Zyklen der Zukunft

Wie uns ein neues Zeitverständnis Orientierung in chaotischen Zeiten geben kann

Heute schon an morgen und übermorgen denken, am Wochenende die nächste Woche planen, am Jahresende das kommende Jahr … Wir sind es gewohnt, Zeit als eine Linie zu begreifen. Ein Pfeil, der von der Vergangenheit unaufhaltsam in die Zukunft Zeit. Aber was, wenn wir dieses lineare Denken beiseitestellen und uns auf andere Denkfiguren einlassen? Wenn wir in unserer Umwelt nicht Linien, sondern Zyklen suchen?

Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.

von Nina Pfuderer

4. Dezember 2025

Das Ende der Linearität

Lineares Denken durchzieht die westlichen Gesellschaften wie ein roter Faden, von der christlichen Heilsgeschichte über die kapitalistische Wachstumslogik bis hin zum modernen Fortschrittsglauben. Das Diktat der Linearität hat uns fest im Griff. Es muss immer weitergehen, am besten schnell nach vorn und steil nach oben. Wachstumskurven gefallen den Menschen am besten, wenn sie linear sind, also bitte ohne Einbrüche und Abzweigungen nach unten. Auch Trendlinien werden noch immer linear gedacht – weil man sie so am einfachsten in die Zukunft verlängern kann.

Eine ganze Zeit lang hat das ziemlich gut funktioniert. Die westlichen Wohlstandsgesellschaften entwickelten sich lange nur nach oben, alles wuchs immer weiter – Globalisierung, Urbanisierung, Vernetzung, materieller Überfluss. Doch in den vergangenen zehn bis 15 Jahren begann das Diktat der Linearität zu bröckeln. Inzwischen kommt uns die Vorstellung von Wachstum ohne Grenzen hohl vor. Gerade in den herausfordernden Zeiten der Omnikrise bringt uns das alte lineare Denken nicht mehr weiter.

Noch im Agrarzeitalter waren Menschen viel enger mit diesen natürlichen Rhythmen verbunden. Unser natürliches Zeiterleben ist rhythmisch – so wie die Jahreszeiten, wie Tag und Nacht, wie der weibliche Zyklus. Auf hell folgt dunkel, auf Ebbe folgt Flut, auf Anspannung folgt Entspannung. Klar, es ist eine große Errungenschaft, dass wir heute Elektrizität, Supermärkte und Flugzeuge haben. Wir sind zu Herrscher:innen über Raum und Zeit geworden, haben die Zeit begradigt. Doch immer deutlicher stellt sich inzwischen die Frage: Haben wir dabei vielleicht etwas Wesentliches verloren?

Zyklen der Zukunft

Zyklen sind Wellenbewegungen, in die Zukunft gedachte Kreise. Sie kehren immer wieder – aber nie genau gleich. Sie sind kein Hamsterrad, kein „Zurück auf Los“, sondern bringen mit jeder neuen Phase eine gewisse Veränderung, eine Reifung mit sich. Es gibt Zyklen, die Milliarden von Jahren umfassen, und solche, die nur wenige Sekunden dauern. Naturphänomene wie die Erdrotation, Mondzyklen, Jahreszeiten, sogar Leben und Tod folgen zyklischen Mustern. Auch der Mensch ist Teil dieses natürlichen Kreislaufs – physisch, biologisch, hormonell.

Die zyklische Ordnung der Dinge spiegelt sich auch in den Kulturen der Menschen. Vom Aufstieg und Untergang ganzer Kulturen bis zu Modezyklen, die Märkte und Zeitgeist bestimmen. Alles kommt irgendwann wieder – Schlaghosen, Schulterpolster, Arschgeweih. So entstehen „Kurven“ oder „Evolutionslinien“, an denen sich gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen (vgl. Link 2019).

Wie Mode und Kultur folgen auch politische Strömungen zyklischen Mustern: Alte Rollenbilder, historische Symbole und autoritäre Tendenzen kehren zurück. Wer angesichts solcher Rückschläge der Verzweiflung nahe ist, kann Trost im zyklischen Denken finden: Ein Backlash ist selten endgültig, sondern meist nur ein vorübergehender Tiefpunkt, bevor sich der Zyklus wieder aufschwingt und neue Chancen, Entwicklungen und Bewegungen ermöglicht.

Wirtschaft ist zyklisch

Der Wirtschaftswissenschaftler Edward Russell Dewey (1895– 1978) widmete sein Leben der Erforschung und Messung von Zyklen. Er fand mehr als 500 verschiedene zyklische Phänomene in 36 verschiedenen Wissensbereichen, etwa im Wachstum eines Kürbisses, in den Schwankungen von Luchsbeständen, in der Variation menschlicher Emotionen – und in der Wirtschaft. 

Durch die Erforschung zyklischer Bewegungen wollte Dewey verlässlichere wirtschaftliche Vorhersagen ermöglichen. Er nahm an, dass Menschen in Rhythmen auf natürliche Zyklen reagieren und so andere Zyklen, auch ökonomische, beeinflussen. Er beschrieb Zyklen als Wellen um eine gebogene Trendachse: Ein Trend wächst zunächst fast linear, stößt an Grenzen und erreicht ein Plateau. Solange der Trend steigt, fallen die Wellen weniger auf – der Tiefpunkt eines Zyklus kann sogar über dem vorherigen Höhepunkt liegen. Erst wenn das Wachstum abflacht, werden Auf- und Abbewegungen deutlich; Krisen wirken dann überraschend, sind aber Teil der schon lange wirkenden Zyklen.

Folgt man Deweys Analysen, könnte die gegenwärtige Phase der Omnikrise einen Punkt markieren, an dem der Aufwärtstrend abflacht, sodass die zyklischen Auf-und Ab- Bewegungen überdeutlich werden. Vielleicht erklärt sich so auch ein Stück weit, weshalb uns Trumps zweite Amtsperiode noch bedrohlicher vorkommt als die erste und warum die Erfolge der AfD in einer geopolitisch und sozial angespannten Lage noch mehr schmerzen: Trendbewegungen, die uns linear erscheinen, nehmen wir als wichtiger und größer wahr als die Zyklusbewegungen, die um die Trendlinie herum liegen.

