Ein Auszug aus Next Economy. Brücken in die Zukunft der Wirtschaft.
16. Juni 2026
Die spätmoderne Gesellschaft leidet unter einer Freiheitsparadoxie. Das Individuum begreift sich als autonomer Gestalter, agiert aber faktisch in einer ökonomischen Effizienzfalle. Identität wird in eine permanente Performance-Leistung verwandelt, und im überhitzten Aufmerksamkeitsmarkt verliert das ökonomische Subjekt den Bezug zur eigenen Unmittelbarkeit. Die Krise der Märkte ist deshalb auch eine Krise der Identität. Das Versprechen der Moderne, durch radikale Selbstoptimierung zur ultimativen Souveränität zu gelangen, ist an einem psychologischen und ökologischen Kipppunkt angelangt.
Zunehmend ist das Individuum in diesem Prozess zum „Dividuum“ mutiert, zu einem Bündel aus Datenströmen und Effizienzkennzahlen. Dieses Dividuum lässt sich algorithmisch restlos verwerten, kann aber keine Verantwortung übernehmen und keine tiefe Resonanz erzeugen. Das Ergebnis ist eine erschöpfte Identitätsökonomie, die immer weniger in der Lage ist, echten Sinn zu stiften oder komplexe Krisen schöpferisch zu lösen. Was als Befreiung des Selbst begann, mündet in seiner systemischen Entfremdung.
Der Aufbruch in eine Next Economy, die sich an einem neuen Verständnis von Sinn und Wohlstand orientiert, ist daher auch ein existenzieller Befreiungsschlag. Am Ende des Ego-Tunnels der Hyperindividualisierung steht ein „nächstes Ich“: ein Selbst, das seine Souveränität nicht mehr aus autarker Abgrenzung und Wettbewerb, sondern aus der Qualität seiner relationalen Verbundenheit bezieht. Erst der Übergang zu dieser Co-Individualisierung emanzipiert das Subjekt aus dem Erschöpfungsmodus der Selbstoptimierung und macht den Weg frei für eine Wirtschaft, die regenerativ wirkt, indem sie dem Leben dient, statt es zu verbrauchen.
Die gegenwärtige Arbeitswelt ist von einer paradoxen Dynamik geprägt: Je lauter „Authentizität“ eingefordert wird, desto tiefer sinkt das ökonomische Subjekt in die Falle der „Profilizität“ (vgl. Moeller/D’Ambrosio 2021). Identität wird dabei als Projekt der ständigen Selbstinszenierung vor einem digitalen Publikum verstanden. In der Identitätsökonomie des digitalen Kapitalismus reicht fachliche Kompetenz nicht mehr aus – sie muss in algorithmisch verwertbare Währung übersetzt werden.
Diese Entwicklung befeuert eine schleichende De-Personalisierung. Ein Profil kann nicht kommunizieren, nur korrelieren. Während menschliche Resonanz auf der Unverfügbarkeit des Gegenübers und produktiver Reibung beruht, basiert Profilizität auf der Voraussagbarkeit digitaler Signale. Sie zielt nicht auf Verstehen, sondern auf die Optimierung von Anschlusswahrscheinlichkeiten innerhalb algorithmischer Logiken. Im „ehrlichen Vortäuschen“ (vgl. Moeller/D’Ambrosio 2017) geht die existenzielle Unmittelbarkeit verloren. Der ökonomische Preis ist eine massive kognitive Erosion: Ressourcen, die für Innovation und die Lösung gegenwärtiger Krisen notwendig wären, versickern in der Instandhaltung professioneller Fassaden.
Die Next Economy beginnt dort, wo die Einsicht reift, dass ein Profil kein Fundament für Vertrauen bietet. Souveränität entsteht nicht durch die Abgrenzung eines polierten Egos, sondern durch strukturelle Offenheit. Erst die Anerkennung der eigenen Unvollständigkeit ermöglicht echte Kooperation.
