Ein Auszug aus dem Fokusbuch „Raum – Räume transformieren, Zukunft gestalten“.
von Matthias Horx
20. April 2026
Wo befinden sich die schönsten, die ruhigsten, die erhabensten Räume einer Stadt, einer Kleinstadt oder eines Dorfes? Die Antwort ist ganz einfach: Es ist der Friedhof. Friedhöfe liegen meistens zentral, nahe der größten Kirche, oder in großartigen Nebenlagen. Sie bilden ganze Landschaften in der Stadt, meistens mit uraltem Baumbewuchs.
Wäre man Investor:in, etwa im Bereich Luxuswohnungen, wäre es also sehr gut nachvollziehbar, wenn man ein Interesse an der Umwidmung von Friedhöfen hätte. Aber damit würden die Friedhöfe ihre Funktion verlieren. Ihre Vermittlung zwischen Mensch und Natur, Leben und Tod, Vertikalität und Horizontalität. Man könnte die Gedenk-, Erinnerungs- und Grabstätten, die Menschen seit Jahrtausenden errichten, als Portale zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begreifen. Manche Anthropolog:innen gehen sogar davon aus, dass das Errichten von Totenmonumenten den Kern der menschlichen Kultur bildet, den Beginn der Menschheit „an sich“.
Die ägyptischen Pyramiden sind das Extrembeispiel: In ihnen manifestiert sich gleichzeitig das Nichtwahrhabenwollen des Todes, die Fetischisierung des toten Körpers im Sinne einer feudalen Ordnung. Aber auch das Bleibende, die symbolischen Grundlagen der Zivilisation. Auch unsere Jäger-und-Sammler-Ahnen schmückten und errichteten vor zigtausend Jahren schon sakrale Orte der Toten, es waren die ersten großen kollektiven Bauvorhaben unserer Vorfahren. Gedenkstätten schaffen und halten Kulturen in einer Art überzeitlichen Balance.

Heute allerdings leiden Friedhöfe an einem Bedeutungsschwund, einem raschen Verfall ihrer Aura, ihres spirituellen Charakters. Sie sind Plätze der Einsamkeit geworden. Nur selten sieht man noch Trauergemeinschaften oder kommunikative Akte, meist sind es alte Frauen, die am Grab ihrer Männer verharren. Die Verwaisung macht die Friedhöfe anfällig und teuer – anfällig für Rauminteressen, teuer im Unterhalt. Das ist für viele Gemeinden und Kommunen ein erhebliches Problem. Im Jahr 2004 wählten noch 39 Prozent der Deutschen die klassische Körperbestattung, mittlerweile ist der Anteil auf 12 Prozent gesunken. Etwa ein Fünftel der Hinterbliebenen entscheiden sich zudem, ihre Angehörigen außerhalb der klassischen Friedhöfe bestatten zu lassen (vgl. Aeternitas 2022).
Auf den Friedhöfen sieht man nun übrig gebliebene Grabsteine auf verwucherten Brachflächen. Es dominieren offene Rasenflächen, auf denen so etwas wie suchende Verzweiflung herrscht. Einzelne Grablichter, Teddybären, Erinnerungsstücke, eingeschweißte Fotos, in den Boden gerammt, hektisch in der Abenddämmerung vom Friedhofspersonal abgeräumt. Am nächsten Tag der nächste Versuch, dem Bedürfnis nach Nähe zu den Verstorbenen durch ein Symbol, eine Gabe, nahezukommen. Auf den Flächen der anonymen und vielen anderen Beisetzungsformen, die Hinterbliebene von der Pflege dieses Grabes entbinden, darf nichts Persönliches erscheinen, kein Zeichen der Verbindung sichtbar sein. Nach der Friedhofsordnung ist alles verboten, was der verstorbenen Person einen konkreten Ort zuweist. Der Friedhof ist kein Ort zum Trauern mehr. „Anonym“ – ohne Gesten, Symbole oder Zeichen der Trauer – scheint das Stichwort der heutigen Trauerkultur zu sein. Zyniker:innen nennen das „die Streuwiese der Toten“.


