Unkontrollierte KI-Fantasien und sozial-ökonomische Spaltung bedrohen nicht nur die Zukunft der Wirtschaft, sondern auch der Demokratie und Freiheit. Um diese Entwicklung abzuwenden, braucht es für Prof. Dr. Marcel Fratzscher in der Next Economy neben einem funktionierenden Multilaterismus auch veränderte Wohlstandsindikatoren und einen neuen Generationenvertrag.
Ein Auszug aus der Metastudie „Next Economy“.
24. März 2026
Prof. Dr. Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin und unter anderem Mitglied des Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums und der Euro50 Group. Der Ökonom und Politikberater tritt in unterschiedlichsten Formaten als renommierter Autor und Kolumnist zu wirtschafts- und gesellschaftlichen Themen auf.
Vor welchen Herausforderungen steht die Wirtschaft heute und in Zukunft? Wie schaffen wir eine stabile Next Economy?
Meine Erwartung und Sorge ist, dass die künftige Wirtschaft so sehr von Künstlicher Intelligenz und digitalen Technologien dominiert wird, dass sie letztlich zu einer Aushöhlung der Demokratie führen wird. Die Machtkonzentration bei einigen wenigen Unternehmen birgt hohe Risiken für geopolitische Sicherheit und sorgt für fehlende gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe. Das kann wiederum dazu führen, dass die Ungleichheit von Ressourcen, Einkommen, Vermögen extrem zunimmt. Zudem besteht die Gefahr, dass der Staat zu wenig Kontrolle über Technologien hat, die zur Kriegsführung oder Manipulation von Menschen eingesetzt werden könnten. Diese zwei Mechanismen führen in ihrer Extremform letztlich dazu, dass die Demokratie ausgehöhlt wird. Das ist ja auch das, was Leute wie Peter Thiel und andere Tech-Milliardäre sich letztlich wünschen. Eine solche Wirtschaft könnte natürlich auch eine stabile Wirtschaft sein – aber eine, die nicht mehr vereinbar ist mit Demokratie, Teilhabe, sozialer Marktwirtschaft und Frieden und Freiheit.
Welche Prinzipien und Denkmuster werden wichtig, um eine stabile künftige Wirtschaft zu gestalten, die vereinbar ist mit demokratischen Prinzipien?
Der Kernpunkt ist meiner Meinung nach eine größere Rolle des Staates, staatlicher Institutionen und multilateraler Institutionen. Auf nationaler Ebene ist es schwierig, gegen die Dominanz von KI und digitalen Technologien einiger weniger Unternehmen vorzugehen. Letztlich braucht es mehr Multilateralismus und globale Institutionen. Ich würde sogar so weit gehen: Das Eigentum kritischer Technologien und deren Fähigkeiten, also die Kontrolle darüber, die Regulierung und der Einsatz dieser Technologien muss demokratisch kontrolliert sein.
Wenn das nicht geschieht, entsteht ein Wild-West-Kapitalismus, in dem Wettbewerb nicht mehr möglich ist, wo Innovation gebremst wird, in dem Menschen zu Spielbällen werden – und wo Grundrechte, wie wir sie in unserer liberalen Demokratie kennen, letztlich nicht mehr möglich sind. Hier wird immer das Argument des freien Wettbewerbs genannt, aber die Technologien, um die es geht, sind natürliche Monopole oder Oligopole. Dort wird es keinen fairen Wettbewerb geben.
Ich spreche nicht vom Staat als Innovator oder einer Staatswirtschaft, aber die ultimative Kontrolle über Technologien – was sie können, wie sie sich entwickeln, wie sie genutzt werden – muss staatlich sein, eben weil diese Technologien so potent sind.

Wie kann das konkret aussehen?
Open-Source-Modelle wären ein Ansatzpunkt. Viele meinen: Um Teilhabe – und auch wirtschaftliche Teilhabe – zu ermöglichen, müssen Technologien geteilt werden, transparent sein, duplizierbar sein. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es unbedingt wünschenswert ist, wenn jeder Mensch auch privat Zugang zu einem Wissen oder einer Technologie hat, die potenziell enorm Schaden anrichten kann. Deshalb brauchen wir hier sehr enge Public-Private Partnerships, bei denen der Staat Mit-Eigentümer ist und eine Kontrollmöglichkeit hat, über die unternehmerischen Entscheidungen mitzubestimmen.
Das klingt nach Sozialismus, das ist mir sehr wohl bewusst. Aber ich glaube, anders geht es nicht. Regulierungen und das Setzen von Rahmenbedingungen allein werden nicht mehr funktionieren. Denn private Unternehmen und deren Innovationen sind staatlichen Behörden häufig drei Schritte voraus.
Wo brauchen wir echte Paradigmenwechsel, statt nur innerhalb von bestehenden Logiken zu agieren?
