Old Economy, New Economy – Next Economy

von The Future:Project

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

25. März 2026

Wirtschaft, Wachstum, Wohlstand?

Wirtschaft ist gleich Wachstum, ist gleich Wohlstand. Das ist die einfache Gleichung der Ökonomie, wie wir sie kennen und wie sie vor allem in der Old Economy der industriellen Moderne funktionierte. Sie basierte auf standardisierter Massenproduktion, hierarchischen Unternehmensstrukturen und einem Wertschöpfungsverständnis, das physisch messbar war. Effizienz entstand durch Wiederholung und Kontrolle, Wachstum durch Skalierung. In den 1990er Jahren verschob die New Economy dieses Paradigma grundlegend: Wissen und Information lösten physisches Kapital als primären Produktionsfaktor ab. Software ließ sich millionenfach vervielfältigen, ohne dass die Grenzkosten stiegen. Netzwerkeffekte belohnten nicht mehr die Größten, sondern die Schnellsten. Flache Hierarchien, Startup-Mentalität und Disruption wurden zur neuen Leitsprache. Doch auch dieses Modell stieß an seine Grenzen: Die Konzentration wirtschaftlicher Macht auf wenige Plattformen und die wachsende Entkopplung von Finanz- und Realwirtschaft offenbarten die strukturellen Widersprüche einer Ökonomie, die Wachstum als Selbstzweck begreift.

Formal sind die Wirtschaftsformen der Old Economy und der New Economy noch erfolgreich. Aber sie stehen zunehmend unter dem Druck zahlreicher Krisen: ökologische Übernutzung, geopolitische Instabilität, schwindendes Vertrauen in Institutionen und eine demografische Transformation, die etablierte Modelle des Wirtschaftens grundlegend infrage stellen. Das Versprechen unserer heutigen Wirtschaft stößt an seine Grenzen. Das Wachstumsparadigma, das vor allem die industrielle Moderne geprägt hat, hat Wohlstand für viele ermöglicht – und gleichzeitig die ökologischen, sozialen und institutionellen Fundamente untergraben, auf denen dieser Wohlstand basiert.

Wirtschaft ist gleich Wachstum, ist gleich Wohlstand. Aber nicht für alle, und auf Kosten vieler.

Omnikrise und Epochenwandel

Wir stecken mitten im Epochenwandel – im Übergang vom Industriezeitalter ins nächste, postindustrielle, humandigitale Zeitalter (vgl. Omnikrise). Die Umwälzungen sind in allen Bereichen der Gesellschaft und Wirtschaft angekommen. Wandel ist unumgänglich. Nicht nur Wirtschaftsmodelle müssen sich verändern, sondern die gesamte Gesellschaft wird umcodiert. 

Ein deutliches Zeichen des Epochenwandels ist das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Narrative. Eine der größten Herausforderungen des Übergangs zur Next Economy sind die Krise der Kognition und die Krise der Narrative.

Wir erleben ein Aufbäumen von Erzählungen aus der alten Wirtschaftswelt: Der Kulturkampf rund um die Deutung von Wachstum geht in eine verschärfte neue Runde. Im öffentlichen Diskurs, in der konservativen Politik und bei den großen Unternehmen dreht sich alles um die Frage, was dafür getan werden muss, damit die Ökonomie „wieder brummt“, „die Schlote wieder rauchen“, „die Wirtschaft endlich angekurbelt wird“. Man hört es sofort: Die Begrifflichkeiten stammen aus der fossilen Ökonomie, es sind Konzepte der alten Industriewelt. Als die Schlote tatsächlich noch rauchten, die Autos angekurbelt werden mussten und die Industrieproduktion den Takt des menschlichen Lebens dominierte. Wir tun so, als sei das heute immer noch so. Oder als müsste es schleunigst wieder so werden: 

  • Wir müssen „mehr arbeiten“– weg mit den ganzen Leistungshindernissen wie Teilzeitarbeit oder Home Office. 
  • Wir müssen Hindernisse abbauen – weg mit Vorschriften, Regeln, Grenzen, die die Ökonomie in ihrem Lauf behindern. 
  • Wir müssen produktiver werden, effizienter, digitaler, KI-gerechter! 

Es ist in der Tat schwer vorstellbar, dass die Wirtschaft nicht wachsen will, soll und muss. Wir sind so sehr gewohnt an steigende Umsatzzahlen, Aktienkurse und BIP-Kurven, dass jegliche Art von Abflachung eine Bedrohung darstellt. Wenn nicht alles boomt, scheinen sich Wohlstandsgesellschaften von innen heraus zu zerlegen – politisch, kulturell, mental, emotional. Verteilungskämpfe beginnen, alte Ideologien kehren zurück. Die Ökonomie scheint eine Art Zwangssystem geworden zu sein, das unser Leben fest im Griff hat. 

Wir brauchen neue kollektive Zukunftsbilder – neue Vorstellungen davon, was Wachstum und Wohlstand bedeuten kann, innerhalb planetarer und sozialer Grenzen.

Neue Wachstumsparadigmen

Es gab eine Zeit, in der eine Gegenthese gegen den Ökonomiezwang durchaus populär war: Vertreter:innen von Postwachstums-Ideen versuchen seit vielen Jahren, den Fetisch des ewigen Wirtschaftswachstums infrage zu stellen. 

  • Sollte eine Ökonomie nicht auch mal schrumpfen können, ohne dass die ganze Welt zusammenbricht? 
  • Ist unbegrenztes Wachstum wirklich die ultima ratio, insbesondere im Angesicht der ökologischen Herausforderungen? 
  • Könnte man andere, klügere Kriterien finden, statt dem ewigen Bruttosozialprodukt, das ja nicht den Wohlstand, sondern nur die Summe der Produktionen und Transaktionen misst? 
  • Sollten nicht auch alle Kosten für Umweltschäden, Katastrophen und Unfälle, auch alle Investitionen für Alten-, Kranken- und Kinderpflege mit eingerechnet werden? 

Wachstum ist das Grundprinzip des Universums. Auch in der Natur wächst alles immerzu. Aber es wächst nicht über sich hinaus. Wenn Menschen dauernd weiter wachsen würden, hätten wir bald ein echtes Riesen-Problem. Alles ist irgendwann mal ausgewachsen. Was wäre, wenn beides richtig wäre? Manches müsste tatsächlich unbedingt wachsen. Anderes könnte, sollte, müsste eher schrumpfen. Etwa der CO2-Ausstoß.

Was Old und New Economy verbindet, ist das Wachstumsparadigma – ob linear oder exponentiell, stets gemessen an finanziellem Output, Stückzahlen, Volumen. Im Übergang zur Next Economy muss dieses Paradigma erweitert werden: weg vom rein quantitativen Wachstumsdenken, hin zu einem Entwicklungsparadigma, das qualitativ, regenerativ und zukunftsgerichtet ist. Es geht nicht mehr darum, Volumen zu maximieren oder auf Kosten von morgen zu leben, sondern um Regenerationsfähigkeit auf systemischer Ebene – in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik gleichermaßen.

Willkommen in der Next Economy

Die Next Economy entsteht nicht durch die Ablösung des Alten durch etwas Neues, sondern durch die Koexistenz und produktive Reibung unterschiedlicher Systeme und Logiken: klassische Marktmechanismen, Plattformökonomien, Gemeinwohlansätze, Kreislaufmodelle, staatliche Steuerung und datenbasierte Wertschöpfung wirken gleichzeitig – teils ergänzend, teils widersprüchlich.

Ansätze wie Circular Economy, Doughnut Economy oder heterodoxe Strömungen wie feministische Ökonomie, Care Economy und Modern Monetary Theory sind dabei keine Gegenentwürfe zur klassischen Ökonomie – sie sind Erweiterungen. Sie adressieren Lücken und Mängel, die traditionelle Theorien offengelassen haben, und liefern konkrete Koordinaten für eine Wirtschaft, die ökologisch tragfähig, sozial legitim und ökonomisch resilient ist.

Die zentrale Frage der Next Economy lautet daher nicht: Welches System ist das richtige? Sondern: Welche Kombination von Logiken erzeugt Wirkung – und für wen? Ihr eigentlicher Engpass ist nicht Kapital oder Technologie, sondern Sinn, Koordination und kollektive Vorstellungskraft.

Was wir also brauchen, ist eine andere Art, über Wirtschaft nachzudenken. Diese Studie nennt das: die Next Economy. Die Next Economy ist ein dynamischer Aushandlungsraum. Sie findet statt zwischen Effizienz und Resilienz, zwischen Wachstum und Regeneration, zwischen globaler Skalierung und lokaler Verankerung, zwischen technologischem Fortschritt und sozialer Kohärenz. Sie wird nicht aus einem großen Entwurf entstehen, sondern aus vielen kleinen Schritten auf den Pfaden des transformativen Fortschritts. 

Diese Pfade verlaufen mal parallel, mal weichen sie voneinander ab, mal kreuzen sie sich. Wohin sie uns führen, können wir heute noch nicht exakt ausmachen, sondern nur erahnen. Wie bei Brücken, die uns durch den Nebel der Omnikrise hindurch in die Zukunft führen. Gehen Sie mit uns über diese Brücken – dorthin, wo die Konturen der Wirtschaft von morgen bereits langsam sichtbar werden.

Brücken in die Next Economy

von The Future:Project

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

25. März 2026

Es scheint, als befinde sich die Wirtschaft an einem entscheidenden Punkt zwischen zwei Extremen: dem Rückzug ins Alte oder dem Absprung ins Neue. Es gibt das Lager derer, die zurück zum Alten wollen und dabei nicht anders können, als einem zerstörerischen Ausbeutungsimperativ zu folgen. Die Wirtschaft wird zur Domäne des Stärkeren. Das andere Lager beherbergt die, die Quantum- und Überflussnarrative predigen und vor lauter Innovations- und Tech-Hype die nicht-technologischen Realitäten lebendiger Systeme völlig außer Acht lassen. Auch hier folgt Wirtschaft der Logik des Stärkeren.

Statt uns zwischen Nostalgie und Hype aufzureiben, wollen wir Brücken in die Next Economy aufzeigen, die es möglich machen, einen Schritt nach dem anderen vorwärts zu gehen – auf vielfältigen Zukunftspfaden, die anschlussfähig sind und zur aktiven Gestaltung einladen. Diese Brücken sind Konzepte, Denkmuster und Fähigkeiten, die den Weg in die Next Economy erleichtern.

Herausforderungen der aktuellen Wirtschaft

Bevor wir uns auf den Weg machen, müssen wir jedoch verstehen, warum das gegenwärtig dominierende Wirtschaftsmodell vor tiefgreifenden Herausforderungen steht und weshalb eine Transformation zur Next Economy notwendig ist. Formal scheint unsere Gegenwartsökonomie ein nach wie vor wirksames System zu sein. Doch sie stößt zunehmend an ihre ökologischen, sozialen und strukturellen Grenzen.

Im Zentrum der Wirtschaft von heute steht noch immer ein altes Leistungsprinzip, das quantitative Bewertungsmaßstäbe bevorzugt und dabei zur Entfremdung von Arbeitenden, Konsumierenden und natürlichen Ressourcen führt. Auch Einsamkeit und soziale Fragmentierung sind Nebeneffekte des Effizienz- und Wettbewerbsdenkens. Wachstum und Skalierung gelten als oberste Ziele; Expansion und Beschleunigung werden nicht als Risiken, sondern als Tugenden begriffen. Überflusskonsum und die systematische Externalisierung von ökologischen und sozialen Folgekosten werden aus den Bilanzen ausgelagert und auf die Allgemeinheit oder zukünftige Generationen übertragen. Eine Tendenz zur Antiregulation begünstigt die Extraktion natürlicher und menschlicher Ressourcen, während künstliche Verknappung als Instrument der Marktmacht eingesetzt wird.

