Die Zukunft der Religion

Im 21. Jahrhundert erlebt das Religiöse ein Comeback in para­doxer Form: als Hybrid aus Glauben und Nichtglauben.

von Werner Tiki Küstenmacher

20. April 2026

Werner Tiki Küstenmacher ist evangelischer Pfarrer und arbeitet seit 1990 als freiberuflicher Autor. Sein 2001 erschienener Bestseller „Simplify Your Life“, eine Anleitung zur Vereinfachung und Verbesserung des Lebens, wurde in 40 Sprachen übersetzt.

Ist Religion out? Zwar gehören 84 Prozent der Weltbevölkerung einer Religion an (vgl. Kanning 2019), Tendenz sogar steigend. Doch in Deutschland sind die Austritte aus den beiden großen christlichen Kirchen konstant hoch: 43,8 Prozent der Deutschen sind offiziell konfessionslos (vgl. Fowid 2023). In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die westliche Welt immer mehr von der Religion abgewendet. Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins hält Religion sogar für irrational, fortschrittsfeindlich und zerstörerisch:

„Stellen wir uns eine Welt vor ohne Religion. Es gäbe keine Selbstmordattentäter, es hätte keinen 11. September 2001 gegeben, keine Kreuzzüge, keine Hexenverfolgungen, keinen Konflikt zwischen Israel und Palästina, keine Massaker in Bosnien.“ (vgl. Dawkins 2007)

Das sitzt, selbst wenn es wohl nur die halbe Wahrheit ist. Denn es ist auch im Namen des Atheismus gemordet worden. Dennoch ist die Tatsache, dass nach den dunklen Zeiten der mittelalterlichen Glaubenskriege weltweit immer noch Menschen aus religiösen Gründen ermordet werden, verstörend. Kann es sein, dass die Zukunft der Religion so finster aussieht, weil diese aus Menschen Mörder machen kann? Wäre also eine Zukunft ohne Religion besser? Oder ist es eher eine Frage der Qualität: Muss die Religion selbst besser werden?

Ein Modell, mit dem sich diese Frage möglicherweise beantworten lässt, ist die Ebenentheorie des US-Psychologen Clare Graves (1914–1986). Seine Schüler Don E. Beck und Christopher C. Cowan entwickelten dafür einen einprägsamen Farbcode und nannten das Modell „Spiral Dynamics Integral“ (vgl. Beck/Cowan 2007). Es beschreibt die Entwicklung des Bewusstseins im Laufe der Menschheitsgeschichte, die jeder Mensch in seinem eigenen Leben in ebendieser Reihenfolge wiederholt. Jede Bewusstseinsebene wird von einer Farbe repräsentiert, von Beige bis Türkis.

Beige: Instinkt und Überleben

Die erste Bewusstseinsebene kennzeichnet den Übergang vom Tier zum Menschen. Auf der Beige-Ebene konzentriert sich das Bewusstsein komplett egoistisch auf das nackte Überleben des Einzelnen. Nahrung, Wasser, Wärme und Sicherheit haben oberste Priorität. Unter extremen Bedingungen, Lebensgefahr, Krankheit oder Depression erleben Menschen das noch heute.

Beige beschreibt den Zustand des hilflosen Neugeborenen. 

Purpur: Magie und Clankultur

Vor etwa 50.000 Jahren fingen Menschen an, sich in Clans und Stämmen zusammenzuschließen, um ihr Überleben zu sichern. Die Purpur-Ebene bedeutet eine entscheidende Werteverschiebung vom Ich zum Wir. Heilige Feste, Rituale und persönliche Passageriten (Pubertät, Hochzeit, Beerdigung) werden als Gruppenevents begangen. Die Welt hat magische Züge, es wimmelt von übersinnlichen Wesen. Heilige Symbole und Sakramente dienen dem Zusammenhalt. Auch heute noch können Kinder Stofftiere als lebendig empfinden, und Erwachsene tragen „magische“ Amulette oder Glücksbringer. 

Purpur bringt gute und böse Geister – es ist lebenswichtig, sich mit den guten zu verbünden.

Rot: Krieg und Eroberung

Im Übergang zur „roten“ Gesellschaft lösen sich Einzelne aus der magischen Einbettung in ihre Stämme oder Clans. Sie wehren sich gegen die Tabus und heiligen Riten, die sie als Abhängigkeit und Unterdrückung empfinden, und wagen kreative Aufbrüche. Es gilt, Neuland zu erobern und Feinde zu schlagen. Auf dieser Bewusstseinsebene bilden sich Gemeinschaften durch eine Hierarchie der Gewalt: Der Stärkste ist der Mächtigste, ständig bedroht von möglicherweise noch Stärkeren. Mafia und Terrorgruppen sind „rote“ Organisationen. Kinder erleben diese „rote“ Ich-Energie in der Trotzphase. 

Rot teilt die Welt ein in Starke und Schwache – daher ist es wichtig, zu den Starken zu gehören.

Blau: Königreich und heilige Ordnung

In einer „blauen“ Gesellschaft kann auch der oberste Herrscher nicht tun, was er will, denn es gibt ein heiliges Gesetz, das über allem steht. Die Blau-Ebene schafft Ordnungen, beschreibt Werte und Tugenden, fällt Urteile, verhängt Strafen. Und es passiert etwas Revolutionäres: Menschen verinnerlichen das heilige Gesetz. Es entstehen Moralvorstellungen, sinnstiftende Traditionen, Gehorsam. Große Königreiche werden möglich, in denen sich kulturelle Höchstleistungen entwickeln in den Bereichen Architektur, Kunst und Musik. In der Blau-Ebene entwickeln sich Tugenden wie Treue, Ordnung, Höflichkeit. Die großen monotheistischen Weltreligionen entstehen – mit einem erlösenden Jenseits, das die moralisch Guten belohnt. 

Blau erschafft Heilige und auf ewig verdammte Sünder – darum sollte man Gutes tun.