Um eine Trendwende herbeizuführen, braucht es laut Dewey äußere oder innere Impulse – etwa Innovationen, gesellschaftliche Veränderungen oder außergewöhnliche Ereignisse –, die bestehende Zyklen verstärken oder abmildern und so neue Dynamiken ermöglichen. An diesem Punkt setzt auch die transformative Zukunftsforschung des Future:Project an: mit der Formulierung und Förderung konstruktiver Zukunftsnarrative, die sich aus dem Inneren der Gesellschaft heraus entfalten. Ein solches Narrativ kann auch das Denken in Zyklen selbst sein.

Zyklisch denken, fühlen, arbeiten

DENKEN IN ZYKLEN: DIE KUNST DES WERDENS

Oft schreckt uns das Zyklische ab, weil es den Anschein erweckt, wir würden wieder dort ankommen, wo wir schon einmal waren – ohne Fortschritt, vielleicht sogar im Rückschritt. Doch Zyklen bedeuten keine Stagnation. Jede Wiederkehr trägt eine Veränderung in sich, führt zu einer neuen Stufe der Komplexität und der Reifung. Wie eine Spirale, die sich nach oben windet. Dieses Denken ist auch im individuellen Erleben hilfreich. Zwischen einem Punkt, an dem wir jetzt stehen, und dem Ziel, das wir anstreben, erzeugt unser Gehirn leicht Stress: Die Amygdala aktiviert Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktionen und hemmt so das rationale Denken des präfrontalen Cortex (vgl. Goleman 1996; vgl. Arnsten 2009). Wer dagegen ein „Growth Mindset“ kultiviert, begreift diese Lücke nicht als Gefahr, sondern als Spielraum (vgl. Dweck 2006). Entwicklung heißt dann, sich im Prozess zu weiten, aus Fehlern zu lernen und Wandel als natürlichen Teil des Zyklus zu akzeptieren.

FÜHLEN IN ZYKLEN: INNERE SCHWINGUNGEN ANNEHMEN

Der Schlaf-Wach-Rhythmus und der Menstruationszyklus beeinflussen Konzentration, Kreativität und Extrovertiertheit. Wer seinen Chronotyp kennt und respektiert, lebt im Einklang mit dem natürlichen Energieprofil: morgens nicht auf Höchstleistung pochen, nachmittags lieber Bewegung einbauen, statt sich dagegenzustemmen. Auch der Hormonzyklus lässt sich nutzen: die Lutealphase für Reflexion und Detailarbeit, die Ovulationsphase für wichtige Termine, die Follikelphase für kreative Prozesse (vgl. Erler 2023). Es geht nicht darum, eigene oder fremde Kalender strikt an natürliche Zyklen anzupassen. Vielmehr hilft es, mit dem eigenen Rhythmus zu arbeiten – und Gelassenheit zu bewahren, wenn etwas nicht optimal gelingt. Denn jede Phase geht vorbei. Und mit dem nächsten Zyklus, manchmal schon nach ein paar Stunden, bieten sich neue Gelegenheiten.

ARBEITEN IN ZYKLEN: MIT DER ZEIT STATT GEGEN SIE

Traditionelle Unternehmen sind oft linear organisiert, doch immer mehr Arbeits- und Organisationsformen folgen Zyklen. Die Lean-Startup-Methode etwa basiert auf wiederkehrenden Abläufen: planen, handeln, testen, scheitern, anpassen, erneut testen. Auch Planungs-, Feedback- und Reporting-Prozesse sind meist monatlich getaktet. Moderne Kulturen gehen noch weiter und berücksichtigen biologische Rhythmen, hormonelle Zyklen und neurobiologische Reaktionen. Organisationen, die zyklisch denken, verstehen Wandel anders: Sie wissen, dass Wachstum endlich ist, dass verschiedene Rhythmen ineinandergreifen und auch Krisen nur eine Phase darstellen.

Zyklen als Zukunftskompass

Zyklisches Denken ist kein romantisches Naturideal, sondern ein praktisches Instrument, um Erschöpfung, Krisendenken und überfordernde Linearität zu überwinden. Auf individueller Ebene hilft es, Aufgaben an biologische Rhythmen anzupassen, Stress zu reduzieren und mehr Geduld mit sich selbst und anderen zu entwickeln; auf organisatorischer Ebene ermöglicht es adaptive, wandlungsfähige Strukturen.

Gesellschaftlich erlaubt uns das Verständnis zyklischer Bewegungen, Trends und Krisen als Wellen zu erkennen – und dadurch ruhiger und nachhaltiger zu entscheiden. Wir lernen, „beyond crisis“ zu sehen und neue Zukünfte zu imaginieren. Und zugleich schärft das Denken in Zyklen unser Bewusstsein für die tiefe Verbindung zwischen uns selbst und allen, die uns im zyklischen Lauf des Lebens umgeben: Wir sind eingebettet in vergangene und zukünftige Traditionen – eine Art transgenerationale Umarmung mit unseren Vor- und Nachfahren.

Zyklen lehren uns, dass alles wiederkehrt und jeder Tiefpunkt eine Chance auf Aufschwung birgt – denn in den seltensten Fällen bleiben wir in regressiven Zyklen gefangen. Die Zyklen der Zukunft sind Synthesen des Vergangenen auf einer höheren Ebene. Wer das versteht, gewinnt Orientierung und Gelassenheit in chaotischen, katastrophischen Zeiten.

Electrify! Die Zukunft steht unter Strom

Aufbruch in das neo-elektrische Zeitalter

von Jonas Höhn

31. Oktober 2025

Haben Sie schon bemerkt, dass Sie Zeitzeuge einer gewaltigen technologischen Revolution sind? Wahrscheinlich denken Sie jetzt zuerst an die rasanten Fortschritte der Künstlichen Intelligenz. Doch während digitale Technologien und KI mittlerweile fast täglich Schlagzeilen machen, bahnt sich fast unbemerkt eine noch grundlegendere Transformation der materiellen Welt an: der Aufbruch in das neo-elektrische Zeitalter.

Die erste große Welle der Elektrifizierung begann Ende des 19. Jahrhunderts. Damals entbrannte der legendäre „Stromkrieg“ zwischen den berühmten Erfindern Thomas Alva Edison und Nikola Tesla. Die beiden Visionäre träumten von einer elektrifizierten Welt, in der Strom unbegrenzt verfügbar ist und Fabriken, Häuser und ganze Städte mit elektrischer Energie versorgt sind. Tatsächlich stammen wegweisende Erfindungen wie das Wechselstromsystem, Transformatoren, Generatoren, elektrische Beleuchtungssysteme oder auch Elektromotoren aus der ersten elektrischen Revolution. Viele dieser Erfindungen prägen – in weiterentwickelter Form – bis heute unseren Alltag.

