von The Future:Project
Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.
25. März 2026
Es scheint, als befinde sich die Wirtschaft an einem entscheidenden Punkt zwischen zwei Extremen: dem Rückzug ins Alte oder dem Absprung ins Neue. Es gibt das Lager derer, die zurück zum Alten wollen und dabei nicht anders können, als einem zerstörerischen Ausbeutungsimperativ zu folgen. Die Wirtschaft wird zur Domäne des Stärkeren. Das andere Lager beherbergt die, die Quantum- und Überflussnarrative predigen und vor lauter Innovations- und Tech-Hype die nicht-technologischen Realitäten lebendiger Systeme völlig außer Acht lassen. Auch hier folgt Wirtschaft der Logik des Stärkeren.
Gibt es nur die Entscheidung zwischen Ausbeutung als Ausweg und Quantum-Hype als Ausrede?
Statt uns zwischen Nostalgie und Hype aufzureiben, wollen wir Brücken in die Next Economy aufzeigen, die es möglich machen, einen Schritt nach dem anderen vorwärts zu gehen – auf vielfältigen Zukunftspfaden, die anschlussfähig sind und zur aktiven Gestaltung einladen. Diese Brücken sind Konzepte, Denkmuster und Fähigkeiten, die den Weg in die Next Economy erleichtern.
Bevor wir uns auf den Weg machen, müssen wir jedoch verstehen, warum das gegenwärtig dominierende Wirtschaftsmodell vor tiefgreifenden Herausforderungen steht und weshalb eine Transformation zur Next Economy notwendig ist. Formal scheint unsere Gegenwartsökonomie ein nach wie vor wirksames System zu sein. Doch sie stößt zunehmend an ihre ökologischen, sozialen und strukturellen Grenzen.
Im Zentrum der Wirtschaft von heute steht noch immer ein altes Leistungsprinzip, das quantitative Bewertungsmaßstäbe bevorzugt und dabei zur Entfremdung von Arbeitenden, Konsumierenden und natürlichen Ressourcen führt. Auch Einsamkeit und soziale Fragmentierung sind Nebeneffekte des Effizienz- und Wettbewerbsdenkens. Wachstum und Skalierung gelten als oberste Ziele; Expansion und Beschleunigung werden nicht als Risiken, sondern als Tugenden begriffen. Überflusskonsum und die systematische Externalisierung von ökologischen und sozialen Folgekosten werden aus den Bilanzen ausgelagert und auf die Allgemeinheit oder zukünftige Generationen übertragen. Eine Tendenz zur Antiregulation begünstigt die Extraktion natürlicher und menschlicher Ressourcen, während künstliche Verknappung als Instrument der Marktmacht eingesetzt wird.
Kennzeichnend für die tiefgreifenden Herausforderungen der Old Economy ist ein ausgeprägt kurzfristiges und lineares Denken. Gewinnmaximierung dominiert über langfristige Perspektiven: Anstatt strukturelle Ursachen im Kern zu adressieren, beschränkt man sich häufig auf das Managen von Problemen – auf symptomorientierte Lösungsansätze ohne systemischen Wandel. Linearität und Starrheit spiegeln sich in Organisationsstrukturen, Produktionsprozessen oder Lieferketten wider. Kontrolle und Stabilität gelten als Leitprinzipien; statt aktiver Gestaltung steht häufig die Verwaltung des Status quo im Vordergrund.
Schließlich prägt eine ausgeprägte Konkurrenzlogik das System: Hierarchien und Karriereleitern strukturieren das Innenleben von Organisationen, während nach außen Monopolisierungstendenzen und eine Gegeneinander-Dynamik zwischen Marktteilnehmenden dominieren. Die Folgen sind wachsende Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften sowie zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden, die zunehmende Prekarisierung von Arbeit, sowie Demokratiedefizite durch wirtschaftliche Machtkonzentration. Wichtig bleibt zu verstehen: Ausbeutung und Extraktion – von Mensch und Natur – sind keine Randerscheinungen, sondern systemimmanente Merkmale. Die Digitalität hat diese Dynamiken in weiten Teilen nicht aufgelöst, sondern vielfach verstärkt – und macht zugleich die Widersprüche des Modells sichtbarer denn je.

Gehen wir einen Schritt nach vorne und werfen einen Blick auf die Metaebene: Welche Prinzipien, Fähigkeiten und Denkmuster prägen die Next Economy?
Die folgenden Konzepte gehen dieser Frage nach und stellen fünf Brücken vor, die wegweisend für die Transformation unserer Wirtschaft sind. Welche Brücken Menschen und Unternehmen nutzen, ist ihnen überlassen und hängt von ihren individuellen Voraussetzungen und Fähigkeiten ab. Nicht alle gehen denselben Weg. Manche sind vielleicht schon über die ein oder andere Brücke gegangen. Einige vermeiden eine bestimmte Brücke, wieder andere gehen eine Brücke hundertmal oder setzen sich in der Mitte hin und lassen die Beine baumeln. Nicht alle kommen auf der anderen Seite an, und für viele sieht diese andere Seite anders aus, als sie es sich vorgestellt haben. Denn die Next Economy ist kein Zielbild, keine nächste Stufe, sondern eine Haltung. Sie ist die Bereitschaft, den ersten Schritt zu machen.
Fünf Brücken beschreiben, was wir verändern müssen – in Haltungen, Prinzipien und wirtschaftlichen Logiken:
Drei Fähigkeiten beschreiben, wie dieser Wandel gelingen kann – was Menschen und Organisationen brauchen, um die Brücken wirklich zu betreten:
Tiefgehende Einblicke in die Brücken und Fähigkeiten der Next Economy sowie in zahlreiche Interviews mit Expert:innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft finden Sie in der Metastudie „Next Economy“.

Organisationen haben den Epochenwandel längst verstanden – aber sie leben ihn nicht. Künstliche Intelligenz, Plattformlogik, Remote Work und eine hochvolatile Ökonomie erzwingen ein neues Betriebssystem – doch in der Praxis dominiert: weiter wie immer, nur mit neuer Folie. Dr. Carl Naughton untersucht, warum Organisationen sich so schwer damit tun, das, was sie eigentlich längst verstanden haben, zu leben.
Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.
24. März 2026
Dr. Carl Naughton ist Arbeits- und Organisationspsychologe. Er forscht und arbeitet zu Wegen in Richtung einer „Future-Life-Balance“: Einer gezielten und freudvollen Zukunftsfähigkeit. Dabei liegt sein Fokus auf essenziellen Aspekten wie Kommunikation, Veränderungsbereitschaft und der Kraft der Innovation. Er ist überzeugt: Zukunftsfähigkeit ist Kopfsache!
Die Next Economy zwingt Organisationen in dauerhafte Spannungsfelder und Paradoxien: Effizienz und Experiment, Stabilität und Disruption, Kontrolle und Autonomie, Geschwindigkeit und Sorgfalt. Rein kognitiv ist das längst angekommen: Strategiepapiere, Keynotes und Leitbilder sind voll von Begriffen wie „Ambidextrie“, „agile Transformation“ oder „fail fast, learn fast“. Doch Paradoxien verhalten sich anders als Probleme. Probleme lassen sich lösen, Widersprüche nur aushalten und gestalten. Sie verlangen, dass Organisationen zwei gegensätzliche Wahrheiten gleichzeitig ernst nehmen: Wir müssen Kosten senken und gleichzeitig radikal in die Zukunft investieren. Wir brauchen klare Governance und gleichzeitig lokalen Entscheidungsspielraum.
Wer Paradoxien wie Probleme behandelt, produziert zwangsläufig Enttäuschung – und Zynismus. Genau hier beginnt das psychologische Dilemma: Kognitiv sind die Spannungen verstanden. Emotional fühlen sie sich an wie Kontrollverlust. Paradoxien berühren Grundbedürfnisse: Sicherheit, Status, Zugehörigkeit, Identität. Zu sagen „Wir wollen radikale Offenheit“ klingt gut – aber es fühlt sich für viele so an, als würden sie Schutzschichten ablegen, die sie karrierelang aufgebaut haben. Zu sagen „Wir wollen Fehlerkultur“ trifft auf Teams, die genau wissen: Das System sanktioniert Fehler immer noch, nur subtiler. Damit entsteht ein unsichtbarer Riss: Die Organisation hat das Neue verstanden, aber sie vertraut ihm nicht. Also redet sie in der Sprache des Wandels – und lebt in den Ritualen der Vergangenheit.

