Wie kann der Übergang aus der Krise des Kapitalismus in eine zukunftsfähige Next Economy gelingen? Unternehmer und Sym-Co-Founder Michael Schwienbacher identifiziert die Entwicklung leistungsfähiger Business-Ecosysteme als Schlüsselaufgabe für die Transformation hin zu einem Verantwortungskapitalismus, der den Menschen wieder in den Fokus nimmt. Der Ecosystem-Experte erklärt, warum Vertrauen und ein funktionierendes „Füreinander“ zu den zentralen Prinzipien der Next Economy gehören.
Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.
24. März 2026
Michael Schwienbacher ist Ecosystem-Entwickler, Co-Founder des Business Ecosystems Sym und Co-Initiator des beyond economy Movements. Er zählt zu den führenden Experten für Business-Ökosysteme und die Transformation in eine neue Wirtschaftswelt, die People, Planet und Profit vereint.
Was hat dich dazu gebracht, Ecosysteme für die Wirtschaft zu entwickeln?
Ich komme aus der klassischen Kapitalismus-Ecke: M&A, Restrukturierung, hohe Finanzierung – wo alle im Kampf gegeneinander sind. „Geiz ist geil“ und „The winner takes it all“ haben uns dahin gebracht, wo wir heute sind. Gleichzeitig leben wir in den nächsten Jahrzehnten in einer Welt voller Kriege, Abschottung und Populismus. Wir brauchen Sicherheit, Schutz und Binnenmärkte. In den letzten Jahren hat sich meine Sicht im Sinne eines „Verantwortungskapitalismus“ weiterentwickelt: Ich glaube, dass wir durch eine Ecosystem-Ökonomie einen Mehrwert schaffen können. Das ist Symworking – symbiotisch wirtschaften am Vorbild der Natur.
Was genau ist ein Ecosystem in diesem Kontext?
Ein Business Ecosystem ist wie ein Konzernverbund aus Unternehmen, die gemeinsam einkaufen, verkaufen, Wissen und Daten nutzen und Tools so aufstellen, dass sie als Verbund am Markt einen Vorteil haben. Entscheidend ist die Transparenz und Datenhoheit über Lieferketten, Wertschöpfung, Skills und Werte. Alles verbindet eine gemeinsame Vision und Leitwerte, auf die alle hinarbeiten. Ein Branchen-Ökosystem umfasst etwa 50 bis 100 Unternehmen, ein regionales Ökosystem 250 bis 500.
Das klingt nach Netzwerk oder Cluster – ist es aber nicht. Der entscheidende Unterschied: In einem Business Ecosystem sind die Unternehmen strukturell miteinander verwoben. Wer im System wächst, stärkt die anderen. Das erzeugt eine andere Qualität von Kooperation als ein Branchenverband oder ein IHK-Stammtisch – gemeinsame Infrastruktur, gemeinsame Governance, messbare Wertbeiträge für alle.
Diese Denkweise funktioniert auf mehreren Ebenen. Beispielsweise beim Thema Infrastruktur: Ich baue in einem Technopark eine Küche. Alle dürfen sie nutzen, jede Partei zahlt nur einen Anteil. Bei zehn Parteien entsteht finanzieller Profit. Damit kann ich wiederum qualitativ bessere Lebensmittel einkaufen. Die Menschen vor Ort werden besser versorgt, weniger krank, gehen lieber zur Arbeit. Die Rendite steigt – es entsteht ein Mehrwertkreislauf. Dieses Prinzip überträgt man dann auf Daten, Vertrieb und so weiter.
Vertrauen ist die Währung der Zukunft – nicht Daten.

Welche Arten von Ökosystemen gibt es?
Zum einen gibt es die sogenannten Innovations-Ökosysteme, die meist klassisch rund um Start-ups, Venture Capitals und Hochschulen organisiert sind. Darüber hinaus gibt es heute auch immer mehr Daten-Ökosysteme wie beispielsweise Gaia-X. Und nicht zuletzt gibt es die Business-Ökosysteme, die auf Wertschöpfung und Realwirtschaft abzielen und sich mit Innovations- und Daten-Ökosystemen verbünden. Als Ökosystem-Architekt sehe ich nur Ökosysteme. Die nächste Stufe ist, diese differenziert zu beschreiben, in Reihe zu schalten und in Symbiose zu bringen – damit jedes davon profitiert. Das könnte so aussehen: Ein Start-up entsteht im Innovations-Ökosystem. Dann kommt ein Business-Ökosystem am Standort und sagt: „Hier ist die Realwirtschaft, hier sind Kunden, bringt es in die Anwendung.“ So arbeiten Ökosysteme miteinander – wenn sie füreinander sind.
Die Transformation der Wirtschaft umfasst den Weg vom Gegeneinander zum Nebeneinander, zum Miteinander, zum Füreinander.
Für den Mittelstand ist das Business Ecosystem der entscheidende Typus – weil er direkt auf reale Wertschöpfung zielt: gemeinsamer Einkauf, gemeinsamer Vertrieb, gemeinsame Innovationskapazität. Innovations-Ökosysteme rund um Start-ups und Hochschulen erreichen den Mittelstand meist nicht. Was fehlt, ist ein Betreiber, der Business Ecosystems aufbaut und am Laufen hält. Das ist Syms Rolle.
