– Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.
31. Oktober 2025
Haben Sie schon bemerkt, dass Sie Zeitzeuge einer gewaltigen technologischen Revolution sind? Wahrscheinlich denken Sie jetzt zuerst an die rasanten Fortschritte der Künstlichen Intelligenz. Doch während digitale Technologien und KI mittlerweile fast täglich Schlagzeilen machen, bahnt sich fast unbemerkt eine noch grundlegendere Transformation der materiellen Welt an: der Aufbruch in das neo-elektrische Zeitalter.
Die erste große Welle der Elektrifizierung begann Ende des 19. Jahrhunderts. Damals entbrannte der legendäre „Stromkrieg“ zwischen den berühmten Erfindern Thomas Alva Edison und Nikola Tesla. Die beiden Visionäre träumten von einer elektrifizierten Welt, in der Strom unbegrenzt verfügbar ist und Fabriken, Häuser und ganze Städte mit elektrischer Energie versorgt sind. Tatsächlich stammen wegweisende Erfindungen wie das Wechselstromsystem, Transformatoren, Generatoren, elektrische Beleuchtungssysteme oder auch Elektromotoren aus der ersten elektrischen Revolution. Viele dieser Erfindungen prägen – in weiterentwickelter Form – bis heute unseren Alltag.
„Vergesst die Kohlenwasserstoffe – die Zukunft gehört den Elektronen!“
Damals wurde Strom noch fast ausschließlich aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Da die meisten elektrischen Technologien nicht ausgereift waren und es in vielen Branchen einfacher blieb, Kohle und später Öl oder Gas zu verbrennen, beschränkte sich die erste Phase der Elektrifizierung auf einzelne Anwendungen und Bereiche des täglichen Lebens.
Heute, rund 150 Jahre später, haben sich die Vorzeichen grundlegend verändert. Erneuerbare Energien entwickeln sich mit rasender Geschwindigkeit zur dominierenden Quelle der globalen Stromerzeugung. Doch bei den Zukunftspotenzialen dieser Transformation geht es um weit mehr als die Einsparung von Emissionen. In Wahrheit eröffnet das neo-elektrische Zeitalter Visionen von nahezu unbegrenztem, sauberen Strom, neuen Technologien, die für mehr Lebensqualität sorgen, sinnvollem Wirtschaftswachstum und einem erweiterten Verständnis für Regeneration. Die nächste Revolution der Elektrifizierung gibt der Zukunft wieder ein Fortschrittsversprechen – das Leitbild einer elektrisierenden Zukunft, die immer mehr zur gelebten Realität wird.


An dieser Entwicklung können auch ewige Pessimist:innen, notorische Anhänger:innen fossiler Lebensstile und Innovationsverhinderungsprofiteure wie der US-amerikanische Energieminister und Fracking-Unternehmer Chris Wright nichts ändern, der die Energiewende als Kulturkampf inszeniert und die Solar- und Windenergie als „Parasit im Stromnetz“ diffamiert (vgl. McKibben 2025).
Diese Überhitzung im politischen Diskurs verzerrt den Blick darauf, dass es nicht etwa parteipolitische Vorlieben oder die Angst vor den Folgen des Klimawandels sind, die die Energiewende vorantreiben, sondern vor allem global wirkmächtige Marktmechanismen und industrielle Logiken. Der wachsende Erfolg der erneuerbaren Energien spricht eine eindeutige Sprache: Die Energieleistung aus Fotovoltaik und Windkraft steigt seit Jahren mit einer Geschwindigkeit, die kein anderer Energieträger in der Geschichte der Menschheit vorweisen kann. Immer wieder muss die Internationale Energieagentur (IEA) ihre jährlichen Prognosen zum Wachstum der erneuerbaren Energien nachträglich nach oben korrigieren, weil sich die Energierevolution mit einer unvorhergesehenen exponentiellen Dynamik entfaltet (vgl. Meyer 2025).

„It’s the efficiency, stupid!“
Tim Meyer, Energieexperte
Nicht nur in China, das sich längst zum Zentrum dieser Technologien entwickelt hat, kann man diese Dynamik beobachten. Es handelt sich um eine globale infrastrukturelle Transformation.
Eine entscheidende Ursache für diese bemerkenswerte Dynamik liegt im Preis. Schon heute produzieren Fotovoltaikanlagen in Kombination mit Batteriespeichern deutlich günstigeren Strom als Kohle- oder Gaskraftwerke – Tendenz steigend (vgl. Kost et al. 2024). Würden wir die zukünftige Ausrichtung unserer Energiesysteme nur nach Kosten und Effizienz beurteilen, gäbe es ohnehin keine Zweifel mehr: Erneuerbare Energien sind mittlerweile nicht nur günstiger, sondern auch wesentlich effizienter als fossile Ressourcen.
Werden Kohle, Öl oder Gas verbrannt, geht ein Großteil der Primärenergie als Abwärme verloren. So verschwenden etwa Autos mit Verbrennungsmotoren bis zu 80 Prozent der eingesetzten Energie, sie sind sozusagen „fahrende Heizungen“ (vgl. Meyer 2025). E-Autos überführen dagegen mindestens 70 Prozent der eingesetzten Energie in die Fortbewegung und speisen die überschüssige Energie über ihre Batterien wieder ins System zurück – sie sind also fahrende Speichertechnologien.



Das energetische Potenzial der erneuerbaren Energien ist unvorstellbar groß. Studien zufolge ließe sich mit Solar- und Windenergie der heutige weltweite Energiebedarf um das Hundertfache decken. Dafür wären lediglich 0,3 Prozent der Erdoberfläche nötig – weniger als das, was wir derzeit für fossile Infrastrukturen aufwenden (vgl. Bond 2021).
Die Aussicht auf nahezu unbegrenzte saubere Energie darf nicht missverstanden werden: Es reicht nicht aus, fossile Energieträger im bestehenden System lediglich durch erneuerbare Quellen zu ersetzen. Wir stehen vor einer radikalen Transformation – der rapide Ausbau von Wind- und Solarenergie stellt das gesamte Energiesystem auf den Kopf. Denn wenn Energie kein Mangel mehr ist, stellt sich die Frage: Wie können wir diese gewaltigen Energiemengen sinnvoll nutzen und verwalten, um eine bessere Zukunft zu gestalten?
Hier kommt die große Elektrifizierung ins Spiel. So wie das Wachstum der erneuerbaren Energien hat die Umstellung von nicht-elektrischen Anwendungen auf Strom in den vergangenen 25 Jahren alle Erwartungen übertroffen. Die Fortschritte bei den sogenannten Electrotechs (Batterien, Fotovoltaikanlagen, Smart Grids usw.) sind erstaunlich.
„In Zukunft wird Energie nicht gespart, sondern elektrifiziert.“
Weitere Fortschritte stehen kurz bevor. Studien zufolge kann die batterie-elektrische Schifffahrt schon bald durch fallende Batteriepreise, leistungsfähigere Akkus und infrastrukturelle Anpassungen weltweit wettbewerbsfähig werden. China treibt diese Entwicklung mit Nachdruck voran und lässt bereits elektrische Frachtschiffe bauen, deren Akkus sich innerhalb von wenigen Minuten austauschen lassen (vgl. Bork 2025). Schon bald könnten so in den Häfen dieser Welt logistische Ökosysteme auf Basis von Electrotechs entstehen.
Nur in den wenigen Bereichen, die sich gegenwärtig schwer direkt elektrifizieren lassen – etwa der Luftfahrt, Stahlproduktion oder Teile der chemischen Industrie – empfehlen Studien noch den teureren grünen Wasserstoff als komplementäre Lösung (vgl. Schreyer et al. 2024). Ansonsten gilt als sicher, dass elektrische Energiesysteme nicht nur sauberer, sondern längst leistungsfähiger, widerstandsfähiger und technologisch überlegener sind als ihre fossilen Vorgänger.



