Die Multikonomie der Zukunft

von Matthias Horx

Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.

24. März 2026

Matthias Horx ist der einflussreichste Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Der Mitgründer und Impulsgeber des Future:Project ist Autor zahlreicher Bücher sowie profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Wandlungsdynamiken.

Die große Übersättigung

Woran liegt es, dass die Wachstumsraten heute trotz rasender technischer Fortschritte eher stagnieren? Zu viel Bürokratie? Zu viele ökologische Einwände zum Schutz der Fledermäuse? Zu hohe Steuern? Zu hohe Energiekosten? Zu wenig Kinder? Zu wenig Digitalisierung? So wird es uns jeden Tag erklärt.

Die wahre Antwort finden wir womöglich eher in einem Schlüsselwerk des Fotokünstlers Andreas Gursky, das auf dem internationalen Kunstmarkt enorme Preise erzielte. Darin sind Billig-Konsumwaren in langen Regalen zu sehen, aufgereiht bis zum Horizont, wo an den Wänden die billigsten Preise stehen, immerzu 99 Cent. Mittendrin ein einsamer Mensch, ein „Konsument“, der sich nicht mehr auskennt. Die Billigwaren bilden ein ungeheures Gewimmel, eine Art Flimmern der Dinge, die immer ununterscheidbarer, immer normierter und gleichzeitig übermächtiger werden. Alles inflationiert sich selbst nach unten, in einer endlosen Spirale der Obsoleszenz.

Die digitale Illusion

Bereits in den Nullerjahren wiesen Ökonomen darauf hin, dass sich die erste oder zweite Computerrevolution (der PC und die Internet-Vernetzung) in den Bilanzen der meisten Unternehmen erstaunlich wenig bemerkbar gemacht hatte. Bis heute wird über die Ursachen des Digital Productivity Gap gerätselt. Warum konnte der Einzug der Computer keine größeren Produktivitätssteigerungen erzeugen? Wo sind die versprochenen Wachstumsraten, wenn doch so vieles computerisiert wurde? 

Zu diesem Thema  hat der Oxford-Ökonom Carl Benedikt Frey ein aufschlussreiches Buch geschrieben. Der Titel lautet: „Wie Fortschritt endet“. In einem Interview sagte er: „Große Unternehmen nutzen KI und Computertechnologie viel eher für Automatisierung, für Prozessverbesserungen und dafür, ihre bestehenden Produkte zu geringeren Kosten auf den Markt zu bringen. Aber sie erfinden viel seltener neue Produkte oder Produktionsverfahren. Diese Innovationen sorgen jedoch letztendlich für nachhaltiges Wachstum. Wenn wir seit 1800 nur Automatisierung betrieben hätten, gäbe es heute zwar eine produktive Landwirtschaft und billige Textilien, aber wir hätten keine Impfstoffe, Antibiotika, Raketen, Computer, Autos. Deshalb halte ich den Rückgang der Innovationsdynamik für sehr besorgniserregend. Wenn wir das nicht umkehren können, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass KI etwas hervorbringt, das mit der Produktivität der zweiten industriellen Revolution mithalten kann“ (vgl. Riecke 2026).

Durch Effizienzsteigerungen in manchen Bereichen kommt es offensichtlich zu weniger Innovationen in anderen. Um dies zu verstehen, ist es hilfreich, den Unterschied zwischen zwei magischen Wörtern zu verstehen: Effizienz und Effektivität. Effizienz beschleunigt und intensiviert einen ganz bestimmten Ablauf, ein Teilsystem. Das kann die KI-Digitalisierung gut: E-Mails werden schneller hin- und hergeschickt, Maschinen laufen schneller durch direkte Datenverarbeitung, der Außendienst kann mehr Telefonate durch Bots abwickeln. Agentische KI kann das angeblich auch mit komplexeren Funktionen, bis hin zu ganzen Managementsystemen. Effektivität stammt vom lateinischen Wort „efficere“ und bedeutet „bewirken“. Dabei geht es um die Wirksamkeit eines Organismus oder einer Organisation. Das Zusammenwirken der einzelnen Teile zu einem größeren Ganzen. Wenn man so will: Der Ökologie des Systems. 