Orange: Unternehmergeist und Erfolg

Nach vielen Jahrhunderten Konzentration aufs Jenseits beginnt die Menschheit auf der „orangen“ Bewusstseinsstufe, das Diesseits zu erforschen. Aufklärung und Moderne schaffen einen neuen Menschentyp: ich-bewusst, freiheitsliebend, forschend und alles hinterfragend. Moderne Staaten, das Finanzsystem und Industrien bilden sich. Niemand muss mehr an Gott glauben, um die Weltdeutung kümmert sich die Wissenschaft. Es regieren nicht mehr feudale Aufpasser, sondern Wettbewerb und Markt. 

Orange schafft Gewinner und Verlierer – also streng dich an, um zu den Gewinnern zu gehören.

Grün: Gleichheit und Gemeinschaft

Als in den Weltkriegen Materialismus und Leistungsdenken auf schreckliche Weise an ihre Grenzen stoßen, wird der Ruf laut nach mehr Wir-Gefühl und Menschlichkeit. Nach dem Äußeren wird jetzt das Innere erforscht, Psychologie wird die neue „grüne“ Leitwissenschaft. Alle Menschen sind gleich, Minderheiten und Benachteiligte werden gewürdigt und integriert. Mann und Frau sind gleichberechtigt. Die Erde darf nicht länger ausgebeutet werden. Entscheidungen müssen auf Konsens beruhen, was wegen Dauerdiskussion zu Stillstand führen kann. 

Grün macht alle Menschen gleich – unterscheidet aber zwischen sensiblen, bewussten Menschen und unsensiblen, unbewussten.

Gelb: Geist und Gestaltungsraum

Der „grüne“ Traum von der Gleichheit hat auch seine Tücken. So fühlen sich die besonders Fleißigen und Pfiffigen eingeschränkt, weil sie immer mehr Rücksicht nehmen sollen auf die Benachteiligten. Das führt zu einer neuen Sehnsucht nach Freiheit und Selbstverantwortung. Heute leben wir in diesem Übergang von Grün zu Gelb: Wieder machen sich Einzelne auf und durchbrechen die bisherigen Tabus. Sie nutzen Technologien wie das Internet auf ständig neue, überraschende Weise. Sie sind wendig, pfeifen auf materielle Symbole, vernetzen sich international und verstehen – als die erste aller Bewusstseinsebenen – die Entwicklung dieser Ebenen. Das neue „gelbe“ Bewusstsein hält Paradoxien aus. 

Gelb präsentiert die menschliche Gesellschaft als großartigen, chaotischen Organismus, der sich natürlich und fließend weiterentwickelt.

Türkis: Holismus und Minimalismus

Türkis ist die nächste Bewusstseinsebene, die sich bereits am Horizont anbahnt. Sie schafft ein neues Wir-Bewusstsein, das die Welt als elegant ausbalanciertes System ineinandergreifender Kräfte begreift und einen spielerischen, minimalistischen Lebensstil pflegt.

Geht es immer aufwärts?

„Spiral Dynamics Integral“ ist nicht die Wirklichkeit. Es ist ein Modell, das Wirklichkeit erklären und Entwicklungen verdeutlichen will. Vielen kommt es auf den ersten Blick typisch amerikanisch vor: optimistisch und fortschrittsgläubig. Das waren seine Väter aber keineswegs. Don E. Beck war als Berater von Nelson Mandela maßgeblich beteiligt am Transformationsprozess in Südafrika nach dem Ende der Apartheid. Er hat dabei mehrfach erlebt, wie Menschen eine neue Bewusstseinsebene erreicht hatten und durch äußere Einflüsse in die alte zurückfielen. Davor ist keine Nation gefeit, wie die USA, Russland und andere derzeit schmerzlich vorführen.

Der Begriff „Integral“ steht für die wichtigste Idee dieses Modells: Die einzelnen Ebenen sind nicht Stufen einer Entwicklungstreppe, sondern neue Räume, komplexe Erweiterungen. Wenn sich das Bewusstsein eines Menschen oder einer gesellschaftlichen Gruppe weitet, gibt es zunächst eine Phase des Kampfs und der Ablösung von der bisherigen Ebene. Aber nach dieser notwendigen Abgrenzung vom Alten besteht die Hauptaufgabe darin, die neue und die bisherigen Ebenen zusammenzuhalten und -zudenken, sie zu „integrieren“.

Das Förderband der Religionen

Betrachtet man die Beschreibungen der Bewusstseinsebenen genauer, wird deutlich, dass Religion dabei eine wichtige Rolle spielt. Von Purpur bis Blau ganz explizit, in Orange zum Teil als bewusste Ablehnung von Religion. Der US-Philosoph Ken Wilber nennt es „Das Förderband der Religionen“ (vgl. Wilber 2007). Denn parallel zu den Bewusstseinsebenen entwickeln sich auch die Religionen weiter.

Anschaulich lässt sich das betrachten in der Entwicklung der jüdischen Religion, wie sie im Alten Testament beschrieben wird: Die vielfältigen „purpurfarbenen“ Regional- und Stammesgottheiten sind immer wieder dem „roten“ Kriegsgott Jahwe unterlegen, dem die aggressiven jüdischen Nomaden ihre Kampfkraft verdanken. Als sie ihren erfolgreichen Warlord David zum König krönen, vollziehen sie den großen kulturellen Schritt zur „blauen“ Hierarchie, dem später die Gesetzestafeln und der Bau eines Tempels folgen. Der jüdischen Diskussionskultur gelingt es im Buch Hiob sogar, dieses neue Bild eines allmächtigen Gottes zu hinterfragen: Der vorbildlich fromm und untadelig lebende Hiob besteht darauf, dass er einen Vertrag mit Gott hat – den Gott gebrochen hat. Ein großes erstes Aufleuchten des „orangen“ Bewusstseins.

Ein wichtiger Treibstoff für den Übergang von einer Ebene auf die nächste sind die großen Mythen und die heiligen Schriften. Hier sind die Weltreligionen in der Pflicht. Sie allein verfügen über die Deutungshoheit. Sie sind die einzigen Systeme, die Menschen helfen können, sich auf den Bewusstseinsebenen auch spirituell weiterzuentwickeln, von Rot über Blau und Orange zu Grün, Türkis – und darüber hinaus. „Nur die Weltreligionen“, so Wilber, „können diese Ebenen für legitim, heilig und akzeptabel erklären und innerhalb ihrer eigenen Überlieferungen freigeben“ (vgl. ebd.). 