Wir müssen Multilateralismus und globale Institutionen stärken. Das ist genau das Gegenteil von der Richtung, in die wir im Augenblick gehen, wo Multilateralismus vor allem durch Trump, durch die USA, durch China untergraben wird. Ein weiterer großer Paradigmenwechsel dreht sich um Grundrechte für Individuen: Wir brauchen ein Recht auf gute Arbeit. Eine der – völlig berechtigten – Sorgen dreht sich heute darum, dass Menschen in ihrer Tätigkeit ersetzt werden, keinerlei Perspektiven mehr haben und sich komplett neu erfinden müssen. Ich glaube, in Zukunft wird es sehr viel um Rechte für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gehen und wie man sinnstiftende Arbeit auch zukünftig bereitstellen kann.

Wie kann ein neuer Generationenvertrag aussehen? Und sind höhere Zukunftsinvestitionen heute eine Belastung oder eine Entlastung für die nächsten Generationen?
Die heutigen Generationen, vor allem die älteren Generationen, leben zu Lasten der jungen und künftigen Generationen. Ein neuer Generationenvertrag müsste deshalb drei belastbare, verbindliche Grundrechte für die jungen und künftigen Generationen enthalten.
Erstens das Recht auf ein autonomes, selbstbestimmtes Leben. Damit meine ich Bildungschancen, das Recht auf eine sinnstiftende Arbeit, die Möglichkeit, privat vorsorgen zu können, die Wertschätzung von Vielfalt und vieles mehr. Zweitens das Anrecht auf einen intakten Planeten. Hier geht es stark um Klima- und Umweltschutz, aber auch KI und Digitalisierung haben einen Einfluss darauf, ob wir noch auf einem lebenswerten Planeten leben, wenn nicht nur die natürliche Umwelt zerstört ist oder sich so rapide ändert, dass es existenzbedrohend ist, sondern auch das technische Umfeld, zum Beispiel durch Kriege und Konflikte. Und drittens das Grundrecht auf soziale Teilhabe. Da geht es um Solidarität, Möglichkeiten der sozialen Beteiligung und starke Sozialsysteme.
Zukunftsinvestitionen sind dabei immer entlastend für die künftigen Generationen – wenn es wirkliche Zukunftsinvestitionen sind und nicht nur als solche verpackt. Investitionen in Bildung sind elementar, aber auch Investitionen in digitale Infrastruktur oder Energieinfrastruktur.
Transformation ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Frage. Wie lässt sich eine Next Economy gestalten, ohne soziale Spaltung zu vertiefen?
Ich glaube nicht, dass man die soziale Spaltung wirklich aufhalten kann, aber man kann sie bremsen. Der Versuch, Technologien so zu gestalten, dass sie eher komplementär zu menschlicher Arbeit sind, als sie zu ersetzen, kann hier ein wichtiger Hebel sein. Das geht sowohl über Qualifizierung der Mitarbeitenden als auch über eine Begrenzung dessen, wie schnell Technologie Dinge verändern kann. Technologien können außerdem beispielsweise im Gesundheitsbereich verwendet werden, um Krankheiten zu heilen, oder im Bereich der SDGs Nachhaltigkeit verbessern und darüber soziale Spaltung überbrücken.
Welche konkreten Hebel erachten Sie als besonders wichtig, um eine Next Ökonomie voranzutreiben?
Wir müssen wieder Kontrolle über technologische Entwicklungen gewinnen. Das kann meiner Meinung nach nur durch die Stärkung multilateraler Institutionen gelingen. Das heißt, wir brauchen globale Institutionen, Kooperation, klare Spielregeln, eindeutige und starke Kontrollmechanismen, die einen Rahmen für Technologie setzen. Das wäre für mich das Allererste und das Wichtigste.
Weiter wichtig ist das Thema Qualifizierung: Menschen beizubringen, wie sie mit neuen Technologien umgehen, wie sie diese für sich nutzen und nicht gegen sich arbeiten lassen. Die Diskussion rund um mögliche Social-Media-Verbote zeigt ja, dass auch im Privaten große Risiken warten. Wir müssen Menschen dazu befähigen, die Chancen der neuen Technologien klug für sich zu nutzen, aber die Risiken und die Kosten zu minimieren.
Außerdem sollte man bei Unternehmen sehr genau schauen, dass man keine Machtkonzentration oder Vermögenskonzentration schafft, sondern möglichst breite Teilhabe ermöglicht.
Wie könnte die Rolle der EU in der Zukunft der Weltwirtschaft aussehen?
Ich sehe die Europäische Union als die letzte Bastion, die den Multilateralismus heute hochhält. Die USA und China haben sich davon ein großes Stück weit verabschiedet. Darin sehe ich letztlich die Hauptrolle oder auch Nische, in der Europa seine globale Rolle finden kann. Natürlich auch als Wirtschaftsmacht, wo Innovationen, gute Jobs, hohe Wettbewerbsfähigkeit mit China und den USA möglich sind. Dafür müssen wir aber weg vom nationalen Denken und nationaler Politik. Das sehen wir im Augenblick nicht, sondern eher eine Zunahme von Nationalismus und Protektionismus.