Erwächst der Siegeszug der sauberen Energien primär aus Klimasorgen und politischen Maßnahmen? Mitnichten. Ein zentraler Antrieb der neo-elektrischen Revolution sind neue industrielle Potenziale, technologische Innovationen und eine bessere Energiesicherheit (vgl. Walter et al. 2025).
Das neo-elektrische Zeitalter, in dem Strom zur nahezu universell verfügbaren Ressource und zur Lebensader der Gesellschaft wird, ist keine theoretische Vision mehr, sondern eine realistische Aussicht. Eine Zukunft, die in doppelter Hinsicht elektrisiert.
Zukunft verläuft nicht geradlinig, das führt uns die gegenwärtige Omnikrise deutlich vor Augen. Auch die Zukunft der Elektrifizierung ist kein linearer Prozess, der automatisch erfolgt, trotz der atemberaubenden Fortschritte. Die Transformation unserer Energiesysteme wird Reibungen, Friktionen und Widerstände erzeugen.
Doch wir sollten nicht vor der Zukunft flüchten und sie mit negativen Zuschreibungen wie Vermeidung, Verzicht oder Verbot aufladen. Gerade heute muss Zukunft wieder begeistern können. Die Neo-Elektrifizierung und der Aufstieg der erneuerbaren Energien bringen dieses Begeisterungspotenzial mit, indem sie uns greifbare Chancen auf eine bessere Zukunft eröffnen. Diese Strahlkraft ist ein unschätzbarer Zusatznutzen der neo-elektrischen Revolution: Sie hilft uns, auch die Zukunft unter Strom zu setzen.

„Was heute der ungläubige Blick nach vorne ist, ist morgen der schmunzelnde Blick zurück.“
Tim Meyer, Energieexperte

Wie wir die Zukunfts-Resignation überwinden und ein neues Zeitgefühl kultivieren.
– Ein Auszug aus dem Buch „Radikale Zuversicht: Ein Handbuch für Krisenzeiten.“
von Lena Papasabbas
Illustration: Julian Horx
24. Oktober 2025
Verlust ist ein prägendes Lebensgefühl unserer Zeit.
Verlust von Kontrolle, von Normalität, von Sicherheiten … vor allem aber: Verlust von Zukunft.
Wir wissen nicht mehr so recht, wo es eigentlich hingehen soll. Die einzigen, die noch Visionen haben, sind scheinbar rechte Tech-Milliardäre, die ihre Zukunftsvisionen mit wachsender politischer Macht durchsetzen, während sie nebenbei das Internet in eine Konsum-Maximierungs- und Ideologie-Maschine umbauen.
Wir stehen diesen Entwicklungen scheinbar wehrlos gegenüber. Alternative Zukunftsnarrative sind Mangelware. Doch viel dringender als konkrete Zukunftsbilder, die inhaltlich zu unseren Werten passen, brauchen wir eine bestimmte Haltung zur Zukunft, die uns über die aktuelle Krise hinausblicken lässt.
Denn eins lässt sich mit Sicherheit sagen: Die Zukunftsvisionen, die Tech-Milliardäre erdacht, entworfen, berechnet und erträumt haben, werden sich nicht in der Weise bewahrheiten. Wir dürfen darauf vertrauen, dass die Zukunft, die sich bisher zuverlässig jeder Prognose entzogen hat, auch weiterhin unvorhersehbar bleibt – und ganz anders wird als gedacht. Sie wird nicht so werden, wie von den Musks und Thiels dieser Welt gerade geplant wird. Wie die Zukunft stattdessen aussehen könnte, daran versuchen wir uns mit unseren Modellen anzunähern.
Wie genau diese Zukunft aussieht, die da auf uns zukommt, die wir also im Außen verorten, hängt essentiell davon ab, welche Haltung wir im Inneren zur Zukunft pflegen. Wir können passiv darauf hoffen, dass alles besser wird. Oder wir können aktiv anfangen, radikale Zuversicht zu kultivieren.

Die Zuversicht ist mit der Hoffnung verwandt, nimmt die Zukunft aber nicht als etwas wahr, das einem passiert, sondern als etwas, an dem man aktiv teilhat. Es gibt einen kleinen, feinen Unterschied: Hoffen wir darauf, dass alles gut wird? Oder sind wir zuversichtlich, dass wir mit dem, was kommt, gut umgehen können? Zuversicht speist sich aus dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen, um das Leben aktiv zu gestalten.
Radikale Zuversicht ist eine Haltung, die nicht durch konkrete Zukunftsbilder getragen wird, sondern durch das Vertrauen auf ein noch nicht vorstellbares Kommende.
Eine Zukunft also, die über das gerade Bekannte und Mögliche hinausgeht – so war es bisher immer in der Menschheitsgeschichte. Unsere Gegenwart mit Flugzeugen, Internet und Frauenwahlrecht war noch vor 200 Jahren eine unvorstellbare, unmögliche und unerreichbare Träumerei.
Radikale Zuversicht richtet sich also auf eine Zukunft, für die unsere aktuellen Konzepte und Begriffe noch nicht ausreichen, um sie begreifen zu können. Aber, wie es die Zukunft so an sich hat, können wir sie hier und da schon erspüren. Vielleicht in der Kindness-Bewegung, die seit vielen Jahren leise und liebevoll vor sich hin wächst, in der kollektiven Sinnsuche ganzer Generationen, die die Frage nach dem Sinn der Wirtschaft neu stellen, in der unendlichen Nachfrage an Coaching und Rat zur inneren Reifung, in dem Aufstieg von fast vergessenen Tugenden wie Achtsamkeit und Dankbarkeit und in den Biografien von Menschen, die am Höhepunkt ihrer Karriere vom Banker zum Bäcker wechseln …
Diese Zeichen können wir leicht übersehen. Unsere Filter sind auf Untergang eingestellt: Gewalt, Krise, Katastrophe. Doch Newsportale sind Zerrbilder der Realität. Auf dem Screen sind Menschen Monster, die sich gegenseitig und ihre Umwelt zerstören. Doch heben wir einmal den Blick vom Bildschirm und blicken nach links und nach rechts, stellen wir fest: Die meisten Menschen sind eigentlich ganz ok. Viele Menschen haben keine Lust mehr auf den ständigen Untergangsmodus. Um nicht zu resignieren, müssen wir einen neuen Blick auf die Welt kultivieren. Der uns erlaubt die ganze Vielfalt der Möglichkeiten wahrzunehmen.
Diese Haltung brauchen wir, nicht nur um nicht in Nostalgie oder rückwärtsgewandten Ideologien zu verfallen, sondern um aus der Resignation und Erschöpfung rauszukommen. Zukunft betrifft uns schließlich alle.
Wir brauchen eine Haltung zur Welt, die weder das Negative ausblendet, noch sich von Angst überwältigen lässt, die dem Träumen, Sehnen und Freuen genauso viel Raum gibt wie dem Fürchten und Wüten. Ein Denken, das Fantasie und Kreativität zurück in die Zukunft bringt, und sich nicht nur auf die kalten Berechnungen der Künstlichen Intelligenz verlässt.
Im Kern steht eine geistige Beweglichkeit, die uns befreit von den Zwängen der unmittelbaren Gegenwart. Von eingeschliffenen Denkgewohnheiten. Dem Korsett der eingeübten Weltwahrnehmung. Radikale Zuversicht erlaubt uns einen konstruktiven, vielleicht sogar liebevollen Umgang mit einer komplexen Welt. Diese Haltung gewinnt man nicht von heute auf morgen. Aber: Sie lässt sich üben.