Sehr viel hängt davon ab, ob es den Religionen – hierzulande den Kirchen – gelingt, ihre Fixierung auf die mythische Blau-Ebene hinter sich zu lassen und sich den rationalen und transrationalen Entwicklungsebenen zu öffnen. Die Aufgabe ist groß, aber nicht unlösbar. In jeder Kirche und jeder Religion gibt es Vordenkende, die geistig den Weg in die nächsten Bewusstseinsstufen längst vorbereitet haben.

Drei Arten, vom Göttlichen zu reden

Religion und Glaube sind voller Streitpunkte und Missverständnisse, vollgepackt mit Emotionen und Empfindlichkeiten. Geht es um Glauben und Unglauben, werden ansonsten friedliche Leute plötzlich angriffslustig – und Menschen, die sonst hart sind im Nehmen, überraschend verletzlich. Ken Wilber hat ein elegantes Konzept entwickelt, mit dem sich etwas Ordnung in das Wirrwarr religiöser Vorstellungen bringen lässt (vgl. ebd.). Es orientiert sich an den drei Redeformen der Sprache: ich, du, er/sie/es. Sie stehen für drei fundamental unterschiedliche Arten, an etwas so schwer Fassbares wie das Göttliche, den Geist oder die Spiritualität heranzugehen.

Dritte Person: Er, Gott

Wird über Glauben, Religion, Werte oder Gott diskutiert, geschieht das in der dritten Person: Gott existiert. Gott ist ein Geheimnis. Gott ist groß. Er hat diese Welt erschaffen. In allen Religionen gibt es Geschichten über Gott oder das Göttliche. Berichte über den Anfang von allem. Auch der Atheismus oder religiöse Unmusikalität (wie es der Sozialwissenschaftler Max Weber formulierte) denkt und spricht in der dritten Person: Gott gibt es nicht.

Gott und das Göttliche so zu denken, bleibt eine Vorstellung, eine Idee. Menschen sind davon fasziniert oder darüber erzürnt, doch es verändert ihr Leben nicht wirklich. Das ist typisch für die Sichtweise der dritten Person: Auf der einen Seite der beobachtende, staunende Mensch, und auf der anderen Seite Gott, das höhere Sein, der ewige Geist. Zwischen beiden besteht keine Beziehung.

Zweite Person: Du, Gott

Nicht über Gott reden, sondern mit ihm – das ist die enorme Leistung der großen Religionen wie des Judentums, des christlichen Glaubens und des Islam. Sie haben gewagt, mit diesem göttlichen Wesen Kontakt aufzunehmen.

Dieses Du ist ganz anders als das zwischen zwei Menschen. Es ist das große Du, die Liebe selbst, das Leben an sich, die Wahrheit schlechthin, das ewige Licht. Eine Beziehung zwischen Partnern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In der Thora wird staunend berichtet, wie der Mensch Mose Gott nach seinem Namen fragt, und die rätselhafte Antwort bekommt: „Ich bin, der ich bin“, jehi wa jehi, Jahwe. Ein Name, den man nicht aussprechen darf, weil kein Name diesem unendlich anderen Du angemessen wäre. Trotzdem beantwortet Gott die Frage, was eigentlich paradox ist. Womit wohl gesagt werden soll: Obwohl Gott und Mensch getrennt sind durch Dimensionen von Denken und Sein, will Gott mit dem Menschen eine Beziehung haben.

Im Islam wird das ausgedrückt durch die hundert Namen Gottes, von denen der hundertste unbekannt ist, damit klar wird: Niemals werdet ihr Gott so beschreiben können wie die anderen Personen und Gegenstände, denen ihr eindeutige Namen geben könnt. Um mit Gott in Beziehung zu treten, müsst ihr ihn lieben, bis es schmerzt. Ihr müsst euch hingeben, bis es euch nicht mehr gibt und euer kleines Ich nicht mehr im Weg ist. Das Göttliche ist immer größer als ihr. Begegnet ihm in Demut und Dankbarkeit, in Andacht und Anbetung.

Auch wer das Göttliche in der dritten Person ablehnt, kann es in der zweiten Person erleben. Steht eine Person vor einer vielleicht tödlichen Diagnose, kann sie durchaus den brennenden Wunsch verspüren, mit etwas Größerem, dem Leben selbst, der Natur oder was auch immer ins Gespräch zu kommen: es zu bitten, anzuflehen, mit ihm zu verhandeln – oder auch nur zu verfluchen.

Erste Person: Ich, Gott

Die Entdeckung der ersten Person Gottes ist der Weg der Mystikerinnen und Mystiker in allen Religionen. Ihnen hat es nicht genügt, nur in der dritten Person über Gott und in der zweiten Person mit ihm zu sprechen. Sie haben sich auf den Weg in ihr tiefstes Innerstes gemacht und in allen Religionen das Gleiche entdeckt: Sie selbst und das Göttliche sind verschmolzen, vereint, identisch. Gott in mir, ich in Gott. Eine Erfahrung, die sich nicht in Worte fassen lässt.

Die verschiedenen Weltreligionen haben jeweils eine Lieblingsform dieser drei Sichtweisen. Christen, Juden und Moslems lieben die zweite Person: Du, Gott. Buddhisten und Hindus sind vertraut mit der ersten Person Gottes. Dass der göttliche Geist in ihnen ist, dass sie aus Gott kommen und zu ihm zurückkehren, ist für sie selbstverständlich. Sie wundern sich eher, dass im Westen so viel über Gott in der dritten Person diskutiert und spekuliert wird. Viele moderne spirituelle Bewegungen tun sich dagegen schwer mit der zweiten Person Gottes. Sie entwickeln Theorien über Strukturen und Systeme, alles in der dritten Person. Daneben wird in Meditation und Versenkung die erste Person praktiziert. Aber es ist ein großes Tabu, sich diesem Größeren hinzugeben, unterzuordnen oder zu verehren.