Effizienz ist ein linearer Prozess. Ziel ist die Erzeugung von Beschleunigung und Output-Steigerung. Effektivität ein organischer Systemzusammenhang. Das Ziel ist die Herstellung eines dynamischen Gleichgewichts, einer evolutionären Balance, die sich weiterentwickeln kann. Effizienz konzentriert Energie und Zeit, erhöht aber gleichzeitig die Entropie. Man denke an ein überfüttertes, dickes Turbo-Schaf. Oder eine Kuh, die immer mehr Milch erzeugen soll. Ein aufgeblähtes Superschaf ist sehr effizient, was das Fleischwachstum und die Wolle betrifft. Allerdings fällt es irgendwann auf der Wiese um. Ein Kirschbaum dagegen ist völlig uneffizient. Er erzeugt aus 100.000 Blüten nur ein paar hundert Kirschen. Aber er generiert durch seine Ökologie ständig neuen Humus, erzeugt ein Ökotop um sich herum. Er ist effektiv, was Schönheit und Dauer betrifft. 

Heute stecken wir in einer Phase der rasenden Digital-Ökonomie, die vor allem auf mehr Effizienz abzielt. Doch wenn sich der KI-Rausch gelegt hat, wird eine neue Ära des Ökonomischen anbrechen, die das Verhältnis zwischen Markt, Mensch und Technologie neu kalibriert. Ein Dreikörper-System, in dem auch Zufälle produktiv sind und die Ökonomie wieder dem breiteren Wohlstand dienen kann. Innovation wird sich dann nicht mehr an der Frage der radikalsten Steigerung und Marktmacht messen, sondern an einer Win-Win-Konstellation von Markt, Gesellschaft und Technologie.

Die Multikonomie

Wie geht es in den nächsten Jahren weiter mit „dem Ökonomischen“? Es ist zu erwarten, dass sich die Allianz zwischen High Tech und autokratischen Regimen weiter verdichtet – und das neue geopolitische Standardmodell wird. In der Realität der Märkte, die letztendlich menschliche Beziehungen sind, wird dies vielfältige Gegenreaktionen erzeugen. Es entwickeln sich vielfältige ökonomische Varianten, in denen andere Gesetze und Marktstrukturen, vielleicht sogar andere Währungen und Äquivalente gelten. 

Die Fraktale der Multikonomie:

  • Bot Economy
  • Circular Economy
  • Collab Economy
  • Cybermoney-Ökonomie
  • Dark Economy (Verbrechen, Betrug, Gewalt)
  • Drift Economy (Umgang mit Unsicherheit im Zeitalter der KI)
  • Ecosystem Economy
  • Empathie-Ökonomie (Märkte der Gefühle, Mehrung des sozialen Kapitals)
  • Gangster- oder Trump-Ökonomie
  • Impact Economy
  • Kindness Economy (Ökonomie der Freundlichkeit)
  • Kreative Ökonomie
  • Maintenance Economy (Wirtschaft der Instandhaltungen)
  • Mars-Ökonomie (Musk-Madness)
  • Mental-Ökonomie (Geistige und psychologische Dienstleistungen boomen)
  • Parasitäre Plattform-Ökonomie (Mega-Plattformen) 
  • Re-Analoge Ökonomie 
  • Regenerative Ökonomie

Die Fraktale der Multikonomie spannen sich innerhalb der Traktoren Geld, Macht, Sinn und Gesellschaft auf. Die Plattform-Ökonomie breitet sich aus wie ein machtgieriges Monster und hat überall „ihre Finger drin“. Die Dark Economy ist vor allem in Zeiten der Unsicherheit stark, weil sie Menschen schnelles Geld bieten kann – in Schattensektoren, in halb-legalen oder illegalen Bereichen. Die Produktions-Ökonomie liegt im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftsformen, die vor allem von Geld und Macht getrieben sind, und solchen, deren Treiber Sinn und Gesellschaft sind. Wirtschaftsformen mit dem Fokus auf Sinn und Gesellschaft werden stärker: Die Kindness-Economy, die Kreative Ökonomie und die Regenerative Ökonomie können es bald schon mit der Plattform-Ökonomie aufnehmen. 

Landkarte Multikonomie

In der Next  Economy werden wir in unterschiedlichen Ökonomien leben, vielleicht sogar parallel nebeneinander. In Sub-Ökonomien, Teil-Ökonomien, hybriden Ökonomien. Damit geht das industrielle Arbeits- und Wertschöpfungsmodell zu Ende, das den Einzelnen lebenslang in einem fixierten Berufs- und Tätigkeitsmodell hielt. 

Dieser Übergang ist anstrengend und verunsichernd, er erfordert eine tiefgreifende Transformation unserer Kultur, unserer Werte, unserer Selbst-Bilder und Selbst-Kompetenzen. Aber denken wir daran, wie viele Gesellschafts- und Wirtschaftsformen die Menschheit in ihrer Geschichte schon ausprobiert und zum Blühen gebracht hat. Die Zukunft mag unsicher sein. Aber sie wird sich am Ende „ent-wickeln“ – aus den Paradoxien unserer heutigen Gegenwart heraus.