Doch auch gibt es eine Gegenbewegung. In manchen Regionen Europas, vor allem in den Niederlanden, sind innovative, vitalisierende Friedhofskonzepte und -planungen entstanden, die dem Friedhof eine neue Lebendigkeit und eine soziale Attraktion geben. Solche Landschaften sind wie Parks, in denen Trauer gelebt, aber auch in Gemeinschaft verstanden werden kann. In solchen Landschaften kann man Verstorbenen in vielen verschiedenen Kontexten gedenken: Es gibt fließendes Wasser, Urnen schwimmen auf Seen, Bäume tragen Namen, Stelen bewachen die Seelen. Monumente können alle möglichen Formen annehmen, alle möglichen Materialien nutzen. Kunst in allen Formen hält Einzug. Der Friedhof wird zur Land Art, zu einer sprechenden Landschaft, in der alles fließt. Hier sind auch andere Symbole möglich als nur die christlichen. Ein besonderes Gewicht wird darauf gelegt, dass Trauern nicht nur eine individuelle, „einsame“ Erfahrung sein muss. Sondern etwas mit Gemeinschaft zu tun hat, auch über den engen Kreis der Verwandten und Freunde hinaus.
Die dazugehörige soziale Bewegung hat sich seit vielen Jahren aus dem Herzen der Gesellschaft heraus gebildet. So wie die Hospize, die Orte der Begleitung in den letzten Tagen eines Menschenlebens, aus der Zivilgesellschaft heraus entstanden sind und eine hohe Bereitschaft und Freiwilligkeit voraussetzten, hat sich auch für das Trauern in den vergangenen Jahren ein Netzwerk von Trauerpsycholog:innen, Trauerbegleitungen, Trauer-Selbsthilfegruppen gebildet. In vielen Großstädten sind Diskursrunden über den Tod und die Trauer entstanden. Menschen treffen sich zu „Begegnungen mit der Endlichkeit“, was gar nicht unbedingt einen Trauerfall voraussetzt, sondern die Bereitschaft, sich mit dem Sinn des Todes zu beschäftigen. Mit dem Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Leipzig ernannte sich 2019 im Rahmen eines Kulturprojekts zur „Stadt der Sterblichen“ (vgl. FUNUS Stiftung 2019). Auf den Bücherlisten erscheinen seit Jahren Bestseller, die über individuelle Trauerprozesse berichten. Und dabei erstaunliche Auflagen erzielen.
Im größten Projekt für die Zukunft des Friedhofs wird die Umwidmung des Friedhofs zu einem Zukunftsort betrieben. „Campus Vivorum“, das Feld der Lebenden, nennt sich eine Initiative, die aus den Erkenntnissen der Zukunftsforschung heraus einen „Schaufriedhof“ entwickelt hat (vgl. Vivorum Campus 2023). Er lässt sich in Süßen, unweit von Stuttgart, besichtigen. So könnten spirituelle Begegnungsstätten des Abschieds in Zukunft aussehen. Mit offenen Begegnungsflächen, Orten der Meditation, sogar Spielplätzen für Kinder. Oder mit langen Tafeln, an denen man als Trauergemeinschaft sitzen kann. Wird es uns noch einmal gelingen, Räume der Trauer und der Sterblichkeit neu zu konfigurieren, wie es unsere Vorfahren über die Jahrtausende getan haben?

Die Rekonfiguration von Friedhöfen zu gemeinschaftlichen Räumen der Trauer und der Sterblichkeit spiegelt die Transformation unserer Lebensräume, die stets Ausdruck unserer dynamischen Bedürfnisse sind. Lebensräume sind immer auch Zukunftsräume. Sie bestehen aus wiederkehrendem Wandel. Sie verkörpern unsere Geschichte, repräsentieren unsere Gegenwart und übermitteln unsere Hoffnungen und Erwartungen an die Zukunft. Nichts bleibt für immer – außer der Gewissheit, dass wir unsere Lebensräume nach unseren eigenen Zukunftsbildern gestalten können. Die (Um-)Gestaltung scheinbar obsoleter Räume zu neuen Zukunftsräumen liegt in unseren Händen.