Die Hyperindividualisierung zersplittert die Gesellschaft in immer kleinere Gruppen. Der Mainstream schwindet. Und mit ihm die Subkultur, wie wir sie kannten.
von Lena Papasabbas
Dies ist ein gekürzter Auszug aus der Publikation „Beyond 2024 – Das Jahrbuch für Zukunft“
7. Dezember 2023
Wie individuell wir uns auch fühlen: In Wirklichkeit gibt das soziale Umfeld den Referenzrahmen des eigenen Lebensstils vor. Ästhetik, Geschmack, Vorlieben – nichts davon entsteht aus dem Individuum selbst heraus. Wir sind geprägt von der Peer Group, der Familie – und mehr als jemals zuvor von dem, was auf unseren Bildschirmen passiert.
Nirgendwo lässt sich das eindrücklicher nachvollziehen als auf TikTok, der jüngsten Plattform für Selbstdarstellung und Community-Building. Der Algorithmus ist so ausgefeilt, dass er jedes einzelne Individuum zielsicher in die passende Bubble leitet. Man bekommt das Gefühl, dass die halbe Welt die eigenen Vorlieben teilt – egal ob man leidenschaftlicher Frosch-Fan, feministische Post-Punkerin oder seriensüchtiger Anime-Junkie ist. Die Partikularisierung der Gruppen in immer spitzere Subkulturen geht online häufig einher mit der Bezeichnung „-core“, um zu beschreiben, dass hier im Kern eine bestimmte Ästhetik gemeint ist. Clowncore überträgt die traditionelle Clownästhetik (Ballonhosen, Schleifen, Tupfen und exzentrisch-grelles Make-up) in die moderne Fashionwelt – häufig mit einem gruseligen Spin. Cottagecore zelebriert die Ästhetik der Landidylle mit entsprechender Blümchenkleid-Optik und einem Fokus auf das Marmelade-Einkochen und die Tomatenpflanzenpflege. Mermaidcore vereint die wenigen Berufsmeerjungfrauen und -männer und die vielen Hobby-„Merpeople“ mit ihrer märchenhaften glitzernden Unterwasserästhetik usw.
Die Landschaft der Subkulturen wächst und verändert sich immer schneller. Es gibt unzählige weitere Communitys, deren Dresscodes und Symbole nur noch diejenigen erkennen und verstehen, die selbst dazugehören. Die „feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdieu) sind inzwischen so fein geworden, dass es unmöglich wird, die unendliche Anzahl an Gruppen zu kennen und ihre Bedeutung zu verstehen.
In Vor-Internet-Zeiten waren Subkulturen gebunden an eine bestimmte, meist politische Haltung, oft organisch um einen bestimmten Musikstil gewachsen. Es gab klare Erkennungsmerkmale, die über gewisse Zeiträume stabil waren und es der Mehrheitsgesellschaft ermöglichten, Individuen bestimmten Subkulturen zuzuordnen. Die Hippies hatten lange Haare, trugen bunte Batikkleider und feierten friedlich zu psychedelischer Musik. Rocker steckten in schwarzen Lederjacken und Brothel-Creeper-Schuhen und hörten Rock’n’Roll. Hip-Hopper erkannte man an Ghettoblaster, weit geschnittenen Hosen, Hoodies und Sneakers. Gemein war allen Subkulturen eine klare Abgrenzung zur Mehrheitskultur – ein Ausdruck des symbolischen Widerstands.
Die Ausdifferenzierung der verschiedenen Subkulturen in immer feinere Subgruppen und Nuancen lässt sich in der Aufsplittung der Musikgenres nachverfolgen. Das relativ klar umrissene Genre „Punk Rock“ fächerte sich bereits Ende der 1970er-Jahre in eine Reihe von Subgenres aus, etwa Ska Punk, Anarcho Punk, Streetpunk, Oi!-Punk, Horrorpunk, Postpunk, Hardcore Punk, Fun-Punk, Folk Punk. Heute sind die Genres so diversifiziert, dass viele Menschen erst durch ihren Spotify-Jahresrückblick erfahren, welche Genres sie gern hören.
Auch mit Kleidung symbolischen Widerstand zu demonstrieren, ist praktisch unmöglich geworden. Die Allgegenwärtigkeit und Zugänglichkeit von Kleidung macht es schwer, mit dem, was man trägt, ein Statement abzugeben. Und entstehende subkulturelle Strömungen werden heute in unglaublichem Tempo vom Mainstream absorbiert und monetarisiert. Das zählt nicht nur für Mode. Sogar die Sprache löst sich von bestimmten sozioökonomischen und ethnischen Hintergründen. Begriffe wie „Slay“ oder „Yas“ stammen ursprünglich aus der schwarzen US-Drag-Szene und wurden durch das Internet und Serien wie „RuPaul’s Drag Race“ verbreitet. Heute nutzen alle möglichen Menschen Ballroom-Jargon, ohne den geringsten Bezug zu dieser Subkultur zu haben.