Die Zukunft: Atheistisch an Gott glauben

Viele säkulare Menschen haben sich in ihrer persönlichen Entwicklung abgewandt von einem mythischen Gott, von einem kriegerischen Jahwe oder Allah, der für seine eigenen Leute alle Feinde tötet. Sie können nicht mehr glauben, dass sie Marionetten eines allmächtigen Wesens sein sollen, der jeden ihrer Schritte vorherbestimmt hat. Doch zusammen mit diesen Gottesvorstellungen haben sie eine wesentliche Sichtweise des Göttlichen mit über Bord geworfen: das göttliche, transzendente, unendlich von uns Menschen unterschiedene große Du. Doch idealerweise gehören die sogenannten drei Gesichter des Göttlichen zusammen. Davon würden alle religiösen und unreligiösen Menschen gleichermaßen profitieren.

Wie könnte unter diesen Vorzeichen eine mögliche Zukunft der Religion im 21. Jahrhundert aussehen? Die evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929–2003) formulierte bereits vor mehr als 50 Jahren eine Antwort – mit einem griffigen Paradox: Atheistisch an Gott glauben (vgl. Sölle 1968). Denn das Wort „Gott“ kann nicht mehr sein als ein Platzhalter – ein weißer Fleck in Sprache, Denken und Leben, an dem Menschen sagen: Hier ist etwas total anderes. Größer als alles, aber auch kleiner als alles. Mächtiger, aber auch schwächer als alles Vorstellbare. 

Das Herauswachsen aus einem Gottesbild, das zu einfach und zu klein geworden ist, kann ausgesprochen schmerzhaft sein. Doch zum Fortschritt des Denkens gibt es keine Alternative – auch nicht für die Religion.

Der Friedhof als Raum der Zukunft

von Matthias Horx

20. April 2026

Wo befinden sich die schönsten, die ruhigsten, die erhabensten Räume einer Stadt, einer Kleinstadt oder eines Dorfes? Die Antwort ist ganz einfach: Es ist der Friedhof. Friedhöfe liegen meistens zentral, nahe der größten Kirche, oder in großartigen Nebenlagen. Sie bilden ganze Landschaften in der Stadt, meistens mit uraltem Baumbewuchs. 

Wäre man Investor:in, etwa im Bereich Luxuswohnungen, wäre es also sehr gut nachvollziehbar, wenn man ein Interesse an der Umwidmung von Friedhöfen hätte. Aber damit würden die Friedhöfe ihre Funktion verlieren. Ihre Vermittlung zwischen Mensch und Natur, Leben und Tod, Vertikalität und Horizontalität. Man könnte die Gedenk-, Erinnerungs- und Grabstätten, die Menschen seit Jahrtausenden errichten, als Portale zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begreifen. Manche Anthropolog:innen gehen sogar davon aus, dass das Errichten von Totenmonumenten den Kern der menschlichen Kultur bildet, den Beginn der Menschheit „an sich“. 

Die ägyptischen Pyramiden sind das Extrembeispiel: In ihnen manifestiert sich gleichzeitig das Nichtwahrhabenwollen des Todes, die Fetischisierung des toten Körpers im Sinne einer feudalen Ordnung. Aber auch das Bleibende, die symbolischen Grundlagen der Zivilisation. Auch unsere Jäger-und-Sammler-Ahnen schmückten und errichteten vor zigtausend Jahren schon sakrale Orte der Toten, es waren die ersten großen kollektiven Bauvorhaben unserer Vorfahren. Gedenkstätten schaffen und halten Kulturen in einer Art überzeitlichen Balance.

© Studio Kamenar

Heute allerdings leiden Friedhöfe an einem Bedeutungsschwund, einem raschen Verfall ihrer Aura, ihres spirituellen Charakters. Sie sind Plätze der Einsamkeit geworden. Nur selten sieht man noch Trauergemeinschaften oder kommunikative Akte, meist sind es alte Frauen, die am Grab ihrer Männer verharren. Die Verwaisung macht die Friedhöfe anfällig und teuer – anfällig für Rauminteressen, teuer im Unterhalt. Das ist für viele Gemeinden und Kommunen ein erhebliches Problem. Im Jahr 2004 wählten noch 39 Prozent der Deutschen die klassische Körperbestattung, mittlerweile ist der Anteil auf 12 Prozent gesunken. Etwa ein Fünftel der Hinterbliebenen entscheiden sich zudem, ihre Angehörigen außerhalb der klassischen Friedhöfe bestatten zu lassen (vgl. Aeternitas 2022). 

Auf den Friedhöfen sieht man nun übrig gebliebene Grabsteine auf verwucherten Brachflächen. Es dominieren offene Rasenflächen, auf denen so etwas wie suchende Verzweiflung herrscht. Einzelne Grablichter, Teddybären, Erinnerungsstücke, eingeschweißte Fotos, in den Boden gerammt, hektisch in der Abenddämmerung vom Friedhofspersonal abgeräumt. Am nächsten Tag der nächste Versuch, dem Bedürfnis nach Nähe zu den Verstorbenen durch ein Symbol, eine Gabe, nahezukommen. Auf den Flächen der anonymen und vielen anderen Beisetzungsformen, die Hinterbliebene von der Pflege dieses Grabes entbinden, darf nichts Persönliches erscheinen, kein Zeichen der Verbindung sichtbar sein. Nach der Friedhofsordnung ist alles verboten, was der verstorbenen Person einen konkreten Ort zuweist. Der Friedhof ist kein Ort zum Trauern mehr. „Anonym“ – ohne Gesten, Symbole oder Zeichen der Trauer – scheint das Stichwort der heutigen Trauerkultur zu sein. Zyniker:innen nennen das „die Streuwiese der Toten“.