Wer sich ständig über „die Politik“, die Chefin oder die Deutsche Bahn aufregt, vergisst zum einen, wie enorm privilegiert wir sind und macht sich zum anderen zum hilflosen Opfer. Selbstwirksamkeit beginnt mit einer radikalen Akzeptanz dessen, was gerade ist.
Wie viele Probleme unserer Zeit entstehen aus gekränkten (Männer-)Egos? Der beste Trick gegen Narzissmus: Sich selbst nicht so ernst nehmen! Wenn wir es schaffen, mit entwaffnender Ehrlichkeit und liebevoller Ironie auf unsere eigene Fehlbarkeit zu reagieren, werden wir unangreifbar für unsere (inneren) Kritiker.
Unser Gehirn mag klare Kategorien: Mann oder Frau, Körper oder Geist, „normal“ oder „verrückt“. Aber das sind nur Modelle von der Welt, nicht die Realität. Je mehr wir aufhören, die Welt in Schubladen aufzuräumen, desto interessanter, bunter und schließlich auch entspannter wird es.
Das neueste iPhone, die neuste KI-App, das neueste Tesla-Modell, der neuste Tracking-Ring… Technologien sollen unser Leben besser machen. Doch wir haben verlernt, das Neue vom Besseren zu unterscheiden! Die wirklich wichtigen Innovationsfelder der Zukunft liegen weder im Hightech noch auf dem Mars – sondern in der Krankenpflege, im Bildungswesen, im funktionierenden Zusammenleben.
Moderne Menschen leben fast nur noch in ihrem Kopf. Dabei sind wir eigentlich mit der Fähigkeit, ganz im Moment zu sein, auf die Welt gekommen: Wenn ein Kind ein Eis isst, ist es mit allen Sinnen dabei – heute machen wir erstmal ein Bild für Insta. Um wieder ins Hier und Jetzt kommen, brauchen wir keine Mediations-App oder Achtsamkeits-Coaches, sondern ein simples: Zurück zur Sinnlichkeit!
Viele Menschen glauben, einen objektiven Zugang zur Realität zu haben, doch tatsächlich ist unser Blick auf die Wirklichkeit stets verzerrt von unseren subjektiven Filtern, Erfahrungen und Vorannahmen. Diese Erkenntnis hilft enorm, sich nicht in sinnlosen Symbolkämpfen mit Andersdenkenden zu verzetteln und sich auf das konzentrieren, was wirklich zählt: Gemeinsame Werte!
Unsere Gesellschaft ist dem Wahn der Selbstoptimierung verfallen. Wer es nicht schafft, tiefenentspannt, produktiv und glücklich zu sein, hat nur nicht hart genug an sich gearbeitet. Doch in Wirklichkeit ist unsere Wirkmacht begrenzt. Oft stimmen einfach die Bedingungen nicht, egal wie hart wir an uns arbeiten. Da hilft die Erkenntnis: Du bist nicht schuld!
Angst lähmt. Wer davon ausgeht, dass die Welt untergeht, tut nichts mehr dafür, dass sie besser wird. Obwohl wir jeden Tag mit schlechten Nachrichten überflutet werden, herrscht direkt vor unserer Haustüre Ruhe und Frieden. Trauen wir uns, das Elend der Welt einmal loszulassen und das Gute bewusst zu suchen, entsteht neue Kraft und Ideen die Zukunft zu gestalten.
Das letzte Zeitalter, in dessen Ausläufern wir leben, ist ein sehr rationalistisches Zeitalter. Das hat viele Vorteile. Aber wenn Wissenschaft, Daten und Ratio, Religion, Spiritualität und Emotion vollständig ersetzen, stirbt menschliche Kreativität und Vorstellungskraft. Um das neue Zeitalter zu imaginieren, brauchen wir wieder ein bisschen Zauber, Schwärmerei, Magie und: Romantik!