Das Resultat: Die Organisation lernt, den Widerspruch zu managen, indem sie ihn nicht fühlt. Sie hält ihn im Kopf – und hält ihn aus den Emotionen heraus. Das wirkt kurzfristig stabilisierend, verbrennt aber langfristig Zukunftsfähigkeit.
Zukunftsfähigkeit braucht Resonanz: Zwischen Menschen, zwischen Abteilungen, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Doch in Bedrohungsklimata passiert das Gegenteil. Wo Angst, Statusunsicherheit und Gewohnheit dominieren, verändert sich die Gesprächsqualität: Menschen äußern Bedenken nur noch „privat“, nicht im Plenum. Kritik wandert in Ironie, Flurfunk und informelle Gruppen. Fragen werden als Kompetenzzweifel gelesen statt als Lernimpuls. „Wir“ und „die da oben“ verhärten sich zu getrennten Bühnen.
Die Folge ist eine paradoxale Kommunikationsform: Nach außen wirkt die Organisation modern und reflektiert. Nach innen klingt sie erstaunlich leise. Die wirklich relevanten Spannungen werden nicht mehr gemeinsam bearbeitet, sondern individuell kompensiert: Manche funktionieren einfach weiter, manche gehen innerlich auf Abstand, manche verlassen das System.
Die Next Economy verlangt aber genau das Gegenteil: lautes, ehrliches, unsicheres Sprechen. Räume, in denen Sätze möglich sind wie: „Ich verstehe, warum wir KI brauchen – und gleichzeitig macht es mir Angst, weil ich meinen Wert nicht mehr klar sehe.“ Solange solche Sätze fehlen, bleibt die Kluft zwischen Verstehen und Leben bestehen.
Neugier ist in diesem Kontext kein „Nice-to-have“, sondern ein psychologischer Schalter. Sie definiert, wie wir mit Mehrdeutigkeit umgehen: als Gefahr oder als Einladung. Wo Neugier stark ist, verändert sich die innere Haltung zu Paradoxien.
Neugier macht drei Dinge:
Neugier ist die Fähigkeit, Paradoxien auszuhalten, ohne sie sofort zu glätten. Sie erlaubt es, im Spannungsfeld zu bleiben, ohne in Zynismus oder Verleugnung zu flüchten.
Spannend wird es, wenn wir diese psychologischen Dynamiken mit einem ökonomischen Konzept zusammendenken: Cultural Equity. Die Grundidee: Kultur ist nicht nur ein weiches Klima, sondern ein immaterieller Vermögenswert – ähnlich wie Markenwert oder Datenkapital. Sie erzeugt messbare ökonomische Effekte: Innovationsgeschwindigkeit, Fluktuation und Bindung, Produktivität in wissensintensiven Umfeldern, Entscheidungs- und Lernqualität, Resilienz in Krisen. Das Konzept der Cultural Equity bündelt diese Effekte zu einem „Kulturwert“. Statt Kultur nur zu beschreiben („so sind wir“), wird sie als Asset verstanden: als Kapital, das sich aufbaut, verzinst – und auch verbraucht werden kann. Paradoxien nicht zu leben, kostet Wert. Nicht abstrakt, sondern konkret – in verpassten Innovationen, in Talenten, die gehen, in Entscheidungen, die zu spät kommen.

Die Kernfrage lässt sich auf drei Sätze verdichten:
Die vielleicht wichtigste Verschiebung im Epochenwandel ist deshalb keine technologische, sondern eine psychologische: von „Wir müssen die richtige Antwort finden“ hin zu „Wir müssen lernen, mit widersprüchlichen Wahrheiten gut zu leben“. Organisationen, die das schaffen, werden Cultural Equity nicht nur bewahren, sondern ausbauen – und damit die vielleicht knappste Ressource der Next Economy sichern: die Fähigkeit, gemeinsam in einer paradoxen Welt handlungsfähig zu bleiben.

Heute schon an morgen und übermorgen denken, am Wochenende die nächste Woche planen, am Jahresende das kommende Jahr … Wir sind es gewohnt, Zeit als eine Linie zu begreifen. Ein Pfeil, der von der Vergangenheit unaufhaltsam in die Zukunft Zeit. Aber was, wenn wir dieses lineare Denken beiseitestellen und uns auf andere Denkfiguren einlassen? Wenn wir in unserer Umwelt nicht Linien, sondern Zyklen suchen?
Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.
von Nina Pfuderer
4. Dezember 2025
Lineares Denken durchzieht die westlichen Gesellschaften wie ein roter Faden, von der christlichen Heilsgeschichte über die kapitalistische Wachstumslogik bis hin zum modernen Fortschrittsglauben. Das Diktat der Linearität hat uns fest im Griff. Es muss immer weitergehen, am besten schnell nach vorn und steil nach oben. Wachstumskurven gefallen den Menschen am besten, wenn sie linear sind, also bitte ohne Einbrüche und Abzweigungen nach unten. Auch Trendlinien werden noch immer linear gedacht – weil man sie so am einfachsten in die Zukunft verlängern kann.
Eine ganze Zeit lang hat das ziemlich gut funktioniert. Die westlichen Wohlstandsgesellschaften entwickelten sich lange nur nach oben, alles wuchs immer weiter – Globalisierung, Urbanisierung, Vernetzung, materieller Überfluss. Doch in den vergangenen zehn bis 15 Jahren begann das Diktat der Linearität zu bröckeln. Inzwischen kommt uns die Vorstellung von Wachstum ohne Grenzen hohl vor. Gerade in den herausfordernden Zeiten der Omnikrise bringt uns das alte lineare Denken nicht mehr weiter.
Noch im Agrarzeitalter waren Menschen viel enger mit diesen natürlichen Rhythmen verbunden. Unser natürliches Zeiterleben ist rhythmisch – so wie die Jahreszeiten, wie Tag und Nacht, wie der weibliche Zyklus. Auf hell folgt dunkel, auf Ebbe folgt Flut, auf Anspannung folgt Entspannung. Klar, es ist eine große Errungenschaft, dass wir heute Elektrizität, Supermärkte und Flugzeuge haben. Wir sind zu Herrscher:innen über Raum und Zeit geworden, haben die Zeit begradigt. Doch immer deutlicher stellt sich inzwischen die Frage: Haben wir dabei vielleicht etwas Wesentliches verloren?
Zyklisches Denken und Fühlen markiert den Übergang vom industriellen zum symbiotischen Zeitalter: Alles kehrt wieder, indem es sich neu zusammenfügt.
Zyklen sind Wellenbewegungen, in die Zukunft gedachte Kreise. Sie kehren immer wieder – aber nie genau gleich. Sie sind kein Hamsterrad, kein „Zurück auf Los“, sondern bringen mit jeder neuen Phase eine gewisse Veränderung, eine Reifung mit sich. Es gibt Zyklen, die Milliarden von Jahren umfassen, und solche, die nur wenige Sekunden dauern. Naturphänomene wie die Erdrotation, Mondzyklen, Jahreszeiten, sogar Leben und Tod folgen zyklischen Mustern. Auch der Mensch ist Teil dieses natürlichen Kreislaufs – physisch, biologisch, hormonell.
Die zyklische Ordnung der Dinge spiegelt sich auch in den Kulturen der Menschen. Vom Aufstieg und Untergang ganzer Kulturen bis zu Modezyklen, die Märkte und Zeitgeist bestimmen. Alles kommt irgendwann wieder – Schlaghosen, Schulterpolster, Arschgeweih. So entstehen „Kurven“ oder „Evolutionslinien“, an denen sich gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen (vgl. Link 2019).
Wie Mode und Kultur folgen auch politische Strömungen zyklischen Mustern: Alte Rollenbilder, historische Symbole und autoritäre Tendenzen kehren zurück. Wer angesichts solcher Rückschläge der Verzweiflung nahe ist, kann Trost im zyklischen Denken finden: Ein Backlash ist selten endgültig, sondern meist nur ein vorübergehender Tiefpunkt, bevor sich der Zyklus wieder aufschwingt und neue Chancen, Entwicklungen und Bewegungen ermöglicht.
Der Wirtschaftswissenschaftler Edward Russell Dewey (1895– 1978) widmete sein Leben der Erforschung und Messung von Zyklen. Er fand mehr als 500 verschiedene zyklische Phänomene in 36 verschiedenen Wissensbereichen, etwa im Wachstum eines Kürbisses, in den Schwankungen von Luchsbeständen, in der Variation menschlicher Emotionen – und in der Wirtschaft.
Durch die Erforschung zyklischer Bewegungen wollte Dewey verlässlichere wirtschaftliche Vorhersagen ermöglichen. Er nahm an, dass Menschen in Rhythmen auf natürliche Zyklen reagieren und so andere Zyklen, auch ökonomische, beeinflussen. Er beschrieb Zyklen als Wellen um eine gebogene Trendachse: Ein Trend wächst zunächst fast linear, stößt an Grenzen und erreicht ein Plateau. Solange der Trend steigt, fallen die Wellen weniger auf – der Tiefpunkt eines Zyklus kann sogar über dem vorherigen Höhepunkt liegen. Erst wenn das Wachstum abflacht, werden Auf- und Abbewegungen deutlich; Krisen wirken dann überraschend, sind aber Teil der schon lange wirkenden Zyklen.

