtsamkeit, Natur und „offline sein“ boomen, erzählt uns das weniger über die Zukunft als über eine Gesellschaft, die ihre neuronale Kohärenz sucht.
Der Wunsch nach Entschleunigung ist kein modisches Bekenntnis, sondern eine physiologische Selbstkorrektur: Das Gehirn versucht, sich wieder zu synchronisieren.
Der Mensch denkt nicht in Daten, sondern in Geschichten. Unser Bewusstsein webt fortlaufend ein Narrativ, das uns erklärt, wer wir sind. Wenn diese Erzählung bricht – durch Überreizung, Informationsüberfluss, algorithmische Fragmentierung –, verlieren wir das Gefühl von Kontinuität.
Die neuen Kulturpraktiken der Entschleunigung sind Versuche, diese Neuronarrative zu reparieren. Meditation, Schreiben, Atmen – alles Übungen, um das Selbst wieder in einen Rhythmus zu bringen.
Die neuronale Neuvermessung der Gegenwart zeigt: Fortschritt heißt künftig nicht mehr, immer schneller zu werden – sondern kohärenter. Technologien werden dann nicht nur nach Leistung, sondern nach mentaler Verträglichkeit beurteilt. Bildung wird nicht nur Wissen vermitteln, sondern Aufmerksamkeit trainieren und Talente entfalten. Denn das Gehirn ist kein Prozessor, sondern ein Resonanzraum.
Vielleicht ist das die eigentliche kulturelle Aufgabe der nächsten Jahre: wieder so zu denken, dass wir uns selbst dabei spüren.
Franziska Brandmeier ist Expertin für Neuroscience & Psychology. Sie spricht über mentale Systeme, Leadership und Bewusstsein als Schlüsselkompetenz einer neuen Ökonomie – und verändert dabei keine Meinung, sondern Denkmuster.