Warum Governance mehr ist als Steuerung – und wie Vertrauen, Beziehung und Verantwortung den Unterschied machen.
16. Oktober 2025
Wenn heute über Bildungspolitik gesprochen wird, ist fast automatisch Governance gemeint: Steuerung, Wirkung, Implementierung. Diese Begriffe vermitteln Sicherheit – sie suggerieren, dass Wandel planbar ist. Doch was, wenn Zukunft sich gerade dadurch entzieht, dass sie nicht planbar ist? Was, wenn Governance weniger mit Kontrolle als mit Beziehung zu tun hat?
Der Begriff Governance selbst ist ambivalent: Er kann Brücken bauen oder Mauern errichten, Verständigung fördern oder Macht festschreiben. Entscheidend ist die Haltung, mit der wir ihn füllen.
In einer Welt, die sich permanent verändert, verlieren klassische Steuerungslogiken an Kraft. Transformation lässt sich nicht anordnen – sie entsteht in Begegnungen, in Zwischenräumen, in Resonanz. Sie ist kein Top-down-Prozess, sondern ein Netzwerk geteilter Verantwortung.
Die herkömmliche Governance teilt das Feld in Wissende und Umsetzende, Entscheider:innen und Betroffene. Sie schafft Strukturen, aber selten Verbindung; sie misst Wirkung, aber übersieht Sinn. Sie stabilisiert Systeme – doch Transformation verlangt, sie zu öffnen.
Ein alternatives Verständnis denkt Governance als Beziehungskunst: als Fähigkeit, Vertrauen zu schaffen, Unterschiedlichkeit auszuhalten und gemeinsame Orientierung im Ungewissen zu suchen. Sie wäre weniger Verwaltung als Kulturtechnik – weniger Steuerung als Ermöglichung.
In dieser Perspektive wird Governance dialogisch. Sie lädt ein, Macht zu teilen, Verantwortung gemeinsam zu tragen und Räume offenzuhalten für das, was noch nicht definiert ist. Sie erkennt an, dass niemand allein über genügend Wissen verfügt, um Zukunft zu gestalten – und dass kollektive Intelligenz nur dort entsteht, wo Menschen wirklich zuhören.
Gerade im Bildungsbereich zeigt sich, wie schwierig dieser Wandel ist. Schulen und Verwaltungen beruhen auf Planung, Kontrolle und Evaluation. Doch wer Lernen fördern will, braucht Vertrauen in Prozesse, die sich nicht messen lassen.
Governance als Beziehungskunst bedeutet, Strukturen so zu gestalten, dass sie Begegnung ermöglichen. Ein Beispiel sind Netzwerke, in denen Lernende, Lehrende, Eltern, Forschende und Politik gemeinsam an Entwicklungsfragen arbeiten – nicht entlang von Zielvorgaben, sondern durch geteiltes Lernen.
So entstehen Resonanzräume, in denen Unsicherheit nicht als Defizit gilt, sondern als Motor von Erkenntnis. Wenn Lernende selbst Rückmeldungen geben, Prioritäten mitsetzen und Verantwortung übernehmen, wird Macht neu definiert. Governance wird dann zur gemeinsamen Praxis – offen für Fehler, Irritationen und Neuanfänge.
Der Navigator Bildung Digitalisierung zeigt exemplarisch, wie stark der Wunsch nach Steuerung im Bildungsdiskurs verankert ist – und wie herausfordernd es bleibt, Unsicherheit produktiv zu nutzen. Doch genau hier liegt das Potenzial: Governance kann mehr sein als Regelwerk. Sie kann ein Beziehungsgeflecht werden, das Wandel trägt.
Governance als Beziehungskunst erfordert Mut: den Mut, Kontrolle zu relativieren, Verantwortung zu teilen und Macht neu zu denken. Politik wird so zur sozialen Praxis des Zuhörens.
In Zeiten der Omnikrise – von Klimawandel über Digitalisierung bis zur gesellschaftlichen Spaltung – ist das keine Schwäche, sondern Voraussetzung für Handlungsfähigkeit. Komplexität lässt sich nicht bekämpfen, nur gestalten – gemeinsam.
Diese Haltung verändert auch, was wir unter Erfolg verstehen. Wirkung ist dann nicht, was messbar ist, sondern was Beziehungen stärkt. Fortschritt zeigt sich nicht in Zahlen, sondern in Vertrauen.
Wenn wir Transformation wirklich wollen, müssen wir Governance enttechnokratisieren. Sie darf kein Instrument zur Sicherung bestehender Strukturen bleiben, sondern muss zum sozialen Raum werden, in dem Sinn entsteht.
Governance als Beziehungskunst verbindet Verantwortung mit Vertrauen, System mit Menschlichkeit. Zukunft entsteht nicht durch Steuerung – sondern durch Beziehung.
Warum echte Transformation mehr braucht als „Innovation“ – und wie Bildung zum gemeinsamen Möglichkeitsraum werden kann.
16. Oktober 2025
Innovation gilt als Leitmotiv moderner Bildungspolitik. Programme, Pilotprojekte, Modellversuche – fast alles, was sich mit „Zukunft“ schmückt, spricht die Sprache der Innovation. Auch Strategiepapiere wie der „Navigator Bildung Digitalisierung“ nutzen dieses Vokabular: Sie verweisen auf Entwicklungsbedarfe, Good Practices und Wege zur Skalierung erfolgreicher Modelle.
Doch dahinter steckt eine lineare Logik – die Vorstellung, Wandel sei das Ergebnis von Planung, Steuerung und Umsetzung. Genau darin liegt ein Missverständnis: Transformation ist kein Projekt, das man „managen“ kann. Kein Fortschrittsprogramm, sondern ein kultureller Prozess, der Menschen, Beziehungen und Haltungen verändert. Sie lässt sich nicht implementieren, sondern nur ermöglichen.
Die Innovationslogik folgt betriebswirtschaftlicher Rationalität: Ein Problem wird definiert, eine Lösung erprobt, optimiert, skaliert. Bildung aber funktioniert nicht wie Produktentwicklung. Sie ist kein Markt mit übertragbaren Modellen, sondern ein Beziehungsgeschehen. Was an einem Ort gelingt, kann an einem anderen scheitern – nicht wegen mangelhafter Umsetzung, sondern wegen unterschiedlicher kultureller Kontexte.
Echte Transformation entsteht dort, wo Menschen bereit sind, sich irritieren zu lassen, Gewohnheiten zu hinterfragen und Neues nicht sofort zu bewerten. Sie beginnt im Inneren von Organisationen und Individuen – als Suchbewegung, nicht als Projektphase. Sie braucht Zeit, Resonanz, Vertrauen und die Fähigkeit, mit Nichtwissen und Ambiguität zu leben.
Wenn Bildung eine Suchbewegung ist, dann gilt das auch für die Lernenden. Sie sind keine Empfänger:innen von Veränderung, sondern Mitgestaltende des Suchprozesses. Wo sie eigene Fragen stellen und Irritationen aushalten dürfen, entsteht jene Haltung, aus der echte Transformation erwächst – nicht durch Anleitung, sondern durch gemeinsames Entdecken.
Viele Initiativen zur „digitalen Bildung“ modernisieren Methoden und Tools – aber selten die Haltung. Wenn digitale Neuerungen nicht von kulturellem Wandel begleitet werden, bleiben sie oberflächlich: Innovationstapete auf alten Wänden.
Auch der „Navigator Bildung Digitalisierung“ benennt Handlungsfelder, Maßnahmen, Indikatoren – aber kaum die emotionale und relationale Dimension des Wandels. Eine transformative Perspektive fragt stattdessen: Was braucht es, damit Neues überhaupt als wertvoll erkannt wird? Welche Irritationen müssen wir zulassen, um Altes loszulassen?
Transformation ist keine Fortschreibung des Bestehenden mit neuen Mitteln. Sie ist ein Perspektivwechsel: weg vom Machbarkeitsdenken, hin zum Gestalten im Unbestimmten. Statt Innovation um der Innovation willen braucht es Imagination – den Mut, sich auf das Nichtplanbare einzulassen.
Ein Beispiel: Eine Schule beginnt nicht mit neuen Apps, sondern mit der Frage, wie Menschen dort miteinander lernen. Sie reflektiert Beziehungen, Haltung, Selbstverständnis. Erst daraus entsteht Neues – nicht durch Implementierung, sondern durch Selbstveränderung.
Bildung wird so zum gemeinsamen Suchraum: nicht zur Umsetzung vorgegebener Ziele, sondern zur Erkundung dessen, was möglich ist. Nicht zur Sicherung von Standards, sondern zur Entfaltung von Sinn. Nicht zur Anhäufung von Kompetenzen, sondern zur Entwicklung von Verantwortung.
Diese Haltung verändert Rollen: Lernende werden zu Mitgestaltenden, Lehrkräfte zu Lernbegleitenden, Eltern und Ausbildende zu Mitreisenden. Suchende Bildung braucht Vertrauen statt Kontrolle. Resonanz statt Bewertung. Neugier statt Gewissheit.
Transformation ist nie abgeschlossen. Sie bleibt Zumutung und Einladung zugleich: loszulassen, was Sicherheit gibt, und zu entdecken, was Bedeutung hat. Das Ziel ist nicht, Bildung besser zu steuern. Sondern sie als kollektiven Suchprozess zu verstehen: als Raum, in dem Fragen wichtiger sind als Antworten.
Ein Auszug aus dem Future:Guide Handel von Handels-Expertin Theresa Schleicher.
6. Oktober 2025
Die Generation Z steht im Zentrum einer tektonischen Verschiebung im Handel. Aufgewachsen zwischen Krisen, Klimawandel und KI, bewegt sie sich in einem Spannungsfeld aus Widersprüchen: Sie sucht nach dem nächsten Dopamin-Kick – nach neuen Reizen, Trends und Überraschungen – und gleichzeitig nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Orientierung. Diese doppelte Bewegung prägt ihr Konsumverhalten stärker als jede andere Generation zuvor. Produkte müssen heute aufregend und kalkulierbar sein, inspirierend und erschwinglich. Die Gen Z will das Besondere – aber bitte mit System.
Für den Future:Guide Handel hat Handels-Zukunftsforscherin Theresa Schleicher die Generation Z nach ihren Bedürfnissen und Vorlieben befragt: In qualitativen Gruppen mit Gen-Z-Vertreter:innen sowohl aus Städten als auch aus ländlichen Regionen hat sie die Anforderungen der Gen Z an fünf Branchen evaluiert und quantitativ mit Umfragen abgeglichen und ergänzt.
Im Lebensmittelhandel steht alles im Zeichen von Gesundheit, Fitness und Zugänglichkeit. Proteinreiche Produkte, Functional Food und regionale Ware sind gefragt – aber zu fairen Preisen. Statt Luxus will die junge Generation gute Alltagslösungen: cleane, günstige Basics, pflanzenbasierte Alternativen und Eigenmarken mit Haltung. Händler:innen punkten mit Konzepten wie Smart Fill-up-Points, personalisierten Ernährungsboxen oder CO₂-Tracking-Apps. Begeisterung entsteht dort, wo Essen wieder zum Erlebnis wird – etwa bei Community-Cooking-Events, Pop-up-Küchen oder Zero-Waste-Aktionen.
Auch in der DIY- und Möbelbranche zeigt sich ein neues Denken: Weg vom reinen Produktverkauf, hin zu Services und Erlebnissen. Gen Z möchte gestalten, aber mit Unterstützung – durch smarte Tools, AR-Anleitungen oder Mietmodelle. Qualität und Nachhaltigkeit zählen, doch nicht im moralischen Sinn, sondern als Zeichen von Langlebigkeit und cleverem Design. Möbel sollen leistbar, modular und inspirierend sein – wie Mode für den Wohnraum. Workshops, Co-Design-Räume und 3D-Druck-Angebote machen den Handel zum Partner einer kreativen, pragmatischen Generation.
Mode ist für die Gen Z Ausdruck von Identität – aber auch von Verantwortung. Secondhand, Circular Fashion und cleane Eigenmarken stehen hoch im Kurs. Statt Markenfetischismus zählt die richtige Balance aus Individualität, Ethik und Preis. Ähnlich im Drogeriesegment: Gesundheit und Selfcare verschmelzen mit Lifestyle. Refill-Systeme, hormonfreundliche Produkte und Smart-Beauty-Tools prägen das neue Sortiment. Die Drogerie bleibt Trendsetter – mit Testing-Stationen, Social-Media-Kollektionen und Abo-Modellen, die Convenience und Community verbinden.
Die Gen Z verlangt vom Handel nicht einfach Produkte, sondern Orientierung im Überangebot. Sie will entdecken, aber nicht überfordert werden; sie will sparen, ohne Verzicht; sie will Nachhaltigkeit, ohne Moralkeule. Für Händler:innen bedeutet das: weniger Massenkommunikation, mehr Kuratierung; weniger Werbung, mehr Bedeutung. Die Zukunft des Handels liegt nicht im „Mehr“, sondern im richtigen Maß – dort, wo Konsum Sinn, Gemeinschaft und Alltag intelligent miteinander verbindet.
Der Future:Guide Handel von Theresa Schleicher betrachtet Trends und Szenarien für die Handelszukunft. Er zeigt, welche Entwicklungen die Branche in den kommenden Jahren prägen – und welche Chancen daraus entstehen.
Ein neuartiges Modell, das zwölf grundlegende menschliche Bedürfnisse kartiert: Mit „Future:Needs“ verstehen Sie die kollektiven und individuellen Bedürfnisse, die hinter Konsum stecken – und können Ihre Produkt- und Kommunikationsstrategie entsprechend anpassen.
Ein Auszug aus dem Future:Guide Konsum.
von Janine Seitz
25. Juli 2025
Was brauchen Menschen in einer Zukunft, die von Krisen, Wandel und Komplexität geprägt ist? Diese scheinbar einfache Frage steht im Zentrum des Future:Needs-Modells – und sie führt zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit dem, was Konsum jenseits von Überfluss und Verzicht bedeuten kann.
Denn eines ist klar: Unsere gegenwärtige Konsumkultur ist an ihre Grenzen geraten. Sie ist getrieben von Wachstum, geprägt von kurzfristiger Bedürfnisbefriedigung und basiert auf einer industriellen Logik des Immer-mehr. Doch Zukunft entsteht nicht aus linearem Fortschritt, sondern aus der Fähigkeit, Muster zu erkennen, Bedürfnisse zu transformieren und neue Möglichkeitsräume zu gestalten.
Das Future:Needs Modell, entwickelt von Janine Seitz im Rahmen des Future:Guide Konsum, löst sich bewusst von traditionellen Bedürfnismodellen wie etwa der Maslowschen Pyramide. Stattdessen arbeitet es mit einer systemischen Perspektive: Bedürfnisse werden nicht hierarchisch verstanden, sondern als dynamische Felder, die sich in unterschiedlichen kulturellen und technologischen Kontexten unterschiedlich ausprägen.
Die Future:Needs beschreiben die menschlichen Bedürfnisse, auf die sich Produkte und Services der Zukunft ausrichten müssen – jenseits künstlich erzeugter Begehrlichkeiten.
Unternehmen können das Future:Needs-Modell nutzen, um zu prüfen, welche menschlichen Bedürfnisse ihr Produkt oder ihre Dienstleistung anspricht oder erfüllt:

Wir unterscheiden zwischen Bedürfnissen und Begehrnissen. Menschliche Bedürfnisse lassen sich erfüllen und ihre Anzahl ist begrenzt. Begehrnisse dagegen sind unstillbar, sie sorgen dafür, dass Menschen in ein Hamsterrad des Konsums geraten: Jedes vermeintlich gestillte Begehrnis erzeugt ein neues Begehrnis und sorgt so für eine stetige Steigerung des Konsums. Ein Bedürfnis hingegen ist endlich und ermöglicht ein zufriedenes Leben.
„Future:Needs sind die Treiber für Veränderungen und Transformationen.“
Bedürfnisse sind das zentrale Motivationssystem von Menschen. Sie lassen sich individuell, aber auch im sozialen Austausch oder im Austausch mit der Umwelt erfüllen. Bedürfnisse sind universell gültig, aber sie haben kulturelle Ausprägungen. Die Strategien zur Bedürfnisbefriedigung sind demnach unterschiedlich.
In Bedürfnissen steckt auch immenses Potenzial: Future:Needs sind die Treiber für Veränderungen und Transformationen. Sie sind die Grundlage, die intrinsischen Motivatoren für die Entwicklung von Trends. Anders gesagt sind Trends die sichtbaren Manifestationen im Äußeren der intrinsischen menschlichen Bedürfnisse, also die Art und Weise, wie wir versuchen, unsere Bedürfnisse zu erfüllen.
„Trends sind die Manifestation dessen, wie Menschen Ihre Bedürfnisse erfüllen.“
Ihre Produkte müssen nicht alle Bedürfnisse abdecken. Das wäre gar nicht möglich. Aber wenn Sie Ihr Angebot mit den vier Bedürfnisfeldern abgleichen, ergeben sich daraus Empfehlungen für die Entwicklung, Positionierung und Kommunikation Ihres Produkts.
In einer Zeit der Übersättigung entscheidet nicht mehr das „Was“, sondern das „Warum“. Im Wettbewerb um Zielgruppen und Marktanteile mit immer kleinteiligerer Personalisierung und immer aufwendigeren Marketingkampagnen verlieren viele Unternehmen das Wesentliche aus den Augen: den Menschen – und das, was ihn wirklich bewegt.
Zukunftsfähige Marken entwickeln sich nicht aus dem Bauch heraus – sondern aus einem klaren Verständnis dafür, worauf sie einzahlen. Mit den Future:Needs erkennen Sie heute schon die Bedürfnisse von morgen und können Ihre Strategie darauf ausrichten.

Janine Seitz ist Zukunftsforscherin, Kulturwissenschaftlerin und Expertin für Konsumkultur. Aus den Dynamiken von Trends und Gegentrends entwickelt sie ein ganzheitliches Verständnis von Konsum, das die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückt.
Eine Rezension von Taja Anto
25. Juni 2025
Mit „The Comet. Afrofuturism 2.0“ gab die Autorin und Afrofuturistin Natasha A. Kelly 2020 eine Anthologie heraus, die mehr ist als eine Textsammlung: Das Werk ist ein interdisziplinäres Portal, das Schwarze Zukunftsperspektiven jenseits eurozentrischer Kategorien sichtbar, erfahrbar und lesbar macht. Bilingual angelegt, auf Deutsch und Englisch, schlägt das Buch sprachlich wie inhaltlich Brücken – transatlantisch, transhistorisch, transdisziplinär.
Das Herzstück der Publikation ist die erste deutsche Übersetzung von W. E. B. Du Bois’ Kurzgeschichte „The Comet“ (1920), angefertigt von Natasha A. Kelly selbst, die neben ihren wissenschaftlichen und kuratorischen Tätigkeiten auch als gelernte Übersetzerin arbeitet. Die Übersetzung ist mehr als eine bloße Übertragung: Sie ist ein symbolischer Akt der Rückgewinnung Schwarzer intellektueller Traditionen für einen Raum, in dem sie lange ignoriert oder exotisiert wurden.
Du Bois (1868–1963) gilt als ein Wegbereiter des Afrofuturismus. Während seines Studiums in Deutschland entwickelte er zur Blütezeit des deutschen Kolonialismus viele seiner bahnbrechenden Ideen, die Schwarze Geschichte mit Zukunftsvisionen verbanden. Diese Kombination aus historischer Tiefe und spekulativer Kraft ist es, die ihn für viele als frühen Afrofuturisten lesbar macht. Henry Louis Gates Jr., Direktor des W. E. B. Du Bois Institute an der Harvard University, nennt Du Bois in seinem Beitrag „einen der größten Denker des 20. Jahrhunderts“ und hebt die Aktualität des Werkes hervor: „‚The Comet‘ reicht über nationale und kontinentale Grenzen hinweg, um Verbindungen zwischen Afrodeutschland und Schwarzen Gemeinschaften weltweit herzustellen.“
1993 prägte der US-amerikanischen Schriftsteller und Kulturkritiker Mark Dery in seinem Essay „Black to the Future“ den Begriff „Afrofuturism“ vor allem im Kontext Schwarzer US-amerikanischer Popkultur. „Afrofuturism 2.0“ führt diesen Ansatz entschieden weiter: Der von Reynaldo Anderson und John Jennings eingeführte Begriff beschreibt eine postdigitale, dekoloniale und epistemologisch vielschichtige Perspektive, die Schwarze Wissenssysteme und Zukunftsnarrative nicht in westlich-akademische Kategorien einpasst, sondern als eigene Denklogiken anerkennt.
„Afrofuturism 2.0“ überschreitet dabei die klassischen Grenzen von Musik, Kunst und Literatur. Er ist eine politische und technologische Strategie – eine Vision für Gerechtigkeit, Verwurzelung und planetare Zukunftsgestaltung. In „The Comet. Afrofuturism 2.0“ wird dieses Denken konkret: Die versammelten Beiträge reichen von Essays über Interviews bis hin zu künstlerischen Arbeiten, etwa Technologie, Heilung, Spiritualität oder Urbanismus, die bereits 2018 auf einem Symposium am HAU in Berlin einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurden.
Herausgeberin Natasha A. Kelly ist auch eine zentrale Stimme der Afrofuturismus-Bewegung in Deutschland: Als Gründungsmitglied des BSAM (Black Speculative Arts Movement) trägt sie maßgeblich dazu bei, dass afrofuturistisches Denken auch im deutschsprachigen Raum institutionell und intellektuell Fuß fassen kann. So ist in „The Comet. Afrofuturism 2.0“ auch das BSAM-Manifesto abgedruckt. Der programmatische Text, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und weltweit Anerkennung findet, formuliert eine klare politische Dimension von Afrofuturismus: Es geht nicht nur um Repräsentation, sondern um Transformation. Das Manifest ruft zur Dekolonisierung von Wissen, Technologie und Vorstellungskraft auf – und ermutigt zu spekulativen Visionen, die Schwarze Realitäten nicht nur beschreiben, sondern aktiv verändern.
Dass die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) die Publikation 2021 vollständig übernahm und in einer Sonderausgabe neu auflegte, unterstreicht die inhaltliche Relevanz von „The Comet. Afrofuturism 2.0“ für die politische Bildung in Deutschland. Und es trägt weiter dazu bei, eine neue, breitere Zielgruppe zu erschließen – auch jenseits akademischer oder künstlerischer Kontexte.
Insgesamt lässt sich „The Comet. Afrofuturism 2.0“ damit als vielstimmiger Auftakt zu einer neuen Phase afrofuturistischen Denkens in Deutschland und Europa betrachten. Natasha A. Kelly hat ein Werk geschaffen, das gleichermaßen archiviert, aktiviert und antizipiert – und in den vergangenen fünf Jahren weiter an Bekanntheit gewonnen hat.