Damals wurde Strom noch fast ausschließlich aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Da die meisten elektrischen Technologien nicht ausgereift waren und es in vielen Branchen einfacher blieb, Kohle und später Öl oder Gas zu verbrennen, beschränkte sich die erste Phase der Elektrifizierung auf einzelne Anwendungen und Bereiche des täglichen Lebens.

Heute, rund 150 Jahre später, haben sich die Vorzeichen grundlegend verändert. Erneuerbare Energien entwickeln sich mit rasender Geschwindigkeit zur dominierenden Quelle der globalen Stromerzeugung. Doch bei den Zukunftspotenzialen dieser Transformation geht es um weit mehr als die Einsparung von Emissionen. In Wahrheit eröffnet das neo-elektrische Zeitalter Visionen von nahezu unbegrenztem, sauberen Strom, neuen Technologien, die für mehr Lebensqualität sorgen, sinnvollem Wirtschaftswachstum und einem erweiterten Verständnis für Regeneration. Die nächste Revolution der Elektrifizierung gibt der Zukunft wieder ein Fortschrittsversprechen – das Leitbild einer elektrisierenden Zukunft, die immer mehr zur gelebten Realität wird.

Am Anfang einer neuen Zukunft

An dieser Entwicklung können auch ewige Pessimist:innen, notorische Anhänger:innen fossiler Lebensstile und Innovationsverhinderungsprofiteure wie der US-amerikanische Energieminister und Fracking-Unternehmer Chris Wright nichts ändern, der die Energiewende als Kulturkampf inszeniert und die Solar- und Windenergie als „Parasit im Stromnetz“ diffamiert (vgl. McKibben 2025).

Diese Überhitzung im politischen Diskurs verzerrt den Blick darauf, dass es nicht etwa parteipolitische Vorlieben oder die Angst vor den Folgen des Klimawandels sind, die die Energiewende vorantreiben, sondern vor allem global wirkmächtige Marktmechanismen und industrielle Logiken. Der wachsende Erfolg der erneuerbaren Energien spricht eine eindeutige Sprache: Die Energieleistung aus Fotovoltaik und Windkraft steigt seit Jahren mit einer Geschwindigkeit, die kein anderer Energieträger in der Geschichte der Menschheit vorweisen kann. Immer wieder muss die Internationale Energieagentur (IEA) ihre jährlichen Prognosen zum Wachstum der erneuerbaren Energien nachträglich nach oben korrigieren, weil sich die Energierevolution mit einer unvorhergesehenen exponentiellen Dynamik entfaltet (vgl. Meyer 2025).

Nicht nur in China, das sich längst zum Zentrum dieser Technologien entwickelt hat, kann man diese Dynamik beobachten. Es handelt sich um eine globale infrastrukturelle Transformation.

Eine entscheidende Ursache für diese bemerkenswerte Dynamik liegt im Preis. Schon heute produzieren Fotovoltaikanlagen in Kombination mit Batteriespeichern deutlich günstigeren Strom als Kohle- oder Gaskraftwerke – Tendenz steigend (vgl. Kost et al. 2024). Würden wir die zukünftige Ausrichtung unserer Energiesysteme nur nach Kosten und Effizienz beurteilen, gäbe es ohnehin keine Zweifel mehr: Erneuerbare Energien sind mittlerweile nicht nur günstiger, sondern auch wesentlich effizienter als fossile Ressourcen.

Werden Kohle, Öl oder Gas verbrannt, geht ein Großteil der Primärenergie als Abwärme verloren. So verschwenden etwa Autos mit Verbrennungsmotoren bis zu 80 Prozent der eingesetzten Energie, sie sind sozusagen „fahrende Heizungen“ (vgl. Meyer 2025). E-Autos überführen dagegen mindestens 70 Prozent der eingesetzten Energie in die Fortbewegung und speisen die überschüssige Energie über ihre Batterien wieder ins System zurück – sie sind also fahrende Speichertechnologien.

Alles wird elektrisch!

Das energetische Potenzial der erneuerbaren Energien ist unvorstellbar groß. Studien zufolge ließe sich mit Solar- und Windenergie der heutige weltweite Energiebedarf um das Hundertfache decken. Dafür wären lediglich 0,3 Prozent der Erdoberfläche nötig – weniger als das, was wir derzeit für fossile Infrastrukturen aufwenden (vgl. Bond 2021).

Die Aussicht auf nahezu unbegrenzte saubere Energie darf nicht missverstanden werden: Es reicht nicht aus, fossile Energieträger im bestehenden System lediglich durch erneuerbare Quellen zu ersetzen. Wir stehen vor einer radikalen Transformation – der rapide Ausbau von Wind- und Solarenergie stellt das gesamte Energiesystem auf den Kopf. Denn wenn Energie kein Mangel mehr ist, stellt sich die Frage: Wie können wir diese gewaltigen Energiemengen sinnvoll nutzen und verwalten, um eine bessere Zukunft zu gestalten?

Hier kommt die große Elektrifizierung ins Spiel. So wie das Wachstum der erneuerbaren Energien hat die Umstellung von nicht-elektrischen Anwendungen auf Strom in den vergangenen 25 Jahren alle Erwartungen übertroffen. Die Fortschritte bei den sogenannten Electrotechs (Batterien, Fotovoltaikanlagen, Smart Grids usw.) sind erstaunlich.

Weitere Fortschritte stehen kurz bevor. Studien zufolge kann die batterie-elektrische Schifffahrt schon bald durch fallende Batteriepreise, leistungsfähigere Akkus und infrastrukturelle Anpassungen weltweit wettbewerbsfähig werden. China treibt diese Entwicklung mit Nachdruck voran und lässt bereits elektrische Frachtschiffe bauen, deren Akkus sich innerhalb von wenigen Minuten austauschen lassen (vgl. Bork 2025). Schon bald könnten so in den Häfen dieser Welt logistische Ökosysteme auf Basis von Electrotechs entstehen.