War die alte Ökonomie das Zeitalter der mechanischen Trennung, markiert die Next Economy den Übergang zur Ökosystemik. In einer Welt, in der Krisen nicht mehr isoliert bewältigt werden können, ist das Ideal des autonomen Entscheiders dysfunktional. An seine Stelle tritt das Modell des holobiontischen Akteurs: Analog zur Biologie, die den Menschen zunehmend als permanentes Aushandlungsprojekt begreift (vgl. Gilbert et al. 2012), definiert das nächste Ich Erfolg als Resultat symbiotischer Koexistenz.
Dieser Shift zur Co-Individualisierung ist keine moralische Forderung, sondern eine systemische Notwendigkeit. Je deutlicher wird, dass Resilienz nicht durch Abschottung, sondern durch interaktive Resonanz entsteht, desto weniger bemisst sich Erfolg an der autarken Durchsetzung der eigenen Position. Sondern: an der Kapazität, das eigene Handeln wertschöpfend in größere soziale und ökologische Kreisläufe zu integrieren.
Diese kooperative Perspektive prägt auch unser Verhältnis zur technologischen Umwelt. Heute dominieren in der Debatte um KI meist noch die Fragen nach Effizienz und Substitution. Die Perspektive der Humandigitalität verschiebt den Fokus: Je mehr das maschinelle Deep Learning Wahrscheinlichkeiten aus Daten extrahiert, desto mehr erfordert die Wirtschaft der Zukunft ein Deep Talking – Formen des unmittelbaren Austauschs, in denen durch Intuition, Empathie und ethische Urteilskraft Neuland betreten wird.
In einer Ära, in der Content zum billigen, maschinellen Gut wird, avanciert die physische und psychische Präsenz zum ultimativen Knappheitsgut. In der Next Economy konvergiert Bildung deshalb mit Persönlichkeitsbildung. Das alte Ideal der funktionalen Einpassung wird abgelöst durch die bewusste Gestaltung von Schnittstellen. Auch zukunftsfähige Unternehmen agieren künftig als menschlich geführte Ökosysteme, die Technologie nutzen, um Räume für echtes Deep Talking zu schaffen. Digitalisierung kann so zum Katalysator einer neuen Humanisierung werden.
Der Übergang zur Next Economy findet seine Konsequenz in einer Neudefinition von Wohlstand. Solange Erfolg quantitativ über materielles Wachstum – und das Individuum über seinen Output – definiert wird, bleibt das Ich in einer permanenten Defizit-Kompensation gefangen. In der Sinnökonomie verschiebt sich die Basis der Identität: vom Haben zum Teilhaben. Und vom Schein zum Sein.
Wahrer Wohlstand wird dabei zunehmend als Zeitwohlstand begriffen. Dabei geht es nicht um Passivität, sondern um die notwendige Voraussetzung für ein relationales Verständnis von Identität. Resonanz und tiefgreifende Kooperation benötigen jene Zwischenräume, die nur in einer Ökonomie entstehen, die das Subjekt nicht mehr restlos verwertet.
„Postwachstum“ bedeutet deshalb auch: das Ende der Selbstinszenierung als Optimierungsprojekt – und die Eröffnung von Spielräumen, um sich den drängenden Aufgaben der Welt zuzuwenden. Das nächste Ich findet seinen Halt nicht in der künstlichen Abgrenzung, sondern in der stabilen Zugehörigkeit. Es basiert auf der Erkenntnis, dass Zufriedenheit keine individuelle Leistung, sondern ein Resultat kollektiver Resonanz ist.
Die Transformation zur Next Economy markiert weit mehr als einen ökonomischen Strukturwandel. Als Übergang von der Logik isolierter Einheiten hin zu einem Raum funktionaler Interdependenz bedeutet sie die Rückkehr des Subjekts in die Wertschöpfung – eine Rehumanisierung der Wirtschaft.