Mit der Intelligenz der Vorfahren gegen die dunkle Aufklärung: Wie Afrofuturismus uns helfen kann, Vorstellungen einer lebenswerten Zukunft zu entwickeln.
von Sheree Renée Thomas, Lonny Avi Brooks und Reynaldo Anderson.
Aus dem Englischen von Natasha A. Kelly
25. Juni 2025
Das digitale Zeitalter singt ein verführerisches Lied des Fortschritts – und doch hallt in seinen Schaltkreisen ein absichtliches Auslöschen wider. KI ist zur neuesten Front im Kulturkampf geworden, der zwischen hemmungslosem Techno-Optimismus und dystopischer Angst schwankt. Einerseits heißt es, KI werde uns retten – vor Krankheit, Ineffizienz, Unwissenheit. Andererseits soll sie uns ersetzen, beherrschen, auslöschen. Wir stehen an einem Scheideweg: Wessen Perspektiven werden die Zukunft prägen – und wessen werden ausgelöscht?
Oft wird der Mainstream-Diskurs über Technologie und Zukunft durch die enge Sichtweise der „Broligarchen“ bestimmt – jener technokratischen Elite, deren Philosophie sich aus der technotopischen Ideologie des Silicon Valley der 1990er-Jahre speist. Inzwischen hat sich diese Perspektive in die sogenannte „Dunkle Aufklärung“ verwandelt: in eine techno-autoritäre, neo-reaktionäre Strömung, die von Akteuren wie Elon Musk vertreten und in bürokratischer Form von Organistaionen wie DOGE repräsentiert wird. Hier setzt die Gegenkultur des Afrofuturismus an – nicht nur als Genre oder Ästhetik, sondern als ein Paradigmenwechsel.
Der zeitgenössische Afrofuturismus ist eine Philosophie, die Menschen afrikanischer Herkunft dazu befähigt, sich mit Handlungsmacht in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verorten. Dabei eröffnet der Afrofuturismus eine wichtige Perspektive – als kreative Ressource wie auch als kultureller und politischer Rahmen für die Neugestaltung von Möglichkeiten. Er bietet Werkzeuge, um alternative Zukunftsszenarien zu entwerfen, die ethisch auf der Erfahrung der Schwarzen basieren. Die Soziologin Ruha Benjamin erinnert uns daran, dass der „New Jim Code“ – digitaler Rassismus im Gewand technischer Objektivität – keine bloße Metapher ist: Es ist eine Realität, in der Algorithmen systemische Ungleichheiten aufrechterhalten. Ein digitales Echo historischer Unterdrückung.
Afrofuturismus stellt die Grundlagen unseres Verständnisses von „Zukunft“ infrage. Er lehnt die ahistorischen Narrative vermeintlich vorurteilsfreier Innovation ab und besteht stattdessen auf der Auseinandersetzung mit dem Wissen der Vorfahren. Er weiß: Zukünfte werden gemacht, nicht gefunden – und wer sie sich vorstellen darf, ist eine politische Frage. Aus Experiment und Erkundung geboren, aus historischem Kampf ebenso wie aus Freude, Spiel und unbändiger Neugier, steht der Afrofuturismus für Resilienz und Zukunftsgestaltung. Unsere Vorfahren, konfrontiert mit Entmenschlichung und Auslöschung, codierten in Spirituals und Klang die Visionen lebendiger, befreiter Welten. Diese „AfroRithms“ waren nicht nur Akte des Widerstands – sie waren das erste kulturelle Betriebssystem einer indigenen Voraussicht und Befreiungstechnologie.
Eine KI, die sich immer ausgefeilter und schneller weiterentwickelt, spiegelt auch die Voreingenommenheit ihrer Schöpfer*innen. Systeme, die aus einer begrenzten Sichtweise entstehen, verstärken Ungleichheit. Deshalb brauchen wir Afrofuturist*innen wie Walter Greason und William ‚Sandy‘ Darity, die die Grundlagen des globalen Kapitalismus hinterfragen und die verborgene Geschichte von Ausbeutung und Extraktion aufdecken.
In seinem Buch „How Europe Underdeveloped Africa“ (2018) zeigte der Historiker Walter Rodney, dass Europas Nachkriegsaufbau auf der gezielten Unterentwicklung Afrikas basierte – ein Kreislauf der Ausbeutung, getarnt als „fairer Handel“. Die „Hilfe“ für Afrika ist bedeutungslos im Vergleich zu dem, was der Westen dem Kontinent entzogen hat. Hier fordert der Afrofuturismus restorative Gerechtigkeit.
Doch Schwarze und Indigene Gemeinschaften haben nicht nur überlebt – sie haben erschaffen. Sie haben Technologien der Erneuerung entwickelt, von Verwandtschaftssystemen bis hin zu kulturellen Codes. Ontologien, die sich nicht dem nihilistischen Pessimismus unterwerfen. Spirituell orientierte Epistemologien, die zu rebellischen Datenpraktiken beitragen. Dies ist die Essenz der ursprünglichen Intelligenz – das, was wir die wahre KI nennen.

Afrofuturismus ist daher kein Nischenphänomen und auch keine Neuheit. Er ist gelebte Zukunftskompetenz – verantwortungsvoll, verkörpert, kulturell verwurzelt und moralisch dringend. In einer Ära reaktionärer KI-Euphorie, digitaler Verdrängung und entfremdeter rechter Beschleunigung bietet der Afrofuturismus – so wie die Ahnenintelligenz insgesamt – unsere beste Chance, bewohnbare Zukünfte zu gestalten.
Trotz ihrer Reichweite ist KI der Logik ihrer Schöpfer*innen verpflichtet – einer Logik, die von voreingenommenen Sprachmodellen, anti-Schwarzem Rassismus, kapitalistischer Ausbeutung und Techno-Utopismus geprägt ist. Und gerade weil KI mit den Vorurteilen ihrer Zeit und ihrer Schöpfer*innen kodiert ist, verdeckt, nutzt oder vernichtet sie allzu oft genau die Communitys, die seit langem ihre eigene Form kollektiver Heilungsintelligenz praktizieren: die Intelligenz der Vorfahren. Das Black Speculative Arts Movement (BSAM) liefert Blaupausen für diese andere Art von Intelligenz. Eine Intelligenz, die verwurzelt ist in Verwandtschaft, Gegenseitigkeit, Vorstellungskraft und Heilung – und die sich heute in vielfältigen Formen manifestiert.
Ein Beispiel ist das kollaborative Erzählspiel AfroRithms from the Future, Teil einer wachsenden Bewegung von „Imagination Games“, die Schwarze und Indigene Zukunftsvisionen stärken und Ahnenintelligenz als Ressource für alle sichtbar machen: Stellen Sie sich KI-gepowerte Griots vor – mündliche Geschichtenerzähler:innen, Musiker:innen, Dichter:innen, Historiker:innen –, die die Weisheit bedeutender Persönlichkeiten im Kampf gegen Rassismus, Kolonialismus und soziale Ungerechtigkeit nutzen, um verborgene Machtverhältnisse oder Wirtschaftsmodelle zu enthüllen und die ausbeuterischen Strukturen der Jim-Crow-Gesetze, der Apartheid oder des Kolonialismus zu zerschlagen. Das passiert, wenn wir die Weisheit der Vorfahren durch spekulatives Spiel kanalisieren. AfroRithms ist Weltenbau und Weltneugestaltung zugleich.
Oder die Science of Social Justice der Neurowissenschaftlerin Sará King: Während viele Zukunftsforscher:innen nur in Daten sprechen, zeigt King, dass Heilung zur Zukunftskompetenz gehört. Ihr Projekt „Mirror of Loving Awareness“ setzt auf empathische Verbindung – ein neuronales Netzwerk der Seele. Die Verbindung von Weisheit mit dem Spekulativen, von Meditation und Vorstellungskraft, führt zu einer neuen Form der Zukunftsarbeit, die in der Intelligenz unserer Vorfahren verwurzelt ist.
Diese emotionale Tiefe nennt der Schauspieler Ahmed Best den „emotionalen Motor“ – eine emotionale Triebkraft, die uns zu einem grundlegenden Wandel unserer Zukunftsgefühle führt. Die Verbindung von Empathie, Sinnhaftigkeit und Heilung in kinetischer Form aktiviert Zukunftsvisionen nicht nur als Ideen, sondern als gelebte emotionale Wahrheiten. Denn überlieferte Weisheiten und KI sind keine Gegensätze, sondern neigen sich einander an: Je tiefer man in das eine eindringt, desto näher kommt man dem anderen.
Die Verbindung von Heilung und technologischer Zukunft, von Schwarzsein, Neurowissenschaft, Technologie und Spiritualität, erforscht auch Philip Butler. Mit dem Seekr-Projekt hat er eine individuell konzipierte Konversations-KI geschaffen, die auf einem kulturell abgestimmten, heilungsorientierten Design basiert – mit integrierten Fähigkeiten zur psychischen Gesundheit und dem Potenzial zur Gestaltung radikal pluralistischer und befreiender Zukunftsperspektiven.