© Studio Kamenar
© Tobias Blaurock

Doch auch gibt es eine Gegenbewegung. In manchen Regionen Europas, vor allem in den Niederlanden, sind innovative, vitalisierende Friedhofskonzepte und -planungen entstanden, die dem Friedhof eine neue Lebendigkeit und eine soziale Attraktion geben. Solche Landschaften sind wie Parks, in denen Trauer gelebt, aber auch in Gemeinschaft verstanden werden kann. In solchen Landschaften kann man Verstorbenen in vielen verschiedenen Kontexten gedenken: Es gibt fließendes Wasser, Urnen schwimmen auf Seen, Bäume tragen Namen, Stelen bewachen die Seelen. Monumente können alle möglichen Formen annehmen, alle möglichen Materialien nutzen. Kunst in allen Formen hält Einzug. Der Friedhof wird zur Land Art, zu einer sprechenden Landschaft, in der alles fließt. Hier sind auch andere Symbole möglich als nur die christlichen. Ein besonderes Gewicht wird darauf gelegt, dass Trauern nicht nur eine individuelle, „einsame“ Erfahrung sein muss. Sondern etwas mit Gemeinschaft zu tun hat, auch über den engen Kreis der Verwandten und Freunde hinaus. 

Die dazugehörige soziale Bewegung hat sich seit vielen Jahren aus dem Herzen der Gesellschaft heraus gebildet. So wie die Hospize, die Orte der Begleitung in den letzten Tagen eines Menschenlebens, aus der Zivilgesellschaft heraus entstanden sind und eine hohe Bereitschaft und Freiwilligkeit voraussetzten, hat sich auch für das Trauern in den vergangenen Jahren ein Netzwerk von Trauerpsycholog:innen, Trauerbegleitungen, Trauer-Selbsthilfegruppen gebildet. In vielen Großstädten sind Diskursrunden über den Tod und die Trauer entstanden. Menschen treffen sich zu „Begegnungen mit der Endlichkeit“, was gar nicht unbedingt einen Trauerfall voraussetzt, sondern die Bereitschaft, sich mit dem Sinn des Todes zu beschäftigen. Mit dem Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Leipzig ernannte sich 2019 im Rahmen eines Kulturprojekts zur „Stadt der Sterblichen“ (vgl. FUNUS Stiftung 2019). Auf den Bücherlisten erscheinen seit Jahren Bestseller, die über individuelle Trauerprozesse berichten. Und dabei erstaunliche Auflagen erzielen.

Im größten Projekt für die Zukunft des Friedhofs wird die Umwidmung des Friedhofs zu einem Zukunftsort betrieben. „Campus Vivorum“, das Feld der Lebenden, nennt sich eine Initiative, die aus den Erkenntnissen der Zukunftsforschung heraus einen „Schaufriedhof“ entwickelt hat (vgl. Vivorum Campus 2023). Er lässt sich in Süßen, unweit von Stuttgart, besichtigen. So könnten spirituelle Begegnungsstätten des Abschieds in Zukunft aussehen. Mit offenen Begegnungsflächen, Orten der Meditation, sogar Spielplätzen für Kinder. Oder mit langen Tafeln, an denen man als Trauergemeinschaft sitzen kann. Wird es uns noch einmal gelingen, Räume der Trauer und der Sterblichkeit neu zu konfigurieren, wie es unsere Vorfahren über die Jahrtausende getan haben?

©Studio Kamenar

Die Rekonfiguration von Friedhöfen zu gemeinschaftlichen Räumen der Trauer und der Sterblichkeit spiegelt die Transformation unserer Lebensräume, die stets Ausdruck unserer dynamischen Bedürfnisse sind. Lebensräume sind immer auch Zukunftsräume. Sie bestehen aus wiederkehrendem Wandel. Sie verkörpern unsere Geschichte, repräsentieren unsere Gegenwart und übermitteln unsere Hoffnungen und Erwartungen an die Zukunft. Nichts bleibt für immer – außer der Gewissheit, dass wir unsere Lebensräume nach unseren eigenen Zukunftsbildern gestalten können. Die (Um-)Gestaltung scheinbar obsoleter Räume zu neuen Zukunftsräumen liegt in unseren Händen.

Human Upgrade

Die Bewegung des inneren Wandels formt eine neue Zukunftsperspektive jenseits der Omnikrise

von Matthias Horx

3. November 2025

Human Upgrade: Zukunft im Innen

Wir stecken mitten in der Omnikrise. Viele Menschen erleben ein Weltgefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust. Die äußere Welt scheint unveränderbar, starr und gefährlich. Und Fortschritt so gut wie unmöglich. Umso dringlicher brauchen wir deshalb einen Fortschritt in der inneren Welt: eine Weiterentwicklung unserer mentalen und emotionalen Muster. 

Dieses Projekt der Selbstveränderung zielt nicht darauf ab, das Leiden der Welt zu leugnen. Sondern: die eigenen Emotionen kennenzulernen und emotionale Intelligenz zu entwickeln. Eine neue Position von Reife, Weisheit und (Selbst-)Verantwortung, die ansteckend wirkt. 

Das Spektrum für diese inneren Transformationsprozesse ist bereits breit aufgefächert. Es reicht von der existenziellen Psychologie über die Achtsamkeits- und Yogakulturen bis hin zu den Self-Care- und Mental-Health-Therapien. Von der postchristlichen Spiritualität über die praktische Philosophie bis zu Sinnfindungsprogrammen im Stil von Empowerment und Persönlichkeitscoaching.

Die Bewegung der Innenwendung sucht dabei nicht nur Innerlichkeit, sondern eine menschliche Entwicklung in den Dimensionen der Verbundenheit. Die Introspektion dient also einem größeren, universellen Ziel: der (Wieder-)Ermöglichung einer besseren Zukunft im Außen. Dafür ist es nötig, die Innenbezirke des Mind zu durchschreiten.

Die unvollendete Individualisierung

Der mächtigste psychosoziale Megatrend der Moderne ist zweifelsohne die Individualisierung. Im Laufe der Wohlstandsentwicklung sind wir immer mehr zu „Ichlingen“ geworden: ganz spezielle Menschen, mit niemand anderem zu vergleichen. Es gibt keinen Film, keinen Roman, kein modernes Narrativ der vergangenen 50 Jahre, das uns diese Botschaft nicht immer wieder eingeimpft hätte. Sei du selbst! Sei frei! Sei anders, kritisch, eigensinnig! Kämpfe für deine Rechte! Pass dich nicht an! Geh deinen eigenen Weg!