Nur in den wenigen Bereichen, die sich gegenwärtig schwer direkt elektrifizieren lassen – etwa der Luftfahrt, Stahlproduktion oder Teile der chemischen Industrie – empfehlen Studien noch den teureren grünen Wasserstoff als komplementäre Lösung (vgl. Schreyer et al. 2024). Ansonsten gilt als sicher, dass elektrische Energiesysteme nicht nur sauberer, sondern längst leistungsfähiger, widerstandsfähiger und technologisch überlegener sind als ihre fossilen Vorgänger.

Zukunft unter Strom

Erwächst der Siegeszug der sauberen Energien primär aus Klimasorgen und politischen Maßnahmen? Mitnichten. Ein zentraler Antrieb der neo-elektrischen Revolution sind neue industrielle Potenziale, technologische Innovationen und eine bessere Energiesicherheit (vgl. Walter et al. 2025).

Das neo-elektrische Zeitalter, in dem Strom zur nahezu universell verfügbaren Ressource und zur Lebensader der Gesellschaft wird, ist keine theoretische Vision mehr, sondern eine realistische Aussicht. Eine Zukunft, die in doppelter Hinsicht elektrisiert.

Zukunft verläuft nicht geradlinig, das führt uns die gegenwärtige Omnikrise deutlich vor Augen. Auch die Zukunft der Elektrifizierung ist kein linearer Prozess, der automatisch erfolgt, trotz der atemberaubenden Fortschritte. Die Transformation unserer Energiesysteme wird Reibungen, Friktionen und Widerstände erzeugen.

Doch wir sollten nicht vor der Zukunft flüchten und sie mit negativen Zuschreibungen wie Vermeidung, Verzicht oder Verbot aufladen. Gerade heute muss Zukunft wieder begeistern können. Die Neo-Elektrifizierung und der Aufstieg der erneuerbaren Energien bringen dieses Begeisterungspotenzial mit, indem sie uns greifbare Chancen auf eine bessere Zukunft eröffnen. Diese Strahlkraft ist ein unschätzbarer Zusatznutzen der neo-elektrischen Revolution: Sie hilft uns, auch die Zukunft unter Strom zu setzen.

Das Ende der Innovation

Überall kommt es zu Ausfällen, Fehlern, Bugs. Züge kommen nicht pünktlich, Brücken sind marode, das WLAN funktioniert nicht. Service-Chatbots treiben uns in den Wahnsinn. Social-Media-Plattformen verkommen zu Generatoren von Hass, Spaltung und Fake News. Und das Passwort fürs Online-Banking haben wir schon wieder vergessen…

von Lena Papasabbas

16. Januar 2025

Das Internet, in dem alles immer leichter und schneller werden sollte, hat sich zu einem Labyrinth aus wenig vertrauenserweckenden Informationsströmen, KI-generiertem Contentbrei und umständlichen Login-Prozessen verwandelt. Statt unsere Lebensqualität zu erhöhen, versuchen wir, uns mit Digital Detox, Offline-Zeiten und reduzierter Bildschirmzeit aus den digitalen Zeitlöchern zu kämpfen und ein bisschen analoges Leben zu retten.

Und dabei leben wir doch im “Zeitalter der Innovation“. So jedenfalls tönt es auf allen Business-Konferenzen und von allen Tech-Giganten. Eine Geschichte, die so oft wiederholt wurde, dass alle sie irgendwie glauben. Sie zu hinterfragen, wäre geradezu peinlich. Man möchte ja nicht von gestern sein. Und schließlich haben wir alle schon beeindruckt mit ChatGPT geplaudert. Was aber, wenn das Narrativ vom rasenden Innovationszeitalter völlig übertrieben ist?

Klar, künstliche Intelligenz kann in datenintensiven Umgebungen wichtige Fortschritte bringen. Aber nehmen wir einmal an, all die viel gefeierten Edge-Technologien, die uns derzeit die phänomenalen Durchbrüche in ein technisches Wunderland suggerieren – KI, Quantencomputer, supersmarte Glasses und Watches – wären gar nicht die Lösungen all unserer Probleme.

Und nehmen wir einmal an, das radikal Neue wäre nicht unbedingt das Bessere. Im Gegenteil.

Innovationen überall

Die US-amerikanischen Autoren Lee Vinsel und Andrew L. Russell beschreiben in ihrem Buch The Innovation Delusion, wie unsere Obsession des „Next Big Thing“ die moderne Zivilisation in die Sackgasse führt. Alle sprechen von Innovation – weil Innovation gleichbedeutend ist mit Profit und Wachstum – aber kaum jemand ist wirklich innovativ.  Deshalb wird jede kleinste Neuerung, jedes Update zur großen Innovation aufgebläht und mit Versprechen über Versprechen aufgeladen. Das führt über kurz oder lang zu Enttäuschung, da hinter den allermeisten Innovationen nicht mehr steckt als toll klingende, aber inhaltsleere Marketingversprechen. 

Echte Innovation dagegen ist häufig weniger spektakulär. Sie ist oft leise und entwickelt sich graduell – und nicht mit einem großen Knall. Echte Innovation verbessert unser Leben, statt es noch komplizierter zu machen.

Die Welt, in der wir leben, funktioniert nicht dadurch, dass wir ständig neue Dinge erfinden, sondern zu einem großen Teil durch Erhalt, Wartung, Pflege und Integration langsamer Verbesserungen.

Das Neue als das Bessere

Der Innovationismus ist kulturhistorisch eine recht neue Erfindung. Noch vor 300 Jahren waren in den meisten Gesellschaften Neuheiten nicht unbedingt hochgeschätzt. Sie galten als obskur, gar Scharlatanerie, weil sie sich noch nicht bewährt hatten. Das änderte sich mit dem beschleunigten Kapitalismus innerhalb weniger Jahre – und mündete in den vergangenen 30 Jahren mit dem Siegeszug des Digitalen in einen regelrechten Rausch. In einer Verherrlichung des Neuen als das Bessere.

Wir waren lange geblendet von einem nie dagewesenen Hype um Innovation. Doch inzwischen sind wir innovationsmüde. Heute stehen wir da, mit all unseren schönen neuen Gimmicks und Gadgets. Und wundern uns, dass in dieser schönen neuen Technikwelt nichts mehr so richtig funktioniert. Nicht nur für uns persönlich. Auch gesamtgesellschaftlich scheint es überall zu bröckeln.