Folgt man Deweys Analysen, könnte die gegenwärtige Phase der Omnikrise einen Punkt markieren, an dem der Aufwärtstrend abflacht, sodass die zyklischen Auf-und Ab- Bewegungen überdeutlich werden. Vielleicht erklärt sich so auch ein Stück weit, weshalb uns Trumps zweite Amtsperiode noch bedrohlicher vorkommt als die erste und warum die Erfolge der AfD in einer geopolitisch und sozial angespannten Lage noch mehr schmerzen: Trendbewegungen, die uns linear erscheinen, nehmen wir als wichtiger und größer wahr als die Zyklusbewegungen, die um die Trendlinie herum liegen.
Um eine Trendwende herbeizuführen, braucht es laut Dewey äußere oder innere Impulse – etwa Innovationen, gesellschaftliche Veränderungen oder außergewöhnliche Ereignisse –, die bestehende Zyklen verstärken oder abmildern und so neue Dynamiken ermöglichen. An diesem Punkt setzt auch die transformative Zukunftsforschung des Future:Project an: mit der Formulierung und Förderung konstruktiver Zukunftsnarrative, die sich aus dem Inneren der Gesellschaft heraus entfalten. Ein solches Narrativ kann auch das Denken in Zyklen selbst sein.
Oft schreckt uns das Zyklische ab, weil es den Anschein erweckt, wir würden wieder dort ankommen, wo wir schon einmal waren – ohne Fortschritt, vielleicht sogar im Rückschritt. Doch Zyklen bedeuten keine Stagnation. Jede Wiederkehr trägt eine Veränderung in sich, führt zu einer neuen Stufe der Komplexität und der Reifung. Wie eine Spirale, die sich nach oben windet. Dieses Denken ist auch im individuellen Erleben hilfreich. Zwischen einem Punkt, an dem wir jetzt stehen, und dem Ziel, das wir anstreben, erzeugt unser Gehirn leicht Stress: Die Amygdala aktiviert Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktionen und hemmt so das rationale Denken des präfrontalen Cortex (vgl. Goleman 1996; vgl. Arnsten 2009). Wer dagegen ein „Growth Mindset“ kultiviert, begreift diese Lücke nicht als Gefahr, sondern als Spielraum (vgl. Dweck 2006). Entwicklung heißt dann, sich im Prozess zu weiten, aus Fehlern zu lernen und Wandel als natürlichen Teil des Zyklus zu akzeptieren.
Der Schlaf-Wach-Rhythmus und der Menstruationszyklus beeinflussen Konzentration, Kreativität und Extrovertiertheit. Wer seinen Chronotyp kennt und respektiert, lebt im Einklang mit dem natürlichen Energieprofil: morgens nicht auf Höchstleistung pochen, nachmittags lieber Bewegung einbauen, statt sich dagegenzustemmen. Auch der Hormonzyklus lässt sich nutzen: die Lutealphase für Reflexion und Detailarbeit, die Ovulationsphase für wichtige Termine, die Follikelphase für kreative Prozesse (vgl. Erler 2023). Es geht nicht darum, eigene oder fremde Kalender strikt an natürliche Zyklen anzupassen. Vielmehr hilft es, mit dem eigenen Rhythmus zu arbeiten – und Gelassenheit zu bewahren, wenn etwas nicht optimal gelingt. Denn jede Phase geht vorbei. Und mit dem nächsten Zyklus, manchmal schon nach ein paar Stunden, bieten sich neue Gelegenheiten.
Traditionelle Unternehmen sind oft linear organisiert, doch immer mehr Arbeits- und Organisationsformen folgen Zyklen. Die Lean-Startup-Methode etwa basiert auf wiederkehrenden Abläufen: planen, handeln, testen, scheitern, anpassen, erneut testen. Auch Planungs-, Feedback- und Reporting-Prozesse sind meist monatlich getaktet. Moderne Kulturen gehen noch weiter und berücksichtigen biologische Rhythmen, hormonelle Zyklen und neurobiologische Reaktionen. Organisationen, die zyklisch denken, verstehen Wandel anders: Sie wissen, dass Wachstum endlich ist, dass verschiedene Rhythmen ineinandergreifen und auch Krisen nur eine Phase darstellen.
Während klassische Business-Logiken auf permanente Skalierung und lineare Zielerreichung setzen, arbeiten zyklische Organisationen mit der Zeit statt gegen sie.
Zyklisches Denken ist kein romantisches Naturideal, sondern ein praktisches Instrument, um Erschöpfung, Krisendenken und überfordernde Linearität zu überwinden. Auf individueller Ebene hilft es, Aufgaben an biologische Rhythmen anzupassen, Stress zu reduzieren und mehr Geduld mit sich selbst und anderen zu entwickeln; auf organisatorischer Ebene ermöglicht es adaptive, wandlungsfähige Strukturen.
Gesellschaftlich erlaubt uns das Verständnis zyklischer Bewegungen, Trends und Krisen als Wellen zu erkennen – und dadurch ruhiger und nachhaltiger zu entscheiden. Wir lernen, „beyond crisis“ zu sehen und neue Zukünfte zu imaginieren. Und zugleich schärft das Denken in Zyklen unser Bewusstsein für die tiefe Verbindung zwischen uns selbst und allen, die uns im zyklischen Lauf des Lebens umgeben: Wir sind eingebettet in vergangene und zukünftige Traditionen – eine Art transgenerationale Umarmung mit unseren Vor- und Nachfahren.
Zyklen lehren uns, dass alles wiederkehrt und jeder Tiefpunkt eine Chance auf Aufschwung birgt – denn in den seltensten Fällen bleiben wir in regressiven Zyklen gefangen. Die Zyklen der Zukunft sind Synthesen des Vergangenen auf einer höheren Ebene. Wer das versteht, gewinnt Orientierung und Gelassenheit in chaotischen, katastrophischen Zeiten.

– Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.
7. November 2025
47 Likes für das Frühstücksfoto, 23 für das Workout-Video, aber nur zwölf für den Post über die berufliche Neuorientierung … Was sagen diese Zahlen über mich aus? In Millionen von Köpfen flackern solche Fragen täglich auf. Die sozialen Medien haben eine neue Form der Ich-Bestätigung geschaffen, die sich als „Profilizität“ beschreiben lässt: Unsere digitalen Profile sind zu einer zentralen Quelle unserer Identitätskonstruktion geworden.
Im Rahmen dieser Profilizität verbringen Menschen heute immer mehr Zeit damit, ihr Leben zu dokumentieren – manchmal mehr, als es zu leben. Jeder Moment wird gefiltert durch die Frage: Wie kommt das online an? Wie werde ich von anderen gesehen? Die digitale Selbstpräsentation erzeugt paradoxe Effekte: Nie waren wir vernetzter – und zugleich einsamer. Nie hatten wir mehr Möglichkeiten zur Selbstdarstellung – und sind unsicherer denn je, wer wir eigentlich sind. Nie konnten wir individueller sein – und verhalten uns dabei gleichförmiger denn je. Eine ganze Generation wächst auf im Modus der permanenten Selbstbeobachtung und dem unstillbaren Bedürfnis nach Resonanz.
Doch die Profilizität der sozialen Medien ist mehr als ein generationales Phänomen. Sie ist das Krisensymptom einer epochalen Veränderung, die unser Verständnis von Identität grundlegend wandelt. Denn aus den Überreizungen der Hyperindividualisierung, die sich in den digitalen Feedback-Logiken spiegeln, erwächst zugleich ein nächstes Ich-Verständnis. Dieses „nächste Ich“ löst sich von der Ego-Fixierung und richtet sich neu aus, indem es auf das Grundprinzip der Identitätskonstruktion zurückgreift: die fundamentale Verbundenheit des einzelnen Menschen mit den Um- und Mitwelten.