Doch irgendetwas ist im vehementen Prozess der Ichwerdung schiefgegangen. Der individuelle Mensch ist zwar zunehmend frei – von allen Zwängen und aller Moral, von den Einengungen des Muss und Darf. Von der Zwangsjacke der Traditionen. Doch zugleich ist er über sich selbst hinausgewachsen – ins Haltlose.

Viele sind heute überfordert von Ansprüchen und Selbstansprüchen, die niemals eingelöst werden können. Wir sind Getriebene von Erwartungen und Konstrukten, die sich immer wieder als Blendungen herausstellen. Wir drücken uns immerzu vor Verantwortungen – und maßen uns gleichzeitig alle Forderungen an.

Das dominante Gefühl unserer Zeit ist die Egomotion, die selbstzentrierte Emotion. Die zentrale Frage lautet nicht: Wer bin ich? Sondern: Wie wirke ich? Überall wirkt das triumphale Ich, das alles kann und will. Oder das klagende, beharrende Ich, das seine Sichtweise, seine emotionalen Ansprüche durchsetzen will. Weil es sich nicht gesehen fühlt. Die Entsprechung auf der politischen Ebene ist Donald Trump, ein wütender Egomane, der offenbar die Erwartungen vieler Wähler:innen repräsentiert.

Die Gesellschaftskrise unserer Zeit hat mit einem Mangel an Erwachsenwerden zu tun. Wir leben in einer Zeit der Unreife. Zu viele Menschen bleiben in regressiven Lebenshaltungen stecken. Die Balance aus Ich und Wir, die Basis für die Moderation des Gesellschaftlichen, ist fragil geworden.

Die zweite Aufklärung

Der verbreitete Mangel an Selbstwissen ist eines der größten Gegenwartsprobleme. In einer hoch individualisierten Gesellschaft haben die meisten Menschen keine Ahnung von sich selbst. Sie sind selbstblind.

Die erste Aufklärung, die um 1700 in Europa begann, versuchte die äußere Welt ins Konkrete, Logische und Verständliche zu bringen. Der rationale Verstand war der Ausgangspunkt für eine Revolution des Bewusstseins, die uns das materialistische Weltbild bescherte. Lange Zeit wirkte diese Hinwendung segensreich.

Heute stehen wir an einem Punkt, an dem wir mit rein rationaler Weltbeschreibung Schiffbruch erleiden. Ein Grund ist die ungeheure Aufblähung des hypermedialen Sektors, der uns die Welt in unendlichen Fraktalen und Widersprüchen spiegelt. Ein Spiegelkabinett, in dem wir uns verirren. Deshalb brauchen wir eine zweite Aufklärung, die – zunächst – den Weg ins Innere geht.

Dieser Weg führt an Dämonen vorbei. An Paradoxien, die von den Religionen nur scheinbar aufgelöst wurden. Das Paradox von Leiden und Glück. Von Sterblichkeit und Überzeitlichkeit. Von Ich und Wir.

Wir brauchen eine zweite Aufklärung, die – zunächst – den Weg ins Innere geht.

Die Kognitionspsychologie lehrt uns, dass wir die Welt nicht wirklich „erkennen“ können, im Sinne eines exakten Abbildes der Realität. Die Realität ist zu komplex, zu „unwahrscheinlich“, um in unseren Kopf zu passen. Wirklichkeit ist immer ein Konstrukt unseres Geistes, der die Zukunft unablässig „voraussagt“, geprägt von Fantasien, Wünschen, Projektionen. Wir scheinen geistig frei, aber sind doch immer das Produkt der kulturellen und mentalen Muster, in die wir hineingewachsen sind.

Der innere Weg riskiert, diese Zusammenhänge aufzulösen. Er wagt, sich ganz hinauszulehnen aus den Konstrukten. Neu anzufangen, neu geboren zu werden. Im geistigen Wachstum erzeugen wir eine neue Wirklichkeit. Dazu braucht man keine Drogen. Sondern „nur“ den Mut, neu anzufangen. Im Wunsch nach Wahrheit und Wirklichkeit, auch nach innen.

Ruhe trotz rasender Gegenwart

Zuallererst geht es darum, ruhig zu werden in unserer rasenden Zeit. Das ist eine schier unmögliche Aufgabe: Wir leben in einer atemlosen Gegenwart, einer Zappelphilipp-Kultur, die von Hysterien getrieben ist und uns mit Aufmerksamkeitsmüll zuschüttet. Innerhalb dieser Matrix der Weltüberforderung gibt es kein Entkommen.

Beim Ruhigwerden helfen fernöstliche Denkweisen, Philosophien und Praktiken, die sich schon seit Jahrzehnten in den individualistischen Kulturen verbreiten. Meditation und die verschiedenen Varianten des Yoga sind heute in den westlichen Gesellschaften verbreitete Kulturtechniken. Sie bilden ein Gegengewicht zum permanenten Steigerungs- und Beschleunigungswahn. Allerdings werden sie bisweilen selbst zum Teil des Steigerungswahns. Es gibt schon Techno-Meditation. Und Turbo-Yoga.

Ruhigwerden, das bedeutet, die innere Konstellation zu verändern, mit der mein Ich mit mir selbst und meiner Umwelt kommuniziert. In der Ära der Hyperdigitalität, in die wir nun zunehmend hineinwachsen, wird die Frage des „klaren Verstandes“ zentral. Das überdrehende Informationszeitalter erzwingt ein Level-up unserer Fähigkeit, mit Informationen, Emotionen und Realitäten ordnend und gleichzeitig konstruktiv umzugehen. Deshalb gehört zum Self-Change immer auch ein Change of Mind. Ein neuer Modus, die Dinge in unserem Kopf zu bewegen.

Die Bewegung der Inner Development Goals

Im Meer der Lebenshilfe-, Self-Change- und Mental-Health-Angebote hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Netzwerkorganisation mit Bewegungscharakter herauskristallisiert: die internationale Initiative der „Inner Development Goals“ (IDG). „Wir glauben, dass die innere Entwicklung von Natur aus kollektiv, systemisch, multidimensional, nicht-linear, komplex, emergent und chaotisch ist“, heißt es auf der Website.