Vinsel und Russell zeigen auf, dass Innovationen immer mehr zu Ersatz-Fetischen für echte soziale Entwicklung und altruistische Werte wie Freundlichkeit und Toleranz geworden sind. Statt an gemeinschaftlichen Werten zu arbeiten, suchen wir die Lösung in der Technologie, in  „Technolutions“, nach dem Motto: „Diese Kryptowährung kann Lieferketten fair machen“ oder „Die fünf besten Apps gegen Armut“. Statt uns als Gesellschaft zu dienen, hat der Hype um Innovation also vor allem dem Wachstumskapitalismus als Hebel genutzt, um uns zu immer besseren Konsument:innen zu machen.

Stabilität statt Innovation

Die vielleicht fatalste Auswirkung dieses radikalen Innovationismus ist der Statusverlust bestimmter Berufe: Wartungstechniker:innen, Klempner:innen, Handwerker:innen jeder Art, Menschen mit Systemwissen, Pflegekräfte, Putzkräfte, selbst IT-Wartungspersonal – all diese Berufe leiden im Zeitalter des Innovationismus unter schlechtem Image. Eben weil sie nichts Neues produzieren, sondern “nur” die Dinge zum Funktionieren bringen und Systeme stabil halten. Sie stören die Illusion des Neuen, das immerzu das Alte ersetzen soll.

Menschen, die dafür sorgen, dass Systeme weiterlaufen, bleiben unbeachtet. Menschen, die vorgeben, etwas radikal anders zu machen, baden in Ruhm und Geld. Doch die entscheidenden Innovationsfelder der Zukunft liegen weder im Hightech noch auf dem Mars.  Sie liegen in scheinbar profanen Dingen wie Krankenpflege, Bildungswesen, Infrastrukturen, verlässlicher Logistik und Transport, Gastfreundschaft und funktionierender Zwischenmenschlichkeit.

Infrastrukturen der Transformation

Infrastrukturen bilden das unsichtbare Gewebe, das die Gesellschaft zusammenhält. Sie sind das stille Fundament, auf dem unsere Lebensweisen, unsere Ökonomien und auch unsere Zukunftsvorstellungen ruhen. In einer Zeit, die von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt ist, treten sie aus ihren Schatten – und offenbaren sich als zentrale politische Frage der nächsten Gesellschaft.

Ein gekürzter Auszug aus „Beyond 2025 – Das Jahrbuch für Zukunft“

von Jonas Höhn

7. November 2024

Symbolbild Infrastruktur

Blickt man auf die maroden Brücken, Straßen und Schienen, die sich durch unsere Landschaften ziehen, auf veraltete Schulgebäude, überlastete Krankenhäuser, lästige Funklöcher und stockende Internetverbindungen, dann offenbart sich eine unangenehme Wahrheit: Die Infrastruktur, die einst die Grundlage für unseren Wohlstand und den Fortschritt bildete, ist brüchig geworden.

Die Defizite unserer Infrastrukturen spiegeln eine Gesellschaft wider, die sich noch immer schwertut, den tiefgreifenden Wandel, den unsere Zeit erfordert, aktiv anzugehen. Klimawandel, Mangel an bezahlbarem Wohnraum, Ungleichheit im Zugang zur Gesundheitsvorsorge, Herausforderungen im Bildungswesen oder in der Mobilität: All dies sind Symptome einer systemischen Krise. Und: einer Weigerungshaltung, Infrastrukturen neu zu denken und zu gestalten – als Schlüsselfaktor einer lebenswerten Zukunft.

Kollektive Praktiken, zum Beispiel im Konsum- oder Mobilitätsverhalten, lassen sich über Infrastrukturen erheblich wirksamer verändern, als individuelle Anstrengungen es je erlauben würden. Infrastrukturen sind daher ein mächtiges Werkzeug für gesellschaftliche Transformation: Als „vorausschauende Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen“ (Maja Göpel) haben sie das Potenzial, den Wandel der Gesellschaft auf einen konstruktiven Pfad zu leiten. 

Das Erbe der Infrastrukturen

Infrastrukturen sind weit mehr als nur physische Konstruktionen aus Beton oder Stahl. Sie sind Manifestationen der gesellschaftlichen Paradigmen und Lebensweisen ihrer Zeit: Ausdruck der Art und Weise, wie wir wirtschaften, uns fortbewegen oder auch mit der Natur interagieren. Doch was vor 50 Jahren noch als Fortschritt galt, kann heute zum Hindernis werden. Die Infrastrukturen, auf die wir uns gegenwärtig verlassen, stammen oft aus Zeiten, die von anderen wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Realitäten geprägt waren. Diese gebauten Umwelten tragen die strukturellen Fundamente vergangener Gesellschaften in unsere Gegenwart hinein.

So wirken die Kupferkabel, die einst die Internetrevolution ermöglichten, plötzlich wie Relikte aus einer fernen Vergangenheit – und sorgen nicht selten für Frust. Öl- und Gaspipelines erinnern uns schmerzhaft daran, wie abhängig wir uns von autokratischen Regimen gemacht haben. Und abgeschaltete Kohlekraftwerke zeugen von den hohen Kosten der Aufrechterhaltung eigentlich überholter Systeme. Was einst als unverzichtbar galt, wird nun immer häufiger störanfällig, ineffizient oder gar obsolet. Doch die tiefen Pfadabhängigkeiten, die diese Infrastrukturen erzeugen, machen es schwer, neue Wege zu beschreiten.

Den Weg für die Zukunft ebnen

Symbolbild Infrastruktur Brücken

Angesichts der Defizite in der Zukunftsfähigkeit unserer Infrastruktursysteme deutet sich die Notwendigkeit für ein neues infrastrukturelles Paradigma an. Die Infrastrukturen der Transformation gehen über die bloße Reaktion auf Krisen hinaus und richten sich auf eine transformative, zukunftsgewandte Gestaltung unserer Lebenswelt. Um den Modus des Reagierens zu verlassen, in dem wir der Zukunft immer einen Schritt hinterherhinken, müssen wir Antworten auf eine fundamentale Frage finden: Wie soll die „nächste Gesellschaft“ aussehen – und welche Infrastrukturen brauchen wir, um den Weg dahin zu ebnen?