Welche Rolle spielt der Faktor Vertrauen in der Next Economy?
Künftig wird sich alles um Vertrauen und Glaubwürdigkeit drehen. Am Ende machen Menschen das Geschäft und gestalten die Wirtschaft. Wenn wir uns die globale Machtkonzentration anschauen, wird es nur eine handvoll Akteure geben, die die Welt regieren. Dann stellt sich die Frage: Wem vertraue ich? Die Graswurzelbewegung in Deutschland und Europa – vielfältig, regional, werteorientiert, menschenfreundlich – kann eine echte Alternative sein. Wenn wir Vertrauen wollen, müssen wir Ethik – nicht Moral – in den Mittelpunkt stellen und Wirtschaft so gestalten, dass sie im Dienst des Menschen steht. Dafür brauchen wir Leitwerte, zu denen aus meiner Sicht Augenhöhe, Offenheit und Verlässlichkeit gehören. Diese Werte führen zu Effizienz, Vertrauen, Fehlerkultur und einem Füreinander.

Sind Ökosysteme künftig ein Standortvorteil?
Absolut. Man nutzt Synergien nach außen, indem man etwa Einkauf oder Vermarktung und einen gemeinsamen, resilienten Verbund organisiert. Man hat die Vielfalt der Familienunternehmen, aber die Kraft eines Großkonzerns: Datenökonomie, IT-Struktur, KI-gestützte Prozesse, volle Transparenz über die Lieferkette. Der Unterschied zum Großkonzern: Das Familienunternehmen entscheidet selbst – KI-gestützt, eigenverantwortlich. In einem Branchen-Ökosystem können 100 Unternehmen mit je 100 Mitarbeitenden Effizienz steigern und Innovation vorantreiben – über Kreislaufwirtschaft, Rohstoff-Unabhängigkeit, alternative Produktionsstandorte.
Ich prophezeie: In zehn Jahren wird es kein Unternehmen mehr geben, das nicht bei einem Unternehmen kauft, welches einem namhaften Ökosystem angeschlossen ist. Das Risiko, mit Einzelkämpfern ohne Transparenz und Skaleneffekte zu arbeiten, wird niemand mehr tragen wollen. Und das ist keine Spekulation. Symtronics zeigt es heute schon: Unternehmen im Ecosystem haben Lieferketten stabilisiert, Einkaufskosten gesenkt, neue Produkte entwickelt, neue Märkte erschlossen – gemeinsam. Was Einzelunternehmen in volatilen Beschaffungsmärkten allein nicht schaffen, funktioniert im strukturierten Verbund.
Wie können wir Vertrauen und Nützlichkeit messbar machen?
Momentan messen wir das über Umfragen, die letztlich subjektiv bleiben. Hier sehe ich ein Handlungsfeld für Forschung und Entwicklung, zum Beispiel können digitale und soziale Produktpässe vorangetrieben werden. Denn Wirkungsmessung ist eine wichtige Grundlage: Wie nützlich ist ein System für den Menschen, wie nützlich ist der Mensch für das System?
Wichtig ist: Es funktioniert nicht über Bestrafen, sondern über Begeistern, an die Hand nehmen und die Chance geben, es besser zu machen. Wir müssen wegkommen von Strafsystemen hin zu Fördersystemen. Niemand will abgeholt werden – die Menschen wollen begeistert werden. Und die Sprache ist entscheidend: Wenn ich „Wir unterstützen uns gegenseitig“ höre, bekomme ich Gänsehaut – weil „gegen“ schon sprachlich darin angelegt ist. „Wir unterstützen uns wechselseitig“ ist etwas ganz anderes. Die Sprache ist der Beginn einer anderen, füreinander ausgerichteten Wirtschaft.
Wie kommen Menschen in strategischen Positionen in dieses Ecosystem-Mindset?
Sie müssen sich Ecosystem Development and Operations Companies anschließen – die sind dafür verantwortlich, Mindset, Wissen und Transformation aufzuziehen. Das funktioniert nicht opportunistisch, sondern ist systemisch beschreibbar, entwickelbar, erforschbar. Warum ist die Automobilbranche kaputt? Weil die Akteure vor 40 Jahren angefangen haben, gegeneinander zu wirtschaften. Der Einkäufer hat den Lieferanten abgezogen. Jetzt wundern sie sich, dass niemand Innovation vorantreibt, weil niemand dem anderen Daten gibt. Das müssen wir neu aufziehen.
Systemische Transformation ermöglicht höhere Geschwindigkeit, weil vieles miteinander umgesetzt wird. Wenn jeder als Einzelkämpfer agiert, kommt er nicht vorwärts. Deswegen ist China so schnell: Die fahren schon immer den systemischen Ansatz. Europa muss seinen eigenen systemischen Ansatz entwickeln – einen, der die Stärken des Mittelstands und der Familienunternehmen nutzt.
Um dieses Denken zu fördern und erlebbar zu machen, haben wir das beyond economy Movement als Ökosystem-Treiber aufgebaut: Im Rahmen des Movements veranstalten wir ein Festival und eröffnen Räume, in denen Unternehmen, die Wirtschaft neu denken wollen, aufeinandertreffen. Das ist ein gutes Eintrittstor ins Ecosystem-Denken für viele, die noch nicht wissen, wo sie anfangen sollen.
