Organisationen haben den Epochenwandel längst verstanden – aber sie leben ihn nicht. Künstliche Intelligenz, Plattformlogik, Remote Work und eine hochvolatile Ökonomie erzwingen ein neues Betriebssystem – doch in der Praxis dominiert: weiter wie immer, nur mit neuer Folie. Dr. Carl Naughton untersucht, warum Organisationen sich so schwer damit tun, das, was sie eigentlich längst verstanden haben, zu leben.
Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.
24. März 2026
Dr. Carl Naughton ist Arbeits- und Organisationspsychologe. Er forscht und arbeitet zu Wegen in Richtung einer „Future-Life-Balance“: Einer gezielten und freudvollen Zukunftsfähigkeit. Dabei liegt sein Fokus auf essenziellen Aspekten wie Kommunikation, Veränderungsbereitschaft und der Kraft der Innovation. Er ist überzeugt: Zukunftsfähigkeit ist Kopfsache!
Die Next Economy zwingt Organisationen in dauerhafte Spannungsfelder und Paradoxien: Effizienz und Experiment, Stabilität und Disruption, Kontrolle und Autonomie, Geschwindigkeit und Sorgfalt. Rein kognitiv ist das längst angekommen: Strategiepapiere, Keynotes und Leitbilder sind voll von Begriffen wie „Ambidextrie“, „agile Transformation“ oder „fail fast, learn fast“. Doch Paradoxien verhalten sich anders als Probleme. Probleme lassen sich lösen, Widersprüche nur aushalten und gestalten. Sie verlangen, dass Organisationen zwei gegensätzliche Wahrheiten gleichzeitig ernst nehmen: Wir müssen Kosten senken und gleichzeitig radikal in die Zukunft investieren. Wir brauchen klare Governance und gleichzeitig lokalen Entscheidungsspielraum.
Wer Paradoxien wie Probleme behandelt, produziert zwangsläufig Enttäuschung – und Zynismus. Genau hier beginnt das psychologische Dilemma: Kognitiv sind die Spannungen verstanden. Emotional fühlen sie sich an wie Kontrollverlust. Paradoxien berühren Grundbedürfnisse: Sicherheit, Status, Zugehörigkeit, Identität. Zu sagen „Wir wollen radikale Offenheit“ klingt gut – aber es fühlt sich für viele so an, als würden sie Schutzschichten ablegen, die sie karrierelang aufgebaut haben. Zu sagen „Wir wollen Fehlerkultur“ trifft auf Teams, die genau wissen: Das System sanktioniert Fehler immer noch, nur subtiler. Damit entsteht ein unsichtbarer Riss: Die Organisation hat das Neue verstanden, aber sie vertraut ihm nicht. Also redet sie in der Sprache des Wandels – und lebt in den Ritualen der Vergangenheit.

Das Resultat: Die Organisation lernt, den Widerspruch zu managen, indem sie ihn nicht fühlt. Sie hält ihn im Kopf – und hält ihn aus den Emotionen heraus. Das wirkt kurzfristig stabilisierend, verbrennt aber langfristig Zukunftsfähigkeit.
Zukunftsfähigkeit braucht Resonanz: Zwischen Menschen, zwischen Abteilungen, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Doch in Bedrohungsklimata passiert das Gegenteil. Wo Angst, Statusunsicherheit und Gewohnheit dominieren, verändert sich die Gesprächsqualität: Menschen äußern Bedenken nur noch „privat“, nicht im Plenum. Kritik wandert in Ironie, Flurfunk und informelle Gruppen. Fragen werden als Kompetenzzweifel gelesen statt als Lernimpuls. „Wir“ und „die da oben“ verhärten sich zu getrennten Bühnen.
Die Folge ist eine paradoxale Kommunikationsform: Nach außen wirkt die Organisation modern und reflektiert. Nach innen klingt sie erstaunlich leise. Die wirklich relevanten Spannungen werden nicht mehr gemeinsam bearbeitet, sondern individuell kompensiert: Manche funktionieren einfach weiter, manche gehen innerlich auf Abstand, manche verlassen das System.
Die Next Economy verlangt aber genau das Gegenteil: lautes, ehrliches, unsicheres Sprechen. Räume, in denen Sätze möglich sind wie: „Ich verstehe, warum wir KI brauchen – und gleichzeitig macht es mir Angst, weil ich meinen Wert nicht mehr klar sehe.“ Solange solche Sätze fehlen, bleibt die Kluft zwischen Verstehen und Leben bestehen.
Neugier ist in diesem Kontext kein „Nice-to-have“, sondern ein psychologischer Schalter. Sie definiert, wie wir mit Mehrdeutigkeit umgehen: als Gefahr oder als Einladung. Wo Neugier stark ist, verändert sich die innere Haltung zu Paradoxien.
Neugier macht drei Dinge:
Neugier ist die Fähigkeit, Paradoxien auszuhalten, ohne sie sofort zu glätten. Sie erlaubt es, im Spannungsfeld zu bleiben, ohne in Zynismus oder Verleugnung zu flüchten.
Spannend wird es, wenn wir diese psychologischen Dynamiken mit einem ökonomischen Konzept zusammendenken: Cultural Equity. Die Grundidee: Kultur ist nicht nur ein weiches Klima, sondern ein immaterieller Vermögenswert – ähnlich wie Markenwert oder Datenkapital. Sie erzeugt messbare ökonomische Effekte: Innovationsgeschwindigkeit, Fluktuation und Bindung, Produktivität in wissensintensiven Umfeldern, Entscheidungs- und Lernqualität, Resilienz in Krisen. Das Konzept der Cultural Equity bündelt diese Effekte zu einem „Kulturwert“. Statt Kultur nur zu beschreiben („so sind wir“), wird sie als Asset verstanden: als Kapital, das sich aufbaut, verzinst – und auch verbraucht werden kann. Paradoxien nicht zu leben, kostet Wert. Nicht abstrakt, sondern konkret – in verpassten Innovationen, in Talenten, die gehen, in Entscheidungen, die zu spät kommen.

Die Kernfrage lässt sich auf drei Sätze verdichten:
Die vielleicht wichtigste Verschiebung im Epochenwandel ist deshalb keine technologische, sondern eine psychologische: von „Wir müssen die richtige Antwort finden“ hin zu „Wir müssen lernen, mit widersprüchlichen Wahrheiten gut zu leben“. Organisationen, die das schaffen, werden Cultural Equity nicht nur bewahren, sondern ausbauen – und damit die vielleicht knappste Ressource der Next Economy sichern: die Fähigkeit, gemeinsam in einer paradoxen Welt handlungsfähig zu bleiben.