Ausgehend von konstruktiven Zukunftsimaginationen können wir entscheiden, welche bestehenden Infrastrukturen so elementar sind, dass sie erhalten und gepflegt werden müssen – und welche neuen Infrastrukturen wir für unsere zukünftigen Bedürfnisse schon heute errichten müssen. Infrastrukturen der Transformation erfordern daher im Kern eine mutige und antizipative Vorgehensweise, die aktiv auf erwünschte Zukünfte zugeht. Sie entfalten ihre Wirkung in allen sechs großen Transformationen unserer Zeit:

Human Digitality

Conscious Economy

Co-Society

Mindshift Revolution

Glocalisation

Eco Transition

Infrastrukturen für die nächste Gesellschaft

Infrastrukturen der Transformation sind keine universelle Schablone, die wir einfach auf jede Stadt oder Region anwenden können, um eine bessere Zukunft zu schaffen. Sie repräsentieren einen notwendigen Paradigmenwechsel in unserem Verständnis von Gesellschaft und Zukunft – als lebendige Entwürfe, die sich flexibel an die spezifischen Bedürfnisse und Gegebenheiten vor Ort anpassen und die bereits bestehenden Strukturen mitdenken. Schließlich findet die Transformation unserer Gesellschaft nicht auf einem weißen Blatt Papier statt, sondern ist ein kontinuierlicher Prozess.

Reallabore oder ähnliche Projektformen können dabei als lokale Katalysatoren für Transformation dienen und durch die Vermittlung konkreter Zukunftsbilder helfen, die Angst vor Wandel abzubauen. Zugleich dürfen diese lokalen Initiativen nicht isoliert betrachtet werden, sondern stets im Kontext einer größeren, übergeordneten Transformation. Hierbei kommt vor allem Politik und Staat wieder eine wichtigere Rolle als Initiator und Vermittler zu: Zuständigkeiten müssen klar definiert, neue Finanzierungsmodelle entwickelt und pragmatische Ansätze zur Weiterentwicklung von Infrastrukturen konsequent gefördert werden.

Transformative Infrastrukturen erfordern unseren Mut, endlich in zukunftsfähige Versorgungsnetze für die nächste Gesellschaft zu investieren. Damit spielen sie eine entscheidende Rolle für unser generelles Verhältnis von der Zukunft: Sie stellen sicher, dass wir auf künftige Herausforderungen nicht nur passiv reagieren, sondern eine lebenswerte Zukunft aktiv gestalten können – indem wir heute die richtigen Weichen stellen.

Symbolbild Infrastruktur Windkraft

Wirksamkeit

Zukunft gestalten

Wirksamkeit ist eines der sieben Schlüsselelemente im Wheel of Transformation, das die grundlegenden Faktoren von Transformationsprozessen sichtbar und zugänglich macht. Die einzelnen Elemente bilden dabei keine klar voneinander getrennten Segmente oder isolierte Phasen, sondern treten typischerweise parallel und nichtlinear auf. Wie die Arbeit mit den Transformationselementen praktisch funktioniert, beschreibt die Publikation „Future:Transformation“.

Das Element der Wirksamkeit lenkt die Energie auf das Konstruktive – weg vom Zweifeln, hin zum Gestalten. Zentral ist dabei der Prozess des Selbstausdrucks und der Impression, bei dem Individuen oder Organisationen ihre Identität zum Ausdruck bringen und ihre Visionen und Werte in die Welt tragen. Die Statuierung neuer Normen und Paradigmen lebt  stark vom Austausch mit Gleichgesinnten. Durch die konsequente Ausrichtung auf Wirksamkeit können Veränderungen dann auch langfristige Effekte erzielen. 

Erfahrung: Resonanz

Zentral für die Erfahrung von Wirksamkeit ist eine tiefe Verbindung von Innen und Außen im Erleben des eigenen Gestaltungspotenzials. Häufig geht diese Resonanzerfahrung einher mit einem authentischen Kontakt zwischen Individuen oder Gruppen, die in Transformationsprozessen wirksam gestalterisch beteiligt sind. Eng verbunden damit sind Gefühle der Zugehörigkeit und der Konvivialität. Dies kann auch eine kollektive Motivation schaffen, bereits erprobte und als wirksam-transformativ erfahrene Zugänge oder Methoden zu kommunizieren und kontinuierlich zu teilen.

Kompetenz: Gestaltungskraft

Entscheidend für die wirksame Zukunftsgestaltung ist die Fähigkeit zur Kollaboration und Koalition mit anderen Akteur:innen – inklusive der Bereitschaft, Ideen von außen aufzunehmen und zu integrieren. Dabei ist es wichtig, Verantwortung zu übernehmen und eine integre Haltung bezüglich der eigenen Überzeugungen und Werte zu bewahren. Auch die Fähigkeit, sich selbst immer wieder zu zeigen und auszudrücken, spielt eine zentrale Rolle: So können die Wirksamkeitserfahrungen, die aus dem eigenen Gestaltungsdrang entstanden sind, geteilt und multipliziert werden. 

Potenzial: Gestaltung lebenswerter Zukünfte

Das Element der Wirksamkeit kann andere zu nachhaltigen Veränderungen in Richtung lebenswerter Zukünfte anstoßen. Dafür gilt es, unterstützende und inspirierende Impulse zu setzen sowie kollaborative Kräfte, Co-Kreationen und partizipative Verbindungen zu stärken, die gelingende transformative Erfahrungen bündeln und verbreiten. Gerade eine Pluralität konstruktiver Transformationspfade kann den Weg in ein verändertes Morgen weisen. Denn lebenswerte Zukünfte entstehen immer nur im Miteinander.

Exploration

Das Entdecken von Handlungsspielräumen

Exploration ist eines der sieben Schlüsselelemente im Wheel of Transformation, das die grundlegenden Faktoren von Transformationsprozessen sichtbar und zugänglich macht. Die einzelnen Elemente bilden dabei keine klar voneinander getrennten Segmente oder isolierte Phasen, sondern treten typischerweise parallel und nichtlinear auf. Wie die Arbeit mit den Transformationselementen praktisch funktioniert, beschreibt die Publikation „Future:Transformation“.