Wir leben in einer Zeit der immer weiter fortschreitenden Individualisierung, geprägt von hochgradiger Ich-Zentrierung und zunehmender Vereinzelung. Wer würde dieser Deutung widersprechen wollen? Nahezu alle soziologischen Analysen beschreiben die spätmoderne Gesellschaft als von radikaler Ich-Zentrierung geprägt – doch der digitale Medienwandel verändert diese Dynamik grundlegend. Und gerade dieser historische Medienwandel bewirkt nun einen epochalen Umbruch in der Menschheitsgeschichte.
Wir befinden uns mitten im Übergang von der modernen Gesellschaft zur neuen Netzwerkgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Im Zuge dieser Umwälzung, die von digitalen Kommunikationsmedien vorangetrieben wird, entstehen neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen – und damit auch ein neuartiges Verständnis von Individualität und Identität. Das kommende Leitbild der Identität entspricht dem Paradigma des Netzwerks: Das nächste Ich versteht sich weniger als atomare Einheit, sondern als etwas, das elementar eingewoben ist in größere Zusammenhänge.
Der Treiber für diesen Paradigmenwandel ist die zunehmende Krisensituation, in die das spätmoderne Ich im Zuge der digitalen Transformation geraten ist. Insbesondere der Siegeszug der sozialen Medien hat das persönliche Profil zur zentralen Bühne der Identitätsdarstellung und Resonanzgenerierung gemacht. Die Parole der Profilizität lautet: „Ich bin, was mein Profil an Feedback erzeugt.“ Die vielfältigen Auswüchse dieses Prozesses sind inzwischen überdeutlich und reichen weit über Social Media hinaus, bis in die Grundstrukturen der Gesellschaft. Immer deutlicher wird dabei: Die Ära der Hyperindividualisierung ist an einen Scheitelpunkt gelangt.
Diese Dynamik prägt nicht nur Social Media, sondern auch Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Denn im Kontext der Profilizität wird die eigentliche Sache weniger wichtig als ihre Kuratierung, Quantifizierung und Validierung. Deshalb dominieren Rankings, Ratings und Brandings heute zunehmend das gesellschaftliche Geschehen. Für die Art und Weise, wie wir Identität konstruieren, bedeutet das: Der Schein wiegt mehr als das Sein.
Die Ausrichtung auf maximale persönliche Performanz umfasst auch die Anpassung an die Logik der Algorithmen, die unsere individuellen Befindlichkeiten, Sorgen und Wünsche immer granularer ansteuern können. Paradoxerweise fördert jedoch gerade diese persönliche Zurechenbarkeit auch eine De-Personalisierung: Denn smarte Algorithmen adressieren ja nicht das „In-dividuum“, sondern das „Dividuum“: das, was teilbar, quantifizierbar und statistisch verwertbar ist. So wird die einzelne Person zunehmend zur austauschbaren Adresse. Die digitale Wirtschaft befeuert die Hyperindividualisierung – und entwertet dabei zugleich die individuelle Persönlichkeit.
Die Spannungslinien der Profilizität machen deutlich: Die Hyperindividualisierung hat sich ihre eigene Krise geschaffen. Die Folge ist ein wachsendes Unbehagen an den digital befeuerten Ich-Überreizungen, das schon länger im öffentlichen Bewusstsein gärt – und nun zunehmend an einen Kipppunkt gelangt. Was aber folgt auf diesen Exzess der Individualisierung? Was kennzeichnet das „nächste Ich“, das aus dieser Krise erwächst?

Je spürbarer die Nebenwirkungen der Profilizität werden, umso stärker wächst die Sehnsucht nach echter Verbundenheit – nach Zugehörigkeit zu etwas, das über das eigene Ich hinausreicht. So mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Ära der „Singularität“ an ein Ende kommt – jene Epoche, in der sich Gemeinschaften vor allem um Lifestyle-Entscheidungen bildeten, nicht um gemeinsame Identitäten und Anliegen.
An die Stelle der postmodernen Ich-Inszenierungen tritt ein neuer Fokus auf Verantwortung und Widerstandskraft. Diese Abkehr vom ewigen Tanz ums eigene Ich ist der erste Schritt in Richtung eines nächsten Identitätsverständnisses. In ihrem Kern steht die Erkenntnis der Interdependenz, der wechselseitigen Abhängigkeit. Die Entfaltung des nächsten Ich zeigt sich vor allem in drei ineinandergreifenden kulturellen Bewegungen:

Ob im Zusammenspiel mit anderen Individuen, mit unseren ökosystemischen Um- und Mitwelten oder mit Computern und Algorithmen: Das „nächste Ich“ folgt dem Leitprinzip der wechselseitigen Abhängigkeit. Es reflektiert und kultiviert die Einbindung in größere Kontexte und Dimensionen. Der gemeinsame Nenner besteht in der komplexen Synthese: In der nächsten Gesellschaft beruht die Ausbildung von Identität und Individualität auf neuartigen Kombinationen, die Widersprüchliches auf höheren Systemebenen zusammenführen.
Damit wird ein weiteres Kapitel in der Geschichte der menschlichen Identitätsbildung aufgeschlagen. In der Vormoderne basierte das Ich auf rollenkonformem Gehorsam. In der Moderne strebte es nach Authentizität und Nichtkonformität. In der Postmoderne regierten Performanz und Profilizität. In der nächsten Gesellschaft werden diese historischen Konzepte nun zu einer neuen Synthese kombiniert: Das nächste Ich entfaltet sich nicht mehr in Abgrenzung zur Welt. Sondern in bewusster Koexistenz mit ihr.

Christian Schuldt ist Soziologe, Zukunfts- und Kulturforscher. Seit vielen Jahren erkundet er, wie Digitalisierung, Vernetzung und KI unser Selbstverständnis verändern – und welche neuen Formen von Identität und Zusammenleben daraus entstehen.
– Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.
von Matthias Horx
3. November 2025
Wir stecken mitten in der Omnikrise. Viele Menschen erleben ein Weltgefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust. Die äußere Welt scheint unveränderbar, starr und gefährlich. Und Fortschritt so gut wie unmöglich. Umso dringlicher brauchen wir deshalb einen Fortschritt in der inneren Welt: eine Weiterentwicklung unserer mentalen und emotionalen Muster.
Dieses Projekt der Selbstveränderung zielt nicht darauf ab, das Leiden der Welt zu leugnen. Sondern: die eigenen Emotionen kennenzulernen und emotionale Intelligenz zu entwickeln. Eine neue Position von Reife, Weisheit und (Selbst-)Verantwortung, die ansteckend wirkt.
Das Spektrum für diese inneren Transformationsprozesse ist bereits breit aufgefächert. Es reicht von der existenziellen Psychologie über die Achtsamkeits- und Yogakulturen bis hin zu den Self-Care- und Mental-Health-Therapien. Von der postchristlichen Spiritualität über die praktische Philosophie bis zu Sinnfindungsprogrammen im Stil von Empowerment und Persönlichkeitscoaching.
Die Bewegung der Innenwendung sucht dabei nicht nur Innerlichkeit, sondern eine menschliche Entwicklung in den Dimensionen der Verbundenheit. Die Introspektion dient also einem größeren, universellen Ziel: der (Wieder-)Ermöglichung einer besseren Zukunft im Außen. Dafür ist es nötig, die Innenbezirke des Mind zu durchschreiten.
Der mächtigste psychosoziale Megatrend der Moderne ist zweifelsohne die Individualisierung. Im Laufe der Wohlstandsentwicklung sind wir immer mehr zu „Ichlingen“ geworden: ganz spezielle Menschen, mit niemand anderem zu vergleichen. Es gibt keinen Film, keinen Roman, kein modernes Narrativ der vergangenen 50 Jahre, das uns diese Botschaft nicht immer wieder eingeimpft hätte. Sei du selbst! Sei frei! Sei anders, kritisch, eigensinnig! Kämpfe für deine Rechte! Pass dich nicht an! Geh deinen eigenen Weg!
Doch irgendetwas ist im vehementen Prozess der Ichwerdung schiefgegangen. Der individuelle Mensch ist zwar zunehmend frei – von allen Zwängen und aller Moral, von den Einengungen des Muss und Darf. Von der Zwangsjacke der Traditionen. Doch zugleich ist er über sich selbst hinausgewachsen – ins Haltlose.
Viele sind heute überfordert von Ansprüchen und Selbstansprüchen, die niemals eingelöst werden können. Wir sind Getriebene von Erwartungen und Konstrukten, die sich immer wieder als Blendungen herausstellen. Wir drücken uns immerzu vor Verantwortungen – und maßen uns gleichzeitig alle Forderungen an.
Das dominante Gefühl unserer Zeit ist die Egomotion, die selbstzentrierte Emotion. Die zentrale Frage lautet nicht: Wer bin ich? Sondern: Wie wirke ich? Überall wirkt das triumphale Ich, das alles kann und will. Oder das klagende, beharrende Ich, das seine Sichtweise, seine emotionalen Ansprüche durchsetzen will. Weil es sich nicht gesehen fühlt. Die Entsprechung auf der politischen Ebene ist Donald Trump, ein wütender Egomane, der offenbar die Erwartungen vieler Wähler:innen repräsentiert.
Die Gesellschaftskrise unserer Zeit hat mit einem Mangel an Erwachsenwerden zu tun. Wir leben in einer Zeit der Unreife. Zu viele Menschen bleiben in regressiven Lebenshaltungen stecken. Die Balance aus Ich und Wir, die Basis für die Moderation des Gesellschaftlichen, ist fragil geworden.
Der verbreitete Mangel an Selbstwissen ist eines der größten Gegenwartsprobleme. In einer hoch individualisierten Gesellschaft haben die meisten Menschen keine Ahnung von sich selbst. Sie sind selbstblind.
Die erste Aufklärung, die um 1700 in Europa begann, versuchte die äußere Welt ins Konkrete, Logische und Verständliche zu bringen. Der rationale Verstand war der Ausgangspunkt für eine Revolution des Bewusstseins, die uns das materialistische Weltbild bescherte. Lange Zeit wirkte diese Hinwendung segensreich.
Heute stehen wir an einem Punkt, an dem wir mit rein rationaler Weltbeschreibung Schiffbruch erleiden. Ein Grund ist die ungeheure Aufblähung des hypermedialen Sektors, der uns die Welt in unendlichen Fraktalen und Widersprüchen spiegelt. Ein Spiegelkabinett, in dem wir uns verirren. Deshalb brauchen wir eine zweite Aufklärung, die – zunächst – den Weg ins Innere geht.
Dieser Weg führt an Dämonen vorbei. An Paradoxien, die von den Religionen nur scheinbar aufgelöst wurden. Das Paradox von Leiden und Glück. Von Sterblichkeit und Überzeitlichkeit. Von Ich und Wir.
Wir brauchen eine zweite Aufklärung, die – zunächst – den Weg ins Innere geht.
Die Kognitionspsychologie lehrt uns, dass wir die Welt nicht wirklich „erkennen“ können, im Sinne eines exakten Abbildes der Realität. Die Realität ist zu komplex, zu „unwahrscheinlich“, um in unseren Kopf zu passen. Wirklichkeit ist immer ein Konstrukt unseres Geistes, der die Zukunft unablässig „voraussagt“, geprägt von Fantasien, Wünschen, Projektionen. Wir scheinen geistig frei, aber sind doch immer das Produkt der kulturellen und mentalen Muster, in die wir hineingewachsen sind.
Der innere Weg riskiert, diese Zusammenhänge aufzulösen. Er wagt, sich ganz hinauszulehnen aus den Konstrukten. Neu anzufangen, neu geboren zu werden. Im geistigen Wachstum erzeugen wir eine neue Wirklichkeit. Dazu braucht man keine Drogen. Sondern „nur“ den Mut, neu anzufangen. Im Wunsch nach Wahrheit und Wirklichkeit, auch nach innen.
Zuallererst geht es darum, ruhig zu werden in unserer rasenden Zeit. Das ist eine schier unmögliche Aufgabe: Wir leben in einer atemlosen Gegenwart, einer Zappelphilipp-Kultur, die von Hysterien getrieben ist und uns mit Aufmerksamkeitsmüll zuschüttet. Innerhalb dieser Matrix der Weltüberforderung gibt es kein Entkommen.
Beim Ruhigwerden helfen fernöstliche Denkweisen, Philosophien und Praktiken, die sich schon seit Jahrzehnten in den individualistischen Kulturen verbreiten. Meditation und die verschiedenen Varianten des Yoga sind heute in den westlichen Gesellschaften verbreitete Kulturtechniken. Sie bilden ein Gegengewicht zum permanenten Steigerungs- und Beschleunigungswahn. Allerdings werden sie bisweilen selbst zum Teil des Steigerungswahns. Es gibt schon Techno-Meditation. Und Turbo-Yoga.
Ruhigwerden, das bedeutet, die innere Konstellation zu verändern, mit der mein Ich mit mir selbst und meiner Umwelt kommuniziert. In der Ära der Hyperdigitalität, in die wir nun zunehmend hineinwachsen, wird die Frage des „klaren Verstandes“ zentral. Das überdrehende Informationszeitalter erzwingt ein Level-up unserer Fähigkeit, mit Informationen, Emotionen und Realitäten ordnend und gleichzeitig konstruktiv umzugehen. Deshalb gehört zum Self-Change immer auch ein Change of Mind. Ein neuer Modus, die Dinge in unserem Kopf zu bewegen.
Im Meer der Lebenshilfe-, Self-Change- und Mental-Health-Angebote hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Netzwerkorganisation mit Bewegungscharakter herauskristallisiert: die internationale Initiative der „Inner Development Goals“ (IDG). „Wir glauben, dass die innere Entwicklung von Natur aus kollektiv, systemisch, multidimensional, nicht-linear, komplex, emergent und chaotisch ist“, heißt es auf der Website.
Die IDG-Initiative veranstaltet jedes Jahr einen spektakulären Kongress in Stockholm. Protagonist:innen sind unter anderem:
Und auch Jon Kabat-Zinn, der Begründer der Achtsamkeitsbewegung, schwirrt um das Projekt herum. Gesprochen wird hier nicht nur die Sprache der Individualpsychologie, sondern auch der Systemforschung, der „mentalen Kybernetik“ und der Humanistischen Psychologie, die nicht nur das eigene Seelenheil, sondern immer auch die soziale Balance sucht.
Das IDG-Netzwerk wirkt bis in die neuen Unternehmenskulturen hinein, in denen Transformationsprogramme zum Teil der wirtschaftlichen Praxis geworden sind. Die fünf großen Ziele der inneren Entwicklung beziehen sich auch auf gesellschaftliche, ökologische und globale Fragen. Analog zu den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen ergibt sich so eine Kartografie der seelisch-geistigen Entwicklungsmöglichkeiten.