Neben King, Best und Butler arbeiten viele weitere Forscher:innen und Künstler:innen an einer Zukunft, in der Fürsorge, Bewusstsein und Ahnenintelligenz die Grundarchitektur von KI bilden. So bereiten die Forscher:in Toniesha Taylor vom Center for Africana Futures und die Community-Aktivistin LaWana Richmond junge Menschen auf politisches und persönliches Zukunftshandeln im Spannungsfeld von KI, Metaversum und Visioning vor. Nina Woodruff, Jasmine Wade und Kaya Fortune gestalten mit der Community Futures School das Jahr 2045. Die Aktivistin Audrey Williams stärkt spekulatives Erzählen über Ancestral Futures. Der Historiker und Kulturwissenschaftler Julian Chambliss engagiert sich aktiv für die Wiederherstellung verlorener historischer bürgerlicher Zukunftsperspektiven der Schwarzen.
Im Bereich der Kunst setzt Alan Clark mit seinen „gefährlichsten Comix der Welt“ auf afrofuturistische Landschaften als Gegenmittel gegen die „dunkle Aufklärung“. Nyame Brown erschafft mit ihrem Onyx-Universum künstlerische Schwarze Utopien. Joshua Mays überzieht die Stadt Oakland mit afrofuturistischen Wandgemälden – und erfindet sie als die Stadt Olgaruth neu. Politische und visuelle Räume für die Schwarze Vorstellungskraft gestalten auch Stacey Robinson und John Jennings, Schöpfer des Projekts Black Kirby, sowie die Künstler Quentin VerCetty und Tim Fielder, der Digitalwissenschaftlerin Zaika dos Santos, die Kuratorin Natasha A. Kelly, die Cosplayerin Shannon Theus und das niederländische First Noble Institute. Ihre künstlerischen Produktionen sind nicht nur Illustrationen: Sie sind Glyphen, visuelle Nommos, Siegel und Frequenzen alternativer Zeitschleifen.
Sheree Renée Thomas hat mit „Dark Matter“ (2020) und „Africa Risen“ (2022) zwei Anthologien spekulativer, afrikazentrierter Literatur herausgegeben, die uns daran erinnern, dass die Zukunft nicht unausweichlich ist, sondern kuratiert wird. Diese Perspektive prägte auch die Ausstellung „Curating the End of the World“, mitgestaltet von der Kunsthistorikerin und Kulturkritikerin Tiffany Barber. Eine ganz konkrete Beschäftigung mit der Intelligenz der Vorfahren an der Schnittstelle von Erbe und digitaler Innovation bilden die Arbeiten des sahelischen Performancekünstlers Ibrahim Oumarou Yacouba alias Sage Soldat, des kamerunischen Afrofuturisten Nkolo Blondel und des südafrikanischen Klangkünstlers Michael Bhatch. Auch sie führen vor Augen, wie Schwarze Menschen unsere Zukunft tragen, ohne unsere Vergangenheit aufzugeben. Und machen deutlich, dass afrikanische spekulative Innovation keine Nische, sondern eine Notwendigkeit ist.
Techno-autoritäre Narrative bieten eine Zukunft ohne Empathie – eine als Pragmatismus getarnte Regression zur Herrschaft. Demgegenüber behauptet der Afrofuturismus, dass eine andere Welt nicht nur möglich, sondern bereits im Aufbau ist. Diese Welt fordert uns heraus, Technologie als Werkzeug der Gerechtigkeit zu nutzen – das, was unsere Vorfahren „Maat“ nannten –, die Geschichte zu ehren, ohne uns an sie zu binden, und Gemeinschaften zu schaffen, die auf Gerechtigkeit basieren. In Zeiten der Klimakrise und des Wiederauflebens des Faschismus ist diese Vision mehr als nur ein künstlerischer Ausdruck: Sie ist ein politischer Imperativ. Der Fatalismus der Techno-Autoritären ist eine Kapitulation – der Afrofuturismus ist ein Aufruf zum Handeln. Dabei sind vier Herausforderungen zentral:
Sheree Renée Thomas
ist Herausgeberin von „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“, dreimalige Gewinnerin des World Fantasy Award für die Herausgabe der wegweisenden Anthologien „Dark Matter“ und „Africa Risen Black Speculative Fiction“ sowie Autorin der Sammlung „Nine Bar Blues“.
Lonny Avi Brooks
ist Professor und Fachbereichsleiter für Kommunikation an der Cal State East Bay, Mitbegründer der AfroRithm Futures Group und Mitentwickler von AfroRithms From The Future, einem visionären Erzählspiel, das sich eine freie Zukunft aus der Perspektive von Schwarzen, Indigenen und Queers vorstellt.
Reynaldo Anderson
ist Associate Professor für Afrikologie und African American Studies an der Temple University, Hauptorganisator der Black Speculative Arts Movement (BSAM) und Autor des Buches „Afrofuturism and World Order“.
Der Konsum der Zukunft hat eine klare Funktion: Er soll ein gutes Leben ermöglichen. Um das zu erreichen, brauchen wir allerdings eine grundlegende Transformation von Konsum. Denn momentan richtet er mehr Schaden an, als er nützt. Vier Thesen für die Zukunft des Konsums – und wie Unternehmen die Transformation des Konsums vorantreiben können.
Ein Auszug aus dem Future:Guide Konsum.
von Janine Seitz
3. Juni 2025
Von heute aus betrachtet wäre eine Welt ohne Konsum (wie wir ihn kennen) eine Welt im Chaos. Die wirtschaftlichen Folgen wären verheerend:
Wie verbringen wir unsere Zeit, wenn wir einen Großteil des Tages nicht mehr mit Konsum und/oder dem Arbeiten verbringen? Es ist davon auszugehen, dass viele Berufe, die direkt oder indirekt mit Konsum zusammenhängen (z.B. Marketing, Werbung, Einzelhandel), wegfallen. Stattdessen gewinnen Berufe in den Bereichen Reparatur, Wiederverwertung sowie Landwirtschaft und Handwerk für den lokalen, unmittelbaren Bedarf an Bedeutung; es wird das hergestellt, was wirklich gebraucht wird – für diejenigen, die es sich leisten können bzw. die beste Gegenleistung bieten.
Unser Lebensstil verändert sich grundlegend, indem sich der Fokus von materiellem Besitz hin zu immateriellen Werten wie sozialen Beziehungen, persönlicher Entwicklung, Gesundheit und Bildung verschiebt. Wer ein soziales Netzwerk hat, ist besser dran. Lokale und autarke Gemeinschaften erstarken, denn man ist aufeinander angewiesen, muss sich gegenseitig unterstützen und Ressourcen miteinander teilen.
„Konsum gehört zum Menschsein dazu, denn Konsum ist nichts künstlich Geschaffenes.“
Der Drang nach Konsum, nach immer mehr und nach materiellem Erfolg gehört der Vergangenheit an. Das hat auch etwas Befreiendes, es ist eine Art kollektives Detox, ein Abbau von Stress und Erschöpfung. Und: Weniger Konsum bedeutet weniger Ressourcenverbrauch, weniger Müll und weniger Umweltverschmutzung. Das kommt unserem Planeten zugute.
Aber seien wir ehrlich: Für die Menschen ist es eine dunkle Zeit voller Konflikte und Kriege, voller Hungersnöte und Krankheiten, voller Leid, Hass und Gegeneinander. Das globale Wirtschaftssystem, basierend auf Produktion und Konsum, stützt das menschliche Zusammenleben – mit seinem Zusammenbruch wird auch die Menschheit ins Chaos stürzen. Eine Welt ohne Konsum ist somit nicht nur kaum vorstellbar, sondern auch nicht wünschenswert.
Konsum gehört zum Menschsein dazu, denn Konsum ist nichts künstlich Geschaffenes. Der Mensch konsumiert schon allein dadurch, dass er Nahrung zu sich nimmt. Wie können wir also Konsum künftig so gestalten, dass er ein besseres Leben ermöglicht, das dem Menschen, der Gesellschaft und dem Planeten zugutekommt?
Mit Konsum werden strategisch Werte und Haltung ausgedrückt – immer und überall, bewusst oder unbewusst. Konsum dient nicht mehr nur zur Bedürfnisbefriedigung und als Statussymbol, sondern ist Ausdruck von Werten und Identität. Kaufentscheidungen sind zunehmend politisch aufgeladen – Verbraucher:innen nutzen ihre Kaufentscheidungen, unter anderem über Boykotte und Buykotte, um Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft zu nehmen. Unternehmen zeigen Haltung, übernehmen Verantwortung und kommunizieren ihre Werte. Konsumierende erwarten, dass Unternehmen einen Beitrag zu gesellschaftlichen und ökologischen Zielen leisten.
Konsum erlebt einen Imagewandel: Er befreit sich vom Stigma der Schuld, ist positiv und lösungsorientiert. Konsum der Zukunft macht Spaß. Konsum der Zukunft schafft einen Mehrwert für Individuum, Gesellschaft und Umwelt. Unternehmen fördern verantwortungsbewussten Konsum und machen ihn erlebbar. Kreislaufwirtschaft, Sharing-Modelle, Secondhand und Reparaturservices bieten Chancen und eröffnen neue Geschäftsfelder.
Konsum verbindet und bringt Menschen zusammen. Die Konsumgesellschaft wird zur Konsum-Community, die über geteilte Erfahrungen und Erlebnisse Gemeinschaft ermöglicht. Konsum ist kein rein privater Akt, sondern eingebettet in soziokulturelle und institutionelle Strukturen. Konsum fungiert als sozialer Kitt, der Menschen verbindet. Das Konsumerlebnis ist ein ganzheitlicher Prozess, der über den reinen Kaufakt hinausgeht. Die Customer Journey wird zum Customer Experience Cycle.
Konsum stillt Bedürfnisse und steigert nicht Begehrnisse. Somit entfaltet Konsum seine aktivierende Kraft und bringt Menschen ins Handeln. Konsum wird zum Werkzeug für ein erfülltes und sinnvolles Leben. Unternehmen gestalten Konsum so, dass er echte menschliche Bedürfnisse erfüllt und positive Veränderungen bewirkt. Bedürfnisorientierte Lösungen bilden die Basis für eine stabile und resiliente Gesellschaft. Hierfür bietet das Future:Needs-Modell eine Orientierungsgrundlage.

