von The Future:Project
Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.
25. März 2026
Wirtschaft ist gleich Wachstum, ist gleich Wohlstand. Das ist die einfache Gleichung der Ökonomie, wie wir sie kennen und wie sie vor allem in der Old Economy der industriellen Moderne funktionierte. Sie basierte auf standardisierter Massenproduktion, hierarchischen Unternehmensstrukturen und einem Wertschöpfungsverständnis, das physisch messbar war. Effizienz entstand durch Wiederholung und Kontrolle, Wachstum durch Skalierung. In den 1990er Jahren verschob die New Economy dieses Paradigma grundlegend: Wissen und Information lösten physisches Kapital als primären Produktionsfaktor ab. Software ließ sich millionenfach vervielfältigen, ohne dass die Grenzkosten stiegen. Netzwerkeffekte belohnten nicht mehr die Größten, sondern die Schnellsten. Flache Hierarchien, Startup-Mentalität und Disruption wurden zur neuen Leitsprache. Doch auch dieses Modell stieß an seine Grenzen: Die Konzentration wirtschaftlicher Macht auf wenige Plattformen und die wachsende Entkopplung von Finanz- und Realwirtschaft offenbarten die strukturellen Widersprüche einer Ökonomie, die Wachstum als Selbstzweck begreift.
Formal sind die Wirtschaftsformen der Old Economy und der New Economy noch erfolgreich. Aber sie stehen zunehmend unter dem Druck zahlreicher Krisen: ökologische Übernutzung, geopolitische Instabilität, schwindendes Vertrauen in Institutionen und eine demografische Transformation, die etablierte Modelle des Wirtschaftens grundlegend infrage stellen. Das Versprechen unserer heutigen Wirtschaft stößt an seine Grenzen. Das Wachstumsparadigma, das vor allem die industrielle Moderne geprägt hat, hat Wohlstand für viele ermöglicht – und gleichzeitig die ökologischen, sozialen und institutionellen Fundamente untergraben, auf denen dieser Wohlstand basiert.
Wirtschaft ist gleich Wachstum, ist gleich Wohlstand. Aber nicht für alle, und auf Kosten vieler.

Wir stecken mitten im Epochenwandel – im Übergang vom Industriezeitalter ins nächste, postindustrielle, humandigitale Zeitalter (vgl. Omnikrise). Die Umwälzungen sind in allen Bereichen der Gesellschaft und Wirtschaft angekommen. Wandel ist unumgänglich. Nicht nur Wirtschaftsmodelle müssen sich verändern, sondern die gesamte Gesellschaft wird umcodiert.
Ein deutliches Zeichen des Epochenwandels ist das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Narrative. Eine der größten Herausforderungen des Übergangs zur Next Economy sind die Krise der Kognition und die Krise der Narrative.
Die Omnikrise wird erst vorüber sein, wenn sich neue, starke Zukunftsnarrative im Inneren der Gesellschaft herausbilden.
Wir erleben ein Aufbäumen von Erzählungen aus der alten Wirtschaftswelt: Der Kulturkampf rund um die Deutung von Wachstum geht in eine verschärfte neue Runde. Im öffentlichen Diskurs, in der konservativen Politik und bei den großen Unternehmen dreht sich alles um die Frage, was dafür getan werden muss, damit die Ökonomie „wieder brummt“, „die Schlote wieder rauchen“, „die Wirtschaft endlich angekurbelt wird“. Man hört es sofort: Die Begrifflichkeiten stammen aus der fossilen Ökonomie, es sind Konzepte der alten Industriewelt. Als die Schlote tatsächlich noch rauchten, die Autos angekurbelt werden mussten und die Industrieproduktion den Takt des menschlichen Lebens dominierte. Wir tun so, als sei das heute immer noch so. Oder als müsste es schleunigst wieder so werden:
Es ist in der Tat schwer vorstellbar, dass die Wirtschaft nicht wachsen will, soll und muss. Wir sind so sehr gewohnt an steigende Umsatzzahlen, Aktienkurse und BIP-Kurven, dass jegliche Art von Abflachung eine Bedrohung darstellt. Wenn nicht alles boomt, scheinen sich Wohlstandsgesellschaften von innen heraus zu zerlegen – politisch, kulturell, mental, emotional. Verteilungskämpfe beginnen, alte Ideologien kehren zurück. Die Ökonomie scheint eine Art Zwangssystem geworden zu sein, das unser Leben fest im Griff hat.