Das Motto der IDG-Konferenz 2025 lautete „Bridging Polarities – From Inner Growth to Outer Change“. Das Projekt will Wechselwirkung mit der Gesellschaft erzeugen. Vom Innen ins Außen – und wieder zurück. Im Kern steht die Überzeugung, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit nur zu meistern sind, wenn wir eine neue innere Haltung entwickeln und lernen, sie positiv zu nutzen. Die IDG-Initiative scheint sich zu einem Kern der Human-Upgrading-Bewegung zu entwickeln, dem es gelingt, die Fallstricke des kommerziellen Coaching- und Therapie-Marktes größtenteils zu umgehen. Selbstveränderung soll keine elitäre Selbstbeschäftigung sein, sondern ein Beitrag zur Welt. Ein humanes Grundrecht.

Zwischen Reizflut und Resonanz: Wie sich unser Gehirn neu erfindet, um in einer
fragmentierten Welt wieder Zusammenhang zu spüren.
4. November 2025
Es beginnt leise.
Ein leichtes Zucken im Blickfeld, ein neuer Tab, eine Nachricht, ein Gedanke, der nicht zu Ende kommt. Das Gehirn springt, bevor wir es merken. Wir nennen es Multitasking, Effizienz, „up to date“. In Wahrheit ist es vielleicht der größte Umbau unserer Wahrnehmung seit der Erfindung des Buchdrucks.
Nie war die Welt lauter, und selten war sie so schwer zu spüren.
Wir leben in einer Zeit, die Geschwindigkeit für Fortschritt hält und Stille für Stillstand. Alles muss in Bewegung bleiben. Ideen, Karrieren, Identitäten. Doch inmitten dieser
Dauererregung wächst ein gegenläufiges Bedürfnis: nach Tiefe, nach Langsamkeit, nach der Fähigkeit, wieder im eigenen Kopf anzukommen.
Achtsamkeit, Digital Detox, „Slow Living“: Was lange wie Lifestyle wirkte, entpuppt sich als kulturelle Selbsttherapie. Denn der Trend zur Verlangsamung ist kein Eskapismus. Er ist ein neurologischer Reflex.
Neurowissenschaftlich lässt sich die Überforderung der Gegenwart inzwischen messen. Studien zeigen, dass das Default Mode Network – das neuronale Netzwerk, das beim Nachdenken aktiv ist – bei vielen jungen Menschen häufig nur noch fragmentiert arbeitet. Das Gehirn bleibt im Alarmmodus. Es reflektiert nicht, sondern reagiert. Das bedeutet: Wir haben weniger narrative Kohärenz. Wir haben das Gefühl, alles gleichzeitig zu erleben – und verstehen dabei immer weniger.
Trends sind keine Prophezeiungen, sondern Symptome der Jetztzeit. Als Präsenzbeschreibungen vermessen sie nicht nur, was kommt, sondern vor allem auch: was gerade kippt. Wenn heute also Achtsamkeit, Natur und „offline sein“ boomen, erzählt uns das weniger über die Zukunft als über eine Gesellschaft, die ihre neuronale Kohärenz sucht.
Der Wunsch nach Entschleunigung ist kein modisches Bekenntnis, sondern eine physiologische Selbstkorrektur: Das Gehirn versucht, sich wieder zu synchronisieren.
Der Mensch denkt nicht in Daten, sondern in Geschichten. Unser Bewusstsein webt fortlaufend ein Narrativ, das uns erklärt, wer wir sind. Wenn diese Erzählung bricht – durch Überreizung, Informationsüberfluss, algorithmische Fragmentierung –, verlieren wir das Gefühl von Kontinuität.
Die neuen Kulturpraktiken der Entschleunigung sind Versuche, diese Neuronarrative zu reparieren. Meditation, Schreiben, Atmen – alles Übungen, um das Selbst wieder in einen Rhythmus zu bringen.
Die neuronale Neuvermessung der Gegenwart zeigt: Fortschritt heißt künftig nicht mehr, immer schneller zu werden – sondern kohärenter. Technologien werden dann nicht nur nach Leistung, sondern nach mentaler Verträglichkeit beurteilt. Bildung wird nicht nur Wissen vermitteln, sondern Aufmerksamkeit trainieren und Talente entfalten. Denn das Gehirn ist kein Prozessor, sondern ein Resonanzraum.
Vielleicht ist das die eigentliche kulturelle Aufgabe der nächsten Jahre: wieder so zu denken, dass wir uns selbst dabei spüren.
Franziska Brandmeier ist Expertin für Neuroscience & Psychology. Sie spricht über mentale Systeme, Leadership und Bewusstsein als Schlüsselkompetenz einer neuen Ökonomie – und verändert dabei keine Meinung, sondern Denkmuster.
Wie wir die Zukunfts-Resignation überwinden und ein neues Zeitgefühl kultivieren.
– Ein Auszug aus dem Buch „Radikale Zuversicht: Ein Handbuch für Krisenzeiten.“
von Lena Papasabbas
Illustration: Julian Horx
24. Oktober 2025
Verlust ist ein prägendes Lebensgefühl unserer Zeit.
Verlust von Kontrolle, von Normalität, von Sicherheiten … vor allem aber: Verlust von Zukunft.
Wir wissen nicht mehr so recht, wo es eigentlich hingehen soll. Die einzigen, die noch Visionen haben, sind scheinbar rechte Tech-Milliardäre, die ihre Zukunftsvisionen mit wachsender politischer Macht durchsetzen, während sie nebenbei das Internet in eine Konsum-Maximierungs- und Ideologie-Maschine umbauen.
Wir stehen diesen Entwicklungen scheinbar wehrlos gegenüber. Alternative Zukunftsnarrative sind Mangelware. Doch viel dringender als konkrete Zukunftsbilder, die inhaltlich zu unseren Werten passen, brauchen wir eine bestimmte Haltung zur Zukunft, die uns über die aktuelle Krise hinausblicken lässt.
Denn eins lässt sich mit Sicherheit sagen: Die Zukunftsvisionen, die Tech-Milliardäre erdacht, entworfen, berechnet und erträumt haben, werden sich nicht in der Weise bewahrheiten. Wir dürfen darauf vertrauen, dass die Zukunft, die sich bisher zuverlässig jeder Prognose entzogen hat, auch weiterhin unvorhersehbar bleibt – und ganz anders wird als gedacht. Sie wird nicht so werden, wie von den Musks und Thiels dieser Welt gerade geplant wird. Wie die Zukunft stattdessen aussehen könnte, daran versuchen wir uns mit unseren Modellen anzunähern.
Wie genau diese Zukunft aussieht, die da auf uns zukommt, die wir also im Außen verorten, hängt essentiell davon ab, welche Haltung wir im Inneren zur Zukunft pflegen. Wir können passiv darauf hoffen, dass alles besser wird. Oder wir können aktiv anfangen, radikale Zuversicht zu kultivieren.