Das Element der Exploration steht für den Aufbruch ins Ungewisse, für die Öffnung von Handlungsspielräumen, in denen Neues ausprobiert werden kann. Im explorativen Entdecken und Handeln erfahren Menschen und Organisationen sich selbst wieder als Akteur:innen. Insbesondere im gemeinsamen Agieren kann ein Zugehörigkeitsgefühl erlebt werden, das in Phasen des Wandels verbindet. Das Experimentieren mit möglichen Handlungspfaden und -strategien kann auch eine Refokussierung der eigenen Ziele und Vorstellungen erfordern.

Erfahrung: Selbstwirksamkeit

Im Explorieren entstehen Lebendigkeit, Bewegung und vor allem die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Anstatt eine Veränderung nur passiv zu erdulden oder sich reaktiv an sie anzupassen, wird in neuen Möglichkeitsräumen agiert. Dies stärkt das Selbstvertrauen – und damit auch die Fähigkeit, mit bisher unbekannten Situationen umgehen zu können. Wichtig ist dabei die Bestimmung des eigenen Standpunktes, der eigenen Werte und Ziele: Erfolgreiches Explorieren erfordert eine gefestigte Identität – und eine Offenheit für Umwege. 

Kompetenz: Mut zum Experimentieren

Die Voraussetzung für einen neuen mentalen Zugang zu Veränderung ist der Mut zum Experimentieren: die Fähigkeit, Wandel proaktiv zu gestalten, anstatt nur passiv auf ihn zu reagieren. Dies erfordert sowohl Beweglichkeit und mentale Flexibilität als auch eine gewisse Festigkeit in der eigenen Identität und Haltung. Spiel und Neugier können dabei strukturell implementiert und gefördert werden. Zentral ist zudem eine hohe Frustrations- und Fehlertoleranz – hier spielt die Organisationskultur eine entscheidende Rolle. 

Potenzial: Handlungsfähigkeit

Das Erkunden neuer Möglichkeitsräume schafft die Voraussetzung, um die eigene Idee einer lebenswerten Zukunft in die Gestaltung zu bringen. Exploration braucht dabei stets eine Orientierung am eigenen Kern: Erst die Klarheit für den eigenen Standpunkt ermöglicht das Navigieren in unbekannten Gewässern. Gestaltung wird damit zu einer bewussten Entscheidung, zum aktiven Umgang und zur Lösungssuche innerhalb von Transformationsprozessen. Zugleich ergibt sich dabei die Chance, der Zeit voraus zu sein und neue Wege als Pionier:in zu erkunden.

Imagination

Die Erweiterung des Vorstellungsraums

Imagination ist eines der sieben Schlüsselelemente im Wheel of Transformation, das die grundlegenden Faktoren von Transformationsprozessen sichtbar und zugänglich macht. Die einzelnen Elemente bilden dabei keine klar voneinander getrennten Segmente oder isolierte Phasen, sondern treten typischerweise parallel und nichtlinear auf. Wie die Arbeit mit den Transformationselementen praktisch funktioniert, beschreibt die Publikation „Future:Transformation“.

Das Element der Imagination motiviert zum mentalen Erkunden, zu Suchbewegungen für mögliche Lösungen und Zukunftsbilder. Es befähigt zur De- und Neukonstruktion von „Wirklichkeit“: Das, was zuvor als unmöglich galt, erscheint plötzlich möglich. Fluchtinstinkten wird so eine neue Vorstellung von Zukunft entgegengesetzt, die berührt und im Idealfall befreiend wirkt. Die Transformationskraft der Imagination entfaltet sich vor allem im Prozess der Co-Kreation: Das inter- und transdisziplinäre Zusammenspiel erweitert den Vorstellungsraum durch eine neue Perspektivenvielfalt.

Erfahrung: Neugier

Typischerweise ist die Imagination erkennbar an Emotionen wie Begeisterung und Entdeckungsfreude, an der spielerischen Lust am Ausprobieren. Am Neugierigsein. Da die Imagination immer auch eine indirekte Projektion von Sehnsüchten und Wünschen beinhaltet, kann sie gelegentlich aber auch zu einer gewissen Desillusionierung oder Entzauberung führen: Die imaginierten Wirklichkeiten können dann als utopisch empfunden werden, als allzu weit entfernt von realisierbaren Möglichkeiten.

Kompetenz: Vorstellungskraft

Je ausgeprägter die Vorstellungskraft ist, umso mehr sind Menschen – und damit auch Organisationen – in der Lage, neue Alternativen zu erkennen, Möglichkeitsräume zu erweitern, Visionen und auch Utopien zu entwickeln. Die Vorstellungskraft schafft einen Zugang zum „Beyond“: zum Blick auf das, was jenseits des bereits Gegebenen und Bekannten möglich ist.

Potenzial: Entfaltung

Wird Neugier bewusst wahrgenommen und zur Gestaltung möglicher Zukünfte genutzt, wachsen Mut und Selbstvertrauen. Dann rücken auch solche Veränderungen und Zukünfte ins Wahrnehmungsfeld, die zuvor unmöglich erschienen oder noch gar nicht bewusst waren. So eröffnen sich Möglichkeiten der persönlichen und organisationalen Weiterentwicklung. Der offene Blick für Neues lässt das Potenzial für Entfaltung und Wandel wachsen. 

Revision

Die kritische Überprüfung des Selbst

Revision ist eines der sieben Schlüsselelemente im Wheel of Transformation, das die grundlegenden Faktoren von Transformationsprozessen sichtbar und zugänglich macht. Die einzelnen Elemente bilden dabei keine klar voneinander getrennten Segmente oder isolierte Phasen, sondern treten typischerweise parallel und nichtlinear auf. Wie die Arbeit mit den Transformationselementen praktisch funktioniert, beschreibt die Publikation „Future:Transformation“.

Das Element der Revision ermöglicht eine Bewertung: Was soll bleiben, was muss losgelassen werden? Dieser Prozess ist sowohl für persönliches Wachstum als auch für organisationalen Fortschritt unerlässlich: als zentraler Hebel, um immer wieder in die Selbstreflexion zu gehen und erstarrte Selbstbilder zu verabschieden. Dann bildet die Revision die Basis, um neue Erfahrungen und Erkenntnisse einzubeziehen und aktuelle Wandlungsdynamiken aufzugreifen.