Dieser Mix-and-Match-Zugang zu allen möglichen subkulturellen Elementen höhlt den eigentlichen Charakter und die Funktion von Subkulturen in der Gesellschaft aus. Den unzähligen Nischenkulturen, die vor allem online entstehen und vergehen, fehlt das subversive Element. Sie teilen oft eher ein loses „Look and Feel“ als ein Werte-Set, eine politische Haltung oder auch nur einen bestimmten Lebensstil.
Die Subkultur war immer ein Gegenmodell zur Mehrheitsgesellschaft. Sie braucht den Mainstream, um sich von ihm abzugrenzen. Mit dem Schwinden des Mainstreams verlieren daher auch die Subkulturen an Substanz. In der Postmoderne fehlen zunehmend verbindliche, kulturelle Standards und Normen. Man orientiert sich nicht mehr am Allgemeinen – am Mainstream –, sondern am Besonderen. In einer solchen Gesellschaft lösen Authentizität und Einzigartigkeit das Normale und Gewöhnliche als erstrebenswerte Ideale ab (vgl. Reckwitz 2019). Prestige ist nur noch in der Individualität zu erreichen – seien es individuelle Spitzenleistungen, eine einzigartige Kreativität, außergewöhnliche Ideen oder die Perfektion des physischen Selbst.
Die Hyperindividualisierung hat Identität zum Teil eines fluiden, unverbindlichen und größtenteils selbst gewählten Lebensstils werden lassen, getragen von einem gigantischen globalisierten Markt, der ständig neue Ressourcen zur Selbstverwirklichung – und Selbstoptimierung – anbietet. Fraglos hat die Individualisierung neue Wahlfreiheiten und eine nie zuvor dagewesene Optionenvielfalt geschaffen, das eigene Leben nach subjektivem Gutdünken zu gestalten.
Doch das Projekt der einzigartigen Selbstentfaltung, dem sich das postmoderne Individuum heute gegenüber sieht, birgt auch ein hohes Frustrationspotenzial. Der Anspruch auf Einzigartigkeit und die Abwertung des Durchschnittlichen erzeugen einen immensen Druck. Trotz immenser Möglichkeiten zur Gestaltung des ultimativ erfüllten Lebens ist die Zahl von Menschen, die unter Depressionen und Ängsten leiden, beängstigend hoch. Die vielen tragischen Tode, die auf Suizid oder Drogenmissbrauch zurückgehen, die sogenannten „Deaths of Despair“, sind die Spitze des Eisbergs einer zutiefst unglücklichen Gesellschaft (vgl. Brooks 2023).
Schauen wir auf die Hard Facts, so leben die Menschen in spätkapitalistischen Wohlstandsgesellschaften in paradiesischen Verhältnissen: Wir leben länger, sind reicher, gesünder und autonomer als je zuvor. Gleichzeitig erodiert jedoch das Paradigma der Selbstentfaltung einen wichtigen Baustein von Zufriedenheit: den Gemeinschaftssinn.
„Früher wurden die Menschen in Gemeinschaften geboren und mussten ihre Individualität finden. Heute werden die Menschen als Individuen geboren und müssen ihre Gemeinschaft finden.“
K-Hole, 2013
Doch Zufriedenheit braucht Zugehörigkeit, einen geteilten Gemeinschaftssinn mit gültigen Werten und Normen, eine kollektive Bestimmung, die nicht aus einem aufgeblasenen Unternehmenszweck besteht. Unter den scheinbar wahllosen Strukturen der Hyperindividualisierung beginnt sich bereits leise eine neue Wir-Kultur zu formen, die sich aus geteilten Anliegen und einer Sehnsucht nach Zugehörigkeit speist. Diese neuen Wirs sind mehr als neue Subkulturen. Sie haben begriffen, dass Zufriedenheit eine Gemeinschaftsanstrengung ist.
Als Antwort auf zunehmende Komplexität durch rapide technologische Fortschritte und die weltweite Vernetzung entwickelt sich eine tief verwurzelte Sehnsucht nach Gemeinschaft. Dabei werden Co-Prinzipien wie Co-Creation, Co-Living oder Co-Working zu zentralen Organisationsprinzipien der vernetzten Gesellschaft, denn sie stärken menschliche Potenziale.
10. Oktober 2023
Wie ein roter Faden durchziehen soziale Techniken des Kollaborierens und Kooperierens die Geschichte der Menschheit. Ob in frühen archaischen Stammesgesellschaften, strategischen Interessengemeinschaften oder zeitgenössischen Subkulturen: Menschliches Zusammenleben ist grundlegend geprägt durch kollaborative Strukturen. Sie manifestieren sich an unterschiedlichsten Stellen und Orten einer Gesellschaft.
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich insbesondere in den Wohlstandsgesellschaften der Erde individualistische Prinzipien ausgebreitet und tief im Selbstverständnis der Menschen verankert. Das wachsende Streben nach Autonomie, Selbstbestimmung und differenzierten Lebenswelten macht Gesellschaften vielfältiger und bunter. Gleichzeitig vernetzen neue Technologien eine immer größere Zahl von Menschen miteinander – online wie offline, privat wie professionell. Aber das Zusammenspiel von Individualisierung und Digitalisierung führt auch in eine Paradoxie: Trotz – und auch wegen – der steigenden Autonomie und Vernetzung steigt das Gefühl der Einsamkeit und Überforderung.