Die Zuversicht ist mit der Hoffnung verwandt, nimmt die Zukunft aber nicht als etwas wahr, das einem passiert, sondern als etwas, an dem man aktiv teilhat. Es gibt einen kleinen, feinen Unterschied: Hoffen wir darauf, dass alles gut wird? Oder sind wir zuversichtlich, dass wir mit dem, was kommt, gut umgehen können? Zuversicht speist sich aus dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen, um das Leben aktiv zu gestalten.
Radikale Zuversicht ist eine Haltung, die nicht durch konkrete Zukunftsbilder getragen wird, sondern durch das Vertrauen auf ein noch nicht vorstellbares Kommende.
Eine Zukunft also, die über das gerade Bekannte und Mögliche hinausgeht – so war es bisher immer in der Menschheitsgeschichte. Unsere Gegenwart mit Flugzeugen, Internet und Frauenwahlrecht war noch vor 200 Jahren eine unvorstellbare, unmögliche und unerreichbare Träumerei.
Radikale Zuversicht richtet sich also auf eine Zukunft, für die unsere aktuellen Konzepte und Begriffe noch nicht ausreichen, um sie begreifen zu können. Aber, wie es die Zukunft so an sich hat, können wir sie hier und da schon erspüren. Vielleicht in der Kindness-Bewegung, die seit vielen Jahren leise und liebevoll vor sich hin wächst, in der kollektiven Sinnsuche ganzer Generationen, die die Frage nach dem Sinn der Wirtschaft neu stellen, in der unendlichen Nachfrage an Coaching und Rat zur inneren Reifung, in dem Aufstieg von fast vergessenen Tugenden wie Achtsamkeit und Dankbarkeit und in den Biografien von Menschen, die am Höhepunkt ihrer Karriere vom Banker zum Bäcker wechseln …
Diese Zeichen können wir leicht übersehen. Unsere Filter sind auf Untergang eingestellt: Gewalt, Krise, Katastrophe. Doch Newsportale sind Zerrbilder der Realität. Auf dem Screen sind Menschen Monster, die sich gegenseitig und ihre Umwelt zerstören. Doch heben wir einmal den Blick vom Bildschirm und blicken nach links und nach rechts, stellen wir fest: Die meisten Menschen sind eigentlich ganz ok. Viele Menschen haben keine Lust mehr auf den ständigen Untergangsmodus. Um nicht zu resignieren, müssen wir einen neuen Blick auf die Welt kultivieren. Der uns erlaubt die ganze Vielfalt der Möglichkeiten wahrzunehmen.
Diese Haltung brauchen wir, nicht nur um nicht in Nostalgie oder rückwärtsgewandten Ideologien zu verfallen, sondern um aus der Resignation und Erschöpfung rauszukommen. Zukunft betrifft uns schließlich alle.
Wir brauchen eine Haltung zur Welt, die weder das Negative ausblendet, noch sich von Angst überwältigen lässt, die dem Träumen, Sehnen und Freuen genauso viel Raum gibt wie dem Fürchten und Wüten. Ein Denken, das Fantasie und Kreativität zurück in die Zukunft bringt, und sich nicht nur auf die kalten Berechnungen der Künstlichen Intelligenz verlässt.
Im Kern steht eine geistige Beweglichkeit, die uns befreit von den Zwängen der unmittelbaren Gegenwart. Von eingeschliffenen Denkgewohnheiten. Dem Korsett der eingeübten Weltwahrnehmung. Radikale Zuversicht erlaubt uns einen konstruktiven, vielleicht sogar liebevollen Umgang mit einer komplexen Welt. Diese Haltung gewinnt man nicht von heute auf morgen. Aber: Sie lässt sich üben.

Wer sich ständig über „die Politik“, die Chefin oder die Deutsche Bahn aufregt, vergisst zum einen, wie enorm privilegiert wir sind und macht sich zum anderen zum hilflosen Opfer. Selbstwirksamkeit beginnt mit einer radikalen Akzeptanz dessen, was gerade ist.
Wie viele Probleme unserer Zeit entstehen aus gekränkten (Männer-)Egos? Der beste Trick gegen Narzissmus: Sich selbst nicht so ernst nehmen! Wenn wir es schaffen, mit entwaffnender Ehrlichkeit und liebevoller Ironie auf unsere eigene Fehlbarkeit zu reagieren, werden wir unangreifbar für unsere (inneren) Kritiker.
Unser Gehirn mag klare Kategorien: Mann oder Frau, Körper oder Geist, „normal“ oder „verrückt“. Aber das sind nur Modelle von der Welt, nicht die Realität. Je mehr wir aufhören, die Welt in Schubladen aufzuräumen, desto interessanter, bunter und schließlich auch entspannter wird es.
Das neueste iPhone, die neuste KI-App, das neueste Tesla-Modell, der neuste Tracking-Ring… Technologien sollen unser Leben besser machen. Doch wir haben verlernt, das Neue vom Besseren zu unterscheiden! Die wirklich wichtigen Innovationsfelder der Zukunft liegen weder im Hightech noch auf dem Mars – sondern in der Krankenpflege, im Bildungswesen, im funktionierenden Zusammenleben.
Moderne Menschen leben fast nur noch in ihrem Kopf. Dabei sind wir eigentlich mit der Fähigkeit, ganz im Moment zu sein, auf die Welt gekommen: Wenn ein Kind ein Eis isst, ist es mit allen Sinnen dabei – heute machen wir erstmal ein Bild für Insta. Um wieder ins Hier und Jetzt kommen, brauchen wir keine Mediations-App oder Achtsamkeits-Coaches, sondern ein simples: Zurück zur Sinnlichkeit!
Viele Menschen glauben, einen objektiven Zugang zur Realität zu haben, doch tatsächlich ist unser Blick auf die Wirklichkeit stets verzerrt von unseren subjektiven Filtern, Erfahrungen und Vorannahmen. Diese Erkenntnis hilft enorm, sich nicht in sinnlosen Symbolkämpfen mit Andersdenkenden zu verzetteln und sich auf das konzentrieren, was wirklich zählt: Gemeinsame Werte!
Unsere Gesellschaft ist dem Wahn der Selbstoptimierung verfallen. Wer es nicht schafft, tiefenentspannt, produktiv und glücklich zu sein, hat nur nicht hart genug an sich gearbeitet. Doch in Wirklichkeit ist unsere Wirkmacht begrenzt. Oft stimmen einfach die Bedingungen nicht, egal wie hart wir an uns arbeiten. Da hilft die Erkenntnis: Du bist nicht schuld!
Angst lähmt. Wer davon ausgeht, dass die Welt untergeht, tut nichts mehr dafür, dass sie besser wird. Obwohl wir jeden Tag mit schlechten Nachrichten überflutet werden, herrscht direkt vor unserer Haustüre Ruhe und Frieden. Trauen wir uns, das Elend der Welt einmal loszulassen und das Gute bewusst zu suchen, entsteht neue Kraft und Ideen die Zukunft zu gestalten.
Das letzte Zeitalter, in dessen Ausläufern wir leben, ist ein sehr rationalistisches Zeitalter. Das hat viele Vorteile. Aber wenn Wissenschaft, Daten und Ratio, Religion, Spiritualität und Emotion vollständig ersetzen, stirbt menschliche Kreativität und Vorstellungskraft. Um das neue Zeitalter zu imaginieren, brauchen wir wieder ein bisschen Zauber, Schwärmerei, Magie und: Romantik!