Die IDG-Initiative veranstaltet jedes Jahr einen spektakulären Kongress in Stockholm. Protagonist:innen sind unter anderem: 

  • Systemtheoretiker und Management-Vordenker Peter Senge 
  • Organisationsforscher und Transformationsdenker Otto Scharmer 
  • Entwicklungspsychologe Robert Kegan

Und auch Jon Kabat-Zinn, der Begründer der Achtsamkeitsbewegung, schwirrt um das Projekt herum. Gesprochen wird hier nicht nur die Sprache der Individualpsychologie, sondern auch der Systemforschung, der „mentalen Kybernetik“ und der Humanistischen Psychologie, die nicht nur das eigene Seelenheil, sondern immer auch die soziale Balance sucht.

Das IDG-Netzwerk wirkt bis in die neuen Unternehmenskulturen hinein, in denen Transformationsprogramme zum Teil der wirtschaftlichen Praxis geworden sind. Die fünf großen Ziele der inneren Entwicklung beziehen sich auch auf gesellschaftliche, ökologische und globale Fragen. Analog zu den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen ergibt sich so eine Kartografie der seelisch-geistigen Entwicklungsmöglichkeiten.

SDGs und IDGs kombiniert in einer Grafik

Das Motto der IDG-Konferenz 2025 lautete „Bridging Polarities – From Inner Growth to Outer Change“. Das Projekt will Wechselwirkung mit der Gesellschaft erzeugen. Vom Innen ins Außen – und wieder zurück. Im Kern steht die Überzeugung, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit nur zu meistern sind, wenn wir eine neue innere Haltung entwickeln und lernen, sie positiv zu nutzen. Die IDG-Initiative scheint sich zu einem Kern der Human-Upgrading-Bewegung zu entwickeln, dem es gelingt, die Fallstricke des kommerziellen Coaching- und Therapie-Marktes größtenteils zu umgehen. Selbstveränderung soll keine elitäre Selbstbeschäftigung sein, sondern ein Beitrag zur Welt. Ein humanes Grundrecht.

9 Säulen der radikalen Zuversicht

Wie wir die Zukunfts-Resignation überwinden und ein neues Zeitgefühl kultivieren.

– Ein Auszug aus dem Buch „Radikale Zuversicht: Ein Handbuch für Krisenzeiten.“

von Lena Papasabbas

Illustration: Julian Horx

24. Oktober 2025

Verlust ist ein prägendes Lebensgefühl unserer Zeit.

Verlust von Kontrolle, von Normalität, von Sicherheiten … vor allem aber: Verlust von Zukunft.

Wir wissen nicht mehr so recht, wo es eigentlich hingehen soll. Die einzigen, die noch Visionen haben, sind scheinbar rechte Tech-Milliardäre, die ihre Zukunftsvisionen mit wachsender politischer Macht durchsetzen, während sie nebenbei das Internet in eine Konsum-Maximierungs- und Ideologie-Maschine umbauen.

Wir stehen diesen Entwicklungen scheinbar wehrlos gegenüber. Alternative Zukunftsnarrative sind Mangelware. Doch viel dringender als konkrete Zukunftsbilder, die inhaltlich zu unseren Werten passen, brauchen wir eine bestimmte Haltung zur Zukunft, die uns über die aktuelle Krise hinausblicken lässt.

Denn eins lässt sich mit Sicherheit sagen: Die Zukunftsvisionen, die Tech-Milliardäre erdacht, entworfen, berechnet und erträumt haben, werden sich nicht in der Weise bewahrheiten. Wir dürfen darauf vertrauen, dass die Zukunft, die sich bisher zuverlässig jeder Prognose entzogen hat, auch weiterhin unvorhersehbar bleibt – und ganz anders wird als gedacht. Sie wird nicht so werden, wie von den Musks und Thiels dieser Welt gerade geplant wird. Wie die Zukunft stattdessen aussehen könnte, daran versuchen wir uns mit unseren Modellen anzunähern.

Wie genau diese Zukunft aussieht, die da auf uns zukommt, die wir also im Außen verorten, hängt essentiell davon ab, welche Haltung wir im Inneren zur Zukunft pflegen. Wir können passiv darauf hoffen, dass alles besser wird. Oder wir können aktiv anfangen, radikale Zuversicht zu kultivieren.

Zuversicht als Zukunftsmotor

Die Zuversicht ist mit der Hoffnung verwandt, nimmt die Zukunft aber nicht als etwas wahr, das einem passiert, sondern als etwas, an dem man aktiv teilhat. Es gibt einen kleinen, feinen Unterschied: Hoffen wir darauf, dass alles gut wird? Oder sind wir zuversichtlich, dass wir mit dem, was kommt, gut umgehen können? Zuversicht speist sich aus dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen, um das Leben aktiv zu gestalten.

Radikale Zuversicht ist eine Haltung, die nicht durch konkrete Zukunftsbilder getragen wird, sondern durch das Vertrauen auf ein noch nicht vorstellbares Kommende.

Eine Zukunft also, die über das gerade Bekannte und Mögliche hinausgeht – so war es bisher immer in der Menschheitsgeschichte. Unsere Gegenwart mit Flugzeugen, Internet und Frauenwahlrecht war noch vor 200 Jahren eine unvorstellbare, unmögliche und unerreichbare Träumerei.

Radikale Zuversicht richtet sich also auf eine Zukunft, für die unsere aktuellen Konzepte und  Begriffe noch nicht ausreichen, um sie begreifen zu können. Aber, wie es die Zukunft so an sich hat, können wir sie hier und da schon erspüren. Vielleicht in der Kindness-Bewegung, die seit vielen Jahren leise und liebevoll vor sich hin wächst, in der kollektiven Sinnsuche ganzer Generationen, die die Frage nach dem Sinn der Wirtschaft neu stellen, in der unendlichen Nachfrage an Coaching und Rat zur inneren Reifung, in dem Aufstieg von fast vergessenen Tugenden wie Achtsamkeit und Dankbarkeit und in den Biografien von Menschen, die am Höhepunkt ihrer Karriere vom Banker zum Bäcker wechseln … 

Diese Zeichen können wir leicht übersehen. Unsere Filter sind auf Untergang eingestellt: Gewalt, Krise, Katastrophe. Doch Newsportale sind Zerrbilder der Realität. Auf dem Screen sind Menschen Monster, die sich gegenseitig und ihre Umwelt zerstören. Doch heben wir einmal den Blick vom Bildschirm und blicken nach links und nach rechts, stellen wir fest: Die meisten Menschen sind eigentlich ganz ok. Viele Menschen haben keine Lust mehr auf den ständigen Untergangsmodus. Um nicht zu resignieren, müssen wir einen neuen Blick auf die Welt kultivieren. Der uns erlaubt die ganze Vielfalt der Möglichkeiten wahrzunehmen.  