Kennzeichnend für die tiefgreifenden Herausforderungen der Old Economy ist ein ausgeprägt kurzfristiges und lineares Denken. Gewinnmaximierung dominiert über langfristige Perspektiven: Anstatt strukturelle Ursachen im Kern zu adressieren, beschränkt man sich häufig auf das Managen von Problemen – auf symptomorientierte Lösungsansätze ohne systemischen Wandel. Linearität und Starrheit spiegeln sich in Organisationsstrukturen, Produktionsprozessen oder Lieferketten wider. Kontrolle und Stabilität gelten als Leitprinzipien; statt aktiver Gestaltung steht häufig die Verwaltung des Status quo im Vordergrund.
Schließlich prägt eine ausgeprägte Konkurrenzlogik das System: Hierarchien und Karriereleitern strukturieren das Innenleben von Organisationen, während nach außen Monopolisierungstendenzen und eine Gegeneinander-Dynamik zwischen Marktteilnehmenden dominieren. Die Folgen sind wachsende Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften sowie zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden, die zunehmende Prekarisierung von Arbeit, sowie Demokratiedefizite durch wirtschaftliche Machtkonzentration. Wichtig bleibt zu verstehen: Ausbeutung und Extraktion – von Mensch und Natur – sind keine Randerscheinungen, sondern systemimmanente Merkmale. Die Digitalität hat diese Dynamiken in weiten Teilen nicht aufgelöst, sondern vielfach verstärkt – und macht zugleich die Widersprüche des Modells sichtbarer denn je.

Ein Schritt nach vorne

Gehen wir einen Schritt nach vorne und werfen einen Blick auf die Metaebene: Welche Prinzipien, Fähigkeiten und Denkmuster prägen die Next Economy? 

Die folgenden Konzepte gehen dieser Frage nach und stellen fünf Brücken vor, die wegweisend für die Transformation unserer Wirtschaft sind. Welche Brücken Menschen und Unternehmen nutzen, ist ihnen überlassen und hängt von ihren individuellen Voraussetzungen und Fähigkeiten ab. Nicht alle gehen denselben Weg. Manche sind vielleicht schon über die ein oder andere Brücke gegangen. Einige vermeiden eine bestimmte Brücke, wieder andere gehen eine Brücke hundertmal oder setzen sich in der Mitte hin und lassen die Beine baumeln. Nicht alle kommen auf der anderen Seite an, und für viele sieht diese andere Seite anders aus, als sie es sich vorgestellt haben. Denn die Next Economy ist kein Zielbild, keine nächste Stufe, sondern eine Haltung. Sie ist die Bereitschaft, den ersten Schritt zu machen.

Fünf Brücken beschreiben, was wir verändern müssen – in Haltungen, Prinzipien und wirtschaftlichen Logiken:

  1. Wirksamkeit: vom Fokus auf Effizienz zum Schwerpunkt auf Wirksamkeit und Impact
  2. Kooperation: von Konkurrenz und Wettbewerbsdenken zu Kooperation und Gemeinschaft
  3. Regeneration: von fossilem Denken und Nachhaltigkeit als Verzichtslogik zu systemischer Regeneration
  4. Resilienz: von Optimierungsdruck und Kurzfristigkeit zu Krisenfestigkeit und langfristiger Anpassungsfähigkeit
  5. Humandigitalität: von Hypervernetzung und Digitalisierungszwang zu bewusster, menschenzentrierter Digitalität

Drei Fähigkeiten beschreiben, wie dieser Wandel gelingen kann – was Menschen und Organisationen brauchen, um die Brücken wirklich zu betreten:

  1. Systemisches Denken: von linearem Denken und kurzfristiger Planung zu vernetztem, vorausschauendem Handeln
  2. Lernfähigkeit: von Kontrollstreben und Starrheit zu Reflexion, Neugier und Entfaltung
  3. Zukunftskompetenz: vom Verharren in der Vergangenheit und passiver Erlösungsfantasie zu konkreter Vorstellungskraft und dem Mut, Zukunft zu gestalten

Tiefgehende Einblicke in die Brücken und Fähigkeiten der Next Economy sowie in zahlreiche Interviews mit Expert:innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft finden Sie in der Metastudie „Next Economy“.

Die Multikonomie der Zukunft

von Matthias Horx

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

24. März 2026

Matthias Horx ist der einflussreichste Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Der Mitgründer und Impulsgeber des Future:Project ist Autor zahlreicher Bücher sowie profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Wandlungsdynamiken.

Die große Übersättigung

Woran liegt es, dass die Wachstumsraten heute trotz rasender technischer Fortschritte eher stagnieren? Zu viel Bürokratie? Zu viele ökologische Einwände zum Schutz der Fledermäuse? Zu hohe Steuern? Zu hohe Energiekosten? Zu wenig Kinder? Zu wenig Digitalisierung? So wird es uns jeden Tag erklärt.

Die wahre Antwort finden wir womöglich eher in einem Schlüsselwerk des Fotokünstlers Andreas Gursky, das auf dem internationalen Kunstmarkt enorme Preise erzielte. Darin sind Billig-Konsumwaren in langen Regalen zu sehen, aufgereiht bis zum Horizont, wo an den Wänden die billigsten Preise stehen, immerzu 99 Cent. Mittendrin ein einsamer Mensch, ein „Konsument“, der sich nicht mehr auskennt. Die Billigwaren bilden ein ungeheures Gewimmel, eine Art Flimmern der Dinge, die immer ununterscheidbarer, immer normierter und gleichzeitig übermächtiger werden. Alles inflationiert sich selbst nach unten, in einer endlosen Spirale der Obsoleszenz.

Die digitale Illusion

Bereits in den Nullerjahren wiesen Ökonomen darauf hin, dass sich die erste oder zweite Computerrevolution (der PC und die Internet-Vernetzung) in den Bilanzen der meisten Unternehmen erstaunlich wenig bemerkbar gemacht hatte. Bis heute wird über die Ursachen des Digital Productivity Gap gerätselt. Warum konnte der Einzug der Computer keine größeren Produktivitätssteigerungen erzeugen? Wo sind die versprochenen Wachstumsraten, wenn doch so vieles computerisiert wurde? 

Zu diesem Thema  hat der Oxford-Ökonom Carl Benedikt Frey ein aufschlussreiches Buch geschrieben. Der Titel lautet: „Wie Fortschritt endet“. In einem Interview sagte er: „Große Unternehmen nutzen KI und Computertechnologie viel eher für Automatisierung, für Prozessverbesserungen und dafür, ihre bestehenden Produkte zu geringeren Kosten auf den Markt zu bringen. Aber sie erfinden viel seltener neue Produkte oder Produktionsverfahren. Diese Innovationen sorgen jedoch letztendlich für nachhaltiges Wachstum. Wenn wir seit 1800 nur Automatisierung betrieben hätten, gäbe es heute zwar eine produktive Landwirtschaft und billige Textilien, aber wir hätten keine Impfstoffe, Antibiotika, Raketen, Computer, Autos. Deshalb halte ich den Rückgang der Innovationsdynamik für sehr besorgniserregend. Wenn wir das nicht umkehren können, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass KI etwas hervorbringt, das mit der Produktivität der zweiten industriellen Revolution mithalten kann“ (vgl. Riecke 2026).

Durch Effizienzsteigerungen in manchen Bereichen kommt es offensichtlich zu weniger Innovationen in anderen. Um dies zu verstehen, ist es hilfreich, den Unterschied zwischen zwei magischen Wörtern zu verstehen: Effizienz und Effektivität. Effizienz beschleunigt und intensiviert einen ganz bestimmten Ablauf, ein Teilsystem. Das kann die KI-Digitalisierung gut: E-Mails werden schneller hin- und hergeschickt, Maschinen laufen schneller durch direkte Datenverarbeitung, der Außendienst kann mehr Telefonate durch Bots abwickeln. Agentische KI kann das angeblich auch mit komplexeren Funktionen, bis hin zu ganzen Managementsystemen. Effektivität stammt vom lateinischen Wort „efficere“ und bedeutet „bewirken“. Dabei geht es um die Wirksamkeit eines Organismus oder einer Organisation. Das Zusammenwirken der einzelnen Teile zu einem größeren Ganzen. Wenn man so will: Der Ökologie des Systems. 

Effizienz ist ein linearer Prozess. Ziel ist die Erzeugung von Beschleunigung und Output-Steigerung. Effektivität ein organischer Systemzusammenhang. Das Ziel ist die Herstellung eines dynamischen Gleichgewichts, einer evolutionären Balance, die sich weiterentwickeln kann. Effizienz konzentriert Energie und Zeit, erhöht aber gleichzeitig die Entropie. Man denke an ein überfüttertes, dickes Turbo-Schaf. Oder eine Kuh, die immer mehr Milch erzeugen soll. Ein aufgeblähtes Superschaf ist sehr effizient, was das Fleischwachstum und die Wolle betrifft. Allerdings fällt es irgendwann auf der Wiese um. Ein Kirschbaum dagegen ist völlig uneffizient. Er erzeugt aus 100.000 Blüten nur ein paar hundert Kirschen. Aber er generiert durch seine Ökologie ständig neuen Humus, erzeugt ein Ökotop um sich herum. Er ist effektiv, was Schönheit und Dauer betrifft. 

Heute stecken wir in einer Phase der rasenden Digital-Ökonomie, die vor allem auf mehr Effizienz abzielt. Doch wenn sich der KI-Rausch gelegt hat, wird eine neue Ära des Ökonomischen anbrechen, die das Verhältnis zwischen Markt, Mensch und Technologie neu kalibriert. Ein Dreikörper-System, in dem auch Zufälle produktiv sind und die Ökonomie wieder dem breiteren Wohlstand dienen kann. Innovation wird sich dann nicht mehr an der Frage der radikalsten Steigerung und Marktmacht messen, sondern an einer Win-Win-Konstellation von Markt, Gesellschaft und Technologie.

Die Multikonomie

Wie geht es in den nächsten Jahren weiter mit „dem Ökonomischen“? Es ist zu erwarten, dass sich die Allianz zwischen High Tech und autokratischen Regimen weiter verdichtet – und das neue geopolitische Standardmodell wird. In der Realität der Märkte, die letztendlich menschliche Beziehungen sind, wird dies vielfältige Gegenreaktionen erzeugen. Es entwickeln sich vielfältige ökonomische Varianten, in denen andere Gesetze und Marktstrukturen, vielleicht sogar andere Währungen und Äquivalente gelten. 

Die Fraktale der Multikonomie:

  • Bot Economy
  • Circular Economy
  • Collab Economy
  • Cybermoney-Ökonomie
  • Dark Economy (Verbrechen, Betrug, Gewalt)
  • Drift Economy (Umgang mit Unsicherheit im Zeitalter der KI)
  • Ecosystem Economy
  • Empathie-Ökonomie (Märkte der Gefühle, Mehrung des sozialen Kapitals)
  • Gangster- oder Trump-Ökonomie
  • Impact Economy
  • Kindness Economy (Ökonomie der Freundlichkeit)
  • Kreative Ökonomie
  • Maintenance Economy (Wirtschaft der Instandhaltungen)
  • Mars-Ökonomie (Musk-Madness)
  • Mental-Ökonomie (Geistige und psychologische Dienstleistungen boomen)
  • Parasitäre Plattform-Ökonomie (Mega-Plattformen) 
  • Re-Analoge Ökonomie 
  • Regenerative Ökonomie

Die Fraktale der Multikonomie spannen sich innerhalb der Traktoren Geld, Macht, Sinn und Gesellschaft auf. Die Plattform-Ökonomie breitet sich aus wie ein machtgieriges Monster und hat überall „ihre Finger drin“. Die Dark Economy ist vor allem in Zeiten der Unsicherheit stark, weil sie Menschen schnelles Geld bieten kann – in Schattensektoren, in halb-legalen oder illegalen Bereichen. Die Produktions-Ökonomie liegt im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftsformen, die vor allem von Geld und Macht getrieben sind, und solchen, deren Treiber Sinn und Gesellschaft sind. Wirtschaftsformen mit dem Fokus auf Sinn und Gesellschaft werden stärker: Die Kindness-Economy, die Kreative Ökonomie und die Regenerative Ökonomie können es bald schon mit der Plattform-Ökonomie aufnehmen. 

Landkarte Multikonomie

In der Next  Economy werden wir in unterschiedlichen Ökonomien leben, vielleicht sogar parallel nebeneinander. In Sub-Ökonomien, Teil-Ökonomien, hybriden Ökonomien. Damit geht das industrielle Arbeits- und Wertschöpfungsmodell zu Ende, das den Einzelnen lebenslang in einem fixierten Berufs- und Tätigkeitsmodell hielt. 

Dieser Übergang ist anstrengend und verunsichernd, er erfordert eine tiefgreifende Transformation unserer Kultur, unserer Werte, unserer Selbst-Bilder und Selbst-Kompetenzen. Aber denken wir daran, wie viele Gesellschafts- und Wirtschaftsformen die Menschheit in ihrer Geschichte schon ausprobiert und zum Blühen gebracht hat. Die Zukunft mag unsicher sein. Aber sie wird sich am Ende „ent-wickeln“ – aus den Paradoxien unserer heutigen Gegenwart heraus.

Warum Organisationen Widersprüche kognitiv verstehen, aber emotional meiden

Organisationen haben den Epochenwandel längst verstanden – aber sie leben ihn nicht. Künstliche Intelligenz, Plattformlogik, Remote Work und eine hochvolatile Ökonomie erzwingen ein neues Betriebssystem – doch in der Praxis dominiert: weiter wie immer, nur mit neuer Folie. Dr. Carl Naughton untersucht, warum Organisationen sich so schwer damit tun, das, was sie eigentlich längst verstanden haben, zu leben.

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

24. März 2026

Dr. Carl Naughton ist Arbeits- und Organisationspsychologe. Er forscht und arbeitet zu Wegen in Richtung einer „Future-Life-Balance“: Einer gezielten und freudvollen Zukunftsfähigkeit. Dabei liegt sein Fokus auf essenziellen Aspekten wie Kommunikation, Veränderungsbereitschaft und der Kraft der Innovation. Er ist überzeugt: Zukunftsfähigkeit ist Kopfsache!

Paradoxien als Normalzustand

Die Next Economy zwingt Organisationen in dauerhafte Spannungsfelder und Paradoxien: Effizienz und Experiment, Stabilität und Disruption, Kontrolle und Autonomie, Geschwindigkeit und Sorgfalt. Rein kognitiv ist das längst angekommen: Strategiepapiere, Keynotes und Leitbilder sind voll von Begriffen wie „Ambidextrie“, „agile Transformation“ oder „fail fast, learn fast“. Doch Paradoxien verhalten sich anders als Probleme. Probleme lassen sich lösen, Widersprüche nur aushalten und gestalten. Sie verlangen, dass Organisationen zwei gegensätzliche Wahrheiten gleichzeitig ernst nehmen: Wir müssen Kosten senken und gleichzeitig radikal in die Zukunft investieren. Wir brauchen klare Governance und gleichzeitig lokalen Entscheidungsspielraum.

Wer Paradoxien wie Probleme behandelt, produziert zwangsläufig Enttäuschung – und Zynismus. Genau hier beginnt das psychologische Dilemma: Kognitiv sind die Spannungen verstanden. Emotional fühlen sie sich an wie Kontrollverlust. Paradoxien berühren Grundbedürfnisse: Sicherheit, Status, Zugehörigkeit, Identität. Zu sagen „Wir wollen radikale Offenheit“ klingt gut – aber es fühlt sich für viele so an, als würden sie Schutzschichten ablegen, die sie karrierelang aufgebaut haben. Zu sagen „Wir wollen Fehlerkultur“ trifft auf Teams, die genau wissen: Das System sanktioniert Fehler immer noch, nur subtiler. Damit entsteht ein unsichtbarer Riss: Die Organisation hat das Neue verstanden, aber sie vertraut ihm nicht. Also redet sie in der Sprache des Wandels – und lebt in den Ritualen der Vergangenheit.

Unadressierte Emotionen

Das Resultat: Die Organisation lernt, den Widerspruch zu managen, indem sie ihn nicht fühlt. Sie hält ihn im Kopf – und hält ihn aus den Emotionen heraus. Das wirkt kurzfristig stabilisierend, verbrennt aber langfristig Zukunftsfähigkeit. 

Zukunftsfähigkeit braucht Resonanz: Zwischen Menschen, zwischen Abteilungen, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Doch in Bedrohungsklimata passiert das Gegenteil. Wo Angst, Statusunsicherheit und Gewohnheit dominieren, verändert sich die Gesprächsqualität: Menschen äußern Bedenken nur noch „privat“, nicht im Plenum. Kritik wandert in Ironie, Flurfunk und informelle Gruppen. Fragen werden als Kompetenzzweifel gelesen statt als Lernimpuls. „Wir“ und „die da oben“ verhärten sich zu getrennten Bühnen.

Die Folge ist eine paradoxale Kommunikationsform: Nach außen wirkt die Organisation modern und reflektiert. Nach innen klingt sie erstaunlich leise. Die wirklich relevanten Spannungen werden nicht mehr gemeinsam bearbeitet, sondern individuell kompensiert: Manche funktionieren einfach weiter, manche gehen innerlich auf Abstand, manche verlassen das System.

Die Next Economy verlangt aber genau das Gegenteil: lautes, ehrliches, unsicheres Sprechen. Räume, in denen Sätze möglich sind wie: „Ich verstehe, warum wir KI brauchen – und gleichzeitig macht es mir Angst, weil ich meinen Wert nicht mehr klar sehe.“ Solange solche Sätze fehlen, bleibt die Kluft zwischen Verstehen und Leben bestehen.

Neugier als Gegenkraft

Neugier ist in diesem Kontext kein „Nice-to-have“, sondern ein psychologischer Schalter. Sie definiert, wie wir mit Mehrdeutigkeit umgehen: als Gefahr oder als Einladung. Wo Neugier stark ist, verändert sich die innere Haltung zu Paradoxien. 

Neugier macht drei Dinge:

  1. Sie verschiebt die Perspektive von „Ich muss das kontrollieren“ zu „Ich will das verstehen“. Paradoxien bleiben anstrengend, aber sie werden interessant. Statt „Wie werde ich das los?“ heißt die Frage „Was kann ich daraus lernen?“. 
  2. Sie senkt die Schwelle, Unsicherheit zuzugeben. Wer sich als Lernende:r begreift, darf nicht wissen. Neugier legitimiert die Aussage „Ich bin mir unsicher, aber ich möchte es erkunden“. Dadurch werden genau die Gespräche möglich, die Paradoxien emotional verarbeitbar machen. 
  3. Sie entkoppelt Status von Allwissenheit. In neugierigen Kulturen steigt der Status nicht mit dem Tonfall der Gewissheit, sondern mit der Qualität der Fragen. Führung wird zur Rahmung von Suchbewegungen, nicht zur Produktion endgültiger Antworten.  

Neugier ist die Fähigkeit, Paradoxien auszuhalten, ohne sie sofort zu glätten. Sie erlaubt es, im Spannungsfeld zu bleiben, ohne in Zynismus oder Verleugnung zu flüchten.

Wie ungelöste Paradoxien Cultural Equity auffressen

Spannend wird es, wenn wir diese psychologischen Dynamiken mit einem ökonomischen Konzept zusammendenken: Cultural Equity. Die Grundidee: Kultur ist nicht nur ein weiches Klima, sondern ein immaterieller Vermögenswert – ähnlich wie Markenwert oder Datenkapital. Sie erzeugt messbare ökonomische Effekte: Innovationsgeschwindigkeit, Fluktuation und Bindung, Produktivität in wissensintensiven Umfeldern, Entscheidungs- und Lernqualität, Resilienz in Krisen. Das Konzept der Cultural Equity bündelt diese Effekte zu einem „Kulturwert“. Statt Kultur nur zu beschreiben („so sind wir“), wird sie als Asset verstanden: als Kapital, das sich aufbaut, verzinst – und auch verbraucht werden kann. Paradoxien nicht zu leben, kostet Wert. Nicht abstrakt, sondern konkret – in verpassten Innovationen, in Talenten, die gehen, in Entscheidungen, die zu spät kommen.

Warum tun Organisationen sich so schwer damit, das zu leben, was sie verstanden haben?

Die Kernfrage lässt sich auf drei Sätze verdichten: 

  1. Emotionales Risiko schlägt kognitive Einsicht.
  2. Führung ist nach wie vor auf Eindeutigkeit sozialisiert.
  3. Es fehlen Räume für neugierige Emotionalität.

Die vielleicht wichtigste Verschiebung im Epochenwandel ist deshalb keine technologische, sondern eine psychologische: von „Wir müssen die richtige Antwort finden“ hin zu „Wir müssen lernen, mit widersprüchlichen Wahrheiten gut zu leben“. Organisationen, die das schaffen, werden Cultural Equity nicht nur bewahren, sondern ausbauen – und damit die vielleicht knappste Ressource der Next Economy sichern: die Fähigkeit, gemeinsam in einer paradoxen Welt handlungsfähig zu bleiben.

„Die Next Economy braucht eine neue Art von Egoismus“

Der Wandel hin zu einer Next Economy ist keine idealistische Frage, sondern eine wirtschaftlich-unternehmerische. Handelszukunftsforscherin Theresa Schleicher erklärt, wieso Europa sich unabhängiger machen muss  – und gerade jetzt die Chance hat, echte Innovationen zu schaffen. Es geht darum, neue Wertschöpfungskonstrukte zu entwickeln, die mit der Realität dieser Welt kompatibel sind. Und das bedeutet auch: Mehr Egoismus als Altruismus.

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

24. März 2026

Theresa Schleicher gehört zu den führenden Zukunftsforscherinnen und Vordenkerinnen für Wirtschaft und Handel. Mit ihrem visionären Blick auf Trends und Innovationen gestaltet sie die Transformation von Unternehmen und Gesellschaft. Sie ist Data Scientist, Advisor und Zukunfts-Sparringspartnerin für Handelsunternehmen und DAX Konzerne, u.a. der Porsche AG, The Future:Project oder das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz.

Wir spüren an allen Ecken, dass die heutigen Wirtschaftsmodelle nicht mehr funktionieren. Wie stellst du dir die Next Economy vor, und welche Herausforderungen muss sie lösen?

Die westlichen Wirtschaften stoßen an klare Grenzen. Jahrzehntelang basierte unser Erfolg auf stetigem Wachstum als zentraler Kennzahl. In Deutschland merken wir zunehmend, dass wir darüber hinausdenken müssen – jenseits von Umsatz, Produktivität und klassischen KPIs.

In anderen Regionen funktioniert dieses Wachstumsparadigma noch: Technologie einsetzen, Produktion hochfahren, exportieren. Mit Ländern wie Indien oder China werden wir in diesem Modell künftig nicht mehr mithalten können. Die Next Economy verlangt deshalb ein neues Denken: Wirtschaft muss nicht nur effizient sein, sondern eingebettet – in ökologische Systeme, globale Zusammenarbeit, kulturelle Strömungen und technologische Entwicklungen.

Das erfordert Muße, Mut und die Bereitschaft, sich vom klassischen Leistungsdenken zu lösen. Gleichzeitig ist es eine große Chance für Europa, eine neue Stufe wirtschaftlicher Reife zu erreichen – unabhängig von kurzfristigem Wachstum oder externem Druck.

Was ist die Grundlage, um diese neue Stufe zu erreichen?

Ein zentrales Stichwort ist Unabhängigkeit – wirtschaftlich, politisch und gedanklich. Europa sollte sich nicht permanent an größeren Wirtschaftsmächten orientieren, sondern selbst entscheiden, mit wem es kooperiert und auf welchen Werten Wirtschaftssysteme aufbauen.

Unabhängigkeit bedeutet auch, vom Knappheits- zum Kapazitätsparadigma zu wechseln. Statt ständig zu fragen, was fehlt, sollten wir uns ansehen, welche Ressourcen, Kompetenzen und Überkapazitäten bereits vorhanden sind – und wie sie sinnvoll genutzt werden können. So entsteht ein stabileres, selbstbewussteres Wirtschaftssystem, das qualitatives und quantitatives Wachstum miteinander verbindet. Europa bringt dafür gute Voraussetzungen mit: Grundstabilität, demokratische Strukturen, soziale Sicherheit und Innovationskraft.

Kommen wir in ein neues Zeitalter der Innovation?

Als Zukunftsforscher:innen kennen wir Phasen, in denen Innovation inflationär benutzt wird. Wenn es uns wirtschaftlich sehr gut geht, überall neue Trends ausgerufen werden und sich jede:r Innovationsmanager nennt, verliert der Begriff an Bedeutung. Jetzt kommen wir in eine andere Phase. Wir müssen wieder grundsätzlicher fragen: Was sind eigentlich echte Innovationen? Denn nur weil etwas technisch möglich ist, heißt das noch lange nicht, dass es sinnvoll ist.

In Europa sind die zentralen Herausforderungen klar benannt. Der demografische Wandel ist keine abstrakte Zukunft, die Zahlen für 2030 oder 2035 liegen längst vor. Beim Klima ist es ähnlich. Wir müssen zu einer wirtschaftlichen Klimawahrheit kommen und ernsthaft überlegen: Was machen wir jetzt? Welche Innovationen brauchen wir wirklich? Innovation muss sich künftig daran messen lassen, ob sie unsere grundsätzliche Existenz sichert – einen guten, lebenswerten Alltag. Nicht daran, ob ein Roboter noch eine zweite Banane greifen kann.

Unsere zentrale Aufgabe wird sein, Wirtschaft und Gesellschaft so zu gestalten, dass Industrie, Unternehmen und Menschen gerne in Europa bleiben und genau an diesen Fragen arbeiten wollen. Das ist eine wirtschaftliche ebenso wie eine gesellschaftliche Aufgabe. Innovation darf nicht nur schneller, größer, weiter bedeuten, sondern muss sich an den Grundwerten unserer Gesellschaft und unseres Planeten orientieren.

Du erforschst Handelszukünfte weltweit. Wie werden wir in der Next Economy handeln?

Der Welthandel ist stark aufgebläht. Dieses Prinzip, immer mehr Produkte zu immer günstigeren Preisen in den Markt zu drücken, funktioniert nur noch begrenzt. Rabatte, Rabatte, Rabatte – das ist, als würde man versuchen, eine tote Kuh immer wieder zu beleben. Das geht noch ein paar Jahre gut, aber nicht dauerhaft. In Zukunft wird es weniger Handelsunternehmen und weniger Produkte geben als in der bisherigen Hochphase. Auch im Handel brauchen wir den Wechsel vom Knappheits- zum Kapazitätsdenken.

Konsum wird wieder stärker lokal geprägt sein. Das heißt nicht, dass wir ausschließlich lokale Märkte oder Tante-Emma-Läden haben werden, aber wir sehen eine klare Verschiebung hin zu regionalerer Produktion und lokalem Konsum.

Dazu kommt eine neue Preisstruktur, in der ökologische Wahrheit enthalten ist. Produkte, die hochwertig, lokal, nachhaltig, kreislauffähig hergestellt werden, müssen sich auch realistisch im Preis widerspiegeln. Diese ökologische Wahrheit muss in eine wirtschaftliche Wahrheit übersetzt werden. Eigentlich ist das eines der logischsten Themen – und gleichzeitig eines, an dem bislang viel zu wenig konsequent gearbeitet wird.

Wer oder was treibt die Entwicklung zur Next Economy voran?

Am Ende schafft sich das System selbst ab, weil es nicht mehr funktioniert. Das heißt nicht, dass niemand Verantwortung trägt – aber es kann auch nicht eine einzelne Gruppe leisten, weil wir alle Teil dieses Systems sind. Wir merken bereits: Trotz eines riesigen Angebots wird weniger gekauft. Viele Menschen sind gesättigt – wir haben den dritten Föhn, den Airfryer, genug Möbel und mehr Kleidung, als wir tragen können. Der nächste Kauf erzeugt keinen echten Mehrwert und auch keinen Kick mehr. Gleichzeitig werden diese Absurditäten durch Plattformen wie Shein oder Temu noch zugespitzt: extrem viel Konsum zu extrem niedrigen Preisen. Das ist ein Zeitmarkt, der das Prinzip Überfluss auf die Spitze treibt.

Dieses System stößt an Grenzen. Weder Konsument:innen noch Unternehmen noch der Planet machen ein Modell mit, das nur auf Effizienz, Preisdruck und Mengensteigerung setzt. Die Bedürfnisse verändern sich, und damit auch die gesamte Wertschöpfungskette. Der Wandel hin zu einer Next Economy ist deshalb keine idealistische Frage, sondern eine wirtschaftlich-unternehmerische. Es geht darum, neue Wertschöpfungskonstrukte zu entwickeln, die mit der Realität dieser Welt kompatibel sind.

Befreit uns das von individueller Verantwortung?

Nicht vollständig. Aber es befreit von dem Gefühl, allein gegen das System handeln zu müssen. Solange der Schmerz noch nicht individuell spürbar ist, übernehmen viele Verantwortung stellvertretend – für andere, für kommende Generationen. Irgendwann kippt das. Verantwortung wird dann aus Eigeninteresse übernommen. Und das meine ich positiv! Wir sehen das heute schon bei Themen wie Gesundheit und Langlebigkeit. Denn was bringt ein langes Leben, wenn die Welt unbewohnbar wird oder Versorgungssicherheit fehlt? In Zukunft geht es darum, den eigenen Wohlstand, die eigene Familie, ein gutes Leben zu sichern. Dafür müssen sich bestimmte Parameter ändern. Das ist keine Frage von Moral oder Ideologie, sondern eine Frage des Überlebens und der wirtschaftlichen Realität.

„Ecosystems: Vom Gegeneinander zum Füreinander“

Wie kann der Übergang aus der Krise des Kapitalismus in eine zukunftsfähige Next Economy gelingen? Unternehmer und Sym-Co-Founder Michael Schwienbacher identifiziert die Entwicklung leistungsfähiger Business-Ecosysteme als Schlüsselaufgabe für die Transformation hin zu einem Verantwortungskapitalismus, der den Menschen wieder in den Fokus nimmt. Der Ecosystem-Experte erklärt, warum Vertrauen und ein funktionierendes „Füreinander“ zu den zentralen Prinzipien der Next Economy gehören.

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

24. März 2026

Michael Schwienbacher ist Ecosystem-Entwickler, Co-Founder des Business Ecosystems Sym und Co-Initiator des beyond economy Movements. Er zählt zu den führenden Experten für Business-Ökosysteme und die Transformation in eine neue Wirtschaftswelt, die People, Planet und Profit vereint.

Was hat dich dazu gebracht, Ecosysteme für die Wirtschaft zu entwickeln?

Ich komme aus der klassischen Kapitalismus-Ecke: M&A, Restrukturierung, hohe Finanzierung – wo alle im Kampf gegeneinander sind. „Geiz ist geil“ und „The winner takes it all“ haben uns dahin gebracht, wo wir heute sind. Gleichzeitig leben wir in den nächsten Jahrzehnten in einer Welt voller Kriege, Abschottung und Populismus. Wir brauchen Sicherheit, Schutz und Binnenmärkte. In den letzten Jahren hat sich meine Sicht im Sinne eines „Verantwortungskapitalismus“ weiterentwickelt: Ich glaube, dass wir durch eine Ecosystem-Ökonomie einen Mehrwert schaffen können. Das ist Symworking – symbiotisch wirtschaften am Vorbild der Natur.

Was genau ist ein Ecosystem in diesem Kontext?

Ein Business Ecosystem ist wie ein Konzernverbund aus Unternehmen, die gemeinsam einkaufen, verkaufen, Wissen und Daten nutzen und Tools so aufstellen, dass sie als Verbund am Markt einen Vorteil haben. Entscheidend ist die Transparenz und Datenhoheit über Lieferketten, Wertschöpfung, Skills und Werte. Alles verbindet eine gemeinsame Vision und Leitwerte, auf die alle hinarbeiten. Ein Branchen-Ökosystem umfasst etwa 50 bis 100 Unternehmen, ein regionales Ökosystem 250 bis 500.

Das klingt nach Netzwerk oder Cluster – ist es aber nicht. Der entscheidende Unterschied: In einem Business Ecosystem sind die Unternehmen strukturell miteinander verwoben. Wer im System wächst, stärkt die anderen. Das erzeugt eine andere Qualität von Kooperation als ein Branchenverband oder ein IHK-Stammtisch – gemeinsame Infrastruktur, gemeinsame Governance, messbare Wertbeiträge für alle.

Diese Denkweise funktioniert auf mehreren Ebenen. Beispielsweise beim Thema Infrastruktur: Ich baue in einem Technopark eine Küche. Alle dürfen sie nutzen, jede Partei zahlt nur einen Anteil. Bei zehn Parteien entsteht finanzieller Profit. Damit kann ich wiederum qualitativ bessere Lebensmittel einkaufen. Die Menschen vor Ort werden besser versorgt, weniger krank, gehen lieber zur Arbeit. Die Rendite steigt – es entsteht ein Mehrwertkreislauf. Dieses Prinzip überträgt man dann auf Daten, Vertrieb und so weiter.

Vertrauen ist die Währung der Zukunft – nicht Daten.

Welche Arten von Ökosystemen gibt es?

Zum einen gibt es die sogenannten Innovations-Ökosysteme, die meist klassisch rund um Start-ups, Venture Capitals und Hochschulen organisiert sind. Darüber hinaus gibt es heute auch immer mehr Daten-Ökosysteme wie beispielsweise Gaia-X. Und nicht zuletzt gibt es die Business-Ökosysteme, die auf Wertschöpfung und Realwirtschaft abzielen und sich mit Innovations- und Daten-Ökosystemen verbünden. Als Ökosystem-Architekt sehe ich nur Ökosysteme. Die nächste Stufe ist, diese differenziert zu beschreiben, in Reihe zu schalten und in Symbiose zu bringen – damit jedes davon profitiert. Das könnte so aussehen: Ein Start-up entsteht im Innovations-Ökosystem. Dann kommt ein Business-Ökosystem am Standort und sagt: „Hier ist die Realwirtschaft, hier sind Kunden, bringt es in die Anwendung.“ So arbeiten Ökosysteme miteinander – wenn sie füreinander sind.

Die Transformation der Wirtschaft umfasst den Weg vom Gegeneinander zum Nebeneinander, zum Miteinander, zum Füreinander.

Für den Mittelstand ist das Business Ecosystem der entscheidende Typus – weil er direkt auf reale Wertschöpfung zielt: gemeinsamer Einkauf, gemeinsamer Vertrieb, gemeinsame Innovationskapazität. Innovations-Ökosysteme rund um Start-ups und Hochschulen erreichen den Mittelstand meist nicht. Was fehlt, ist ein Betreiber, der Business Ecosystems aufbaut und am Laufen hält. Das ist Syms Rolle.

Welche Rolle spielt der Faktor Vertrauen in der Next Economy?

Künftig wird sich alles um Vertrauen und Glaubwürdigkeit drehen. Am Ende machen Menschen das Geschäft und gestalten die Wirtschaft. Wenn wir uns die globale Machtkonzentration anschauen, wird es nur eine handvoll Akteure geben, die die Welt regieren. Dann stellt sich die Frage: Wem vertraue ich? Die Graswurzelbewegung in Deutschland und Europa – vielfältig, regional, werteorientiert, menschenfreundlich – kann eine echte Alternative sein. Wenn wir Vertrauen wollen, müssen wir Ethik – nicht Moral – in den Mittelpunkt stellen und Wirtschaft so gestalten, dass sie im Dienst des Menschen steht. Dafür brauchen wir Leitwerte, zu denen aus meiner Sicht Augenhöhe, Offenheit und Verlässlichkeit gehören. Diese Werte führen zu Effizienz, Vertrauen, Fehlerkultur und einem Füreinander.

Sind Ökosysteme künftig ein Standortvorteil?

Absolut. Man nutzt Synergien nach außen, indem man etwa Einkauf oder Vermarktung und einen gemeinsamen, resilienten Verbund organisiert. Man hat die Vielfalt der Familienunternehmen, aber die Kraft eines Großkonzerns: Datenökonomie, IT-Struktur, KI-gestützte Prozesse, volle Transparenz über die Lieferkette. Der Unterschied zum Großkonzern: Das Familienunternehmen entscheidet selbst – KI-gestützt, eigenverantwortlich. In einem Branchen-Ökosystem können 100 Unternehmen mit je 100 Mitarbeitenden Effizienz steigern und Innovation vorantreiben – über Kreislaufwirtschaft, Rohstoff-Unabhängigkeit, alternative Produktionsstandorte.

Ich prophezeie: In zehn Jahren wird es kein Unternehmen mehr geben, das nicht bei einem Unternehmen kauft, welches einem namhaften Ökosystem angeschlossen ist. Das Risiko, mit Einzelkämpfern ohne Transparenz und Skaleneffekte zu arbeiten, wird niemand mehr tragen wollen. Und das ist keine Spekulation. Symtronics zeigt es heute schon: Unternehmen im Ecosystem haben Lieferketten stabilisiert, Einkaufskosten gesenkt, neue Produkte entwickelt, neue Märkte erschlossen – gemeinsam. Was Einzelunternehmen in volatilen Beschaffungsmärkten allein nicht schaffen, funktioniert im strukturierten Verbund.

Wie können wir Vertrauen und Nützlichkeit messbar machen?

Momentan messen wir das über Umfragen, die letztlich subjektiv bleiben. Hier sehe ich ein Handlungsfeld für Forschung und Entwicklung, zum Beispiel können digitale und soziale Produktpässe vorangetrieben werden. Denn Wirkungsmessung ist eine wichtige Grundlage: Wie nützlich ist ein System für den Menschen, wie nützlich ist der Mensch für das System? 

Wichtig ist: Es funktioniert nicht über Bestrafen, sondern über Begeistern, an die Hand nehmen und die Chance geben, es besser zu machen. Wir müssen wegkommen von Strafsystemen hin zu Fördersystemen. Niemand will abgeholt werden – die Menschen wollen begeistert werden. Und die Sprache ist entscheidend: Wenn ich „Wir unterstützen uns gegenseitig“ höre, bekomme ich Gänsehaut – weil „gegen“ schon sprachlich darin angelegt ist. „Wir unterstützen uns wechselseitig“ ist etwas ganz anderes. Die Sprache ist der Beginn einer anderen, füreinander ausgerichteten Wirtschaft.

Wie kommen Menschen in strategischen Positionen in dieses Ecosystem-Mindset?

Sie müssen sich Ecosystem Development and Operations Companies anschließen – die sind dafür verantwortlich, Mindset, Wissen und Transformation aufzuziehen. Das funktioniert nicht opportunistisch, sondern ist systemisch beschreibbar, entwickelbar, erforschbar. Warum ist die Automobilbranche kaputt? Weil die Akteure vor 40 Jahren angefangen haben, gegeneinander zu wirtschaften. Der Einkäufer hat den Lieferanten abgezogen. Jetzt wundern sie sich, dass niemand Innovation vorantreibt, weil niemand dem anderen Daten gibt. Das müssen wir neu aufziehen.

Systemische Transformation ermöglicht höhere Geschwindigkeit, weil vieles miteinander umgesetzt wird. Wenn jeder als Einzelkämpfer agiert, kommt er nicht vorwärts. Deswegen ist China so schnell: Die fahren schon immer den systemischen Ansatz. Europa muss seinen eigenen systemischen Ansatz entwickeln – einen, der die Stärken des Mittelstands und der Familienunternehmen nutzt. 

Um dieses Denken zu fördern und erlebbar zu machen, haben wir das beyond economy Movement als Ökosystem-Treiber aufgebaut: Im Rahmen des Movements veranstalten wir ein Festival und eröffnen Räume, in denen Unternehmen, die Wirtschaft neu denken wollen, aufeinandertreffen. Das ist ein gutes Eintrittstor ins Ecosystem-Denken für viele, die noch nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

„Die Wirtschaft der Zukunft organisiert Hoffnung“

Die Next Economy ist eine Rückbesinnung darauf, wozu wir überhaupt arbeiten, sagt der Arbeitsforscher Dr. Hans Rusinek. Er erklärt, wie im Arbeitskontext der Next Economy wieder mehr Sinn entstehen kann – und wieso Organisationen Hoffnung als Handwerk nutzen sollten.

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

24. März 2026

Dr. Hans Rusinek ist Arbeitsforscher, Berater sowie preisgekrönter Bestseller-Autor („Work-Survive-Balance“). Er lehrt an der Universität St. Gallen, ist Fellow im Club of Rome und Visiting Lecturer für AI & Organisational Transformation an der ESMT Berlin. Im Herbst erscheint im Penguin Verlag sein neues Buch über Hoffnung und Arbeit.

Was ist die Next Economy?

Die Next Economy beschreibt einen Perspektivwechsel: weg von einer Wirtschaft, die den Status quo lediglich verwaltet, hin zu einer Wirtschaft, die Zukunft gestaltet. Anthropologisch betrachtet war organisierte Arbeit schon immer unsere zentrale soziale Technologie, um existenzielle Bedrohungen in lösbare Probleme  zu verwandeln – und um aus gemeinsamem Problemlösen gesellschaftliche Hoffnung zu schöpfen. Die Next Economy ist insofern auch eine Rückbesinnung darauf, wozu wir überhaupt arbeiten.

Arbeit ist unsere soziale Technologie, mit der wir Zukunft herstellen – verlieren wir das, verlieren wir Hoffnung.

Aus arbeitssoziologischer Sicht funktionierte diese Technologie zuletzt eher schlecht als recht. Studien zu sogenannter „Bullshit Work“ oder organisationaler Entfremdung zeigen, dass ein wachsender Anteil der Beschäftigten Schwierigkeiten hat, die gesellschaftliche Relevanz der eigenen Tätigkeit zu erkennen. Das ist ein Thema, das mich stark geprägt hat – nicht zuletzt, weil ich den leider viel zu früh verstorbenen David Graeber noch als Student an der London School of Economics erleben durfte. Fakt ist: Wer sein Wirken nicht mehr für relevant hält und sich innerlich zurückzieht, stürzt nicht nur in psychologische Krisen, sondern stürzt auch unsere Wirtschaft in eine Krise der Krisenbewältigung.

Welche Herausforderungen kann die Next Economy lösen?

Die Next Economy adressiert nicht nur ökologische und ökonomische Transformationsfragen, sondern vor allem die dem zugrundeliegende strukturelle Sinnkrise der Arbeit: steigende Entfremdungserfahrungen, sinkende emotionale Bindung und wachsende Erschöpfung in vielen Arbeitskontexten. Wer Arbeit wie einen Zahnarzttermin behandelt (möglichst selten hin, möglichst dabei an etwas anderes denken), wird sich keine bessere Zukunft erarbeiten können. Sinn ist also der Schlüssel für eine Bewältigung der Omnikrise.

Die größte Wirtschaftskrise unserer Zeit ist nicht Produktivität – sondern Bedeutung.

Hinzu kommt ein demokratiepolitischer Aspekt: Organisationen sind zentrale Sozialisationsorte moderner Gesellschaften. Forschung zeigt, dass Erfahrungen von Mitbestimmung, Fairness und Wirksamkeit im Arbeitskontext eng mit Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen zusammenhängen. Wir üben Entfremdung, Bullshit und Autokratie im Büro – und wundern uns über Populismus.

Welche Themen prägen die Wirtschaft heute und morgen?

Die Wirtschaft bewegt sich zunehmend in Spannungsfeldern: zwischen technologischer Automatisierung und menschlicher Urteilskraft, zwischen Wachstum und planetaren Grenzen, zwischen Effizienzlogiken und sozialer Stabilität.

Die Transformationsforschung zeigt, dass Organisationen in Krisen häufig regressiv reagieren – sie verstärken vertraute Routinen, statt neue Lösungslogiken zu entwickeln. Zukunftsfähige Wirtschaftssysteme zeichnen sich dagegen durch institutionalisierte Lernfähigkeit aus. Denn die größte Gefahr in Transformationszeiten ist nicht Unsicherheit – sondern die Sicherheit alter Denkweisen.

Du sprichst von einer Sinnkrise der Arbeit. Was sind ihre Ursachen?

Die Sinnkrise entsteht häufig dort, wo Menschen zwar hohe Aktivität erleben, aber geringe Wirksamkeit. Organisationsforschung beschreibt dieses Phänomen zunehmend als strukturelle Überorganisation von Abstimmungsprozessen bei gleichzeitiger Unterorganisation realer Problemlösung.

Sinn entsteht dort, wo gesellschaftlicher Beitrag und persönliche Bedeutung zusammenfallen.

Sinn ist ein bisschen fluffig als Thema und da ich dazu den Lehrauftrag an der Universität St.Gallen habe, ist mir die klare wissenschaftliche Definition wichtig: Sinn in der Arbeit bezeichnet das Zusammentreffen von objektivem Wert (Ich erarbeite sinnvolle Lösungen für echte Probleme) und subjektiver Wertschätzung (Ich fühle mich dabei – sinnlich eben! – wertgeschätzt). Es reicht nicht nur, relevante Probleme wertvoll zu lösen, sonst würden in NGOs oder Pflegeeinrichtungen alle nur vor Sinnfreude durch die Gegend hüpfen – es muss auch ein wertschätzendes Arbeitsumfeld geben. Sinn und Sinnlichkeit liegen sprachlich ja nicht zufällig nah beieinander. Sinn entsteht also dort, wo Menschen erleben, dass ihre Arbeit sowohl gesellschaftlich relevant als auch persönlich bedeutsam ist.

Warum brauchen Organisationen mehr Wirklichkeitskontakt?

Organisationen entwickeln zwangsläufig eigene Binnenlogiken. Studien zu organisationaler Entscheidungsqualität zeigen jedoch, dass langfristig erfolgreiche Organisationen systematisch Irritationen zulassen – etwa durch externe Perspektiven, heterogene Teams oder Feedbackschleifen mit Betroffenen.

Wirklichkeitskontakt bedeutet daher, institutionalisierte Lernmomente einzubauen, in denen bestehende Annahmen überprüft werden. Innovation beginnt meist dort, wo Organisationen aufhören, sich selbst zu glauben.

Wie wird Hoffnung zur sozialen Praxis?

Hoffnung ist das konsequente Weiterdenken des Sinngedankens. Sinn beschreibt, warum Arbeit Bedeutung hat – Hoffnung beschreibt, wie wir mit dieser Bedeutung Zukunft gestalten. Anders als Optimismus verspricht Hoffnung keine heile Welt, und anders als Pessimismus kapituliert sie nicht vor Unsicherheit. Hoffnung akzeptiert, dass wir die Zukunft nicht kennen, aber dass wir sie gemeinsam beeinflussen können.

Optimisten glauben, dass alles gut wird, und lehnen sich zurück. Pessimisten glauben zu wissen, dass alles schlecht wird, und ergeben sich. Hoffnungsvolle oder possibilistische Menschen sagen: Es könnte gut werden – wenn wir handeln. Hoffnung ist ein Handwerk, Optimismus und Pessimismus sind eher passiv machende Gewissheiten. Das wird deutlich, wenn wir soziale Bewegungen betrachten. Bei Fridays for Future etwa wäre es absurd zu behaupten, sie seien Optimist:innen, die wissen würden, dass es gut ausgeht. Pessimist:innen sind sie jedoch ebenso wenig, denn sie geben nicht auf. Sie sind praktisch Hoffende – und machen sich an die Arbeit.

Hoffnung wächst nicht aus einer passiven Erwartung – sondern aus Erfahrung von Wirksamkeit.

Wenn wir Hoffnung als Handwerk verstehen, liegt der Ball im Feld der Unternehmen. Organisationen müssen dafür ein passendes Mindset entwickeln, das Unsicherheit nicht verdrängt, sondern als Gestaltungsraum versteht. Sie müssen ein Toolset bereitstellen, das Zusammenarbeit, Lernen und Beteiligung ermöglicht – und ein Skillset fördern, das Menschen befähigt, Verantwortung zu übernehmen, Perspektiven zu verbinden und Probleme gemeinsam zu lösen. Hoffnung kann man strenggenommen gar nicht verlieren, sondern nur verlernen. Und Hoffnung entsteht dort, wo diese drei Ebenen zusammenspielen – und wo Menschen erleben, dass ihr Handeln tatsächlich Zukunft verändern kann. Hoffnung kann nicht verordnet werden – sie muss organisiert werden.

Welche Arbeitsformen ermöglichen Lösungen für Zukunftsprobleme?

Arbeitsformen der Next Economy zeichnen sich dadurch aus, dass sie Zukunft nicht linear planen, sondern tastend entwickeln. Und vor allem: ins Machen kommen. 

Exzellenz zeigt sich nicht in Konzepten, sondern in Umsetzung. Weniger organisationale Prokrastination, mehr „The Art of Getting Stuff done“!

Viele Organisationen arbeiten noch nach der Vorstellung, dass Veränderung vor allem durch große Masterpläne entsteht und Karrieren auf geraden Leitern stattfinden. Die Zukunft ist jedoch viel zu komplex dafür. Wir nähern uns ihr eher im „Krabbengang“: nicht immer vorwärts, mal eher seitlich, lernend – indem wir ausprobieren, korrigieren und neu ansetzen.

So verändert die Next Economy auch unser Verständnis von Karriere. Zukunft entsteht dann selten durch geradlinige Aufstiege, sondern eben in diesem „Krabbengang“ – also durch seitliche Bewegungen, Rollenwechsel und das bewusste Sammeln unterschiedlicher Perspektiven. Gerade komplexe Zukunftsprobleme lassen sich oft besser lösen, wenn Menschen Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen miteinander verbinden.

Solche Laufbahnen gibt es heute bereits, etwa wenn Mitarbeitende bewusst zwischen Funktionen, Projekten oder Organisationseinheiten wechseln oder temporär in andere Branchen, Start-ups oder gesellschaftliche Initiativen eintauchen. Der Krabbengang wirkt weniger planbar als klassische Karrierestufen, ist aber oft lernintensiver – weil er Vielfalt an Erfahrung ermöglicht und Anpassungsfähigkeit stärkt. Wir brauchen nicht-lineare Karrieren für nicht-lineare Zeiten!

Karrieren werden seltener wie Leitern verlaufen – eher wie Bewegungen im Möglichkeitsraum.

Studien zeigen, dass seitliche Karriereschritte keineswegs Sackgassen sind – im Gegenteil. Forschung des Massachusetts Institute of Technology (MIT) belegt, dass Möglichkeiten zum Quereinstieg die Mitarbeiterbindung stärker beeinflussen als das Gehalt, weil sie Lernen und Abwechslung ermöglichen. Untersuchungen der University of South Florida zeigen zudem, dass Menschen, die sich zunächst seitwärts bewegen, später häufiger befördert werden und stärkeres Lohnwachstum erzielen. Auch organisationsintern zahlt sich diese Beweglichkeit aus: Studien belegen, dass besonders erfolgreiche Führungskräfte mehr interne Wechsel – nach oben und zur Seite – ermöglichen. Organisationen profitieren davon ebenso wie Mitarbeitende, weil Menschen eher Rollen finden, die wirklich zu ihnen passen. Wo Menschen sich bewegen dürfen, entsteht mehr als Karriere – dort entsteht Zukunft. Und oft auch Hoffnung.

„Die Next Economy braucht starke, multilaterale Institutionen“

Unkontrollierte KI-Fantasien und sozial-ökonomische Spaltung bedrohen nicht nur die Zukunft der Wirtschaft, sondern auch der Demokratie und Freiheit. Um diese Entwicklung abzuwenden, braucht es für Prof. Dr. Marcel Fratzscher in der Next Economy neben einem funktionierenden Multilaterismus auch veränderte Wohlstandsindikatoren und einen neuen Generationenvertrag.

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

24. März 2026

Prof. Dr. Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin und unter anderem Mitglied des Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums und der Euro50 Group. Der Ökonom und Politikberater tritt in unterschiedlichsten Formaten als renommierter Autor und Kolumnist zu wirtschafts- und gesellschaftlichen Themen auf.

Vor welchen Herausforderungen steht die Wirtschaft heute und in Zukunft? Wie schaffen wir eine stabile Next Economy?

Meine Erwartung und Sorge ist, dass die künftige Wirtschaft so sehr von Künstlicher Intelligenz und digitalen Technologien dominiert wird, dass sie letztlich zu einer Aushöhlung der Demokratie führen wird. Die Machtkonzentration bei einigen wenigen Unternehmen birgt hohe Risiken für geopolitische Sicherheit und sorgt für fehlende gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe. Das kann wiederum dazu führen, dass die Ungleichheit von Ressourcen, Einkommen, Vermögen extrem zunimmt. Zudem besteht die Gefahr, dass der Staat zu wenig Kontrolle über Technologien hat, die zur Kriegsführung oder Manipulation von Menschen eingesetzt werden könnten. Diese zwei Mechanismen führen in ihrer Extremform letztlich dazu, dass die Demokratie ausgehöhlt wird. Das ist ja auch das, was Leute wie Peter Thiel und andere Tech-Milliardäre sich letztlich wünschen. Eine solche Wirtschaft könnte natürlich auch eine stabile Wirtschaft sein – aber eine, die nicht mehr vereinbar ist mit Demokratie, Teilhabe, sozialer Marktwirtschaft und Frieden und Freiheit.

Welche Prinzipien und Denkmuster werden wichtig, um eine stabile künftige Wirtschaft zu gestalten, die vereinbar ist mit demokratischen Prinzipien? 

Der Kernpunkt ist meiner Meinung nach eine größere Rolle des Staates, staatlicher Institutionen und multilateraler Institutionen. Auf nationaler Ebene ist es schwierig, gegen die Dominanz von KI und digitalen Technologien einiger weniger Unternehmen vorzugehen. Letztlich braucht es mehr Multilateralismus und globale Institutionen. Ich würde sogar so weit gehen: Das Eigentum kritischer Technologien und deren Fähigkeiten, also die Kontrolle darüber, die Regulierung und der Einsatz dieser Technologien muss demokratisch kontrolliert sein.

Wenn das nicht geschieht, entsteht ein Wild-West-Kapitalismus, in dem Wettbewerb nicht mehr möglich ist, wo Innovation gebremst wird, in dem Menschen zu Spielbällen werden – und wo Grundrechte, wie wir sie in unserer liberalen Demokratie kennen, letztlich nicht mehr möglich sind. Hier wird immer das Argument des freien Wettbewerbs genannt, aber die Technologien, um die es geht, sind natürliche Monopole oder Oligopole. Dort wird es keinen fairen Wettbewerb geben. 

Ich spreche nicht vom Staat als Innovator oder einer Staatswirtschaft, aber die ultimative Kontrolle über Technologien – was sie können, wie sie sich entwickeln, wie sie genutzt werden – muss staatlich sein, eben weil diese Technologien so potent sind.

Wie kann das konkret aussehen?

Open-Source-Modelle wären ein Ansatzpunkt. Viele meinen: Um Teilhabe – und auch wirtschaftliche Teilhabe – zu ermöglichen, müssen Technologien geteilt werden, transparent sein, duplizierbar sein. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es unbedingt wünschenswert ist, wenn jeder Mensch auch privat Zugang zu einem Wissen oder einer Technologie hat, die potenziell enorm Schaden anrichten kann. Deshalb brauchen wir hier sehr enge Public-Private Partnerships, bei denen der Staat Mit-Eigentümer ist und eine Kontrollmöglichkeit hat, über die unternehmerischen Entscheidungen mitzubestimmen.

Das klingt nach Sozialismus, das ist mir sehr wohl bewusst. Aber ich glaube, anders geht es nicht. Regulierungen und das Setzen von Rahmenbedingungen allein werden nicht mehr funktionieren. Denn private Unternehmen und deren Innovationen sind staatlichen Behörden häufig drei Schritte voraus. 

Wo brauchen wir echte Paradigmenwechsel, statt nur innerhalb von bestehenden Logiken zu agieren?

Wir müssen Multilateralismus und globale Institutionen stärken. Das ist genau das Gegenteil von der Richtung, in die wir im Augenblick gehen, wo Multilateralismus vor allem durch Trump, durch die USA, durch China untergraben wird. Ein weiterer großer Paradigmenwechsel dreht sich um Grundrechte für Individuen: Wir brauchen ein Recht auf gute Arbeit. Eine der – völlig berechtigten – Sorgen dreht sich heute darum, dass Menschen in ihrer Tätigkeit ersetzt werden, keinerlei Perspektiven mehr haben und sich komplett neu erfinden müssen. Ich glaube, in Zukunft wird es sehr viel um Rechte für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gehen und wie man sinnstiftende Arbeit auch zukünftig bereitstellen kann.

Wie kann ein neuer Generationenvertrag aussehen? Und sind höhere Zukunftsinvestitionen heute eine Belastung oder eine Entlastung für die nächsten Generationen?

Die heutigen Generationen, vor allem die älteren Generationen, leben zu Lasten der jungen und künftigen Generationen. Ein neuer Generationenvertrag müsste deshalb drei belastbare, verbindliche Grundrechte für die jungen und künftigen Generationen enthalten. 

Erstens das Recht auf ein autonomes, selbstbestimmtes Leben. Damit meine ich Bildungschancen, das Recht auf eine sinnstiftende Arbeit, die Möglichkeit, privat vorsorgen zu können, die Wertschätzung von Vielfalt und vieles mehr. Zweitens das Anrecht auf einen intakten Planeten. Hier geht es stark um Klima- und Umweltschutz, aber auch KI und Digitalisierung haben einen Einfluss darauf, ob wir noch auf einem lebenswerten Planeten leben, wenn nicht nur die natürliche Umwelt zerstört ist oder sich so rapide ändert, dass es existenzbedrohend ist, sondern auch das technische Umfeld, zum Beispiel durch Kriege und Konflikte. Und drittens das Grundrecht auf soziale Teilhabe. Da geht es um Solidarität, Möglichkeiten der sozialen Beteiligung und starke Sozialsysteme. 

Zukunftsinvestitionen sind dabei immer entlastend für die künftigen Generationen – wenn es wirkliche Zukunftsinvestitionen sind und nicht nur als solche verpackt. Investitionen in Bildung sind elementar, aber auch Investitionen in digitale Infrastruktur oder Energieinfrastruktur.

Transformation ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Frage. Wie lässt sich eine Next Economy gestalten, ohne soziale Spaltung zu vertiefen?

Ich glaube nicht, dass man die soziale Spaltung wirklich aufhalten kann, aber man kann sie bremsen. Der Versuch, Technologien so zu gestalten, dass sie eher komplementär zu menschlicher Arbeit sind, als sie zu ersetzen, kann hier ein wichtiger Hebel sein. Das geht sowohl über Qualifizierung der Mitarbeitenden als auch über eine Begrenzung dessen, wie schnell Technologie Dinge verändern kann. Technologien können außerdem beispielsweise im Gesundheitsbereich verwendet werden, um Krankheiten zu heilen, oder im Bereich der SDGs Nachhaltigkeit verbessern und darüber soziale Spaltung überbrücken.

Welche konkreten Hebel erachten Sie als besonders wichtig, um eine Next Ökonomie voranzutreiben?

Wir müssen wieder Kontrolle über technologische Entwicklungen gewinnen. Das kann meiner Meinung nach nur durch die Stärkung multilateraler Institutionen gelingen. Das heißt, wir brauchen globale Institutionen, Kooperation, klare Spielregeln, eindeutige und starke Kontrollmechanismen, die einen Rahmen für Technologie setzen. Das wäre für mich das Allererste und das Wichtigste.

Weiter wichtig ist das Thema Qualifizierung: Menschen beizubringen, wie sie mit neuen Technologien umgehen, wie sie diese für sich nutzen und nicht gegen sich arbeiten lassen. Die Diskussion rund um mögliche Social-Media-Verbote zeigt ja, dass auch im Privaten große Risiken warten. Wir müssen Menschen dazu befähigen, die Chancen der neuen Technologien klug für sich zu nutzen, aber die Risiken und die Kosten zu minimieren.

Außerdem sollte man bei Unternehmen sehr genau schauen, dass man keine Machtkonzentration oder Vermögenskonzentration schafft, sondern möglichst breite Teilhabe ermöglicht.

Wie könnte die Rolle der EU in der Zukunft der Weltwirtschaft aussehen?

Ich sehe die Europäische Union als die letzte Bastion, die den Multilateralismus heute hochhält. Die USA und China haben sich davon ein großes Stück weit verabschiedet. Darin sehe ich letztlich die Hauptrolle oder auch Nische, in der Europa seine globale Rolle finden kann. Natürlich auch als Wirtschaftsmacht, wo Innovationen, gute Jobs, hohe Wettbewerbsfähigkeit mit China und den USA möglich sind. Dafür müssen wir aber weg vom nationalen Denken und nationaler Politik. Das sehen wir im Augenblick nicht, sondern eher eine Zunahme von Nationalismus und Protektionismus.

Von Boomer bis Beta

Wie Generationen Zukunft erzeugen

von Tristan Horx

4. Dezember 2025

Wir lieben es, Menschen zu kategorisieren. Kohorten in Kästen und Klischees einzuordnen – in „Generationen“. Und: die jeweils nachwachsenden Generationen als verweichlicht, verblendet und faul darzustellen. Das lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sich jüngere Generationen weniger mit ihren vermeintlichen Charakteristika identifizieren.

Schon seit einigen Jahrzehnten kann aufgrund von Individualisierung und (digitalen) Subkulturen kaum mehr von homogenen Gruppen die Rede sein. Die Frage nach den Generationen im 21. Jahrhundert stellt sich unter den Vorzeichen einer veränderten Welt noch einmal ganz neu: Wie können wir Generationen auch in einer hochkomplexen und krisengeschüttelten Zeit noch plausibel definieren?

Boomer: Aufstieg, Rebellion und Zweifel

Aus der Asche des Zweiten Weltkrieges erhob sich eine große Generation, die von Konflikt und liberalem Wertewandel geprägt wurde. Ihre Energie und ihr Selbstbewusstsein bezog sie aus der Auseinandersetzung mit den Überresten des gesellschaftlichen Nazismus. Ihnen ist ein Großteil des Aufstiegs im 20. Jahrhunderts zu verdanken. Doch zugleich wird gerade dieser Erfolg heute zu einer Bürde, an der sie sich mit späteren Generationen reiben.

Die Boomer waren eine zweigeteilte Generation, zwischen Angepassten und Rebellierenden. Die Karriere-Boomer gingen in die Institutionen, machten Karriere in den aufstrebenden Industrien und im rapide wachsenden Dienstleistungssektor. Die rebellischen Boomer gingen auf Sinnsuche. Hier entstanden neue Frauen- und Männerbilder sowie die verlängerte Adoleszenz. Und in den kreativen Branchen kamen auch die rebellischen Boomer schließlich zum Erfolg. Egal, welche Route man wählte: Es lief gut. Die Idee „Man muss es nur mit Herzblut tun, dann klappt es schon“ prägt diese Generation nach wie vor.

Als nachwachsende Generationen die Bomer später mit dem Vorwurf konfrontierten, das Klima ruiniert und den Generationenvertrag gesprengt zu haben, zeigten sie eine starke Abwehrreaktion. Doch diese Generation altert auch mit Selbstzweifeln. Mit Blick auf das Verschwinden der Zukunft in unserer Zeit fragen sich vor allem die progressiven Boomer: Was, wenn der Wandel, den wir vorangetrieben haben, umsonst war? Wenn er in die falsche Richtung ging? Oder sogar den rechten Backlash unserer Zeit auslöste?

Generation X: Zwischen Frust und Sehnsucht

Die „verlorene Generation“, die „Generation ohne Zukunft“: So wurde die Nachfolgegeneration der Boomer genannt. Im Schatten der Boomer hatten sie es nicht einfach, denn viele Rebellions- und Wandelenergien waren aufgebraucht. Doch die X-er, die in Zeiten von Kaltem Krieg und Tschernobyl in die Pubertät kamen, konnten auch nicht einfach den Weg in die Anpassung und Normativität finden. Subkulturen wie Punks und Goths wurden zum Abbild einer Generation, die aus Frust, Sorge und einer gewissen Apathie gegenüber der Zukunft entstand. Denn es konnte ja jederzeit vorbei sein. 

Dass die Generation X heute den größten Wählerblock der rechtsreaktionären Parteien bildet, kann kein Zufall sein. Vermutlich fanden die X-er das progressive, verändernde Mindset der Rebellen-Boomer schon immer etwas peinlich. Vor allem wirtschaftlich hatte die Gen X einen ähnlichen Deal wie die Boomer: work hard, make money. Ihnen standen – zunächst – die neuen Arbeitsmärkte der Dienstleitungsgesellschaft offen. Sie begannen, mit dem Computer zu spielen. Sie waren die Generation von Walkman, Gameboy und Bibi Blocksberg. Ihre Eltern lasen ihnen „Wo die Wilden Kerle wohnen“ vor. Aber eigentlich sehnten sie sich nach Normalität.

Millennials/Generation Y: Aufbruch, Beschleunigung, Enttäuschung

Auf X folgt Y – meine Generation. Als Kinder der Boomer hatten wir wieder richtig Lust auf die Zukunft, wenn auch in einer eher passiven Form. Denn es lief doch alles wunderbar: Die Mauer fiel, die Effekte der Globalisierung zeigten Wirkung, und das Internet, noch in seiner vollen Unschuld, begann die Welt utopisch zu verwandeln. Eine naive, lineare Weltvorstellung, die aber nachvollziehbar war. Es wurde schließlich alles immer besser.

Als wir Millennials um die Jahrtausendwende erwachsen wurden, hatten wir kräftige postmaterielle Tendenzen. Alles schien sich rasant zu verändern, weg von der alten Industriegesellschaft, hinein in die globale Wissensgesellschaft. Und dann kam die Krise. Mit 9/11 änderte sich nicht nur für uns Millennials alles. All die positiven Bilder der Welt drehten sich auf einmal um. Die Globalisierung wurde zum Schreckgespenst, wir waren einfach zu nett gewesen. Auch die Utopien des Digitalen zerfielen: Statt einer „Generation Global“, die eine Sprache spricht, bekamen wir das Gegenteil. Und als wir ins arbeitsfähige Alter kamen, überfuhr uns die Bankenkrise. 

So waren wir nicht nur die Generation der großen Beschleunigung und der zündenden Zukunftsenergie, sondern auch die Generation, die die Enttäuschung dieser Verheißungen intensiv erlebte – und die Frage nach dem „Warum“ stellte: die Generation „Why“. Wir reisten viel und weit, lernten problemlos Englisch, die Bildungsexpansion strebte ihrem Höhepunkt zu, mehr als 50 Prozent von uns begannen ein Studium. Aber gerade im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften fanden viele keine gut bezahlten Jobs mehr. Teile der Generation Y erfanden die Wokeness – aber damit war auch keine Revolution zu machen. Es gab zu viel zu denken und zu wenig zu tun. Wir waren Teil einer Art Eliten-Überproduktion, die sich schon bald rächen sollte.

Generation Z: Vernetzt und verletzt

Mit der Generation Z trat eine Generation auf den Plan, die in der Erfahrung eines Energieverlusts lebt. Ihre großen Geschwister hatten die Zukunftseuphorie verbraucht. Mit „Fridays for Future“ versuchten die Z-ler es noch einmal, doch dieser Funke war schnell verloschen.

Aufgewachsen mit und in den sozialen Medien, als erste voll-digitalisierte Generation, geriet die Gen Z früh in die ersten Ausläufer der Omnikrise. Die Pandemie sorgte für einen fast dreijährigen Ausnahmezustand – und trug maßgeblich dazu bei, dass sich Jugendliche heute immer weniger im „echten Leben“ begegnen. Keine Kohorte ist so einsam, konsumiert so wenig Alkohol und hat so wenig Sex wie diese (vgl. Dierig 2025). Die Chance auf eine sorglose Jugend wurde ihnen genommen. Auch das dürfte ein Grund sein für die neue politische Spaltung in rechte und linke Dynamiken unter jungen Männern und Frauen.

Und auch in Sachen Karrierechancen und politischer Veränderungsmöglichkeiten haben die Z-ler einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Vielleicht ist dieser Generation auch deshalb die eigene Gesundheit so wichtig, physisch wie psychisch, von Ernährung bis Psychotherapie.

Generation Alpha: Always on und neuer Zukunftsmut

Weltweit betrachtet, ist die Generation Alpha die größte aller Generationen – nach ihr werden die Kohorten wieder kleiner (vgl. Lundschien 2022). Diese Generation wächst mitten in den Epochenbruch unserer Zeit hinein.

Mehr als die Hälfte dieser Generation hat schon seit der Kindheit ein Social-Media-Profil (ob mit Wissen der Eltern oder nicht). Die Alphas sind nicht nur Digital Natives, sondern eher Digital Zombies – always on. Der digitale Dauerkonsum wird diese Generation nachhaltig prägen. Aber vermutlich wird es auch die letzte Alterskohorte sein, die wir ungeschützt in der digitalen Welt verheizen. 

Dennoch werden wir bei der Generation Alpha mehr Optimismus in Richtung Zukunft sehen als bei ihrer Vorgängergeneration. Wie auch mit dem Internet werden sie im Laufe ihrer Karriere erfahren, dass Digitalisierung vieles erleichtern kann, das Menschliche jedoch nicht ersetzt.

Generation Beta: What’s next?

Die jungen Erwachsenen des Jahres 2045 sind heute noch unschuldige Babys – oder noch nicht einmal geboren. Als Nachfolgegeneration der Generation Alpha könnte die Generation Beta die erste „postdigitale“ Generation sein: Für die „Nonliner“ von morgen wird das Digitale so selbstverständlich sein, dass auch seine exzesshaften Auswüchse Vergangenheit geworden sind. Inklusive der großen KI-Turbulenz, die heute zum Großteil noch vor uns liegt. 

Wir stehen vor einer Phase der digitalen Relativierung – die hoffentlich in eine digitale Vernunft münden wird. Mehr als 80 Prozent der Elterngeneration sprechen sich heute für ein Social-Media-Verbot unter 16 Jahren aus (vgl. Agarwala 2025). Die Generation Beta wird eine Schulbildung mit einem hohen Maß an digitaler Aufklärung genießen. Viele heutige Berufe werden sie nur noch aus Erzählungen kennen – die Amazon-Lagerhäuser von morgen werden nicht mehr von Menschen gefüllt. Zugleich wird sich der demografische Druck in der Arbeitswelt für die Betas reduzieren (außer die Boomer finden noch heraus, wie man ewig lebt). Und ihre Eltern werden die letzten „Benzineltern“ sein. 

So pessimistisch der Blick auf andere Generationen stimmen mag: Für die Beta-Babys von heute und morgen lässt sich einiges an Optimismus aufbringen – vor allem, wenn man vom unentwegten Schwingen von Trends und Gegentrends ausgeht. Denn diese dialektische Dynamik des Wandels prägt auch das ewige Spiel der Generationen.

Zyklen der Zukunft

Wie uns ein neues Zeitverständnis Orientierung in chaotischen Zeiten geben kann

Heute schon an morgen und übermorgen denken, am Wochenende die nächste Woche planen, am Jahresende das kommende Jahr … Wir sind es gewohnt, Zeit als eine Linie zu begreifen. Ein Pfeil, der von der Vergangenheit unaufhaltsam in die Zukunft Zeit. Aber was, wenn wir dieses lineare Denken beiseitestellen und uns auf andere Denkfiguren einlassen? Wenn wir in unserer Umwelt nicht Linien, sondern Zyklen suchen?

Ein Auszug aus „Beyond 2026“, dem Jahrbuch für Zukunft.

von Nina Pfuderer

4. Dezember 2025

Das Ende der Linearität

Lineares Denken durchzieht die westlichen Gesellschaften wie ein roter Faden, von der christlichen Heilsgeschichte über die kapitalistische Wachstumslogik bis hin zum modernen Fortschrittsglauben. Das Diktat der Linearität hat uns fest im Griff. Es muss immer weitergehen, am besten schnell nach vorn und steil nach oben. Wachstumskurven gefallen den Menschen am besten, wenn sie linear sind, also bitte ohne Einbrüche und Abzweigungen nach unten. Auch Trendlinien werden noch immer linear gedacht – weil man sie so am einfachsten in die Zukunft verlängern kann.

Eine ganze Zeit lang hat das ziemlich gut funktioniert. Die westlichen Wohlstandsgesellschaften entwickelten sich lange nur nach oben, alles wuchs immer weiter – Globalisierung, Urbanisierung, Vernetzung, materieller Überfluss. Doch in den vergangenen zehn bis 15 Jahren begann das Diktat der Linearität zu bröckeln. Inzwischen kommt uns die Vorstellung von Wachstum ohne Grenzen hohl vor. Gerade in den herausfordernden Zeiten der Omnikrise bringt uns das alte lineare Denken nicht mehr weiter.

Noch im Agrarzeitalter waren Menschen viel enger mit diesen natürlichen Rhythmen verbunden. Unser natürliches Zeiterleben ist rhythmisch – so wie die Jahreszeiten, wie Tag und Nacht, wie der weibliche Zyklus. Auf hell folgt dunkel, auf Ebbe folgt Flut, auf Anspannung folgt Entspannung. Klar, es ist eine große Errungenschaft, dass wir heute Elektrizität, Supermärkte und Flugzeuge haben. Wir sind zu Herrscher:innen über Raum und Zeit geworden, haben die Zeit begradigt. Doch immer deutlicher stellt sich inzwischen die Frage: Haben wir dabei vielleicht etwas Wesentliches verloren?

Zyklen der Zukunft

Zyklen sind Wellenbewegungen, in die Zukunft gedachte Kreise. Sie kehren immer wieder – aber nie genau gleich. Sie sind kein Hamsterrad, kein „Zurück auf Los“, sondern bringen mit jeder neuen Phase eine gewisse Veränderung, eine Reifung mit sich. Es gibt Zyklen, die Milliarden von Jahren umfassen, und solche, die nur wenige Sekunden dauern. Naturphänomene wie die Erdrotation, Mondzyklen, Jahreszeiten, sogar Leben und Tod folgen zyklischen Mustern. Auch der Mensch ist Teil dieses natürlichen Kreislaufs – physisch, biologisch, hormonell.

Die zyklische Ordnung der Dinge spiegelt sich auch in den Kulturen der Menschen. Vom Aufstieg und Untergang ganzer Kulturen bis zu Modezyklen, die Märkte und Zeitgeist bestimmen. Alles kommt irgendwann wieder – Schlaghosen, Schulterpolster, Arschgeweih. So entstehen „Kurven“ oder „Evolutionslinien“, an denen sich gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen (vgl. Link 2019).

Wie Mode und Kultur folgen auch politische Strömungen zyklischen Mustern: Alte Rollenbilder, historische Symbole und autoritäre Tendenzen kehren zurück. Wer angesichts solcher Rückschläge der Verzweiflung nahe ist, kann Trost im zyklischen Denken finden: Ein Backlash ist selten endgültig, sondern meist nur ein vorübergehender Tiefpunkt, bevor sich der Zyklus wieder aufschwingt und neue Chancen, Entwicklungen und Bewegungen ermöglicht.

Wirtschaft ist zyklisch

Der Wirtschaftswissenschaftler Edward Russell Dewey (1895– 1978) widmete sein Leben der Erforschung und Messung von Zyklen. Er fand mehr als 500 verschiedene zyklische Phänomene in 36 verschiedenen Wissensbereichen, etwa im Wachstum eines Kürbisses, in den Schwankungen von Luchsbeständen, in der Variation menschlicher Emotionen – und in der Wirtschaft. 

Durch die Erforschung zyklischer Bewegungen wollte Dewey verlässlichere wirtschaftliche Vorhersagen ermöglichen. Er nahm an, dass Menschen in Rhythmen auf natürliche Zyklen reagieren und so andere Zyklen, auch ökonomische, beeinflussen. Er beschrieb Zyklen als Wellen um eine gebogene Trendachse: Ein Trend wächst zunächst fast linear, stößt an Grenzen und erreicht ein Plateau. Solange der Trend steigt, fallen die Wellen weniger auf – der Tiefpunkt eines Zyklus kann sogar über dem vorherigen Höhepunkt liegen. Erst wenn das Wachstum abflacht, werden Auf- und Abbewegungen deutlich; Krisen wirken dann überraschend, sind aber Teil der schon lange wirkenden Zyklen.

Folgt man Deweys Analysen, könnte die gegenwärtige Phase der Omnikrise einen Punkt markieren, an dem der Aufwärtstrend abflacht, sodass die zyklischen Auf-und Ab- Bewegungen überdeutlich werden. Vielleicht erklärt sich so auch ein Stück weit, weshalb uns Trumps zweite Amtsperiode noch bedrohlicher vorkommt als die erste und warum die Erfolge der AfD in einer geopolitisch und sozial angespannten Lage noch mehr schmerzen: Trendbewegungen, die uns linear erscheinen, nehmen wir als wichtiger und größer wahr als die Zyklusbewegungen, die um die Trendlinie herum liegen.

Um eine Trendwende herbeizuführen, braucht es laut Dewey äußere oder innere Impulse – etwa Innovationen, gesellschaftliche Veränderungen oder außergewöhnliche Ereignisse –, die bestehende Zyklen verstärken oder abmildern und so neue Dynamiken ermöglichen. An diesem Punkt setzt auch die transformative Zukunftsforschung des Future:Project an: mit der Formulierung und Förderung konstruktiver Zukunftsnarrative, die sich aus dem Inneren der Gesellschaft heraus entfalten. Ein solches Narrativ kann auch das Denken in Zyklen selbst sein.

Zyklisch denken, fühlen, arbeiten

DENKEN IN ZYKLEN: DIE KUNST DES WERDENS

Oft schreckt uns das Zyklische ab, weil es den Anschein erweckt, wir würden wieder dort ankommen, wo wir schon einmal waren – ohne Fortschritt, vielleicht sogar im Rückschritt. Doch Zyklen bedeuten keine Stagnation. Jede Wiederkehr trägt eine Veränderung in sich, führt zu einer neuen Stufe der Komplexität und der Reifung. Wie eine Spirale, die sich nach oben windet. Dieses Denken ist auch im individuellen Erleben hilfreich. Zwischen einem Punkt, an dem wir jetzt stehen, und dem Ziel, das wir anstreben, erzeugt unser Gehirn leicht Stress: Die Amygdala aktiviert Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktionen und hemmt so das rationale Denken des präfrontalen Cortex (vgl. Goleman 1996; vgl. Arnsten 2009). Wer dagegen ein „Growth Mindset“ kultiviert, begreift diese Lücke nicht als Gefahr, sondern als Spielraum (vgl. Dweck 2006). Entwicklung heißt dann, sich im Prozess zu weiten, aus Fehlern zu lernen und Wandel als natürlichen Teil des Zyklus zu akzeptieren.

FÜHLEN IN ZYKLEN: INNERE SCHWINGUNGEN ANNEHMEN

Der Schlaf-Wach-Rhythmus und der Menstruationszyklus beeinflussen Konzentration, Kreativität und Extrovertiertheit. Wer seinen Chronotyp kennt und respektiert, lebt im Einklang mit dem natürlichen Energieprofil: morgens nicht auf Höchstleistung pochen, nachmittags lieber Bewegung einbauen, statt sich dagegenzustemmen. Auch der Hormonzyklus lässt sich nutzen: die Lutealphase für Reflexion und Detailarbeit, die Ovulationsphase für wichtige Termine, die Follikelphase für kreative Prozesse (vgl. Erler 2023). Es geht nicht darum, eigene oder fremde Kalender strikt an natürliche Zyklen anzupassen. Vielmehr hilft es, mit dem eigenen Rhythmus zu arbeiten – und Gelassenheit zu bewahren, wenn etwas nicht optimal gelingt. Denn jede Phase geht vorbei. Und mit dem nächsten Zyklus, manchmal schon nach ein paar Stunden, bieten sich neue Gelegenheiten.

ARBEITEN IN ZYKLEN: MIT DER ZEIT STATT GEGEN SIE

Traditionelle Unternehmen sind oft linear organisiert, doch immer mehr Arbeits- und Organisationsformen folgen Zyklen. Die Lean-Startup-Methode etwa basiert auf wiederkehrenden Abläufen: planen, handeln, testen, scheitern, anpassen, erneut testen. Auch Planungs-, Feedback- und Reporting-Prozesse sind meist monatlich getaktet. Moderne Kulturen gehen noch weiter und berücksichtigen biologische Rhythmen, hormonelle Zyklen und neurobiologische Reaktionen. Organisationen, die zyklisch denken, verstehen Wandel anders: Sie wissen, dass Wachstum endlich ist, dass verschiedene Rhythmen ineinandergreifen und auch Krisen nur eine Phase darstellen.

Zyklen als Zukunftskompass

Zyklisches Denken ist kein romantisches Naturideal, sondern ein praktisches Instrument, um Erschöpfung, Krisendenken und überfordernde Linearität zu überwinden. Auf individueller Ebene hilft es, Aufgaben an biologische Rhythmen anzupassen, Stress zu reduzieren und mehr Geduld mit sich selbst und anderen zu entwickeln; auf organisatorischer Ebene ermöglicht es adaptive, wandlungsfähige Strukturen.

Gesellschaftlich erlaubt uns das Verständnis zyklischer Bewegungen, Trends und Krisen als Wellen zu erkennen – und dadurch ruhiger und nachhaltiger zu entscheiden. Wir lernen, „beyond crisis“ zu sehen und neue Zukünfte zu imaginieren. Und zugleich schärft das Denken in Zyklen unser Bewusstsein für die tiefe Verbindung zwischen uns selbst und allen, die uns im zyklischen Lauf des Lebens umgeben: Wir sind eingebettet in vergangene und zukünftige Traditionen – eine Art transgenerationale Umarmung mit unseren Vor- und Nachfahren.

Zyklen lehren uns, dass alles wiederkehrt und jeder Tiefpunkt eine Chance auf Aufschwung birgt – denn in den seltensten Fällen bleiben wir in regressiven Zyklen gefangen. Die Zyklen der Zukunft sind Synthesen des Vergangenen auf einer höheren Ebene. Wer das versteht, gewinnt Orientierung und Gelassenheit in chaotischen, katastrophischen Zeiten.