Als direkte Antwort darauf entstehen heute überall neue Gemeinschaftsformen – Co-Cultures. Auf der Suche nach Empathie und sozialer Resonanz finden sich mehr und mehr Menschen in fluiden Communitys zusammen, um sich dem wachsenden Komplexitätsdruck der Welt zu stellen. In diesen hybriden Kollektivkonstrukten drückt sich eine tiefe Sehnsucht nach Beziehungen, Zusammenhalt und gemeinschaftlichen Identitäten aus. Die Kooperation als menschliche Grundkompetenz wird wieder zu einem maßgeblichen Organisationsprinzip von Gesellschaften: dem Co-Prinzip.
Das Co-Prinzip beschreibt zukunftsfähige Kooperationsformen zwischen Menschen, die Freiheit und Komplexität mit Bindung und Empathie vereinen. Solche Phänomene lassen sich mittlerweile in vielen gesellschaftlichen Bereichen beobachten. Menschen tauschen und teilen Kleidung, Werkzeug, Lebensmittel, Autos und vieles mehr. Dahinter steckt auch ein neues Verständnis von Eigentum, das immer häufiger als Mittel zum Zweck betrachtet wird.
Ein Resultat dieses wiederbelebten Leitmotivs ist die Co-Mobility. Für Fahrräder, Autos, E-Scooter und viele weitere Verkehrsmittel entstehen Sharing-Angebote, um eine unkomplizierte, effiziente und kostengünstige Fortbewegung zu ermöglichen. Die gemeinschaftliche Nutzung von ganzheitlichen und vernetzten Mobilitätslösungen reduziert in urbanen Gebieten die Verkehrsbelastung. In ländlichen Umgebungen kann sie Mobilitätslücken schließen. Auf diese Weise bringen Lösungsansätze der Co-Mobility individuelle Bedürfnisse verschiedener Menschen zusammen – und erhöhen die Lebensqualität.
In der Arbeitswelt verbreiten sich kooperative Arbeitsmodelle unter dem Begriff Co-Working. Dabei geht es um mehr als nur räumliche Koexistenz in stylischen Gemeinschaftsbüros. Co-Working-Spaces bieten gerade in Zeiten von Hybrid Work oftmals mehr Flexibilität als traditionelle Büros, weil sie unterschiedlichste Menschen und Interessen miteinander verbinden. Die Mischung aus einzelnen Rückzugsräumen und kollektiven Begegnungsorten macht sie zu Schmelztiegeln der Produktivität, des Wissensaustausches und der Kreativität.
Auch im Lebensalltag drückt sich der Wunsch nach Gemeinschaft immer stärker aus. Angesichts zunehmender Isolation durch das Aufbrechen alter Sozialstrukturen wie der traditionellen (Groß-)Familie, definieren Menschen den Begriff des Zuhauses neu. Sie finden sich in vielfältigen Gemeinschaften zusammen und teilen ihren Alltag. Das Prinzip der Wohngemeinschaft erlebt durch das Co-Living eine Renaissance, die weit über das klassische Modell hinausgeht und neue Verbindungen schafft: Senior:innen und Studierende unterstützen sich im Alltag. Und im Co-Parenting ergänzen sich Alleinerziehende oder Paare in der Erziehung ihrer Kinder.
Eine weitere wichtige Ausprägung des Co-Prinzips beschreibt die Co-Creation, die Transformation von Konsumierenden zu Produzierenden. Während konventionelle Massenware an Attraktivität verliert, erleben selbständig und in Zusammenarbeit geschaffene oder reparierte Produkte einen Boom. Der Anspruch nach sinnvollen und umweltverträglichen Produkten zeigt sich in Gemeinschaftsgärten oder offenen Werkstätten – und verdeutlicht den Wunsch nach sozialen Umfeldern kooperativen Denkens.
Die wohl größte Herausforderung des Co-Prinzips liegt darin, Co-Kompetenzen zu entwickeln und neue Denkweisen zu etablieren: weg vom Primat individueller Bedürfnisse, hin zur stärkeren Gewichtung kollektiver Herausforderungen und Lösungen. Im Kern geht es also darum, nicht mehr nur eigene Vorteile optimieren zu wollen, sondern jene Formen von gemeinschaftlicher Co-Kultur und Co-Creation herzustellen, die echte Selbstverwirklichung überhaupt erst ermöglichen.
Die Wiederbelebung der Kunst des Zusammenlebens, des Prinzips der Kooperation, ist angesichts von fortschreitenden Technologien und sozialen Verwerfungen nicht nur eine Notwendigkeit: Sie eröffnet auch eine Vielzahl von Möglichkeiten für die nächste Gesellschaft. In der Transformation zur Co-Society erschließt das Co-Prinzip neue Horizonte für kreative Zusammenarbeit und fördert die Entwicklung nachhaltiger und gemeinschaftlicher Lösungen. Denn für die Bewältigung kommender Herausforderungen gilt das gleiche wie für die Gestaltung besserer Zukünfte: Es geht nur gemeinsam.