Diese Haltung brauchen wir, nicht nur um nicht in Nostalgie oder rückwärtsgewandten Ideologien zu verfallen, sondern um aus der Resignation und Erschöpfung rauszukommen. Zukunft betrifft uns schließlich alle. 

Wir brauchen eine Haltung zur Welt, die weder das Negative ausblendet, noch sich von Angst überwältigen lässt, die dem Träumen, Sehnen und Freuen genauso viel Raum gibt wie dem Fürchten und Wüten. Ein Denken, das Fantasie und Kreativität zurück in die Zukunft bringt, und sich nicht nur auf die kalten Berechnungen der Künstlichen Intelligenz verlässt. 

Im Kern steht eine geistige Beweglichkeit, die uns befreit von den Zwängen der unmittelbaren Gegenwart. Von eingeschliffenen Denkgewohnheiten. Dem Korsett der eingeübten Weltwahrnehmung. Radikale Zuversicht erlaubt uns einen konstruktiven, vielleicht sogar liebevollen Umgang mit einer komplexen Welt. Diese Haltung gewinnt man nicht von heute auf morgen. Aber: Sie lässt sich üben.

Radikale Zuversicht: Ein Manifest

1) Aufhören zu meckern

Wer sich ständig über „die Politik“, die Chefin oder die Deutsche Bahn aufregt, vergisst zum einen, wie enorm privilegiert wir sind und macht sich zum anderen zum hilflosen Opfer. Selbstwirksamkeit beginnt mit einer radikalen Akzeptanz dessen, was gerade ist.

2) Ehrlich ironisch sein

Wie viele Probleme unserer Zeit entstehen aus gekränkten (Männer-)Egos? Der beste Trick gegen Narzissmus: Sich selbst nicht so ernst nehmen! Wenn wir es schaffen, mit entwaffnender Ehrlichkeit und liebevoller Ironie auf unsere eigene Fehlbarkeit zu reagieren, werden wir unangreifbar für unsere (inneren) Kritiker.

3) „It’s a spectrum, stupid!“

Unser Gehirn mag klare Kategorien: Mann oder Frau, Körper oder Geist, „normal“ oder „verrückt“. Aber das sind nur Modelle von der Welt, nicht die Realität. Je mehr wir aufhören, die Welt in Schubladen aufzuräumen, desto interessanter, bunter und schließlich auch entspannter wird es.

4) Vergiss das Neue! Lerne das Bessere lieben!

Das neueste iPhone, die neuste KI-App, das neueste Tesla-Modell, der neuste Tracking-Ring… Technologien sollen unser Leben besser machen. Doch wir haben verlernt, das Neue vom Besseren zu unterscheiden! Die wirklich wichtigen Innovationsfelder der Zukunft liegen weder im Hightech noch auf dem Mars – sondern in der Krankenpflege, im Bildungswesen, im funktionierenden Zusammenleben.

5) Akzeptieren, dass Menschen Tiere sind.

Moderne Menschen leben fast nur noch in ihrem Kopf. Dabei sind wir eigentlich mit der Fähigkeit, ganz im Moment zu sein, auf die Welt gekommen: Wenn ein Kind ein Eis isst, ist es mit allen Sinnen dabei – heute machen wir erstmal ein Bild für Insta. Um wieder ins Hier und Jetzt kommen, brauchen wir keine Mediations-App oder Achtsamkeits-Coaches, sondern ein simples: Zurück zur Sinnlichkeit!

6) Akzeptieren, dass Menschen verrückt sind.

Viele Menschen glauben, einen objektiven Zugang zur Realität zu haben, doch tatsächlich ist unser Blick auf die Wirklichkeit stets verzerrt von unseren subjektiven Filtern, Erfahrungen und Vorannahmen. Diese Erkenntnis hilft enorm, sich nicht in sinnlosen Symbolkämpfen mit Andersdenkenden zu verzetteln und sich auf das konzentrieren, was wirklich zählt: Gemeinsame Werte!

7) Der Tyrannei der Resilienz den Rücken kehren

Unsere Gesellschaft ist dem Wahn der Selbstoptimierung verfallen. Wer es nicht schafft, tiefenentspannt, produktiv und glücklich zu sein, hat nur nicht hart genug an sich gearbeitet. Doch in Wirklichkeit ist unsere Wirkmacht begrenzt. Oft stimmen einfach die Bedingungen nicht, egal wie hart wir an uns arbeiten. Da hilft die Erkenntnis: Du bist nicht schuld!

8) Die Angst kräftig umarmen – und dann loslassen!

Angst lähmt. Wer davon ausgeht, dass die Welt untergeht, tut nichts mehr dafür, dass sie besser wird. Obwohl wir jeden Tag mit schlechten Nachrichten überflutet werden, herrscht direkt vor unserer Haustüre Ruhe und Frieden. Trauen wir uns, das Elend der Welt einmal loszulassen und das Gute bewusst zu suchen, entsteht neue Kraft und Ideen die Zukunft zu gestalten.

9) „I’ve seen the future. It’s romantic.“

Das letzte Zeitalter, in dessen Ausläufern wir leben, ist ein sehr rationalistisches Zeitalter. Das hat viele Vorteile. Aber wenn Wissenschaft, Daten und Ratio, Religion, Spiritualität und Emotion vollständig ersetzen, stirbt menschliche Kreativität und Vorstellungskraft. Um das neue Zeitalter zu imaginieren, brauchen wir wieder ein bisschen Zauber, Schwärmerei, Magie und: Romantik!