Janine Seitz ist Zukunftsforscherin, Kulturwissenschaftlerin und Expertin für Konsumkultur. Aus den Dynamiken von Trends und Gegentrends entwickelt sie ein ganzheitliches Verständnis von Konsum, das die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückt.
Ein Auszug aus dem Future:Guide Konsum.
von Janine Seitz
2. Juni 2025
„Hoppla“ heißt es da von Experten, als wäre man mal kurz gestolpert. Die Wirtschaft in Deutschland ist im ersten Quartal gewachsen – unerwarteterweise. Zuletzt war die Wirtschaft geschrumpft, Prognosen für 2025 gehen von einem Null-Wachstum aus, nun sei man etwas weniger pessimistisch. Die Konsumlaune sei gestiegen, viele Menschen hätten mehr Geld in der Tasche, das sie nun auch bereitwilliger ausgeben.
Ketzerische Frage: Warum ist kein Wachstum eigentlich schlecht? Es bedeutet ja eigentlich nur, dass es nicht „mehr” wird, aber eben auch nicht „weniger“. Ist es nicht schön so, wie es ist, muss es immer „mehr“ sein? Und was hat Konsum mit „Launen“ und „Stimmungen“ zu tun? Konsum ist längst hochgradig emotional aufgeladen, Menschen definieren ihre Identität über Konsum, kaufen sich positive Gefühle ein, werden selbst zur Ware. Privater Konsum hält die Wirtschaft am Laufen, ohne Konsum kein Wirtschaftswachstum.
Konsum durchdringt alle Sphären des Alltags, der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman beschreibt unser „Leben als Konsum“. Doch Konsumieren – und damit in Folge auch unser Leben – hat längst einen bitteren Beigeschmack: Konsum ist anstrengend geworden. Wir konsumieren nicht mehr, weil wir es uns leisten können. Konsum hat seinen Reiz verloren, ist längst Routine, nichts außergewöhnliches mehr. Shopping gilt als eine der unbeliebtesten Freizeitbeschäftigungen, jede:r Dritte Deutsche würde am liebsten gar keine Zeit mehr mit Einkaufen verbringen.
Einerseits scheinen die Konsumierenden die Lust am Einkaufen mehr und mehr zu verlieren, andererseits sehen sich Unternehmen neuen Herausforderungen wie Zollchaos und Handelskonflikten gegenüber. Auch wenn immer mehr klar wird, dass Trump vor allem Verunsicherung stiften und Ängste schüren will, sorgt diese Kombination für eine Konsumkrise: Verbraucher:innen sehnen sich nach freudvollen, sinnstiftenden Erlebnissen, Unternehmen gehen auf Nummer Sicher und wagen kaum Innovationen und Experimente. Hinzu kommt noch, dass Angst keine gute Grundlage für Entscheidungen ist. Denn Angst blockiert den Blick auf das Mögliche und Machbare. Resultat ist häufig eine Rückkehr zu Strategien, die einmal in der Vergangenheit funktioniert haben. Zurück zu Gas, zurück zu Atom, zurück zu Fleisch und tierischen Produkten, zurück zur 40-Stunden-Woche im Büro, zurück ins Patriarchat. Zurück zu den Konsummustern des 20. Jahrhunderts.
Doch aus dem Blick zurück lassen sich durchaus auch positive Zukunftsbilder ableiten:
Innovationen entstehen nicht aus dem Nichts, sondern aus dem Neu Zusammensetzen und Rekombinieren; Transformationen sind keine geradlinigen Entwicklungen, sie durchlaufen Schleifen, erleben Backlashes, aber werden letztendlich immer im Zusammenspiel zwischen Trends und Gegentrends vorangetrieben. Gegentrends zeigen somit, wo Überforderung, Übersättigung oder Widerstand zu neuen Haltungen, Bedürfnissen und Systemfragen führen. Und nur aus diesen Widersprüchen kann echter Wandel entstehen – und Konsum neu gedacht werden. Dabei ist eine Rückbesinnung auf so manch Altes durchaus sinn- und wertvoll. Früher war definitiv nicht alles besser, aber durchaus manches und von vielem haben wir uns glücklicherweise verabschiedet. Von was wir uns allerdings auf jeden Fall verabschieden sollten, ist die Angst. Wir dürfen sie noch ein letztes Mal fest umarmen – und dann loslassen.

Janine Seitz ist Zukunftsforscherin, Kulturwissenschaftlerin und Expertin für Konsumkultur. Aus den Dynamiken von Trends und Gegentrends entwickelt sie ein ganzheitliches Verständnis von Konsum, das die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückt.