Von Boomer bis Beta

Wie Generationen Zukunft erzeugen

von Tristan Horx

4. Dezember 2025

Wir lieben es, Menschen zu kategorisieren. Kohorten in Kästen und Klischees einzuordnen – in „Generationen“. Und: die jeweils nachwachsenden Generationen als verweichlicht, verblendet und faul darzustellen. Das lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sich jüngere Generationen weniger mit ihren vermeintlichen Charakteristika identifizieren.

Schon seit einigen Jahrzehnten kann aufgrund von Individualisierung und (digitalen) Subkulturen kaum mehr von homogenen Gruppen die Rede sein. Die Frage nach den Generationen im 21. Jahrhundert stellt sich unter den Vorzeichen einer veränderten Welt noch einmal ganz neu: Wie können wir Generationen auch in einer hochkomplexen und krisengeschüttelten Zeit noch plausibel definieren?

Boomer: Aufstieg, Rebellion und Zweifel

Aus der Asche des Zweiten Weltkrieges erhob sich eine große Generation, die von Konflikt und liberalem Wertewandel geprägt wurde. Ihre Energie und ihr Selbstbewusstsein bezog sie aus der Auseinandersetzung mit den Überresten des gesellschaftlichen Nazismus. Ihnen ist ein Großteil des Aufstiegs im 20. Jahrhunderts zu verdanken. Doch zugleich wird gerade dieser Erfolg heute zu einer Bürde, an der sie sich mit späteren Generationen reiben.

Die Boomer waren eine zweigeteilte Generation, zwischen Angepassten und Rebellierenden. Die Karriere-Boomer gingen in die Institutionen, machten Karriere in den aufstrebenden Industrien und im rapide wachsenden Dienstleistungssektor. Die rebellischen Boomer gingen auf Sinnsuche. Hier entstanden neue Frauen- und Männerbilder sowie die verlängerte Adoleszenz. Und in den kreativen Branchen kamen auch die rebellischen Boomer schließlich zum Erfolg. Egal, welche Route man wählte: Es lief gut. Die Idee „Man muss es nur mit Herzblut tun, dann klappt es schon“ prägt diese Generation nach wie vor.

Als nachwachsende Generationen die Bomer später mit dem Vorwurf konfrontierten, das Klima ruiniert und den Generationenvertrag gesprengt zu haben, zeigten sie eine starke Abwehrreaktion. Doch diese Generation altert auch mit Selbstzweifeln. Mit Blick auf das Verschwinden der Zukunft in unserer Zeit fragen sich vor allem die progressiven Boomer: Was, wenn der Wandel, den wir vorangetrieben haben, umsonst war? Wenn er in die falsche Richtung ging? Oder sogar den rechten Backlash unserer Zeit auslöste?

Generation X: Zwischen Frust und Sehnsucht

Die „verlorene Generation“, die „Generation ohne Zukunft“: So wurde die Nachfolgegeneration der Boomer genannt. Im Schatten der Boomer hatten sie es nicht einfach, denn viele Rebellions- und Wandelenergien waren aufgebraucht. Doch die X-er, die in Zeiten von Kaltem Krieg und Tschernobyl in die Pubertät kamen, konnten auch nicht einfach den Weg in die Anpassung und Normativität finden. Subkulturen wie Punks und Goths wurden zum Abbild einer Generation, die aus Frust, Sorge und einer gewissen Apathie gegenüber der Zukunft entstand. Denn es konnte ja jederzeit vorbei sein. 

Dass die Generation X heute den größten Wählerblock der rechtsreaktionären Parteien bildet, kann kein Zufall sein. Vermutlich fanden die X-er das progressive, verändernde Mindset der Rebellen-Boomer schon immer etwas peinlich. Vor allem wirtschaftlich hatte die Gen X einen ähnlichen Deal wie die Boomer: work hard, make money. Ihnen standen – zunächst – die neuen Arbeitsmärkte der Dienstleitungsgesellschaft offen. Sie begannen, mit dem Computer zu spielen. Sie waren die Generation von Walkman, Gameboy und Bibi Blocksberg. Ihre Eltern lasen ihnen „Wo die Wilden Kerle wohnen“ vor. Aber eigentlich sehnten sie sich nach Normalität.

Millennials/Generation Y: Aufbruch, Beschleunigung, Enttäuschung

Auf X folgt Y – meine Generation. Als Kinder der Boomer hatten wir wieder richtig Lust auf die Zukunft, wenn auch in einer eher passiven Form. Denn es lief doch alles wunderbar: Die Mauer fiel, die Effekte der Globalisierung zeigten Wirkung, und das Internet, noch in seiner vollen Unschuld, begann die Welt utopisch zu verwandeln. Eine naive, lineare Weltvorstellung, die aber nachvollziehbar war. Es wurde schließlich alles immer besser.

Als wir Millennials um die Jahrtausendwende erwachsen wurden, hatten wir kräftige postmaterielle Tendenzen. Alles schien sich rasant zu verändern, weg von der alten Industriegesellschaft, hinein in die globale Wissensgesellschaft. Und dann kam die Krise. Mit 9/11 änderte sich nicht nur für uns Millennials alles. All die positiven Bilder der Welt drehten sich auf einmal um. Die Globalisierung wurde zum Schreckgespenst, wir waren einfach zu nett gewesen. Auch die Utopien des Digitalen zerfielen: Statt einer „Generation Global“, die eine Sprache spricht, bekamen wir das Gegenteil. Und als wir ins arbeitsfähige Alter kamen, überfuhr uns die Bankenkrise. 

So waren wir nicht nur die Generation der großen Beschleunigung und der zündenden Zukunftsenergie, sondern auch die Generation, die die Enttäuschung dieser Verheißungen intensiv erlebte – und die Frage nach dem „Warum“ stellte: die Generation „Why“. Wir reisten viel und weit, lernten problemlos Englisch, die Bildungsexpansion strebte ihrem Höhepunkt zu, mehr als 50 Prozent von uns begannen ein Studium. Aber gerade im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften fanden viele keine gut bezahlten Jobs mehr. Teile der Generation Y erfanden die Wokeness – aber damit war auch keine Revolution zu machen. Es gab zu viel zu denken und zu wenig zu tun. Wir waren Teil einer Art Eliten-Überproduktion, die sich schon bald rächen sollte.

Generation Z: Vernetzt und verletzt

Mit der Generation Z trat eine Generation auf den Plan, die in der Erfahrung eines Energieverlusts lebt. Ihre großen Geschwister hatten die Zukunftseuphorie verbraucht. Mit „Fridays for Future“ versuchten die Z-ler es noch einmal, doch dieser Funke war schnell verloschen.

Aufgewachsen mit und in den sozialen Medien, als erste voll-digitalisierte Generation, geriet die Gen Z früh in die ersten Ausläufer der Omnikrise. Die Pandemie sorgte für einen fast dreijährigen Ausnahmezustand – und trug maßgeblich dazu bei, dass sich Jugendliche heute immer weniger im „echten Leben“ begegnen. Keine Kohorte ist so einsam, konsumiert so wenig Alkohol und hat so wenig Sex wie diese (vgl. Dierig 2025). Die Chance auf eine sorglose Jugend wurde ihnen genommen. Auch das dürfte ein Grund sein für die neue politische Spaltung in rechte und linke Dynamiken unter jungen Männern und Frauen.

Und auch in Sachen Karrierechancen und politischer Veränderungsmöglichkeiten haben die Z-ler einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Vielleicht ist dieser Generation auch deshalb die eigene Gesundheit so wichtig, physisch wie psychisch, von Ernährung bis Psychotherapie.

Generation Alpha: Always on und neuer Zukunftsmut

Weltweit betrachtet, ist die Generation Alpha die größte aller Generationen – nach ihr werden die Kohorten wieder kleiner (vgl. Lundschien 2022). Diese Generation wächst mitten in den Epochenbruch unserer Zeit hinein.

Mehr als die Hälfte dieser Generation hat schon seit der Kindheit ein Social-Media-Profil (ob mit Wissen der Eltern oder nicht). Die Alphas sind nicht nur Digital Natives, sondern eher Digital Zombies – always on. Der digitale Dauerkonsum wird diese Generation nachhaltig prägen. Aber vermutlich wird es auch die letzte Alterskohorte sein, die wir ungeschützt in der digitalen Welt verheizen. 

Dennoch werden wir bei der Generation Alpha mehr Optimismus in Richtung Zukunft sehen als bei ihrer Vorgängergeneration. Wie auch mit dem Internet werden sie im Laufe ihrer Karriere erfahren, dass Digitalisierung vieles erleichtern kann, das Menschliche jedoch nicht ersetzt.

Generation Beta: What’s next?

Die jungen Erwachsenen des Jahres 2045 sind heute noch unschuldige Babys – oder noch nicht einmal geboren. Als Nachfolgegeneration der Generation Alpha könnte die Generation Beta die erste „postdigitale“ Generation sein: Für die „Nonliner“ von morgen wird das Digitale so selbstverständlich sein, dass auch seine exzesshaften Auswüchse Vergangenheit geworden sind. Inklusive der großen KI-Turbulenz, die heute zum Großteil noch vor uns liegt. 

Wir stehen vor einer Phase der digitalen Relativierung – die hoffentlich in eine digitale Vernunft münden wird. Mehr als 80 Prozent der Elterngeneration sprechen sich heute für ein Social-Media-Verbot unter 16 Jahren aus (vgl. Agarwala 2025). Die Generation Beta wird eine Schulbildung mit einem hohen Maß an digitaler Aufklärung genießen. Viele heutige Berufe werden sie nur noch aus Erzählungen kennen – die Amazon-Lagerhäuser von morgen werden nicht mehr von Menschen gefüllt. Zugleich wird sich der demografische Druck in der Arbeitswelt für die Betas reduzieren (außer die Boomer finden noch heraus, wie man ewig lebt). Und ihre Eltern werden die letzten „Benzineltern“ sein. 

So pessimistisch der Blick auf andere Generationen stimmen mag: Für die Beta-Babys von heute und morgen lässt sich einiges an Optimismus aufbringen – vor allem, wenn man vom unentwegten Schwingen von Trends und Gegentrends ausgeht. Denn diese dialektische Dynamik des Wandels prägt auch das ewige Spiel der Generationen.