Erfahrung: Selbstreflexion

Das Transformationselement der Revision wird meist als Innenschau und Selbstprüfung erfahren. Häufig manifestiert es sich im Hinterfragen und Überprüfen der eigenen Annahmen und Glaubenssätze. Im ersten Moment kann dies als Selbstkränkung erlebt werden. Es kann auch den Eintritt in eine Trauer- und Abschiedsphase bedeuten. Immer aber fördert das Hinterfragen etablierter Ansichten auch eine neue Hinwendung zur Umwelt, eine Öffnung für externe Impulse und neuartige Perspektiven.

Kompetenz: Repositionierung

Mit dem Annehmen von Unveränderlichem und dem Erkennen des Gestaltbaren birgt das Element der Revision eine enorme transformative Kraft. Um diese Kraft zu aktivieren, ist es notwendig, unveränderbare und veränderbare Anteile des Selbst unterscheiden und eine eigene Haltung im Transformationsprozess für sich definieren zu können. Diese Repositionierung stärkt das Selbstvertrauen, schafft Klarheit über die eigene Rolle und bietet Orientierung in den Höhen und Tiefen von Veränderungsprozessen.

Potenzial: Selbststärkung

Die intensive Selbstinspektion kann eine produktive Selbstresonanz schaffen und das Verständnis für interne Abläufe, Motivationen, Anforderungen und Ziele fördern. Als wiederkehrendes Element in Transformationsprozessen lenkt die Revision die Aufmerksamkeit immer wieder auf das Überprüfen der eigenen Grundmuster. Dies kann eine nachhaltige Stärkung des Selbst bewirken – und die aktive Gestaltung von Veränderung unterstützen. 

Retardierung

Die konstruktive Kraft des Widerstands

Das Element der Retardierung beschreibt die inneren Widerstände, die als typische Reaktion in der Konfrontation mit Veränderungen und neuen Herausforderungen ausgelöst werden. Diese Gegenhaltung kann jedoch auch eine ganzheitliche Perspektive auf das Veränderungsgeschehen fördern und helfen, die stabilen, robusten und funktionierenden Anteile eines Systems wahrzunehmen. So kann der Übergang von der initialen, impulsiven Reaktion zur kognitiven Auseinandersetzung auch neue Einsichten und Wege eröffnen.

Erfahrung: Widerstand

Die Folge der Retardierung ist meist ein konkreter Widerstand, eine Verzögerung der Prozesse – bis hin zur Sabotage. Als Schutzfunktion erfüllt diese retardierende Angst- und Abwehrreaktion aber auch eine konstruktive Funktion: Sie macht auf konkrete Risiken aufmerksam – und verweist damit auch auf das, was im Wandel bewahrenswert ist. So kann die bewusste Verzögerung von Entscheidungen oder Handlungen einen Raum für Reflexion öffnen. Im Idealfall entwickelt sich dann eine Vorfreude auf das Neue. 

Kompetenz: Konstruktive Distanzierung

Widerstand kann erst mit hinreichendem Abstand produktiv genutzt werden – erst dann kann er die Möglichkeit zur bewussten Abgrenzung von der turbulenten Dynamik des Wandels bewirken. Die Fähigkeit zur konstruktiven Distanzierung befähigt dazu, Veränderungen klarer wahrzunehmen und realistischer einzuschätzen. Dies betrifft nicht zuletzt die Frage, welche Teile des Selbst bewahrt oder verabschiedet werden sollen.

Potenzial: Reflexion

Die Retardierung bildet ein Gegengewicht zur Beschleunigung, die insbesondere disruptive Veränderungsprozesse kennzeichnet. Das Innehalten verhindert ein Abgleiten in völlige Hilflosigkeit und Kontrollverlust – und ermöglicht die Wahrnehmung der eigenen Grenzen und Möglichkeiten. Es entsteht eine punktuelle Distanz zum Geschehen, eine innere Entkopplung vom Transformationszwang. Ein Raum für Reflexion. 

Desorientierung

Die Akzeptanz von Ambivalenz

Desorientierung ist eines der sieben Schlüsselelemente im Wheel of Transformation, das die grundlegenden Faktoren von Transformationsprozessen sichtbar und zugänglich macht. Die einzelnen Elemente bilden dabei keine klar voneinander getrennten Segmente oder isolierte Phasen, sondern treten typischerweise parallel und nichtlinear auf. Wie die Arbeit mit den Transformationselementen praktisch funktioniert, beschreibt die Publikation „Future:Transformation“.

Desorientierung bedeutet zunächst eine Belastung: Rahmenbedingungen brechen auseinander, alte Ankerpunkte verschwinden, Verunsicherung dominiert. Dabei entsteht oft ein innerer Spannungszustand zwischen Unsicherheit und dem Impuls, die Herausforderung zu meistern. Diese Ambivalenz kann der erste Schritt in Richtung einer aktiven, zukunftsgewandten Handlung sein, losgelöst von festgefahrenen Strukturen. Unsicherheit und Widersprüchlichkeit können den Weg in einen kreativen transformativen Prozess ebnen.

Erfahrung: Verunsicherung

Desorientierung kann von Verwirrung, Frustration und auch Verzweiflung begleitet sein. Entfernt sich der eigene Fokus dabei von der Zielorientierung und Situationsbewältigung, gilt es vor allem, wieder Boden unter den Füßen zu erhalten, etwa durch die bewusste Reflexion der eigenen Fähigkeiten und das Experimentieren mit neuen Zukunftsbildern. Je besser es gelingt, der aktuellen Verunsicherung mit einer gewissen Gelassenheit zu begegnen, desto eher kehrt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurück.

Kompetenz: Unsicherheitskompetenz

Der Umgang mit Desorientierung erfordert die Fähigkeit der Unsicherheitskompetenz. Sie basiert im Kern auf zwei Grundbestandteilen, die beide elementar mit dem Thema Akzeptanz verbunden sind: Frustrations- und Ambivalenztoleranz. Es geht darum, auch in unsicheren Situationen handlungsfähig zu bleiben und zu subjektiver Sicherheit zurückzufinden. 

Potenzial: Freiheitsgewinn

Die große Chance der Desorientierung ist der Zugang zu neuen Perspektiven. Das Ablegen von Gewissheiten und Gewohnheiten schafft eine neue Freiheit. Zugleich bereitet die Verunsicherung den Weg für die gezielte (Rück-)Besinnung auf die eigenen Werte und die (Wieder-)Entdeckung des inneren Kompasses. Die Akzeptanz von Unsicherheit kann die eigene Handlungsmacht wieder bewusst machen. Sie lässt Hoffnung entstehen.