Krisen, Kriege, Katastrophen überall … Warum geht es scheinbar mit der Zivilisation den Bach runter? Ein Grund für dieses erschöpfende Jahrzehnt ist, dass wir uns mitten in einem Epochenwandel befinden!
– Ein Auszug aus dem Buch „Radikale Zuversicht: Ein Handbuch für Krisenzeiten.“
von Lena Papasabbas
Illustration: Julian Horx
4. April 2025
Das Industriezeitalter stirbt und das nächste Zeitalter ist noch nicht geboren. Keine angenehme Phase, zugegeben. Es ist eine Zeit der Krisen, der Kriege, der Umbrüche, der wegbröckelnden Normalitäten: Die fossile Wirtschaft neigt sich dem Ende zu, das Wachstumsparadigma stößt an seine Grenzen, Geschlechterrollen und ihre einst Struktur-gebende Funktion verschwimmen, das System der Nationalstaaten gerät ins Straucheln. Und neben allem anderen mischen digitale Technologien unseren Alltag, unsere Beziehungen und unsere Arbeitswelt weiter auf.
Alte Wahrheiten und Logiken funktionieren nicht mehr, ohne dass das neue Normal schon Kontur angenommen hat.
Doch die gute Nachricht ist: Ein neues Zeitalter steht vor der Tür. Und nicht selten bedeutet ein Epochenwandel einen kulturellen Evolutionssprung. Jetzt ist es an uns, diese Zukunft aktiv zu gestalten. Dafür müssen wir bei uns selbst anfangen. Denn nur wenn wir an eine bessere Zukunft glauben, können wir den Wandel in unserem Sinne gestalten.

Zuversicht ist unverzichtbar, um als Individuum und als Gesellschaft zu wachsen. Und sie ist die Basis von Zufriedenheit und Lebensqualität. Die Wirkung von Vorfreude, der kleinen Schwester von Zuversicht, ist gut erforscht. Sie wirkt, als würde das Gehirn von einem gewaltigen Cocktail an Drogen überflutet. Vor allem der Botenstoff Dopamin sorgt für gute Laune, Antrieb und Motivation. So kann die freudige Erwartung des anstehenden Urlaubs einen zur beruflichen Höchstleistungen animieren. Inzwischen ist belegt, dass Vorfreude sogar Stresshormone im Körper vermindert. Zuversicht stabilisiert also nicht nur die Laune, sondern auch die Gesundheit. Umgekehrt macht Pessimismus gestresst, müde und übellaunig.
„‚Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen‘, sagte der Fuchs. ‚Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen.‘“
– Antoine de Saint-Exupéry

Nicht nur das Mental Wellbeing des Einzelnen steht auf dem Spiel. Auch wie Gesellschaften funktionieren – oder eben nicht funktionieren – ist unmittelbar mit unserer Vorstellung von Zukunft verknüpft. Zukunftsangst ist die treibende Kraft für Populismus, Hass und Gewalt. Die geteilte Vision einer besseren Zukunft ist der Motor für Revolutionen, Aktivismus und Engagement.
Diese zwei Triebkräfte können über die kulturelle Evolution einer ganzen Gesellschaft bestimmen. Die anhaltende Rebellion der iranischen Bevölkerung gegen ihr Regime zeigt eindrücklich, welche Macht ein geteiltes Bild von einer besseren Zukunft entfalten kann. Trotz unmenschlicher Repressionen, überfüllter Foltergefängnisse und drohender Todesstrafe setzen sich Menschen für mehr Gleichberechtigung und Selbstbestimmung ein. Der Glaube an eine mögliche, bessere Zukunft ist der größte Feind der Diktatoren und Autokraten.
Doch genauso stark wirkt sich das Fehlen von Zuversicht aus. Der Siegeszug von AfD, Trump und anderen Rechtspopulist:innen fußt auf Zukunftsangst. Nur wer mit Sorge ans Morgen denkt, fühlt sich von den rückwärtsgewandten „Great again“-Ideologien angezogen. Ohne Zuversicht kein Fortschritt.
Erst Zuversicht macht Menschen gut.

Kulturelle Muster, die sich von Gehirn zu Gehirn fortpflanzen, erschaffen auch kollektive Zukunftsbilder. Im Zeitalter der Hypervernetzung werden sie zu mächtigen Treibern des Wandels. – Ein gekürzter Auszug aus „Beyond 2025 – Das Jahrbuch für Zukunft“
von Lena Papasabbas
9. November 2024
Social Media und Plattformen wie Airbnb ermöglichen Einblicke in Wohnzimmer auf der ganzen Welt. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen, die quer über den Globus verteilt leben, sich für den exakt gleichen Stil entscheiden: weiße oder Backstein-Wände, rohes Holz, schicke Kaffeemaschinen, Eames-Stühle, Edison-Glühbirnen. Überall die gleiche Mischung aus Industrialismus, gepaart mit Mid-Century-Designs und einem minimalistischen Flair. Das gleiche Phänomen finden wir in Cafés und Coffee Shops, Restaurants und Hotels. Erreicht die kulturelle Evolution unter den Vorzeichen einer globalisierten und vernetzten Welt eine Art Nullpunkt in der Midculture?
Die Formen, Farben und Logos von Autos ähneln sich heute ebenso drastisch wie Homepages, Videospiele oder Skylines – egal, in welcher Stadt auf der Erde wir uns befinden. Und die neue Durchschnittlichkeit prägt auch uns Menschen selbst: Schönheitsnormen diversifizieren sich nur noch peripher, in politisch aufgeladenen Debatten um Sexismus, Fatshaming oder Rassismus. In den Feeds von Instagram und Co. findet sich eine absurde Gleichförmigkeit der Ästhetik. Das „Instagram Face“ hat es längst ins Real Life geschafft, gefüttert von der milliardenschweren Schönheitsindustrie. Immer mehr Menschen lassen sich ihre Gesichter näher an das volllippige, stupsnasige Instagram-Ideal heranoperieren. Was zuvor digital als Filter über unsere Fenster zur Welt gelegt wurde, manifestiert sich nun unter dem analogen Skalpell.

Und nicht nur auf Instagram sind Medienprodukte heute von einer lähmenden Gleichförmigkeit geprägt. Es herrscht eine surreale Gleichschaltung des Geschmacks, die sich in immer ähnlicher werdenden Trailern, Werbefilmen, Videospielen, Filmplakaten und Buchcovern zeigt. Wirklich Originelles hat es schwer in einer Welt, in der die unendliche, leicht veränderte Wiederholung des Immergleichen dominiert. Nähern wir uns dem Age of Average an? Und warum werden unsere Umwelten immer ähnlicher?
Eine interessante Perspektive auf das Thema bietet ein fast vergessene Theorie: Die Memetik. Die natürliche Selektion und die genetische Evolution haben unsere physischen Körper geformt und uns zu den Wesen gemacht, die wir sind: auf zwei Beinen laufend, mit zwei freien Armen und Händen – und ausgestattet mit einem riesigen Gehirn, das uns zu komplexen Fähigkeiten verhilft. Doch Menschen sind mehr als ihre Biologie: Sie sind auch bewusste Gemeinschaften, mit Sprache, Musik, Kulinarik, Kunst, Poesie, Tanz, Ritualen, Symbolik und Humor. Diese Verhaltensweisen sind Ergebnisse einer kulturellen Evolution: der Auslese, Mutation und Verbreitung von Memen. Und wie bei Genen überleben nur die „fittesten“ von ihnen.
Der Kern der memetischen Theorie basiert auf der Fragestellung, warum Menschen im Laufe der Evolution derart riesige Gehirne hervorgebracht haben, obwohl ein großes Hirn zum komfortablen Überleben nicht nur „eigentlich“ nicht nötig, sondern oft sogar hinderlich ist. Warum geht die Natur das „Risiko“ ein, 25 Prozent der Körperenergie für 1 Prozent der Körpermasse abzuzweigen? Und die Spezies zudem durch einen sehr komplizierten Geburtsvorgang zu gefährden, bei dem ein überdimensionaler Schädel einen engen Geburtskanal durchqueren muss?
Die Erklärung der Memetik lautet: Unser Gehirn ist eine evolutionäre Anpassung an einen Fortpflanzungsmechanismus von Ideen, Bildern, Inhalten und Träumen, die sich von Kopf zu Kopf bewegen und sich dabei unentwegt reproduzieren. Menschliche Hirne sind die massiv expandierte Hardware für eine ständig expandierende kulturelle Software. So wie bei Computern die Speicher und Grafikprozessoren ständig größer und besser werden müssen, um immer komplexere Software aufnehmen zu können, hat sich das Hirn der kulturellen Zeichenflut in Jahrmillionen angepasst.
Die memetische Theorie erklärt eine Menge Phänomene, die bislang im Dunkeln geblieben sind. Etwa die erstaunliche Konstanz, mit der sich Mythen über Jahrtausende in Kulturen halten und dabei verändern. Es gibt rote Fäden, die sich als ständig mutierende Ideen über viele Generationen fortpflanzen. In einer digitalisierten Gesellschaft beschleunigt sich der Ansteckungscharakter von starken Memen, weil immer mehr „Infektionskanäle“ dazukommen. Websites, Social Media, Apps, Chatbots und Messenger lassen die Verbreitungswege für Meme explosiv ansteigen.
Von der „Ice Bucket Challenge“ bis zu Chemtrail-Geschwurbel und hochproblematischen Überzeugungen wie „Der Klimawandel ist nur erfunden“ oder „Muslime sind gefährlich“ können sich so alle möglichen Ideen, Bilder und Kulturtechniken rasend schnell verbreiten und vergemeinschaften. Auf diese Weise erzeugen Meme Wellen von Überzeugungen, Irrtümern, Erwartungen, Hoffnungen – wie zuletzt das Supermeme Kamala Harris.