Wir brauchen neue kollektive Zukunftsbilder – neue Vorstellungen davon, was Wachstum und Wohlstand bedeuten kann, innerhalb planetarer und sozialer Grenzen.
Es gab eine Zeit, in der eine Gegenthese gegen den Ökonomiezwang durchaus populär war: Vertreter:innen von Postwachstums-Ideen versuchen seit vielen Jahren, den Fetisch des ewigen Wirtschaftswachstums infrage zu stellen.
Wachstum ist das Grundprinzip des Universums. Auch in der Natur wächst alles immerzu. Aber es wächst nicht über sich hinaus. Wenn Menschen dauernd weiter wachsen würden, hätten wir bald ein echtes Riesen-Problem. Alles ist irgendwann mal ausgewachsen. Was wäre, wenn beides richtig wäre? Manches müsste tatsächlich unbedingt wachsen. Anderes könnte, sollte, müsste eher schrumpfen. Etwa der CO2-Ausstoß.
Was Old und New Economy verbindet, ist das Wachstumsparadigma – ob linear oder exponentiell, stets gemessen an finanziellem Output, Stückzahlen, Volumen. Im Übergang zur Next Economy muss dieses Paradigma erweitert werden: weg vom rein quantitativen Wachstumsdenken, hin zu einem Entwicklungsparadigma, das qualitativ, regenerativ und zukunftsgerichtet ist. Es geht nicht mehr darum, Volumen zu maximieren oder auf Kosten von morgen zu leben, sondern um Regenerationsfähigkeit auf systemischer Ebene – in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik gleichermaßen.
Wir sehen die lebendige Dynamik der Welt. Wir verstehen Paradoxien als dynamische Treiber. Wir geraten wieder ins Staunen.
Die Next Economy entsteht nicht durch die Ablösung des Alten durch etwas Neues, sondern durch die Koexistenz und produktive Reibung unterschiedlicher Systeme und Logiken: klassische Marktmechanismen, Plattformökonomien, Gemeinwohlansätze, Kreislaufmodelle, staatliche Steuerung und datenbasierte Wertschöpfung wirken gleichzeitig – teils ergänzend, teils widersprüchlich.
Ansätze wie Circular Economy, Doughnut Economy oder heterodoxe Strömungen wie feministische Ökonomie, Care Economy und Modern Monetary Theory sind dabei keine Gegenentwürfe zur klassischen Ökonomie – sie sind Erweiterungen. Sie adressieren Lücken und Mängel, die traditionelle Theorien offengelassen haben, und liefern konkrete Koordinaten für eine Wirtschaft, die ökologisch tragfähig, sozial legitim und ökonomisch resilient ist.
Die zentrale Frage der Next Economy lautet daher nicht: Welches System ist das richtige? Sondern: Welche Kombination von Logiken erzeugt Wirkung – und für wen? Ihr eigentlicher Engpass ist nicht Kapital oder Technologie, sondern Sinn, Koordination und kollektive Vorstellungskraft.
Was wir also brauchen, ist eine andere Art, über Wirtschaft nachzudenken. Diese Studie nennt das: die Next Economy. Die Next Economy ist ein dynamischer Aushandlungsraum. Sie findet statt zwischen Effizienz und Resilienz, zwischen Wachstum und Regeneration, zwischen globaler Skalierung und lokaler Verankerung, zwischen technologischem Fortschritt und sozialer Kohärenz. Sie wird nicht aus einem großen Entwurf entstehen, sondern aus vielen kleinen Schritten auf den Pfaden des transformativen Fortschritts.
Diese Pfade verlaufen mal parallel, mal weichen sie voneinander ab, mal kreuzen sie sich. Wohin sie uns führen, können wir heute noch nicht exakt ausmachen, sondern nur erahnen. Wie bei Brücken, die uns durch den Nebel der Omnikrise hindurch in die Zukunft führen. Gehen Sie mit uns über diese Brücken – dorthin, wo die Konturen der Wirtschaft von morgen bereits langsam sichtbar werden.