Es ist kein Zufall, dass auch die millionenfach geteilten, humoristischen Medienschnipsel im Netz „Meme“ heißen. Meist handelt es sich um Tierbilder, Filmszenen, Animes, Cartoons, Alltags- oder Stockfotos, die durch kurze Slogans witzig bis absurd neu kontextualisiert werden.
Nicht immer sind diese Memes für die breite Masse verständlich. Und sie können ihre Bedeutung verändern. So wurde „Pepe the Frog“, eines der erfolgreichsten Internet-Meme, das schon seit 2005 im Netz kursiert, zuerst in der Alt-Right-Bewegung populär, später eigneten es sich Aktivist:innen in Hongkong an, heute spielt es in verschiedenen Kontexten ganz unterschiedliche Rollen. Die Grenze von reinen Spaß-Memen, die allein der Unterhaltung dienen, und solchen, die zur politischen Kraft werden, ist immer wieder fließend.
Viele Internet-Meme sind eine digitale Weiterentwicklung von Witzen – und damit einer speziellen Form von Memen, die bislang vor allem über orale Kultur evolvierte, durch Varianz, Mutation und Auslese. Jemand erzählt eine Geschichte mit einem seltsamen Ende, jemand anderes lacht darüber. Die Geschichte wird weitererzählt, mit einer kleinen Variation. Wieder lacht jemand, diesmal mehr – oder weniger, dann stirbt der Witz aus. So wird die ursprüngliche Geschichte variiert und reproduziert. Und schließlich wird der Witz zum Mem: zu einer geistigen Einheit, die sich in Millionen Gehirnen fortpflanzt.
Meme funktionieren deshalb, weil Nachahmung eine der zentralen Kräfte sozialen Verhaltens ist. Insbesondere in dem, was wir begehren, orientieren wir uns gern an anderen. Sind unsere Grundbedürfnisse erfüllt, tendieren wir dazu, das, was andere haben, sowie ihr Wollen und Streben zu imitieren (vgl. Alexiadis 2022).
In hyperindividualisierten und -vernetzten Zeiten geraten diese Prozesse nun aber zunehmend außer Kontrolle. Einerseits imitieren wir in unserer Unsicherheit, was wir als Nächstes begehren sollen, andere Menschen – andererseits wollen wir uns abgrenzen, um dem Individualitätsdiktat zu genügen. In einer Welt voller vernetzter Inhalte und Algorithmen, die uns allen immer häufiger das Gleiche zeigen und globale Standards schaffen, ist dieses Streben erst recht zum Scheitern verurteilt. Wir suchen Individualität – und erleben gleichzeitig eine Vermainstreamung unbekannten Ausmaßes.
Die unendlichen Verbindungslinien des Internets sind mächtige Replikationsmechanismen, die erfolgreiche Meme in extremer Geschwindigkeit global verbreiten und ins Bewusstsein einer breiten Masse tragen. Befeuert wird dieser Prozess von den Algorithmen der Künstlichen Intelligenz, die stets die wahrscheinlichste, anschlussfähigste Option aus vorhandenen Daten auswählen – und so tendenziell das Prinzip „Immer mehr vom Gleichen“ verstärken. Welche Konsequenzen hat KI damit für die Memetik und unsere kulturelle Evolution?
Von Sprachmodellen über Playlists bis zu Social-Media-Feeds: Algorithmen sind darauf trainiert, stets den passendsten Inhalt vorzuschlagen. Auf individueller Ebene ist dieser Effekt als Filterbubbling bekannt. Auf gesellschaftlicher Ebene folgt daraus eine stetige Verbreiterung des Mainstreams – und das Verschwinden von originellen und außergewöhnlichen Inhalten. Die unendliche Replikation von Ähnlichkeiten lässt eine neue Durchschnittlichkeit entstehen. Daher leben wir in einer Welt, in der wir alle stärker denn je nach Individualität streben. Und in der wir uns zugleich so ähnlich sind wie nie zuvor.

Die Initiator:innen der Inner Development Goals (IDG) erkannten, dass wir unsere Nachhaltigkeitsziele nicht erreichen werden, ohne unsere inneren Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Aus diesem Grund wurde das Framework der Inner Development Goals entwickelt. – Ein Auszug aus dem Future:Guide Marketing
von Nina Weiss
15. Oktober 2024
„Wir haben heute die Grenzen rein externer, technokratischer Lösungen zur Lösung globaler, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme erreicht. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, braucht es einen inneren Wandel. Denn die tatsächlich größten Herausforderungen sind Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit.“
Diese Aussagen stammen von den Gründer:innen der Inner Development Goals, einer Initiative, die 2020 in Stockholm ins Leben gerufen wurde und innerhalb weniger Jahre zu einer globalen Bewegung wurde. Über 4.000 Wissenschaftler:innen, Expert:innen und Praktiker:innen waren daran beteiligt, darunter renommierte Professor:innen, Psycholog:innen sowie Wirtschaftsweise von MIT und Harvard wie Otto Scharmer, Robert Kegan, Peter Senge und Renée Lertzman.

Äußerer Wandel setzt inneren Wandel voraus. Die IDGs bieten ein Framework, das uns hilft, die für Transformation erforderlichen inneren Fähigkeiten besser zu erkennen, zu verstehen, zu kommunizieren, zu entwickeln und zu integrieren. Sie sind ein Skill-Set für alle, die an Transformation und Zukunft arbeiten: CEOs, Führungspersonen, Politiker:innen, Strateg:innen und Marketingverantwortliche.
Das Open-Source-Framework wird von über 3.000 Kollaboratoren ständig weiterentwickelt. Es besteht aus fünf Bereichen mit insgesamt 23 inneren Fähigkeiten, Kompetenzen und Qualitäten, die aufeinander aufbauen, aber auch einzeln betrachtet werden können. Diese Skills sind für die Bewältigung komplexer Herausforderungen und für die Gestaltung von Transformationen essenziell. Partner:inen der Initiative sind etwa die Universität Harvard sowie Firmen wie Google und IKEA. Der Zugang ist inklusiv gestaltet: Jeder kann mitmachen.
Die IDGs sind entscheidende Fähigkeiten, um Wandel zu gestalten. Dies gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern ebenso für Organisationen und besonders für Marken. Sie bieten eine Orientierung auf dem Weg zu mehr Impact und sind ein nützliches Tool für nachhaltige Markenentwicklung.
Ähnlich wie die SDGs aufzeigen, welche Wirkung ein Unternehmen nach außen hat, helfen die IDGs, zu verstehen, ob die inneren Werte eines Unternehmens zu dem passen, was es nach außen propagiert. Sie sind ein guter Gradmesser dafür, ob ein Unternehmen die nach außen kommunizierten Werte auch im Inneren lebt.
Marken können anhand der IDGs erkennen, welche Fähigkeiten schon in ihnen stecken und welche sich gut für die Kommunikation nutzen oder noch weiter ausbauen lassen. Marken, die noch am Anfang ihrer Transformation stehen, können mit den IDGs beginnen, vorhandene Potenziale und Blindspots zu analysieren und dadurch nächste Schritte identifizieren. Die IDGs zeigen Gestaltungschancen auf und können helfen, besser zu kommunizieren und langfristig erfolgreiche Strategien zu entwickeln.
